Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Meinung’ Category

TAZ| Kompass einer Jugend

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Wir waren weder Antisemiten noch selbsthasserische Juden: Nicht jede Form des Antizionismus ist mit Antisemitismus gleichzusetzen.

Die zunächst nicht, dann doch ausgestrahlte Arte-Dokumentation „Auserwählt und eingegrenzt“ hat das Thema erneut auf die Tagesordnung gesetzt: das Verhältnis von Antisemitismus und Antizionismus. Zudem hat der Bericht des Unabhängigen Expertenkreises der Bundesregierung ergeben, dass sich Antisemitismus immer häufiger hinter antizionistischen Parolen verbirgt. Das kann gleichwohl umgekehrt nicht heißen, dass jede Form des Antizionismus schlicht mit Antisemitismus gleichzusetzen ist.

Vor allem: Was ist von Jüdinnen und Juden wie Judith Butler, die sich für BDS einsetzen, oder von jenen ultraorthodoxen Fundamentalisten zu halten, die Jahr für Jahr in Berlin die von Khomeini erfundene „Al-Quds“-Demonstration eröffnen, weil ihrer Meinung nach nur der Messias die Juden ins verheißene Land zurückführen darf? Alles Antisemiten – und wenn nicht, so doch wenigstens selbsthasserische Jüdinnen und Juden?

Der Autor dieser Zeilen weiß, wovon er schreibt, und hat das vor mehr als zwanzig Jahren in seinen Erinnerungen „Kein Weg als Deutscher und Jude“ auch zu Protokoll gegeben. Ich war mit Sicherheit weder Antisemit noch Selbsthasser, als ich nach Jahren begeisterter Mitgliedschaft in einer zionistischen Jugendorganisation 1967 nach Israel ging, 1968/69 in Jerusalem Mitglied einer antizionistischen Organisation wurde, um bald – weil es mir sinnlos schien, nur deshalb nach Israel einzuwandern, um dort für eine sozialistische Revolution zu kämpfen – in das studentenbewegte Frankfurt am Main zurückzukehren.

 

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Juli 19th, 2017 at 3:30 pm

Deutschlandfunk| Der Tag mit Micha Brumlik – G20-Gipfel – wie viel Protest ist erlaubt?

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Der Tag mit Micha BrumlikG20-Gipfel – wie viel Protest ist erlaubt?

Moderation: Korbinian Frenzel

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Die G20-Gegner haben vor dem Verfassungsgericht einen Teilerfolg errungen: Hamburg darf das Protestcamp nicht verbieten. Außerdem in der Sendung: Italien macht die Häfen für Flüchtlinge dicht und Antisemitismus in Deutschland.

Teilerfolg für G20-Gegner: Ein großes Protestcamp gegen den G20-Gipfel in Hamburg darf starten. Das Bundesverfassungsgericht hob ein generelles Verbot auf. Uneingeschränkt muss die Hansestadt das Camp im Stadtpark allerdings nicht dulden. Hamburg kann das Camp beschränken, Auflagen verhängen oder die Veranstaltung an einen anderen Ort verlegen.

Hamburg hatte das Camp verboten, denn das Zelten in Grünanlagen sei verboten, argumentierte die Hansestadt. Auf die verfassungsrechtlich geschützte Meinungsfreiheit könnten sich die Veranstalter in diesem Fall nicht berufen. Das Bundesverfassungsgericht urteilte nun, Teile des Camps seien wie eine normale Demonstration zu bewerten. Zelte, die alleine der Übernachtung dienten, müsse die Stadt jedoch nicht dulden. Nach der Entscheidung der Karlsruher Richter muss sich nun das Hamburgische Oberverwaltungsgericht erneut mit dem Verbot befassen. Wie weit reicht die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts noch? Darüber sprechen wir mit unserem Gast Micha Brumlik.

 

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Publik-Forum| Was tun gegen neuen Antisemitismus?

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von Thomas Seiterich

Auf Schulhöfen ist das Fluchwort »Du Jude« aktuell das Schimpfwort Nummer eins. Und unter den Erwachsenen neigen bei Befragungen in Deutschland rund 40 Prozent zu einem Israel-bezogenen Antisemitismus. Verschärfen Flüchtlinge aus Arabien das Problem? Ein Gespräch mit dem Publizisten Micha Brumlik

