Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for Februar, 2016

TAZ| 60. Geburtstag von Judith Butler: Antigones Moralismus

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Das „Unbehagen der Geschlechter“ hat sie weltberühmt gemacht. Doch die Israelkritik der Philosophin wird der komplexen Wirklichkeit nicht gerecht.

Judith Butler, die am 24. Februar ihren sechzigsten Geburtstag begeht, wirkt gelegentlich wie ein philosophischer Popstar, der begeisterte Säle füllt; Säle, die einer Denkerin und Polemikerin dafür danken, dass sie wie keine andere verhärtete heteronormative Ordnungen und starre Geschlechterrollen kritisiert hat.

Gleichwohl: Butler, deren Auszeichnung mit dem renommierten Adorno-Preis der Stadt Frankfurt am Main im Jahr 2012 Gegenstand heftiger Polemik war, ist gar nicht anders zu verstehen denn als eine Philosophin, deren Ausgangspunkt die Philosophie des deutschen Idealismus ist.

Als Kind einer Familie von Überlebenden aus Ungarn, die viele Angehörige im Holocaust verlor, aufgewachsen, genoss sie in Cleveland, Ohio, eine jüdische Erziehung, die sie schon im Alter von vierzehn Jahren drei entscheidende Fragen stellen ließ: „Warum wurde Spinoza aus der Synagoge exkommuniziert? Ist es denkbar, dass der deutsche Idealismus für den Nationalsozialismus verantwortlich ist? Sowie: „Wie soll man die existenziale Theologie einschließlich des Werks von Martin Buber verstehen?“

Die Antwort auf diese Fragen entfalten sich in einem Lebenswerk, das sehr viel mehr enthält als lediglich die Kritik heteronormativer Ordnungen. So wird Butler nicht zuletzt als Feindin staatlicher Ordnung wahrgenommen, obwohl sie als politische Theoretikerin keineswegs eine grundsätzliche Feindin jener Form menschlichen Zusammenlebens, die als „Staat“ bezeichnet wird, ist, sondern „nur“ deren Kritikerin. Und zwar in jenem Sinn, der das griechische Wort „krinein“ ursprünglich bedeutet: zu unterscheiden.

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Written by lbucklitsch

Februar 26th, 2016 at 3:36 am

BRUMLIK/FUNKE|ACHT THESEN ZUM 13. MÄRZ: DEMOKRATIE VERTEIDIGEN. DIE RECHTSRADIKALE AFD STELLEN | EIN APPELL

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Acht Thesen zum 13. März: Demokratie verteidigen. Die rechtsradikale AfD stellen

Aus Anlass der Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt

Ein Appell

Micha Brumlik/ Hajo Funke, 13. Februar 2016

1. Von Lucke zu Höcke. Die Partei AfD hat sich in atemberaubender Geschwindigkeit innerhalb eines Jahres von einer nach außen moderaten Partei rechts der CDU/CSU in eine rechtsradikale Partei der Mobilisierung rassistischer Ressentiments verwandelt.

Die Alternative für Deutschland ist im Frühjahr 2013 von wirtschaftsliberalen Professoren um Bernd Lucke und ehemalige Industriebürokraten wie Hans-Olaf Henkel in der Auseinandersetzung um den Euro als Partei rechts der CDU gegründet worden. Der Sturz von Bernd Lucke und seiner Professorenriege auf dem Parteitag von Essen im Sommer 2015 hat diese nach außen moderate Partei mit gestürzt. Die bisherige Spitze ist vom radikalen Flügel um Petry, Gauland und Höckeentmachtet worden. Vertreter der Erfurter Resolution und der Patriotischen Plattform bestimmen seither weitgehend das Geschehen der Partei.

Diese Dynamik zum Rechtsradikalismus ist nicht zu verstehen ohne den Vorlauf ihres „natürlichen Verbündeten“, der Pegida-Bewegung, die seit Oktober 2014 Ressentiments gegen Muslime und Flüchtlinge in einer Weise entfesselt hat, dass drei Monate danach die Zahl der Gewalt an Flüchtlingsheimen und Flüchtlingen auf das Doppelte geklettert ist und seither stetig steigt. Die Pegida-Bewegung hatte in schneller Folge alle Mäßigung aufgegeben und den neonazistischen Schatten, der etwa die Ordner in Dresden gestellt hat, zur rassistischen Gewalt veranlasst.

