Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Deutschland’ Category

Bundestag| Angriffe auf jüdische Einrichtungen von 2010 bis 04.2019

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Im Zeitraum von Anfang des Jahres 2010 bis April dieses Jahres ist es in Deutschland zu mehr als 500 Angriffen auf jüdische Einrichtungen wie Synagogen und Friedhöfen gekommen. Dies geht aus der Antwort der Bundesregierung (19/10054) auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion (19/9643) hervor. Wie die Bundesregierung dazu weiter ausführt, wurden im Zeitraum von 2010 bis 2019 (Stand: 25. April 2019) in 76 Fällen Tatverdächtige registriert.

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Mai 17th, 2019 at 10:49 am

Sara-Nussbaum-Zentrum|Antisemitismus im Europawahlkampf:Das Plakat „Israel ist unser Unglück“ der Partei „Die Rechte“ braucht eine Antwort der Demokraten!

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Antisemitismus im Europawahlkampf

Das Plakat „Israel ist unser Unglück“ der Partei „Die Rechte“ braucht eine Antwort der Demokraten!

Der Aufmarsch von Neonazis in Plauen, die antisemitischen Plakate einer kleinen rechtsextremen Partei, immer mehr judenfeindliche Ausfälle und Angriffe – es reicht! Wir brauchen eine gut hörbare Antwort der Demokraten!

Der Spruch „Israel ist unser Unglück“ erinnert klar an die nationalsozialistische Parole „Die Juden sind unser Unglück“. Das können Demokratinnen und Demokraten nicht ohne Widerspruch hinnehmen! Wo immer das unsägliche Plakat auftaucht, braucht es eine sichtbare Reaktion!

Wir haben im Rahmen einer Eil-Aktion ein Plakat entwickeln, dass engagierte Bürgerinnen und Bürger auf legale Weise verwenden können, um den antisemitischen Wahnsinn zu kontern. Jetzt aktiv werden – gegen jeden Antisemitismus!

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TAZ| In anderer Verfassung

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Kann es einen europäischen Verfassungspatriotismus in Deutschland geben? Überlegungen anlässlich dreier wichtiger Daten im Mai.

von Micha Brumlik

Der Wonnemonat Mai konfrontiert das Volk der Bundesrepublik in diesem Jahr mit mehreren bedeutsamen Terminen: der Europawahl am 26. Mai, der Erinnerung an die Gründung des Europarats vor 70 Jahren sowie dem Gedenken an die Verabschiedung des Grundgesetzes vor 70 Jahren am 23. Mai 1949 durch den Parlamentarischen Rat in Bonn.

Es war der eher konservative Politikwissenschaftler Dolf Sternberger (1907–1989), einer der Begründer der deutschen Politikwissenschaft nach dem Kriege, der den Begriff des „Verfassungspatrio­tismus“ prägte, einen Begriff, den später der Philosoph Jürgen Habermas offensiv aufgenommen hat.

Der „Verfassungspatriotismus“ sollte ein Gegenentwurf zum Nationalismus sein, das heißt das ebenso fröhliche wie mutige Eintreten für die Prinzipien des Grundgesetzes, vor allem und in erster Linie für die „Würde des Menschen“, die gemäß Artikel 1 „unantastbar“ ist. „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

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BILD|VERBÄNDE UND POLITIKER ENTSETZT ÜBER VERANSTALTUNG MIT RASMEA ODEH! Warum darf diese Terroristin in Berlin auftreten?

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von: UTA STILLER

Berlin – Rasmea Odeh war 1969 bei einem Attentat auf einen Jerusalemer Supermarkt beteiligt und einst zu lebenslanger Haft verurteilt. Nun spricht sie bei einem Vortrag in Kreuzberg.

Am Waterloo-Ufer in Kreuzberg soll Freitag die verurteilte palästinensische Terroristin Rasmea Odeh (71 oder 72) in den Räumen des Dersim-Kulturvereins einen Vortrag halten. Sie ist Gast der Veranstaltung „Palästinensische Frauen im Befreiungskampf“.

Darauf hat das Berliner Jüdische Forum hingewiesen. Sprecherin Lala Süsskind: „Es ist unerträglich, dass hier in Berlin eine palästinensische Terroristin für ihren mörderischen Kampf gegen Israel und die Juden als Freiheitskämpferin verklärt und gefeiert werden soll. Es muss doch eine Möglichkeit geben, dieser schamlosen Glorifizierung einer antisemitischen Mörderin Einhalt zu gebieten.“

Odeh wurde 1970 in Israel wegen der Beteiligung an einem Bombenattentat auf einen Jerusalemer Supermarkt 1969, bei dem die Studenten Leon Kanner und Eddie Joffe starben, zu lebenslanger Haft verurteilt. 1980 wurde sie gemeinsam mit 77 weiteren Häftlingen im Austausch gegen einen israelischen Soldaten freigepresst, sie lebt in Jordanien.

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März 14th, 2019 at 2:53 pm

Deutschlandfunk| Antisemitismusvorwurf – Umstrittene Stimme

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Der Göttinger Friedenspreis 2019 geht an den Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“. Der Zentralrat der Juden kritisiert die Entscheidung, da der Verein die Boykottbewegung gegen Israel unterstütze. Stadt und Uni distanzierten sich von der Auszeichnung, verliehen wird er trotzdem.

Von Michael Hollenbach

Zu den schärfsten Kritikern der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ gehört Achim Dörfer, der zweite Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Göttingen. Er begrüßt ausdrücklich den Rückzug von Universität, Stadt und Sparkasse von der Preisverleihung.

„Was für mich klar ist: Es darf dafür keine öffentliche Unterstützung geben. Es darf aus der Mitte der Gesellschaft keine Unterstützung geben.“

„Das ist eine feige Rückzugsentscheidung, und sie ist auch unehrlich begründet“, sagt dagegen Andreas Zumach.

Der Journalist ist Jury-Vorsitzender des Göttinger Friedenspreises. Er kritisiert, dass die Unipräsidentin und der Oberbürgermeister dem Druck des Zentralrats der Juden in Deutschland nachgegeben hätten.

„Denn sie haben die ausführlich begründete Entscheidung der Jury des Göttinger Friedenspreises geringer gewichtet als die Rufmordversuche, Falschbehauptungen des Zentralrat-Vorsitzenden der Juden Schuster.“

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März 8th, 2019 at 11:58 am

TAZ| Nationalisten? Verfassungspatrioten!

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von Micha Brumlik

Sind Militärrabiner in der Bundeswehr ein Rückschritt? Nein, was der Zentralrat der Juden in Deutschland fordert, ist im Sinne des Grundgesetzes.

Manche mögen es befremdlich finden, dass ausgerechnet der Zentralrat der Juden in Deutschland derzeit vehement fordert, in der Bundeswehr mit ihren gerade einmal dreihundert jüdischen Soldaten Militärrabbiner einzustellen. Also auch hier neuer Nationalismus? Im Gegenteil! Geht es doch gerade darum, Verfassungspatriotismus zu fördern.

Wie heißt es doch im ersten Artikel des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“ Hier ist von der Würde des Menschen, und das heißt aller Menschen, die Rede – und eben nicht: der Würde des Deutschen.

Tatsächlich ist es nicht zuletzt eine jüdische Erfahrung, die sich darin niederschlägt. So wird in des italienisch-jüdischen Chemikers Primo Levi kristallklarem Bericht über seine Lagerhaft in Auschwitz den Erfahrungen absoluter Entwürdigung Rechnung getragen: „Mensch ist“, so notiert Levi für den 26. Januar 1944, einen Tag vor der Befreiung des Lagers „wer tötet, wer Unrecht zufügt oder erleidet; kein Mensch ist, wer jede Zurückhaltung verloren hat und sein Bett mit einem Leichnam teilt. Und wer darauf gewartet hat, bis sein Nachbar mit Sterben zu Ende ist, damit er ihm ein Viertel Brot abnehmen kann, der ist, wenngleich ohne Schuld, vom Vorbild des denkenden Menschen weiter entfernt als … der grausamste Sadist.“

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März 6th, 2019 at 9:49 am

tagesspiegel| Initiative will Altersarmut bekämpfen

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Jüdischen Zuwanderern aus der früheren Sowjetunion droht hierzulande Altersarmut. Ein Initiative drängt, dies zu verhindern – und legt einen Gesetzentwurf vor. CLAUDIA VON SALZEN

„Zedek“ ist hebräisch und bedeutet Gerechtigkeit. Unter diesem Namen haben vor einiger Zeit mehr als 80 Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft die Bundesregierung und das Parlament aufgefordert, die Altersarmut unter jüdischen Zuwanderern in Deutschland zu bekämpfen. Nun hat die Initiative dazu einen Gesetzesvorschlag erarbeitet, der dem Tagesspiegel vorliegt.AnzeigeAnzeige

Seit 1990 kamen etwa 200.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland, sie stellen heute die Mehrheit in den Gemeinden. Während Spätaussiedler ihre in den Staaten der früheren Sowjetunion geleisteten Berufsjahre für die Rente anrechnen lassen können, haben jüdische Zuwanderer aus denselben Ländern diese Möglichkeit nicht. Deswegen sei mehr als ein Drittel von ihnen heute auf Sozialhilfe angewiesen, sagte Sergey Lagodinsky, der dem Parlament (Repräsentantenversammlung) der Jüdischen Gemeinde zu Berlin angehört.

“Holocaust-Überlebende werden in Deutschland vor Gericht gezerrt”

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März 2nd, 2019 at 11:11 am

Stadtradio| Kontroverse um Göttinger Friedenspreis: Betrachtung aus wissenschaftlicher Sicht

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Sendung:Mittendrin [Redaktion]
Autor:Jennifer Bullert
Datum:Donnerstag, 28. Februar 2019, 15:14 Uhr
Dauer:07:37 Minuten (bisher gehört: 53)
[zitierfähiger Link / Permalink]

Eigentlich wollten die Stadt, Universität und Sparkasse Göttingen am Samstag, den 9. März, die Vergabe des Göttinger Friedenspreises der Dr. Roland-Röhl-Stiftung feiern. Eigentlich. Denn nachdem bekannt wurde, dass die Jury den Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ zum Preisträger auserkoren hatte, kam von vielen Seiten Kritik auf. Aufgrund von Verbindungen zur “Boycott, Divestment and Sanctions”-Bewegung (BDS) wird dem Verein Antisemitismus vorgeworfen. Auch der Präsident des Zentralrats der Juden äußerte sich ablehnend zur Jurywahl. Zugleich verteidigten viele Privatpersonen und der Juryvorsitzende Andreas Zumach den Verein. Inzwischen haben Stadt, Universität und Sparkasse Abstand vom Friedenspreis 2019 genommen und ihre Unterstützung zurückgezogen. Um die Kontroverse aus wissenschaftlicher Sicht zu beleuchten, hat Jennifer Bullert mit dem Publizisten Prof. Dr. Micha Brumlik vom Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg gesprochen.

00:0007:36[Download MP3]

bpb|Basiswissen Judentum

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Das Interesse am jüdischen Leben in Deutschland wächst. Zugleich aber halten sich Unwissen und Vorurteile. Dieses allgemein verständliche Handbuch bietet profundes und breites Wissen zu Juden und Judentum.

Basiswissen Judentum

Juden und Judentum: Obwohl das Interesse am jüdischen Leben in Deutschland ständig wächst, bestehen Unwissen und Vorurteile fort. Dieses allgemein verständliche Handbuch möchte dem mit profundem Wissen begegnen. Es entfaltet das Selbstverständnis des Judentums, das geprägt ist vom jüdischen Gottesbild und seinen heiligen Schriften, den Feiertagen, den Speise- und Kleidungsvorschriften sowie der besonderen Bedeutung von Bildung und Wissenschaft. Die Autoren stellen jüdische Mystik, Tradition und Wissenschaft vor und erläutern Geschichte und Bedeutung der jiddischen Sprache. Ausführlich widmen sie sich der Geschichte des Judentums mit einem Schwerpunkt auf dem 20 Jahrhundert, der Verfolgung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten und der Schoa. Das Buch beleuchtet zudem die Umstände der Staatsgründung Israels und fragt nach der Neubelebung jüdischen Lebens in Deutschland im Schatten der Schoa sowie dem Verhältnis des Judentums zu Christentum und Islam.


