Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for Dezember, 2014

TAZ| Die diasporische Lektion

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Die Erfahrung Israels lehrt: Demokratien brauchen einen pluralistischen Univeralismus. Es gilt, die verschiedenen Identitäten zu verbinden.

Heute erleben wir die Verlagerung vom Diaspora-Juden zum Israel-Juden. Bild: reuters/Amir Cohen

Was bedeutet jüdisches Leben in einer globalisierten Moderne? Dieser Frage widmete sich kürzlich das Jüdische Museum Berlin in einer hochkarätig besetzten Tagung. Eine Frage, die natürlich nicht jenseits des Bezugs zu Israel gestellt werden kann.

Einer der Tagungsteilnehmer, Micha Brumlik, hat dazu im Vorfeld einen Essay in der taz veröffentlicht. Brumlik schreibt, dass das geplante Gesetz, das Israel zum „Staat des jüdischen Volkes“ erklären soll, zu einer innerjüdischen Spaltung führen würde: Es würde Israel und die jüdische Diaspora auseinanderdividieren.

Man kann tatsächlich von einer drohenden Spaltung des Judentums sprechen. Doch diese verläuft nicht einfach zwischen Israel und der Diaspora. Die Bruchlinie scheint komplexer. Eine Gruppe reiht sich um den Signifikanten „Israel“. Diese Gruppe ist aber keineswegs identisch mit den Bewohnern des Landes. Hier findet sich neben einem Teil der Israelis jener Teil der Diaspora, der sich als fünfte Kolonne, als vehementer Statthalter einer jüdischen Nation versteht.

Die andere Gruppierung schart sich um den Signifikanten „Diaspora“. Sie ist aber keineswegs identisch mit den Gemeinden weltweit. Sie umfasst Teile von diesen ebenso wie Teile der Israelis. Man kann auch in Israel ein Diaspora-Jude sein.

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Written by lbucklitsch

Dezember 27th, 2014 at 10:24 am

TAZ| Recht auf den eigenen Tag

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Es ist möglich, jüdischen und palästinensischen Kindern, die unter der politischen Unvernunft ihrer Eltern zu leiden haben, eine Freude zu machen.

Ein jüdisches Kind, vor zweitausend Jahren von jüdischen Flüchtlingen geboren. Eine spanische Weihnachtskrippe. Bild: dpa

Der kleine Junge, dessen Geburtstag in wenigen Wochen gefeiert werden wird, war ein jüdisches Kind, vor zweitausend Jahren von jüdischen Flüchtlingen in einem Ort geboren, der heute einem künftigen Staat Palästina zugehören soll, in Bethlehem. Gleichwohl war dieser kleine Junge kein Palästinenser – das konnte er schon deshalb nicht sein, weil die römische Provinz, in der er geboren wurde, damals „Judäa“ hieß und erst weit über hundert Jahre später von der römischen Imperialmacht, die der immerwährenden Aufstände jüdischer Nationalisten überdrüssig war, offiziell in „Palästina“ – „Land der Philister“ umbenannt wurde.

Der kleine Junge aber wurde zu einem jüdischen Wanderprediger, der sich – für die damalige Zeit eher ungewöhnlich – intensiv für Kinder einsetzte; im Evangelium des Matthäus 19,14 ist es nachzulesen: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes.“ Dies war der Slogan einer seiner Predigten.

Wer diesen Worten des Jesus von Nazareth in diesen vorweihnachtlichen Tagen etwas abgewinnen kann, hat durchaus die Möglichkeit, Kindern, jüdischen und palästinensischen Kindern, die heute unter der politischen Unvernunft mindestens eines Teils ihrer Eltern zu leiden haben, eine Freude zu machen.

Es geht um das vom Komitee für Grundrechte und Demokratie e. V. getragene, von Hanne und Klaus Vack initiierte und von Helga Dieter verantwortete Projekt „Ferien vom Krieg“, auf dessen Homepage Folgendes zu lesen ist:

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Dezember 13th, 2014 at 12:49 pm

TAZ| Debatte Nationalismus in Israel – Wem gehört der Staat Israel?