Seit Ende 2014 war mit der schon sprichwörtlichen Äußerung des Chefstrategen Gauland klar, wohin die Reise der Partei gehen soll: „Die Pegida-Bewegung ist der natürliche Verbündeter der AfD.“ Schon ein halbes Jahr später war das bürgerlich moderate Gewand der neoliberalen Professorenriege abgestreift. Und die innerparteiliche Macht vollständig in den Händen des radikalen Flügels: der neuen Vorsitzenden Frauke Petry, der mächtigen Schiedskommission, die unter Leitung des baden-württembergischen Anwalts Brett über Ausschlüsse befindet, und der Agitatoren Höcke, Poggenburg und Gauland. Damit waren die Bedingungen für eine rücksichtslose Demagogie gegen Flüchtlinge gelegt, ehe im September 2015 durch die Zuspitzung der Flüchtlingslage in Europa und der phasenweise Öffnung der Grenzen die Flüchtlinge zum Thema wurden und seither sind. Das ehemalige Mitglied Hans-Olaf Henkel spricht verbittert von einer „NPD light“, zu der die einst von ihm mit gegründete Partei geworden sei. Selten in der Geschichte des Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus ist eine ehemals moderate Rechtspartei im Nachkriegseuropa so schnell in eine rechtsradikale Partei verwandelt worden. Von dieser Demagogie zeugen die radikalen Stellungnahmen der Parteispitze:

So beschwört etwa Alexander Gauland (einst Leiter der hessischen Staatskanzlei unter dem CDU Ministerpräsidenten Wallmann) in einer Berliner Rede den Untergang Roms durch den Ansturm der Barbaren und meint Deutschland. Arabische Flüchtlinge haben hier nichts zu suchen, so Gauland an anderer Stelle.

Björn Höcke wiederum erklärt in biologistischer-rassistischer Manier, wie wir sie aus dem Nationalsozialismus kennnen, die Dekadenz der Europäer Europas im Vergleich zu den fruchtbaren Afrikanern (Björn Höcke vor dem „Institut für Staatspolitik“ der extrem neuen Rechten unter deren Beifall). Er erklärt öffentlich, dass der Syrer zwar sein Syrien behält(!), aber dadurch , dass er nach Deutschland kommt, die deutsche offenkundig völkische Identität auslösche. Höcke hält die Zuwanderung durch sogenannte Fremde für eine existenzielle Gefährdung Deutschlands, seiner deutschen Identität und ethnischen Homogenität. Migranten und Zuwandernde zerstören seiner Ansicht nach Deutschlands Gesellschaft, seine Demokratie, und das Volk. Er sagt: “Erfurt ist … schön … deutsch! Und schön deutsch soll Erfurt bleiben!“ Sein Gesellschafts- und Politik-Konzept einer organischen Nation ist ein fundamentales Gegenkonzept zum Zustand und Selbstverständnis der hiesigen liberal verfassten Demokratie. Es ist – wie das Gegenkonzept der konservativen Revolution gegen die Weimarer Republik – gegen die Berliner Republik gerichtet.Es „erlaubt“ ihm aus einer solchen Perspektive, sowohl gegen die politische Repräsentanz aller „Altparteien“ zu agitieren als auch gegen Asylflüchtlinge und die ethnische Vielfalt der Migration insgesamt. Wenn auch bemäntelt vertritt Höcke in fundamentaler Weise ein extrem rechtes Gedankengut, das ihm eine grenzenlose Kritik an den Verhältnissen und vor allem an dem Sündenbock des Asylflüchtlings bietet.

