Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Israel’ Category

TAZ| Ein Minimum an Distanz

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Aus einer „Studienstelle Israel“ soll eine Professur werden. Dann passiert – nichts. Die Universität Mainz verspielt ihren guten Ruf.

KOLUMNE VON MICHA BRUMLIK

Man muss kein Freund der verbrecherisch dummen Siedlungspolitik israelischer Regierungen sein, um einen jetzt bekannt werdenden Vorgang an der Universität Mainz befremdlich zu finden. An dieser Bildungsinstitution sollte anlässlich von fünfzig Jahren deutsch-israelischer Beziehungen eine schon seit Längerem bestehende „Studienstelle Israel“ in eine ordentliche Professur umgewandelt werden.

Die Studienstelle war bei den Politikwissenschaften angesiedelt und wurde bis zu dessen Pensionierung von dem bestens ausgewiesenen Oberstudienrat Alfred Wittstock geführt. Die neue Professur wurde ans Institut für Soziologie verlegt; sie sollte der „Soziologie der Ethnizität und Migration mit dem Schwerpunkt ­­Israel/Naher Osten“ gewidmet sein. Im Juli wurde die Stelle öffentlich ausgeschrieben:

„Die Professur forscht und lehrt im Bereich der Ethnizitäts- und Migrationssoziologie mit dem regionalen Schwer­punkt der Gegenwartsgesellschaften Israels und seiner Nachbarn. Von den Bewerberinnen und Bewerbern wer­den neben profunden theoretischen und methodischen Kompetenzen empirische Kenntnisse der kulturellen Viel­falt, der politischen Konflikte und der Migrationsbewegungen in dieser Region erwartet. Erwünscht ist zudem ein Forschungsinteresse an den jüngeren Zuwanderungen aus dem Nahen Osten nach Europa.“

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Februar 7th, 2017 at 4:36 pm

Deutschlandfunk| Glaube und Zweifel im Judentum – Wo war Gott in Auschwitz?

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Holocaust-Überlebende berichten oft: Seit Auschwitz können wir nicht mehr religiös sein. Wer die Nazi-Verbrechen miterlebt hat, kann nicht mehr an einen allmächtigen, gütigen Gott glauben. Warum hat Gott bei den Massenverbrechen zugeschaut? Wo war Jahwe während der Shoah? Diese Frage rüttelt am jüdischen Gottesbild.

Von Jens Rosbach

Rabbiner Zsolt Balla tut alles, um das spirituelle Leben seiner jüdischen Gemeinde in Leipzig zu fördern. So greift der Seelsorger oft selbst zur Gitarre, um Psalmen zu singen. Doch fragen ihn die Mitglieder nach der Shoah, weiß Balla oft nicht weiter.

„Die typische Frage ist: Wenn es einen allmächtigen und guten Gott in der Welt gibt, wie konnte er so etwas zulassen?“

Balla, der aus Ungarn stammt und sich in Berlin zum orthodoxen Rabbiner ausbilden ließ, räumt ein: Es bleibe ein Mysterium, wo Gott während des NS-Massenmordes war.

Orthodoxe: Gott ist allmächtig

„Wir können nur kleine Pixel sehen von einem Billiarden-Megapixel-Bild. Wir können nur ein sehr kleines Segment sehen. Wir denken, dass Gott, er hat die Möglichkeit das ganze Bild zu sehen.“

Für den Seelsorger geht es letztlich nicht um logisches Verstehen, sondern um festgelegte Glaubensgrundsätze: Das orthodoxe Judentum habe sich nach den 13 Axiomen zu richten, die der jüdische Rechtsgelehrte Mosche Ben Maimon im 12. Jahrhundert aufgestellt hat. Maimon, genannt Maimonides, habe Gottes Allmacht gepredigt; dies dürfe nicht angezweifelt werden – auch nicht angesichts der Verbrechen an seinem Volk.

„Gott ist allmächtig. Wir können das nicht infrage stellen. In der Sekunde, in der man das infrage stellt, bedeutet das, dass man nicht mehr im Rahmen von Orthodoxie ist.“

Liberale: Gott ist teilweise ohnmächtig

Ortswechsel, Berlin-Mitte, ein Mietshaus mit schwerem Eisentor. Durch einen Hinterhof geht es ins „Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg“. Hier forscht und lehrt der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik. Der liberale Jude, der als Kind jüdischer Flüchtlinge geboren wurde, hat ein anderes Gottesbild als der orthodoxe Rabbiner Zsolt Balla. Brumlik macht durchaus Abstriche, was die Allmacht Gottes betrifft.