Publik-Forum.de: Herr Brumlik, Antisemitismus war in Deutschland lange rückläufig. Jetzt erleben wir eine neue Welle, wie es scheint. Brauchen es einen Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung? Micha Brumlik: Ich glaube, wir brauchen das. Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte ist es sehr nötig, dass dieses Thema, das derzeit die deutsche Öffentlichkeit sehr umtreibt, auch politisch verantwortlich behandelt wird. Ja, vor allem deshalb brauchen wir einen solchen Beauftragten. Verändert sich durch die neuen Bürger aus arabischen Ländern, die als Flüchtlinge seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, die Situation? Wird die Lage bedrohlicher für Jüdinnen und Juden in Deutschland? Brumlik: Tatsache ist, dass zahlreiche Jüdinnen und Juden sich bedroht fühlen. Ob und wie realistisch das ist, ist eine andere Frage. Wir wissen aus verschiedenen Untersuchungen, dass etwa 40 Prozent der Befragten so etwas wie einen Israel-bezogenen Antisemitismus zu Protokoll geben. Vor diesem Hintergrund dürfte es keinen besonders großen Unterschied ausmachen, ob da noch der eine oder der andere oder auch größere Gruppen von Flüchtlingen, die aus arabischen Ländern kommen und dort mit antisemitischem Antizionismus konfrontiert wurden und den auch aufgenommen haben, diesen hierzulande an den Tag legen.

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Juni 27th, 2017 at 2:10 pm

München| Jüdischer Fundamentalismus – ein Produkt der Moderne

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  • 05. Juli 2017  |  19:00
  • Bayerische Akademie der Wissenschaften
    Alfons-Goppel-Straße 11
    80539 München
    Plenarsaal, 1. Stock
  • Religion und Gesellschaft: Sinnstiftungssysteme im Konflikt
  • Der jüdische Fundamentalismus entstand als Reaktion auf das Reformjudentum des 19. Jahrhunderts und begreift sich als „Orthodoxie“. Im 20. Jahrhundert bildete dieser Fundamentalismus in Auseinandersetzung mit der Shoah und der Gründung des Staates Israel zwei entgegengesetzte Formen aus: Einerseits einen Fundamentalismus der Besiedlung des Landes Israel, andererseits einen radikalen Antizionismus des Exils, der jede jüdische Staatsgründung strikt ablehnt. Jene Fundamentalisten, die den Staat Israel zumindest hinnehmen, lehnen dessen teils säkulare Gesetzgebung und zivile Kultur grundsätzlich ab und streben einen von rabbinischen Weisen geführten Gottesstaat an.
  • Öffentliche Veranstaltung
  • Prof. Dr. Micha Brumlik
  • Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

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Juni 27th, 2017 at 2:07 pm

TAZ| Sammelwerk „Handbook of Israel“ – Neue Referenzgröße

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Wissenschaftle­rInnen analysieren im „Handbook of Israel“ den israelischen Staat. Es hat das Zeug zu einem neuem Standardwerk.

Nach wie vor sorgt der Israel-Palästina-Konflikt – die nun einhundertjährige Auseinandersetzung zwischen Juden und Arabern um ein Territorium, das etwa so groß ist wie Südhessen – für Beunruhigung, zumal in Deutschland. Debatten um die sogenannte Israelkritik, um Lehrbeauftragte, die sich antiisraelisch äußern, sowie um die Zulässigkeit der Boykottbewegung gegen Israel erregen fast täglich die Gemüter.

Allerdings: Im Vergleich zu der halben Million Toten und den etwa 4 Millionen Flüchtlingen, die der syrische Bürgerkrieg in nur sechs Jahren forderte und die hier niemanden auf die Barrikaden getrieben haben, verblasst die Zahl von etwa 700.000 geflohenen und vertriebenen Arabern sowie von einigen tausend gefallenen Soldaten auf israelischer und arabischer Seite.

Das ändert freilich ob der deutschen Verantwortung für die Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden nichts an dem moralischen Gewicht dieser Frage. Um sich ein auch nur halbwegs begründetes Urteil bilden zu können, sind daher theoretische Kenntnisse, gesicherte historische Informationen sowie begründete Einsichten unerlässlich.

 

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Juni 22nd, 2017 at 10:37 am

Micha Brumlik| VORTRAG/DISKUSSION: Apokalyptischer Populismus

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Trumps stärkste Waffe ist ein „apokalyptischer Populismus“. Dessen Anhänger wollen den Rechtsstaat, seine Institutionen, das „Establishment“ abschaffen. Die Politikwissenschaftlerin Wendy Brown diskutiert mit Ulrike Guérot und Micha Brumlik.

Moderation: Mathias Greffrath.

Wendy Brown: Demokratie unter Beschuss:

Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10,

28. 6., 19 Uhr,

Eintritt frei

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Juni 22nd, 2017 at 10:34 am

Deutschlandfunk| Debatte um Berliner „Werteinitiative“Jüdische Wahlbausteine“

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Juden sehen sich in Deutschland zunehmend antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Mit einer „Werteinitiative“ wollen einige jüdische Deutsche jetzt ihre Positionen in die Politik tragen. Doch nicht alle jüdischen Mitbürger stehen hinter der Initiave.