Frauke Petry schließlich erklärt Ende Januar 2016 dem „Mannheimer Morgen“, dass im Notfall gegen Flüchtlinge an der Grenze geschossen werden müsse. Frau von Storch dehnt dies im Facebook auf Frauen und Kinder aus. Der Parteivorstand weicht angesichts der riesigen Reaktionen der Öffentlichkeit zwar formal, aber nicht in der Sache zurück. Das ist offenkundig Ausdruck einer Strategie der Radikalisierung – einer geplanten Provokation in einer Politik der Mobilisierung von Erregungen und Aggressionen. 1

Die AfD will eine gegen Zuwanderung und Flüchtlinge gerichtete ethnisch-reine, völkische Nation und damit eine andere Republik. Sie ist die Partei der Mobilisierung des Ressentiments gegen Flüchtlinge, spricht von Notwehr und Widerstand und fördert damit Gewalt in einer durch die rassistische Bewegung und die gefährliche Steigerung der Gewalt gegen Flüchtlinge und Flüchtlingsunterkünfte hoch aufgeladenen Situation der Republik. Read the rest of this entry »

Written by lbucklitsch

Februar 16th, 2016 at 7:44 pm

Deutschlandradio| Flüchtlingsdebatte: Der Stammtisch wird salonfähig

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Micha Brumlik im Gespräch mit Nana Brink

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In der Flüchtlingsdebatte wird der Ton immer rauer. Der Publizist Micha Brumlik sieht deswegen die Gefahr, dass sich in Deutschland zwei politische Lager ausbilden, die – wie in den USA – nicht mehr miteinander reden können.

Der Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik macht sich große Sorgen um die politische Kultur in Deutschland. Im Deutschlandradio Kultur sagte er mit Blick auf die Debatte über den Zustrom an Flüchtlingen, es sei besorgniserregend, dass nicht mehr nur in den sozialen Medien gegeifert werde, sondern auch in „anspruchsvolleren Feuilletons“ und in der „Arena des Politischen“. Damit werde der Stammtisch in gewisser Weise salonfähig. Als Beispiele nannte Brumlik die Intellektuellen Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk, der inzwischen „absurde Verschwörungstheorien“ verbreite. Brumlik befürchtet, dass sich in Deutschland durch zunehmend zugespitzte und härter geführte Debatten Zustände wie in den USA einstellen.


 

Das Gespräch im Wortlaut:

Nana Brink: Die meisten Veranstaltungen zum Politischen Aschermittwoch, wo man ja mal so richtig draufhauen kann, die wurden gestern abgesagt aus Respekt vor den Opfern des Zugunglücks in Oberbayern. Aber manche Äußerungen im politischen Raum lassen ja vermuten, dass der Stammtisch nun doch Einzug gehalten hat in die politischen Auseinandersetzungen. Fällt uns natürlich sofort Horst Seehofer ein, der der Kanzlerin, mit der er immerhin zusammen regiert, eine „Herrschaft des Unrechts“ unterstellt.

Es gibt auch den Verfassungsrechtler Udo Di Fabio, der ins ähnliche Horn bläst, der sagt, die Kanzlerin beginge Verfassungsbruch. Oder Intellektuelle wie Rüdiger Safranski, die ziehen gegen eine naive, weil angeblich zu flüchtlingsfreundliche Politik zu Felde.

Man könnte sagen, der scharfe Ton, den wir ja sonst eigentlich nur aus Kommentaren in den sozialen Medien kennen, der hat sich nun auch seinen Weg gebahnt in die Salons dieser Republik. Welche Auswirkungen hat das? Erleben wir eine Verrohrung der politischen Sprache? Darüber spreche ich jetzt mit Micha Brumlik, emeritierter Professor an der Uni Frankfurt. Guten Morgen!

Micha Brumlik: Guten Morgen!

Brink: Sie sind ja eigentlich Erziehungswissenschaftler. Könnte man sagen, da fehlt es einfach mal an Kinderstube?

Brumlik: Das glaube ich nicht. Denn auch gut erzogene Kinder bekommen starke oder hasserfüllte Ausdrücke verboten, also, auch Personen mit guter Kinderstube wissen, wie man andere beleidigt und erniedrigt.

Brink: Was machen Sie sich denn für einen Reim darauf, auf diese Äußerungen? Sehen wir da was wie so ein Zurückpendeln von übertriebener politischer Korrektheit?

