Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

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Micha Brumlik: Fritz Bauer – Eine persönliche Erinnerung

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von Micha Brumlik

Fritz Bauer – Eine persönliche Erinnerung

Am Sonntag den 1. Juli hatte ich die Gelegenheit, in der Frankfurter Paulskirche der Gedenkfeier für Fritz Bauer beizuwohnen, der genau fünfzig Jahre früher, am 1. Juli des Jahres 1967 gestorben ist. Das war für mich, der ich von 2000-2005 die Ehre hatte, nach dem Gründungsdirektor Hanno Loewy, – er leitet jetzt das jüdische Museum in Hohenems – die Leitung dieses Instituts zur Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocaust zu übernehmen.

Im Jahr 2000 jedenfalls war mir an der Arbeit des nach Fritz Bauer benannten Instituts wichtig, dass wir die Finanzierung der Ausstellung über den Frankfurter Auschwitz-Prozess – sie vorzubereiten war eine sehr große Anstrengung und wurde 2004 eröffnet – bei der Stadt durchsetzen konnten. Das verdankten wir der damaligen Kuratorin Frau Irmtrud Wojak, die zu unterstützen ich mich bemüht habe. Ohne die Mitarbeit von Werner Renz, der sich wie kein anderer mit Leben und Werk Fritz Bauers befasst hatte, ohne die hohe logistische Kompetenz von Werner Lott und – last but not least – Manuela Ritzheim ware diese Ausstellung niemals zustande gekommen. Ansonsten hatten wir es bereits in den Jahren 2000 bis 2005 mit dem Aufkommen des islamistischen Judenhasses zu tun und ich erinnere mich, dass dazu als Institutsdirektor eine ganz Reihe öffentlicher Veranstaltungen ins Leben gerufen habe. Ansonsten haben wir natürlich auch immer Neuerscheinungen zur Shoa publiziert. Und rezensiert. Mir jedenfalls ging es damals vor allem darum, die Arbeit des Fritz Bauer Instituts zur Geschichte und Dokumentation des Holocausts und seiner Folgewirkungen in der Frankfurter Stadtöffentlichkeit zu präsentieren und zu diskutieren.

Der Frankfurter Auschwitzprozess, an den wir in unserer Institutsarbeit damals wieder und wieder erinnerten, war der erste Anstoß dafür, dass die Geschichte des nationalsozialistischen Judenmords über die entsprechenden Prozessberichte wenigstens in den Kreisen des Bildungsbürgertums prominent geworden ist. Das war noch nicht der massenhafte Durchbruch, der erst weitere 20 Jahre später mit der Ausstrahlung des von vielen als zu populär angesehenen Fernsehfilms ,Holocaust’ geschehen ist Bis dahin herrschte in der Bundesrepublik Deutschland das, was man als Verdrängung bezeichnen könnte. Das bricht allmählich in den 50er-Jahren, oftmals durch Zufall, auf. Aber es ist dann in der Tat der Energie und dem moralischen Bewusstsein Fritz Bauers zu verdanken, dass er daraus für die Bundesrepublik Deutschland eine zentrale Veranstaltung gemacht hat. Damals – ich hatte gerade das Abitur am Frankfurter Lessinggymnasium bestanden und bereitete mich auf meine Auswanderung nach Israel vor, schenkte ich diesem Tod überhaupt keine Aufmerksamkeit und das dem Umstand zum Trotz, das ich als Schüler bereits 1963 einige Stunden in dem von Fritz Bauer in Gang gebrachten Auschwitzprozeß verbracht hatte.

Beim anfangs erwähnten Besuch in meiner damaligen Heimatstadt, anlässlich der Gedenkfeier für Fritz Bauer – ich lebe seit Jahren in Berlin – gingen meine Gedanken weit zurück: was konnte, durfte und wollte ein jüdischer Junge im Westdeutschland der 1950er Jahre über Antisemitismus und Holocaust wissen?

Damals, 1967 – ich hatte gerade das Abitur am Frankfurter Lessinggymnasium bestanden und bereitete mich auf meine Auswanderung nach Israel vor – schenkte ich dem Tod von Fritz Bauer überhaupt keine Aufmerksamkeit und das dem Umstand zum Trotz, daß ich als Schüler schon 1963 einige Stunden in dem von ihm in Gang gebrachten Auschwitzprozeß verbracht hatte.

