Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Diskussion’ Category

JA| Ein Phänomen der Moderne

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Die Bildungsabteilung im Zentralrat lud zur Diskussion über Fundamentalismus in den Weltreligionen

16.06.2016 – von Barbara Goldberg

Was ist das für ein Phänomen?« Micha Brumlik sprach an, was für die meisten alltägliche Realität geworden ist: die Angst vor islamistisch fundierten Terroranschlägen und die enorme Aufrüstung der Sicherheitskräfte, um dieser Bedrohung zu begegnen. »90.000 Polizisten sind jetzt bei der EM in Frankreich im Einsatz, und wir nehmen das als ganz selbstverständlich hin.« Ja, wie lässt sich erklären, dass fundamentalistische Weltbilder diese große Faszination auf viele Menschen ausüben und ihnen häufig sogar als moralische Rechtfertigung dienen, andere zu töten?

Antworten auf diese Fragen sollte das dreitägige Symposium finden, zu dem die Bildungsabteilung im Zentralrat in der vergangenen Woche ins Frankfurter Gemeindezentrum geladen hatte, und zwar gerade nicht auf den Islamismus beschränkt, auch wenn die Auseinandersetzung mit diesem die Vorträge, Workshops und Gespräche am Ende doch dominierte. Wie Micha Brumlik, emeritierter Erziehungswissenschaftler an der Frankfurter Goethe-Universität, in seinem Vortrag schilderte, lassen sich aber auch im Judentum fundamentalistische Tendenzen beobachten. Allerdings spielen diese seiner Meinung nach außerhalb Israels weder eine politische Rolle noch stellten sie ein friedensgefährdendes Problem dar.

Das Absurde ist, dass dieselben biblischen Quellen zu zwei komplett entgegengesetzten radikalen Strömungen innerhalb der jüdischen Orthodoxie geführt haben: Während die radikalen Siedler der Gruppe »Gusch Emunim« glauben, Ostjerusalem, Hebron und das Westjordanland seien genau jene Teile des Heiligen Landes, die Gott seinem auserwählten Volk verheißen habe, lehnen die Satmarer Chassidim den Staat Israel ab und solidarisieren sich mit der arabischen Bevölkerung in Palästina.

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TAZ| Micha Brumlik: Was die AfD und Playmobil eint

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Nicht nur der BaWü-Ableger der Gauland-Partei hat ein Antisemitismus-Problem. Auch die Martin-Luther-Figur von Playmobil ist nicht ohne.

Die letzte Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gibt Anlass, über Gemeinsamkeiten von AfD und Playmobil nachzudenken . . . Wie bitte? Playmobil? AfD? Unterliegt der Autor einer Form von Beziehungswahn?

Gemach – und hübsch der Reihe nach: Die FAS vom 5. Juni brachte auf Seite 2 einen großen Artikel zum Streit zwischen CDU und CSU und betitelte ihn angemessen mit „Verkrachte Geschwister“. Um dies schon zum Überdruss traktierte Thema ansprechend zu präsentieren, kamen die Blattmacher auf die Idee, in die Mitte des Artikels eine besonders große, farbige Fotografie von zwei Playmobilmännchen zu platzieren, eines, das erkennbar einem Indianer glich, ein anderes, das eine Art roten Frack trug.

So weit, so gut – aber was in aller Welt soll das mit der AfD zu tun haben? Noch etwas Geduld: Die AfD hat, wie die Presse nicht nur im Südwesten der Republik vermeldete, derzeit ein Antisemitismusproblem – sitzt doch in ihrer Landtagsfraktion in Stuttgart ein Arzt, Wolfgang Gedeon, der längst ob einer Reihe obskurer und paranoider Annahmen über die „Protokolle der Weisen von Zion“ sowie über die mittelalterlichen, den Talmud studierenden Juden als „innere Feinde des christlichen Abendlandes“ aufgefallen ist.

Parteichef Jörg Meuthen sieht sich daher mit Forderungen konfrontiert, Gedeon aus der Fraktion auszuschließen. So weit, so – je nach Sichtweise – gut oder schlecht. Aber was hat das denn nun mit der ach so beliebten Spielzeugfirma Playmobil – sie hat ihren Sitz in Zirndorf bei Fürth – zu tun?

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Juni 14th, 2016 at 3:52 pm

Gegen Mythopolitik und Ethnokratie – Micha Brumliks Plädoyer für eine konstitutionelle Utopie

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Von Irmela von der Lühe

Als „Versuch über die Gegenwart des Judentums“ hat Micha Brumlik, soeben mit der Buber- Rosenzweig-Medaille der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit ausgezeichnet, seine Essaysammlung bezeichnet, die im Haupttitel die Frage aus den talmudischen „Sprüchen der Väter“ aufnimmt: „Wann, wenn nicht jetzt?“ Tatsächlich geht es in den sieben sachlich und systematisch klug miteinander verknüpften Aufsätzen gleichermaßen um aktuelle politische wie historisch-kulturgeschichtliche als auch philosophisch-theoretische Fragen. Sie alle kreisen im Sinne der talmudischen Aufforderung um radikale Selbstbefragung, um jüdische Selbstbesinnung als Reflexion vergangener Erfahrungen und gegenwärtiger Erlebnisse, historischer Erkenntnisse und aktueller Herausforderungen. Vergangenheit und Gegenwart der Diaspora, des Zionismus und des Messianismus spielen eine ebenso wichtige Rolle, wie das Verhältnis zwischen Israel und Deutschland, zwischen Israel und den Juden in der amerikanischen Diaspora. Analyse und Argumentation prägen die Darstellungen, und doch spürt man immer wieder, wovon auch in einem eigenen Abschnitt ausführlich die Rede ist: „Resignation und Einsicht“. Eine melancholische Präzision durchzieht den Text, dessen Ton erstaunt und berührt; dessen analytische Kraft unüberhörbar, dessen rational-realistischer Ursprung zweifelsfrei und dessen klarsichtige Hoffnung stets gegenwärtig ist.

Es ist keine Abrechnung mit dem zionistischen Projekt, so hart und entschieden die Kritik an der Besatzungspolitik Israels im Allgemeinen und an Benjamin Netanyahus Handeln im Besonderen auch ausfällt. Mit „Israel und die Diaspora: Die aktuelle Krise“ ist denn auch das erste Kapitel überschrieben, das von der Wiederwahl Netanyahus im Jahre 2015 – zugleich das vierte Jahr des syrischen Bürgerkriegs – ausgehend, den Gründen und Hintergründen für die wachsende „Entfremdung“ zwischen dem amerikanischen Judentum und dem Staat Israel nachgeht. Gewährsmann für die dabei referierten Sachverhalte ist der orthodoxe Politikwissenschaftler Peter Beinart, dessen im Jahr 2013 auch auf Deutsch erschienene Studie „Die amerikanischen Juden und Israel“ die völker- und menschenrechtswidrige Siedlungs-und Außenpolitik der Netanjahu-Regierungen detailreich belegt und zugleich die Gefolgschaftstreue der großen jüdisch-amerikanischen Organisationen kritisch in Frage stellt. Gestützt auf Beinarts Befunde rekonstruiert Brumlik eine paradoxe und zugleich höchst brisante Konstellation: Während Netanjahu in den Spuren seines Vaters und damit in direkter Nachfolge von Waldimir Jabotinsky (1880–1940) alle Anstrengungen unternimmt, einen palästinensischen Staat zu verhindern, orientiert sich Barack Obama an den Grundsätzen des jüdischen Philosophen und Bürgerrechtlers Abraham Joschua Heschel (1907–1972). Das Scheitern des Friedensprozesses erwächst in einer solchen Sicht auch aus einem inneren Antagonismus im zionistischen Konzept selbst und führt zu einen wachsenden Dissens zwischen der israelischen Regierung und dem modern-orthodoxen Judentum in der amerikanischen Diaspora. An Peter Beinarts, aber auch an Positionen wie denjenigen der jüdisch-französischen Historikerin Esther Benbassa stellt Micha Brumlik jene existenziell-politische Ambivalenz heraus, die sich in Sätzen wie „Ich will nicht Jüdin sein und Israel ablehnen. Ich will auch nicht Jüdin sein und Israels unmoralischen Krieg billigen. Nicht ohne Israel und nicht mit Israel, so wie es heute ist“ äußert.

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neues deutschland: Brumlik für Behandlung von „Mein Kampf“ an Schulen – „Hitler muss entmythologisiert werden“

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Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik hat die Entscheidung des bayrischen Landtages begrüßt, die neue kommentierte Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ an Schulen zu behandeln. Es müsse darum gehen, den Autor zu „entmythologisieren“, schreibt Brumlik in einem Gastbeitrag für die in Berlin erscheinende Tageszeitung „neues deutschland“ (Freitagausgabe). Lese man die vom Münchner Institut für Zeitgeschichte kommentierte Ausgabe, dann werde klar, dass Hitlers Weltanschauung „nichts anderes war als das wirre Konglomerat einer persönlichen Paranoia und esoterischer Wahnvorstellungen“, so der emeritierte Professor der Universität in Frankfurt am Main. Wie es geschehen konnte, „dass ein großer Teil der Deutschen diesem Mann und seiner Weltanschauung bis zum bitteren Ende eines Krieges ungebrochen folgte“, sei die entscheidende Frage, die „in einer Zeit, in der sich in Gestalt der AfD weltanschauliche Paranoia wieder politisch organisiert“, besonders dringend mit Schülern erörtert werden müsse.

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Mai 13th, 2016 at 8:31 am

Deutschlandradio| Studie: Wie das Friedenspotenzial in Religionen genutzt werden kann

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Von Stefanie Oswalt

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Wie kann erreicht werden, dass Religionen nicht Konfliktauslöser sind, sondern zum Frieden beitragen? Dazu müssten die friedensorientierten Strömungen innerhalb von Religionen erst einmal wahrgenommen werden, hat der Friedensforscher Markus Weingardt in einer Untersuchung herausgefunden.

