Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Antijadaismus’ Category

JA| Nicht ohne den Tanach

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In Berlin diskutierten Juden und Protestanten über den Zustand des interreligiösen Dialogs

 von Ingo WayIngo Way

Im April dieses Jahres sorgte ein Aufsatz des protestantischen Theologen Notger Slenczka, der bereits zwei Jahre zuvor veröffentlicht worden war, für heftige Debatten (vgl. Jüdische Allgemeine vom 23. April). Darin hatte Slenczka die These vertreten, dass der Tanach, das Alte Testament (AT) in christlicher Diktion, nicht als heiliger Text des Christentums gelten könne.

Er regte daher an, den Tanach unter die Apokryphen einzuordnen, also jenen Texten des Judentums, die für Christen nicht zum biblischen Kanon zählen. »Sie – die christliche Kirche – ist als solche in den Texten des AT nicht angesprochen«, schrieb Slenczka. Sowohl von jüdischer als auch von christlicher Seite war ihm daraufhin Antijudaismus vorgeworfen worden.

Nun wollte die Evangelische Akademie zu Berlin in Zusammenarbeit mit dem Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ) auf der Tagung »›Nicht ohne das Alte Testament‹. Die Bedeutung der Hebräischen Bibel für Christentum und Judentum« gemeinsam mit Notger Slenczka dessen umstrittene Thesen diskutieren.

»SCHERBENGERICHT« Kurz vorher sagte dieser seine Teilnahme jedoch ab, weil er der Meinung war, dass seine Haltung falsch dargestellt werde. Die Veranstaltung sei im Lichte des Ankündigungsflyers als »Scherbengericht« über eine ihm fälschlicherweise zugeschriebene Position angelegt, hieß es in seinem Schreiben an die Akademie.

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Written by lbucklitsch

Dezember 17th, 2015 at 3:50 am

evangelisch.de| Neue Runde im Professorenstreit um Altes Testament

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Theologieprofessor Slenczka sagt Teilnahme an Akademietagung ab
Die Kontroverse über den Stellenwert des Alten Testamentes für die evangelische Theologie geht in eine neue Runde. Der evangelische Theologieprofessor Notger Slenczka, dessen Thesen vor einigen Monaten Kritik bei Professorenkollegen ausgelöst hatten, zog nun seine Zusage zur Teilnahme an einer Tagung der Evangelischen Akademie zu Berlin zurück. Slenczka begründete diesen Schritt mit nachträglichen Änderungen in der Ausrichtung und im Programm der Tagung, ergibt sich aus einem am Mittwoch veröffentlichten Schreiben des Theologen an die Akademie. Rüdiger Sachau, Direktor der Evangelischen Akademie, wies die Vorwürfe zurück.

Die Veranstaltung „Nicht ohne das Alte Testament“ sei im Lichte des Ankündigungsflyers als „Scherbengericht“ über eine ihm fälschlicherweise zugeschriebene Position angelegt, schreibt Slenczka. Der an der Humboldt Universität Systematische Theologie lehrende Professor wirft der Akademie vor, sie mache sich dabei zur „Gehilfin der Debattenfeigheit“.

Laut Programm will die Akademietagung der Frage nachgehen, ob es einem christlichen Ernstnehmen der Bedeutung der hebräischen Bibel für das Judentum entspreche, „wenn man das ‚Alte Testament‘ aus dem christlichen Kanon herausschneidet?“. Slenczka sollte dabei über „Das Alte im Neuen. Sechs Thesen zur hermeneutischen Frage im Hintergrund des Streits um das Alte Testament“ sprechen und anschließend mit dem jüdischen Pädagogen Micha Brumlik diskutieren.

Anmeldungen für Tagung überraschend hoch

Den Vorwurf einer „Debattenfeigheit“ weise die Evangelische Akademie entschieden zurück, sagte Direktor Sachau. Der Beitrag von Slenczka und das Podiumsgespräch mit Brumlik hätten am zweiten Veranstaltungstag einen zentralen Platz eingenommen. Das Tagungsprogramm sei ein Beleg dafür, dass wir uns der Debatte mit Slenczka gern gestellt hätten. Die Anmeldezahlen für die Tagung, die vom 8. bis 11. Dezember in der Französischen Friedrichstadtkirche stattfindet, überträfen die Erwartungen, ergänzte Sachau. Bisher haben sich 125 Teilnehmer angemeldet.

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TAZ| Forschung zu Antijudaismus: Der ewige Sündenbock

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Drei neue Bücher untersuchen Antijudaismus und Antisemitismus. Die Autoren setzen jeweils eigene Schwerpunkte.

Jemand hält eine Flagge, auf der ein Davidstern zu sehen ist.

Kippa-Flashmob: Demonstration für mehr Solidarität mit Juden in Hannover im März dieses Jahres. Foto: dpa

Seitdem im vergangenen Sommer aus Protest gegen das Vorgehen des israelischen Militärs in Gaza auf deutschen Straßen wieder hasserfüllte antisemitische Parolen skandiert wurden und als später die Bundesregierung Schwierigkeiten hatte, jüdische Mitglieder in eine Kommission zur Erforschung von Antisemitismus zu entsenden, ist Judenhass wieder ein viel diskutiertes Thema.

Zum besseren Verständnis leistet die Wissenschaft wertvolle Hilfe: Im letzten und in diesem Jahr sind drei neue Standardwerke auf Deutsch erschienen, die den Ursachen und Folgen dieses menschenverachtenden Phänomens nachgehen.

Während der US-amerikanische Mediävist David Nirenberg um den Nachweis bemüht ist, dass „Antijudaismus“, den er bewusst vom „Antisemitismus“ unterscheidet, eine, wenn nicht die Grundströmung westlichen Denkens ist, geht es der Historikerin Susanne Wein in einem magistralen Werk um „Antisemitismus im Reichstag“, um „Judenfeindliche Sprache in Politik und Gesellschaft der Weimarer Republik“.

Schließlich wird in dem von den Kulturwissenschaftlern Hans Joachim Hahn und Olaf Kistenmacher herausgegebenen Band „Beschreibungsversuche der Judenfeindschaft“ die Antisemitismusforschung selbstreflexiv, in dem sie ihre Geschichte erforscht.

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Juli 30th, 2015 at 11:58 am

NZZ| Streit um das Alte Testament: Christentum ohne Wurzel?