Von Jens Rosbach

Elio Adler schlägt Alarm. Nach Ansicht des Berliner Juden hat in den vergangenen Jahren der Antisemitismus stark zugenommen, vor allem der Antisemitismus durch Migranten:

„Einfaches Beispiel: Mein Sohn hat ein Davidsternkettchen. Ich als Kind habe das stolz getragen Anfang der 80er Jahre. Meine Eltern fanden das gut, alles war entspannt. Heute verbiete ich meinem Sohn auf die Straße zu gehen damit. Das Wort ‚Jude‘ ist ein Schimpfwort in besten Zehlendorfer Gymnasien genauso wie auf der Neuköllner Strasse. Das ist eine Veränderung, die da ist.“

Mehr jüdische Anliegen in die Politik tragen

Adler, von Beruf Zahnarzt, wollte mehr jüdische Anliegen in die große Politik einbringen. So gründete er mit gleichgesinnten Juden die „Werteinitiative“. Die Gruppierung bat nun die wichtigsten Parteien um Stellungnahme zu Themen wie Judenhass, Islamismus und innere Sicherheit. Mit Ausnahme der AfD, die sich lediglich zu einem einzigen Unterpunkt äußerte, antworteten alle Parteien. Ihre Formulierungen sind ähnlich – mit kleinen Unterschieden, sagt Adler:……..

 

…….

Forderungen, die auf innerjüdische Kritik stoßen. So spricht der linksliberale Professor Micha Brumlik von einseitigen Positionen:

„Was ist mit ‚deutsch-deutschen‘ Organisationen, die nicht ohne Wenn und Aber hinter Demokratie und Menschenrechten stehen – wie etwa die AfD oder die NPD? Dass dies verboten, geschlossen oder strafrechtlich verfolgt werden soll, davon schreiben diese jüdischen Autoren nichts.“

Nicht alle tragen die Positionen der Werteinitiative

 

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Juni 17th, 2017 at 3:51 pm

MIGAZIN| „SPÄTAUSSIEDLER STEHEN BESSER DA“: Grüne fordern gerechte Renten für jüdische Zuwanderer

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Kurz vor Ende der Legislaturperiode präsentieren die Grünen einen Gesetzentwurf, um die Schlechterstellung jüdischer Zuwanderer bei der Rente zu beheben. Behandelt werden wird die Initiative nicht mehr – aber sie deckt ein Problem auf.

Geld, Alter, Armut, Rente, Portemonnai, Euro, HandGeld © Bankenverband – Bundesverband deutscher Banken @ flickr.com (CC 0), bearb. MiG

Jüdische Zuwanderer stehen mit ihren Renten deutlich schlechter da als Spätaussiedler, obwohl ihr Arbeitsleben häufig ähnlich verlaufen ist. Mit dem Ziel, diese Ungerechtigkeit abzuschaffen, stellte der migrationspolitische Sprecher der Grünen, Volker Beck, am Dienstag in Berlin einen Gesetzentwurf vor. Er kommt allerdings für diese Legislaturperiode zu spät. Beck sagte, er hoffe, der nächste Bundestag werde das Thema auf die Tagesordnung setzen. Die Diskriminierung der Juden gegenüber den Spätaussiedlern aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion müsse beendet werden.

 

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Juni 17th, 2017 at 3:46 pm

TAZ| Ein vermeintliches Paradox

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Kann man als europäischer Politiker gleichzeitig rechtsextrem und proisraelisch sein? Ja, man kann. Das zeigen nicht nur die Le Pens.

Aufmerksamen Beobachtern kann nicht entgangen sein, dass und wie sich die extreme Rechte in Europa verändert hat. Als bestes Beispiel kann der erneuerte Front Natio­nal gelten, dessen Vorsitzende, Marine Le Pen, ihren eigenen Vater, Jean-Marie Le Pen, seines Antisemitismus wegen aus der Partei ausgeschlossen hat. Kann man als europäischer Politiker gleichzeitig rechtsextrem und proisraelisch sein?

Auf jeden Fall: Ein hochrangiger Vertreter der FPÖ, ihr „Bundesobmann“ Heinz-Christian Strache, brachte diese Haltung unübertroffen zum Ausdruck, als er im Jahr 2016 seinen Kopf in der Holocaustgedenkstätte Jad Vaschem mit einem verbindungsstudentischen Käppi bedeckte. Ein großer Teil dieser Verbindungen ist völkisch und antisemitisch eingestellt.

Sei es aus Opportunismus, sei es aus Einsicht: sogar die – hierzulande vom Verfassungsschutz beobachtete – „identitäre Bewegung“ setzt sich verbal vom Rassismus nicht nur des Nationalsozialismus ab, mehr noch: sie propagiert einen nicht expansiven, sondern defensiven Nationalismus, ein Bekenntnis zum „eigenen“ Volk, das nicht besser sein als andere, aber doch abgeschlossen, ethnisch homogen unter sich bleiben soll.