„Das mich überzeugendste Erklärungsmuster ist das des Philosophen Hans Jonas, der eine wichtige Schrift verfasst hat über den Gottesbegriff  nach Auschwitz, in der er sagt: Wenn man intellektuell redlich sein will, dann muss man von den klassischen Prädikaten Gottes Allgüte, Allwissen und Allmacht die dritte Eigenschaft streichen.“

Doch wenn der „Herrscher der Welt“ teilweise ohnmächtig ist – kann man ihn dann noch als Gott bezeichnen?

„Doch, das kann man schon denken. Gott ist die Weisung, der Wegweiser, die Stimme vom Sinai, die uns verpflichtet. Aber nicht jemand, der von jenseits des Weltalls beliebig in die menschlichen Dinge reinfunken kann.“

Rabbi Rubenstein: Gott ist tot

Der Professor weiß, dass Jonas‘ Ansatz Fragen aufwirft. Etwa, ob Gott jemals allmächtig gewesen ist.

„Was natürlich im Widerspruch zu den Befreiungsgeschichten der Kinder Israel aus Ägypten steht. Weil da ist es ja Gott, der mit starker Hand und ausgestrecktem Arm Israel aus der Sklaverei in die Freiheit geführt hat. Das konnte nur ein allmächtiger Gott.“

Wo war Gott, als sechs Millionen Juden vernichtet wurden? Eine Frage, die die jüdische Theologie seit Jahrzehnten beschäftigt. Den Auftakt machte 1966 der US-amerikanische Rabbiner Richard Rubenstein. Mit seinem Buch „Nach Auschwitz“ rüttelte er die religiöse Fachwelt auf.

„Im Grunde lässt sich seine Position in drei Worten zusammenfassen: Gott ist tot.“

Berichtet der Historiker und Germanist Christoph Münz. Nach Angaben des hessischen Publizisten argumentierte Rubenstein damals radikal:

„Erstens: Gott kann es unmöglich erlaubt haben, dass der Holocaust geschehen ist. Zweitens: Der Holocaust ist aber geschehen. Und deshalb, drittens, existiert Gott – so wie es in der jüdischen Tradition gedacht ist – nicht.“

KZ-Überlebender Fackenheim: Gott ist trotzdem

Heftige, innerjüdische Debatten folgten. Eine viel beachtete, gegensätzliche These stammt vom jüdischen Philosophen Eliezer Berkovits. Der Rabbiner war 1939 aus Nazi-Deutschland geflüchtet und lebte viele Jahre in den USA.

„Berkovits sagt, dass Gott im Holocaust sein Angesicht verborgen hat. Und er tut dies, um den Menschen und der Schöpfung Raum für Freiheit zu geben – dass das Gute und das Böse gleichermaßen stark werden können.“

Christoph Münz, der seine Dissertation über die Theologie nach Auschwitz geschrieben hat, analysiert: Einige Rabbiner argumentieren nicht rein religiös, wenn es um die sogenannte Theodizee-Frage geht, um die Frage nach Gottes Rolle bei all dem Übel in der Welt. So habe der liberale Gelehrte Emil Fackenheim, ein KZ-Überlebender, eine historisch begründete These aufgestellt. Fackenheim meint, dass in der Nazi-Zeit Gottes Ruf hörbar wurde: nämlich sein Gebot, trotzdem weiter zu glauben.

„Die Begründung ist: Wenn Du anfängst, an Gott zu zweifeln, dann tust Du Hitlers Job. Genau das wollte er erreichen: dass wir Juden, unser Erbe, unsere Tradition, unsere religiöse Identität aufgeben.“

Emil Fackenheim fügte den 613 jüdischen Geboten ein weiteres hinzu: Man dürfe den Nationalsozialismus nicht im Nachhinein siegen lassen. Seitdem beachten viele Juden weltweit Fackenheims 614. „Gebot“. Christoph Münz:

„In gewisser Weise öffnet er eine Tür, durch die sowohl religiöse wie säkulare Juden gehen können und sozusagen auf ihre Weise dieses ‚Trotz-Alledem‘ interpretieren können.“

Gott als Strafender, Missbrauchender

Allerdings wurden in den vergangenen Jahrzehnten auch einige theologische Erklärungen wieder verworfen. So argumentierte man lange Zeit im orthodoxen Judentum, Gott habe die NS-Vernichtungsmaschinerie zugelassen als Strafe für die Sünden seines Volkes. Etwa für die vermeintliche „Sünde“, dass immer mehr Juden seit der Aufklärung rational denken und nicht mehr fromm sind. Doch heute sprechen viele Orthodoxe, wie der Leipziger Rabbiner Zsolt Balla, nicht mehr vom Holocaust als „göttliche Strafe“.