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Autor: Andreas Nachama / Walter Homolka / Hartmut Bomhoff, Seiten: 688, Erscheinungsdatum: 13.02.2019, Erscheinungsort: Bonn, Bestellnummer: 10307

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Februar 27th, 2019 at 1:52 pm

TAZ| Kommentar/ Göttinger Friedenspreis: Das Prinzip Kontaktschuld

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Es gibt keinen vernünftigen Grund, der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ den Göttinger Friedenspreis zu verweigern.

von Micha Brumlik

Nein, es gibt keinen vernünftigen Grund, der „Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ den ihr zugesprochenenen Preis zu verweigern beziehungsweise den Festlichkeiten der Preisverleihung fernzubleiben oder sich von ihnen zu distanzieren.

Gewiss: Unbestritten ist, dass die „Jüdische Stimme“ die Organisation „Boycott, Divestment and Sanctions“ (BDS) unterstützt. Und diese wird trotz ihrer erklärten und bisher auch durchgehaltenen Gewaltfreiheit von vielen, die dazu von der Sache berufen oder eben auch nicht berufen sind, für antisemitisch erklärt.

Erstens, weil BDS Waren von israelischen Firmen, die Juden gehören, boykottieren will – was viele an den nationalsozialistischen Judenboykott vom April 1933 erinnert.

Zweitens, weil BDS fordert, dass der Staat Israel alles besetzte und kolonialisierte arabische Land räumt – was nach Überzeugung vieler nicht weniger bedeutet als das Ende des jüdischen Staates Israel. Dem mag so sein oder nicht, indes folge man der Logik: eine Rückzugsforderung an den Staat beinhaltet immerhin, dass es auch Gebiete gibt, auf denen er legitim existiert.

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BILD|WAFFEN-SS-UNTERSTÜTZER BEKOMMEN HEUTE NOCH BIS ZU 1275 EURO/ Streit um geheime Hitler-Rente! Belgier fordern Deutschland auf, Zahlungen an Nazi-Kollaborateure einzustellen

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Die Opfer bekommen Pfennige, die Täter werden offenbar großzügig entschädigt. Doch damit soll nun Schluss sein.

In Belgien laufen Politiker Sturm dagegen, dass Deutschland Renten für Belgier überweist, die sich freiwillig in Hitlers Dienst stellten und dabei möglicherweise als Mitglieder der Waffen-SS Verletzungen davontrugen.

Was die belgischen Abgeordneten laut „Euronews“ ebenfalls umtreibt: Den belgischen Behörden werden die Namen der Rentenempfänger von deutscher Seite vorenthalten. Dadurch gingen die Renten auch noch an der Steuer vorbei. Das belgische Parlament fordert nun, dass die Rentenzahlungen aus Deutschland eingestellt werden.

Was steckt hinter dieser geheimen Hitler-Rente?

▶︎ Aus dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) heißt es auf BILD-Anfrage, dass in Belgien derzeit 18 und in Großbritannien 34 Personen Leistungen nach dem Bundesversorgungsgesetz (BVG) erhalten.

Aber warum eigentlich?

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Februar 22nd, 2019 at 6:45 am

Migazin|ANTRAG ABGELEHNT: Koalition gegen faire Rente für jüdische Einwanderer

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Vorerst gibt es keine Verbesserung der Renten jüdischer Kontingentflüchtlinge. Vertreter der großen Koalition haben einen Antrag von FDP, Grüne und Linke abgelehnt.

Vertreter der großen Koalition haben den fraktionsübergreifenden Oppositionsantrag für eine Verbesserung der Renten jüdischer Kontingentflüchtlinge abgelehnt. Bei diesem komplexen Thema gebe es keine einfache Antwort, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundessozialministerium, Kerstin Griese (SPD), am Donnerstag im Bundestag in Berlin. Bei Gesprächen in der Vergangenheit sei immer wieder klargeworden, dass eine rentenrechtliche Lösung nicht der richtige Weg sei.

Griese lehnte damit den Vorschlag ab, für jüdische Kontingentflüchtlinge, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen, das Fremdrentengesetz anzuwenden. Damit würden ihre Arbeitsjahre in den Herkunftsländern bei der Berechnung der Rente mit herangezogen.

Folge: Grundsicherung im Alter

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Februar 22nd, 2019 at 6:33 am

Bundestag|Renten für jüdische Kontingentflüchtlinge

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Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen will die Alterssicherung jüdischer Kontingentflüchtlinge verbessern. Sie hat dazu einen Antrag (19/7854) vorgelegt, in dem sie auf die schwierige finanzielle Lage vieler der 200.000 jüdischen Zuwanderer aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion hinweist. Die Grünen verlangen von der Bundesregierung deshalb, einen Härtefallfonds nicht nur für jene Menschen einzurichten, die vom Rentenüberleitungsprozess nach 1991 benachteiligt wurden, sondern auch für Spätaussiedler und jüdische Kontingentflüchtlinge.

Dies hätten Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag auch angekündigt, schreiben die Grünen. Ferner soll ein Sozialversicherungsabkommen mit den betroffenen Nachfolgestaaten der Sowjetunion abgeschlossen werden, um einen rückwirkenden Ausgleich von Alterssicherungsleistungen zu erzielen. Auch sollen jüdische Kontingentflüchtlinge rentenrechtlich mit Spätaussiedlern gleichgestellt werden, fordern die Grünen.

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Februar 20th, 2019 at 1:35 pm

ALTERSARMUT: Zeit für Zedek

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Die Stärkung und Vielfalt des jüdischen Lebens in unserem Land und das Wachsen der jüdischen Gemeinden verdanken wir der Zuwanderung aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion in den Jahren seit der deutschen Einheit. Seit 1990 sind etwa 200.000 jüdische Zuwanderer als so genannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland gekommen. Sie machen heute die große Mehrheit der in unserem Land lebenden Juden aus. Zeitgleich sind über 2,1 Millionen Russlanddeutsche als (Spät- )Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion übergesiedelt.

Beide Gruppen kehrten in das Land ihrer Ahnen zurück. Juden aus dem „Heiligen Römischen Reich (Deutscher Nation)“ waren wie die christlichen Vorfahren der Russlanddeutschen vor Jahrhunderten aus deutschen Territorien in das russische Zarenreich eingewandert oder wurden aus deutschen Ländern und Reichsstädten dorthin vertrieben. Ihre Nachfahren machten den Großteil der jüdischen Bevölkerung in der ehemaligen Sowjetunion aus. Die Spätaussiedler wie die Kontingentflüchtlinge gehören damit historisch gesehen zum deutschen Kulturkreis, sind ursprünglich aus Deutschland stämmig. Die Bundesrepublik nahm beide Gruppen aus Verantwortung vor der deutschen Geschichte auf. Gleichwohl wird diese Verantwortung in beiden Fällen unterschiedlich begründet.

Allerdings werden beide Gruppen in einem existenziellen Punkt unterschiedlich behandelt: Die Lebensleistung der Spätaussiedler, auch die Arbeitsleistungen in der ehemaligen Sowjetunion, wird nach dem so genannten „Fremdrentengesetz“ im deutschen Rentenrecht berücksichtigt. Die jüdischen Kontingentflüchtlinge sind trotz vergleichbarer Erwerbsbiographien und historischer Parallelen von dieser Regelung ausgeschlossen. Ihre Rentenbiographie beginnt unabhängig vom Alter in Deutschland bei Null. Weil sie Juden sind und nach der Rechtspraxis nicht als „Deutsche“ gelten, sind sie oft zur Altersarmut verurteilt. Wir fordern eine Gleichstellung der Juden mit den Spätaussiedlern in Bezug auf ihre Rentenansprüche!

Das deutsche Parlament hat am 18.1.2018 beschlossen: „Der Deutsche Bundestag ist dankbar, dass es nach der nationalsozialistischen Diktatur und trotz des Holocausts wieder jüdisches Leben und jüdische Kultur in Deutschland gibt. Ihre Existenz ist eine Bereicherung unserer Gesellschaft und angesichts unserer Geschichte eine besondere Vertrauenserklärung gegenüber unserer Demokratie und unserem Rechtsstaat, der wir gerecht werden wollen und die uns immer Verpflichtung sein soll. … Ein starkes und vielfältiges Judentum bereichert das Zusammenleben und festigt den Zusammenhalt von Menschen verschiedenen Glaubens in unserem Land und Europa.“

Wer sich über blühendes jüdisches Leben in Deutschland und „wieder wachsende“ jüdische Gemeinden freut, hat auch die Verantwortung für die soziale Lage der jüdischen Zuwanderer. Durch den diskriminierenden Ausschluss im Rentenrecht wird der Alltag der jüdischen Gemeinden in Deutschland von Altersarmut unter jüdischen Menschen bestimmt. Dabei sind viele der Kontingentflüchtlinge hoch qualifizierte Ärzte, Musiker, Wissenschaftler, oft Überlebende des Holocausts oder ihre Nachfahren.

Wir, Fachleute, Personen aus der Politik und dem öffentlichen Leben fordern die Mehrheit des Bundestages und die die Bundesregierung bildenden Parteien auf, die Altersarmut in deutschen jüdischen Gemeinden und die Diskriminierung der jüdischen Einwanderer bei der Rente zu beenden!

Erstunterzeichner:

Dr. Elio Adler, Vorstandsvorsitzender der WerteInitiative. Jüdisch-deutsche Positionen

Gerhart R. Baum, Bundesminister a.D.

Jürgen Becker, Kabarettist

Sibylle Berg, Schriftstellerin/Dramatikerin

Wolf Biermann, Dichter

Pamela Biermann, Sängerin

Marianne Birthler, Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen a.D.

Dr. Christine Brinck, Journalistin und Autorin

Alina Bronsky, Schriftstellerin

Prof. Dr. Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler

Prof. Dr. Georg Cremer, Merzhausen

RA Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin, Bundesministerin der Justiz a. D.

Dr. Dr.h.c. Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

Robert Dölle, Schauspieler

Andrea Fischer, Bundesministerin a.D.

Nicola Galliner, Festivaldirektorin Jüdisches Filmfestival Berlin Brandenburg

Avitall Gerstetter, Kantorin der jüdischen Gemeinde zu Berlin

Lena Gorelik, Schriftstellerin

Olga Grjasnowa, Schrifstellerin

Chefarzt Prof. Dr. med. Kristof Graf, Jüdisches Krankenhaus Berlin

Prof. Dr. Christian Hackenberger, Professor für Chemische Biologie, Humboldt-Universität zu Berlin

Prof. Dr. Benno Hafeneger, Erziehungswissenschaftler, Philipps-Universität Marburg

Georg M. Hafner, Publizist und Journalist

Eva Haller, Vorstandsvorsitzende, Europäische Janusz Korczak Akademie

Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer, früherer Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.

Prof. Dr. Kai-Uwe Hemken, Professur für Kunstwissenschaft

Rabbiner Professor Walter Homolka, Universität Potsdam

Axel M. Hochrein, Bundesvorstand, Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD)

Oded Horowitz, Vorsitzender der Jüdische Gemeinde Düsseldorf, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Nordrhein;

Dr. Wolfgang Isenberg, Akademiedirektor, Thomas-Morus-Akademie Bensberg

Galina Jarkova, Vorsitzende Liberale Jüdische Gemeinde Hamburg

Dr. Dr. h. c. Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau

Anetta Kahane, Vorsitzende des Vorstands, Amadeu-Antonio-Stiftung

Olga Kaminer, Schriftstellerin

Wladimir Kaminer, Schriftsteller

Ilana Katz, Vorsitzende Jüdische Gemeinde Kassel

Irina Katz, Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde K.d.ö.R. in Freiburg

Margot Käßmann, Theologin

Navid Kermani, SchriftstellerCharlotte Knobloch, Präsidentin, Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern K.d.ö.R.

Prof. Dr. Volkhard Krech, Professor für Religionswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum

Prof. Dr. Annette Kreutziger-Herr, Musikwissenschaft

Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin, Islamische Religionspädagogin und Publizistin

Prof. Dr. Stefan Majetschak, Universität Kassel

Markus Meckel, Außenminister a.D.