Allerdings: Mit dem NS und der Vergangenheit meiner Familie wurde ich schon relativ früh, im Alter von sieben oder acht Jahren, konfrontiert. Es waren Fotografien meiner Eltern aus jener Zeit, keine Bilder von Vernichtungslagern und dergleichen, wohl aber ein Bild von einem NSDAP-Parteitag, das mir in Erinnerung geblieben ist. Auch erinnere ich mich, dass meine Mutter gelegentlich geweint hat, wenn sie an ihre ermordeten Verwandten gedacht hat sowie : Jahre später äusserte sie, daß nach Deutschland zurückgekehrt zu sein für sie so gewesen sei, wie an offene Gräber zu treten.

Der schulische Geschichtsunterricht, den ich genossen habe, war weitestgehend korrekt, wenngleich es den Begriff Shoah  zu meiner Schulzeit noch nicht gab und daher jemand wie Fritz Bauer im Unterricht nie eine Rolle gespielt hat. Wir haben im Geschichtsunterricht durchaus über den Zweiten Weltkrieg geredet, aber kaum über die Judenverfolgung. Ich hatte eine ganze Reihe von Lehrern, die in der Wehrmacht gewesen sind und die uns jeden Montag ihre missglückte Lebensgeschichte ausgebreitet haben. Die haben meistens – die waren auch innerlich ziemlich kaputt – über das Wochenende zu viel getrunken und uns dann am Montag ihre Lebensgeschichten erzählt. Bei ihnen hatte ich nicht das Gefühl, dass mein Widerspruch etwas gebracht hätte. Aber bei diesem jüngeren Sozialkundelehrer habe ich öffentlich und laut protestiert.  Viele dieser Gespräche verliefen in einer selbstmitleidigen Art und Weise. Ich kann mich noch an unseren Mathematiklehrer erinnern, der mal gesagt hat: „Ich weiß noch, wie ich an der Front stand und gegenüber ein Russe und wie ich mit meinem Gewehr draufgehalten habe.“ Dann hat uns dieser Lehrer noch gebeichtet, in der NSDAP und in der SA gewesen zu sein.

Schließlich hatten wir noch einen jüngeren, sudetendeutschen Sozialkundelehrer, der mit großer Wut über die Vertreibung der Sudetendeutschen erzählte und im selben Atemzug die Unrechtsmäßigkeit der zionistischen Landnahme beklagte. Als Lichtblick mag freilich ein im weitesten Sinne der Bekennenden Kirche zugehöriger Deutschlehrer, Gerhard Venz, gelten, der uns relativ früh die Filme über das ‚Dritte Reich‘, etwa von Michail Romm oder Nacht und Nebel von Alain Resnais gezeigt hat. So war ich, ohne wirklich verstanden zu haben,  worum es geht, 1963/64 beim Frankfurter Ausschwitzprozess.  Mehr noch – als Redakteur der Verbandszeitschrift der zionistischen Jugendbewegung, der ich damals angehörte – interviewte ich gemeinsam mit meiner Genossin Cilly Kugelmann, sie war später die Programmdirektorin des Jüdischen Museums den damaligen Generalstaatsanwalt. Dazu nun einige Ausschnitte aus ihren Erinnerungen:

1964, in dem Jahr in dem wir das Gespräch mit Fritz Bauer führten, folgte Leonid Breschnew dem entmachteten Nikita Chruschtschow auf den Stuhl des Ministerpräsidenten der UdSSR, lehnte Jean-Paul Sartre den Nobelpreis für Literatur ab, wurde in Hofheim im Taunus der erste Bahai Tempel in Europa eröffnet, traten die Beatles, Bill Haley, Chuck Berry und Jimi Hendrix im Hamburger Star-Club auf. In den Kinos liefen Italo-Western und Louis de Funès-Filme, konkurrierte Winnetou II mit Lex Barker als Old Shatterhand und Pierre Brice in der Titelrolle mit James Bonds Goldfinger, moderierte der Entertainer Lou van Burg zum ersten Mal die Spielshow „Der goldene Schuß“. Im Sommer dieses Jahres befand ich mich auf einer Art Erkundungsmission zwecks späterer Auswanderung, einer Gruppenrundreise durch Israel, die von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland durchgeführt wurde. Auf der Rückreise, in Marseille, wo unser Schiff landete und Fahrt nach Frankfurt mit dem Zug fortgesetzt wurde, las ich in einer deutschen Zeitung einen kurzen Bericht über meinen Vater, der am 21. August als Zeuge im Auschwitzprozess aussagte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, dass er irgendetwas mit diesem Prozess zu tun hatte. Obwohl mich diese Zeitungsnotiz beunruhigte und sicher auch ein Hintergrundmotiv für das folgende Gespräch mit Fritz Bauer, war die Beschäftigung mit dem Prozess für mich auf merkwürdige Weise bald beendet….

