Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for April, 2015

Deutschland| Thema Antisemitismus im Parlament – April 2015

without comments

1.PDF im neuen Fenster öffnenBeratungsstand zeigenZuwendungen für Projekte „gegen Rechtsextremismus“ und „für Demokratie und Toleranz“
Mecklenburg-Vorpommern – Kleine Anfrage und Antwort Petereit, David, NPD, Landesregierung (Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur) (BM) Drucksache 06/3825 15.04.2015 S.1-18 (Umfang: 18 S.)
2.PDF im neuen Fenster öffnenBeratungsstand zeigenAntisemitismus in Rheinland-Pfalz
Rheinland-Pfalz – Kleine Anfrage 3233 Gunther Heinisch (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN), Pia Schellhammer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) und Antwort Ministerium des Innern, für Sport und Infrastruktur14.04.2015 Drucksache 16/4881
3.PDF im neuen Fenster öffnenBeratungsstand zeigenAntisemitische Überfälle, Sachbeschädigungen, Leugnung der Shoa und andere antisemitische Straftaten im Monat 2015
Sachsen – KlAnfr Kerstin Köditz DIE LINKE 07.04.2015 Drs 6/1318

Written by lbucklitsch

April 29th, 2015 at 10:54 am

Deutschlandradio Kultur| Vergeben als psychologische Geste – Micha Brumlik im Gespräch

without comments

LÜNEBURGER AUSCHWITZ-PROZESS: Vergeben als psychologische Geste

Micha Brumlik im Gespräch mit Anke Schaefer und Christopher Ricke

Die Auschwitz-Überlebende Eva Kor sitzt am 21.04.2015 im Gerichtssaal in Lüneburg (Niedersachsen) (pa/dpa/Stratenschulte)
Die Auschwitz-Überlebende Eva Kor hat dem Angeklagten und früheren SS-Mann Otto Gröning vergeben (pa/dpa/Stratenschulte)

Darf es nach Auschwitz überhaupt ein Verzeihen geben? Darüber wird nach der öffentlichen Geste der Überlebenden Eva Kor im Prozess gegen den SS-Mann Otto Gröning diskutiert. Der Publizist Micha Brumlik warnt davor, von außen Urteile über die Handlungen der Opfer abzugeben.

Die öffentliche Vergebung der Auschwitz-Überlebenden Eva Kor im Prozess gegen den früheren SS-Mann Otto Gröning hat eine heftige Diskussion ausgelöst. Kor hatte ihm am zweiten Verhandlungstag dafür gedankt, dass er seine moralische Mitschuld eingestanden und den Holocaust nicht geleugnet habe.

Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler, Publizist und langjähriger Leiter des Fritz Bauer Instituts, bewertet die Geste Eva Kors vor allem als psychologische Handlung:

„Wenn es dieser alten Dame das Leben und Weiterleben erleichtert, zu vergeben, dann gibt es dagegen überhaupt nichts einzuwenden.“

Es bestünden allerdings Zweifel daran, ob der Täter tatsächlich aufrichtig bereut und sein Verbrechen eingesehen habe, so Brumlik:

„Wenn man sich die Begriffswahl ansieht, mit der er darüber gesprochen hat, wie die sterblichen Überreste der Ermordeten verbrannt wurden – wenn er davon geredet hat, dass diese ‚entsorgt‘ wurden – dann lässt das nicht auf besonderes Feingefühl schließen.“

Gröning hatte „gute Gründe“ für sein Schuldeingeständnis

Ein „etwas ausführlicheres Bekenntnis“ des Angeklagten wäre seiner Auffassung nach sinnvoll gewesen, meinte Brumlik. Man dürfe nicht vergessen, dass Gröning gute Gründe gehabt habe, im Prozess auf diese Weise aufzutreten:

„Immerhin drohen ihm ja in seinem hohen Alter noch drei Jahre Gefängnis. Und in diesem Fall ist jeder gut beraten, wenn er vor Gericht seine Schuld eingesteht. Über die Authentizität dessen können wir nicht urteilen.“

Das Leid der Nebenkläger

Für die Nebenkläger sei es wichtig, dass das ihnen widerfahrene Leid in diesem Prozess auch offiziell als „moralisch verurteilungswürdig und abscheulich“ festgehalten werden,  sagte Brumlik:

„Menschen reagieren auf erlittenes Unrecht unterschiedlich. Die einen wollen Gerechtigkeit, die anderen wollen sich von der Last des erlittenen Unrechts befreien. Ich glaube nicht, dass es gleichsam von außen möglich ist, hier Urteile abzugeben. Jedenfalls nicht über die Opfer.“

 

Quelle: Deutschlandradio Kultur

Written by lbucklitsch

April 28th, 2015 at 7:45 pm

Deutschlandradio Kultur| Ein Gespräch mit Prof. Micha Brumlik – „Eine Aussage gegen das Judentum“

without comments

Ein Gespräch mit Prof. Micha Brumlik – „Eine Aussage gegen das Judentum“

26.04.2015 | 07:44 Min. | Quelle: Deutschlandradio Kultur

Der evangelische Theologe Notger Slenczka sorgt mit einer Erklärung für Aufregung: Das Alte Testament ist für Christen nicht als heilig anzusehen. Der Historiker und Theologe Micha Brumlik warnt: Diese These entstammt einem antijudaistischen Christentum. www.deutschlandradiokultur.de, Religionen

 

Der evangelische Theologe Notger Slenczka sorgt mit einer Erklärung für Aufregung: Das Alte Testament ist für Christen nicht als heilig anzusehen. Der Historiker und Theologe Micha Brumlik warnt: Diese These entstammt einem antijudaistischen Christentum.

Philipp Gessler: Die Bibel, so haben es Christen seit bald 2.000 Jahren gelernt, besteht aus dem Neuen Testament, also vor allem aus den Evangelien, die die Geschichte Jesu erzählen, und dem Alten Testament, also den heiligen Schriften des Judentums. Altes und Neues Testament gehören zusammen. Gott, so sagt es der Glaube, hat den Christen in beiden Büchersammlungen Heilsnotwendiges mitgeteilt.

Der evangelische Theologe Notger Slenczka, ein Professor an der renommierten Humboldt-Universität in Berlin, erklärt nun: Kanonisch, das heißt, für Christen als heilig anzusehen, sei das Alte Testament am Ende nicht. Es sei eher wie die Apokryphen, also die Texte, die das frühe Christentum nicht in die Bibel aufgenommen hat, sagen wir es klarer, verworfen hat. Theologie-Professor Slenczka wird heftig von seinen Theologen-Kollegen wegen dieser These kritisiert – Nazi-Vergleiche fliegen durch den Raum, von antijudaistischen, also judenfeindlichen Anklängen ist die Rede.

Mit Micha Brumlik habe ich über den Fall Slenczka gesprochen. Der jüdische Intellektuelle war Professor an der Universität Frankfurt und hat sich zuletzt vor fünf Jahren in einem Buch mit der Entstehung des Christentums aus dem Judentum beschäftigt – also mit der Zeit, in der man erkannte, dass für Christen das Neue Testament nicht ohne das Alte denkbar ist. Meine erste Frage an Prof. Brumlik war: Wer als Professor der evangelischen Theologie das Alte Testament als apokryph betrachtet – wie nahe ist der eigentlich dem christlichen Antijudaismus?

Micha Brumlik: Nun, die Person, über die wir sprechen, Professor Slenczka, kann glaubwürdig widerlegen, ein klassischer Antijudaist zu sein. Weder bezweifelt er die Gültigkeit der Verheißungen an die Juden, noch vertritt er eine sogenannte Substitutionslehre, wonach die Kirche Israel abgelöst habe. Und auch die Meinung, dass die Juden in irgendeiner Weise die Gottesmörder seien, das liegt ihm völlig fern. Er spricht aber davon, dass das Alte Testament die Schrift einer partikularen Stammesreligion sei, und dass das moderne christliche Bewusstsein, wie er es versteht, damit nur fremdeln könne. Und wenn er auf dieser Basis vorschlägt, das Alte Testament aus dem christlichen Kanon zu entfernen, ist das natürlich auch eine Aussage gegen das Judentum, denn das Judentum ist ja nicht nur die Religion des Alten Testaments, aber eben doch auch.

Parallelen zu Theologen in der NS-Zeit

Gessler: Steht denn Professor Slenczka mit diesen Thesen in der antijüdischen Tradition des frühen Christentums?