Zitat aus Altes Testament Joel, Kapitel 4,9:
„Ruft unter den Völkern aus: ‚Rüstet euch zum Kampf! Stellt eure Truppen auf! Lasst alle eure wehrfähigen Männer antreten und marschieren! Schmiedet aus euren Pflugscharen Schwerter, und macht aus euren Winzermessern Speerspitzen! (…)'“

Zitat aus Neues Testament Matthäus, Kapitel 10,34:
„Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.“

Zitat aus Koran, Sure 47,4:
„Wenn ihr auf diejenigen, die ungläubig sind, (im Kampf) trefft, dann schlagt (ihnen auf) die Nacken. Wenn ihr sie schließlich schwer niedergeschlagen habt, dann legt (ihnen) die Fesseln fest an. Danach (lasst sie) als Wohltat frei oder gegen Lösegeld, bis der Krieg seine Lasten ablegt…“

Altes Testament, Neues Testament und Koran. Alle drei Zitate wurden im Laufe der Geschichte immer wieder zur Legitimation von Gewalt und Krieg herangezogen: von den Kreuzzügen über die konfessionellen Kriege des 17. Jahrhunderts, den Weltkriegen bis heute. Kriege, die von den Herrschenden vermeintlich im Namen Gottes geführt wurden, hinter denen oft simple machtpolitische Interessen standen.

Markus Weingardt: „Allerdings muss man nicht so weit zurückgehen bis ins Mittelalter, um festzustellen, dass Interessenkonflikte immer wieder nicht nur in Wertekonflikte sondern auch in religiös aufgeladene Wertekonflikte transformiert werden. Wir haben radikale religiöse Gruppierungen nicht nur im Islam – der IS, die Taliban oder Boko Haram sind natürlich bekannt -, die alle ihre Auseinandersetzungen religiös begründen. Wir haben aber auch die christliche Lord’s Resistance Army in Uganda, Hindu-Nationalisten in Indien oder buddhistische Nationalisten in Myanmar, die alle unglaubliche Gewalt verüben oder Pogrome an christlichen oder muslimischen Minderheiten verüben“,

sagt der Politikwissenschaftler und Friedensforscher Markus Weingardt. Er leitet den Bereich „Frieden“ der Tübinger Stiftung „Weltethos“. Im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hat er untersucht, wie Religionen und ihre Vertreter in gewaltsamen Konflikten deeskalierend wirken können, wie sie gar Frieden stiften können.

„Es macht einen Unterschied, ob man einen Kampf, einen Interessenkonflikt um Land austrägt, oder ob man einen Wertekonflikt um Heiliges Land austrägt. Also wenn dieses Land – wodurch auch immer – sozusagen religiös aufgeladen zu Heiligem Land erklärt wird, dann hat das natürlich eine ganz andere Qualität; und entsprechend wird auch der Konflikt, die Auseinandersetzung eine ganz andere Qualität haben.“

Überhebliches westliches Selbstbild

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Mai 12th, 2016 at 5:21 pm

NETZ GEGEN NAZIS|WIE ANTISEMITISCH IST DIE AFD?

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Antisemitismus ist wesentlicher Bestandteil des Weltbildes der deutschen extremen Rechten. Aber kann es auch eine deutsche Rechte ohne Antisemitismus geben? Anders als die NPD sanktioniert die AfD, zumindest hin und wieder, antisemitische Ausfälle ihre Mitglieder. Mehr noch: Sie wirbt häufiger im Vorfeld von Parteiveranstaltung gezielt um die Teilnahme von Jüdinnen und Juden. Parteichefin Petry reiste jüngst gar auf Einladung zu einem politischen Vortrag nach Israel. Vereinzelt werden auf AfD-Demonstrationen Israel-Fahnen getragen. Das lässt die Frage aufkommen, spielt Antisemitismus bei der AfD keine Rolle?

Von Jan Riebe

AfD wirbt um Juden

„Wir als AfD sind bei euch! Wir verstehen eure Ängste und Sorgen!“ (NW) – so warb die AfD in Paderborn um die Teilnahme von Jüdinnen und Juden an einer Demonstration im Februar 2016. Kein Einzelfall. In mehreren Städten versuchte die AfD Jüdische Verbände oder Einzelpersonen für Parteiveranstaltungen zu gewinnen. Die Reaktionen der Jüdischen Gemeinden waren einhellig. Sie warnten ihre Mitglieder davor, sich von der Rechtsaußenpartei instrumentalisieren lassen. „Die AfD tritt manchmal mit der Idee an uns heran, dass wir uns doch mit ihnen gegen islamischen Antisemitismus wenden sollten. Aber ich habe mir deren Veranstaltungen angeschaut: Diese Leute hassen heute die Muslime, und morgen hassen sie uns“, so Reinhard Schramm, Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen. Diese Haltung verwundert nicht, denn es gibt schon heute zahlreicher antisemitische Äußerungen aus den Reihen der AfD.

Antisemitische Postings

 

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Mai 10th, 2016 at 1:16 pm

Deutschlandradio| Jüdische Witze: Genervt von der Übermutter

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Von Gerald Beyrodt

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Die Heldin jüdischer Witze ist die „Mame“, die jüdische Mutter. Sie tut alles für ihre Kinder, vor allem für die Söhne. Die sollen dafür aber, bitte, erfolgreich Karriere machen – und ihre Mame genauso innig zurücklieben.

„Nach ernsthaften Gesprächen ruft der Familientherapeut die Mutter des jungen Mannes an und bestellt sie in die Praxis, Frau Cohn, ich muss ihnen leider mitteilen, Ihr Sohn hat einen Ödipus-Komplex.  – „Ah, Ödipus, Schnödipus, Hauptsache er hat lieb die Mama.“

Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler und Autor zahlreicher Bücher zum Thema Judentum. Die jüdische Mutter, die Mame, ist eine Lieblingsgestalt des jüdischen Witzes, und gerne taucht sie in Verbindung mit einer anderen jüdischen Erfindung auf: der Psychoanalyse. Elisabeth Jupiter, Wiener Psychotherapeutin und Herausgeberin des Buches „Mach Witze“.

„Drei ältere Damen streiten sich, wer den besten Sohn hat. Sagt sie: ‚Ich hab den besten Sohn. Der ist ein fantastischer Zahnarzt, arbeitet wie verrückt, aber jeden Schabbes ist er bei mir.‘ Sagt die zweite: ‚Ist noch gar nichts. Mein Sohn ist Geschäftsmann, wahnsinnig viel zu tun, verdient, was er will, aber einmal die Woche geht er mit mir einkaufen.‘ Sagt die dritte: ‚Ist noch gar nichts. Meiner ist Anwalt auf der Fifth Avenue, verdient, was er will, kann sich den besten Analytiker leisten, zahlt vier mal in der Woche vierhundert Dollar und spricht dort nur über mich.'“

Melodramatisch und ständig in Sorge um die Kinder

Die jüdische Mutter, entnehmen wir diesem Witz, will wichtig genommen werden – egal um welchen Preis. Auch wenn sich der Sohn vielleicht sich auf der Couch  bitterlich über sie beklagt, ist das gleichgültig, so lange sie im Mittelpunkt steht. Außerdem sagt man ihr einen Hang zum Melodrama nach.

„Die italienische Mutter sagt zum Kind: ‚Iss deine Pizza oder ich bringe dich um“. Die jüdische Mutter sagt: ‚Iss deinen Kugel oder ich bringe mich um'“.

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Mai 7th, 2016 at 2:22 am

JungleWorld| »Multikulturalismus, Immigration und Islam sind ihre Hauptgegner«

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Micha Brumlik ist emeritierter Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt und momentan Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Der Erziehungswissenschaftler und Publizist sprach mit der »Jungle World« über alte und Neue Rechte, über Heidegger und die Resakralisierung politischer Herrschaft.

INTERVIEW: MORITZ WICHMANN

Die Neue Rechte orientiert sich am eurasischen Projekt und am Ethnopluralismus. Worum geht es dabei?

Die Neue Rechte legt einen starken Akzent auf kulturelle Identität, aber versteht sich so, dass sie nicht rassistisch ist. Sie sagt nicht, die eine Kultur ist höherwertig als die andere, sondern Kulturen sind grundsätzlich verschieden. Keine ist höher als die andere, aber jedes Volk ist gehalten, seine eigene kulturelle Identität gegen Einflüsse von außen, also Wanderungsbewegungen, moralischen Universalismus und gegebenenfalls auch Menschen- und Bürgerrechte zu verteidigen.

Das eurasische Projekt ist ein Gegenprojekt zu dem, was man als die atlantische Zivilisation bezeichnen kann, also die Beziehungen zwischen den USA und Europa, die westliche Aufklärung und die Zeit seit der französischen und amerikanischen Revolution. Demgegenüber denken die Eurasier in Großräumen, die von Sibirien bis nach Moskau oder Kiew reichen, die keine liberale Tradition haben. Dies ist ein Denken, das sich ganz stark am am konkreten Raum orientiert und weniger an Ideen und Prinzipien.

Diese Fokussierung auf Raum nennen Sie ja als zentrales Merkmal des Denkens der Neuen Rechten. Dabei kritisieren Sie die Raumvergessenheit des westlichen liberalen politischen Denkens und der Linken.

Wir im Westen konnten es uns in den letzten Jahren leisten, über Fragen wie Grenzen, Räume, Siedlungen, Demographie und Bevölkerung nicht nachzudenken, wir mussten uns da keine Sorgen machen. Jetzt sind wir mit der sogenannten Flüchtlingskrise im Rahmen der Globalisierung sehr unsanft darauf gestoßen worden, dass Raum tatsächlich eine Rolle spielt. Wir haben dafür bisher keine Konzepte, es sei denn die der Stadtsoziologie. Da gibt es Überlegungen, wie Räume gerecht gestaltet werden sollen. Um die Fragen nach größeren Maßstäben, wo es um Territorien und Staaten geht, hat sich die Linke in den letzten Jahren nicht gekümmert.