 

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swr| Gábor Paál im Gespräch mit Micha Brumlik

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15.6.2017 | 15.05 Uhr | 56:45 min

Verfügbar bis: 5.12.2022, 17.00

 

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Juni 14th, 2017 at 4:38 pm

TAZ| Scheu vor der historischen Wahrheit

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von Micha Brumlik

Die Stiftung der GEW ist nach Max Traeger benannt. Er steht beispielhaft für die vielen Lehrer, die sich dem Nationalsozialismus andienten.

Keine politische Kraft wird gegenwärtig stärker gebraucht als die Gewerkschaften. Wenn überhaupt, so sind sie in der Lage, rassistischen und fremdenfeindlichen Stimmungen erfolgreich Paroli zu bieten. Eine besondere Rolle kommt dabei jenen Gewerkschaften zu, die im Bereich von Pflege, Erziehung und Bildung tätig sind: Verdi sowie der GEW, also der 1948 gegründeten Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die sich selbst als Bildungsgewerkschaft bezeichnet und für Chancengleichheit, Mitbestimmung, soziale Sicherheit sowie für Demokratie kämpfen will.

Indes: Auch diese Gewerkschaft erweist sich als eine „ganz normale Organisation“ (Stefan Kühl), als ein Verband, dem es vor allem auf Selbsterhaltung ankommt sowie darauf, dass alles so bleibt, wie es immer schon war. Damit aber droht ausgerechnet eine Organisation, der es doch um eine emphatisch verstandene „Aufklärung“ gehen sollte, zu einer Vorkämpferin der Gegenaufklärung zu werden.

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Mai 6th, 2017 at 1:06 pm

Zur Aktualität der identitären Ideologie – böll.brief Demokratiereform #2

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Die Vordenker einer neuen rechten Internationale
von

Micha Brumlik

Heinich-Böll-Stiftung
Kostenlos
Veröffentlichungsort: www.boell.de
Veröffentlichungsdatum: April 2017
Seitenanzahl: 13
Lizenz: CC-BY-NC-ND
Alle Ausgaben: böll.brief

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April 18th, 2017 at 6:48 pm

Wer ihr seid – und wer es euch sagt /Was ist deutsch?

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Eine Identität, die nur noch als Nichtidentität möglich ist, Verfassungspatriotismus oder Gartenzwerg vorm Haus. Neue Antworten anlässlich der Buchmesse.

Befinden wir (bitte wer?) uns in einer Identitätskrise? Zweifel sind unangebracht: Handelt es sich doch um die politisch-kulturelle Frage dieses Frühjahrs. So stellt das Philosophie Magazin fest, dass sie „wieder da ist“: die Frage nach der Identität. So wirbt sogar eine Geografiezeitschrift mit dem Slogan „Mein Lebenslauf. Mein Ich“. Mehr noch: Kein Geringerer als der Bundesinnenminister, ein eher liberaler CDU-Politiker, gab ausweislich des Spiegels zu Protokoll: „Wir wissen nicht mehr genau“, so Thomas de Maizière, „wer wir sind und wer wir sein wollen“.

Andere drücken das härter aus: In ihrem neuen Programm fordert die AfD, dass in der Erinnerungskultur „die aktuelle Verengung auf die NS-Zeit“ zugunsten einer Geschichtsbetrachtung aufzubrechen sei, „die auch die positiv identitätsstiftenden Aspekte deutscher Geschichte umfasst“. Zuletzt fragte der Historiker Lorenz Jäger in einer Biografie über Walter Benjamin allen Ernstes: „In welchem Sinne war Benjamin deutsch, vom Bildungsgang und der Staatsangehörigkeit einmal abgesehen?“, um damit kundzutun, dass „deutsch zu sein“ mehr und anderes ist oder doch wenigstens sein soll.

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März 24th, 2017 at 10:22 am

Zeit| Der 18. Brumaire des Donald Trump

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Jeden Tag einen „Staatsstreich en miniature“: Was die Geschichte Napoleons III. über den amerikanischen Präsidenten verrät.

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März 21st, 2017 at 4:08 pm

Morgenweb| Sehnsucht nach Sicherheit

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Von unserem Redaktionsmitglied Manfred Loimeier

Die Rückbesinnung auf eine vermutete frühere Größe von Einzelstaaten liegt derzeit hoch im Kurs. Sogenannte Identitäre definieren das Deutschtum neu, sogenannte Reichsbürger verwehren sich der neustaatlichen Moderne komplett. Der vormalige Heidelberger Professor Micha Brumlik erklärt dieses Phänomen.

Herr Brumlik, derzeit ist in vielen Staaten die Sehnsucht nach nationaler Größe feststellbar. Wie lässt sich dieser Pendelausschlag Richtung Nationalstaaten wieder einfangen?