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An den anstössigen Thesen eines protestantischen Theologen hat sich eine Debatte entzündet: Soll das Alte Testament weiterhin zu den Texten gehören, die für den christlichen Glauben verbindlich sind?

von Jan-Heiner Tück

Jesus, der das Kreuz trägt, ist der alttestamentliche Isaak vorausgegangen, der das für ihn bestimmte Opferholz schultert. So deutet es ein Erbauungsbuch um 1360.
Jesus, der das Kreuz trägt, ist der alttestamentliche Isaak vorausgegangen, der das für ihn bestimmte Opferholz schultert. So deutet es ein Erbauungsbuch um 1360. (Bild: AKG)

In der Theologen-Zunft ist ein heftiger Streit entbrannt. Schauplatz ist die Evangelisch-Theologische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Der dort lehrende systematische Theologe Notger Slenczka hat im «Marburger Jahrbuch für Theologie» bereits 2013 einen Aufsatz mit dem Titel «Die Kirche und das Alte Testament» veröffentlicht, in dem er die provokante Empfehlung aussprach, das Alte Testament aus dem Kanon der Heiligen Schriften herauszunehmen und auf das Niveau sogenannter apokrypher Schriften herabzustufen. Dieses Votum, das angesichts der Wertschätzung des «Ersten Testaments» (Erich Zenger) in einer durch die Shoah sensibilisierten Theologie befremdet, ist zunächst weithin unbeachtet geblieben. Erst als der Präsident des Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Friedhelm Pieper, eine empörte Stellungnahme lancierte und Slenczka unverblümt Antijudaismus vorwarf, kam eine Debatte ins Rollen, an der sich namhafte Religionsdeuter wie Jan Assmann , Micha Brumlik und Friedrich Wilhelm Graf beteiligten. Aus der Berliner Fakultät meldeten sich fünf Kollegen mit einer distanzierenden Stellungnahme, darunter Christoph Markschies, ehemaliger Präsident der Humboldt-Universität und einer der bekanntesten Theologen im deutschen Sprachraum. Er hat die Thesen in die Nähe einer «Nazi-Theologie» gerückt und eine Podiumsdiskussion mit Slenczka mit dem Hinweis abgelehnt, über die Zugehörigkeit des Alten Testaments zum Kanon müsse man heute ebenso wenig mehr streiten wie über die Frage, ob die Erde eine Scheibe sei.

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Juni 21st, 2015 at 8:15 am

nd| Kein Glaube. Kein Dogma. Kein Kanon.

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Ein Streit um die Bedeutung des Alten Testaments zeigt die Grenzen der »wissenschaftlichen« Theologie auf

Muss das Alte Testament für Christen zum biblischen Kanon gehören? Notger Slenczka, Theologieprofessor in Berlin, plädiert für eine »Entheiligung« und handelt sich den Verdacht des Antijudaismus ein.
Der HERR und jaysus

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln (Psalm 23) – „Gottvater“ von Paolo Veronese (1528 – 1588)

Ließ der Höchste »seine Stimme erschallen mit Hagel und Blitzen«, wie es Psalm 18 verheißt? Steckte er gar hinter dem tückischen Tornado, der diese Woche die mecklenburgische Kleinstadt Bützow anderthalb Jahrhunderte nach literarischer Publizität (Wilhelm Raabe, »Die Gänse von Bützow«) ins Zentrum medialer Kundgabe peitschte? Immerhin gehören die insgesamt 150 Psalmen zu jenem Teil der Bibel, den ein häretischer Hochschultheologe angeblich »infrage stellen«, »einfach herauskürzen«, »verbannen«, gar »abschaffen« will. So jedenfalls einige der vollmundigen Vokabeln, mit denen die Positionen von Notger Slenczka (55), Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, in den Medien markiert wurden.

Nun ist, was für Gottes Mühlen gilt, auch denen seiner Kirche – sei sie katholisch, evangelisch, orthodox oder sonst wie verfasst – eigen: Sie mahlen halt sehr langsam. So kommt es, dass der Vortrag »Die Kirche und das Alte Testament«, den Slenczka 2013 hielt und selben Jahres in einem Sammelband publizierte, erst jetzt eine öffentliche Skandalisierung erfuhr.

Da es eine oberste Glaubensbehörde, wie sie dem Papst seit Inquisitionszeiten solide zuarbeitet, in der evangelischen Kirche nicht gibt, erfolgte die Aufdeckung in klassisch dezentraler Manier: Der hessische Pfarrer Friedhelm Pieper, Evangelischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, zeigte in einer Stellungnahme einen »handfesten theologischen Skandal im gegenwärtigen deutschen Protestantismus« an. Slenczka verlasse mit seinen Ansichten einen »Grundkonsens christlicher Theologie«.

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Mai 8th, 2015 at 8:17 pm

TAZ| Der predigende Traumatherapeut

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In Berliner theologischen Fakultäten streitet sich derzeit die ProfessorInnenschaft darüber, ob es antijüdisch ist, das Alte Testament aus dem christlichen Kanon zu entfernen. Aber auch die deutsche Palästinasolidarität, wie sie sich am Rande des Stuttgarter Kirchentages im Juni präsentieren wird, ist von derlei Anwandlungen nicht frei. Mehr noch: Sie kann dafür sogar einen jüdischen Kritiker des Alten Testaments aufbieten – Mark Braverman. Wen? Braverman, Jahrgang 1958, ist ein US-amerikanischer „Traumatherapeut“, predigt als Jude in christlichen Kirchen und hat großes Verständnis für die antisemitische Charta der Hamas. Braverman ist zudem „Executive Director“ von „Kairos USA“, einer Gruppe evangelischer Christen, die sogar heute – in Zeiten der Bedrohung von Palästinensern durch Banden des IS sowie von Assads Schergen – ausschließlich die israelische Politik kritisieren.

Dabei ist – das muss im fünfzigsten Jahr der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel gesagt werden – Kritik am israelischen Okkupationsregime unerlässlich: Im bis zum Junikrieg 1967 zum Staat Jordanien gehörigen Westjordanland und Jerusalem siedeln inzwischen etwa 750.000 israelische Juden. Das widerspricht internationalem Recht, politisch wird dadurch die Chance für eine sogenannten Zweistaatenlösung immer unwahrscheinlicher. Die israelische Siedlerbewegung, mit ihrem Kern des aus der nationalreligiösen Partei hervorgegangenen „Gusch Emunim“, „Block der Getreuen“, beruft sich zu ihrer Legitimierung kaum auf sicherheitspolitische Erwägungen, sondern – gut fundamentalistisch – auf die biblischen Landverheißungen. Ihren Argumenten haben sich auch christliche Theologen – keineswegs nur evangelikale Fundamentalisten – angeschlossen. Derlei Christenmenschen wollte Mark Braverman in einer, wie er meint, jüdischen Sicht davon überzeugen, ihre Solidarität mit Israel aufzukündigen und sie den Palästinensern zuzuwenden. Unter Berufung auf den hierzulande weitgehend unbekannten, antijüdischen US-amerikanischen Alttestamentler Walter Brueggemann geht es Braverman darum, Christen davon zu überzeugen, das Alte Testament nicht so zu lesen, als sei es Teil des Evangeliums.