Die Zuspitzung der Debatte hat nichts mit übertriebener politischer Korrektheit zu tun

Brumlik: Also, ich kann das nicht finden. Ich kann auch nicht finden, dass die politische Korrektheit übertrieben gewesen ist. Es gibt einen Roman von Thomas Mann, „Der Zauberberg“, und da gibt es ein Kapitel, das ist überschrieben mit „Die große Gereiztheit“. Und das ist genau die gegenwärtige Stimmung.

Und diese Stimmung wird natürlich verstärkt durch die sozialen Medien, wo man im Schutze der Anonymität nun wirklich das herauslassen kann, was sonst allenfalls nach dem Genuss von einigem Alkohol am Stammtisch möglich gewesen wäre.

In der Tat besorgniserregend ist es, dass nun nicht mehr nur in den sozialen Medien entsprechend gegeifert wird, sondern auch in anspruchsvolleren Feuilletons, dass also auch Intellektuelle und Publizisten sich derlei zu eigen machen.

Brink: Aber ist das nicht fatal? Macht sich jetzt der Stammtisch dann salonfähig?

Brumlik: In gewisser Weise ja. Sie haben … Es wurde ja vorher schon Rüdiger Safranski genannt, man könnte auch an Peter Sloterdijk denken, der im „Cicero“ ganz ungeniert absurde Verschwörungstheorien beschwört, wie dass die USA, Obama, die Flüchtlinge nach Europa lenken, um die EU zu schwächen. Doch, doch, also, das setzt sich mit einer etwas gehoberen Wortwahl nun auch im Feuilleton und in der Arena des Politischen fort.

Brink: Ich frage mich dann natürlich weiterführend, was bedeutet das? Denn Sprache prägt ja das Bewusstsein. Wir haben in diesem Land ja lange über diese These diskutiert. Ist diese Begrifflichkeit, diese ja nicht gerade Finesse im Ausdruck auch ein Ausdruck von, ja, Verrohrung von Politik?

In den USA stehen sich die politischen Lager wie „feindliche Stämme“ gegenüber

Brumlik: Na ja, vor allem von Spaltung von Politik, würde ich sagen. Wir erleben ja in den USA, wo wir mittlerweile wissen, dass es zwischen diesen beiden politischen Lagern – Republikanern und Demokraten – kaum noch Brücken gibt, sondern es sind wie zwei feindliche Stämme im gleichen Land. Und es steht zu befürchten, dass sich Ähnliches auch in Deutschland wiederholen könnte. Und das polarisiert sich nun an der Flüchtlingsfrage. Menschen glauben, zu solchen harten Ausdrücken greifen zu müssen, weil die Medien differenzierter argumentieren. Aber die Antwort darauf kann ja nicht sein, dass die Medien plötzlich genauso undifferenziert draufschlagen, das ist genau das Problem.

Brink: Das ist ganz interessant, dass Sie das erwähnen, weil Giovanni di Lorenzo, der Chefredakteur der „Zeit“, der hat genau das heute auf der Titelseite der „Zeit“ zum Thema gemacht, nämlich die sprachlose Mitte. Er argumentiert, rechts und links, franst das aus, das weiß man ja, und die Mitte ist sprachlos, nicht mehr moderat. Ist das unser Problem?

Brumlik: Das ist ein Teil des Problems. Denn es sieht so aus, als würde man sich gegenwärtig bei der Behandlung der Flüchtlingsfrage in einer Entscheidungssituation befinden, in der es nur die eine oder die andere Antwort gibt. Kluge Vermittlungen hört man derzeit in der Tat selten.

Brink: Ist das auch ein Ausdruck dieser Großen Koalition? Das haben wir ja schon oft gesehen, große Koalitionen führen ja zu einer Realpolitik, da wird alles als alternativlos wahrgenommen, es gibt Verdruss bei den Wählern. Und die Antwort sind da nur extreme Positionen, rechts oder links?

Aus Ohnmacht wächst Wut, Wut äußert sich in Hass, aus Hass wird Gewalt

Brumlik: Da ist gewiss etwas dran. Andererseits, ja, was soll man sagen … Eine große … Die Rede von ‚Es gibt keine Alternative!‘, die ist natürlich politikabtötend geradezu. Das produziert Ohnmacht und aus Ohnmacht erwächst Wut. Und Wut äußert sich dann in Hass und Gewalt.