Brumlik: Das frühe Christentum war überhaupt nicht antijüdisch. Es wird neuerdings wieder diskutiert, ob das nicht selbst alles jüdische Gruppen gewesen sind. Und Rabbiner Leo Baeck war sogar der Meinung, dass die Evangelien also Glaubensschriften des Judentums sind. Es steht aber in einer Tradition des neuzeitlichen Christentums. Um die Namen jetzt zu nennen, wären Schleiermacher, Adolf von Harnack und Rudolf Bultmann, die alle haben übrigens im zweiten Jahrhundert nun einen Vorläufer, einen Mann namens Markion, der dann auch aus der Kirche verstoßen wurde, weil er als einzige Schrift des Christentums nur einige Paulus-Briefe und das Lukas-Evangelium gelten lassen wollte.

Gessler: Aber es gibt trotzdem diese Gegnerschaft in den frühen Jahrzehnten zwischen den jüdischen oder israelitischen Gemeinden und den neuen christlichen Gemeinden?

Brumlik: Unbestritten. Aber ob diese neuen christlichen Gemeinden tatsächlich nur aus bekehrten Heiden zusammengesetzt waren oder ob da nicht auch viele Juden dabei gewesen sind, die eben der Meinung waren, dass Jesus der Messias ist, ist religionshistorisch völlig offen, wenn ich das richtig sehe.

Gessler: Sehen Sie denn tatsächlich in diesem Fall Slenczka, bei diesem Theologen, gar Parallelen zu den öffentlich geförderten Bestrebungen mancher Theologen in der NS-Zeit, die jüdische Seite des Christentums zu tilgen?

Brumlik: Diese Parallelen gibt es leider, und Notger Slenczka wusste, warum er den bedeutendsten unter ihnen, einen Göttinger Philosophie- und Theologiehistoriker namens Emannuel Hirsch, verschwiegen hat. Denn der hat sogar 1935/36 eine eigene Publikation über die Schwierigkeit geschrieben für Christenmenschen, sich aufs Alte Testament zu beziehen, und dass das eigentlich nicht mehr ginge.

Gessler: Nach so vielen Jahrzehnten der jüdisch-christlichen Zusammenarbeit und der zunehmenden Erkenntnis der jüdischen Identität Jesu in der christlichen Theologie – waren Sie überrascht, dass eine solche Theologie wie die von Professor Slenczka noch einmal auftauchen kann?

Brumlik: Ehrlich gesagt, ja. Und ich bin mir im Moment einfach nicht schlüssig, ob das die Meinung eines Einzelgängers ist oder ob es da vielleicht auch unter Theologiestudenten oder sogar in Gemeinden eine entsprechende Stimmung gibt. Das würde mich interessieren. Repräsentiert er etwas oder spricht er wirklich nur für sich selbst allein? Ich könnte mir vorstellen, dass es insbesondere unter den systematischen Theologen eine Strömung gibt, die mit Bezug auf den liberalen Theologen aus Berlin, Schleiermacher, so eine Richtung verfechten. Aber das wird auszumachen sein.

Slenczka ist mit seinen Thesen eine Ausnahme

Gessler: Wenn man die Thesen von Professor Slenczka sehr wohlwollend interpretiert, könnte man sie ja auch so deuten, man sollte als christlicher Theologe nicht versuchen, das Alte Testament nur als Vorläufer des Neuen Testaments zu interpretieren, also das Judentum praktisch eingemeinden. So gesehen wäre das sogar eine ausgesprochen projüdische Herangehensweise an das Alte Testament, oder?

Brumlik: Ja, das beteuert Professor Slenczka in einer für ihn persönlich glaubwürdigen Weise. Ich darf darauf hinweisen, dass es in der evangelischen Theologie genau entgegengesetzte Positionen gibt, etwa von Frank Crüsemann aus Bielefeld, der die These vertritt, dass das Alte Testament der Wahrheitsraum des Neuen sei, und zwar einfach deswegen, weil man keine einzige Zeile Neues Testament versteht, wenn man das Alte Testament nicht kennt. Oder Klaus Wengst, der ja der Meinung ist, die Hauptfunktion Jesu sei gewesen, die Völker in den Bund Gottes mit Israel hineinzunehmen. Also da gibt es einen weiten Interpretationsspielraum.

Gessler: Wenn man sich den Fall Slenczka anschaut, wie virulent ist denn eigentlich der Antijudaismus in den Volkskirchen immer noch? Und ist das Christentum eigentlich ohne den Antijudaismus überhaupt zu haben?

Brumlik: Das glaube ich doch. Ich habe ja eben zwei Theologen genannt, könnte auch katholische Theologen nennen wie Johann-Baptist Metz. Was nach 1945 stattgefunden hat, das war ein Umdenken der Art, dass die christlichen Kirchen verstanden haben, dass der Holocaust nicht nur eine Katastrophe für sechs Millionen Juden gewesen ist, sondern auch eine Katastrophe für ein über Jahrhunderte antijudaistisches Christentum.

Gessler: Das heißt, Sie würden Herrn Slenczka schon als eine Ausnahme betrachten?

Brumlik: Also von denen, die bisher in dieser Frage seit Rudolf Bultmann, also seit 50, 60 Jahren ihre Stimme erhoben haben, ist er bis jetzt die Ausnahme. Die weitere Diskussion wird zeigen, wer und welche Gruppen ihn und seine Ansichten womöglich verteidigen oder sich ihnen beigesellen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Quelle: Soundcloud/Deutschlandradio Kultur

Written by lbucklitsch

April 26th, 2015 at 5:06 pm

TAZ| Theologen-Streit an der Humboldt-Uni: Das Alte, das Neue und das Fremde

without comments

Über einen sehr speziellen religiösen Disput liegen sich Professoren an der Theologischen Fakultät der HU in den Haaren. Das Thema ist abgründiger, als es scheinen mag.

Er hat die Welt erlöst, sagt die Kirche. Nicht in allen Dingen sind sich ihre Experten sich so einig. Bild: dpa

Es gibt ziemlich haarsträubende Stellen in der Bibel. Zum Beispiel die vom Propheten Elisa, dabei hatte der eine Glatze. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Elia kennen ihn nur Insider, was an der Geschichte mit den Bären liegen dürfte. Elisa, so berichtet es das 2. Buch der Könige, ärgerte sich sehr über eine Gruppe kleiner Jungen, die ihn unterwegs verspotteten: „Kahlkopf!“, riefen sie. Und was machte der Prophet? Er „fluchte ihnen im Namen des Herrn. Da kamen zwei Bären aus dem Walde und zerrissen der Kinder zweiundvierzig.“ Ende der Geschichte.

Dabei ist die Sache mit den Bären nur eine bizarre Randnotiz. Die Textsammlung, die Christen als Altes Testament bezeichnen und Juden als Tanach, enthält auch sonst genügend Schilderungen von Gewalt, die sich meist gegen die Feinde des Volkes Israel richtet – das Volk, das Gott erwählt, zum Partner gemacht hat, sozusagen. Zu Israels Gunsten greift dieser Gott gerne auch selbst in die Handlung ein, man denke nur an das Rote Meer, in dem er das Heer des Pharao ertränkt.

Mit der Hauptfigur des Neuen Testaments – dem freundlichen Jesus, der bat, man solle seine Feinde lieben – passt das nicht so recht zusammen. Auch nicht mit dem Wirken des Paulus, der da sagte, die Erlösung gelte nicht nur Israel, sondern allen Völkern, und der gleich damit anfing, die Griechen zu bekehren. Aber sollte sich die noch junge christliche Kirche von den alten Schriften trennen? Die Entscheidung fiel dagegen aus. Die fünf Bücher Moses, die Erzählungen von den Propheten, die Psalmen, die Sprichwörter und das Hohelied blieben Teil des Kanons – jenes Textkorpus, das für die Verkündigung des Wortes Gottes verbindlich ist.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

April 24th, 2015 at 6:20 am

TAZ| Das Werk, der Alltag, die Affekte

without comments

BRIEFE
Der Austausch zwischen Adorno und Scholem dokumentiert ein Stück deutsch-jüdische Geistesgeschichte

VON MICHA BRUMLIK

Die private Korrespondenz zumal „großer Geister“ (Jürgen Habermas) weist sie oft als „Menschen wie du und ich“ aus, eröffnet mithin einen Blick auf sie, den man mit Hegel als „Kammerdienerperspektive“ bezeichnen kann, einen Blick, der – so Hegel in der „Phänomenologie“ – als „urteilendes Bewußtsein selbst niederträchtig“ ist. Darüber hinaus geben solche Korrespondenzen, wo es um den Gehalt von Theorien geht, Auskünfte, die den fertigen, gedruckten Werken nur schwer zu entnehmen sind. Damit enthalten derartige Briefe oft Kommentare, die aus der Hand der Autoren bestätigen, was Philologen erst mühsam erschließen müssen.