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Mai 6th, 2015 at 11:22 am

Deutschlandradio Kultur| Ein Gespräch mit Prof. Micha Brumlik – „Eine Aussage gegen das Judentum“

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Ein Gespräch mit Prof. Micha Brumlik – „Eine Aussage gegen das Judentum“

26.04.2015 | 07:44 Min. | Quelle: Deutschlandradio Kultur

Der evangelische Theologe Notger Slenczka sorgt mit einer Erklärung für Aufregung: Das Alte Testament ist für Christen nicht als heilig anzusehen. Der Historiker und Theologe Micha Brumlik warnt: Diese These entstammt einem antijudaistischen Christentum. www.deutschlandradiokultur.de, Religionen

 

Der evangelische Theologe Notger Slenczka sorgt mit einer Erklärung für Aufregung: Das Alte Testament ist für Christen nicht als heilig anzusehen. Der Historiker und Theologe Micha Brumlik warnt: Diese These entstammt einem antijudaistischen Christentum.

Philipp Gessler: Die Bibel, so haben es Christen seit bald 2.000 Jahren gelernt, besteht aus dem Neuen Testament, also vor allem aus den Evangelien, die die Geschichte Jesu erzählen, und dem Alten Testament, also den heiligen Schriften des Judentums. Altes und Neues Testament gehören zusammen. Gott, so sagt es der Glaube, hat den Christen in beiden Büchersammlungen Heilsnotwendiges mitgeteilt.

Der evangelische Theologe Notger Slenczka, ein Professor an der renommierten Humboldt-Universität in Berlin, erklärt nun: Kanonisch, das heißt, für Christen als heilig anzusehen, sei das Alte Testament am Ende nicht. Es sei eher wie die Apokryphen, also die Texte, die das frühe Christentum nicht in die Bibel aufgenommen hat, sagen wir es klarer, verworfen hat. Theologie-Professor Slenczka wird heftig von seinen Theologen-Kollegen wegen dieser These kritisiert – Nazi-Vergleiche fliegen durch den Raum, von antijudaistischen, also judenfeindlichen Anklängen ist die Rede.

Mit Micha Brumlik habe ich über den Fall Slenczka gesprochen. Der jüdische Intellektuelle war Professor an der Universität Frankfurt und hat sich zuletzt vor fünf Jahren in einem Buch mit der Entstehung des Christentums aus dem Judentum beschäftigt – also mit der Zeit, in der man erkannte, dass für Christen das Neue Testament nicht ohne das Alte denkbar ist. Meine erste Frage an Prof. Brumlik war: Wer als Professor der evangelischen Theologie das Alte Testament als apokryph betrachtet – wie nahe ist der eigentlich dem christlichen Antijudaismus?

Micha Brumlik: Nun, die Person, über die wir sprechen, Professor Slenczka, kann glaubwürdig widerlegen, ein klassischer Antijudaist zu sein. Weder bezweifelt er die Gültigkeit der Verheißungen an die Juden, noch vertritt er eine sogenannte Substitutionslehre, wonach die Kirche Israel abgelöst habe. Und auch die Meinung, dass die Juden in irgendeiner Weise die Gottesmörder seien, das liegt ihm völlig fern. Er spricht aber davon, dass das Alte Testament die Schrift einer partikularen Stammesreligion sei, und dass das moderne christliche Bewusstsein, wie er es versteht, damit nur fremdeln könne. Und wenn er auf dieser Basis vorschlägt, das Alte Testament aus dem christlichen Kanon zu entfernen, ist das natürlich auch eine Aussage gegen das Judentum, denn das Judentum ist ja nicht nur die Religion des Alten Testaments, aber eben doch auch.

Parallelen zu Theologen in der NS-Zeit

Gessler: Steht denn Professor Slenczka mit diesen Thesen in der antijüdischen Tradition des frühen Christentums?

Brumlik: Das frühe Christentum war überhaupt nicht antijüdisch. Es wird neuerdings wieder diskutiert, ob das nicht selbst alles jüdische Gruppen gewesen sind. Und Rabbiner Leo Baeck war sogar der Meinung, dass die Evangelien also Glaubensschriften des Judentums sind. Es steht aber in einer Tradition des neuzeitlichen Christentums. Um die Namen jetzt zu nennen, wären Schleiermacher, Adolf von Harnack und Rudolf Bultmann, die alle haben übrigens im zweiten Jahrhundert nun einen Vorläufer, einen Mann namens Markion, der dann auch aus der Kirche verstoßen wurde, weil er als einzige Schrift des Christentums nur einige Paulus-Briefe und das Lukas-Evangelium gelten lassen wollte.

Gessler: Aber es gibt trotzdem diese Gegnerschaft in den frühen Jahrzehnten zwischen den jüdischen oder israelitischen Gemeinden und den neuen christlichen Gemeinden?

Brumlik: Unbestritten. Aber ob diese neuen christlichen Gemeinden tatsächlich nur aus bekehrten Heiden zusammengesetzt waren oder ob da nicht auch viele Juden dabei gewesen sind, die eben der Meinung waren, dass Jesus der Messias ist, ist religionshistorisch völlig offen, wenn ich das richtig sehe.

Gessler: Sehen Sie denn tatsächlich in diesem Fall Slenczka, bei diesem Theologen, gar Parallelen zu den öffentlich geförderten Bestrebungen mancher Theologen in der NS-Zeit, die jüdische Seite des Christentums zu tilgen?

Brumlik: Diese Parallelen gibt es leider, und Notger Slenczka wusste, warum er den bedeutendsten unter ihnen, einen Göttinger Philosophie- und Theologiehistoriker namens Emannuel Hirsch, verschwiegen hat. Denn der hat sogar 1935/36 eine eigene Publikation über die Schwierigkeit geschrieben für Christenmenschen, sich aufs Alte Testament zu beziehen, und dass das eigentlich nicht mehr ginge.

Gessler: Nach so vielen Jahrzehnten der jüdisch-christlichen Zusammenarbeit und der zunehmenden Erkenntnis der jüdischen Identität Jesu in der christlichen Theologie – waren Sie überrascht, dass eine solche Theologie wie die von Professor Slenczka noch einmal auftauchen kann?

Brumlik: Ehrlich gesagt, ja. Und ich bin mir im Moment einfach nicht schlüssig, ob das die Meinung eines Einzelgängers ist oder ob es da vielleicht auch unter Theologiestudenten oder sogar in Gemeinden eine entsprechende Stimmung gibt. Das würde mich interessieren. Repräsentiert er etwas oder spricht er wirklich nur für sich selbst allein? Ich könnte mir vorstellen, dass es insbesondere unter den systematischen Theologen eine Strömung gibt, die mit Bezug auf den liberalen Theologen aus Berlin, Schleiermacher, so eine Richtung verfechten. Aber das wird auszumachen sein.

Slenczka ist mit seinen Thesen eine Ausnahme

Gessler: Wenn man die Thesen von Professor Slenczka sehr wohlwollend interpretiert, könnte man sie ja auch so deuten, man sollte als christlicher Theologe nicht versuchen, das Alte Testament nur als Vorläufer des Neuen Testaments zu interpretieren, also das Judentum praktisch eingemeinden. So gesehen wäre das sogar eine ausgesprochen projüdische Herangehensweise an das Alte Testament, oder?