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Netanjahu will Israel zum „Staat des jüdischen Volkes“ erklären. Das diskriminiert die Palästinenser. Und er verliert die jüdische Diaspora.

Was für ein Staat soll Israel sein? Bild: dpa

Die gegenwärtige Regierungskrise des Staates Israel ist weit mehr als Ausdruck eines unpraktikablen parlamentarischen Systems, das kleinsten Parteien den Einzug in das Parlament, die Knesset, erlaubt und durch Zersplitterung stabile Regierungsmehrheiten verhindert.

Vielmehr ist anzunehmen, dass sich diese Krise zur größten Krise des jüdischen Volkes seit der Katastrophe des von Deutschen begangenen nationalsozialistischen Massenmordes entwickeln wird. Des jüdischen Volkes? Was sind überhaupt Juden, was das Judentum? Dazu werden heute vier Vorschläge diskutiert.

Erstens das Judentum als Religion, als Konfession, als Glaubensgemeinschaft. Diese Definition leidet daran, dass keineswegs der größte Teil der weltweit etwa zwölf Millionen Juden intensiv gläubig ist, Thora lernt, regelmäßig Gottesdienste besucht und sich strikt an Festtage und häusliche Rituale hält.

Zweitens das Judentum als ethnische Nation im Sinne des Volksbegriffs des späten achtzehnten Jahrhunderts, als Sprach- und Herkunftsgemeinschaft.

Der Staat des jüdischen Volkes

Drittens als eine „Kultur“, die – wie erst kürzlich die israelischen Autoren Amos Oz und Fania Oz-Salzberger in ihrem Buch „Juden und Worte“ nachweisen wollten – eine einzigartige, Jahrtausende alte Buch-und Schrifttradition aufweist.

Viertens wird das Judentum als „Schicksalsgemeinschaft“ verstanden: als eine Großgruppe von Menschen, die ohne scharfe Trennlinien durch teils geteilte Traditionen, Anfeindungen der Umwelt sowie ein vages Gemeinschaftsbewusstsein zusammengehalten wird.

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Written by lbucklitsch

Dezember 9th, 2014 at 2:55 pm

Deutschlandradio| STOLPERSTEINE „Erschütternde und aufklärende Wirkung“

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Micha Brumlik zum Streit über die Gedenksteine an jüdische Mitbürger in München

Moderation: Nana Brink

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Ein Passant läuft in der Regensburger Innenstadt an "Stolpersteinen" vorbei.
Ein Passant läuft in der Regensburger Innenstadt an „Stolpersteinen“ vorbei. (dpa / picture alliance / Armin Weigel)

Die „Stolpersteine“ als Erinnerung an jüdische Opfer des Nationalsozialismus sind in München im öffentlichen Raum verboten. Der dortige Stadtrat befasst sich heute in einem Hearing mit dem Thema. Für den Publizisten Micha Brumlik sind die Steine als Erinnerung an den Holocaust wichtig, vor allem für die junge Generation.

Für den Frankfurter Publizisten Micha Brumlik erfüllen die sogenannten Stolpersteine, die an von den Nationalsozialisten verfolgte und ermordete jüdische Mitbürger erinnern, eine wichtige Aufgabe – vor allem für die junge Generation, für die der Holocaust immer weit weg rücke.

In München, wo bislang keine Stolpersteine im öffentlichen Raum verlegt werden durften und die Präsidentin der Münchner Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, dies ablehnt, findet heute eine Anhörung dazu statt. Brumlik sagte, der Streit darüber sei sehr wichtig, in der Sache stimme er jedoch den Befürwortern der Stolpersteine zu. Als Grund für Knoblochs Ablehnung sieht Brumlik auch die persönliche Geschichte der ehemaligen Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland.

Fortgesetzte Erniedrigung?

Brumlik, selbst Sohn jüdischer Eltern und heute Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, sagte weiter, viele Juden, die während der NS-Zeit Erniedrigung erfahren hätten, könnten den Gedanken nicht ertragen, „dass dadurch, dass da (auf die Stolpersteine) drauf getreten wird, diese Erniedrigung in gewisser Weise fortgesetzt wird“.