Und so ist es eine eigentümliche Verschränkung von Niedertracht und Bekenntnis zu tiefsten geistigen Intentionen, die den Briefwechsel zwischen dem Philosophen Theodor W. Adorno und dem Kabbalaforscher Gershom Scholem auszeichnet. Derlei Lebenszeugnisse, neuerdings spricht man von „Egodokumenten“, konfrontieren das Lesepublikum dann mit der Frage, ob und in welchem Ausmaß Theorien Ausdruck auch materieller und emotionaler Lebensumstände sind – Philosophen reden hier vom Verhältnis von „Genesis und Geltung“. Doch geht es nicht um Reduktionismus: im vorliegenden Fall eher darum, mit welchen Leidenschaften theoretische Interessen auch im intellektuellen Alltag vertreten werden.

Es waren zwei Motive, die Adorno und Scholem verbanden: die ganz unterschiedlichen Beziehungen zu Walter Benjamin, dem Adornos Denken Wesentliches verdankt und dem Scholem ein Freund war; sodann die Trauer um Benjamins auf der Flucht vor den Nationalsozialisten verlorenes Leben, schließlich die Sorge um sein nachgelassenes Werk. Mindestens ebenso sehr aber lag beiden an dem, worum es Benjamin in der Sache gegangen war: einer möglichen Beziehung von Theologie und historischem Materialismus.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

April 23rd, 2015 at 8:47 pm

idea| Altes Testament: Heftige Kritik an Theologieprofessor Notger Slenczka

without comments

Der Berliner Theologieprofessor Notger Slenczka. Foto: HU Berlin/P. Brusowski

Der Berliner Theologieprofessor Notger Slenczka. Foto: HU Berlin/P. Brusowski

Frankfurt am Main/Berlin (idea) – Äußerungen des Berliner Theologieprofessors Notger Slenczka stoßen auf heftige Kritik. Slenczka hatte behauptet, das Alte Testament sei „kein Zeugnis der Universalität des Gottesverhältnisses, sondern ein Zeugnis einer Stammesreligion mit partikularem Anspruch“. Für Christen habe es daher den gleichen Status wie die Apokryphen (außerbiblische Schriften) der Lutherbibel und dürfe somit nicht zum biblischen Kanon gehören. Gerade vor dem Hintergrund des christlich-jüdischen Dialogs halte er bestehende christliche Zugänge zum Alten Testament für „höchst problematisch“.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

April 23rd, 2015 at 7:56 pm

TAZ| Martin Heidegger nach dem NS: Seine Katastrophe

without comments

von Micha Brumlik

Voller Selbstmitleid und Ressentiments: In den „Schwarzen Heften“ (1942-1948) wettert der Philosoph gegen Juden, Christentum und Demokratie.

Wenn man auf seinen Pfaden wandelt, sollte man sich auch seiner Irrwege bewusst sein. Bild: dpa

Am 21. April 1945 wurde Freiburg im Breisgau durch den Einmarsch französischer Truppen vom Nationalsozialismus befreit. Der Freiburger Philosoph Martin Heidegger, er war nie aus der NSDAP ausgetreten, saß im Alter von 56 Jahren zu Hause und mochte weder Freude noch Erleichterung empfinden. Für ihn begann die wahre Katastrophe erst jetzt.

Die Behörden der Besatzungsmacht und die von ihr eingesetzten „Reinigungskommissionen“ der Universität taten sich schwer mit dem weltberühmten Philosophen, der sich in einer beispiellosen Weise diskreditiert hatte. Nach einem unmittelbaren Lehrverbot, jahrelangem Hin und Her und unzähligen Gutachten wurde Heidegger fünf Jahre später, ohne dass das Lehrverbot aufgehoben wurde, emeritiert.

In dieser Zeit entstand die vierte Abteilung der „Schwarzen Hefte“, die den Philosophen als ressentimentgeladenen Antisemiten, Feind des Christentums, unbelehrbaren Zeitzeugen sowie überzeugten Verächter der Demokratie ausweisen. Mehr noch: Der Philosoph kritisierte alles, worauf die Bundesrepublik Deutschland gegründet werden sollte: von ihrem Drang nach Wohlstand bis hin zur moralischen Selbstvergewisserung angesichts des Holocaust.

So deutet er den Mord an den Juden „seinsgeschichtlich“: „Wenn erst das wesenhaft ’Jüdische‘ im metaphysischen Sinne gegen das Jüdische kämpft, ist der Höhepunkt der Selbstvernichtung in der Geschichte erreicht; gesetzt, daß das ’Jüdische‘ überall die Herrschaft an sich gerissen hat, so daß auch die Bekämpfung ’des Jüdischen‘ und sie zuvörderst in die Botmäßigkeit zu ihm gelangt.“

weiterlesen

Written by lbucklitsch

April 23rd, 2015 at 9:47 am

TAZ| Erste deutsche Holocaust-Professur: Wurde auch Zeit

without comments

Eine Professur für Holocaust-Forschung fehlte in Deutschland bisher. Am Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt wird dies nun geändert.

Das KZ in Auschwitz als Forschungsgegenstand. Bild: ap

FRANKFURT AM MAIN taz | 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird es auch in Deutschland die erste reguläre Holocaust-Professur geben, eine Stelle, die sich einzig und alleine der Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocausts annimmt. Wie das hessische Wissenschaftsministerium in der vergangenen Woche mitteilte, entsteht sie am Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt. Damit schließen die Hessen eine Lücke in der deutschen Forschungslandschaft.

Einen Master in Holocaust und Genocide Studies oder einen Bachelor in Holocaust-Forschung bieten Universitäten in Schweden, den Niederlanden, Österreich und den USA schon längst an – inklusive zugehöriger Professuren.

Auch in Deutschland forschen einige Institute dazu, beispielsweise das Institut für Zeitgeschichte in München, das Simon-Dubnow-Institut für Jüdische Geschichte und Kultur in Leipzig oder das Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Eine Professur gibt es bislang aber nirgendwo.

Auch nicht am Frankfurter Fritz-Bauer-Institut. „Mit seiner Ausrichtung ist es in Deutschland einmalig“, erklärt Micha Brumlik, Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Als einzige Einrichtung beschäftige sich das Fritz-Bauer-Institut schwerpunktmäßig mit der Erforschung des Holocausts und dessen Wirkung auf die folgenden Generationen.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

April 23rd, 2015 at 9:45 am

TAZ| Was nach dem Scheitern bleibt

without comments

KOLUMNE VON MICHA BRUMLIK

Goldman, Cohn-Bendit und Glucksmann. Wie jüdisch war der Pariser Mai 1968? Und wie trauert man über eine gescheiterte Revolution?

Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre auf der Beerdigung von Pierre Goldmann 1979. Bild: imago/ZUMA/keystone

Der vorläufig letzte Revolutionsversuch im Westen Europas scheiterte 1968 – in Paris. Mit diesem Scheitern verpufften die utopischen Energien im Westen; die friedlichen „Revolutionen“ Ost- und Mitteleuropas, die das sklerotische Sowjetsystem zu Fall brachten, waren anderer Art. Manche wollen derzeit im Kiewer „Euromaidan“ 2013/2014 eine versuchte Revolution, dem Pariser Mai vergleichbar, erkennen. Doch das ist derzeit noch umstritten und wird erst die Geschichte weisen.

Dafür besteht jetzt die Chance, sich dessen, was der Pariser Mai war, zu versichern. Er war – so jedenfalls der Historiker Sebastian Voigt – „jüdisch“. Voigts Studie „Der jüdische Mai ’68. Pierre Goldman, Daniel Cohn-Bendit und André Glucksmann im Nachkriegsfrankreich“ weist nach, dass die Protagonisten jener Revolte in einem nicht nur banalen Sinn Juden waren. Die in den 1930er und 1940er Jahren Geborenen stammten von kommunistischen Eltern ab, die den Nazismus in Untergrund oder Emigration überlebten.

Sie unternahmen den Versuch, eine eigene, von den Gräueln des Stalinismus nicht befleckte linksradikale Perspektive wiederzubeleben. In ihnen und ihrer Eltern Leben kam zum Ausdruck, was Hannah Arendt in ihrem Buch „Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft“ als das Kennzeichen des 20. Jahrhunderts herausgestellt hat: die Gestalt der jeden Schutzes baren Staatenlosen.