Brumlik: Ja, das beteuert Professor Slenczka in einer für ihn persönlich glaubwürdigen Weise. Ich darf darauf hinweisen, dass es in der evangelischen Theologie genau entgegengesetzte Positionen gibt, etwa von Frank Crüsemann aus Bielefeld, der die These vertritt, dass das Alte Testament der Wahrheitsraum des Neuen sei, und zwar einfach deswegen, weil man keine einzige Zeile Neues Testament versteht, wenn man das Alte Testament nicht kennt. Oder Klaus Wengst, der ja der Meinung ist, die Hauptfunktion Jesu sei gewesen, die Völker in den Bund Gottes mit Israel hineinzunehmen. Also da gibt es einen weiten Interpretationsspielraum.

Gessler: Wenn man sich den Fall Slenczka anschaut, wie virulent ist denn eigentlich der Antijudaismus in den Volkskirchen immer noch? Und ist das Christentum eigentlich ohne den Antijudaismus überhaupt zu haben?

Brumlik: Das glaube ich doch. Ich habe ja eben zwei Theologen genannt, könnte auch katholische Theologen nennen wie Johann-Baptist Metz. Was nach 1945 stattgefunden hat, das war ein Umdenken der Art, dass die christlichen Kirchen verstanden haben, dass der Holocaust nicht nur eine Katastrophe für sechs Millionen Juden gewesen ist, sondern auch eine Katastrophe für ein über Jahrhunderte antijudaistisches Christentum.

Gessler: Das heißt, Sie würden Herrn Slenczka schon als eine Ausnahme betrachten?

Brumlik: Also von denen, die bisher in dieser Frage seit Rudolf Bultmann, also seit 50, 60 Jahren ihre Stimme erhoben haben, ist er bis jetzt die Ausnahme. Die weitere Diskussion wird zeigen, wer und welche Gruppen ihn und seine Ansichten womöglich verteidigen oder sich ihnen beigesellen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Quelle: Soundcloud/Deutschlandradio Kultur

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April 26th, 2015 at 5:06 pm

TAZ| Theologen-Streit an der Humboldt-Uni: Das Alte, das Neue und das Fremde

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Über einen sehr speziellen religiösen Disput liegen sich Professoren an der Theologischen Fakultät der HU in den Haaren. Das Thema ist abgründiger, als es scheinen mag.

Er hat die Welt erlöst, sagt die Kirche. Nicht in allen Dingen sind sich ihre Experten sich so einig. Bild: dpa

Es gibt ziemlich haarsträubende Stellen in der Bibel. Zum Beispiel die vom Propheten Elisa, dabei hatte der eine Glatze. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Elia kennen ihn nur Insider, was an der Geschichte mit den Bären liegen dürfte. Elisa, so berichtet es das 2. Buch der Könige, ärgerte sich sehr über eine Gruppe kleiner Jungen, die ihn unterwegs verspotteten: „Kahlkopf!“, riefen sie. Und was machte der Prophet? Er „fluchte ihnen im Namen des Herrn. Da kamen zwei Bären aus dem Walde und zerrissen der Kinder zweiundvierzig.“ Ende der Geschichte.

Dabei ist die Sache mit den Bären nur eine bizarre Randnotiz. Die Textsammlung, die Christen als Altes Testament bezeichnen und Juden als Tanach, enthält auch sonst genügend Schilderungen von Gewalt, die sich meist gegen die Feinde des Volkes Israel richtet – das Volk, das Gott erwählt, zum Partner gemacht hat, sozusagen. Zu Israels Gunsten greift dieser Gott gerne auch selbst in die Handlung ein, man denke nur an das Rote Meer, in dem er das Heer des Pharao ertränkt.

Mit der Hauptfigur des Neuen Testaments – dem freundlichen Jesus, der bat, man solle seine Feinde lieben – passt das nicht so recht zusammen. Auch nicht mit dem Wirken des Paulus, der da sagte, die Erlösung gelte nicht nur Israel, sondern allen Völkern, und der gleich damit anfing, die Griechen zu bekehren. Aber sollte sich die noch junge christliche Kirche von den alten Schriften trennen? Die Entscheidung fiel dagegen aus. Die fünf Bücher Moses, die Erzählungen von den Propheten, die Psalmen, die Sprichwörter und das Hohelied blieben Teil des Kanons – jenes Textkorpus, das für die Verkündigung des Wortes Gottes verbindlich ist.

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Written by lbucklitsch

April 24th, 2015 at 6:20 am

JA| Antijudaismus in neuem Gewand?

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Ein Berliner Theologieprofessor möchte die Hebräische Bibel aus dem christlichen Kanon entfernen

23.04.2015 – von Micha Brumlik

Zwei Bücher der Hebräischen Bibel: Mischlej (Sprüche, l.) und das Buch Daniel mit Kommentaren von Raschi und Abraham ibn Esra – © Thinkstock

Anfang April versandte der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR) ein Schreiben, in dem er auf einen bisher nicht bekannt gewordenen Skandal hinwies: »Theologieprofessor will das Alte Testament aus der Heiligen Schrift verbannen«, so die Überschrift.

Im Text heißt es: »Mit nachfolgender Stellungnahme macht Friedhelm Pieper, evangelischer Präsident des DKR, einen theologischen Skandal im deutschen Pro-testantismus namhaft, der bislang beschä- menderweise ohne Kritik und Widerstand im protestantischen Raum schweigend geduldet oder ignoriert wurde. Der DKR hofft, mit dieser theologischen Stellungnahme diese Mauer des Schweigens durchbrechen und eine kritische Debatte in der evangelischen Kirche anregen zu können.«

Worum geht es? Schon 2013 hatte der an der Berliner Humboldt-Universität Systematische Theologie lehrende Notger Slenczka (Jahrgang 1960) im wenig bekannten, aber renommierten Marburger Jahrbuch Theologie XXV einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er zu begründen versuchte, warum das sogenannte Alte Testament (AT) in der Kirche keine kanonische Geltung mehr haben soll. »Damit ist aber«, so Slenczka, »das AT als Grundlage einer Predigt, die einen Text als Anrede an die Gemeinde auslegt, nicht mehr geeignet: Sie – die christliche Kirche – ist als solche in den Texten des AT nicht angesprochen.«

Zur Begründung seiner Forderung beruft sich Slenczka auf deutsche Theologen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: auf Friedrich Schleiermacher (1768–1834) und Adolf von Harnack (1851–1930).

TENACH Schleiermacher, der als Theologe zwar auch historisch arbeitete, suchte systematisch eine Theorie des frommen christlichen Selbstbewusstseins zu entfalten. Der Kirchenhistoriker Harnack hingegen wollte zeigen, dass die religionsgeschichtliche Forschung im 20. Jahrhundert endlich so weit war, zu erkennen, dass das Christentum tatsächlich eine völlig andere Religion sei als das Judentum, das sich auf das »Alte Testament«, den Tanach, beruft.