Der Erziehungswissenschaftler Micha BrumlikDer Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Zwar gebe es auch andere wichtige Arten des Gedenkens – etwa Gedenktage, die man entsprechend in den Schulunterricht integrieren könne. Die Steine des Künstlers Gunter Demnig seien jedoch für nachfolgende Generationen so wichtig, weil sie sehr anschaulich seien:

„Diese Stolpersteine haben den Vorteil, dass sie so etwas wie die Alltäglichkeit dieser Verbrechen repräsentieren. Ich bleibe da selbst manchmal hängen und bekomme dann richtiggehend Wut, wenn ich sehe, dass irgendwann 1942 Menschen – schon 80 Jahre alt und mit Sicherheit keine gefährlichen Gegner des NS-Regimes – enteignet, abgeholt und schließlich ermordet wurden.“

Brumlik sagte weiter, in ihrer kleinen Form öffneten die Stolpersteine sehr leicht den Zugang zu schwerer Geschichte und hätten eine „erschütternde und aufklärende Wirkung“. Es sei deshalb wichtig, dass die Frage der Stolpersteine intensiv auch innerhalb der jüdischen Gemeinde in München diskutiert würde.


Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Vielleicht sind Sie ja auch schon über die Steine gestolpert in Ihrer Stadt oder bei einem Besuch – jene kleinen, messingfarbenen Gedenksteine, die in den Straßen eingelassen sind und die Namen von jüdischen Bürgern tragen, die deportiert worden sind oder gestorben. Eine Erfindung des Künstlers Gunter Demnig. Insgesamt gibt es inzwischen nahezu 50.000 in über 650 Städten und Gemeinden in Deutschland. In München gibt es keine Stolpersteine, zumindest nicht im öffentlichen Raum. Und es gibt einen Streit darüber. Professor Micha Brumlik lehrte früher am Institut für allgemeine Erziehungswissenschaften der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt und ist jetzt Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Guten Morgen, Herr Brumlik!

Micha Brumlik: Guten Morgen!

Brink: Wie bewerten Sie denn diesen Streit in München, über den heute auch ein Hearing diskutieren wird?

Brumlik: Also dieser Streit ist mit Sicherheit wichtig. In der Sache stimme ich freilich denjenigen zu, die darauf dringen, auch in München das Stolperstein-Konzept von Gunter Demnig umzusetzen.

Brink: Wie sehen Sie dann die Weigerung auch der Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch? Sie hat ja auch ihre Teilnahme an dem Hearing heute abgesagt. Ist das hilfreich für die Diskussion?

Brumlik: Es wäre sicher hilfreich, wenn sie dabei wäre. So viel ich weiß, hat sie eine andere Verpflichtung in Berlin. Sie ist übrigens keineswegs die Einzige. Ich kenne und kannte noch andere, vor allem deutsche Juden, die während der NS-Zeit in Deutschland überlebt haben, die dagegen gewesen sind. Das dürfte damit zusammenhängen, dass sie selbst auf deutschen Straßen in den Jahren 1933 bis 1945 intensiv Erniedrigungen von Jüdinnen und Juden erlebt haben. Und nun stellt sich bei ihnen die Vorstellung ein, dass dadurch, dass da drauf getreten wird, diese Erniedrigung in gewisser Weise fortgesetzt wird.

Auf der anderen Seite besteht hier ein Paradox. Denn überhaupt erst dadurch, dass diese Namen im Straßenbild erscheinen, wird ihrer ja auch erinnert, wird ihrer gedacht, bekommen diese malträtierten, ermordeten Menschen zwar nicht Gesicht und Stimme, aber wenigstens wieder einen Namen.

Unauflösbarer Konflikt

Brink: Aber ist das nicht ein Konflikt, der eigentlich unlösbar ist, weil die Empfindungen sind real dieser Menschen, die das wirklich ertragen haben, sie sind sehr subjektiv. Und auf der anderen Seite sagen Sie aber, ein Gedenken wäre sonst nicht möglich. Ein Konflikt, den man doch eigentlich nicht auflösen kann.