Vermittelt hatte das Gespräch ein Gymnasiast aus der Schweiz, der offensichtlich mit dem Generalstaatsanwalt näher bekannt war. Das Gespräch mit Fritz Bauer erschien in der Oktober/ Novemberausgabe der „Meorot“, auf dem das Schwimmbad von Mazuba zu sehen ist, jenem Kibbuz, aus dem die Leiter der Zionistischen Jugendorganisation nach Deutschland kamen, um uns ein Leben an eben diesem Ort unweit der libanesischen Grenze schmackhaft zu machen. Die im Pennälerhumor gehaltene Bildunterschrift drückt die emotionale Botschaft der zionistischen Jugendbewegung aus, verrät aber nicht, dass sich in diesem Heft ein Text über eines der wichtigsten Kapitel der deutschen und jüdischen Nachkriegsgeschichte befindet, auch wenn die Fragen an Bauer mit der Bemerkung eingeleitet werden, dass es um einen Prozess geht der „zurzeit die ganze Welt bewegt“. Wir haben uns zweifellos als Reporter gefühlt, die im Stil bekannter politischer Magazine, das Gespräch mit verbindlichen Floskeln begannen und beendeten. Der gedruckten Zusammenfassung ist die Einschüchterung nicht anzumerken, die Fritz Bauer in seinem Büro in uns ausgelöst hat. Freundlich, aber auffällig distanziert und mit knorriger Stimme beantwortete er unsere Fragen und machte ohne Worte deutlich, dass er nicht die Absicht habe, uns viel Zeit zu widmen.

Wir haben in Fritz Bauer den Mann bewundert, dessen Hartnäckigkeit und Durchsetzungskraft es zu verdanken war, dass das Personal des Konzentrations- und Vernichtungslagers überhaupt zur Verantwortung gezogen werden konnte. Viel größer als unsere Achtung für den Staatsanwalt wird dagegen unsere Empörung über die zwei Jahrzehnte gewesen sein, die verstrichen sind, bis Anklage erhoben werden konnte, weshalb wir mit dem Nachdruck pubertierender Apodiktik gleich am Anfang nach dem Zeitpunkt des Prozesses gefragt haben. Ein weiteres Thema war die Verjährung nationalsozialistischer Verbrechen, was die Öffentlichkeit, Politik und Justiz in diesen Jahren stark beschäftigte. Die sogenannte Verjährungsdebatte war noch nicht geführt, sodass Fritz Bauer davon ausgehen musste, mit dem Auschwitzprozess das letzte Mal NS Verbrecher anklagen zu können. Die Frage nach dem Vertreter der Nebenkläger aus der DDR, Friedrich Karl Kaul, zeigt, welchen Einfluss der Kalte Krieg und die Beziehungen der Bundesrepublik zur Deutschen Demokratischen Republik in der damaligen öffentlichen Meinung einnahm. Dem Ost-Berliner Star-Anwalt, wie er in der Presse gerne genannt wurde, warf man misstrauisch „Strafverteidigung als ideologische Offensive“ vor und integrierte somit den Ost-West Konflikt in den Prozess. Auf unser naives Erstaunen, was ein DDR-Anwalt in einem westdeutschen Prozess zu suchen habe, korrigierte Bauer unsere juristisch fehlerhaft gestellte Frage und überging wortlos deren Inhalt. Am Ende unseres kurzen Gesprächs steht eine Frage, deren Bedeutung sich in den vergangenen 49 Jahren verflüchtigt hat. „Wir hörten davon, dass sich dieser Prozess ungünstig für die Juden auswirken soll“ heißt es in unklarer Formulierung. Waren hier die schlechte Behandlung und die Demütigungen gemeint, die den Zeugen durch die Verteidiger erlitten haben? Ging es um Fragen nach der Kollaboration von Juden, eine Strategie, die gerne von der Verteidigung angewandt wurde? Fanden wir es problematisch, Juden nur noch als Opfer zu sehen? Fritz Bauers Antwort trägt zum Verständnis der Frage nichts bei. Er weist darauf hin, dass sich der Prozess nicht nur gegen die Ermordung von Juden richtete und deutete an, dass nicht sehr viele Juden unter den Zeugen zu finden seien. Dann ging er indirekt auf den sogenannten „Nerobefehl“ ein, den Wunsch Hitlers die Niederlage Deutschlands mit der Zerstörung der noch vorhandenen militärischen Infrastruktur zu rächen, was die Wehrmacht, wie er betonte, verweigerte. Die Auffassung, Hitler wollte das gesamte deutsche Volk bestrafen, war damals weit verbreitet. In meinem Geschichtsunterricht, dem es gerade noch gelang, die Epoche der Weimarer Republik zu erreichen, wurde jede weitere Erkundung der Zeit des Nationalsozialismus mit diesem Argument abgetan. Warum Fritz Bauer sich dieser merkwürdigen Apologetik bediente, sondern im Gegenteil, bedauerte, dass dieses Wissen in Deutschland nicht sehr verbreitet war, schien uns damals nicht bemerkenswert. Auch schien es niemanden gestört zu haben, dass dieses Gespräch inmitten einer bunten Mischung aus Texten über Exkursionen, Erfolgsmeldungen über nach Israel ausgewanderte Kameraden und Informationen über das linkszionistische Kibbuz-Netzwerk Ichud Habonim abgedruckt