Wyatcheslaw Lagodinsky, Vorstand Jüdische Gemeinde Kassel

Alina Levshin, Schauspielerin

Ulrich Lilie, Präsident Diakonie Deutschland

Sascha Lobo, Autor

Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland

Prof. Jeanine Meerapfel, Präsidentin der Akademie der Künste, Berlin

Wenzel Michalski, Deutschlanddirektor von Human Rights Watch

Hans Misselwitz, Parlamentarischer Staatssekretär a.D des Außenministeriums der DDR., ehem. Mitglied der freigewählten Volkskammer und des Bundestages

Professor Dr. Julius H. Schoeps, Vorstandsvorsitzender Moses Mendelssohn Stiftung

Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama, Jüdischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit

Ulrich Noethen, Schauspieler

Prof. Dr. Frank Nonnenmacher, Politikdidaktiker, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck, Essen

Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland

Dr. Jan-Robert v. Renesse, Richter am Landessozialgericht NRW

Ran Ronen, Vorstand der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Mitglied im Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland

Dr. Christina Reinhardt, Kanzlerin Ruhr-Universität Bochum

Henriette Reker, Oberbürgermeisterin der Stadt Köln

Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes – Gesamtverband e.V.

Lea Rosh, Vorsitzende Förderkreis Denkmal für die ermordeten Juden Europas e.V.

Prof. Dr. David Salomon, Hildesheim, Politikwissenschaftler

Prof. Dr. Samuel Salzborn, Gastprofessor für Antisemitismusforschung, TU Berlin

Esther Schapira, Journalistin

Prof. Dr. Thomas Schirrmacher, Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit

André Schmitz, Staatssekretär a.D., Vorsitzender der Schwarzkopf-Stiftung Junges  Europa

Prof. Dr. Gesine Schwan, Humboldt-Viadrina Governance Platform

Dr.  Stanislav Skibinski, Senior Representative und Direktor der Bildungsprogramme in Deutschland für die Jewish Agency for Israel

Friede Springer

Christian Springer, Kabarettist und Autor

Lala Süsskind, Vorsitzende Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus

Prof. Dr. Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a.D.; Bundesministerin a.D.

Margarete Stokowski, Autorin

Düzen Tekkal, Publizistin

Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident a. D.

Ali Ertan Toprak, Bundesvorsitzender der Kurdischen Gemeinde in Deutschland e.V. (KGD)

Prof. Dr. phil. Armin Pfahl-Traughber, Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, Brühl.

Dr. Ellen Ueberschär, Mitglied des Domkuratoriums Brandenburg

Günter Wallraff, Schriftsteller

Prof. Dr. Christian Wiese, Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie

Prof. Dr. Jürgen Wilhelm, Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit

Prof. Dr. Michael Wolffsohn, Historiker und Publizist

Prof. Dr. Andreas Zick, Direktor des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld

Initiatoren: 

Volker Beck, Prof. Dr. Micha Brumlik, Dr. Sergey Lagodinsky

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Februar 19th, 2019 at 9:20 pm

Studie: Antisemitismus in der Schule

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Studie: Antisemitismus in der Schule

Wie verbreitet ist Antisemitismus an Schulen in Deutschland? Wie nehmen ihn Betroffene wahr? Und was können Lehrer und Pädagogen gegen Anfeindungen tun? Diese Fragen behandelt eine aktuelle Studie der Sozialwissenschaftlerin Julia Bernstein. Sie ist die erste Erhebung zu Antisemitismus im schulischen Bereich, die die Perspektive von Betroffenen in den Vordergrund stellt. Der MEDIENDIENST hatte Julia Bernstein vor der Veröffentlichung der Studie zu den wichtigsten Ergebnissen interviewt.

“Lehrer erkennen Antisemitismus oft nicht”

Immer wieder kommt es an Schulen zu antisemitischen Übergriffen. Die Soziologin Julia Bernstein hat in einer unveröffentlichten Studie jüdische Schüler, Eltern und Lehrer befragt. Im Interview mit dem MEDIENDIENST erklärt sie, warum Lehrer bei antisemitischen Vorfällen so selten einschreiten.

MEDIENDIENST: Wie äußert sich Antisemitismus in der Schule?

Julia Bernstein: “Du Jude” als Schimpfwort ist in allen Schulformen sehr verbreitet. Davon haben die meisten der rund 220 Befragten in unserer Studie berichtet. Das zeigt sich an Sätzen wie “Mach doch keine Judenaktion!” oder “Sei doch nicht so jüdisch!”. Es gibt eine ganze Reihe solcher Schimpfwörter, die das Judentum als Stigma benutzen. Lehrkräfte halten das hingegen oft für kindlichen Unfug. Sie bagatellisieren solche Äußerungen und unterbinden sie deshalb häufig nicht. Grundsätzlich zeigt sich: Lehrer erkennen Antisemitismus oft nicht.

Haben Sie weitere Formen des Antisemitismus in der Schule beobachtet?

Die Betroffenen haben sehr oft von Hakenkreuzen und Hitlergrüßen berichtet. Es gibt viele solcher Beispiele, die wir als Echo aus der Nazi-Zeit bezeichnen. So haben Befragte uns davon erzählt, dass Schüler aus Büroklammern Hakenkreuze zusammensetzen. Ein Interviewpartner hat ein sogenanntes Ausschwitz-Spiel geschildert. Da zeigt sich eine Enthemmung. Das Ausmaß hat mich überrascht. Für Juden ist das sehr verletzend. Wenn sie sich beschweren beziehungsweise fordern, dass Vorfälle klar als Antisemitismus benannt werden, hören sie aber oft, sie sollen nicht übertreiben, das sei nicht antisemitisch oder nazistisch gemeint.

Welche Rolle spielt israelbezogener Antisemitismus?

Er kommt sehr oft vor. Besonders stark äußert er sich, wenn Konflikte in Israel eskalieren. Jüdische Schüler werden zu Vertretern des Staates Israel gemacht, beschimpft oder ausgeschlossen. Diese Form ist bei allen gesellschaftlichen Gruppen verbreitet und sagt viel über die eigene kollektive Identität der Sprecher aus. Bei deutschen Menschen ohne Migrationshintergrund handelt es sich oft um den sogenannten sekundären Antisemitismus. Er zeigt sich etwa an einer Täter-Opfer-Umkehr. Damit wird die deutsche Identität geschichtlich entlastet. Antisemitisch eingestellte muslimische Jugendliche projizieren wiederum ihre eigenen Rassismuserfahrungen und ihre Identität als Minderheit in Deutschland auf diesen Konflikt. Und das, obwohl viele von ihnen nicht aus Israel oder Palästina kommen, sondern zum Beispiel aus Syrien oder dem Irak.

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Dezember 14th, 2018 at 8:13 am

MIGAZIN| EU-STUDIE: Juden in Deutschland am häufigsten angefeindet

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Sie zeige sich in der Berliner Öffentlichkeit normalerweise nicht als Jüdin, weil sie Angst habe – so lautet das Zeugnis einer älteren Frau, das in eine Umfrage der EU zu Antisemitismus einging. Ihre Angst ist, das zeigen die Ergebnisse, berechtigt.

In Deutschland werden Juden einer Umfrage in zwölf europäischen Ländern zufolge am häufigsten angefeindet. 41 Prozent der Befragten wurden im zurückliegenden Jahr Opfer einer Belästigung, die nach ihrem Urteil gegen sie als Juden gerichtet war, wie aus einer am Montag in Brüssel und Wien vorgestellten Studie der EU-Grundrechteagentur hervorgeht. In allen Ländern zusammen, in denen der Großteil der jüdischen EU-Bevölkerung lebt, lag der durchschnittliche Wert bei 28 Prozent.

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December2018This report outlines the main findings of FRA’s second survey on Jewish people’s experiences with hate crime, discrimination and antisemitism in the European Union – the biggest survey of Jewish people ever conducted worldwide. Covering 12 EU Member States, the survey reached almost 16,500 individuals who identify as being Jewish. It follows up on the agency’s first survey, conducted in seven countries in 2012.Downloads: 

Experiences and perceptions of antisemitism/Second survey on discrimination and hate crime against Jews in the EU

[pdf]en (1.82 MB)

Experiences and perceptions of antisemitism – Second survey on discrimination and hate crime against Jews in the EU – Questionnaire

[pdf]en (417.71 KB)

The findings make for a sobering read. They underscore that antisemitism remains pervasive across the EU – and has, in many ways, become disturbingly normalised. The important information provided herein can support policymakers across the EU in stepping up their efforts to ensure the safety and dignity of all Jewish people living in the EU.

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Dezember 11th, 2018 at 8:51 am

Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, bei der zentralen Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der „Reichspogromnacht“

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Anrede,

es war mitten in der Nacht, als der Gullydeckel durch das Fenster der Synagoge flog. Glas zersplitterte. Am nächsten Morgen zeigte sich die Gemeindevorsitzende erschüttert.  „Wut und Hass, die eine solche Kraft entwickeln, erschrecken mich“, sagte sie.

Der Gullydeckel, der auf die Synagoge in Gelsenkirchen geworfen wurde – das war nicht 1938.

Das war 2014.

Eine Gleichsetzung verbietet sich.

 

 

 

 

 

 

 

 

Doch wenn wir heute an die staatlich organisierten Ausschreitungen gegen Juden im November 1938, also vor 80 Jahren, erinnern, dann tun wir dies nicht nur in dem Wissen um das größte Menschheitsverbrechen in der Geschichte und mit Blick auf die Lehren, die wir daraus gezogen haben. Sondern wir tun es auch in dem Wissen, dass immer noch Unrecht geschieht.

Dass immer noch Dinge passieren, die schreckliche Erinnerungen wachrufen.

Solche Vorfälle belasten eine Gruppe von Menschen ganz besonders: Es sind die Überlebenden der Schoa und ihre Nachkommen, die zutiefst erschrecken, wenn sie solche Nachrichten hören.

Heute, an diesem Gedenktag, verneigen wir uns mit tiefem Respekt vor den Überlebenden – ob sie heute hier unter uns sind oder an anderen Orten.

Und wir verneigen uns in Trauer und immerwährendem Gedenken vor den sechs Millionen ermordeten jüdischen Frauen, Männern und Kindern und allen Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen.

Auch wenn eines Tages niemand mehr unter uns sein wird, der selbst Zeuge dieses Vernichtungswahns wurde, werden wir die Flamme der Erinnerung nie verlöschen lassen!

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die gezielte, staatlich gelenkte Gewalt gegen Juden, jüdische Geschäfte und Synagogen im November 1938 können wir als eine Station betrachten auf dem Weg, die radikale nationalsozialistische Ideologie in die Realität umzusetzen, ja auf grausame Weise zu vollenden.

Diese sogenannte Reichspogromnacht passierte nicht aus dem Nichts. Die Ausgrenzung der Juden aus der deutschen und seit dem 12. März 1938 auch aus der österreichischen Gesellschaft hatte längst eine gesetzliche Basis bekommen. Seit der Machtübernahme 1933 goss die NS-Regierung das gesetzliche Fundament für den Ausschluss der Juden aus der Gesellschaft. 1935 fand diese Ausgrenzung in den Nürnberger Rassegesetzen ihren vorläufigen perversen Höhepunkt.

Und allein im Jahr 1938 folgten zahlreiche weitere Maßnahmen. So mussten etwa jüdische Bürger ihr Vermögen anmelden. Im Mai wurde die sogenannte „entartete Kunst“ beschlagnahmt, wozu jüdische Künstler allein qua Herkunft zählten. In der beschönigend genannten „Juni-Aktion“ wurden zahlreiche Juden wegen geringer Vergehen verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Im Juli verloren jüdische Ärzte ihre Approbation. Und kurz später wurden Juden gezwungen, den zweiten Vornamen „Sara“ oder “Israel“ zu tragen – die erste sichtbare Markierung von Juden, bevor 1941 der gelbe Stern folgte.

Wie sehr den Juden das Leben erschwert wurde, können Sie an der Ausstellung „1938 Projekt –  Posts from the past“ des Leo-Baeck-Instituts sehen, die wir heute in einer kleinen Auswahl präsentieren. Es sind ergreifende Zeugnisse, die mehr erzählen als nackte Zahlen.

Am späten Abend des 9. November 1938 entlud sich dann die Gewalt: SA- und SS-Leute griffen Synagogen und jüdische Geschäfte an. Sie überfielen tausende ahnungslose jüdische Bürger in ihren Wohnhäusern. Insgesamt wurden rund 1.400 Synagogen beschädigt oder zerstört, das entsprach der Hälfte.