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Radio Q| MICHA BRUMLIK ZUR EXZELLENZINITIATIVE

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Über 500 Millionen Euro mehr für die Exzellenzinitiative an deutschen Universitäten

Dieses Förderprogramm fußt auf einer Bund-Länder-Vereinbarung. Doch das Programm ist umstritten, denn Exzellenz-Auszeichnung scheint nicht immer direkt etwas Gutes zu sein. Nun haben einige 100 Wissenschaftler eine Online-Petition gegen die Exzellenzinitiative ins Leben gerufen – „Für gute Forschung und Lehre – Argumente gegen die Exzellenzinitiative„.

Kritik an der Exzellenzinitiative:

  • Exzellenzinitiative fördert zu wenig Universitäten
  • dadurch Schaden in der Breite der Lehre und Forschung
  • Nachteil für wissenschaftliches Personal und wissenschaftlichen Nachwuchs
  • Hierarchisierung des Hochschulsystems
  • Trend zu „Pseudo-Märkten“ –> unnötige Dauerkonkurrenz der Wissenschaft, um staatliche Finanzierung

Einer der Unterzeichner ist Micha Brumlik. Im Interview mit Radio Q betont er unter Anderem den Nachteil für den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Das gesamte Interview zum Nachhören:

Herr Brumlik, was ist in Ihrer Sicht so problematisch an der Forschungsförderung im Rahmen der Exzellenzinitiative?

Micha Brumlik: Problematisch ist, dass die großartigen Leistungen, die Wissenschaft und Forschung in der Breite bringen dadurch völlig übergangen werden. Einige wenige Universitäten werden dadurch bevorteilt und darüber hinaus wird die Lage des wissenschaftlichen Personals, des wissenschaftlichen Nachwuchses in keiner Weise verbessert, sondern im Gegenteil verschlechtert. Es kommt hinzu, dass sich durch die Auszeichnung einiger weniger Universitäten all jene Studierenden, die an anderen Universitäten studieren, später im beruflichen Konkurrenzkampf sich als relativ schlechter gestellt, vorkommen müssen. Read the rest of this entry »

Written by lbucklitsch

Mai 3rd, 2016 at 5:20 am

Initiative| FÜR GUTE FORSCHUNG UND LEHRE – ARGUMENTE GEGEN DIE EXZELLENZINITIATIVE

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Die sogenannte Exzellenzinitiative, mit der Bund und Länder deutsche “Spitzenforschung” fördern wollen, ist auf dem besten Weg, unser Hochschulsystem auf problematische Weiseumzugestalten. Seit 2005 wurden die Universitäten in bisher zwei Runden aufgefordert, sich mit Forschungs- und Strukturplänen um beträchtliche Mittel zu bewerben; nun sollen die Wettbewerbe im Sieben-Jahres-Rhythmus verstetigt werden. Zu vergeben sind 533 Millionen Euro pro Jahr, die acht bis elf erfolgreichsten Bewerber können sich Exzellenzuniversitätnennen. Das erklärte Ziel lautet, die „vertikale Differenzierung“, also die Ungleichheit zwischen den Hochschulen auszubauen. Wir meinen, dass dies keine gute Nachricht ist. Eine verschärfte Prestigekonkurrenz und Umverteilung von unten nach oben werden Forschung und Lehre in Deutschland insgesamt schaden. Als wissenschaftlich Arbeitende, die davon zum Teil massiv betroffen sind und die ein faires Hochschulsystem der Prestigekonkurrenz vorziehen, wenden wir uns gegen die Exzellenzinitiative. Statt der vermeintlichen “Spitze” sollten die bestehenden, gegenwärtig bedrohten Vorzüge des deutschen Hochschulsystems gefördert werden: ein hohes Lehrniveau an allen Standorten und breit gestreute Freiräume für innovative Forschung.
Im Einzelnen spricht besonders Folgendes gegen das Programm:
  • Die Exzellenzinitiative befördert den Trend zu Pseudo-Märkten im Hochschulsektor. Statt für eine solide Grundfinanzierung zu sorgen, treibt die Wissenschaftspolitik die Forschenden in eine künstlich inszenierte Dauerkonkurrenz um staatliche Mittel. Sie verstärkt damit eine Fassadenkultur der Antragstellung, die Orientierung am Mainstream und prekäre Projekt-Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft.
  • Die Situation des wissenschaftlichen „Nachwuchses“ in Deutschland wurde durch die Exzellenzinitiative weiter verschlechtert, weil sie die Zahl der befristeten Stellen unterhalb der Professur vermehrt hat. Wenn zukünftig eher Tenure-Track-Stellen als Projektstellen geschaffen werden, ließe sich der Schaden an den Exzellenz-Standorten eindämmen – allerdings um den Preis, dass sich die dauerhafte Förderung bei einer kleinen Gruppe von Nachwuchsforschenden bündelt, während die schlechte Lage aller anderen durch den Wettbewerb legitimiert wird.
  • Bei der angestrebten Hierarchisierung des deutschen Hochschulsystems wird es vor allem Verlierer geben. Die traditionelle Stärke dieses Systems besteht darin, dass an prinzipiell jeder Hochschule auch international sichtbare Spitzenforschung möglich ist. Wird sie an wenigen Standorten gebündelt, drohen die nicht erfolgreichen Hochschulen dauerhaft ihren Status als Forschungsinstitutionen zu verlieren. Grundsätzlich wird die Befreiung einiger Forschender von der Lehre durch erhöhte Lehrbelastung aller anderen erkauft.
  • Eine Hierarchisierung der Hochschulen verstärkt soziale Ungleichheit. Internationale Vergleiche zeigen, dass Spitzenhochschulen gewöhnlich der Oberschicht zur Reproduktion dienen. Dass auch beim Lehrpersonal unter Wettbewerbsdruck und verstärkt prekarisierten Beschäftigungsverhältnissen die soziale Herkunft wichtiger wird (und Nachteile von Frauen keineswegs ausgeglichen werden), zeigen neue Studien zu Schließungstendenzen in der Professor/innenschaft und bei den Juniorprofessuren.
  • Schließlich ist der Diskurs der Exzellenz selbst weitgehend wissenschaftsfremd (da er sich vorrangig an äußerlichen Erfolgsindikatoren orientiert) und undemokratisch. Die Selbstverwaltung der Wissenschaft und ihre Selbstkontrolle durch Kritik werden schleichend durch die Anpassung an Märkte, eine Rhetorik des Ausgezeichneten und starker Führung ersetzt.

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Written by lbucklitsch

April 28th, 2016 at 3:52 pm

Micha Brumlik: Franz Rosenzweig und der Zionismus

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Micha Brumlik

Franz Rosenzweig und der Zionismus

I.

2018, in zwei Jahren, wird der Staat Israel mit seiner Hauptstadt Jerusalem siebzig Jahre alt werden. Heute, mehr als hundert Jahre nach ihrem ersten Auftreten befinden sich Idee und Staat der jüdischen Nationalbewegung nicht nur in der Krise – im Moment zeichnet sich nicht weniger als die Selbstzerstörung des zionistischen Vorhabens ab. Dieser Selbstzerstörungsprozess ist in widersprüchlichen Tendenzen des modernen Judentums angelegt, die zu lösen die zionistische Bewegung mit ihrem Nationalgedanken vor mehr als hundert Jahren angetreten war.1 Sie trat damit in Konkurrenz zu anderen von Juden betriebenen Entwürfen zur Behebung der je unterschiedlich ausgeprägten Judennot: dem westeuropäischen Assimilationsjudentum, welches das Judentum konsequent konfessionalisieren wollte, unterschiedlichen Spielarten des Sozialismus, die darauf setzten, mit der Lösung der sozialen Frage zugleich jede Form der Judenfeindschaft zum verschwinden zu bringen sowie Varianten eines ethnisch verstandenen Kulturjudentums, das sich hier – im Rußland des späten Zarismus als ethno-kultureller Sozialismus verstand – die jiddisch sprechende Gewerkschaftsbewegung, der „Bund“ – und dort als hebräischsprachiger, aber nicht staatenbildender Kulturzionismus auftrat. Tatsächlich gingen diese idealtypisch verschiedenen Motive in der Realität beinahe beliebige Kombinationen ein, die auszuführen hier der Platz fehlt. Von ihnen unterschied sich der Zionismus sowohl durch seinen Territorial- als auch durch seinen Staatsgedanken,wobei es keineswegs immer klar war, daß als einziges Territorium für einen Judenstaat nur Regionen des historischen Landes Israel in Frage kämen. Grob gesprochen faßte der moderne staatsbildende Zionismus die Juden als Nation.

Der Gedanke der Nation aber entstand im heutigen Sinne des Wortes nicht vor der Französischen Revolution, wo der Begriff zunächst das im Geiste einer auf Demokratie und Menschenrechten beruhenden Verfassung geeinte Bürgertum bezeichnete. Diese Form der Nation lässt sich als ein auf gleichen Rechten aller Citoyens beruhendes Zukunftsbündnis ansehen, dem es um die Verwirklichung der gemeinsamen Freiheit aller Bürger geht. Dieses Verständnis von Nation als Staatsvolk hat Jean Jacques Rousseau in seinem 1762 verfassten „Contrat social“ vorgelegt. Im Gegenzug und in Konkurrenz dazu entstand vor allem in Deutschland, in Reaktion auf die napoleonische Besatzung, ein Begriff der Nation, der nicht die gemeinsame Zukunft der einander anerkennenden Bürger, sondern die gemeinsame Herkunft der in Sprache und Tradition verhafteten Volksgenossen zum Inhalt hatte. Hierfür lassen sich systematisch die von Johann Gottlieb Fichte die 1808 verfassten „Reden an die Deutsche Nation“ nennen.