Micha Brumlik: Diese Sehnsucht nach dem alten Sozialstaat ist ja letzten Endes zum großen Teil die Sehnsucht nach einem gesicherten Sozialstaat, der seit der sogenannten Neoliberalisierung Anfang dieses Jahrhunderts – in Deutschland steht dafür Hartz IV beispielhaft – verlorengegangen ist. In Westeuropa würde man diesen Pendelschlag nur dadurch eingefangen bekommen, wenn es eine neue Form der Sozialstaatlichkeit gibt.

 

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März 14th, 2017 at 4:12 pm

TAZ| Im Weltbürgerkrieg /Was deutsch ist und was nicht. Lorenz Jägers Abrechnung mit dem Philosophen Walter Benjamin

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VON MICHA BRUMLIK

Der deutsche Schriftsteller Walter Benjamin nahm sich 1940 auf der Flucht vor antisemitischer Verfolgung an der französisch-spanischen Grenze das Leben; er wurde gerade mal 48 Jahre alt. Seinen erst postum publizierten geschichtsphilosophischen Thesen vertraute er den Gedanken an, dass auch die Toten vor dem Feind nicht sicher seien; dieser Feind aber habe zu siegen nicht aufgehört. „Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten“ lautet der Titel einer neuen, einer weiteren Biografie dieses nach wie vor rätselhaften Autors.

Lorenz Jäger, der es jetzt unternommen hat, der ersten Biografie Werner Fulds aus dem Jahr 1979, der konzisen Darstellung Bernd Wittes in der Reihe der Bildmonografien aus dem Jahr 1985 sowie schließlich der mehr als tausend Seiten zählenden, unvollendet gebliebenen Werkgeschichte Jean-Michel Palmiers aus dem Jahr 2009 eine weitere Biografie an die Seite zu stellen, ist in geistesgeschicht­lichen Fragen bestens ausgewiesen.

Als Verfasser einer umstrittenen politischen Biografie Ador­nos, einer frühen Studie zur Geschichte des Hakenkreuzes im Weltbürgerkrieg sowie eines Buchs über die revolutionären Aktivitäten von Freimaurern ist ihm die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, des „Zeitalters der Extreme“ (E. Hobsbawm) bestens bekannt. Entsprechend fällt das von ihm gemalte Lebensbild Benjamins aus: das eines linken Kämpfers im Weltbürgerkrieg.

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März 11th, 2017 at 11:58 am

Micha Brumlik| Demokratischer Hemmschuh

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Doppelte Staatsbürgerschaft und türkischer Wahlkampf im Ausland: Doppelstaatler haben mehr Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen.

Die Ausfälle des türkischen Präsidenten Erdo ğ an gegen die Bundesrepublik lenken die Aufmerksamkeit auf eine Frage, die längst beantwortet schien: das Problem doppelter Staatsbürgerschaften. Als 1998 der hessische Ministerpräsident Koch seine Wahlkampagne mit einer Unterschriftenaktion gegen doppelte Staatsbürgerschaften aufrüstete, war es im weitesten Sinn „links“, dafür zu sein.

Das Motiv war und ist integrationspolitisch: Sollten doch Menschen nicht vor die schmerzhafte Alternative gestellt werden, bei Annahme eines neuen Lebensmittelpunkts entweder ihre alte Identität aufgeben zu müssen oder Bürger zweiter Klasse zu sein. Entsprechend hatte die rot-grüne Bundesregierung doppelte Staatsbürgerschaften gesetzlich zugelassen.

Neuerdings stellen jedoch philosophische Deuter der globalisierten Migration – etwa der Kanadier Joseph ­Carens – die Frage, ob nicht das Vererben der elterlichen Staatsbürgerschaft im Zielland der Migration unzeitgemäße feudale Züge trägt: Rechte und Privilegien werden ohne jede Leistung vererbt. Weltgesellschaftlich hat das zudem die Konsequenz, dass Doppelstaatler mehr Chancen auf Einflussnahme gesellschaftlicher Entwicklungen haben als „Einfachstaatler“.

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März 11th, 2017 at 11:55 am

TAZ| Neues Buch von Leonhard Horowski: Fragen eines denkenden Lesers

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von Micha Brumlik

„Das Europa der Könige“ ist heißer Anwärter auf den Preis der Leipziger Buchmesse. Es zeigt die Rolle von Mätressen an europäischen Höfen.

In einer Zeit, in der in den Demokratien wieder einmal, skeptisch betrachtet, Autokraten die Macht übernehmen sowie Protz und Glanz zu politischen Insignien werden, darf ein Buch über eine nur noch für die Klatschpresse interessante Situation, die Monarchie, mit gesteigertem Interesse rechnen.

Am Freitag erscheint ein Buch des Historikers Leonhard Horowski, das in jeder Hinsicht das Etikett eines „Prachtbandes“ verdient. Und das nicht nur deshalb, weil sein Werk, „Das Europa der Könige. Macht und Spiel an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts“, 1.200 Seiten unterhaltsamster Historie umfasst, sondern auch, weil der Band insgesamt 32 in bester Farbtreue gehaltene Bildtafeln enthält.