Der Name Schleiermacher steht also dafür, dass sich Christen als Angehörige einer Religionsgemeinschaft ihrer Frömmigkeit versichern müssen. Der Name Har- nack hingegen verweist auf die Annahme, das Christentum sei eine universale Religion der Liebe.

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April 23rd, 2015 at 9:31 am

Amnesty International| „DAS IST EINE NEUE QUALITÄT DES ANTISEMITISMUS“

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Micha Brumlik: Der Erziehungswissenschaftler und Publizist im Gespräch: © Stefan Boness/ IponMicha Brumlik: Der Erziehungswissenschaftler und Publizist im Gespräch: © Stefan Boness/ Ipon

Fünf jüdische Bürger, die bei Attentaten in Paris und Kopen­hagen getötet wurden, sowie alltägliche Übergriffe überall in Europa zeugen von einem verstärkten Antisemitismus. In Deutschland stieg die Zahl antisemitischer Straftaten von 788 im Jahr 2013 auf 1.076 im Jahr 2014, und der Zentralrat der Juden warnte davor, in „Problemvierteln“ eine Kippa zu tragen. Im ­Januar debattierte die UNO-Vollversammlung erstmals in ­ihrer Geschichte über Antisemitismus. Ein Interview mit Micha Brumlik.

Paris und Kopenhagen zeigten es zuletzt: Immer häufiger kommt es zu tödlichen Anschlägen auf jüdische Bürger in Europa. Erreicht der Antisemitismus damit eine neue Qualität?
Die mörderischen Anschläge vor allem in Frankreich, aber auch in Dänemark zeigen ein Bild, das es seit dem Zweiten Weltkrieg jedenfalls im westlichen Europa nicht gegeben hat. Das ist eine neue Qualität des Antisemitismus. Zugleich hat es antisemitische Einstellungen und Haltungen schon immer gegeben, das ist nichts Neues.

Jenseits dieser extremen Gewalttaten – wie gefährlich ist es gegenwärtig in Europa, seinen jüdischen Glauben alltäglich und offen zu praktizieren?
Es kommt darauf an, wo man wohnt. Sogar in Paris sind die Stadtquartiere, in denen die Oberschicht oder die gehobene Mittelschicht wohnt, wenig problematisch. Charakteristischerweise haben sich all diese Morde und Übergriffe in den Vororten ereignet, in denen eine ärmere Bevölkerung lebt, die aus nordafrikanischen Immigranten muslimischer und nicht-muslimischer Herkunft zusammengesetzt ist.

In Deutschland wird der Vorwurf des Antisemitismus gerne auf Muslime oder Islamisten abgewälzt. Halten Sie das für zulässig?
Nein, da genügt ein Blick in die polizeiliche Kriminalstatistik: Für antisemitische Vergehen sind nach wie vor vor allem deutsche Rechtsextremisten verantwortlich, die keineswegs ­eingewandert sind. Meinungsumfragen zufolge ist der Antisemitismus unter Muslimen keineswegs ausgeprägter als innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Allerdings gibt es hierbei auch immer ein Dunkelfeld. Den Berliner Rabbiner Daniel Alter schlugen vor knapp zwei Jahren vermutlich junge Immigranten nieder.

Was hilft gegen den gegenwärtigen Antisemitismus?
Es ist wichtig, mit Jugendlichen zu arbeiten, ihnen aufzu­zeigen, was das Judentum ist, und ihnen deutlich zu machen, dass Judentum und die jeweilige Politik israelischer Regierungen nicht dasselbe sind. Denn wichtig ist: Der klassische Antisemitismus, der eine jüdische Weltverschwörung zusammen­fantasiert, spielt kaum noch eine Rolle.

Wer heute als Anti­semit „up to date“ sein will, präsentiert sich als sogenannter Israel­kritiker – was im Umkehrschluss nicht heißt, dass alle Leute, die, aus welchen Motiven auch immer, die jeweilige Politik ­israelischer Regierungen kritisieren, deswegen Antisemiten sind. Was aber auffällt: Es gibt keine Englandkritik, keine Frankreichkritik, aber eine Kapitalismuskritik, eine Islamkritik und eine Israelkritik. Schon die Semantik zeigt, dass da etwas nicht stimmt.

Ein Gerichtsurteil aus Wuppertal machte zuletzt Schlagzeilen: Können Gewalttäter versuchen, eine Synagoge anzuzünden, ohne dabei „per se antisemitisch“ zu handeln, wie es der Richterspruch nahelegt?
Das ist ein Fehlurteil. Die Richter meinten vermutlich, die Intentionen der Täter erkannt zu haben, und dachten wohl, sie hätten es mit einem dummen Jungenstreich zu tun. Aber auch dumme Jungenstreiche können antisemitisch motiviert sein.

Fragen: Andreas Koob

Micha Brumlik
Erziehungswissenschaftler und Publizist, ist gegenwärtig Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Der 67-Jährige ist emeritierter Professor am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M., einer ­seiner Schwerpunkte ist Antisemitismusforschung.

Quelle: Amnesty International

Written by lbucklitsch

April 7th, 2015 at 6:08 am

Diskussion| Theologieprofessor will das Alte Testament aus der Heiligen Schrift verbannen

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„Alle Welt diskutiert, völlig zu Recht über oft auch mörderischen Antisemitismus. Weitgehend unbemerkt davon macht sich – in Teilen  der Evangelischen Theologie Deutschlands – ein neuer  theologischer Antijudaismus breit, von dem man geglaubt hatte, dass er längst  überwunden sei. Die folgende Analyse von  programmatischen Texten eines an der Humboldt Universität Berlin lehrenden, persönlich  ebenso liebenswürdigen wie diskussionsbereiten Kollegen, Prof. Notger Slenczka , weist nach, daß  – unbeschadet des Weges kulturprotestantischer Theologie in den Judenhass  des NS Staats – diese antijüdische  Haltung offenbar nichts an ihrer  Faszination verloren hat und  derzeit  in noch nicht absehbarer Weise die Ausbildung von PfarrerInnen und Pfarrern beeinflussen könnte
Lange Zeit haben all jene, die am christlich-jüdischen Gespräch beteiligt sind, es gemieden, sich mit diesen  Haltungen auseinanderzusetzen, – um derlei Theologien keine  Publizität zu verschaffen ! Das ist jetzt – in einer Zeit zunehmenden Antisemitismus –  nicht mehr möglich; die in dieser Woche beginnende Woche der Brüderlichkeit fordert, daß  wir derlei Beiträge ernst, bitter ernst nehmen: diese Debatte muss geführt werden !
Der Autor der folgenden Analyse , Dr. Friedhelm Pieper ist Evangelischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrats der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit  in Bad Nauheim sowie Referent für Partnerschaften in Europa und USA des Zentrums Oekumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau sowie der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck Frankfurt am Main .