Der damit bezeichnete Unterschied zwischen einem aufklärerischen Begriff der Nation im französischen und einem romantischen Begriff der Nation im deutschen Sinne sollte auch die zionistische Bewegung in ihren vielfältigen Schattierungen prägen. Freilich: jenseits der Ausfaltung in einen Begriff der Nation als eines im Staat geeinten Herkunftsvolkes im Geiste Fichtes bzw. einer die Rechte und Freiheiten der Individuen wahrenden und verwirklichenden Rechtsgemeinschaft im Geiste Rousseaus stand die Idee der modernen jüdischen Nation von allem Anfang an unter dem Druck des Antisemitismus, d.h. unter dem kollektiven Interesse, vor aller kulturellen Verwirklichung oder allen liberalen Garantien Leib und Leben verfolgter Juden zu schützen sowie ihre verletzte Selbstachtung wieder aufzurichten. Ben Gurion bezeichnete diese – nicht zuletzt von Theodor Herzl propagierte Variante – als „Philanthropie“. Read the rest of this entry »

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April 22nd, 2016 at 2:12 pm

TAZ| Micha Brumlik – Ein Gefühl namens Europa

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„Unbehagen“, „Gespür“, „Stimmung“ oder eben doch „Gefühl“? In Zeiten von Terror und Flüchtlingskrise fehlen Europa-Analytikern die Worte.

Nein, gut ist sie nicht, die politische Großwetterlage im Westen. Islamistischer Terror und Flüchtlingskrise stellen die politische Ordnung – jedenfalls in Europa – in einer Weise infrage wie noch nicht einmal 1989. Damals schloss einfach der östliche Teil Europas, durchaus revolutionär, zum Westen auf, ohne dass dessen politische Ordnung fragwürdig wurde. Heute bemühen sich Leitartikler und politische Experten darum, „Flüchtlingskrise“ und Terror zu erklären und damit beidem den beunruhigenden Charakter zu nehmen.

Dabei scheint es nicht möglich, genaue Ursachen zu benennen: Das beweist die von professionellen Zeitanalytikern gewählte Begrifflichkeit: So beschwört der Sozialphilosoph Axel Honneth in seinem anregenden Langessay „Die Idee des Sozialismus“ ein „Unbehagen über den sozioökonomischen Zustand“ beziehungsweise ein Fehlen „geschichtlichen Gespürs“, während der Soziologe Heinz Bude einen inspirierenden Band zum Thema „Das Gefühl der Welt. Über die Macht der Stimmungen“ vorgelegt hat.

Der Soziologe Hartmut Rosa wiederum, bisher als Kritiker einer universellen Beschleunigung bekannt, hat soeben eine voluminöse Studie zu einer „Soziologie der Weltbeziehung“ unter dem Titel „Resonanz“ publiziert.

„Unbehagen“, „Gespür“, „Stimmung“, „Gefühl“ und „Resonanz“ – das sind zunächst diffus wirkende Begriffe; Begriffe, die man so in einer auf harten und klaren Begriffen aufbauenden Gesellschaftstheorie nicht kannte, das sind Kategorien, die ebenso unscharf wirken wie das, was sie mindestens beschreiben, wenn nicht gar erklären sollen: den gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustand, jedenfalls im „westlichen“ Teil der Welt.

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April 5th, 2016 at 3:29 pm

Böll| Metapolitik: Micha Brumlik – Das alte Denken der neuen Rechten

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April 5th, 2016 at 3:26 pm

Universität Kassel: Micha Brumlik – Antrittsvorlesung – Kassel, 20.April 2016, 18 Uhr

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Antrittsvorlesung Brumlik.jpg wird angezeigt.Antrittsvorlesung Brumlik.jpg wird angezeigt.Antrittsvorlesung Brumlik.jpg wird angezeigt.Antrittsvorlesung Brumlik

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März 26th, 2016 at 2:22 pm

Heinrich Böll Stiftung| Micha Brumlik: Das alte Denken der neuen Rechten

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Metapolitik

Das alte Denken der neuen Rechten
Vortragsreihe
DATUM:
Montag, 4. April 2016 – 19:3021:00
STADT: Berlin
ADRESSE:

HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG – BUNDESSTIFTUNG BERLIN

Schumannstr. 8
10117 Berlin
WEGBESCHREIBUNG
EINTRITT/GEBÜHR:
frei
VERANSTALTER/IN:
Heinrich-Böll-Stiftung – Bundesstiftung Berlin

„Die Gespenster der Vergangenheit haben wieder eine Zukunft“ – mit dieser Diagnose beschrieb DIE ZEIT bereits 2014, wie sich rechtsradikales Denken in Mittel- und Osteuropa mit ähnlichen ideologischen Strömungen in Russland verbindet und unter dem Begriff der Metapolitik verbreitet wird. Inzwischen hat diese Rückkehr zu nationalen bzw. nationalistischen Positionen wieder geopolitische Ordnungsvorstellungen zum Leben erweckt, die längst überholt erschienen.

Rechte Netzwerke wirken auf kulturelle und gesellschaftliche Kommunikationsmuster ein. Angestrebt wird eine kulturelle Hegemonie, die im Sinne einer Metapolitik die Prämissen westlicher Politik zu verändern sucht. Ideen von Homogenisierung, nationaler Renaissance und Raum als politische Kategorie sind die Säulen dieser Weltvorstellung.

Zugleich gewinnen Strömungen radikal anti-universalistischen Denkens auch bei der neuen deutschen Rechten an Einfluss. Der russische Propagandist Alexander Dugin will einen eurasischen Kulturraum schaffen und rekurriert dabei auf ein völkisches Denken, das bei Martin Heidegger Anleihen macht und Nationen nach ethnischer Zugehörigkeit definiert.

Der Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik analysiert die Gedankenwelt, die die rechtsnationalistischen Bewegungen in Europa mit dem Russland Putins verbindet.

Mit

  • Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler und Publizist

Moderation: Peter Siller, Jurist und Philosoph, Heinrich-Böll-Stiftung

Hinweis: Die Veranstaltung wird als Livestream übertragen.
Eine Veranstaltung der Grünen Akademie.
In Medienpartnerschaft mit taz und Freitag.

 

Hintergrund
In welcher Welt leben wir? So banal es klingt, es gehört zum Schwierigsten, Abstand zu gewinnen – auf die Höhe zu gehen – um das eigene Jetzt klarer zu sehen. Zeitgeistige Bestseller gibt es viele, erhellende Zeitdiagnosen sind selten. Schauen wir also, wo interessante Perspektiven auf unsere Gegenwart eröffnet werden. Versuchen wir einen ungewohnten, gerne auch schrägen  Blick, der uns die Gegenwart anders sehen lässt. 35 Jahre nach den „Stichworten zur ‚geistigen Situation der Zeit'“ nehmen wir mit der Vortragsreihe „Auf der Höhe“ das Experiment nochmals auf. Abermals fragen wir Intellektuelle zu zentralen gesellschafts- und kulturdiagnostischen Stichworten unserer Zeit. In den nächsten Monaten und Jahren buchstabieren wir das Alphabet durch, von A wie Authentizität über D wie Drastik, J wie Jugend, ewige bis R wie Retro und Z wie Zombie.

Blätter| Das alte Denken der neuen Rechten

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Mit Heidegger und Evola gegen die offene Gesellschaft

von Micha Brumlik

Daran, dass sich derzeit in beinahe allen Ländern Europas eine explizit rechte, nicht mehr nur konservative Grundstimmung verfestigt, kann kein Zweifel bestehen. Und dies dem Umstand zum Trotz, dass keineswegs alle Länder von den üblichen Ursachen derartiger Stimmungen betroffen sind. In Deutschland zum Beispiel ist die soziale und ökonomische Lage so gut wie seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr: Die Arbeitslosigkeit hat sich bei etwa sechs Prozent eingependelt, die Steuereinkommen sprudeln, sogar die Renten sind leicht angestiegen, das Exportgeschäft boomt noch immer ungebrochen und der Handel verbucht (auch infolge der Fluchtbewegung) eine anhaltende Nachfrage.

Einzuräumen ist, dass die Kluft zwischen den höchsten und niedrigsten Einkommensgruppen immer größer wird und die Zahl prekärer Beschäftigungsverhältnisse konstant hoch bleibt. Aber erklärt das bereits die erstaunliche Konjunktur rechtspopulistischer Stimmungen und rechtsradikaler Einstellungen? Und kann diese Neue Rechte überhaupt auf ein theoriefähiges Programm zurückgreifen – gerade in Deutschland, da ja noch immer zu gelten scheint, dass alles, was in irgendeiner Weise an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert, in der Arena der Öffentlichkeit tabu ist?

Von den Identitären zur AfD

Der dem systemtheoretischen Denken Niklas Luhmanns verpflichtete Soziologe Armin Nassehi, er lehrt und forscht an der Universität München, hat 2015 ein bemerkenswertes, provokatives Buch unter dem Titel „Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss“ publiziert. In diesem Buch, das nicht zuletzt durch seinen Briefwechsel mit dem Rechtsintellektuellen Götz Kubitschek auffällt, will Nassehi nicht nur nachweisen, dass linkes, universalistisches Denken schon deshalb die Gesellschaft nicht ändern kann, weil die Vertreter dieses Denkens de facto „rechts“ leben, sondern auch eine – freilich zu kurz greifende – Charakterisierung „rechten“ Denkens geben: „Rechts zu denken, heißt“ laut Nassehi, „dass man menschliche Existenz nur als unhintergehbare Gruppenexistenz denken kann – mit allen Konsequenzen, die das dann theoretisch normativ und auch politisch hat. Menschen sind dann in erster Linie Mitglieder größerer Gemeinschaften, und die Lösung gesellschaftlicher Probleme wird letztlich der Homogenität beziehungsweise der inneren Kohäsion einer solchen Gruppe auferlegt. Die Vorbedingung für die rechte Idee der Volkssolidarität war die linke Idee der Volkssouveränität. Beide sind gleichursprünglich entstanden.“[1]

Zweifellos stellen kulturalistisch gedeutete Homogenitätsannahmen eine Grundlage des neuen, rechten Denkens dar – allerdings nur eine. Mindestens so bedeutsam sind Konzepte einer Politisierung des Raums sowie Überlegungen zur (Re)sakralisierung sozialer Funktionen, insbesondere von Herrschaft.