Brumlik: Nein, das ist ein Konflikt, den man in der Tat in der Sache nicht auflösen kann, der dann eben, und das wird wohl in München geschehen, politisch zu entscheiden ist.

Brink: Wie erklären Sie sich, dass es anderswo so erfolgreich ist, aber in München zum Beispiel so ein Problem, offensichtlich?

Brumlik: Also, ich glaube schon, dass das mit der ganz persönlichen Geschichte von Charlotte Knobloch zu tun hat, die einer von jenen jüdischen Menschen ist, die während der NS-Zeit in Deutschland gelebt haben. Ich war kürzlich bei einer Stolperstein-Legung in Berlin, wo die Verwandten, ja geradezu die Enkelinnen einer damals malträtierten, später deportierten Person durch das Legen eines Stolpersteines wieder ins historische Bewusstsein zurückgeholt werden sollten. Da waren sehr viele Menschen, da erschienen tags darauf in den Tageszeitungen eine Fülle von Artikeln genau über den ganzen Vorgang. Und das hatte sicherlich eine erschütternde, eine aufklärende Wirkung.

Brink: Sie haben ja gerade auch gesagt, das ist eine Geschichte, die politisch entschieden werden muss. Nun weiß man ja auch, dass der ehemalige Oberbürgermeister von München, Christian Ude, sich immer hinter Knobloch gestellt hat, also sozusagen das politisch umgesetzt hat. Glauben Sie, dass sich das ändern wird?

Brumlik: Dazu kenne ich jetzt die kommunalpolitischen Verhältnisse in München nicht so gut. Ich kann nicht sagen, wie der jetzige Oberbürgermeister sich dazu verhalten wird.

Brink: Aber es ist eine schwere Aufgabe für die dann, sozusagen in diesem Konflikt politisch …

Brumlik: Ja, also was passieren müsste – ich war selbst mal Kommunalpolitiker –, dass es dann auch offen im Münchener Stadtrat* diskutiert wird. Das wäre sicher sinnvoll.

Brink: Sie sind ja Erziehungswissenschaftler auch. Wäre denn aus Ihrer Sicht so ein Stolperstein auch ein guter Einstieg für eine Generation, sich etwas bewusst zu machen, was für die ja unglaublich weit weg ist?

Brumlik: Das ist wirklich unglaublich weit weg, nicht zuletzt deswegen, weil ja auch ein großer Teil der jüngeren Generationen oder der Kinder, die solche Stolpersteine sehen und an ihnen hängen bleiben, schon gar keine Vorfahren aus Deutschland mehr haben. Das sind Emigranten, die nun, weil sie hierher eingewandert sind, natürlich auch die deutsche Geschichte und damit die politische Verantwortung für diese Geschichte kennenlernen und später übernehmen müssen. Insofern ist das eine wichtige staatsbürgerliche Aufgabe, sie mit dieser Verfolgungsgeschichte der Juden und mit dem Verbrechen des Massenmordes an sechs Millionen europäischen Juden und den deutschen Verantwortlichkeiten dafür vertraut zu machen.

Alltäglichkeit der Verbrechen

Brink: Gäbe es für Sie noch andere Formen des Gedenkens?

Brumlik: Ja, natürlich gibt es noch andere Formen des Gedenkens. Es gibt etwa in Berlin das Haus der Wannsee-Konferenz, wo dann Lehrerinnen und Lehrer mit Schulklassen hingehen können. Es gibt immer noch die Gedenktage, den 9. November und den 27. Januar, an denen man in den Schulen sehr viel machen könnte.

Aber ich finde, diese Stolpersteine haben den Vorteil, dass sie so was wie die Alltäglichkeit dieser Verbrechen repräsentieren. Ich bleibe da selbst manchmal hängen und bekomme dann richtiggehend Wut, wenn ich sehe, dass irgendwann 1942 Menschen, die schon also 80 Jahre alt gewesen sind und mit Sicherheit keine gefährlichen Gegner des NS-Regimes, enteignet, abgeholt und schließlich ermordet wurden. Also, das ist so ungeheuerlich. Und ich glaube, die Stolpersteine in ihrer kleinen Form eröffnen sehr leicht diese doch sehr große, schwere Geschichte.