Diese können das, worum es geht, nämlich Pracht, aber auch Schönheit und Ernst einer Epoche besser verständlich machen als mancher Text. Nicht zuletzt unterhält dieser Band auch durch die in ihm reichhaltig verwerteten „Ego-Dokumente“: Memoiren oder Autobiografien.

Gemeinhin wird das Verfassen von Autobiografien als eine vor allem bürgerliche Verhaltensweise, als Ausdruck einer gesteigerten Empfindsamkeit von Männern und Frauen – beginnend mit Rousseau – angesehen. Horowski kann darauf verweisen, dass diese literarische Gattung eine Ausdrucksform adliger Kreise in sämtlichen europäischen Ländern gewesen ist. Die verwendeten Quellen selbst stellen dabei keineswegs nur als solche gewollte Selbstzeugnisse dar, sondern liegen auch in Form von Briefen, Tagebucheintragungen sowie kritischen Glossen vor.

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März 11th, 2017 at 11:53 am

Freiheit für Deniz!

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„Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“

(Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10.12.1948)


Für die Freiheit von Information, Meinung, Wort und Kunst. Gemeinsam für und mit Deniz Yücel und allen zur Zeit in der Türkei inhaftierten Kolleginnen und Kollegen.

Jaafar Abdul-Karim (Moderator DEUTSCHE WELLE)
Johanna Adorján (Journalistin SZ)
Doris Akrap (Journalistin taz.die tageszeitung)
Züli Aladag (Regisseur)
Barbara Albert (Regisseurin)
Christoph Amend (Chefredakteur ZEIT MAGAZIN)
Mohamed Amjahid (Journalist ZEIT MAGAZIN)
Antilopen Gang (Musiker)
Janina Audick (Bühnenbildnerin)
Dominique Auerbacher (Künstlerin)
Tomas Avenarius (Journalist SZ)
Imran Ayata (Schriftsteller)
Fatma Aydemir (Journalistin taz.die tageszeitung)
Gökalp Babayigit (Journalist SZ)
María Cecilia Barbetta (Schriftstellerin)
Sascha Batthyany (Journalist)
Jasna Fritzi Bauer (Schauspielerin)
David Baum (Editor-at-large GQ)
Zoë Beck (Schriftstellerin)
Wolfgang Becker (Regisseur)
Bernd Begemann (Musiker)
Bibiana Beglau (Schauspielerin)
Sibylle Berg (Schriftstellerin)
Edward Berger (Regisseur)
Miraz Bezar (Filmemacher)
Annette Bhagwati (Kunsthistorikerin)
Arne Birkenstock (Dokumentarfilmregisseur)
Michael Bitala (Journalist SZ)
Jörg Bochow (leitender Dramaturg)
Andrea Böhm (Journalistin DIE ZEIT)
Daniel-Dylan Böhmer (Journalist DIE WELT)
Jan Böhmermann (Komiker)
Swen Bolho (Musiker)
Monika Bonvicini (Künstlerin)
Mathias Bothor (Fotograf)
Bettina Böttinger (Journalistin)
Michael Brake (Journalist taz.die tageszeitung)
Kristian Brakel (Politikwissenschaftler)
Matthias Brandt (Schauspieler)
Christina von Braun (Kulturwissenschaftlerin)
Luzia Braun (Journalistin)
Nikolaus Brender (Journalist)
Klaus Brinkbäumer (Chefredakteur DER SPIEGEL)
Dietrich Brüggemann (Regisseur)
Micha Brumlik (Publizist)
Silke Burmester (Journalistin)
Stephan-Andreas Casdorff (Chefredakteur DER TAGESSPIEGEL)
Maike Cruse (Direktorin Gallery Weekend)
Mehmet Daimagüler (Rechtsanwalt)
Pepe Danquart (Regisseur)
Chris Dercon (designierter Intendant)
Stephan Detjen (Journalist)
Giovanni di Lorenzo (Chefredakteur DIE ZEIT)
Jörg Diehl (Chefreporter SPIEGEL ONLINE)
Georg Diez (Journalist)
Annette Dittert (Journalistin)
Anke Domscheit-Berg (Publizistin)
Thea Dorn (Schriftstellerin)
Doris Dörrie (Regisseurin)
Tanja Dückers (Schriftstellerin
Publizistin)
Cordelia Dvorák (Regisseurin)
Alice Dwyer (Schauspielerin)
Julia Eckert (Sozialanthropologin)
Edition Nautilus
Lars Eidinger (Schauspieler)
Carolin Emcke (Publizistin)
Julia Encke (Journalistin FAS)
Theresia Enzensberger (Herausgeberin BLOCK Magazin)
Isabelle Faust (Musikerin)
Jan Feddersen (Redakteur taz.die tageszeitung
Publizist)
Arne Feldhusen (Regisseur)
Leo Fischer (Satiriker)
Jürgen Flimm (Intendant Staatsoper Unter den Linden)
Thomas Fricke (Kolumnist)
Jens Friebe (Musiker)
Johannes Friedmann (Mitherausgeber SZ)

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TAZ| Ein Minimum an Distanz

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Aus einer „Studienstelle Israel“ soll eine Professur werden. Dann passiert – nichts. Die Universität Mainz verspielt ihren guten Ruf.