Alle drei Elemente – kulturalistisch gedeutete Homogenität, Politisierung des Raumes sowie Wiederverzauberung gesellschaftlicher Funktionen – schießen in den politischen Überzeugungen jener Gruppen zusammen, die sich in Österreich und Deutschland mit Blick auf Frankreich als „Identitäre“ bezeichnen, auf die französische „Nouvelle Droite“ des noch immer aktiven Alain de Benoist zurückgehen und dessen Vorstellungen vertreten. Demnach hat jede Ethnie ein eigenes Lebensrecht, aber nur in dem ihr zustehenden Raum. Im Internetauftritt des österreichischen Arms der Bewegung wird die identitäre Idee als „eine Botschaft der Freiheit und Selbstverwirklichung jedes Volkes und jeder Kultur im Rahmen ihres eigenen Charakters“ dargestellt, ihre Botschaft beinhalte daher Rassismus“.[2]

Wer sich zu seiner regionalen, nationalen und kulturellen Herkunft bekennt, ist und lebt damit „identitär”. Bei alledem geht es nicht um die dumpfen Ressentiments der Pegida-Demonstranten, sondern um ein Spektrum von Personen und Medien, die – angefangen von der rechtsreformistischen Wochenzeitung „Junge Freiheit“ über die Bücher des „Antaios Verlages“, die Publikationen des „Instituts für Staatspolitik“, die Jugendzeitschrift„Blaue Narzisse“ bis hin zur Zeitschrift „Sezession“ – darum bemüht sind, rechtes Denken zu rehabilitieren. Nicht zu vergessen Jürgen Elsässer und die von ihm herausgegebene Zeitschrift „Compact“, der – mit pazifistischen Begründungen – ein schon von der „Konservativen Revolution“ der Zwischenkriegszeit angestrebtes deutsch-russisches Bündnis und damit ein fremdenfeindliches, autoritäres Regierungsprojekt propagiert. Dass es hier durchaus Verbindungen in die AfD gibt, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass ein ehemaliger Assistent Peter Sloterdijks, der Philosoph Marc Jongen, als Hausphilosoph der AfD in Baden-Württemberg um eine entsprechende Grundlegung seiner Partei bemüht ist – ein Unternehmen, das er – weitestgehend unbemerkt – bereits in der Januarausgabe der Zeitschrift „Cicero“ 2014 angekündigt hatte.[3]

Autoren und Autorinnen all dieser Publikationsorgane sehen sich dem verpflichtet, was sie mit einem Ausdruck Martin Heideggers als „Metapolitik“ bezeichnen, also einer sich philosophisch gebenden Lehre von der Politik, die jedoch so kommuniziert werden soll, dass sie als „Gramscianismus von rechts“ kulturelle Kommunikationsmuster bereits im vorpolitischen Raum verändert, um so die Bereitschaft zur Hinnahme von nationaler Schließung, autoritärer Unterordnung und ethnischer Homogenität zu fördern.

Von Martin Heidegger zu Alexander Dugin

Dabei sind die Grenzen zum historischen Faschismus schnell überschritten: Zeitgeistige Kommunikationsformen wie etwa „Metapolitika“, ein Blog der identitären Bewegung, propagieren den Mussolini von rechts kritisierenden Philosophen Julius Evola sowie vor allem den zeitweise auch von Wladimir Putin protegierten Alexander Dugin. Evola, diese hierzulande bisher eher unbekannte Gestalt, wurde – wie neuerdings zu erfahren war – auch von einem der wohl wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, von Martin Heidegger, zustimmend rezipiert.[4] Hier herrschte eine Wahlverwandtschaft, weil sich Evola wie Heidegger gegen Kommunismus und „Amerikanismus“ wandte.

Immer wieder Martin Heidegger: Es ist kein Zufall, dass die Debatte um diesen Mann, der seine Mitgliedschaft in der NSDAP niemals aufgab, der – wie die seit 2013 bekannten „Schwarzen Hefte“ unwiderleglich beweisen – ein überzeugter Antisemit war und den Juden ihre Ermordung selbst zurechnete, bis heute nicht enden will. Wird sich doch an der Debatte um ihn, zumal nach dem Bekanntwerden seines „Seinsgeschichtlichen Antisemitismus“ (Peter Trawny) erweisen, ob ein der Aufklärung, den Menschenrechten, dem Individualismus und der liberalen Demokratie feindliches Denken überhaupt noch eine Chance hat.

Für Alexander Dugin firmiert Heidegger jedenfalls als wesentlicher Gewährsmann seiner radikal antiuniversalistischen Theorie. Gleichzeitig richtet sich die Neue Deutsche Rechte zunehmend an Alexander Dugin aus. So publizierte Jürgen Elsässer in seiner Zeitschrift „Compact“ ein Interview mit dem Philosophen, in dem dieser auf die Frage, warum er die eurasische Idee propagiere, Folgendes zu Protokoll gab: „Weil es sich dabei um ein Konzept handelt, welches den Herausforderungen Russlands und der russischen Gesellschaft begegnet. Was sind die Alternativen? Es gibt den westlich-liberalen Kosmopolitismus, doch die russische Gesellschaft wird diese Idee niemals akzeptieren. Dann gibt es den Nationalismus, der sich für das multiethnische Russland ebenfalls nicht eignet. Auch der Sozialismus eignet sich nicht als tragendes Ideal für Russland, im Prinzip hat er auch in der Vergangenheit dort nie wirklich funktioniert. Die eurasische Idee ist daher ein realistisches und idealistisches Konzept. Es ist nicht nur irgendeine romantische Idee, es ist ein technisches, geopolitisches und strategisches Konzept, welches von all jenen Russen unterstützt wird, die verantwortungsbewusst denken.“[5]

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März 20th, 2016 at 4:16 pm

Micha Brumlik: Franz Rosenzweig und der Zionismus

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Zur Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit 2016 in Hannover

Vortrag
„Land der Sehnsucht“: Franz Rosenzweig und der Zionismus

Micha Brumlik

Franz Rosenzweig und der Zionismus

I.

2018, in zwei Jahren, wird der Staat Israel mit seiner Hauptstadt Jerusalem siebzig Jahre alt werden. Heute, mehr als hundert Jahre nach ihrem ersten Auftreten befinden sich Idee und Staat der jüdischen Nationalbewegung nicht nur in der Krise – im Moment zeichnet sich nicht weniger als die Selbstzerstörung des zionistischen Vorhabens ab. Dieser Selbstzerstörungsprozess ist in widersprüchlichen Tendenzen des modernen Judentums angelegt, die zu lösen die zionistische Bewegung mit ihrem Nationalgedanken vor mehr als hundert Jahren angetreten war.1 Sie trat damit in Konkurrenz zu anderen von Juden betriebenen Entwürfen zur Behebung der je unterschiedlich ausgeprägten Judennot: dem westeuropäischen Assimilationsjudentum, welches das Judentum konsequent konfessionalisieren wollte, unterschiedlichen Spielarten des Sozialismus, die darauf setzten, mit der Lösung der sozialen Frage zugleich jede Form der Judenfeindschaft zum verschwinden zu bringen sowie Varianten eines ethnisch verstandenen Kulturjudentums, das sich hier – im Rußland des späten Zarismus als ethno-kultureller Sozialismus verstand – die jiddisch sprechende Gewerkschaftsbewegung, der „Bund“ – und dort als hebräischsprachiger, aber nicht staatenbildender Kulturzionismus auftrat. Tatsächlich gingen diese idealtypisch verschiedenen Motive in der Realität beinahe beliebige Kombinationen ein, die auszuführen hier der Platz fehlt. Von ihnen unterschied sich der Zionismus sowohl durch seinen Territorial- als auch durch seinen Staatsgedanken,wobei es keineswegs immer klar war, daß als einziges Territorium für einen Judenstaat nur Regionen des historischen Landes Israel in Frage kämen. Grob gesprochen faßte der moderne staatsbildende Zionismus die Juden als Nation.

Der Gedanke der Nation aber entstand im heutigen Sinne des Wortes nicht vor der Französischen Revolution, wo der Begriff zunächst das im Geiste einer auf Demokratie und Menschenrechten beruhenden Verfassung geeinte Bürgertum bezeichnete. Diese Form der Nation lässt sich als ein auf gleichen Rechten aller Citoyens beruhendes Zukunftsbündnis ansehen, dem es um die Verwirklichung der gemeinsamen Freiheit aller Bürger geht. Dieses Verständnis von Nation als Staatsvolk hat Jean Jacques Rousseau in seinem 1762 verfassten „Contrat social“ vorgelegt. Im Gegenzug und in Konkurrenz dazu entstand vor allem in Deutschland, in Reaktion auf die napoleonische Besatzung, ein Begriff der Nation, der nicht die gemeinsame Zukunft der einander anerkennenden Bürger, sondern die gemeinsame Herkunft der in Sprache und Tradition verhafteten Volksgenossen zum Inhalt hatte. Hierfür lassen sich systematisch die von Johann Gottlieb Fichte die 1808 verfassten „Reden an die Deutsche Nation“ nennen.

Der damit bezeichnete Unterschied zwischen einem aufklärerischen Begriff der Nation im französischen und einem romantischen Begriff der Nation im deutschen Sinne sollte auch die zionistische Bewegung in ihren vielfältigen Schattierungen prägen. Freilich: jenseits der Ausfaltung in einen Begriff der Nation als eines im Staat geeinten Herkunftsvolkes im Geiste Fichtes bzw. einer die Rechte und Freiheiten der Individuen wahrenden und verwirklichenden Rechtsgemeinschaft im Geiste Rousseaus stand die Idee der modernen jüdischen Nation von allem Anfang an unter dem Druck des Antisemitismus, d.h. unter dem kollektiven Interesse, vor aller kulturellen Verwirklichung oder allen liberalen Garantien Leib und Leben verfolgter Juden zu schützen sowie ihre verletzte Selbstachtung wieder aufzurichten. Ben Gurion bezeichnete diese – nicht zuletzt von Theodor Herzl propagierte Variante – als „Philanthropie“.