Brink: Nun habe ich mir ein bisschen die Kommentare auch aus anderen Jahrzehnten angeguckt. Und Sie sind da ja erfahrener im Zweifelsfalle, also, wenn man sich so die politischen Auseinandersetzungen der 60er-, auch 70er-Jahre, auch sozusagen in der Studentenbewegung anguckt, da war von ‚Scheißliberalen‘ die Rede bis zum ‚kapitalistischen Schweinesystem‘. Sind wir vielleicht ein bisschen überempfindlich jetzt?

Brumlik: Na ja, das war damals eine Studenten- und Jugendrevolte. Das hat zwar die Gesellschaft insgesamt sehr erschüttert, aber die Gesellschaft als Ganzes doch nicht so gespalten, scheint mir, wie sich das derzeit anzudeuten scheint.

Brink: Was ist Ihr Wunsch oder was würden Sie sich wünschen oder geben Sie mit den Publizisten oder überhaupt der Diskussion in diesem Lande?

Brumlik: Ich würde mir zunächst wünschen, dass man in der Tat in den sozialen Medien auch besser aufpasst, was dort alles an Hass verbreitet wird. Und ich würde mir wünschen, dass sogar Politiker, die extreme, sagen wir jetzt mal, Lösungen anstreben wie die Politiker der AfD, nicht mit gezielten Reden wie denen davon, dass man auf Flüchtlinge schießen kann, sie diese Stimmung noch anheizen und sie damit letzten Endes möglicherweise zu Schreibtischtätern werden, weil es dann den einen oder anderen geben kann, der sich von so etwas wirklich ermutigt fühlt, Gewalt anzuwenden.

Brink: Micha Brumlik, emeritierter Professor von der Uni Frankfurt. Vielen Dank, Herr Brumlik, für das Gespräch hier in „Studio 9“!

Brumlik: Danke schön!

Quelle: Deutschlandradio Kultur

Written by lbucklitsch

Februar 13th, 2016 at 8:33 am

Die Revolution der Gummigeschosse: Argentinien unter Mauricio Macri

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Anmerkung Micha Brumlik:

Der nachfolgende Text stammt von Kolleginnen und Kollegen, die persönlich und wissenschaftlich mit Lateinamerika, zumal mit Argentinien, verbunden sind. Der Blick auf Syrien und die Flüchtlingskrise, auf die Rechtsentwicklung  in Polen und Ungarn und hat bisher davon abgelenkt, wahrzunehmen, daß  in Lateinamerika ein ähnlicher Rechtsruck stattfindet:  in Argentinien jedenfalls exekutiert die gegenwärtige Regierung nicht nur rücksichtslos eine neoliberale Wirtschaftspolitik, sondern sichert diese auch mit menschenrechtswidrigen, polizeistaatlichen Maßnahmen ab.  

 

Die Revolution der Gummigeschosse: Argentinien unter Mauricio Macri

Gelbe Luftballons, Partymusik, das Hündchen ‚Balcarce’ auf dem Präsidentensessel: mit Mauricio Macris Regierungsantritt, so waren sich nationale und internationale Medien einig, sei in Argentinien die „fröhliche Revolution“ ausgebrochen – das Ende der populistischen Verhärtung und die „Rückkehr auf die Weltbühne“ unter Führung einer postideologischen, liberalen, demokratischen rechten Mitte. Sein grosses Idol, erklärte Macri den versammelten Journalisten von Le Monde, The Guardian, La Stampa und El País, sei Nelson Mandela. Keiner der Anwesenden schien auch nur den leisesten Verdacht auf Sarkasmus zu hegen.

Als akademisch Forschende beschäftigen wir uns seit Jahrzehnten mit der Geschichte und Kultur Argentiniens. Wir sind bestürzt. Empört. Besorgt. Während wir diese Zeilen schreiben, schiesst die Polizei mit Gummigeschossen auf Kinder und Jugendliche. Überfallartig drangen Ordnungskräfte in ein Armutsviertel ein, in dem sich Anwohner für einen der wenigen Glücksmomente versammelt hatten, die ihnen das Leben am äussersten Rand gewährt: die Probe eines Karnevalsumzugs. Die Polizisten feuerten auf alles, was sich bewegte. Ohne Ursache, ohne Begründung. Aus schierem Terror.