wurde. Der Auschwitz-Prozess als ein Thema unter vielen Banalitäten. Die familiäre Absicht, die Verfolgungs- und Emigrationserfahrung nicht mit den eigenen Kindern zu teilen und die zionistische Zukunftsperspektive, die darauf abzielte, Deutschland und Europa zu verlassen, einem Land und einer Gesellschaft, die Mitte der 1960er Jahre, auch nach dem Eichmann-Prozess, noch kein Interesse an der Geschichte der Ermordung der europäischen Juden hatte. Diese beiden Faktoren verhinderte wohl, dass aus der Begegnung mit Fritz Bauer das prägende Erlebnis geworden ist, das es hätte sein können.„[1]

Soweit Cilly Kugelmann. Ich, Micha Brumlik habe dem nichts hinzuzufügen. Kugelmanns Erinnerungen an Fritz Bauer als eine eher periphere Gestalt unserer jüdischen Jugend zu Frankfurt am Main in den frühen 1960er Jahren spricht für sich.

 

 

 

 

 

[1] C.Kugelmann, Fritz Bauer hinterm swimming pool Fritz Bauer Institut / Rauschenberger, K. (Hrsg.)Rückkehr in Feindesland? Fritz Bauer in der deutsch-jüdischen Nachkriegsgeschichte

 

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Juli 5th, 2018 at 7:07 am

JA| »Diese Trümmer waren schön«

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Der Platz war magisch«, erinnert sich die Schriftstellerin Eva Demski. Sie gehörte zu den Aktivisten, die im August 1987 den Frankfurter Börneplatz für mehrere Tage besetzten. Zuvor wurden dort bei Bauarbeiten für die Frankfurter Stadtwerke Fundamente von 19 Häusern der zwischen 1874 und 1884 abgerissenen Judengasse freigelegt.

Zur Besetzung der Baustelle kam es, als die Stadt einen Baustopp ablehnte. Der Platz wurde anschließend von der Polizei geräumt. Nur fünf Hausfundamente blieben erhalten. Heute bilden sie das Zentrum des Museums Judengasse, einer Dependance des Jüdischen Museums Frankfurt.

Die Frankfurter Judengasse war 1462 als erstes jüdisches Ghetto Europas eingerichtet worden und war lange Zeit eines der bedeutendsten Zentren des deutschsprachigen aschkenasischen Judentums. Die Ausgrabungen von 1987 stellten den bis dahin größten archäologischen Fund einer europäischen jüdischen Siedlung der Frühen Neuzeit dar.

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August 24th, 2017 at 7:59 am

FR| Juden-Ghetto in Frankfurt: Bauen auf Ghetto-Überresten?

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Vor 30 Jahren wollten Besetzer verhindern, dass das Juden-Ghetto am Börneplatz in Frankfurt bebaut wird. Micha Brumlik war dabei und blickt zurück.