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März 5th, 2016 at 4:30 pm

WDR| Christlich-jüdischer Dialog : Buber-Rosenzweig Medaille für Micha Brumlik

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Zur Eröffnung der „Woche der Brüderlichkeit“ ehren die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit den Pädagogikprofessor und Publizisten Micha Brumlik für seine Verdienste um den Dialog zwischen Juden und Christen. Der Preisträger im Interview. © WDR 2016

 

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März 5th, 2016 at 8:41 am

BRUMLIK/FUNKE|ACHT THESEN ZUM 13. MÄRZ: DEMOKRATIE VERTEIDIGEN. DIE RECHTSRADIKALE AFD STELLEN | EIN APPELL

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Acht Thesen zum 13. März: Demokratie verteidigen. Die rechtsradikale AfD stellen

Aus Anlass der Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt

Ein Appell

Micha Brumlik/ Hajo Funke, 13. Februar 2016

1. Von Lucke zu Höcke. Die Partei AfD hat sich in atemberaubender Geschwindigkeit innerhalb eines Jahres von einer nach außen moderaten Partei rechts der CDU/CSU in eine rechtsradikale Partei der Mobilisierung rassistischer Ressentiments verwandelt.

Die Alternative für Deutschland ist im Frühjahr 2013 von wirtschaftsliberalen Professoren um Bernd Lucke und ehemalige Industriebürokraten wie Hans-Olaf Henkel in der Auseinandersetzung um den Euro als Partei rechts der CDU gegründet worden. Der Sturz von Bernd Lucke und seiner Professorenriege auf dem Parteitag von Essen im Sommer 2015 hat diese nach außen moderate Partei mit gestürzt. Die bisherige Spitze ist vom radikalen Flügel um Petry, Gauland und Höckeentmachtet worden. Vertreter der Erfurter Resolution und der Patriotischen Plattform bestimmen seither weitgehend das Geschehen der Partei.

Diese Dynamik zum Rechtsradikalismus ist nicht zu verstehen ohne den Vorlauf ihres „natürlichen Verbündeten“, der Pegida-Bewegung, die seit Oktober 2014 Ressentiments gegen Muslime und Flüchtlinge in einer Weise entfesselt hat, dass drei Monate danach die Zahl der Gewalt an Flüchtlingsheimen und Flüchtlingen auf das Doppelte geklettert ist und seither stetig steigt. Die Pegida-Bewegung hatte in schneller Folge alle Mäßigung aufgegeben und den neonazistischen Schatten, der etwa die Ordner in Dresden gestellt hat, zur rassistischen Gewalt veranlasst.

Seit Ende 2014 war mit der schon sprichwörtlichen Äußerung des Chefstrategen Gauland klar, wohin die Reise der Partei gehen soll: „Die Pegida-Bewegung ist der natürliche Verbündeter der AfD.“ Schon ein halbes Jahr später war das bürgerlich moderate Gewand der neoliberalen Professorenriege abgestreift. Und die innerparteiliche Macht vollständig in den Händen des radikalen Flügels: der neuen Vorsitzenden Frauke Petry, der mächtigen Schiedskommission, die unter Leitung des baden-württembergischen Anwalts Brett über Ausschlüsse befindet, und der Agitatoren Höcke, Poggenburg und Gauland. Damit waren die Bedingungen für eine rücksichtslose Demagogie gegen Flüchtlinge gelegt, ehe im September 2015 durch die Zuspitzung der Flüchtlingslage in Europa und der phasenweise Öffnung der Grenzen die Flüchtlinge zum Thema wurden und seither sind. Das ehemalige Mitglied Hans-Olaf Henkel spricht verbittert von einer „NPD light“, zu der die einst von ihm mit gegründete Partei geworden sei. Selten in der Geschichte des Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus ist eine ehemals moderate Rechtspartei im Nachkriegseuropa so schnell in eine rechtsradikale Partei verwandelt worden. Von dieser Demagogie zeugen die radikalen Stellungnahmen der Parteispitze:

So beschwört etwa Alexander Gauland (einst Leiter der hessischen Staatskanzlei unter dem CDU Ministerpräsidenten Wallmann) in einer Berliner Rede den Untergang Roms durch den Ansturm der Barbaren und meint Deutschland. Arabische Flüchtlinge haben hier nichts zu suchen, so Gauland an anderer Stelle.

Björn Höcke wiederum erklärt in biologistischer-rassistischer Manier, wie wir sie aus dem Nationalsozialismus kennnen, die Dekadenz der Europäer Europas im Vergleich zu den fruchtbaren Afrikanern (Björn Höcke vor dem „Institut für Staatspolitik“ der extrem neuen Rechten unter deren Beifall). Er erklärt öffentlich, dass der Syrer zwar sein Syrien behält(!), aber dadurch , dass er nach Deutschland kommt, die deutsche offenkundig völkische Identität auslösche. Höcke hält die Zuwanderung durch sogenannte Fremde für eine existenzielle Gefährdung Deutschlands, seiner deutschen Identität und ethnischen Homogenität. Migranten und Zuwandernde zerstören seiner Ansicht nach Deutschlands Gesellschaft, seine Demokratie, und das Volk. Er sagt: “Erfurt ist … schön … deutsch! Und schön deutsch soll Erfurt bleiben!“ Sein Gesellschafts- und Politik-Konzept einer organischen Nation ist ein fundamentales Gegenkonzept zum Zustand und Selbstverständnis der hiesigen liberal verfassten Demokratie. Es ist – wie das Gegenkonzept der konservativen Revolution gegen die Weimarer Republik – gegen die Berliner Republik gerichtet.Es „erlaubt“ ihm aus einer solchen Perspektive, sowohl gegen die politische Repräsentanz aller „Altparteien“ zu agitieren als auch gegen Asylflüchtlinge und die ethnische Vielfalt der Migration insgesamt. Wenn auch bemäntelt vertritt Höcke in fundamentaler Weise ein extrem rechtes Gedankengut, das ihm eine grenzenlose Kritik an den Verhältnissen und vor allem an dem Sündenbock des Asylflüchtlings bietet.

Frauke Petry schließlich erklärt Ende Januar 2016 dem „Mannheimer Morgen“, dass im Notfall gegen Flüchtlinge an der Grenze geschossen werden müsse. Frau von Storch dehnt dies im Facebook auf Frauen und Kinder aus. Der Parteivorstand weicht angesichts der riesigen Reaktionen der Öffentlichkeit zwar formal, aber nicht in der Sache zurück. Das ist offenkundig Ausdruck einer Strategie der Radikalisierung – einer geplanten Provokation in einer Politik der Mobilisierung von Erregungen und Aggressionen. 1

Die AfD will eine gegen Zuwanderung und Flüchtlinge gerichtete ethnisch-reine, völkische Nation und damit eine andere Republik. Sie ist die Partei der Mobilisierung des Ressentiments gegen Flüchtlinge, spricht von Notwehr und Widerstand und fördert damit Gewalt in einer durch die rassistische Bewegung und die gefährliche Steigerung der Gewalt gegen Flüchtlinge und Flüchtlingsunterkünfte hoch aufgeladenen Situation der Republik. Read the rest of this entry »

Written by lbucklitsch

Februar 16th, 2016 at 7:44 pm

Deutschlandradio| Flüchtlingsdebatte: Der Stammtisch wird salonfähig

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Micha Brumlik im Gespräch mit Nana Brink

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In der Flüchtlingsdebatte wird der Ton immer rauer. Der Publizist Micha Brumlik sieht deswegen die Gefahr, dass sich in Deutschland zwei politische Lager ausbilden, die – wie in den USA – nicht mehr miteinander reden können.

Der Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik macht sich große Sorgen um die politische Kultur in Deutschland. Im Deutschlandradio Kultur sagte er mit Blick auf die Debatte über den Zustrom an Flüchtlingen, es sei besorgniserregend, dass nicht mehr nur in den sozialen Medien gegeifert werde, sondern auch in „anspruchsvolleren Feuilletons“ und in der „Arena des Politischen“. Damit werde der Stammtisch in gewisser Weise salonfähig. Als Beispiele nannte Brumlik die Intellektuellen Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk, der inzwischen „absurde Verschwörungstheorien“ verbreite. Brumlik befürchtet, dass sich in Deutschland durch zunehmend zugespitzte und härter geführte Debatten Zustände wie in den USA einstellen.


 

Das Gespräch im Wortlaut:

Nana Brink: Die meisten Veranstaltungen zum Politischen Aschermittwoch, wo man ja mal so richtig draufhauen kann, die wurden gestern abgesagt aus Respekt vor den Opfern des Zugunglücks in Oberbayern. Aber manche Äußerungen im politischen Raum lassen ja vermuten, dass der Stammtisch nun doch Einzug gehalten hat in die politischen Auseinandersetzungen. Fällt uns natürlich sofort Horst Seehofer ein, der der Kanzlerin, mit der er immerhin zusammen regiert, eine „Herrschaft des Unrechts“ unterstellt.

Es gibt auch den Verfassungsrechtler Udo Di Fabio, der ins ähnliche Horn bläst, der sagt, die Kanzlerin beginge Verfassungsbruch. Oder Intellektuelle wie Rüdiger Safranski, die ziehen gegen eine naive, weil angeblich zu flüchtlingsfreundliche Politik zu Felde.

Man könnte sagen, der scharfe Ton, den wir ja sonst eigentlich nur aus Kommentaren in den sozialen Medien kennen, der hat sich nun auch seinen Weg gebahnt in die Salons dieser Republik. Welche Auswirkungen hat das? Erleben wir eine Verrohrung der politischen Sprache? Darüber spreche ich jetzt mit Micha Brumlik, emeritierter Professor an der Uni Frankfurt. Guten Morgen!

Micha Brumlik: Guten Morgen!

Brink: Sie sind ja eigentlich Erziehungswissenschaftler. Könnte man sagen, da fehlt es einfach mal an Kinderstube?