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Januar 26th, 2017 at 8:24 pm

TAZ| Prophetische Rede

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US-Außenminister John Kerry hat nichts anderes verkündet als das absehbare Ende des jüdischen Staates. Ein solcher kann nur demokratisch sein.

Wer die Rede des scheidenden US-Außenministers John Kerry zum Israel-Palästina-Konflikt als verspätete politische Intervention deutet und sie deshalb kritisiert, der missversteht sie.

Diese Rede war ein Vermächtnis und gehört deshalb nicht dem Instrumentarium außenpolitischen Handwerks, sondern der Gattung prophetischer Rede an. Prophezeiungen aber sind etwas radikal anderes als mehr oder minder genaue Prognosen.

So warnte Homers Kassandra die Trojaner vor dem hölzernen Pferd der Griechen und sagte damit zugleich den Untergang Trojas voraus, so verurteilten die Propheten der hebräischen Bibel das gottlose Treiben der Könige Israels und Judas, um gelegentlich auch Trost zu spenden.

Prophezeiungen sind keine Prognosen, ihre Zeitangaben sind nicht exakt, auf Prophezeiungen würde man keine Wetten abschließen – gleichwohl ergehen sie meist dann, wenn ein Schicksal besiegelt ist.

Wohlmeinende, politisch aufgeschlossene Beobachter im heutigen Staat Israel haben Kerrys Rede zu Recht als eine im besten Sinne zionistische Rede gelesen, als eine Rede, die sich machtvoll gegen die Selbstaufhebung des Zionismus in der Besatzungsherrschaft über das Westjordanland wendet. Liest man seine Rede indes als Prophezeiung, so hat Kerry nichts anderes verkündet als das absehbare Ende des jüdischen Staates, der, wenn überhaupt, nur als demokratischer Staat existieren kann.

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Januar 8th, 2017 at 11:59 am

Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart

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MichaBrumlikJALTA

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freund*innen und Verbündete,

Wir freuen uns sehr, die Gründung der Zeitschrift Jalta – Positionen zur jüdischen Gegenwart bekannt zu geben!
Die AFD feiert Erfolge, Großbritannien verlässt die EU, die Türkei schafft die Demokratie ab und Donald Trump wird zum neuen Präsidenten gewählt. In Europa und den USA sind offener Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Nationalismus wieder verstärkt Teil etablierter politischer Diskurse. Wir alle sind verwundbarer geworden. Dabei ist die populistische Herausforderung aber nicht nur eine Gefahr, sie ist auch eine Aufforderung, politisch aktiv zu werden. Wir haben da eine Idee.

„Wir“, das ist ein Team aus sechs jüdischen Wissenschaftler*innen und Künstler*innen. Seit gut einem Jahr planen wir das jüdische Diskursmagazin Jalta. Jalta soll sowohl ein Ort sein für Auseinandersetzungen von und mit jüdischen Positionen als auch ein Denkraum für eine post-migrantische Gesellschaft. Die erste Ausgabe befasst sich mit dem Thema „Selbstermächtigung“ (mehr Informationen finden Sie hier http://bit.ly/2g4M6JA) und wird im Frühjahr 2017 erscheinen. Die zweite ist für den Herbst zur „Desintegration“ als künstlerischem und politischem Konzept und Intervention geplant.

Mit diesem Post wollen wir Sie und Euch als Leser*innen gewinnen und um Unterstützung bitten. Mit einem Jahresabonnement für 28 Euro oder einem Förderabo für 42 Euro unterstützen Sie uns dabei, dass Jalta halbjährlich erscheinen kann. Außerdem bekommen Sie die neue Ausgabe direkt ins Haus geliefert, was ja auch seien Vorteile hat. Wer hätte je gesagt, Veränderung sei unkomfortabel.