Herr Brumlik, im Frühjahr 1987 stießen Bauarbeiter bei der Ausschachtung für das neue Kundenzentrum der Stadtwerke am Börneplatz auf Überreste des alten jüdischen Ghettos. Wie haben Sie reagiert, als Sie diese Nachricht erreichte? 
Ich war überrascht, aufgeregt und etwas erfreut. Man hätte natürlich wissen können und müssen, dass an dieser Stelle früher das alte jüdische Ghetto lag. Aber offenbar gab es niemanden in der Stadt, der daran auch nur gedacht hätte, nicht mal im Bauamt. Das war ein großer Unterschied zum Beispiel zu der Stadt Köln. Dort blieben die Überreste der jüdischen Welt stets im kommunalen Gedächtnis.

Woran lag es, dass es in Frankfurt damals so anders war? 
Ich denke, man könnte von einer kollektiven Amnesie sprechen. Frankfurt hatte sich nach der nationalsozialistischen Terrorherrschaft sehr stark dem städtebaulichen Neuanfang verschrieben. Es gab zwar in der Stadt Intellektuelle von Rang, wie etwa die Philosophen der Frankfurter Schule. Aber es gab kein historisches Bewusstsein.

War das nicht Teil einer großen Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit? 
Man kann es Verdrängung nennen oder auch stadthistorische Vergesslichkeit.

 

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August 19th, 2017 at 1:23 pm

hr2 – Das aktuelle Kulturgespräch mit Micha Brumlik – Frankfurter Judengasse

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Dauer: 00:10:31 Die archäologischen Funde des jüdischen Ghettos am Frankfurter Börneplatz lösten 1987 eine Auseinandersetzung darum aus, wie nach dem Holocaust mit Zeugnissen jüdischer Geschichte umzugehen sei. Es ging um die Deutung: Waren die Reste des Ghettos eher Zeugnisse eines Schutzraumes für die Juden oder ihrer Ausgrenzung? Führte ein direkter Weg von den frühneuzeitlichen zu den nationalsozialistischen Ghettos? Außerdem stellte sich nach dem Streit um das Fassbinder-Stück “Der Müll, die Stadt und der Tod” zwei Jahre zuvor am Schauspiel Frankfurt auch die Frage, ob sich im Umgang mit den archäologischen Funden womöglich antisemitische Ressentiments zeigten. Nun, 30 Jahre danach, will ein Symposium des Fritz Bauer Instituts und des Jüdisches Museums Frankfurt die Streitpunkte neu bewerten. Daran teil nimmt auch der Publizist und frühere Leiter des Fritz Bauer Instituts Micha Brumlik, der uns im Gespräch noch einmal die unterschiedlichen Positionen darlegt.

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August 19th, 2017 at 1:21 pm

Hintergrund: Frankfurter Judengasse

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Diese Site bietet einen Überblick über die Geschichte der Judengasse in Frankfurt am Main, ihre Bewohner, die Häuser und das Leben im Ghetto über die Jahrhunderte. Anhand der farbig markierten Bereiche können Sie leicht zwischen den Inhalten navigieren. Die Abbildungen können mit einem Klick vergrößert werden. 

In der Frankfurter Judengasse, dem Ghetto, mußte die jüdische Bevölkerung über 400 Jahre wohnen. Die Gasse lag außerhalb der Stadtmauer im Osten der Stadt Frankfurt und verlief in einem leichten Bogen von der heutigen Konstablerwache fast bis zum Main hin. Sie war ca. 330 m lang, drei bis vier Meter breit, hatte drei Stadttore, die nachts sowie an Sonn- und (christlichen) Feiertagen geschlossen waren; die jüdische Bevölkerung war zu diesen Zeiten eingesperrt.
Zu Beginn waren es wohl 15 Familien, die in der Gasse lebten, im 16. Jahrhundert stieg die Zahl der Einwohner in der Judengasse auf ungefähr 3.000 Menschen an.
Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Judengasse in zwei Phasen abgerissen und der Großteil der Bevölkerung zog in die nahegelegenen Häuser im Ostend um. Am südlichen Ende der ehemaligen Judengasse, die 1885 den Namen Börneplatz erhielt, wurde 1882 eine neue Synagoge eingeweiht. Nach 1945 blieb das Areal unbeachtet. Es wurde als Parkplatz, als Tankstelle und Blumengroßmarkt genutzt, bis die Stadtwerke ihr neues Verwaltungszentrum dort errichten wollten.