KOLUMNE VON MICHA BRUMLIK

Man muss kein Freund der verbrecherisch dummen Siedlungspolitik israelischer Regierungen sein, um einen jetzt bekannt werdenden Vorgang an der Universität Mainz befremdlich zu finden. An dieser Bildungsinstitution sollte anlässlich von fünfzig Jahren deutsch-israelischer Beziehungen eine schon seit Längerem bestehende „Studienstelle Israel“ in eine ordentliche Professur umgewandelt werden.

Die Studienstelle war bei den Politikwissenschaften angesiedelt und wurde bis zu dessen Pensionierung von dem bestens ausgewiesenen Oberstudienrat Alfred Wittstock geführt. Die neue Professur wurde ans Institut für Soziologie verlegt; sie sollte der „Soziologie der Ethnizität und Migration mit dem Schwerpunkt ­­Israel/Naher Osten“ gewidmet sein. Im Juli wurde die Stelle öffentlich ausgeschrieben:

„Die Professur forscht und lehrt im Bereich der Ethnizitäts- und Migrationssoziologie mit dem regionalen Schwer­punkt der Gegenwartsgesellschaften Israels und seiner Nachbarn. Von den Bewerberinnen und Bewerbern wer­den neben profunden theoretischen und methodischen Kompetenzen empirische Kenntnisse der kulturellen Viel­falt, der politischen Konflikte und der Migrationsbewegungen in dieser Region erwartet. Erwünscht ist zudem ein Forschungsinteresse an den jüngeren Zuwanderungen aus dem Nahen Osten nach Europa.“

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Februar 7th, 2017 at 4:36 pm

Mitbestimmung| MICHA BRUMLIK ÜBER DIE NEUE RECHTE

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Interview Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik über die Think Tanks der Neuen Rechten, den Aufstieg von AfD und Pegida, und wie die Linke dagegen ihre Themen behaupten kann.

Herr Brumlik, Sie haben sich ausgiebig mit der Ideologie der Neuen Rechten befasst, insbesondere mit der identitären Bewegung, die glaubt, jede Ethnie habe ein Lebensrecht, aber eben nur in dem Raum, der ihr zusteht. Wer sich zu seiner regionalen, nationalen und kulturellen Herkunft bekennt, lebt dieser Ideologie zufolge identitär. Warum befassen Sie sich mit diesen Theorien?

Durch die Wahlerfolge der AfD ist die Neue Rechte politisch eine ernst zu nehmende Auseinandersetzung wert. Es gibt einen Think Tank, der hinter diesen ideologischen Erfolgen der AfD steht, der aus sich aus rechtsintellektuell eingestellten Personen und Institutionen zusammensetzt, die auf die politische Meinungsbildung gezielt Einfluss nehmen wollen.

Wer sind diese Leute?

Dazu zähle ich die rechtsreformistische Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und die Publikationen des „Instituts für Staatspolitik“, eine private Einrichtung, die sich als Aktionsplattform für neurechte Bildungsarbeit darstellt. Dazu gehört auch die „Blaue Narzisse“, eine Jugendzeitschrift aus Chemnitz, die seit 2004 erscheint und Leute wie Götz Kubitschek um die Zeitschrift „Sezession“. Nicht zu vergessen Jürgen Elsässer, der bis 2008 für erklärtermaßen linke Medien wie Neues Deutschland oder Junge Welt tätig war und heute das rechtspopulistische Magazin „Compact“ herausgibt.

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Deutschlandfunk| Glaube und Zweifel im Judentum – Wo war Gott in Auschwitz?

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Holocaust-Überlebende berichten oft: Seit Auschwitz können wir nicht mehr religiös sein. Wer die Nazi-Verbrechen miterlebt hat, kann nicht mehr an einen allmächtigen, gütigen Gott glauben. Warum hat Gott bei den Massenverbrechen zugeschaut? Wo war Jahwe während der Shoah? Diese Frage rüttelt am jüdischen Gottesbild.

Von Jens Rosbach

Rabbiner Zsolt Balla tut alles, um das spirituelle Leben seiner jüdischen Gemeinde in Leipzig zu fördern. So greift der Seelsorger oft selbst zur Gitarre, um Psalmen zu singen. Doch fragen ihn die Mitglieder nach der Shoah, weiß Balla oft nicht weiter.