In diesem Sinne hoffen wir auf Ihre Unterstützung,

Anna Schapiro, Hannah Peaceman, Lea Wohl von Haselberg, Marina Chernivsky, Max Czollek und Micha Brumlik

Das erste Heft der Zeitschrift Jalta setzt sich zunächst mit dem Titel auseinander. Jalta wird als Talmudfigur analysiert, ein Bezug zur Krim wird hergestellt. (Wütende) Jüdische Frauen kommen zu Wort: Ein Interview zu Bet Debora reflektiert die Entwicklung des Netzwerks. Eine Rabbinerin stellt sich…
NEOFELIS-VERLAG.DE

Mehr Information hier

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November 27th, 2016 at 6:13 pm

Micha Brumlik: Wann, wenn nicht jetzt? – Versuch über die Gegenwart des Judentums – TU Berlin

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brumlik

Auftakt des Forschungskolloquium „Säkularer Staat und religiöse Vielfalt“ des Zentrums für Antisemitismusforschung am 19. Oktober 2016

Micha Brumlik, diesjähriger Buber-Rosenzweig-Medaillenträger, stellt sein Buch „Wann, wenn nicht jetzt? Versuch über die Gegenwart des Judentums“ vor, in dem er ein Plädoyer für jüdisches Leben in der Diaspora mit einer geschichtsphilosophischen Skepsis über die Zukunft des Staates Israel als eines jüdischen Staates verbindet. Durchaus im Bewusstsein der blutigen Krise der arabischen Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts erneuert er, zeitgemäß modifiziert, die schon von Martin Buber vorgeschlagene Idee eines binationalen Staates Israel/Palästina.

Zeit: 19. Oktober 2016, 18 bis 20 Uhr
Ort: TU Berlin, Ernst-Reuter-Platz 7, 10587 Berlin, Telefunkenhochhaus (20. Stock)

Die Veranstaltung ist öffentlich. Eine Anmeldung ist nicht notwendig. Moderiert wird die Buchvorstellung von Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum.

Micha Brumlik ist emeritierter Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von 2000 bis 2005 war er Leiter des Fritz Bauer Instituts, Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, in Frankfurt. Zwischen 1989 und 2001 war er in Frankfurt zudem Stadtverordneter der GRÜNEN. Seit 2013 ist er Senior Professor am Zentrum Jüdische Studien Berlin/Brandenburg in Berlin.

Die Buchvorstellung bildet den Auftakt des Forschungskolloquium des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Das vollständige Programm können Sie hier einsehen: http://www.tu-berlin.de/fileadmin/i65/Forschungskolloquium/Programm_ZfA_Foko_WiS…

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Oktober 18th, 2016 at 11:59 am

EK Köln| Micha Brumlik referierte in der Melanchthon-Akademie über Israels Zukunft

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Martin Buber, seine Vision für Israel und der „Plan B“

Im März zeichnete der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Prof. Dr. Micha Brumlik mit der Buber-Rosenzweig-Medaille aus. Vor kurzem sprach Preisträger Buber in der Melanchthon-Akademie über „Israels Zukunft ein binationaler Staat!? Martin Buber und seine Vision für Israel“. Es ging um nichts Geringeres als eine mögliche Lösung des Nahostkonflikts. Veranstalterin war neben der Erwachsenenbildungseinrichtung des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V.

In der Begrüßung erinnerte Akademieleiter Dr. Martin Bock an seine eigene Studienzeit in Jerusalem Ende der 1980er Jahre. Er befand, dass die damalige Situation noch weniger kompliziert und derart komplex verfahren gewesen sei. Miguel Freund, stellvertretender Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft, stellte den Referenten vor und leitete in das unvermindert aktuelle Thema des Abends ein, das zahlreiche Interessierte in der Akademie zusammenführte. Der Intellektuelle, Erziehungswissenschaftler, Autor und Publizist „sei ein ausgewiesener Kenner sowohl der jüdischen als auch der christlichen Geschichte, Kultur und Religion“, fasste Freund die Begründung des Dachverbandes für die Preisverleihung an Brumlik zusammen. Zudem gebe er mit seinen Beiträgen wesentliche Impulse für das gegenseitige Verständnis von Juden und Christen.