Auch diese Synagoge hier in Berlin, in der Rykestraße, wurde in der Nacht zum 10. November in Brand gesteckt. Nur um die benachbarten Häuser nicht zu gefährden, wurde der Brand relativ rasch wieder gelöscht.

Rund 30.000 Juden wurden ins Konzentrationslager verschleppt. Etwa 1.300 jüdische Bürger wurden ermordet oder in den Suizid getrieben.

Die Gewaltexzesse öffneten vielen jüdischen Bürgern die Augen. Die blinde Zerstörungswut, die Gewalt, die förmlich explodierte – das hatten sie der deutschen Kulturnation vorher nicht zugetraut. Die Auswanderungszahlen schossen daraufhin in die Höhe, obwohl weitere Verordnungen die Emigration extrem erschwerten.

Dass die „Reichspogromnacht“ staatlich gelenkt war, ist inzwischen zuverlässig aus verschiedenen Quellen bewiesen. Und schon damals begriffen die meisten Bürger, dass sich hier kein spontaner „Volkszorn“ entlud, wie Goebbels es darstellte, sondern SA und SS gezielt handelten.

Eines möchte ich dabei festhalten: Selbst wenn in diesen Novembertagen im Wesentlichen nur SA und SS beteiligt waren, handelte es sich doch um tausende Deutsche, die tatkräftig mitmachten. Beide Organisationen waren bereits so groß, dass problemlos im gesamten Deutschen Reich und in Österreich zeitgleich der Pogrom von statten gehen konnte.

Viele Bürger reagierten offenbar damals mit Distanz, wenn nicht Abscheu. So wird es mehrheitlich berichtet. Dennoch lieferte ihre Reaktion den Nazis einen wertvollen Hinweis: Kaum jemand protestierte. SA und SS stießen nicht auf Gegenwehr. Hilfe erhielten die bedrängten Juden nur ganz vereinzelt. Das Schreckensregime Hitlers und die antisemitische Propaganda hatten bereits Früchte getragen. Die Staatsführung konnte sich seit dem 9. November 1938 gewiss sein: Auch bei noch größerer Gewalt gegen Juden werden unsere Bürger sich nicht in den Weg stellen.

Sie sollten Recht behalten.

Es gab nur sehr wenige Menschen, die Anstand und Mut bewiesen. Zu ihnen gehört Wilhelm Krützfeld. Der Berliner Polizeibeamte stellte sich mit weiteren Beamten seines Reviers in der Nacht zum 10. November der SA vor der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße in den Weg. Er verhinderte, dass sie das Gebäude auch von außen anzündeten, und erzwang, dass das im Inneren bereits gelegte Feuer gelöscht wurde.

Dieses Beispiel des Polizeibeamten Wilhelm Krützfeld beeindruckt uns bis heute. Viele werden sich fragen, ob sie den gleichen Mut besessen hätten.

Wir können uns diese Frage durchaus auch heute stellen. Denn wir haben es wieder mit Brandstiftern zu tun.

Mit geistigen Brandstiftern, aber auch mit wirklichen.

Ich will Ihnen das anhand von einigen Zahlen vor Augen führen:

2016 gab es fast 1.000 Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte, darunter waren mehr als 60 Brandstiftungen. Mehr als 60 Brandstiftungen. Das sind im Schnitt fünf Brandanschläge im Monat auf Häuser, in denen Menschen leben, die bei uns Zuflucht gesucht haben.

2017 waren es nur noch 16 Brandstiftungen. Ich sage das bewusst so. Denn manchmal scheint es mir, als hörte ich ein erleichtertes Aufatmen, dass die Anzahl der Übergriffe auf Flüchtlinge und Flüchtlingsheime deutlich zurückgegangen ist.

Ja, sie sind zurückgegangen. Aber das ist doch kein Grund zur Beruhigung!

Dass in unserem Land allein 2017 rund 300 Flüchtlinge bei Angriffen verletzt wurden, dass Unterkünfte von Asylbewerbern regelmäßig Ziele von Anschlägen sind – das ist ein Skandal!

Und ebenso ist es ein Skandal, dass immer häufiger Moscheen mit Hassparolen versehen oder noch massiver angegriffen werden.

Und es ist ein Skandal, dass etwa jede zweite Woche in Deutschland das Gleiche mit Synagogen passiert, sogar obwohl sie in der Regel unter Polizeischutz stehen.

Und Sie werden sich alle erinnern an den jüdischen Restaurant-Besitzer in Chemnitz, der kürzlich und zum wiederholten Male von Neo-Nazis angegriffen wurde. Wenig später, im Oktober, haben Neo-Nazis ein persisches Restaurant in Chemnitz aufgesucht und den iranischen Inhaber schwer verletzt.

Dass solche Dinge in Deutschland 2018 geschehen, das ist eine Schande für unser Land!

Hinter diesen Menschen, die Flüchtlinge, Muslime oder Juden angreifen, stehen die geistigen Brandstifter. Mein Eindruck ist: Ihre Zahl wächst in Deutschland.

Sie schüren Ängste vor Flüchtlingen. Sie stacheln mit ihrer Wortwahl und überproportionaler Aufmerksamkeit für einzelne Vorfälle die Bürger an. Sie hetzen gegen Asylbewerber und insbesondere gegen Muslime.

Eine Partei, die im Bundestag am ganz äußeren rechten Rand sitzt, hat diese Hetze perfektioniert. Sie sind geistige Brandstifter.

Vor nichts haben sie Respekt. Sie instrumentalisieren die mutigen Widerstandkämpfer der Weißen Rose für ihre Zwecke. Sie verhöhnen die Opfer und Überlebenden der Schoa, indem sie die NS-Verbrechen relativieren. Sie betreiben Geschichtsklitterung und wollen unsere Gedenkkultur zerstören.

Es wäre für die jüdische Gemeinschaft unerträglich gewesen, heute, 80 Jahre nach der Pogromnacht, Vertreter dieser Partei unter uns zu wissen. Daher haben wir diese Fraktion als einzige des Deutschen Bundestags nicht eingeladen.

Diese Kräfte dürfen nicht noch mehr an Boden gewinnen. Im Gegenteil. Sie müssen so weit zurückgedrängt werden, bis sie ganz in der Versenkung verschwinden.

Denn, um Karl Jaspers zu zitieren, „es darf keine Freiheit geben zur Zerstörung der Freiheit“.

Das liegt in unserer Hand!

Jeder von uns trägt Verantwortung dafür, dass Respekt und Toleranz das Profilbild Deutschlands prägen.

Was wir jetzt brauchen, sind mutige und überzeugte Demokraten. Wir brauchen Menschen, die Zivilcourage zeigen. Menschen, die den Mund aufmachen.

Zivilcourage fängt im Alltag an. Jede und jeder unter uns mag sich fragen: Schreite ich ein, wenn in meiner Kneipenrunde Schwulenwitze erzählt werden? Oder abfällig über Frauen gesprochen wird? Oder wenn vom angeblichen Einfluss der Juden von der amerikanischen Ostküste die Rede ist?

Oder ist mir das Risiko zu hoch, als Spaßbremse oder Spielverderber zu gelten? Passe ich mich lieber an? Schweige ich lieber oder lache mit, um nicht aufzufallen? Höre ich lieber weg, wenn ein dunkelhäutiger Mann in der Bahn beleidigt wird?

Wenn wir im Kleinen nicht einstehen für die Werte unseres Grundgesetzes, für die Menschenwürde, dann dürfen wir nicht erwarten, dass es im Großen funktioniert.

„Die Weimarer Republik ist letztlich nicht daran gescheitert, dass zu früh zu viele Nazis, sondern, dass zu lange zu wenige Demokraten vorhanden waren.“ Das sagte Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes.

Diese Analyse ist zutreffend und markiert auch sehr genau den Unterschied zwischen damals und heute.

Heute sind wir genügend Demokraten. Man riskiert nichts, wenn man sich für die Grundrechte einsetzt. Mit unserem Verhalten, das müssen wir bedenken, sind wir schließlich auch Vorbilder.

Kein Kind wird als Rassist geboren!

Kein Kind wird als Antisemit geboren!

Und doch wird „Jude“ auf den Schulhöfen als Schimpfwort benutzt.

Deshalb müssen vor allem auch Lehrerinnen und Lehrer mutige und überzeugte Demokraten sein. Ob im Sport-, im Chemie- oder im Religionsunterricht – Antisemitismus und Rassismus sind nieakzeptabel. Der Kontext spielt keine Rolle. Für Antisemitismus und Rassismus darf es kein Verständnis geben. Hier muss eine klare Grenze gesetzt werden.

Die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann, die gerade den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen haben, haben das in ihrer Dankesrede ganz wunderbar formuliert:

„Es muss unstrittige Überzeugungen und einen Grundkonsens geben wie die Verfassung, die Gewaltenteilung, die Unabhängigkeit des Rechts und die Menschenrechte. Nicht jede Gegenstimme verdient Respekt.“

Diese Überzeugungen, diesen Grundkonsens – den gibt es in Deutschland. Er wird allerdings von rechts außen in Frage gestellt wie lange nicht. Deshalb gilt es, ihn zu verteidigen.

Wir haben in den vergangenen Jahren die Demokratie und den Rechtsstaat als etwas Selbstverständliches hingenommen. Vielleicht als etwas zu Selbstverständliches.

Doch mittlerweile spüren wir: Ein Selbstläufer ist die Demokratie nicht. Wir müssen etwas dafür tun. Wir müssen mutig sein. Und sowohl die nachwachsenden Generationen als auch die Menschen aus anderen Kulturen und politischen Systemen müssen wir zu überzeugten Demokraten machen.

Das ist doch eigentlich eine wunderbare Aufgabe!

Und wenn ich auf die Demonstrationen der vergangenen Monate schaue, ob unter dem Hashtag „Wir sind mehr“, „Welcome United“, „Unteilbar“ oder „Herz statt Hetze“, dann spüre ich: Da bewegt sich etwas.

Die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland stehen auf. Es ist eine Aufbruchstimmung zu spüren.

Zwar erinnern wir heute an diesem für Deutschland so ambivalenten Datum vor allem an die „Reichspogromnacht“. Das Jahr 1989 wollen wir aber darüber nicht vergessen.  Am 9. November 1989 fiel die Mauer, und Deutschland erlangte seine Einheit in Freiheit. Es brach friedlich, ohne Gewalt in die gemeinsame Demokratie auf.

Heute gehen die Bürger wieder vereint für Menschenrechte, gegen Rassismus und Antisemitismus auf die Straße. Es sind Hunderttausende. Hunderttausende mutige und überzeugte Demokraten. Sie lassen Deutschland nicht einfach nach rechts abdriften. Sie kämpfen für den Grundkonsens. Sie machen mir Mut.

Es ist der Aufbruch in ein Deutschland, das Respekt zu seinem Markenkern macht.

Verehrte Damen und Herren,

aus dem Jahr 1938 sind aus Wien folgende Sätze eines zwölfjährigen jüdischen Jungen überliefert:

„Mutti, wenn wir wirklich so schlecht sind und kein anderes Land uns aufnehmen will, ist es doch besser, gleich Schluss zu machen und den Gashahn aufzudrehen.“

Nie wieder darf es so weit kommen, dass ein Mensch, und erst recht ein Kind, nur wegen seiner Herkunft Anlass zu so viel Verzweiflung hat.

 

Ich danke Ihnen!

Written by lbucklitsch

November 9th, 2018 at 2:40 pm

Rede von Bundeskanzlerin Merkel auf der Zentralen Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November 2018

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Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrter Herr Präsident des Bundestags,
sehr geehrter Herr Präsident des Bundesrats,
sehr geehrter Herr Schuster,
Exzellenzen,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Kabinett, der Bundesregierung und den Landtagen,
sehr geehrte Ehrengäste,

80 Jahre Pogromnacht – warum, meine sehr geehrten Damen und Herren, rede ich heute zu Ihnen über dieses Thema? Die erste offensichtliche Antwort ist die einfache Tatsache, dass die Pogromnacht heute 80 Jahre in der Vergangenheit liegt und es schon der Anstand gebietet, die Geschehnisse an einem Gedenktag auch durch die Bundeskanzlerin einzuordnen. Die Ereignisse der Novemberpogrome 1938 waren eine wichtige Wegmarke zum Zivilisationsbruch der Shoa. Die Folge waren sechs Millionen ermordete Juden und unsägliches Leid vieler weiterer Millionen Menschen. All dieses Leid kann man gar nicht benennen. Es fehlen mir hier die Worte.