Tatsächlich solidarisierten sich die demonstrierenden Pariser Studenten mit dem an der Wiedereinreise nach Frankreich gehinderten Cohn-Bendit, indem sie riefen: „Wir sind alle deutsche Juden.“ Während sich Daniel Cohn-Bendit später zum klugen, das Maß politischen Handelns präzise einschätzenden Reformisten und André Glucksmann zum antitotalitären Philosophen wandelte, wurde Pierre Goldman, heute weitgehend vergessen, 1979 auf offener Straße erschossen.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

April 23rd, 2015 at 9:43 am

JA| Antijudaismus in neuem Gewand?

without comments

Ein Berliner Theologieprofessor möchte die Hebräische Bibel aus dem christlichen Kanon entfernen

23.04.2015 – von Micha Brumlik

Zwei Bücher der Hebräischen Bibel: Mischlej (Sprüche, l.) und das Buch Daniel mit Kommentaren von Raschi und Abraham ibn Esra – © Thinkstock

Anfang April versandte der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR) ein Schreiben, in dem er auf einen bisher nicht bekannt gewordenen Skandal hinwies: »Theologieprofessor will das Alte Testament aus der Heiligen Schrift verbannen«, so die Überschrift.

Im Text heißt es: »Mit nachfolgender Stellungnahme macht Friedhelm Pieper, evangelischer Präsident des DKR, einen theologischen Skandal im deutschen Pro-testantismus namhaft, der bislang beschä- menderweise ohne Kritik und Widerstand im protestantischen Raum schweigend geduldet oder ignoriert wurde. Der DKR hofft, mit dieser theologischen Stellungnahme diese Mauer des Schweigens durchbrechen und eine kritische Debatte in der evangelischen Kirche anregen zu können.«

Worum geht es? Schon 2013 hatte der an der Berliner Humboldt-Universität Systematische Theologie lehrende Notger Slenczka (Jahrgang 1960) im wenig bekannten, aber renommierten Marburger Jahrbuch Theologie XXV einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er zu begründen versuchte, warum das sogenannte Alte Testament (AT) in der Kirche keine kanonische Geltung mehr haben soll. »Damit ist aber«, so Slenczka, »das AT als Grundlage einer Predigt, die einen Text als Anrede an die Gemeinde auslegt, nicht mehr geeignet: Sie – die christliche Kirche – ist als solche in den Texten des AT nicht angesprochen.«

Zur Begründung seiner Forderung beruft sich Slenczka auf deutsche Theologen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: auf Friedrich Schleiermacher (1768–1834) und Adolf von Harnack (1851–1930).

TENACH Schleiermacher, der als Theologe zwar auch historisch arbeitete, suchte systematisch eine Theorie des frommen christlichen Selbstbewusstseins zu entfalten. Der Kirchenhistoriker Harnack hingegen wollte zeigen, dass die religionsgeschichtliche Forschung im 20. Jahrhundert endlich so weit war, zu erkennen, dass das Christentum tatsächlich eine völlig andere Religion sei als das Judentum, das sich auf das »Alte Testament«, den Tanach, beruft.

Der Name Schleiermacher steht also dafür, dass sich Christen als Angehörige einer Religionsgemeinschaft ihrer Frömmigkeit versichern müssen. Der Name Har- nack hingegen verweist auf die Annahme, das Christentum sei eine universale Religion der Liebe.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

April 23rd, 2015 at 9:31 am

Offener Brief an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags| Anerkennung jetzt – Keine Relativierung des Genozids an den Armeniern

without comments

Wir, die Unterzeichnenden, appellieren an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags:Vergeben Sie die historische Chance nicht, den Opfern, den Überlebenden und den Nachfahren des Völkermords an den Armeniern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Bereits 100 Jahre liegt der Beginn des Völkermords an der armenischen Bevölkerung des Osmanischen Reichs zurück: Was mit der Vertreibung der armenischen Intellektuellen und Notabeln aus Konstantinopel am 24. April 1915 begann, endete im massenhaften Sterben von schätzungsweise 1,5 Millionen armenischen Männern, Frauen und Kindern in den Tälern der nordsyrischen Wüsten. Die planvolle Vernichtung der Armenier, die auch die Verfolgung und Ermordung der syro-aramäischen Christen einschloss, hatte viele Gesichter: Hunger, Krankheit, Erschöpfung, Vergewaltigungen und Plünderungen während der Todesdeportationen kennzeichneten die Jahre 1915/16 ebenso wie Folterungen und Massaker unsagbarer Grausamkeit und Gewalt.

Auch 100 Jahre nach dem Genozid scheint es, als ob der Deutsche Bundestag sich nicht dazu durchringen wird, die Vernichtung der Armenier beim Namen zu nennen. Dies wäre ein Zugeständnis an die offizielle Position der türkischen Regierung. Es wäre eine Einwilligung in die Politik der Leugnung. Es wäre zudem eine Absage an die Chance, nationalistische Weltanschauungen und Geschichtsentwürfe, die auch in der deutschen Migrationsgesellschaft keimen, zu überwinden. Es wäre nicht zuletzt eine aktive Fortsetzung der Verweigerung, es den Nachkommen der Überlebenden zu ermöglichen, eine Geschichte, Identität, Tradition und Überlieferung in Deutschland zu leben.
Das Erinnern an die Opfer des Völkermords an den Armeniern bedarf in besonderer Weise der öffentlichen Anerkennung. Diese Anerkennung muss auch die eindeutige Benennung des Geschehens einschließen.
Der 100. Gedenktag an den Völkermord an der armenischen Bevölkerung des Osmanischen Reichs ist ein angemessener Anlass für den Deutschen Bundestag, sich vor den Opfern zu verneigen und bei den Nachfahren der Überlebenden um Entschuldigung zu bitten: für die unerträgliche Ignoranz, mit der man die Ereignisse geschehen ließ, von denen die deutsche Reichsregierung als Bündnispartner des Osmanischen Reichs durch ihre Diplomaten und Offiziere zu jedem Zeitpunkt vollständig unterrichtet gewesen ist. Zahlreiche nationale Parlamente, darunter das französische, schwedische und jüngst das niederländische, haben ebenso wie das Europäische Parlament in Resolutionen und Beschlussfassungen den Genozid an den Armeniern klar benannt und damit gezeigt, dass eine moralische Haltung nicht Opfer außenpolitischer Opportunitäten werden muss.

Auch dem Deutschen Bundestag stünde eine solche Haltung gut zu Gesicht. Die Benennung der jungtürkischen Politik als systematische, intentional geplante und durchgeführte, somit also genozidale Vernichtungspolitik ist der einzige Weg, der Erinnerung und Forschung, dem Gedenken und dem Weiterleben einen Raum zu bereiten.

Wo Leugnung seit 100 Jahren eine politische Strategie ist, ist Anerkennung keine rhetorische Aufgabe. Anerkennung ist der Entschluss zur unzweideutigen gesellschaftspolitischen Haltung, die Geschichte und Erinnerung der in Europa lebenden Nachkommen der Überlebenden zu schützen. Denn das „Nein“ zur Anerkennung verweigert nicht nur die Akzeptanz einer geschichtlichen Tatsache, sondern trägt aktiv zur Kontinuität einer Politik bei, die sich von der Diskriminierung und Repression von Minderheiten nicht distanziert.

Die Unterzeichnenden rufen die Abgeordneten des Deutschen Bundestags dazu auf, der Geschichtsklitterung ein Ende zu bereiten, mit der Anerkennung der Vernichtung als Genozid den Opfern ihre Würde zurückzugeben und ihre Nachfahren von der unerträglichen Bürde der Nachweisführung zu entlasten.