Binationaler Staat versus Einstaatenlösung
In seinem anspruchsvollen Vortrag stellte der 68-jährige Brumlik eine vom jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber (1878-1965) in den 1920er Jahren geborene Idee für ein friedliches Zusammenleben der Völker in Israel/Palästina vor. Die Rede ist von einem binationalen Staat beziehungsweise einer Einstaatenlösung. Historisch, politisch wie (religions-)philosophisch unternahm Brumlik eine Rückschau, blickte auf die Gegenwart und stellte eine – natürlich unsichere Prognose für die Zukunft. Bubers Vision eines jüdisch-arabischen Staates mit gleichen Rechten für beide Völker hatte auch der von ihm mitgegründete „Bund des Friedens“ (Brit Schalom, 1925 bis 1933) verfolgt.

„Das Undenkbare denken“
Nicht nur damals habe man Bubers Vorschläge für ein gleichberechtigtes politisches, wirtschaftliches und soziales System als utopisch angesehen. Auch heute noch hielten viele seine Idee für unrealistisch. Doch sei angesichts der Besatzungspolitik Israels im Westjordanland, Israels Entwicklung zu einem „Unrechtstaat“ und einer notwendigen Befriedung nicht gerade dieser „Plan B“ konkret ins Auge zu fassen, fragte Brumlik. Im Verlauf stellte er Bubers Position sowie zustimmende und konträre zeitgenössische wie aktuelle Einschätzungen vor. Und trat schließlich, rhetorisch begleitet vom Talmud-Zitat „Wann, wenn nicht jetzt?“ und appellierend, das „Undenkbare zu denken“, ausdrücklich für eine binationale Lösung ein.

 

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Juni 25th, 2016 at 3:50 pm

Gegen Mythopolitik und Ethnokratie – Micha Brumliks Plädoyer für eine konstitutionelle Utopie

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Von Irmela von der Lühe

Als „Versuch über die Gegenwart des Judentums“ hat Micha Brumlik, soeben mit der Buber- Rosenzweig-Medaille der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit ausgezeichnet, seine Essaysammlung bezeichnet, die im Haupttitel die Frage aus den talmudischen „Sprüchen der Väter“ aufnimmt: „Wann, wenn nicht jetzt?“ Tatsächlich geht es in den sieben sachlich und systematisch klug miteinander verknüpften Aufsätzen gleichermaßen um aktuelle politische wie historisch-kulturgeschichtliche als auch philosophisch-theoretische Fragen. Sie alle kreisen im Sinne der talmudischen Aufforderung um radikale Selbstbefragung, um jüdische Selbstbesinnung als Reflexion vergangener Erfahrungen und gegenwärtiger Erlebnisse, historischer Erkenntnisse und aktueller Herausforderungen. Vergangenheit und Gegenwart der Diaspora, des Zionismus und des Messianismus spielen eine ebenso wichtige Rolle, wie das Verhältnis zwischen Israel und Deutschland, zwischen Israel und den Juden in der amerikanischen Diaspora. Analyse und Argumentation prägen die Darstellungen, und doch spürt man immer wieder, wovon auch in einem eigenen Abschnitt ausführlich die Rede ist: „Resignation und Einsicht“. Eine melancholische Präzision durchzieht den Text, dessen Ton erstaunt und berührt; dessen analytische Kraft unüberhörbar, dessen rational-realistischer Ursprung zweifelsfrei und dessen klarsichtige Hoffnung stets gegenwärtig ist.

Es ist keine Abrechnung mit dem zionistischen Projekt, so hart und entschieden die Kritik an der Besatzungspolitik Israels im Allgemeinen und an Benjamin Netanyahus Handeln im Besonderen auch ausfällt. Mit „Israel und die Diaspora: Die aktuelle Krise“ ist denn auch das erste Kapitel überschrieben, das von der Wiederwahl Netanyahus im Jahre 2015 – zugleich das vierte Jahr des syrischen Bürgerkriegs – ausgehend, den Gründen und Hintergründen für die wachsende „Entfremdung“ zwischen dem amerikanischen Judentum und dem Staat Israel nachgeht. Gewährsmann für die dabei referierten Sachverhalte ist der orthodoxe Politikwissenschaftler Peter Beinart, dessen im Jahr 2013 auch auf Deutsch erschienene Studie „Die amerikanischen Juden und Israel“ die völker- und menschenrechtswidrige Siedlungs-und Außenpolitik der Netanjahu-Regierungen detailreich belegt und zugleich die Gefolgschaftstreue der großen jüdisch-amerikanischen Organisationen kritisch in Frage stellt. Gestützt auf Beinarts Befunde rekonstruiert Brumlik eine paradoxe und zugleich höchst brisante Konstellation: Während Netanjahu in den Spuren seines Vaters und damit in direkter Nachfolge von Waldimir Jabotinsky (1880–1940) alle Anstrengungen unternimmt, einen palästinensischen Staat zu verhindern, orientiert sich Barack Obama an den Grundsätzen des jüdischen Philosophen und Bürgerrechtlers Abraham Joschua Heschel (1907–1972). Das Scheitern des Friedensprozesses erwächst in einer solchen Sicht auch aus einem inneren Antagonismus im zionistischen Konzept selbst und führt zu einen wachsenden Dissens zwischen der israelischen Regierung und dem modern-orthodoxen Judentum in der amerikanischen Diaspora. An Peter Beinarts, aber auch an Positionen wie denjenigen der jüdisch-französischen Historikerin Esther Benbassa stellt Micha Brumlik jene existenziell-politische Ambivalenz heraus, die sich in Sätzen wie „Ich will nicht Jüdin sein und Israel ablehnen. Ich will auch nicht Jüdin sein und Israels unmoralischen Krieg billigen. Nicht ohne Israel und nicht mit Israel, so wie es heute ist“ äußert.