Deshalb rede ich heute vor allem aus einem anderen Grund zu Ihnen. Ich rede zu Ihnen, weil diese geschichtlichen Ereignisse – der Zivilisationsbruch der Shoa – einzigartig, singulär waren, also noch nie da gewesen in ihrer Form mit allen abscheulichen Facetten, endend in – wenn wir es zynisch formulieren – Fabriken für einen industrialisierten Massenmord oder – präzise gesagt – in Konzentrationslagern und Todeslagern. Ich möchte heute diesen Tag und diese Gelegenheit deshalb dazu nutzen, gemeinsam mit Ihnen über drei Aspekte nachzudenken: Wie kam es dazu? Wie hat die Mehrheit der Bevölkerung reagiert? Was können wir daraus lernen?

Meine Damen und Herren, der 9. November 1938 war ein Tag in einer Reihe von Tagen und Nächten, in denen der Nationalsozialismus sein furchtbares Gesicht zeigte. Etwa 1.400 Synagogen, Gebetsräume und jüdische Versammlungsstätten wurden geplündert, zerstört und in Brand gesetzt. 7.500 Geschäfte von Juden wurden demoliert und ausgeraubt. Aus Nachbarn wurden Täter und Verbrecher. Viele bereicherten sich, hießen die Gewalt gut oder wurden selbst gewalttätig.

Seit 1933 war der Antisemitismus an der Macht. Die neuen politischen Rahmenbedingungen ermöglichten vielen Deutschen das Ausleben lange gehegter Ressentiments, das Ausleben von Hass und Gewalt. Es blieb nicht bei der Zerstörung jüdischer Gotteshäuser, Geschäfte und Existenzen. Im November 1938 wurden etwa 400 Menschen ermordet oder in den Suizid getrieben. 30.000 Juden wurden in Konzentrationslagern inhaftiert, Hunderte von ihnen ermordet. Mit den Novemberpogromen war der Weg in den Holocaust vorgezeichnet.

Wir Menschen, meine Damen und Herren, neigen an wichtigen Gedenktagen dazu, die Erinnerung ausschließlich auf diese Tage zu konzentrieren, und übersehen zu leicht, dass sie in der Regel nicht für sich stehen, sondern Teil eines Prozesses sind. Auch der 9. November stand nicht für sich. Wir alle wissen, was danach geschah – der Zivilisationsbruch der Shoa. Doch der Pogromnacht am 9. November 1938 ging auch etwas voraus, ohne dass sie nicht möglich gewesen wäre. Um das zu verstehen, lohnt ein Blick zurück in die Geschichte. Er kann im Rahmen einer solchen Rede selbstverständlich nur sehr kursorisch sein.

Hass auf die Juden gab es in Europa seit dem Mittelalter. Bis weit in das 19. Jahrhundert wurde dieser Hass vornehmlich religiös begründet. Ende des 19. Jahrhunderts wurden mit der industriellen Revolution die sozialen Fragen drängend, die säkularen Nationalstaaten gewannen an Bedeutung. In diesem Zusammenhang entstand der, wie es hieß, rassisch motivierte Antisemitismus. Er zielt auf rassistische Ausgrenzung, auf Vertreibung und in letzter Konsequenz auf Vernichtung. In der Weimarer Republik durften Juden seit 1919 erstmals in höchste Staatsämter aufsteigen. Dennoch blieb Antisemitismus auf der Tagesordnung – besonders bei denen, die der Demokratie feindlich gegenüberstanden.

Schon im Jahr 1920 veröffentlichte die NSDAP ihre sogenannten Lehr- und Grundsätze des Antisemitismus. Mit ihnen sollten die Juden davon ausgeschlossen werden, Staatsbürger zu sein. In den 20er Jahren, in denen die NSDAP diese Forderungen formulierte, standen viele Ereignisse für einen zunehmenden Antisemitismus – und zwar in Worten und Taten –, wie die Ermordung des Reichsaußenministers Walther Rathenau 1922 oder die Angriffe auf Juden im Berliner Scheunenviertel 1923.

Wir sehen also schon an diesem knappen historischen Abriss, dass das Unheil des Nationalsozialismus wahrlich nicht über Nacht kam, sondern stetig heranwuchs. Meine Damen und Herren, warum spreche ich so ausführlich über all das, was vor dem 9. November 1938 geschah, also vor 85, 90 und 95 Jahren?

Weil ich davon überzeugt bin, dass wir nur dann die richtigen Lehren für uns heute und in Zukunft ziehen können, wenn wir die Novemberpogrome 1938 als Teil eines Prozesses verstehen, dem mit der Shoa ein schreckliches Danach folgte, dem aber eben auch ein Davor vorausging.

Weil wir so sehen können, wohin es führt, wenn – wie im Nationalsozialismus – ein zuvor strafbares Verhalten erst geduldet und schließlich zum erwünschten Verhalten erklärt wird. Vorher beziehungsweise immer schon gehegte Vorurteile konnten nun ungestraft in offene Gewalt umschlagen. Begleitet wurde dies von dem Wegschauen, dem Schweigen, der Gleichgültigkeit, vor allem aber auch dem Mitlaufen einer großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung.

Mit der Befreiung Deutschlands im Mai 1945 und dem anschließenden Neubeginn änderten sich die politischen Rahmenbedingungen. Die normative Abgrenzung von Rassismus und Antisemitismus war fundamental. Aber Rassismus, Antisemitismus und Vorurteile verschwanden nicht einfach.

Wenn wir heute – 80 Jahre nach den Novemberpogromen und fast 70 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland – die Lage betrachten, dann bietet sich uns ein zwiespältiges Bild. Es gibt in Deutschland wieder blühendes jüdisches Leben – ein unerwartetes Geschenk nach dem Zivilisationsbruch der Shoa. Doch zugleich erleben wir einen besorgniserregenden Antisemitismus, der jüdisches Leben in unserem Land und anderen sicher geglaubten Orten der Welt bedroht. Dieser Antisemitismus entlädt sich zunehmend offen in einer teils ungehemmten Hetze im Internet wie auch ganz allgemein im öffentlichen Raum.

Leider haben wir uns beinahe schon daran gewöhnt, dass jede jüdische Einrichtung von der Polizei bewacht oder besonders geschützt werden muss – Synagoge, Schule, Kindergarten, Restaurant, Friedhof. Aber wir erschrecken uns über Angriffe auf Menschen, die eine Kippa tragen, und stehen fassungslos vor dem rechtsradikal motivierten Angriff auf ein jüdisches Restaurant im August dieses Jahres in Chemnitz. Das ist eine Form antisemitischer Straftaten, die schlimme Erinnerungen an den Beginn der Judenverfolgungen in den 30er Jahren wachruft.

Aber solche Vorfälle müssen nicht nur die Überlebenden der Shoa alarmieren – sie sind furchtbar für uns alle. Doch unser Erschrecken und unsere Fassungslosigkeit reichen nicht aus. Auch mit der Einsetzung eines Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus – so richtig und nachvollziehbar das ist – ist es nicht getan. Denn wir müssen zwei bohrende Fragen beantworten. Erstens: Was haben wir wirklich aus dem Zivilisationsbruch der Shoa gelernt? Zweitens – damit verbunden –: Sind unsere demokratischen Institutionen stark genug, um ein weiteres Erstarken oder gar eine Mehrheitsfähigkeit des Antisemitismus in Zukunft zu verhindern?

Vielleicht stellen wir uns für einen Moment vor, wie Menschen aus einer fernen Zukunft – sagen wir, im nächsten Jahrhundert – auf unsere heutige Welt schauen; auf eine Welt, die wieder bedroht ist, das Gemeinwohl aus dem Auge zu verlieren, weil sie Menschen aufgrund ihres Glaubens, ihrer Herkunft, ihres Andersseins ausgrenzt, ihnen einen Platz streitig machen will und sie bedroht. Wie also könnte in einer fernen Zukunft auf uns heute geschaut werden, wo sich der Umgang miteinander auf vielen Ebenen wieder deutlich verschärft? Wahrscheinlich mit völligem Unverständnis; und vielleicht auch mit Bedauern für uns heute, dass wir immer noch und wieder in der Gefahr stehen, schreckliche Fehler zu wiederholen und erfahren zu müssen, wohin die Spaltungsversuche einiger weniger führen können.

Unser Grundgesetz zieht die Lehre aus dem Grauen des Nationalsozialismus und dem Scheitern der Weimarer Republik, indem es in Artikel 1, Absatz 1 feststellt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Das muss unbedingt die Richtschnur unseres Handelns sein; und zwar sowohl politisch als auch gesamtgesellschaftlich.

Was bedeutet das konkret?

Erstens. Jeder Mensch ist einzigartig. Niemals dürfen Gruppen pauschal qualifiziert und unsere Gesellschaft in „Wir“ und „Ihr“, „Wir“ und „die Anderen“ unterteilt werden. Jeder hat das Recht und den Anspruch, von den staatlichen Institutionen als Individuum wahrgenommen und behandelt zu werden.

Zweitens. Die Demokratie ist die beste aller denkbaren gesellschaftlichen Ordnungen, auch wenn das Leben in ihr manchmal kompliziert ist. Die Demokratie ist mehr als die Absicherung von Mehrheiten. Sie setzt auf Balance und Ausgleich von Mehrheit und Minderheit, Regierung und Opposition. Sie setzt auf die Teilung der Gewalten und braucht die Freiheit von Presse, Meinung und Kunst wie der Mensch die Luft zum Atmen. Die Demokratie schützt Minderheiten. Das bedeutet, dass bestmögliche Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben gewährleistet werden muss.

Drittens. Der Staat muss entschlossen und konsequent gegen Verunglimpfung, Ausgrenzung, Antisemitismus, Rassismus und Rechtsradikalismus vorgehen. Ebenso muss der Staat konsequent handeln, wenn Hass auf Juden und Hass auf Israel verbal und nonverbal von in unserem Lande lebenden Menschen ausgeht, die von einem anderen religiösen und kulturellen Hintergrund geprägt worden sind. Konkret: So wie es niemals einen Generalverdacht gegen muslimische Menschen geben darf, wenn im Namen ihrer Religion Gewalt verübt wird, so ist zugleich klar, dass sich jeder, der in unserem Land lebt, zu den Werten unseres Grundgesetzes bekennen muss.

Viertens. Bildungsarbeit hat den Auftrag, heutige antisemitische Angriffe und Ausschreitungen immer auch in einen historischen Zusammenhang zu stellen. Dazu ist geschichtliches Wissen, ist ein kritisches Geschichtsbewusstsein unverzichtbar. Ich zitiere den Historiker Professor Norbert Frei: „Denn das hat man nicht, sondern das erarbeitet man sich immer wieder neu. In diesem Sinne muss sich auch jede Generation aufs Neue um ein kritisch-aufgeklärtes Verhältnis zu unserer Vergangenheit bemühen. Wo dies geschieht,“ – so Norbert Frei weiter – „wird historisches Gedenken kein leeres Ritual. Sondern die Geschichte bleibt bedeutungsvoll, und es können sogar neue Fragen und Perspektiven entstehen.“

Fünftens. In diesem Zusammenhang kommt der Erinnerungsarbeit eine grundsätzliche Bedeutung zu. Bei der Verleihung des diesjährigen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat das mit dem Preis ausgezeichnete Forscherehepaar Jan und Aleida Assmann auf die Bedeutung unseres kulturellen, unseres nationalen Gedächtnisses hingewiesen. Unsere Nation wird von ihnen beschrieben als „ein Verbund von Menschen, die sich auch an beschämende Episoden ihrer Geschichte erinnern und Verantwortung übernehmen für die ungeheuren Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden“.