 

Unterzeichner:

Dr. Hülya Adak (Istanbul)
Prof. Dr. Elmar Altvater (Berlin)
Dr. Bilgin Ayata (Berlin)
Prof. Dr. Aleida Assmann (Konstanz)
Prof. Dr. Jan Assmann (Heidelberg/Konstanz)
Prof. Dr. Klaus J. Bade (Osnabrück)
Prof. Dr. Boris Barth (Konstanz)
Dr. Seyhan Bayraktar (Zürich)
Prof. Dr. Frank Becker (Duisburg-Essen)
Prof. Dr. Wolfgang Beilenhoff (Bochum/Peleschjans)
Dr. Tayfun Belgin (Hagen)
Dr. Nicolas Berg (Leipzig)
Prof. Dr. Natalie Binczek (Bochum)
Prof. Dr. Wilhelm Bleek (Bochum/Toronto)
Prof. Dr. Manuel Borutta (Bochum/Essen)
Prof. Dr. Peter Brandt (Hagen)
Prof. Dr. Christina von Braun (Berlin)
Dr. Medardus Brehl (Bochum)
Prof. Dr. Micha Brumlik (Frankfurt am Main/Berlin)
Prof. Dr. José Brunner (Tel Aviv)
PD Dr. Ralph Buchenhorst (Halle-Wittenberg)
Dr. Peter Carrier (Braunschweig)
Prof. Dr. Mihran Dabag (Bochum)
Prof. Dr. Iris Därmann (Berlin)
Prof. Dr. Jürgen Ebach (Bochum)
Prof. Dr. Andreas Eckert (Berlin)
Dr. Andreas Eckl (Bochum)
Prof. Dr. Wolfgang Eßbach (Freiburg)
PD Dr. Richard Faber (Berlin)
Friederike Faß (Schwerte)
Prof. Dr. Manfred Frank (Tübingen)
Prof. Dr. Norbert Frei (Jena)
Dr. Stefan Friedrich (Lüneburg)
Prof. Dr. Heidrun Friese (Chemnitz)
Prof. Dr. Hajo Funke (Berlin)
Dr. Detlef Garbe (Hamburg)
Prof. Dr. Hacik Raffi Gazer (Erlangen-Nürnberg)
Dr. Jan Gerchow (Frankfurt am Main)
Prof. Dr. Constantin Goschler (Bochum)
Dr. Kurt Gruenberg (Frankfurt am Main)
Dr. Christian Gudehus (Bochum)
Prof. Dr. Dieter Haller (Bochum)
Prof. Dr. Ludger Heidbrink (Kiel)
Prof. Dr. Drs. h.c. Armin Heinen (Aachen)
Prof. Dr. Hans-Joachim Heintze (Bochum)
Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer (Bielefeld)
Prof. Dr. Hans Günter Hockerts (München)
Prof. Dr. Stefan-Ludwig Hoffmann (Berkeley)

Read the rest of this entry »

Written by lbucklitsch

April 18th, 2015 at 12:21 pm

Domradio|Wissenschaftler: Bundestag muss Völkermord an Armeniern anerkennen: „Der einzige Weg für Erinnerung und Forschung“

without comments

Rund 120 deutsche Wissenschaftler haben den Bundestag aufgefordert, das Massakers der Türken an den Armeniern als Völkermord anzuerkennen. Der Jahrestag des Beginns der Gewalttaten ist der 24. April.

„Vergeben Sie die historische Chance nicht, den Opfern, den Überlebenden und den Nachfahren des Völkermords an den Armeniern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen“, heißt es in einem am Freitag in Berlin veröffentlichten Brief. Zu den Unterzeichnern gehören die Historiker Jürgen Osterhammel, Jörn Rüsen, der Politologe Elmar Altvater, der Publizist Micha Brumlik, die Ägyptologen Jan und Aleida Assmann sowie der Soziologe Moshe Zuckermann und der frühere evangelische Bischof Wolfgang Huber.

Am Jahrestag des Beginns der Gewalttaten findet dazu eine Bundestagsdebatte statt. Der dazu vorliegende Antrag der Regierungsparteien ist intern umstritten. Aus einem Entwurf wurde der Begriff Völkermord wieder herausgenommen. Offenbar fürchtet die Bundesregierung außenpolitischen Schaden mit der Türkei.

„Politik der Leugnung“

Auch nach Ansicht der Wissenschaftler wäre es ein Zugeständnis an die offizielle Position der türkischen Regierung, das Massaker vor 100 Jahren nicht als Völkermord anzuerkennen. „Es wäre eine Einwilligung in die Politik der Leugnung.“ Die Anerkennung sei eine Chance, nationalistische Geschichtsentwürfe und Weltanschauungen in der deutschen Migrationsgesellschaft zu überwinden. Die Bezeichnung als „systematische, intentional geplante und durchgeführte, somit also genozidale Vernichtungspolitik“ sei der einzige Weg, der Erinnerung und Forschung Raum zu geben, so die Wissenschaftler. Zahlreiche Parlamente, darunter das französische, schwedische und niederländische und das Europäische Parlament hätten den Völkermord an den Armeniern bereits benannt.

In der Diskussion rief der Sprecher des Außenministeriums, Martin Schäfer, dazu auf, das Ziel der Aussöhnung nicht aus dem Blick zu verlieren. Trotz aller unterschiedlichen Einschätzungen müsse ein gemeinsamer vernünftiger Weg in die Zukunft der betroffenen Völker gefunden werden, sagte Schäfer am Freitag in Berlin. Regierungssprecher Steffen Seibert betonte, dass sich an der Haltung der Bundesregierung nichts geändert habe.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

April 18th, 2015 at 8:20 am

Stellungnahme zu den Äußerungen von Professor Dr. Notger Slenczka zum Alten Testament

without comments

Stellungnahme  zu  den  Äußerungen  von  Professor  Dr.  Notger  Slenczka   zum  Alten  Testament:

Als  Mitglieder  der  Theologischen  Fakultät  der  Humboldt-­‐Universität  zu  Berlin  distanzieren   wir  uns  von  den  Auffassungen,  die  Herr  Kollege  Slenczka  in  mehreren  Beiträgen  zum  Alten   Testament  publiziert  hat  (https://www.theologie.hu-­‐berlin.de/de/st/AT).

Wir  halten  seine   Äußerungen  zur  Bedeutung  des  Alten  Testaments  für  die  christliche  Theologie,  zum  Verhältnis  von  Altem  und  Neuem  Testament  sowie  zur  Kanonizität  des  Alten  Testaments  für  historisch  nicht  zutreffend  und  theologisch  inakzeptabel.  Sie  beruhen  u.a.  auf  einer  enggeführten   Interpretation  paulinischer  Texte,  ignorieren  den  Forschungsstand  im  Blick  auf  die  Entstehungsgeschichte  der  Hebräischen  Bibel  und  sind  einer  forschungsgeschichtlich  hochproblematischen,  längst  überwundenen  Perspektive  auf  das  Verhältnis  zwischen  Judentum  und   Christentum  in  der  Antike  verpflichtet.

Die  Behauptung,  das  Alte  Testament  habe  in  christlicher  Theologie  und  Kirche  faktisch  den  gleichen  Status  wie  die  Apokryphen  der  Lutherbibel,   ist  aus  unserer  Sicht  in  historischer  Perspektive  ebenso  unhaltbar  wie  im  Blick  auf  Theologie   und  Kirche  der  Gegenwart  unzutreffend.  Für  gänzlich  abwegig  halten  wir  zudem  (auch  angesichts  der  Geschichte  unserer  Fakultät  im  zwanzigsten  Jahrhundert)  die  Behauptungen,  ein   solcher  Status  sei  theologisch  sachgemäß   und  eine  mögliche  Konsequenz  des  jüdisch-­christlichen  Dialogs.

Wir  werden  selbstverständlich  auch  weiterhin  gemeinsam  mit  unseren  jüdischen  Kolleginnen  und  Kollegen  die  tragende  Rolle  des  Alten  Testamentes  für  die  Entstehung  des  Christentums  und  seiner  Theologie  hervorheben  und  gegenüber  den  Studierenden  unserer  Fakultät   keinen  Zweifel  daran  lassen,  dass  das  Alte  Testament  in  gleicher  Weise  wie  das  Neue  Quelle   und  Norm  der  evangelischen  Theologie  ist  und  bleiben  wird.

Berlin,  den  15.4.2015

Prof.  Dr.  Cilliers  Breytenbach

Professor  für  Religions-­‐,       Literatur-­‐  und  Zeitgeschichte     des  Urchristentums

Prof.  Dr.  Wilhelm  Gräb

Professor  für  Praktische  Theologie   mit  den  Schwerpunkten  Homiletik,   Liturgik,  Poimenik  und  Kybernetik

Prof.  Dr.  Dres.  h.c.  Christoph   Markschies

Professor  für  Ältere  Kirchenge-­‐ schichte  (Patristik)

Prof.  Dr.  Rolf  Schieder

Professor  für  Praktische  Theologie   mit  den  Schwerpunkten  Religions-­‐ pädagogik  und  -­‐psychologie

Prof.  Dr.  Jens  Schröter

Professor  für  Exegese  und  Theologie   des  Neuen  Testaments  sowie  die   neutestamentlichen  Apokryphen

Written by lbucklitsch

April 15th, 2015 at 3:47 pm

TAZ| Micha Brumlik über Günter Grass: „Typisch für seine Generation“

without comments

Der Publizist Micha Brumlik über Günter Grass’ Umgang mit der eigenen sowie der deutschen Schuld und antisemitische Stereotype.