In der Hoffnung auf eine rege Diskussion, Micha Brumlik“

, .

Theologieprofessor will das Alte Testament aus der Heiligen Schrift verbannen
Professor Dr. Notger Slenczka empfiehlt Kehrtwende zurück in den deutschen
Kulturprotestantismus

von Friedhelm Pieper
2015

Es herrscht ein merkwürdiges Schweigen um einen handfesten theologischen Skandal im
gegenwärtigen deutschen Protestantismus. Bereits 2013 erschien die Abhandlung „Die Kirche und
das Alte Testament“ des Berliner Professors für Systematische Theologie Dr. Notger Slenczka im
„Marburger Jahrbuch Theologie XXV“ (1) und hat bisher erstaunlich wenig Aufsehen erregt. Dabei

_ verlässt Slenczka mit diesem irritierenden Beitrag einen Grundkonsens christlicher Theologie: Er
glaubt, die These des KulturprotestantenAdolfvon Harnack aus dem Jahr 1921 neu empfehlen zu
sollen, wonach das Alte Testament (AT) für die Kirche aus dem Kanon der christlichen Bibel zu
entfernen sei. Die Lektüre seines Artikels lässt den Leser höchst irritiert zurück: Slenczka schlägt
die theologische Sackgasse des deutschen Kulturprotestantismus des 19. und beginnenden 20.
Jahrhunderts für die Kirche der Gegenwart als eine ernstzunehmende Gesamtschau auf den
christlichen Glauben vor, samt der darin enthaltenen Abwertung des Alten Testaments.

Religionsgeschichte als Geschichtskonstruktion

Die Sicht Harnacks auf die Religionsgeschichte wertet Slenczka als wesentlichen Beitrag zum
Verständnis des gegenwärtigen „christlichen Selbstbewusstseins“. Danach wäre der erste Teil der
Bibel für die Kirche nur als eine religions geschichtliche Vorstufe des christlichen Glaubens
wahrzunehmen. Mit J esus wäre dann eine fundamentale Weiterentwicklung geschehen, deren
grundsätzlicher Neuansatz auf „die Bedingungslosigkeit und damit auf die Universalität der
Vaterliebe Gottes und seines Reiches“ ziele und in der Folge zu einer Ablösung von der Vorstufe der
in Harnackscher Sicht nur partikularen Glaubenswelt im alten Israel ge fuhrt habe. Die Geschichte
des Christentums wäre dann als fortwährende „Selbsterfassung“ (S. 92) zu verstehen, innerhalb
derer die Reformation als „wichtiger Schritt“ zu werten sei. Vollends aber wäre die „von Jesus von
Nazareth gestiftet religiöse Idee … erst im Zuge (der) Ausarbeitung der reformatorischen Einsichten
in der Aufklärung und im 19. Jh. zum adäquaten Verständnis ihrer selbst gelangt“ (S. 93).

I

Dass diese Perspektive zu einer verheerenden Verzerrung der Inhalte der hebräischen Bibel fuhrte,
ist bekannt. Wir fmden bei Slenczka dann auch klassische Beispiele einer reduzierten
Wahrnehmung alttestamentlicher Texte in der protestantischen Theologie seit Schleiermacher
aufgefuhrt: das Alte Testament sei „ein Zeugnis einer Stammesreligion mit partikularen Anspruch“
(S. 94), das „die Universalität des Religiösen“ noch nicht zum Ausdruck bringe, die eben „erst in
Jesus von Nazareth erfasst“ wird (S. 95). So hätte denn auch – nach Bultmann – das Alte Testament
„nicht gegenwärtige Gewissheit der Nähe und der Zuwendung Gottes“ artikulieren können, denn
die „Gegenwart Gottes erschließe allein das kirchliche Kerygma“ (S. 108).

Theologischer Antijudaismus

Dass solche verzerrenden Wahrnehmungen der Texte der hebräischen Bibel Hand in Hand gehen
mit groben Verzerrungen in der Darstellung des Judentums, liegt nahe. Nur Slenczka sieht darin
kein Problem und zitiert kritiklos antijüdische Stereotypen z.B, bei Schleiermacher: „Gott als
Exekutor des Gesetzes der Vergeltung“ (S. 96). Beim Lesen alttestamentlicher Texte „verkommt“
das „christlich fromme Selbstbewusstsein“ zu einer „gesetzlichen Denkweise oder einem unfreien
Buchstabendienst“ (S. 97). Nach Slenczka ist nun damit genau eine „Verirrung“ christlichen
Selbstbewusstseins benannt, die auch Harnack zu seiner Ablehnung des Alten Testaments geführt
habe (ebd.). Nachdem Slenczka gleich zu Beginn seiner Abhandlung die Vermutung formuliert,

 

dass „Positionen, die dem Alten Testament keine konstitutive Funktion in der Kirche zubilligen
wollen, zugleich unter dem Verdacht des ‚Antijudaismus‘ zu stehen kommen“, fragt sich, welche
andere Beurteilung denn hier noch möglich ist. Indem Notger Slenczka sich derart zustimmend in
die antijüdische Tradition des deutschen Protestantismus hineinstellt, kann seine Abhandlung nicht
anders gewertet als eben so, dass sie eine Neuauflage des protestantischen Antijudaismus darstellt.
Einer solchen Kehrtwende in die theologischen Sackgassen der letzten Jahrhunderte muss energisch
widersprochen werden!

Der konstruierte Gegensatz von Universalität und Partikularität

Slenczka entscheidet, dass er sich für seine Ausführungen „nicht auf detaillierte exegetische
Debatten einlasse“ (S. 85) und also eine genauere Auseinandersetzung mit den biblischen Texten
und deren gegenwärtiger Diskussion nicht benötige. Das rächt sich. Anders hätte er nämlich
wahrnehmen können, dass die Texte der hebräischen Bibel mitnichten eine nur partikulare, allein
auf das Volk Israel reduzierte Perspektive einnehmen. Das besondere Gottesverhältnis Israels wird
von vornherein eingebettet in die Schöpfung und den Rahmen der allgemeinen
Menschheitsgeschichte. Die Geschichte Israels kommt in der hebräischen Bibel (hebräisch:

„Tanach“) als partikulare Besonderheit der universalen Geschichte Gottes mit seiner Welt zum
Ausdruck, deren universaler Horizont immer wieder thematisiert wird.

So wird es auch in der die hebräische Bibel, den „Tanach“, interpretierenden jüdischen Tradition
wahrgenommen, z.B. bei Rabbi Akiba :

„Geliebt ist der Mensch, denn er ist zum Ebenbild (Gottes) erschaffen worden; aus noch größerer
Liebe ist ihm kundgetan, dass er zum Ebenbild (Gottes) erschaffen worden ist, denn es heißt: zum
Ebenbild Gottes machte er den Menschen (Gen 9,6). Geliebt sind die Israeliten, denn sie heißen
Kinder Gottes; aus noch größerer Liebe ist ihnen kundgetan worden, dass sie Kinder Gottes heißen,
denn es heißt: Ihr seid Kinder des Herrn, eures Gottes (Dtn 14,1). “ (Pirqe Avot 3,14).