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August 19th, 2017 at 1:19 pm

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TAZ| FRANKFURT AM MAIN IM HERBST 1969 – Dr. Willi Lautemann

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VON MICHA BRUMLIK

Neulich in Zehlendorf: Party eines Verlages, nach dem dareinst eine ganze Kultur Westdeutschlands genannt wurde. Präsentiert wurde die Neuausgabe einer späten Erzählung von Wolfgang Köppen (1906–1996), in der er sich seiner frühen Jahre besann: „Jugend“. Beim Sturm auf das Buffet begegnete ich einer Dame, die ich irgendwie kannte – nach einem kurzen Wortwechsel entsann ich mich dunkel an Ort und Zeit: Frankfurt am Main im Herbst 1969, das philosophische Seminar im alten Hauptgebäude der Universität, ein damals von Trauer und Diadochenkämpfen gezeichneter Ort: war doch Anfang August Theodor W. Adorno gestorben und die Frage, wer die legitimen Erben der „Kritischen Theorie“ seien, erhitzte die Gemüter.

Nach ein paar kurzen Wortwechseln stellte sich die Dame als die Autorin Gisela von Wysocki heraus, die soeben – vor vierzehn Tagen – einen neuen Roman publiziert hatte: „Wiesengrund“. Der Roman erzählt, wie die aus Österreich kommende Icherzählerin schon als Mädchen von den Radiovorträgen Adornos fasziniert war, nach Frankfurt ging, um dem Philosophen zu lauschen und wie sie schließlich seine Zuneigung gewann.

Ich verschlang den Roman, den mir die Gastgeberin großzügig überließ, bereits am nächsten Tag, spielte doch neben dem „Wiesengrund“ genannten Adorno eine weitere Gestalt eine erhebliche Rolle: ein Mann namens Rahlsberger, von dem das Lesepublikum glauben könnte, der dichterischen Phantasie der Autorin entsprungen zu sein.

Kannte doch die neuere deutsche Literatur seit der Romantik genau solche Typen: kleine, bisweilen dämonisch wirkende, körperlich stigmatisierte, gleichwohl oder eben deshalb intensivst lebende Männer – zu denken ist etwa an Thomas Manns „kleinen Herrn Friedemann“ oder eben und vor allem an E.T.A. Hoffmanns „Klein Zaches.“

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Oktober 4th, 2016 at 4:47 pm

FR| JÜDISCHE GEMEINDE FRANKFURT: Wer Angst hat, wird anfällig

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Von 

Der Zentralrat der Juden macht religiösen Fundamentalismus zum Thema einer Tagung in Frankfurt. Der Publizist Micha Brumlik erntet für seinen Beitrag Beifall und Widerspruch zugleich.

Was bringt junge Menschen dazu, sich radikalen religiösen Gruppen anzuschließen? Bei Ahmad Mansour waren es vor allem Mobbing und Zukunftssorgen, die ihn anfällig machten. Als er als Schüler in die Gruppe eines radikalen Imams geriet, waren seine Ängste „von heute auf morgen weg“, sagt Mansour, arabischer Israeli und Islamismus-Experte. Er habe Jahre gebraucht, um sich aus dieser Ideologie herauszuarbeiten. „Aber meine Person zeigt: Es ist machbar, wenn man die richtigen Leute trifft und die richtigen Bücher liest.“

Es ist ein besonderer Abend bei der Jüdischen Gemeinde im Westend. Als ein Höhepunkt der Konferenz „Die Faszination fundamentalistischer Weltbilder“, organisiert vom Zentralrat der Juden in Deutschland, berichtet der heute in Berlin lebende Mansour aus seinem Leben und von seiner pädagogischen Arbeit mit jungen Muslimen. Es seien auch das Gottesverständnis vieler konservativer Imame, die ständige Angst vor der Hölle und die Tabuisierung der Sexualität, die junge Muslime in die Hände der Fundamentalisten trieben, sagt Mansour. Zur Flüchtlingsdebatte stellt er Forderungen an Politik und Gesellschaft: Die Geflüchteten benötigten „Zugänge in die Mehrheitsgesellschaft“, es brauche viel mehr Fördermittel und Projekte, um es „diesmal anders zu machen als bei den Gastarbeitern und ihren Kindern“.