„Grass kritisierte auch die Bundesrepublik, weil die ein U-Boot nach Israel liefern wollte.“ Bild: dpa

taz: Herr Brumlik, war Günter Grass ein Antisemit?

Micha Brumlik: Das glaube ich nicht. Aber Grass war ein Mensch, der auf eine verklemmte Art und Weise mit dem Problem der deutschen Schuld nicht fertig geworden ist.

Er hat seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS jahrzehntelang verschwiegen.

Das deutet auf ein unterdrücktes Schuldgefühl hin. Aber dann glaubte er vor drei Jahren, mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ darauf aufmerksam machen zu müssen, dass eine mögliche Auslöschung des iranischen Volkes durch Israel drohe. Mit der damaligen Realität zwischen Israel und Iran hatte das allerdings nichts zu tun.

War Grass’ Umgang mit seiner eigenen Geschichte zugleich auch typisch für viele Deutsche?

Es war typisch für viele Angehörige seiner Generation. Grass hat die deutsche Schuld sehr ernst genommen. Aber diese Schuld war zugleich schwer zu ertragen. Psychologisch kann man das damit erklären, dass man darauf verweist, dass auch andere ähnlich Schuld auf sich geladen haben.

Grass lehnte U-Boot-Lieferungen an Israel ab.

Grass kritisierte in dem Gedicht auch die Bundesrepublik, sein eigenes Land, weil die ein weiteres U-Boot nach Israel liefern wollte. Er spricht in seinem Gedicht davon, dass diese Lieferung Teil eines Verbrechens werden könnte und dass solche Hinweise als antisemitisch kritisiert würden. Das bedeutet, er fürchtete sich vor einer zweiten deutschen Schuld.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

April 14th, 2015 at 7:01 am

Deutschlandradio| „STOLPERSTEINE“ IN EUROPA: Den Opfern Heimat zurück geben

without comments

Von Jens Rosbach

Beitrag hören

Ein Passant läuft in der Regensburger Innenstadt an "Stolpersteinen" vorbei. (dpa / picture alliance / Armin Weigel)
„Stolpersteine“ in der Regensburger Innenstadt. (dpa / picture alliance / Armin Weigel)

Mit seinen „Stolpersteinen“, messingfarbenen Tafeln im Boden, will der Künstler Gunter Demnig an Menschen erinnern, die im Nationalsozialismus deportiert und ermordet wurden. Sind die Steine vielerorts ein Erfolg, gibt es vereinzelt auch Kritik.

„Was meine Idee war, von Anfang an, die Namen dieser Opfer dorthin zurück zu bringen, wo sie ihr Zuhause, ihre wirkliche Heimat gehabt hatten.“

Der Künstler Gunter Demnig, der Erfinder der Stolpersteine, kann zufrieden sein: Ob in Deutschland, Italien, Polen, Norwegen oder Russland – mittlerweile liegen in 17 Ländern rund 50.000 seiner Messingtafeln.

„Wovon ich träume ist irgendwo, so viele Orte wie möglich zu erreichen in Europa. Überall, wo eben dieser Terror der Deutschen stattgefunden hat – alle werden wir nie schaffen, aber ich denke symbolisch, möglichst viele Orte zu erreichen, das finde ich wichtig.“

Wenn ein Rabbi das Kaddisch, das jüdische Totengebet, bei einer Stolpersteinverlegung spricht, ist die Unterstützung oft groß. Regelmäßig sind – neben den Verwandten der Opfer – Anwohner, Schüler, Journalisten und Politiker dabei. Doch immer wieder gibt es auch Irritationen und Ärger. So werden in Berlin regelmäßig Stolpersteine mit schwarzer Farbe oder Hakenkreuzen beschmiert. Bei der Stolperstein-Initiative in Berlin-Friedenau wurde sogar ein Informationskasten zerstört – mit Fotos von Überlebenden und Dokumenten aus der NS-Zeit. Aktivistin Petra Fritsche ist empört:

„Dieser Informationskasten wurde schon zweimal eingeschlagen, alle Dokumente wurden gestohlen und es wurden Pamphlete hinterlassen: Dass man genug habe von diesem Schuld-Kult, und dass man Berlin stolpersteinfrei machen wolle. Das weist auch ganz eindeutig auf Nazis hin, auf Faschisten. Denn es ist die Wortwahl der Nazis.“

Eine Polizistin schaut sich am 06.06.2013 in Berlin in der Stierstraße im Stadtteil Friedenau beschmierte Stolpersteine an. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)Von Unbekannten mit schwarzer Farbe beschmierte Stolpersteine in Berlin. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Von Anfang an Steine des Anstoßes

Die Stolpersteine waren von Anfang an Steine des Anstoßes. Als Vorläufer der Messingtafeln gelten Erinnerungsschilder, die 1993 in Berlin-Schöneberg an Laternen angebracht wurden. Viele Passanten waren anfangs irritiert über die Konfrontation mit der NS-Geschichte.

Passantin: „Wenn man pausenlos die Leute damit bombardiert, glaube ich eher, dass das zu einer Abschottung führt, als dass es wirklich Interesse weckt: Ach du meine Güte, schon wieder so etwas? Ich halte das nicht für sehr geeignet.“

Zum gleichen Zeitpunkt entwarf in Köln der Konzeptkünstler Demnig seine Fußweg-Messingplatten; 1994 stellte er die ersten 200 Stolpersteine in einer Kirche aus. Diese waren ermordeten Roma gewidmet, erst später gab es Stolpersteine für jüdische Opfer. 1995 verlegte Demnig, ohne Genehmigung, in Köln die ersten Gedenktafeln. Kurz darauf begann er auch in Berlin die Fußwege aufzustemmen – mit behördlichem Segen. Heute gibt es allein an der Spree mehr als 6000 dieser Gedenksteine. Andere Städte, wie München, wehren sich nach wie vor gegen die Fußweg-Kunst. Als Hauptkritikerin gilt Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München. Die Holocaust-Überlebende und ehemalige Chefin des Zentralrats der Juden sah von Anfang an die Pietät gefährdet.

„Für mich ist es einfach nicht verständlich, dass Menschen, die ich auch noch kannte, dass Menschen, die ich noch kannte, eventuell wieder mit Füßen getreten werden, dass Hunde dort ihre Notdurft verrichten und dass Menschen, was auch schon geschehen ist, diese Steine anspucken.“

Vielerorts Teil des Stadtbildes

In der Münchner Stolperstein-Debatte wird auch immer wieder Erfinder Demnig angegriffen: Er wolle mit seinen Gehweg-Tafeln ja nur Gewinn machen, so ein typischer Vorwurf. Der jüdische Erziehungswissenschaftler Professor Micha Brumlik kontert entschieden:

„Ich empfinde den Vorwurf des Geldscheffelns als ausgesprochen unfair. Auch Peter Eisenman, der das großartige Holocaust-Denkmal vor dem Reichstag geschaffen hat, hat sich dafür entlohnen lassen. Auch Künstler haben ein Recht, dass ihre wichtige Arbeit angemessen entlohnt wird.“

Trotz zahlreicher Probleme und Debatten – in hunderten deutschen Kommunen gehören Demnigs Messingtafeln längst zum Straßenbild, zur aktiven Erinnerungskultur. Wie in der Berliner Stierstrasse. Hier bilanziert Aktivistin und Kommunikationswissenschaftlerin Petra Fritsche, dass gerade durch den Widerstand gegen die Stolpersteine Erinnerung wach gehalten wird.

„Wenn Stolpersteine geschwärzt werden, kommen eben die Nachbarn, die Stolpersteine vielleicht angenommen haben als Gedenksteine ihres eigenen Umfeldes. Und dann fragen sie: Sollen wir die Stolpersteine putzen? Sollen wir eine Wache aufstellen? Es kommen manchmal Schulkinder, die dann die Stolpersteine putzen. Und hier zum Beispiel in der Stierstraße gibt es einen Kindergarten, da kommen sogar Kindergartenkinder und putzen Stolpersteine.“

Quelle: Deutschlandradio Kultur

Written by lbucklitsch

April 12th, 2015 at 9:24 pm

BR| 50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen: Erotisch und neurotisch

without comments

Im Jahr 1965 haben Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen aufgenommen – damals noch für viele Menschen auf beiden Seiten ein Tabu. Bis heute sind die Beziehungen alles andere als normal. Der Generator mit einer Spurensuche abseits der Diplomatie.