Seit dem Amtsantritt Mauricio Macris herrscht in Argentinien ein Klima, wie es das Land seit den blutigen Jahren der letzten Militärdiktatur nicht mehr erlebt hat. Im Schutze der alljährlichen Parlamentsferien, unter dem Deckmantel der Bekämpfung des Drogenhandels, hat der Präsident den nationalen Ausnahmezustand ausgerufen, der den Einsatz des Militärs in Fragen der inneren Sicherheit erlaubt und sogar den Abschuss von Passagierflugzeugen ohne vorherige Warnung zulässt. Niemand darf mehr ohne Ausweispapiere das Haus verlassen. Nicht einmal Mexiko ging so weit in der Antwort auf eine vermeintliche Bedrohung durch das organisierte Verbrechen – dabei ist Buenos Aires, zusammen mit Montevideo, die sicherste Hauptstadt Lateinamerikas. Ebenfalls per Dekret und in klarer Überschreitung seiner verfassungsmässigen Kompetenzen, ernannte Macri zwei alte Gewährsleute zu Bundesrichtern und setzte das Gesetz zur Regulierung der Medienmonopole ausser Kraft. Nicht einmal unter der Militärdiktatur war eine derart hohe Konzentration von Kanälen unter einer Hand erlaubt wie heute. Gleichzeitig sind unzählige kritische oder einfach nicht regierungskonforme Journalisten entlassen worden – nicht nur beim öffentlichen Rundfunk und Fernsehen, auch bei privaten Medien, denen mit staatlichem Werbeentzug gedroht wurde. Während die Besteuerung von Agrarexporten aufgehoben und durch die Abwertung des Peso eine massive Umverteilung zugunsten der reichsten Sektoren in Gang gesetzt wurde, hat im Staatsapparat eine Welle von Entlassungen eingesetzt, denen bereits nahezu 25,000 Arbeitsplätze zum Opfer gefallen sind (nochmals ebenso viele im privaten Sektor); die meisten davon in einer gezielten Säuberungskampagne gegen tatsächliche oder vermeintliche Oppositionelle.

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Written by lbucklitsch

Februar 8th, 2016 at 4:45 pm

TAZ| Vielvölkerstaat Deutschland

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Verschwörungstheorien haben Konjunktur – auch in der Zeitschrift „Cicero“. Dort sinniert Gertrud Höhler über Merkels „Masterplan“.

KOLUMNE VON

MICHA BRUMLIK – Autor und Kolumnist

Zeiten der Krise sind Blütezeiten von Verschwörungstheorien – Reflexe auf den Umstand, dass die Gesellschaft als Ganzes komplex ist, jedes Phänomen viele Ursachen und jede Ursache unterschiedliche Auswirkungen hat.

Sich hinter undurchsichtigen, schwer zu verstehenden Umständen einzelne Masterminds vorzustellen, die dämonisch alles steuern, und damit Politik zu betreiben, ist spätestens seit den um die Jahrhundertwende vom zaristischen Geheimdienst verfassten „Protokollen der Weisen von Zion“ bekannt.

Derzeit grassieren viele Verschwörungstheorien im Netz, und wie groß die allgemeine Verunsicherung angesichts der Flüchtlingskrise ist, zeigt sich daran, dass sogar bisher als seriös geltende Presseorgane derlei Tendenzen vertreten oder mindestens publizieren.

So ist in der Februarausgabe der Monatszeitschrift Cicero aus der Feder der einst als Hoffnungsträgerin der CDU geltenden, mit der NPD sympathisierenden Rechtsintellektuellen Gertrud Höhler ein Beitrag zu lesen, der in gewundenen Worten Angela Merkel allen Ernstes unterstellt, einen „Masterplan“, ein „fatalistisches Kalkül“ zur Veränderung Deutschlands zu exekutieren: „Merkels Vision einer radikalen Spitzenpolitik“, so Höhler, ziele auf ein „Deutschland als Vielvölkerstaat, in dem Religion und Herkunft geschliffen und nivelliert werden.“

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Written by lbucklitsch

Februar 4th, 2016 at 7:27 pm