An Tagen wie heute innezuhalten und uns gemeinsam zu erinnern, ist deshalb wichtig. Ebenso, dass das Gedenken Orte braucht, die davon erzählen, was geschehen ist, und Orte, die an die Opfer erinnern und die Täter klar benennen – zum Beispiel das Denkmal für die ermordeten Juden Europas im Zentrum unserer Hauptstadt. Der unterirdische Ort der Information versucht, die Dimension der Shoa deutlich zu machen. Deshalb werden dort viele einzelne Namen genannt, um so – ich zitiere – „die unfassbare Zahl von sechs Millionen getöteten Juden in ihrer Abstraktion aufzulösen und die Opfer aus ihrer Anonymität zu befreien“.

Denn es geht um Menschen. Jeder einzelne von ihnen hatte einen Namen, eine einzigartige Würde und Identität. An diese Identität und Würde zu erinnern, hilft, nicht im Verlust stehenzubleiben. Es hilft, die Erinnerung nicht vom gegenwärtigen Leben abzukoppeln, sondern in unserem gegenwärtigen Leben immer wieder die Verbindung zur Vergangenheit herzustellen und darauf gründend die Zukunft zu gestalten – eine Zukunft, in der wir in jedem Menschen einen Menschen erkennen und uns von Mensch zu Mensch begegnen.

Meine Damen und Herren, heute leben wir einmal mehr in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen. Rasante technologische Umbrüche machen Menschen Sorgen. Durch die Beschleunigung der Globalisierung und den digitalen Fortschritt fühlen sich nicht wenige zurückgelassen. In solchen Zeiten ist die Gefahr immer besonders groß, dass diejenigen Zulauf bekommen, die mit vermeintlich einfachen Antworten auf die Schwierigkeiten und Folgen der Umbrüche reagieren – einfache Antworten, die zu häufig auch mit einer Verrohung der Sprache auf den Straßen wie auch im Netz einhergehen. Das ist der Anfang, dem wir ganz entschieden entgegentreten müssen.

Deshalb gedenken wir heute mit dem Versprechen, dass wir uns den Angriffen auf unsere offene und plurale Gesellschaft entschlossen entgegenstellen. Wir gedenken mit dem Wissen, dass Grenzüberschreitungen und Verbrechen zuzuschauen in letzter Konsequenz bedeuten, mitzumachen. Wir gedenken in der Überzeugung, dass die demokratische Mehrheit wachsam bleiben muss. Es braucht normative Grenzziehungen. Der Rechtsstaat darf keine Toleranz zeigen, wenn Menschen aufgrund ihres Glaubens oder aufgrund ihrer Hautfarbe angegriffen werden.

Meine Damen und Herren, diese Schlüsse zu ziehen, ist unsere Aufgabe nicht allein an einem solchen Gedenktag. Wir sollten jeden Tag darüber nachdenken. Lassen Sie uns alle jeden Tag mit dem Verständnis von heute daran arbeiten, dass so etwas wie vor 80 Jahren nie wieder passiert. Das ist die Botschaft und die Essenz unseres heutigen Gedenkens.

Herzlichen Dank.

Written by lbucklitsch

November 9th, 2018 at 2:35 pm

Die Reichsprogromnacht am 9.November 1938

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Offener Brief: rechtsextremen Aufmarsch am 9. November verbieten!

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Offener Brief an den Regierenden Bürgermeister, an den Innensenator, an den Bezirksbürgermeister und die Koalitionsparteien zur Forderung eines Verbots des rechtsextremen Aufmarsches am 9.11.2018

Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister,
sehr geehrter Herr Innensenator,
sehr geehrter Herr Bezirksbürgermeister von Mitte,
sehr geehrte Damen und Herren,

der 9. November ist ein mehrfach besetztes Erinnerungsdatum in der deutschen Geschichte. Spätestens seit 1989 wird das immer wieder betont. In den Tagen und Nächten rund um den 9. November 1938 zerstörten Nazis Geschäfte und Synagogen, attackierten und ermordeten Jüdinnen und Juden und verschleppten rund 30.000 jüdische Männer in Konzentrationslager, wo viele den Tod fanden. Die Pogrome markieren einen Ausbruch antisemitischer Zerstörungswut, die über die Pogromgewalt der Jahre vorher noch weit hinausging und eine weitere Phase der Judenverfolgung im Reich eingeläutet hat. Die weitere systematische Verfolgung gipfelte in der Vernichtung des europäischen Judentums.

Seit der Maueröffnung 1989 kommt dem Datum auch eine weitere Akzentsetzung zu, und es fällt nicht leicht, beide Ereignisse zeitgleich zu erinnern. Die rechtsextreme Szene bezieht den 9. November als „Schicksalstag der Deutschen“ auf den sich auch gegen die von ihnen verfemte Novemberrevolution von 1918 und die in deren Folge errichtete Republik gerichteten Hitler-Ludendorff-Putsch in München 1923. Dieser Tag wurde im Nationalsozialismus zum Feiertag, bei dem in Trauerzeremonien der bei dem gescheiterten Putsch umgekommenen Nationalsozialisten gedacht wurde. Rechtsextreme Aufmärsche an diesem Tag dienen somit auch der Positionierung im Traditionsbild der NSDAP.

Dass am 9. November 2018, am achtzigsten Jahrestag der Pogrome, die rechtsextreme Gruppierung „Wir für Deutschland“ zu einem „Trauermarsch für die Opfer von Politik“ aufruft, ist unerträglich. Wer hier mit einem verkehrten Opferbegriff hausieren und demonstrieren geht, verhöhnt die Opfer der Novemberpogrome von 1938. Der rechtsextreme Aufmarsch ist eine Provokation.

Wir nehmen es nicht hin, dass dieser Tag von Neonazis benutzt wird, um nationalistischen Hass zu verbreiten. Der 9. November 1938 markiert ein Versagen der deutschen Gesellschaft. Ein Tag, der an die Folgen von Empathielosigkeit, Antisemitismus und Gotteslästerung gemahnt. Dieser Tag muss ein Tag des Gedenkens an die Opfer der Novemberpogrome bleiben, das sind wir ihnen schuldig.

Wir fordern Sie auf, eindeutig Position zu beziehen und dem Versuch entgegenzutreten, diesen Gedenktag für eine Nabelschau der Rechtsextremen zu missbrauchen. Wir fordern Sie auf, den rechtsextremen Aufmarsch zu untersagen. Antisemitismus und Rassismus fallen nicht unter die Meinungsfreiheit. Hass verletzt und bedroht Menschen. Wir bitten Sie, dies besonders am 80. Jahrestag der Novemberpogrome nicht zuzulassen. Wir bitten Sie, ein Zeichen der sensiblen Erinnerung und der aufrichtigen Anteilnahme mit den Opfern der Pogrome zu setzen und Hass entschieden entgegen zu treten.

Jutta Weduwen, Geschäftsführerin Aktion Sühnezeichen Friedensdienste

Erstunterzeichner*innen:

  • Dr. Dmitrij Belkin, Koordinator Jüdischer Zukunftskongress
  • Prof. Dr. Micha Brumlik, Publizist, Senior Advisor Zentrum für jüdische Studien, Berlin/Brandenburg
  • Marina Chernivsky, Leiterin Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST)
  • Dr. Andreas Eberhardt, Vorstandsvorsitzender Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ)
  • Prof. Dr. Naika Foroutan, Direktorin Berliner Institut für Integrations- und Migrationsforschung (BIM), Humboldt- Universität zu Berlin
  • Dr. Verena Haug, Projektkoordinatorin „Antisemitismus und Protestantismus“, Evangelische Akademien in Deutschland
  • Prof. Dr. Walter Homolka, Vorstand Leo Baeck Foundation
  • Dr. Hans-Christian Jasch, Direktor der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz
  • Jan Krebs, Leiter Lernort 7 x jung von Gesicht Zeigen!
  • Dr. Thomas Lutz, Gedenkstättenreferent, Stiftung Topographie des Terrors
  • Dr. Meron Mendel, Direktor Bildungsstätte Anne Frank
  • Dr. Tamara Or, geschäftsführender Vorstand Stiftung Deutsch-Israelisches Zukunftsforum
  • Dr. Nora Pester, Inhaberin Hentrich & Hentrich Verlag Berlin Leipzig
  • Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Amadeu Antonio Stiftung
  • Dr. Hermann Simon, Gründungsdirektor Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum
  • Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum, Direktorin Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA), Technische Universität Berlin
  • Dr. Anja Siegemund, Direktorin Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum
  • Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter KZ-Gedenkstätte Flossenbürg
  • Dr. Christian Staffa, Studienleiter Demokratische Kultur und Kirche, Evangelische Akademie zu Berlin
  • Dr. Ellen Ueberschär, Vorstand Heinrich Böll Stiftung
  • Lukas Welz, Vorstandsvorsitzender AMCHA Deutschland
  • Prof. Dr. Michael Wildt, Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt im Nationalsozialismus, Humboldt-Universität zu Berlin

Written by lbucklitsch

November 1st, 2018 at 6:01 pm

nord24| Präventionsaktion gestartet: Persönliche Begegnungen sollen Antisemitismus abbauen

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Einen „Reichsbürger“ kann man kaum überzeugen. „Aber die meisten Menschen haben den Anspruch, das, was sie meinen, auch begründen zu können“, sagte Prof. Micha Brumlik. Der Erziehungswissenschaftler referierte zum Auftakt der Präventionsaktion mit dem provokanten Titel „Leih Dir einen Juden“. Mit der Aktion will die jüdische Menorah-Gemeinde antisemitischen Klischees begegnen.

Dass es an Zeit ist, wieder über Antisemitismus zu sprechen, darüber waren sich die Teilnehmer an einer Podiumsdiskussion im Deutschen Auswandererhaus einig. Brumlik erinnerte daran, dass der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland den Nationalsozialismus als historischen „Vogelschiss“ verharmlost habe. Gleichzeitig gebe es auf offener Straße Angriffe auf Männer, die eine Kippa, eine bei männlichen Juden übliche Kopfbedeckung, tragen. Es sei Aufgabe von Bildung, das Wissen über die Geschichte der drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam bei den Schülern zu verankern.

Initiatoren möchten durch den provokanten Titel ins Gespräch kommen

Einen Bildungsansatz verfolgt auch die Menorah-Gemeinde mit ihrer Präventionsaktion. „Wir wollten mit dem Titel etwas provozieren, aber auch ein Schmunzeln hervorrufen, um gerade mit jungen Leuten in Kommunikation zu treten“, erläuterte der Vorsitzende Mircea Ionescu. Wer Interesse an dem Besuch eines Gemeindemitglieds hat, kann per E-Mail (menorah.gemeinde@gmx.de) oder per Post (Postfach 120111, 27515 Bremerhaven) Kontakt aufnehmen.

 

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Written by lbucklitsch

Oktober 7th, 2018 at 12:59 pm

BERTELSMANN STIFTUNG|DEUTSCHLANDS MITTE WIRD POPULISTISCHER

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Ist der Populismus in Deutschland eine vorübergehende Erscheinung oder Ausdruck grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen? Ein Jahr nach der Bundestagswahl zeigt eine Untersuchung: Populistische Einstellungen nehmen zu – vor allem in der politischen Mitte. Mit Gerechtigkeitsthemen könnten die etablierten Parteien diesem Trend entgegenwirken.

Die Wählerschaft in Deutschland ist zunehmend populistisch eingestellt. Knapp jeder dritte Wahlberechtigte (30,4 Prozent) in Deutschland unterstützt laut dem neuen Populismusbarometer alle abgefragten populistischen Positionen. Das ist etwas mehr als im Vorjahr (29,2 Prozent). Gleichzeitig ist die Gruppe der eindeutig unpopulistischen Wähler auf 32,8 Prozent gesunken (2017: 36,9 Prozent). Dabei gilt: Je höher der Bildungsgrad und das Einkommen, desto weniger verbreitet sind populistische Einstellungen. Die größten Verschiebungen verzeichnet die Studie in der politischen Mitte: Hier nehmen die populistischen Einstellungen am stärksten zu und die unpopulistischen Einstellungen am stärksten ab.

Für die aktuelle Erhebung hat das Meinungsforschungsinstitut infratest dimap in zwei Wellen im Mai und August 2018 jeweils rund 3.400 Wahlberechtigte zu ihren Einstellungen befragt. Im Rahmen unseres Gemeinschaftsprojekts „Demokratiemonitor“ haben das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und wir die Umfrageergebnisse gemeinsam analysiert.