Auch im Neuen Testament kann die universale Sendung der christlichen Gemeinde zusammen mit
der bleibenden Erwählung Israels und also der fortdauernden besonderen Beziehung Gottes zu
seinem Volk wahrgenommen und ausgesagt werden.

In der exegetischen Diskussion ist seit langem der angenommene fundamentale Gegensatz
zwischen einer universalen und einer partikularen Perspektive biblischer Texte überwunden.
Slenczkas Verharren in diesem Gegensatz zeigt sich unbelehrt von den multiperspektivischen und
polyphonen Ansätzen gegenwärtiger Exegese. Ein Blick in die weiteren Beiträge im Marburger
Jahrbuch Theologie XXV allein zeigt, wie die Wahrnehmung unterschiedlicher Perspektiven in den
alttestamentlichen Texten für die gegenwärtige Debatte fruchtbar gemacht werden kann. Für Jens
Schröter gehört es z.B. zum „evidenten Befund … , dass die Schriften Israels und des Judentums im
Urchristentum gerade nicht als überholt oder als negative Kontrastfolie, sondern als Deutehorizont
für das Christusereignis betrachtet und entsprechend interpretiert werden“ (S. 57, s.a. S. 79).

Viele Texte der hebräischen Bibel, die sich auf die besondere partikulare Erfahrung des Volkes
Israel in seiner Beziehung zu Gott fokussieren, erwiesen sich zudem in der Geschichte des
Christentums als konstruktiver Bezugsrahmen zur Deutung eigener Situationen. Man denke etwa an
die universale Wirkung der alttestamentlichen Exodusgeschichten. So schreibt Peter Dabrock im
benannten Jahrbuch, dass „die alttestamentlichen Traditionen .. immer wieder Menschen inspiriert“
haben, „ihre eigenen Erfahrungen mit unrechtem ‚Recht‘ oder mit Machtmissbrauch von diesen
biblischen Geschichten her zu deuten und durch diese Deutung gestärkt gegen die eigenen
Unrechtswiderfahrnisse zu kämpfen. Oft sind unterdrückte, benachteiligte, marginalisierte
Menschen oder marginalisierte Gruppen oder Personen durch die Selbstidentifikation mit Israel,

dem Volk Gottes, überhaupt erst sprachfähig geworden, um so ihre eigenen Leidenserfahrungen
benennen zu können“. (S. 163). Im Unterschied zu Slenczka und der von ihm aufgefiihrten
religions geschichtlichen Tradition sieht Dabrock in den Texten der hebräischen Bibel Perspektiven,
denen „eine enorme Erschließungskraft für gegenwärtige Lebensverhältnisse“ zukommt (S. 164).

Slenczkas Konstrukt eines „christlichen Selbstbewusstseins“

Dreh- und Angelpunkt bei Slenczka ist der Verweis auf ein „christliches Selbstbewusstsein“ als
Kriterium der Bewertung von Texten und der Beurteilung ihrer Eignung für den Kanon einer
Heiligen Schrift. In der Tradition von Schleiermacher und Harnack konstruiert Slenczka ein solches
„christliches Selbstbewusstsein“ als Überzeugung von einer „Bedingungslosigkeit und Universalität
der Menschenliebe Gottes“, welche diese christliche Überzeugung nun in den Texten des Alten
Testaments nicht wiedererkennen würde und daher ihnen gegenüber „fremdelt“ (S. 100).

Oben wurde bereits ausgefiihrt, dass die Vereinnahmung einer universalen Perspektive allein für das
Neue Testament oder allenfalls auch für die späteren Schriften der Hebräischen Bibel exegetisch
nicht haltbar ist. Hier nun wird zusätzlich deutlich, dass die konstruierte Wahrnehmung der Texte
bei Slenczka auch zu einer eigenen Konstruktion eines „christlichen Selbstbewusstseins“ fiihrt.
Dieses „Selbstbewusstsein“ würde beim Lesen der atl. Texte „fremdeln“, was nach Slenczka dann
auch einer angeblich faktisch abwehrenden Haltung dem ersten Testament gegenüber entspräche.
Hier trifft die Kritik Friedhelm Hartensteins von „der neuzeitlich-protestantischem) Engfiihrung auf
die innere Gewissensthematik des christlichen Selbstbewusstseins“ (S. 38) zu.

Eine empirische Untersuchung für das von ihm konstruierte „christliche Selbstbewusstsein“ führt
Slenczka nicht an. Er hätte dann ja auch finden können, dass unendlich viele Christinnen und
Christen sich durch den Reichtum alttestamentlicher Texte beschenkt fiihlen. Er wäre vielleicht
auch auf die „Beliebtheit“ dieser Texte des Ersten Testaments „in der Verkündigungspraxis“ der
Kirchen gestoßen, auf die Reiner Preul zu Beginn seines Beitrags zum Marburger Jahrbuch XXV
verweist (S. 169).

Die Verdrängung des „Fremdeins“ als produktive Erfahrung

Überhaupt offenbart der Kurzschluss Slenczkas vom „Fremdeln“ zum „Abstoßen“ (S. 95) eine
merkwürdig reduzierte Lesepraxis. Es gibt kein Lesen jahrtausendealter Texte ohne die Erfahrung
eines „Fremdelns“, einer Irritation, einer nicht gleich reduzierbaren Spannung, einer nicht
umgehend beantwortbaren Herausforderung, einer unerwarteten Überraschung. Das gilt nicht nur
für die Texte des AT, sondern ebenso für die des Neuen Testaments. Aber eben gerade darin kann
weiterfiihrende Einsicht gewonnen werden! So interpretiert Friedhelm Hartenstein im selben
Jahrbuch als theologischen Zugang zum „Schriftprinzip“ die Leseerfahrung zunächst abständiger
Texte als ein „initium im Sinne der Auseinandersetzung mit dem historisch Fremden und
hermeneutisch Widerständigen, das sich eben gerade nicht von selbst versteht, sondern die Arbeit
des Verstehens fordert“ (S. 34). Den biblischen Texten sollte nicht die Funktion zugeschrieben
werden, unser bisher entwickeltes Selbstverständnis nur noch zu bestätigen, wie Peter Dabrock
deutlich macht: „Die Gefahr, dass die Fremdheit biblischer Texte dabei zugunsten resp. zuungunsten
tiefgreifender Projektionen aufgegeben würde und so gerade ihren störenden und kritischen
Charakter gegenüber unseren Selbstbildern verlöre, ist schließlich erheblich“ (S. 165). In der Tat!
Wer nach der Erfahrung eines Fremdelns die Lektüre biblischer Texte gleich abbricht, vergibt sich
die Chance, das Potential dieser Texte für die Deutung und Bewältigung auch gegenwärtiger
Lebenssituationen auszuloten, ein Potential, das jedenfalls offenbar für die anderen Autoren des
Marburger Jahrbuches XXV noch längst nicht abgegolten ist.