Von: Anne Fromm

Wenn in gut vier Wochen der 50. Geburtstag der offiziellen deutsch-israelischen Beziehungen gefeiert wird, wird viel von Moral und Verantwortung gesprochen werden – und von einer Erfolgsgeschichte. Denn was damals, am 12. Mai 1965, kaum jemand geglaubt hatte, ist heute Wirklichkeit. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sind so gut wie nie: Unter jungen Israelis ist Berlin der neue Sehnsuchtsort. Rund 15.000 von ihnen leben mittlerweile in der deutschen Hauptstadt. Eine von ihnen ist die Theaterregisseurin Yael Ronen, die am Gorki-Theater arbeitet.

„Berlin ist heute das, was New York vor 15 Jahren war: International, weltoffen, sehr billig und es bietet dir alles, was du als junger Mensch brauchst. Berlin gibt viel Geld für Kunst aus, das zieht Leute aus der ganzen Welt an. Als ich das erste Mal nach Berlin kam und plötzlich vor einer großen Gedenktafel für die deportierten Juden stand, dachte ich noch: Mein Gott, verfolgt mich diese Geschichte überall in dieser Stadt? Heute nehme ich diese ganzen Symbole kaum noch wahr, die Stolpersteine oder das Holocaust-Mahnmal.“

Yael Ronen

Mittlerweile kann man an jedem Wochenende in Tel Aviv zu Techno aus Berlin tanzen, Deutsche DJs und Bands wie zum Beispiel Modeselektor ziehen in israelischen Clubs unzählige Fans an. Während der vergangenen Fußballweltmeisterschaft gab es ein deutsches Public Viewing am Strand von Tel Aviv – und Israelis, die aus voller Kehle die deutsche Nationalhymne sangen.

Israel: gehypt und gehasst von den Deutschen

Professor Micha Brumlik | Bild: picture-alliance/dpa

„Das Wort Israel-Kritik gibt es als feststehenden Begriff.“ Professor Micha Brumlik

Auch andersherum steht die Verbindung: Kein anderes Land wird von jungen Deutschen so gehypt, aber auch gehasst wie Israel. Deutsche Billigairlines fliegen heute täglich nach Tel Aviv. Zwei Drittel der jungen Freiwilligen in Israel, die sich um Holocaustüberlebende oder Friedensinitiativen bemühen, sind Deutsche. Die israelische Küche wird gefeiert. Und doch entzündet kein anderer Konflikt in Deutschland so viel Streit, sagt auch der deutsche Jude, Publizist und Professor Micha Brumlik.

„Ich bemerke mit einigem Erstaunen dass es in der deutschen Sprache den feststehenden Begriff der Israel-Kritik gibt, es gibt sonst noch die Islamkritik und die Kapitalismuskritik; eine Amerika- Frankreich oder Englandkritik gibt es nicht und das zeigt schon allein in der Sprache, in der Semantik, dass Israel in einer Weise herausgehoben wird, dass wie gesagt dem realen Problem global gesehen keineswegs entspricht.“

Professor Micha Brumlik

Keine Frage: Die deutsch-israelischen Beziehungen sind bis heute alles andere als normal. Der Zündfunk Generator geht ihnen jenseits der offiziellen Diplomatie nach und fragt: Wie sind sie denn? In Berlin, Tel Aviv und Jerusalem bekamen wir ganz unterschiedliche Antworten: Von „erotische Spannung“, über „unerwiderte Liebe“, „obsessiv“, „neurotisch“ bis hin zu „schizophren“.

Quelle: Bayerischer Rundfunk

Written by lbucklitsch

April 12th, 2015 at 10:46 am

Tück: Religionen können Wahrheitsanspruch nicht aufgeben

without comments

bilderbox.at

Hochkarätige Wiener Fachtagung endete am Freitagabend mit Plädoyer zu einem Religionsdialog mit Lessing über Lessing hinaus – Friedensgebete in Assisi sind Fortschreibung des Konzils

11.04.2015

Mit einem Plädoyer, den interreligiösen Religionsdialog als Friedensdialog zu intensivieren, ohne den je eigenen Wahrheitsanspruch aufzugeben, endete am Freitagabend in Wien eine internationale Tagung über Lessings Ringparabel. Der Wiener Dogmatiker und Tagungsinitiator Jan-Heiner Tück zeigte in seinem Abschlussvortrag auf, dass ein solcher Dialog durchaus zentrale und heute aktuelle Motive aus Lessings Ringparabel aufgreifen könne, aber doch darüber hinaus gehen müsse: Eine Verflüssigung des Wahrheitsanspruchs in einen moralischen Wettstreit oder in eine „performative Theologie“, wie sie der Ägyptologe Jan Assmann am Vorabend empfohlen hatte, sei nur bedingt hilfreich und greife zu kurz, so Tück.

 

Wo Lessing mit seiner Ringparabel Partei gegen „eingefleischte Vorurteile und doktrinale Ignoranz“ ergreife ohne die religiösen Eigenheiten aufzugeben, wo er für Toleranz gegenüber Andersgläubigen werbe, eine kritische Infragestellung der eigenen Religion empfehle, könne man in Papst Franziskus durchaus einen würdigen Verfechter Lessings sehen. Schließlich trete auch Franziskus dafür ein, „Vorurteile und negative Stereotypen über andere Religionen abzubauen“, „Juden und Muslime in ihrem Selbstverständnis ernst zu nehmen“ und „die Schatten der christlichen Schuldgeschichte selbstkritisch aufzuarbeiten“, so Tück.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

April 12th, 2015 at 7:59 am

Amnesty International| „DAS IST EINE NEUE QUALITÄT DES ANTISEMITISMUS“

without comments

Micha Brumlik: Der Erziehungswissenschaftler und Publizist im Gespräch: © Stefan Boness/ IponMicha Brumlik: Der Erziehungswissenschaftler und Publizist im Gespräch: © Stefan Boness/ Ipon

Fünf jüdische Bürger, die bei Attentaten in Paris und Kopen­hagen getötet wurden, sowie alltägliche Übergriffe überall in Europa zeugen von einem verstärkten Antisemitismus. In Deutschland stieg die Zahl antisemitischer Straftaten von 788 im Jahr 2013 auf 1.076 im Jahr 2014, und der Zentralrat der Juden warnte davor, in „Problemvierteln“ eine Kippa zu tragen. Im ­Januar debattierte die UNO-Vollversammlung erstmals in ­ihrer Geschichte über Antisemitismus. Ein Interview mit Micha Brumlik.

Paris und Kopenhagen zeigten es zuletzt: Immer häufiger kommt es zu tödlichen Anschlägen auf jüdische Bürger in Europa. Erreicht der Antisemitismus damit eine neue Qualität?
Die mörderischen Anschläge vor allem in Frankreich, aber auch in Dänemark zeigen ein Bild, das es seit dem Zweiten Weltkrieg jedenfalls im westlichen Europa nicht gegeben hat. Das ist eine neue Qualität des Antisemitismus. Zugleich hat es antisemitische Einstellungen und Haltungen schon immer gegeben, das ist nichts Neues.

Jenseits dieser extremen Gewalttaten – wie gefährlich ist es gegenwärtig in Europa, seinen jüdischen Glauben alltäglich und offen zu praktizieren?
Es kommt darauf an, wo man wohnt. Sogar in Paris sind die Stadtquartiere, in denen die Oberschicht oder die gehobene Mittelschicht wohnt, wenig problematisch. Charakteristischerweise haben sich all diese Morde und Übergriffe in den Vororten ereignet, in denen eine ärmere Bevölkerung lebt, die aus nordafrikanischen Immigranten muslimischer und nicht-muslimischer Herkunft zusammengesetzt ist.

In Deutschland wird der Vorwurf des Antisemitismus gerne auf Muslime oder Islamisten abgewälzt. Halten Sie das für zulässig?
Nein, da genügt ein Blick in die polizeiliche Kriminalstatistik: Für antisemitische Vergehen sind nach wie vor vor allem deutsche Rechtsextremisten verantwortlich, die keineswegs ­eingewandert sind. Meinungsumfragen zufolge ist der Antisemitismus unter Muslimen keineswegs ausgeprägter als innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Allerdings gibt es hierbei auch immer ein Dunkelfeld. Den Berliner Rabbiner Daniel Alter schlugen vor knapp zwei Jahren vermutlich junge Immigranten nieder.

Was hilft gegen den gegenwärtigen Antisemitismus?
Es ist wichtig, mit Jugendlichen zu arbeiten, ihnen aufzu­zeigen, was das Judentum ist, und ihnen deutlich zu machen, dass Judentum und die jeweilige Politik israelischer Regierungen nicht dasselbe sind. Denn wichtig ist: Der klassische Antisemitismus, der eine jüdische Weltverschwörung zusammen­fantasiert, spielt kaum noch eine Rolle.