Brink: Haben Sie dann irgendwie die Hoffnung, dass sich dieser Konflikt in München vielleicht lösen wird, oder sehen Sie da sozusagen überhaupt kein – also jenseits des politischen Prozesses, von dem Sie ja fordern, dass er das entscheiden muss?

Brumlik: Es wäre wichtig, auch innerhalb der jüdischen Gemeinde, innerhalb der jüdischen Gemeinden – es gibt deren ja in München zwei – dieses offen zu diskutieren und es vielleicht auch zu einem Meinungsbild kommen zu lassen.

Brink: Also Sie geben die Entscheidung an die jüdischen Gemeinden zurück?

Brumlik: Nein, ich gebe die Entscheidung nicht zurück. Die müssen angehört werden. Aber sie müssten überhaupt erst einmal offen und geregelt diskutieren, was, soviel ich weiß, bisher nicht geschehen ist.

Brink: Professor Michael Brumlik, Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien in Berlin-Brandenburg. Danke, Herr Brumlik, für die Einschätzungen. Und heute gibt es ein Hearing in München zum Thema Stolpersteine.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

*Von der Online-Redaktion geändert.

Quelle: Deutschlandradio Kultur

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Dezember 6th, 2014 at 7:47 am

JA| Ein deutscher Antiheld

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Die Historikerin Mirjam Zadoff stellte ihre Biografie über Werner Scholem in der IKG vor

»Innere Zerrissenheit«: Scholem-Biografin Mirjam Zadoff

© Helmut Reister

Die 91 Jahre sieht man ihr beileibe nicht an. Renee Goddard sitzt im Hubert-Burda-Saal des Jüdischen Gemeindezentrums in der ersten Reihe und muss einen Augenblick lang überlegen, bis ihr das deutsche Wort Gefängnis einfällt. Im »Prison« habe sie ihren Vater Werner Scholem zum letzten Mal gesehen, erinnert sie sich.

Um ihn, den deutschen Antihelden in der Epoche zwischen den beiden Weltkriegen, der im KZ Buchenwald von den Nazis ermordet wurde, drehte sich an diesem Abend in der IKG alles. Die Historikerin Mirjam Zadoff, die in München promoviert wurde und jetzt Professorin für Jüdische Studien an der Indiana University Bloomington ist, stellte ihre Biografie Der rote Hiob über Werner Scholem vor.

AMBIVALENT Renee, oder Renate, wie die jüngere seiner beiden Töchter eigentlich heißt, war zusammen mit ihrem Mann Hanno Fry eigens aus dem Süden Englands nach München angereist. »Daran erkennt man«, sagte IKG-Kulturchefin Ellen Presser in ihrer Begrüßung, »wie wichtig das Buch über ihren Vater, den sie nie richtig kennenlernen durfte, für sie ist«. Daran ändert auch die ambivalente Gefühlslage nichts, die ihr Mann offen anspricht: »Wir sind keine Engländer, wir fühlen uns aber auch nicht als Deutsche. Daran hindert uns die Geschichte Deutschlands.«

München, das das Ehepaar vor fünf Jahren zum letzten Mal besuchte, genießt dessen ungeachtet für beide einen besonderen Stellenwert. Hier haben sie nach dem Holocaust etliche Jahre ihres Lebens verbracht. Hanno Fry arbeitete in den 70er- und 80er-Jahren in der Raumfahrtindustrie. Die schlechten Arbeitsmöglichkeiten in Großbritannien trieben ihn nach München. »Ich wusste wirklich nicht, ob ich mit dieser Situation jemals zurechtkommen werde, ob ich einen Tag, eine Woche oder einen Monat bleiben würde. Am Ende wurden es 18 Jahre«, erinnerte er sich an diesen Schritt.

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Written by lbucklitsch

Dezember 4th, 2014 at 7:06 am