Anschwellender Populismus der politischen Mitte

Dass populistische Einstellungen vermehrt Zulauf erhalten, erklärt sich zu einem großen Teil aus den Umbrüchen in der politischen Mitte. Während sich an den politischen Rändern im Vergleich zu 2017 kaum Veränderungen zeigen, offenbart die Studie in der Mitte die größten Verschiebungen: Jeder achte Wahlberechtigte ist derzeit populistisch eingestellt und verortet sich gleichzeitig in der politischen Mitte. Im Vorjahr war es noch etwa jeder neunte Wahlberechtigte. Gleichzeitig ist in der Mitte die Gruppe der „Nicht-Populisten“ von 13 auf 10,3 Prozent gesunken. Das sind die jeweils größten Veränderungen einer einzelnen Wählergruppe. Unser Demokratieexperte und Mitautor der Studie Robert Vehrkamp ordnet die Ergebnisse ein:

„Umfang und Intensität populistischer Einstellungen haben sich vor allem in der politischen Mitte signifikant verschärft. Parteipolitisch profitieren davon die politischen Ränder.“

Robert Vehrkamp, Demokratieexperte der Bertelsmann Stiftung und Mitautor der Studie

Wie stark die politischen Ränder vom Populismus profitieren, zeigt sich vor allem am Beispiel der Alternative für Deutschland (AfD). Mit zunehmendem Populismus steigt in der Mitte die Wahrscheinlichkeit, AfD zu wählen, deutlich stärker als im eher rechten Spektrum. Damit übernimmt der Populismus der AfD in der politischen Mitte eine ähnliche Mobilisierungsfunktion wie ihre ideologisch rechte Positionierung im Spektrum rechter Wähler: „Rechte wählen AfD, weil sie rechts ist. Wähler der Mitte wählen AfD, weil sie populistisch ist. Populismus ist damit das trojanische Pferd der AfD in der politischen Mitte“, erläutert Wolfgang Merkel, Demokratieforscher des WZB und Mitautor der Studie.

Mehrheit der Wahlberechtigten lehnt AfD massiv ab

Trotz der Zunahme populistischer Einstellungen gilt weiterhin: Knapp 70 Prozent der Deutschen sind gar nicht oder nicht explizit populistisch eingestellt. Hinzu kommt: 71 Prozent würden „auf keinen Fall“ die AfD wählen. Das spiegeln die im Populismusbarometer 2018 erstmals erhobenen negativen Wahlabsichten. Bei den anderen Parteien liegen diese Wahlabneigungen auf deutlich geringerem Niveau: Bei CDU/CSU (29 Prozent), FDP (29 Prozent) und Grünen (31 Prozent) sind sie weniger als halb so groß wie bei der AfD. Die SPD erhält von allen Parteien die geringsten Ablehnungswerte (23 Prozent).

„Trotz steigender Umfragewerte wird keine andere Partei von den Wählern so massiv abgelehnt wie die AfD. Sie liegt mit dieser Wählerablehnung in etwa auf dem Niveau der rechtsextremen NPD“, erläutert Robert Vehrkamp. „Auch für die AfD gibt es in der Wählermobilisierung eine ‚gläserne Decke‘ – und die hängt sehr viel tiefer als bei allen anderen im Bundestag vertretenen Parteien“, so Vehrkamp.

***

Dr. Robert Vehrkamp und Prof. Dr. Wolfgang Merkel

Populismusbarometer 2018

Populistische Einstellungen bei Wählern und Nichtwählern in Deutschland 2018

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Written by lbucklitsch

Oktober 1st, 2018 at 5:29 pm

Micha Brumlik| Solidaritätserklärung mit dem Hanauer DGB| Unsere Alternative heißt Solidarität!Der Angriff auf den DGB ist auch ein Angriff auf uns!

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HINTERGRUND:

 

In Hanau greift die AfD den DGB öffentlich an, stellt Gewerkschaftssekretäre unter strafpolitischen Generalverdacht und organisiert Proteste vorm Gewerkschaftshaus – und das alles, weil der DGB zum Protest gegen eine Veranstaltung mit der stellvertretenden AfD-Vorsitzenden Beatrix von Storch aufruft. Damit bekommen die Auseinandersetzungen mit dieser Partei eine neue Qualität. Der Hanauer DGB ruft nun dazu auf, zusammenzustehen!

Zur Vorgeschichte: Als Reaktion auf unseren angekündigten Gegenprotest hatte die AfD in einem offenen Brief angekündigt, den DGB im Hanauer Gewerkschaftshaus zu einem gemeinsamen Dialog offiziell aufsuchen zu wollen. Da Gewerkschaften und AfD keine politischen Verbündeten, sondern politische Gegner sind, hat der DGB das „Gesprächsangebot“ abgelehnt und angekündigt, vom Hausrecht Gebrauch zu machen, sollte die AfD das Gewerkschaftshaus betreten. Daraufhin rief die AfD zu Protesten vor dem Hanauer Gewerkschaftshaus auf. Begründung: Man wolle die Öffentlichkeit über politische Straftaten und Linksextremismus im Kreis informieren. Damit suggerierte sie, der DGB sei in politische Straftaten verwickelt. Die DGB-Funktionäre wurden indirekt sogar mit zerstochenen Autoreifen und eingeschlagenen Fensterscheiben in Verbindung gebracht.

Der Vorfall zeigt, wie perfide die AfD vorgeht und mit falschen Fakten die Gesellschaft polarisiert. Und  sie verfehlen ihre Wirkung nicht: Beim Hanauer DGB kamen allein gestern drei Briefe an, in denen offen gedroht wurde. Die Gründe für ihr aggressives Auftreten liegen auf der Hand. Die Gewerkschaften im Kreis positionieren sich seit Jahren immer wieder klar und deutlich gegen Rassismus und in der jüngsten Vergangenheit auch gegen die AfD. Wir sind der Partei damit ein Dorn im Auge. Deshalb sollte dieser Angriff auf einzelne jetzt gemeinsam von uns allen abgewehrt werden. Es sollte deutlich werden, dass es auch über den DGB Hanau hinaus eine relevante Anzahl von Personen und Organisationen gibt, die es ähnlich machen würden und die AfD und ihren Rassismus nicht auch noch diskursfähig machen wollen.

 AUFRUF:

Unsere Alternative heißt Solidarität!

Der Angriff auf den DGB ist auch ein Angriff auf uns!

 

Wir erklären uns solidarisch mit dem DGB in Hanau und verurteilen die Angriffe der AfD auf Hanauer Gewerkschafter. Weil der DGB zum Protest gegen eine Veranstaltung mit der stellvertretenden AfD-Vorsitzenden Beatrix von Storch aufgerufen und ein „Gesprächsangebot“ mit der AfD ausgeschlagen hatte, wurden der Hanauer DGB und seine Vertreter in der Öffentlichkeit massiv und zum Teil persönlich angegriffen. Die AfD schreckte auch nicht davor zurück, eine öffentlichen Mahnwache gegen Linksextremismus und politische Straftaten vor dem Hanauer Gewerkschaftshaus durchzuführen. Damit vermittelte sie den Eindruck, die Vertreter des DGB stünden mit konkreten Straftaten in Verbindung.

Wir verurteilen, wie die AfD falsche Fakten schafft und damit die Gesellschaft spaltet. Und wir sagen deutlich: Eine Partei, die zu Protesten vor Gewerkschaftshäusern aufruft, hat kein Interesse an starken Gewerkschaften und der Durchsetzung von Arbeitnehmerinteressen. Der Angriff auf den Hanauer DGB ist auch ein Angriff auf uns. Wir erklären hiermit, dass wir solidarisch an der Seite der Hanauer Kolleginnen und Kollegen stehen. Angriffe auf alle müssen gemeinsam abgewehrt werden. Unsere Alternative heißt Solidarität!

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Juli 20th, 2018 at 9:13 am

TU Berlin| Langzeitstudie „Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses”

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Ergebnisse einer vierjährigen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Langzeitstudie im Rahmen der empirischen Antisemitismusforschung zum Thema Verbreitung und Manifestation von Judenhass im Internet. Unter Leitung der Kognitionswissenschaftlerin Prof.  Monika Schwarz-Friesel, Fachgebietsleiterin der Kognitiven Medienlinguistik an der TU Berlin, hat eine Forschergruppe untersucht, wie antisemitische Inhalte über das Netz verbreitet werden, welche Typen von Antisemitismus dabei dominant sind und inwieweit alte judeophobe Stereotype im 21. Jahrhundert modern artikuliert, v.a. in der Manifestationsform des Antiisraelismus, auftreten. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der emotionalen Dimension des Antisemitismus. Die Studie zeigt unter anderem, Antisemitismen haben signifikant zugenommen und der klassische Judenhass ist vorherrschend.

 

Ergebnisse der Langzeitstudie “Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses”

Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses – Kurzfassung

Die ausführliche Darstellung der Forschungsergebnisse in Langfassung:

Antisemitismus 2.0 und die Netzkultur des Hasses – Langfassung

Written by lbucklitsch

Juli 19th, 2018 at 10:32 am

Micha Brumlik: Fritz Bauer – Eine persönliche Erinnerung

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von Micha Brumlik

Fritz Bauer – Eine persönliche Erinnerung

Am Sonntag den 1. Juli hatte ich die Gelegenheit, in der Frankfurter Paulskirche der Gedenkfeier für Fritz Bauer beizuwohnen, der genau fünfzig Jahre früher, am 1. Juli des Jahres 1967 gestorben ist. Das war für mich, der ich von 2000-2005 die Ehre hatte, nach dem Gründungsdirektor Hanno Loewy, – er leitet jetzt das jüdische Museum in Hohenems – die Leitung dieses Instituts zur Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocaust zu übernehmen.

Im Jahr 2000 jedenfalls war mir an der Arbeit des nach Fritz Bauer benannten Instituts wichtig, dass wir die Finanzierung der Ausstellung über den Frankfurter Auschwitz-Prozess – sie vorzubereiten war eine sehr große Anstrengung und wurde 2004 eröffnet – bei der Stadt durchsetzen konnten. Das verdankten wir der damaligen Kuratorin Frau Irmtrud Wojak, die zu unterstützen ich mich bemüht habe. Ohne die Mitarbeit von Werner Renz, der sich wie kein anderer mit Leben und Werk Fritz Bauers befasst hatte, ohne die hohe logistische Kompetenz von Werner Lott und – last but not least – Manuela Ritzheim ware diese Ausstellung niemals zustande gekommen. Ansonsten hatten wir es bereits in den Jahren 2000 bis 2005 mit dem Aufkommen des islamistischen Judenhasses zu tun und ich erinnere mich, dass dazu als Institutsdirektor eine ganz Reihe öffentlicher Veranstaltungen ins Leben gerufen habe. Ansonsten haben wir natürlich auch immer Neuerscheinungen zur Shoa publiziert. Und rezensiert. Mir jedenfalls ging es damals vor allem darum, die Arbeit des Fritz Bauer Instituts zur Geschichte und Dokumentation des Holocausts und seiner Folgewirkungen in der Frankfurter Stadtöffentlichkeit zu präsentieren und zu diskutieren.

Der Frankfurter Auschwitzprozess, an den wir in unserer Institutsarbeit damals wieder und wieder erinnerten, war der erste Anstoß dafür, dass die Geschichte des nationalsozialistischen Judenmords über die entsprechenden Prozessberichte wenigstens in den Kreisen des Bildungsbürgertums prominent geworden ist. Das war noch nicht der massenhafte Durchbruch, der erst weitere 20 Jahre später mit der Ausstrahlung des von vielen als zu populär angesehenen Fernsehfilms ,Holocaust’ geschehen ist Bis dahin herrschte in der Bundesrepublik Deutschland das, was man als Verdrängung bezeichnen könnte. Das bricht allmählich in den 50er-Jahren, oftmals durch Zufall, auf. Aber es ist dann in der Tat der Energie und dem moralischen Bewusstsein Fritz Bauers zu verdanken, dass er daraus für die Bundesrepublik Deutschland eine zentrale Veranstaltung gemacht hat. Damals – ich hatte gerade das Abitur am Frankfurter Lessinggymnasium bestanden und bereitete mich auf meine Auswanderung nach Israel vor, schenkte ich diesem Tod überhaupt keine Aufmerksamkeit und das dem Umstand zum Trotz, das ich als Schüler bereits 1963 einige Stunden in dem von Fritz Bauer in Gang gebrachten Auschwitzprozeß verbracht hatte.