Slenczkas Zwei-Götter-Lehre

Gänzlich fassungslos steht der Leser dann vor der Formulierung, mit der Slenczka meint, seine
einseitige Auswahl und Deutung protestantischer Positionen hermeneutisch zusammenfassen zu
sollen. Es ergäbe sich ein Grundproblem, „nämlich die Frage nach der Aneignung eines Textes,
dessen ursprünglicher, historisch feststellbarer Sinn für die ihn kanonisierende Trägergemeinschaft
in keiner Weise als Zeugnis für Christus bzw. den Glauben der Gemeinde an ihn verstanden werden
kann: er spricht zu anderen von einem andern Gott“ (S. 111). Slenczka müsste wissen, dass sich hier
sofort die Frage erhebt, wie denn christlicherseits die Formulierung „ein anderer Gott“ überhaupt
möglich ist. Da er sich aber dazu nicht weiter einlässt, muss nun die Forderung nach Klarstellung
direkt an den Autor erhoben werden. Nicht nur die Gemeinschaft der Studierenden an der
Universität Berlin, sondern – nachdem Slenczka mit seinem Beitrag in die Öffentlichkeit getreten ist
– eben gerade diese hat einen Anspruch darauf, von Prof. Slenczka zu erfahren, wie er denn als
evangelischer Theologe ein derart schwerwiegendes Austreten aus dem christlichen Grundkonsens
verantworten wolle. „Für Luther .. hatte mit der breiten Tradition der Theologiegeschichte gegolten,
dass der Gott des Alten und des Neuen Testaments ein und derselbe ist“, so Friedhelm Hartenstein
in seinem Beitrag zum Marburger Jahrbuch XXV (S. 37). Notger Schlenczka bleibt die Auskunft
schuldig, ob dies für ihn nun nicht mehr gilt.

Der falsch verstandene christlich-jüdische Dialog

Vollends in Leere greift der Versuch Slenczkas, ausgerechnet den christlich-jüdischen Dialog als
Zeugen dafür aufzurufen, dass eine christliche Lesart der Texte des Alten Testaments abzulehnen sei
(S. 119). Die auch im Dialog mit dem Judentum neu gelernte Wahrnehmung des in seiner eigenen
Geschichte begründeten jüdischen Lesens und Lebens mit der Hebräischen Bibel hat zu der These
vom doppelten Ausgang des AT geführt, also einer jeweils eigenen Wirkung dieser Texte im
Judentum und im Christentum. Slenczka führt zwar diese These vom doppelten Ausgang des AT an
(S. 105f.), schafft es aber nicht, diese für seine Abhandlung fruchtbar zu machen. Statt dessen
zwängt er auch diesen konstruktiven Ansatz in das Korsett seiner Religionsgeschichte und
behauptet – allerdings in reichlich unscharfer Formulierung -, dass die im Alten Testament
„versammelten Texte zu den Überzeugungen der Kirche in einem doch eher konfliktuösen
Verhältnis stehen“, sodass sie eben in der Kirche nur als „religions geschichtliche Voraussetzung des
christlichen Glaubens“ zu verorten wären (S. 106). So vergibt er sich die Chance, die mit dem
christlich-jüdischen Dialog der letzten Jahrzehnte eröffnet wurde, und die darauf basiert, dass die
jüdische und die christliche Lektüre der Hebräischen Bibel, einander nicht mehr ihre Legitimität
bestreitend, damit begonnen haben, voneinander und miteinander zu lernen.

Benannte und verdrängte Widersprüche im Marburger Jahrbuch Theologie XXV

Warum, so fragt man sich angesichts der von Slenczka neu vorgetragenen These Harnacks, das Alte
Testament aus dem Kanon der christlichen Bibel zu verbannen, haben die Herausgeber des
Marburger Jahrbuchs Theologie XXV den so abwegigen Beitrag Slenczkas überhaupt
aufgenommen?

Befragt man dazu die Einleitung des Jahrbuchs von Konrad Stock, so bleibt man ein zweites Mal
irritiert zurück. Stock referiert die einzelnen Beiträge und glaubt, sie so zusammenfassen zu können,
dass sie „von der Relevanz des Alten Testaments für das Leben der Christus-Gemeinschaft in den
Kirchen und den Konfessionen“ sprechen (S. 17). Aber genau das geschieht im Beitrag von
Slenczka eben nicht. Stock referiert Slenczkas These vom „Fremdeln“ der Christen gegenüber den
Texten des Alten Testaments (S .11), um dann wenig später mit Blick auf den Beitrag Preuls dessen
beobachtete „Beliebtheit alttestamentlicher Texte in der Verkündigungspraxis der Kirche“ zu
benennen. Ich finde es höchst merkwürdig, dass der eklatante Widerspruch zwischen dem Beitrag

Slenczkas und der anderen Autoren des Jahrbuches nicht gesehen oder verdrängt wird – Autoren, die
im Unterschied zu Slenczka versuchen, einen konstruktiven und höchst lehrreichen Zugang aus
christlicher Perspektive gerade auch zu herausfordernden, sperrigen und störenden Texten der
Hebräischen Bibel aufzuzeigen.

Immerhin scheint unter den Herausgebern eine heftige Diskussion gefiihrt worden zu sein, anders
ist das vehement formulierte Vorwort zum Marburger Jahrbuch XXV von Elisabeth Gräb-Schmid
und Reiner Preul nicht zu verstehen: „Die Überzeugung eines an Aufklärung und Humanität
orientierten christlichen Glaubens, die dem bisweilen als ‚Rachegott‘ bezeichneten Gott des Alten
Testaments meint Lebewohl sagen zu müssen, ist immer noch präsent. Eine solche Theologie
enthält sich damit aber selbst jeder Aufklärung nicht nur geschichtlicher und exegetischer, sondern
auch systematisch-theologischer Art. Sie ist selbst in ihrem Kern blind für den Glauben Jesu, der
den Gott Israels als seinen Vater bekannte, ebenso wie gegenüber wesentlichen Aussagen der
paulinischen Theologie“. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen! Oder doch: es ist an der
Zeit, dass dies von Seiten Evangelischer Theologie und der Evangelischen Kirche in Deutschland
nicht mehr nur indirekt, sondern in direkter Auseinandersetzung mit der abwegigen These
Slenczkas zur Sprache kommt.

5. März 2015

Literaturangabe :

1. Slenczka, Notger, Die Kirche und das Alte Testament, in: E. Gräb-Schmidt, R. Preul (Hg.), Das
Alte Testament in der Theologie, Marburger theologische Studien 119, Leipzig 2013

Written by lbucklitsch

März 8th, 2015 at 8:58 am