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NZ| Deutsch-Israelische Beziehungen: Es ist kompliziert

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Im Jahr 2008 hält Bundeskanzlerin Merkel eine Rede vor dem israelischen Parlament, wobei sie die historische Verantwortung Deutschlands als Staatsräson ihres Landes bezeichnet.
Im Jahr 2008 hält Bundeskanzlerin Merkel eine Rede vor dem israelischen Parlament, wobei sie die historische Verantwortung Deutschlands als Staatsräson ihres Landes bezeichnet. (Bild: Keystone / Peer Grimm)
Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sind seit dem Zweiten Weltkrieg durch die deutsche Schuld geprägt. Der Wandel der deutschen Gesellschaft könnte das Verhältnis nachhaltig verändern.

Es ist der 11. August 1965, als Rolf Friedemann Pauls als erster deutscher Botschafter seinen Fuss auf israelischen Boden setzt. Wenige Monate zuvor, am 12. Mai 1965, hatten sich Israel und Deutschland auf die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen geeinigt – 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Pauls will nach vorne blicken: «Wir beginnen unsere Arbeit in Israel mit großer Zuversicht», sagt er. In Israel sieht man das anders: Die Israeli empfangen den ehemaligen Wehrmachtsoffizier, der einen Arm an der Ostfront verlor, mit heftigen Demonstrationen, an denen Steine und Flaschen fliegen. Auf ihren Transparenten fordern sie «Pauls raus!» oder «Wir wollen ein Israel frei von Deutschen!». Pauls erinnert sich später in einem Brief: «Ohne das Eingreifen berittener Polizei hätte meine Abfahrt in einem Chaos geendet.» Wenige Tage später wird auch Asher Ben Nathan in Bonn begrüsst, «ohne Euphorie», wie er später sagen wird. Israels erster Botschafter in Deutschland spricht mit österreichischem Akzent: Er wurde in Wien geboren und floh 1938 vor den Nazis nach Palästina. Auch Ben Nathan tritt sein Amt positiv gestimmt an. Eine bessere Zukunft, Friede und Wohlstand zwischen den beiden Völkern sind ihm ein Anliegen. Und noch etwas ist ihm sehr wichtig: Er sagt, dass er die Worte «vergessen» und «verzeihen» nie in den Mund nehmen werde.

Die DDR als Stein im Weg

50 Jahre später sind die deutsch-israelischen Beziehungen an einem Punkt, an dem sie damals wohl niemand vermutet hätte. Am 12. Mai werden Politiker in Berlin und Jerusalem mit einem Festakt das Jubiläum feiern. Sie werden von Verantwortung und moralischer Verpflichtung sprechen und darüber, wie gut die Verbindungen zwischen den beiden Ländern heute sind. In vielerlei Hinsicht ist das tatsächlich so: Die Zahl der israelischen Touristen in Berlin hat sich in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht. Rund 100 000 Israeli besitzen heute einen deutschen Pass. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist eine der beliebtesten ausländischen Politikerinnen in Israel. Umgekehrt ist bei jungen Deutschen kaum ein Land als Reiseziel so beliebt wie Israel, deutsche Billigairlines fliegen mehrmals täglich nach Tel Aviv. Zwei Drittel der jungen Freiwilligen in Israel, die sich um Holocaustüberlebende oder Friedensinitiativen bemühen, sind Deutsche.

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