Brumlik: Das glaube ich nicht. Denn auch gut erzogene Kinder bekommen starke oder hasserfüllte Ausdrücke verboten, also, auch Personen mit guter Kinderstube wissen, wie man andere beleidigt und erniedrigt.

Brink: Was machen Sie sich denn für einen Reim darauf, auf diese Äußerungen? Sehen wir da was wie so ein Zurückpendeln von übertriebener politischer Korrektheit?

Die Zuspitzung der Debatte hat nichts mit übertriebener politischer Korrektheit zu tun

Brumlik: Also, ich kann das nicht finden. Ich kann auch nicht finden, dass die politische Korrektheit übertrieben gewesen ist. Es gibt einen Roman von Thomas Mann, „Der Zauberberg“, und da gibt es ein Kapitel, das ist überschrieben mit „Die große Gereiztheit“. Und das ist genau die gegenwärtige Stimmung.

Und diese Stimmung wird natürlich verstärkt durch die sozialen Medien, wo man im Schutze der Anonymität nun wirklich das herauslassen kann, was sonst allenfalls nach dem Genuss von einigem Alkohol am Stammtisch möglich gewesen wäre.

In der Tat besorgniserregend ist es, dass nun nicht mehr nur in den sozialen Medien entsprechend gegeifert wird, sondern auch in anspruchsvolleren Feuilletons, dass also auch Intellektuelle und Publizisten sich derlei zu eigen machen.

Brink: Aber ist das nicht fatal? Macht sich jetzt der Stammtisch dann salonfähig?

Brumlik: In gewisser Weise ja. Sie haben … Es wurde ja vorher schon Rüdiger Safranski genannt, man könnte auch an Peter Sloterdijk denken, der im „Cicero“ ganz ungeniert absurde Verschwörungstheorien beschwört, wie dass die USA, Obama, die Flüchtlinge nach Europa lenken, um die EU zu schwächen. Doch, doch, also, das setzt sich mit einer etwas gehoberen Wortwahl nun auch im Feuilleton und in der Arena des Politischen fort.

Brink: Ich frage mich dann natürlich weiterführend, was bedeutet das? Denn Sprache prägt ja das Bewusstsein. Wir haben in diesem Land ja lange über diese These diskutiert. Ist diese Begrifflichkeit, diese ja nicht gerade Finesse im Ausdruck auch ein Ausdruck von, ja, Verrohrung von Politik?

In den USA stehen sich die politischen Lager wie „feindliche Stämme“ gegenüber

Brumlik: Na ja, vor allem von Spaltung von Politik, würde ich sagen. Wir erleben ja in den USA, wo wir mittlerweile wissen, dass es zwischen diesen beiden politischen Lagern – Republikanern und Demokraten – kaum noch Brücken gibt, sondern es sind wie zwei feindliche Stämme im gleichen Land. Und es steht zu befürchten, dass sich Ähnliches auch in Deutschland wiederholen könnte. Und das polarisiert sich nun an der Flüchtlingsfrage. Menschen glauben, zu solchen harten Ausdrücken greifen zu müssen, weil die Medien differenzierter argumentieren. Aber die Antwort darauf kann ja nicht sein, dass die Medien plötzlich genauso undifferenziert draufschlagen, das ist genau das Problem.

Brink: Das ist ganz interessant, dass Sie das erwähnen, weil Giovanni di Lorenzo, der Chefredakteur der „Zeit“, der hat genau das heute auf der Titelseite der „Zeit“ zum Thema gemacht, nämlich die sprachlose Mitte. Er argumentiert, rechts und links, franst das aus, das weiß man ja, und die Mitte ist sprachlos, nicht mehr moderat. Ist das unser Problem?

Brumlik: Das ist ein Teil des Problems. Denn es sieht so aus, als würde man sich gegenwärtig bei der Behandlung der Flüchtlingsfrage in einer Entscheidungssituation befinden, in der es nur die eine oder die andere Antwort gibt. Kluge Vermittlungen hört man derzeit in der Tat selten.

Brink: Ist das auch ein Ausdruck dieser Großen Koalition? Das haben wir ja schon oft gesehen, große Koalitionen führen ja zu einer Realpolitik, da wird alles als alternativlos wahrgenommen, es gibt Verdruss bei den Wählern. Und die Antwort sind da nur extreme Positionen, rechts oder links?

Aus Ohnmacht wächst Wut, Wut äußert sich in Hass, aus Hass wird Gewalt

Brumlik: Da ist gewiss etwas dran. Andererseits, ja, was soll man sagen … Eine große … Die Rede von ‚Es gibt keine Alternative!‘, die ist natürlich politikabtötend geradezu. Das produziert Ohnmacht und aus Ohnmacht erwächst Wut. Und Wut äußert sich dann in Hass und Gewalt.

Brink: Nun habe ich mir ein bisschen die Kommentare auch aus anderen Jahrzehnten angeguckt. Und Sie sind da ja erfahrener im Zweifelsfalle, also, wenn man sich so die politischen Auseinandersetzungen der 60er-, auch 70er-Jahre, auch sozusagen in der Studentenbewegung anguckt, da war von ‚Scheißliberalen‘ die Rede bis zum ‚kapitalistischen Schweinesystem‘. Sind wir vielleicht ein bisschen überempfindlich jetzt?

Brumlik: Na ja, das war damals eine Studenten- und Jugendrevolte. Das hat zwar die Gesellschaft insgesamt sehr erschüttert, aber die Gesellschaft als Ganzes doch nicht so gespalten, scheint mir, wie sich das derzeit anzudeuten scheint.

Brink: Was ist Ihr Wunsch oder was würden Sie sich wünschen oder geben Sie mit den Publizisten oder überhaupt der Diskussion in diesem Lande?

Brumlik: Ich würde mir zunächst wünschen, dass man in der Tat in den sozialen Medien auch besser aufpasst, was dort alles an Hass verbreitet wird. Und ich würde mir wünschen, dass sogar Politiker, die extreme, sagen wir jetzt mal, Lösungen anstreben wie die Politiker der AfD, nicht mit gezielten Reden wie denen davon, dass man auf Flüchtlinge schießen kann, sie diese Stimmung noch anheizen und sie damit letzten Endes möglicherweise zu Schreibtischtätern werden, weil es dann den einen oder anderen geben kann, der sich von so etwas wirklich ermutigt fühlt, Gewalt anzuwenden.

Brink: Micha Brumlik, emeritierter Professor von der Uni Frankfurt. Vielen Dank, Herr Brumlik, für das Gespräch hier in „Studio 9“!

Brumlik: Danke schön!

Quelle: Deutschlandradio Kultur

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Februar 13th, 2016 at 8:33 am

TAZ| Vielvölkerstaat Deutschland

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Verschwörungstheorien haben Konjunktur – auch in der Zeitschrift „Cicero“. Dort sinniert Gertrud Höhler über Merkels „Masterplan“.

KOLUMNE VON

MICHA BRUMLIK – Autor und Kolumnist

Zeiten der Krise sind Blütezeiten von Verschwörungstheorien – Reflexe auf den Umstand, dass die Gesellschaft als Ganzes komplex ist, jedes Phänomen viele Ursachen und jede Ursache unterschiedliche Auswirkungen hat.

Sich hinter undurchsichtigen, schwer zu verstehenden Umständen einzelne Masterminds vorzustellen, die dämonisch alles steuern, und damit Politik zu betreiben, ist spätestens seit den um die Jahrhundertwende vom zaristischen Geheimdienst verfassten „Protokollen der Weisen von Zion“ bekannt.

Derzeit grassieren viele Verschwörungstheorien im Netz, und wie groß die allgemeine Verunsicherung angesichts der Flüchtlingskrise ist, zeigt sich daran, dass sogar bisher als seriös geltende Presseorgane derlei Tendenzen vertreten oder mindestens publizieren.

So ist in der Februarausgabe der Monatszeitschrift Cicero aus der Feder der einst als Hoffnungsträgerin der CDU geltenden, mit der NPD sympathisierenden Rechtsintellektuellen Gertrud Höhler ein Beitrag zu lesen, der in gewundenen Worten Angela Merkel allen Ernstes unterstellt, einen „Masterplan“, ein „fatalistisches Kalkül“ zur Veränderung Deutschlands zu exekutieren: „Merkels Vision einer radikalen Spitzenpolitik“, so Höhler, ziele auf ein „Deutschland als Vielvölkerstaat, in dem Religion und Herkunft geschliffen und nivelliert werden.“

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Februar 4th, 2016 at 7:27 pm

TAZ| Flüchtlinge und Holocaustgedenken: Das Trauma am Ende der Treppe

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Museen und Gedenkstätten suchen nach neuen Wegen, um Flüchtlinge über Nationalsozialismus und Holocaust zu informieren.

BERLIN taz | Die Luft staut sich, die Zellenwände drücken. Die Gedenkstätte des Gestapo-Gefängnisses Köln katapultiert die Gräuel der NS-Zeit ins Jetzt – und den jungen Flüchtling zurück in den Krieg. Unvermittelt rastet er aus. Stürzt nach vorne. Sein Kopf prallt gegen eine Wand. Fest muss ihn ein Mann umklammern, bis er sich wieder beruhigt.

Die beklemmende Enge hat den jungen Asylbewerber in sein eigenes Trauma zurückgeworfen, als er mit seiner Berufsschulklasse das NS-Dokumentationszentrum in Köln besucht und die steile Treppe in das ehemalige Gefängnis hinabsteigt.

„Niemand war darauf vorbereitet“, sagt Barbara Kirschbaum, Leiterin der Bildungsarbeit in der Gedenkstätte. Ihre Einrichtung sei daher „sehr zurückhaltend“, wenn es darum geht, die dortige Geschichte an Flüchtlinge zu vermitteln, die noch nicht lange hier sind. Es sei wichtig, vorab viel zu besprechen. „Und eventuell wird man die Gedenkstätte rauslassen.“ Denn egal, wie gut die Vorbereitung auch sei: Am Ende der Treppe überfalle manche wieder die Erinnerung an die eigenen traumatischen Erlebnisse, sagt Kirschbaum.