Beim anfangs erwähnten Besuch in meiner damaligen Heimatstadt, anlässlich der Gedenkfeier für Fritz Bauer – ich lebe seit Jahren in Berlin – gingen meine Gedanken weit zurück: was konnte, durfte und wollte ein jüdischer Junge im Westdeutschland der 1950er Jahre über Antisemitismus und Holocaust wissen?

Damals, 1967 – ich hatte gerade das Abitur am Frankfurter Lessinggymnasium bestanden und bereitete mich auf meine Auswanderung nach Israel vor – schenkte ich dem Tod von Fritz Bauer überhaupt keine Aufmerksamkeit und das dem Umstand zum Trotz, daß ich als Schüler schon 1963 einige Stunden in dem von ihm in Gang gebrachten Auschwitzprozeß verbracht hatte.

Allerdings: Mit dem NS und der Vergangenheit meiner Familie wurde ich schon relativ früh, im Alter von sieben oder acht Jahren, konfrontiert. Es waren Fotografien meiner Eltern aus jener Zeit, keine Bilder von Vernichtungslagern und dergleichen, wohl aber ein Bild von einem NSDAP-Parteitag, das mir in Erinnerung geblieben ist. Auch erinnere ich mich, dass meine Mutter gelegentlich geweint hat, wenn sie an ihre ermordeten Verwandten gedacht hat sowie : Jahre später äusserte sie, daß nach Deutschland zurückgekehrt zu sein für sie so gewesen sei, wie an offene Gräber zu treten.

Der schulische Geschichtsunterricht, den ich genossen habe, war weitestgehend korrekt, wenngleich es den Begriff Shoah  zu meiner Schulzeit noch nicht gab und daher jemand wie Fritz Bauer im Unterricht nie eine Rolle gespielt hat. Wir haben im Geschichtsunterricht durchaus über den Zweiten Weltkrieg geredet, aber kaum über die Judenverfolgung. Ich hatte eine ganze Reihe von Lehrern, die in der Wehrmacht gewesen sind und die uns jeden Montag ihre missglückte Lebensgeschichte ausgebreitet haben. Die haben meistens – die waren auch innerlich ziemlich kaputt – über das Wochenende zu viel getrunken und uns dann am Montag ihre Lebensgeschichten erzählt. Bei ihnen hatte ich nicht das Gefühl, dass mein Widerspruch etwas gebracht hätte. Aber bei diesem jüngeren Sozialkundelehrer habe ich öffentlich und laut protestiert.  Viele dieser Gespräche verliefen in einer selbstmitleidigen Art und Weise. Ich kann mich noch an unseren Mathematiklehrer erinnern, der mal gesagt hat: „Ich weiß noch, wie ich an der Front stand und gegenüber ein Russe und wie ich mit meinem Gewehr draufgehalten habe.“ Dann hat uns dieser Lehrer noch gebeichtet, in der NSDAP und in der SA gewesen zu sein.

Schließlich hatten wir noch einen jüngeren, sudetendeutschen Sozialkundelehrer, der mit großer Wut über die Vertreibung der Sudetendeutschen erzählte und im selben Atemzug die Unrechtsmäßigkeit der zionistischen Landnahme beklagte. Als Lichtblick mag freilich ein im weitesten Sinne der Bekennenden Kirche zugehöriger Deutschlehrer, Gerhard Venz, gelten, der uns relativ früh die Filme über das ‚Dritte Reich‘, etwa von Michail Romm oder Nacht und Nebel von Alain Resnais gezeigt hat. So war ich, ohne wirklich verstanden zu haben,  worum es geht, 1963/64 beim Frankfurter Ausschwitzprozess.  Mehr noch – als Redakteur der Verbandszeitschrift der zionistischen Jugendbewegung, der ich damals angehörte – interviewte ich gemeinsam mit meiner Genossin Cilly Kugelmann, sie war später die Programmdirektorin des Jüdischen Museums den damaligen Generalstaatsanwalt. Dazu nun einige Ausschnitte aus ihren Erinnerungen:

1964, in dem Jahr in dem wir das Gespräch mit Fritz Bauer führten, folgte Leonid Breschnew dem entmachteten Nikita Chruschtschow auf den Stuhl des Ministerpräsidenten der UdSSR, lehnte Jean-Paul Sartre den Nobelpreis für Literatur ab, wurde in Hofheim im Taunus der erste Bahai Tempel in Europa eröffnet, traten die Beatles, Bill Haley, Chuck Berry und Jimi Hendrix im Hamburger Star-Club auf. In den Kinos liefen Italo-Western und Louis de Funès-Filme, konkurrierte Winnetou II mit Lex Barker als Old Shatterhand und Pierre Brice in der Titelrolle mit James Bonds Goldfinger, moderierte der Entertainer Lou van Burg zum ersten Mal die Spielshow „Der goldene Schuß“. Im Sommer dieses Jahres befand ich mich auf einer Art Erkundungsmission zwecks späterer Auswanderung, einer Gruppenrundreise durch Israel, die von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland durchgeführt wurde. Auf der Rückreise, in Marseille, wo unser Schiff landete und Fahrt nach Frankfurt mit dem Zug fortgesetzt wurde, las ich in einer deutschen Zeitung einen kurzen Bericht über meinen Vater, der am 21. August als Zeuge im Auschwitzprozess aussagte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, dass er irgendetwas mit diesem Prozess zu tun hatte. Obwohl mich diese Zeitungsnotiz beunruhigte und sicher auch ein Hintergrundmotiv für das folgende Gespräch mit Fritz Bauer, war die Beschäftigung mit dem Prozess für mich auf merkwürdige Weise bald beendet….

Vermittelt hatte das Gespräch ein Gymnasiast aus der Schweiz, der offensichtlich mit dem Generalstaatsanwalt näher bekannt war. Das Gespräch mit Fritz Bauer erschien in der Oktober/ Novemberausgabe der „Meorot“, auf dem das Schwimmbad von Mazuba zu sehen ist, jenem Kibbuz, aus dem die Leiter der Zionistischen Jugendorganisation nach Deutschland kamen, um uns ein Leben an eben diesem Ort unweit der libanesischen Grenze schmackhaft zu machen. Die im Pennälerhumor gehaltene Bildunterschrift drückt die emotionale Botschaft der zionistischen Jugendbewegung aus, verrät aber nicht, dass sich in diesem Heft ein Text über eines der wichtigsten Kapitel der deutschen und jüdischen Nachkriegsgeschichte befindet, auch wenn die Fragen an Bauer mit der Bemerkung eingeleitet werden, dass es um einen Prozess geht der „zurzeit die ganze Welt bewegt“. Wir haben uns zweifellos als Reporter gefühlt, die im Stil bekannter politischer Magazine, das Gespräch mit verbindlichen Floskeln begannen und beendeten. Der gedruckten Zusammenfassung ist die Einschüchterung nicht anzumerken, die Fritz Bauer in seinem Büro in uns ausgelöst hat. Freundlich, aber auffällig distanziert und mit knorriger Stimme beantwortete er unsere Fragen und machte ohne Worte deutlich, dass er nicht die Absicht habe, uns viel Zeit zu widmen.

Wir haben in Fritz Bauer den Mann bewundert, dessen Hartnäckigkeit und Durchsetzungskraft es zu verdanken war, dass das Personal des Konzentrations- und Vernichtungslagers überhaupt zur Verantwortung gezogen werden konnte. Viel größer als unsere Achtung für den Staatsanwalt wird dagegen unsere Empörung über die zwei Jahrzehnte gewesen sein, die verstrichen sind, bis Anklage erhoben werden konnte, weshalb wir mit dem Nachdruck pubertierender Apodiktik gleich am Anfang nach dem Zeitpunkt des Prozesses gefragt haben. Ein weiteres Thema war die Verjährung nationalsozialistischer Verbrechen, was die Öffentlichkeit, Politik und Justiz in diesen Jahren stark beschäftigte. Die sogenannte Verjährungsdebatte war noch nicht geführt, sodass Fritz Bauer davon ausgehen musste, mit dem Auschwitzprozess das letzte Mal NS Verbrecher anklagen zu können. Die Frage nach dem Vertreter der Nebenkläger aus der DDR, Friedrich Karl Kaul, zeigt, welchen Einfluss der Kalte Krieg und die Beziehungen der Bundesrepublik zur Deutschen Demokratischen Republik in der damaligen öffentlichen Meinung einnahm. Dem Ost-Berliner Star-Anwalt, wie er in der Presse gerne genannt wurde, warf man misstrauisch „Strafverteidigung als ideologische Offensive“ vor und integrierte somit den Ost-West Konflikt in den Prozess. Auf unser naives Erstaunen, was ein DDR-Anwalt in einem westdeutschen Prozess zu suchen habe, korrigierte Bauer unsere juristisch fehlerhaft gestellte Frage und überging wortlos deren Inhalt. Am Ende unseres kurzen Gesprächs steht eine Frage, deren Bedeutung sich in den vergangenen 49 Jahren verflüchtigt hat. „Wir hörten davon, dass sich dieser Prozess ungünstig für die Juden auswirken soll“ heißt es in unklarer Formulierung. Waren hier die schlechte Behandlung und die Demütigungen gemeint, die den Zeugen durch die Verteidiger erlitten haben? Ging es um Fragen nach der Kollaboration von Juden, eine Strategie, die gerne von der Verteidigung angewandt wurde? Fanden wir es problematisch, Juden nur noch als Opfer zu sehen? Fritz Bauers Antwort trägt zum Verständnis der Frage nichts bei. Er weist darauf hin, dass sich der Prozess nicht nur gegen die Ermordung von Juden richtete und deutete an, dass nicht sehr viele Juden unter den Zeugen zu finden seien. Dann ging er indirekt auf den sogenannten „Nerobefehl“ ein, den Wunsch Hitlers die Niederlage Deutschlands mit der Zerstörung der noch vorhandenen militärischen Infrastruktur zu rächen, was die Wehrmacht, wie er betonte, verweigerte. Die Auffassung, Hitler wollte das gesamte deutsche Volk bestrafen, war damals weit verbreitet. In meinem Geschichtsunterricht, dem es gerade noch gelang, die Epoche der Weimarer Republik zu erreichen, wurde jede weitere Erkundung der Zeit des Nationalsozialismus mit diesem Argument abgetan. Warum Fritz Bauer sich dieser merkwürdigen Apologetik bediente, sondern im Gegenteil, bedauerte, dass dieses Wissen in Deutschland nicht sehr verbreitet war, schien uns damals nicht bemerkenswert. Auch schien es niemanden gestört zu haben, dass dieses Gespräch inmitten einer bunten Mischung aus Texten über Exkursionen, Erfolgsmeldungen über nach Israel ausgewanderte Kameraden und Informationen über das linkszionistische Kibbuz-Netzwerk Ichud Habonim abgedruckt

wurde. Der Auschwitz-Prozess als ein Thema unter vielen Banalitäten. Die familiäre Absicht, die Verfolgungs- und Emigrationserfahrung nicht mit den eigenen Kindern zu teilen und die zionistische Zukunftsperspektive, die darauf abzielte, Deutschland und Europa zu verlassen, einem Land und einer Gesellschaft, die Mitte der 1960er Jahre, auch nach dem Eichmann-Prozess, noch kein Interesse an der Geschichte der Ermordung der europäischen Juden hatte. Diese beiden Faktoren verhinderte wohl, dass aus der Begegnung mit Fritz Bauer das prägende Erlebnis geworden ist, das es hätte sein können.„[1]

Soweit Cilly Kugelmann. Ich, Micha Brumlik habe dem nichts hinzuzufügen. Kugelmanns Erinnerungen an Fritz Bauer als eine eher periphere Gestalt unserer jüdischen Jugend zu Frankfurt am Main in den frühen 1960er Jahren spricht für sich.

 

 

 

 

 

[1] C.Kugelmann, Fritz Bauer hinterm swimming pool Fritz Bauer Institut / Rauschenberger, K. (Hrsg.)Rückkehr in Feindesland? Fritz Bauer in der deutsch-jüdischen Nachkriegsgeschichte

 

Written by lbucklitsch

Juli 5th, 2018 at 7:07 am