Zugleich müsse man junge Muslime befähigen, sich kritisch mit ihrer eigenen Religion auseinanderzusetzen. Man müsse autoritäres Denken und Antisemitismus auch unter Migranten offen und mittels „gewinnender Arbeit“ ansprechen. „Ich weiß, wie schwer das ist“, sagt Mansour.

 

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TAZ| Flüchtlinge und Holocaustgedenken: Das Trauma am Ende der Treppe

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Museen und Gedenkstätten suchen nach neuen Wegen, um Flüchtlinge über Nationalsozialismus und Holocaust zu informieren.

BERLIN taz | Die Luft staut sich, die Zellenwände drücken. Die Gedenkstätte des Gestapo-Gefängnisses Köln katapultiert die Gräuel der NS-Zeit ins Jetzt – und den jungen Flüchtling zurück in den Krieg. Unvermittelt rastet er aus. Stürzt nach vorne. Sein Kopf prallt gegen eine Wand. Fest muss ihn ein Mann umklammern, bis er sich wieder beruhigt.

Die beklemmende Enge hat den jungen Asylbewerber in sein eigenes Trauma zurückgeworfen, als er mit seiner Berufsschulklasse das NS-Dokumentationszentrum in Köln besucht und die steile Treppe in das ehemalige Gefängnis hinabsteigt.

„Niemand war darauf vorbereitet“, sagt Barbara Kirschbaum, Leiterin der Bildungsarbeit in der Gedenkstätte. Ihre Einrichtung sei daher „sehr zurückhaltend“, wenn es darum geht, die dortige Geschichte an Flüchtlinge zu vermitteln, die noch nicht lange hier sind. Es sei wichtig, vorab viel zu besprechen. „Und eventuell wird man die Gedenkstätte rauslassen.“ Denn egal, wie gut die Vorbereitung auch sei: Am Ende der Treppe überfalle manche wieder die Erinnerung an die eigenen traumatischen Erlebnisse, sagt Kirschbaum.

Solche Erfahrungen zeigen, vor welche Herausforderungen die Museen und Gedenkstätten sich derzeit gestellt sehen – vor allem, wenn Integration von Geflüchteten in Deutschland nicht nur Spracherwerb und Arbeit bedeutet, sondern auch das Verständnis der deutschen Geschichte einschließen soll.

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Januar 28th, 2016 at 4:10 am

Deutschlandfunk| Jüdisches Museum Frankfurt am Main: Neue Erzählformate für jüdische Geschichte

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Eine offensive Onlinestrategie ist die Hauptprogrammatik der neuen Chefin des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main. Mirjam Wenzel will das Internet zu einem gleichwertigen Museumsraum machen. Damit will sie historische Erzählungen ermöglichen, die über eine reine physische Präsentation klassischer Art hinausreichen.

Von Ludger Fittkau

Die Leiterin des Jüdischen Museums Frankfurt, Mirjam Wenzel, aufgenommen anlässlich ihrer Vorstellung am 11.09.2015 m Kulturamt in Frankfurt am Main (picture-alliance / dpa / Andreas Arnold)

Mirjam Wenzel ist seit dem 1. Januar Leiterin des Jüdischen Museums Frankfurt. (picture-alliance / dpa / Andreas Arnold)

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Es ist eine Rückkehr in die Stadt ihrer Jugend. Mit 16 Jahren verließ Mirjam Wenzel Frankfurt am Main Richtung München und später Berlin, wo die promovierte Literaturwissenschaftlerin bis zuletzt die Medienabteilung des dortigen jüdischen Museums leitete. Direktorin in Frankfurt zu werden, ist aber nicht nur wegen ihrer persönlichen Bezüge zur Mainmetropole eine besondere Herausforderung für die 42-Jährige:

“Thematisch: Das jüdische Museum in Frankfurt ist das erste Museum im Nachkriegsdeutschland seiner Art. Und jüdische Geschichte in Frankfurt ist eine ganz besondere, weil hier wirklich jüdische Geschichte geschrieben wurde. Und zwar von herausragenden Persönlichkeiten wie Dan Diner, Micha Brumlik, Salomon Korn, Cilly Kugelmann. Wirklich intellektuellen Persönlichkeiten, die öffentlich in Erscheinung getreten sind und sich eingemischt haben – politisch. Stellung bezogen haben und tatsächlich so was geprägt haben wie ein Wieder-Entstehen von jüdischem Leben in Deutschland.”

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