Solche Erfahrungen zeigen, vor welche Herausforderungen die Museen und Gedenkstätten sich derzeit gestellt sehen – vor allem, wenn Integration von Geflüchteten in Deutschland nicht nur Spracherwerb und Arbeit bedeutet, sondern auch das Verständnis der deutschen Geschichte einschließen soll.

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Januar 28th, 2016 at 4:10 am

bpb| Kosmopolitische Moral: Globales Gedächtnis und Menschenrechtsbildung

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von Micha Brumlik

Die jüdisch-christliche Tradition, zu der im weiteren Sinn auch der Islam, der Gott als den gerechten Erbarmer kennt und bekennt, gehört, hat eine Intuition hervorgebracht, die in der Antike – sogar angesichts ihrer bewegenden Tragödienliteratur – einzigartig war. Diese Intuition hat ihren treffendsten Ausdruck im Evangelium des Matthäus (25,40) gefunden, einer jüdischen Schrift aus dem ersten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung, in der sich der messianische König beim jüngsten Gericht so zu den Angeklagten äußert: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ In der Ökumene der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts wird es auch darum gehen, diesem Gedanken vor dem Panorama der Erfahrungen des mörderischen 20. Jahrhunderts sozial-, geschichts- und erziehungswissenschaftlich gerecht zu werden.

Moralische Globalisierung?

Der ökonomisch und technisch unabweisbare, politisch noch kaum gestaltete Prozess der Globalisierung hat – nicht zuletzt kraft weltumspannender Medien – ein auch den Subjekten zugängliches Wissen von der Einheit des Menschengeschlechts geschaffen, das welthistorisch seinesgleichen sucht. Heute ist die Weltgesellschaft Wirklichkeit geworden. Zugleich stellt der globale Raum, den politisch und moralisch zu beurteilen sowie zu formen wir gefordert sind, alles andere als einen verheißungsvollen Ort dar. Vielmehr gilt ungebrochen, was Theodor W. Adorno und Max Horkheimer bereits 1947 feststellten: „Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“[1]

Lassen sich in dieser Weltgesellschaft universalistische Werte überhaupt noch theoretisch nachvollziehen, sozialwissenschaftlich plausibilisieren und pädagogisch konkretisieren? Die Weltgesellschaft, so lehrt die systemtheoretische Soziologie, besteht weder aus Personen noch aus Staaten, sondern aus Kommunikationen unterschiedlichster Art in den Funktionssystemen von Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Politik, Religion und Erziehung. In dieser Weltgesellschaft – und es gibt nur noch diese eine Gesellschaft – werden territoriale, von Recht und Politik bestimmte Grenzen durch Wissenschaft, Kultur und Ökonomie ständig durchkreuzt. Die Ordnungs- und Störgrößen der alten, noch nicht globalisierten Welt, nämlich politisch geordneter Raum und personal strukturierte menschliche Körper, scheinen angesichts elektronischer Telekommunikation stetig an Bedeutung zu verlieren.[2] Welches wäre das politische System, welches die Öffentlichkeit, und welches das spezifische sprachliche Idiom, kurz, welches wäre die Kultur, in der universal bedeutsame Werte erörtert werden? Als Kandidat für diese universal bedeutsamen Werte scheinen heute die Menschenrechte zunehmend an Ansehen zu gewinnen. Aber hat die Weltgesellschaft auch eine eigene Öffentlichkeit, in der die Menschenrechte kommuniziert werden können?

Als Äquivalent für das politische System des Nationalstaats stehen neue, rechtlich mehr oder minder dicht strukturierte politischen Großräume wie etwa die Europäische Union oder eventuell sogar die Vereinten Nationen zur Verfügung; als Öffentlichkeit vor allem grenzüberschreitende elektronische Medien sowie eine zunehmend monopolistisch homogenisierte Produktion von Printerzeugnissen. Die demokratische Öffentlichkeit des Globalisierungszeitalters[3] – als deren Akteure heute vor allem Nichtregierungsorganisationen (NGOs) gelten – wäre demnach Sachwalter der positiv kodifizierten Menschenrechte.[4] In welcher Weise werden diese Werte heute aufgenommen und kulturell verbreitet? Werden sie abstrakt oder über spezifische Narrative, über große Erzählungen konkretisiert? Kann der vom nationalsozialistischen Deutschland an sechs Millionen europäischen Juden verübte Völkermord als jene „große Erzählung“ gelten, die weltweit das Menschenrechtsbewusstsein vorantreibt?

„Neue Räume“, so die Soziologen Daniel Levy und Natan Sznaider, „öffnen sich. Und die von vielen Historikern geschmähte Massenkultur drängt (…) in den frei gewordenen Raum. Dieser Erinnerungsraum wird das kosmopolitische Gedächtnis werden (…) Damit zusammenhängende Fragen der Einzigartigkeit und Vergleichbarkeit des Holocaust führen dazu, dass diese Unterscheidungen aufgehoben werden. Der Holocaust wird als einzigartiges Ereignis vergleichbar. Die partikulare Opfererfahrung der Juden kann universalisiert werden.“[5] Als Beleg für ihre These präsentieren sie eine Anzeige in der „New York Times“, in der die drei bedeutendsten amerikanisch-jüdischen Organisationen, das American Jewish Committee, der American Jewish Congress sowie die Antidiffamation League, am 5. August 1992, nachdem erste Bilder von in serbischen Lagern eingesperrten Bosniern um die Welt gingen, Folgendes feststellten: „Alongside the bloodstained names of Auschwitz, Treblinka, and other Nazi death camps, must now be added the names of Omarska and Brcko … Is it possible that, fifty years after the Holocaust, the nations of the world have decided to stand by passively and do nothing, claiming that they are helpless to do anything? … We hereby undline, that we are prepared to take all the necessary steps, including the use of violence, to stop the madness of the bloodshed.“[6]

 

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Written by lbucklitsch

Januar 27th, 2016 at 4:49 am

TAZ| Nach den „Schwarzen Heften“: Austreibung der Metaphysik

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Auch nachdem das Ausmaß von Heideggers ­Antisemitismus nun bekannt ist, ziehen Intellektuelle ihn für die Kritik des Zionismus heran.

von Micha Brumlik

Dass der Israel-Palästina-Konflikt und seine Geschichte angesichts des syrischen Bürgerkrieges mit drei Millionen Flüchtlingen und etwa dreihunderttausend Toten derzeit an Aufmerksamkeit verliert, liegt auf der Hand. Wenn überhaupt, so sind es vor allem christliche Theologen und Philosophen, die sich diesem Thema noch widmen.

So der Meister des „Schwachen Denkens“ , Gianni Vattimo und – wer? – Michael Marder, der an der Universität des Baskenlandes lehrt. Beiden ist es ein Anliegen, den „Zionismus“ zu dekonstruieren. Der von ihnen edierte Band „Deconstructing Zionism. A Critique of Political Metaphysics“ erschien 2014 und gibt nicht nur Slavoj Žižek, sondern auch AutorInnen wie Judith Butler und Marc Ellis Raum, ihr nichtzionistisches Verständnis des Judentums zu entfalten.

Unschön an dieser Textsammlung ist freilich, dass sich beinahe alle AutorInnen keineswegs nur auf Jacques Derrida, sondern auf Martin Heidegger beziehen, von dem man 2014, ein Jahr nach dem Bekanntwerden seiner „Schwarzen Hefte“, wissen konnte, dass er einem „seinsgeschichtlichen Antisemitismus“ (Peter Trawny) anhing und also nicht nur ein verstiegener Mitläufer der Nazis war, sondern ein Denker, der den von Deutschen und ihren Kollaborateuren verübten Mord an sechs Millionen europäischen Juden einem jüdischen Prinzip zurechnete und deshalb wusste, warum er nach 1945 schwieg.

Die italienische Philosophin Donatella Di Cesare ist Heideggers Fall in ihrem gerade erschienenen Buch „Heidegger, die Juden, die Shoah“ (Klostermann, 2016) nachgegangen – ihre profunde Studie führt den unwiderlegbaren Nachweis, dass Heideggers spätes Denken im Kern und keineswegs nur aus Opportunismus antisemitisch war.

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Written by lbucklitsch

Januar 24th, 2016 at 4:00 pm

EINLADUNG ZUR PODIUMSDISKUSSION AM 27. JANUAR 2016 – Zur Rolle von Religionen bei der Integration von Geflüchteten in Deutschland und Europa

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Am 27. Januar 2016 findet in der Villa Elisabeth in Berlin die erste von insgesamt fünf Podiumsdiskussionen im Rahmen des ProgrammsDialogperspektiven. Religionen und Weltanschauungen im Gespräch statt. Anlässlich dieser Podiumsdiskussionen werden renommierte Expert_innen des interreligiösen Dialogs mit Dialogperspektiven-Teilnehmer_innen zu aktuellen Themen ins Gespräch kommen.

Bei diesem ersten Gespräch werden Margot Käßmann, Milad Karimi und Micha Brumlik über die Rolle von Religionen bei der Integration von Geflüchteten in Deutschland und Europa diskutieren.

Anmeldungen für die Veranstaltung bitte per E-Mail (anmeldung@dialogperspektiven.de) oder über unsere Internetseite (dialogperspektiven.de/anmeldung).

Die Expert_innen

Micha Brumlik

Prof. Dr. Micha Brumlik (* 1947) ist Erziehungswissenschaftler, Publizist und Autor und Vorsitzender des Beirats des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES).
Er ist emeritierter Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von 2000 bis 2005 leitete Brumlik das Fritz Bauer Institut – Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocausts in Frankfurt am Main. Seit 2013 ist er Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Micha Brumlik ist designierter Preisträger der Buber-Rosenzweig-Medialle 2016 für seine Verdienste im christlich-jüdischen Dialog.

 

 

 

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Written by lbucklitsch

Januar 22nd, 2016 at 7:26 am