Wer heute als Anti­semit „up to date“ sein will, präsentiert sich als sogenannter Israel­kritiker – was im Umkehrschluss nicht heißt, dass alle Leute, die, aus welchen Motiven auch immer, die jeweilige Politik ­israelischer Regierungen kritisieren, deswegen Antisemiten sind. Was aber auffällt: Es gibt keine Englandkritik, keine Frankreichkritik, aber eine Kapitalismuskritik, eine Islamkritik und eine Israelkritik. Schon die Semantik zeigt, dass da etwas nicht stimmt.

Ein Gerichtsurteil aus Wuppertal machte zuletzt Schlagzeilen: Können Gewalttäter versuchen, eine Synagoge anzuzünden, ohne dabei „per se antisemitisch“ zu handeln, wie es der Richterspruch nahelegt?
Das ist ein Fehlurteil. Die Richter meinten vermutlich, die Intentionen der Täter erkannt zu haben, und dachten wohl, sie hätten es mit einem dummen Jungenstreich zu tun. Aber auch dumme Jungenstreiche können antisemitisch motiviert sein.

Fragen: Andreas Koob

Micha Brumlik
Erziehungswissenschaftler und Publizist, ist gegenwärtig Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Der 67-Jährige ist emeritierter Professor am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M., einer ­seiner Schwerpunkte ist Antisemitismusforschung.

Quelle: Amnesty International

Written by lbucklitsch

April 7th, 2015 at 6:08 am

Offener Brief an den hessischen Wirtschaftsminister

without comments

Sehr geehrter Herr Minister, lieber Tarek Al-Wazir,

als Hochschullehrer und bekennende Sympathisanten der Grünen, vor allem der Grünen in Hessen, möchten wir unsere Verwunderung darüber zum Ausdruck bringen, was Grüne Politik heutzutage offensichtlich ist – und was nicht. Der 18. März diesen Jahres führte uns mit symbolischer Deutlichkeit das Ausmaß der viel beklagten „Postdemokratie“ vor Augen: Während Sie in Ihrer Rolle als Hessischer Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung in der EZB mit den Worten, dies sei ein guter Tag für Frankfurt, das Band zur Eröffnung des 1,3 Milliarden Euro teuren Hochhauses zerschnitten, war die Verbindung der Grünen zu den friedlich protestierenden Bürgern längst abgerissen. Während die EZB, Symbol eines übermächtigen Finanzkapitalismus und glasgewordene Intransparenz, den demokratisch gewählten Repräsentanten die finanzpolitische Entscheidungsmacht abgenommen hat, formiert sich draußen vor der Tür der Widerstand gegen eine Politik, die über die Köpfe der Bürger hinweggeht.

Auch wir verurteilen die gewalttätigen Ausschreitungen am Vormittag des 18. März aufs Schärfste. Jedoch: 99% der Demonstranten in den Straßen Frankfurts ging es nicht um Gewaltaktionen, sondern um Themen, die uns alle betreffen: Solidarität mit den südeuropäischen Ländern, eine weltweite gerechte Ressourcenverteilung, ein Ende der ungehemmten Marktexpansion zugunsten der Reichen und Superreichen und zulasten der Vielen; zudem um mehr tatsächliche, demokratische Mitbestimmung, um ein Ende der Deregulierung der US- und anderer Finanzmärkte, die zur ungesteuerten Vermarktung des Geldes führte und nicht zuletzt, – wie von Naomi Klein auf dem Römerberg gefordert,- um eine ökologische Wende, die die verheerenden Folgen des Klimawandels wirklich ernst nimmt. Waren dies nicht alles einmal Grüne Themen? Und wieso sind sie das heute nicht mehr? Und warum wirkt die hessische Grüne Politik gegenwärtig so graugrün wie die Spiegelfassaden der Frankfurter Banken bei Nieselregel?

Man könnte es sich leicht machen und sagen, dass die Grünen schon immer eine Partei der bürgerlichen Bildungsschicht und nie wirklich am Klassenkampf interessiert waren… Aber das griffe zu kurz. Bei der Gründung der Grünen und im Laufe der 1980er Jahre spielten die „Ökosozialisten“, die die Umweltkrise auf eine Krise des Kapitalismus zurückführten, durchaus eine wichtige Rolle. Um die Jahrtausendwende wurde innerhalb der Grünen immerhin eine Debatte über die weltweit gerechte Verteilung von Gütern und Produktionsmitteln geführt. Aber entscheidend ist heute, dass sich die Grünen jetzt den oben genannten Themen öffnen könnten – und dies auch tun sollten, wenn sie noch an ihren Grundsätzen, dem der radikalen Demokratie und der Nähe zu sozialen Bewegungen, festhalten wollen. Das aber hieße, sich nicht hinter Stacheldraht zu verschanzen und die gravierenden Folgen kapitalistischer Verhältnisse zu ignorieren:

Armut, wachsende Ungleichheit, das Pegida-Gefühl, abgehängt zu sein, der Eindruck, zu »rödeln«‚ ohne jemals auf einen grünen Zweig zu kommen. Dazu würde eine Finanz- und Wirtschaftspolitik gehören, bei der die EZB den Finanzsektor nicht einfach nur mit billigem Geld flutet und dadurch erneut Anreize für Finanzspekulationen schafft – ohne durch marktpolitische Maßnahmen wirkliches Wirtschaftswachstum zu erreichen. Billig ist das Geld nämlich nur für das Kapital, nicht aber für jene die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Billig ist es für die, die drinnen stehen, nicht für die, die draußen blieiben müssen. Das gesellschaftsverändernde Potenzial, zu dem auch die Unzufriedenheit mit den Verhältnissen gehört, wird derzeit weder von den Grünen, noch von den meisten anderen etablierten Parteien aufgegriffen. Eine vertane Chance für die Demokratie und damit vielleicht Morgenluft eine für rechtspopulistische Kräfte, die man doch eigentlich nicht stärken möchte.

Mit freundlichen Grüßen

Regina Kreide und Micha Brumlik

Written by lbucklitsch

April 7th, 2015 at 6:00 am

TAZ| Seine Katastrophe

without comments

SELBSTMITLEID UND RESSENTIMENT Die Aufzeichnungen Martin Heideggers aus den Jahren 1942-1948

VON MICHA BRUMLIK

Am 21. April 1945 wurde Freiburg im Breisgau durch den Einmarsch französischer Truppen vom Nationalsozialismus befreit. Der Freiburger Philosoph Martin Heidegger, er war nie aus der NSDAP ausgetreten, saß im Alter von 56 Jahren zu Hause und mochte weder Freude noch Erleichterung empfinden. Für ihn begann die wahre Katastrophe erst jetzt. Die Behörden der Besatzungsmacht und die von ihr eingesetzten „Reinigungskommissionen“ der Universität taten sich schwer mit dem weltberühmten Philosophen, der sich in einer beispiellosen Weise diskreditiert hatte. Nach einem unmittelbaren Lehrverbot, jahrelangem Hin und Her und unzähligen Gutachten wurde Heidegger fünf Jahre später, ohne dass das Lehrverbot aufgehoben wurde, emeritiert.

In dieser Zeit entstand die vierte Abteilung der „Schwarzen Hefte“, die den Philosophen als ressentimentgeladenen Antisemiten, Feind des Christentums, unbelehrbaren Zeitzeugen sowie überzeugten Verächter der Demokratie ausweisen. Mehr noch: Der Philosoph kritisierte alles, worauf die Bundesrepublik Deutschland gegründet werden sollte: von ihrem Drang nach Wohlstand bis hin zur moralischen Selbstvergewisserung angesichts des Holocaust.

So deutet er den Mord an den Juden „seinsgeschichtlich“: „Wenn erst das wesenhaft ,Jüdische‘ im metaphysischen Sinne gegen das Jüdische kämpft, ist der Höhepunkt der Selbstvernichtung in der Geschichte erreicht; gesetzt, daß das ,Jüdische‘ überall die Herrschaft an sich gerissen hat, so daß auch die Bekämpfung ,des Jüdischen‘ und sie zuvörderst in die Botmäßigkeit zu ihm gelangt.“

Sechs Millionen Juden sind – mit anderen Worten – jenen Strukturen zum Opfer gefallen, die ihr Glauben fordert. Derlei Hinweise seien, merkt Heidegger später an, kein Antisemitismus – sei dieser doch „töricht“ und „verwerflich“. Das gilt nicht für das Christentum: sofern es den Antisemitismus als „unchristlich“ brandmarke, stelle es damit nur die Raffinesse seiner Machttechnik unter Beweis.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

April 4th, 2015 at 11:43 am