„Die typische Frage ist: Wenn es einen allmächtigen und guten Gott in der Welt gibt, wie konnte er so etwas zulassen?“

Balla, der aus Ungarn stammt und sich in Berlin zum orthodoxen Rabbiner ausbilden ließ, räumt ein: Es bleibe ein Mysterium, wo Gott während des NS-Massenmordes war.

Orthodoxe: Gott ist allmächtig

„Wir können nur kleine Pixel sehen von einem Billiarden-Megapixel-Bild. Wir können nur ein sehr kleines Segment sehen. Wir denken, dass Gott, er hat die Möglichkeit das ganze Bild zu sehen.“

Für den Seelsorger geht es letztlich nicht um logisches Verstehen, sondern um festgelegte Glaubensgrundsätze: Das orthodoxe Judentum habe sich nach den 13 Axiomen zu richten, die der jüdische Rechtsgelehrte Mosche Ben Maimon im 12. Jahrhundert aufgestellt hat. Maimon, genannt Maimonides, habe Gottes Allmacht gepredigt; dies dürfe nicht angezweifelt werden – auch nicht angesichts der Verbrechen an seinem Volk.

„Gott ist allmächtig. Wir können das nicht infrage stellen. In der Sekunde, in der man das infrage stellt, bedeutet das, dass man nicht mehr im Rahmen von Orthodoxie ist.“

Liberale: Gott ist teilweise ohnmächtig

Ortswechsel, Berlin-Mitte, ein Mietshaus mit schwerem Eisentor. Durch einen Hinterhof geht es ins „Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg“. Hier forscht und lehrt der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik. Der liberale Jude, der als Kind jüdischer Flüchtlinge geboren wurde, hat ein anderes Gottesbild als der orthodoxe Rabbiner Zsolt Balla. Brumlik macht durchaus Abstriche, was die Allmacht Gottes betrifft.

„Das mich überzeugendste Erklärungsmuster ist das des Philosophen Hans Jonas, der eine wichtige Schrift verfasst hat über den Gottesbegriff  nach Auschwitz, in der er sagt: Wenn man intellektuell redlich sein will, dann muss man von den klassischen Prädikaten Gottes Allgüte, Allwissen und Allmacht die dritte Eigenschaft streichen.“

Doch wenn der „Herrscher der Welt“ teilweise ohnmächtig ist – kann man ihn dann noch als Gott bezeichnen?

„Doch, das kann man schon denken. Gott ist die Weisung, der Wegweiser, die Stimme vom Sinai, die uns verpflichtet. Aber nicht jemand, der von jenseits des Weltalls beliebig in die menschlichen Dinge reinfunken kann.“

Rabbi Rubenstein: Gott ist tot

Der Professor weiß, dass Jonas‘ Ansatz Fragen aufwirft. Etwa, ob Gott jemals allmächtig gewesen ist.

„Was natürlich im Widerspruch zu den Befreiungsgeschichten der Kinder Israel aus Ägypten steht. Weil da ist es ja Gott, der mit starker Hand und ausgestrecktem Arm Israel aus der Sklaverei in die Freiheit geführt hat. Das konnte nur ein allmächtiger Gott.“

Wo war Gott, als sechs Millionen Juden vernichtet wurden? Eine Frage, die die jüdische Theologie seit Jahrzehnten beschäftigt. Den Auftakt machte 1966 der US-amerikanische Rabbiner Richard Rubenstein. Mit seinem Buch „Nach Auschwitz“ rüttelte er die religiöse Fachwelt auf.

„Im Grunde lässt sich seine Position in drei Worten zusammenfassen: Gott ist tot.“

Berichtet der Historiker und Germanist Christoph Münz. Nach Angaben des hessischen Publizisten argumentierte Rubenstein damals radikal:

„Erstens: Gott kann es unmöglich erlaubt haben, dass der Holocaust geschehen ist. Zweitens: Der Holocaust ist aber geschehen. Und deshalb, drittens, existiert Gott – so wie es in der jüdischen Tradition gedacht ist – nicht.“

KZ-Überlebender Fackenheim: Gott ist trotzdem

Heftige, innerjüdische Debatten folgten. Eine viel beachtete, gegensätzliche These stammt vom jüdischen Philosophen Eliezer Berkovits. Der Rabbiner war 1939 aus Nazi-Deutschland geflüchtet und lebte viele Jahre in den USA.

„Berkovits sagt, dass Gott im Holocaust sein Angesicht verborgen hat. Und er tut dies, um den Menschen und der Schöpfung Raum für Freiheit zu geben – dass das Gute und das Böse gleichermaßen stark werden können.“

Christoph Münz, der seine Dissertation über die Theologie nach Auschwitz geschrieben hat, analysiert: Einige Rabbiner argumentieren nicht rein religiös, wenn es um die sogenannte Theodizee-Frage geht, um die Frage nach Gottes Rolle bei all dem Übel in der Welt. So habe der liberale Gelehrte Emil Fackenheim, ein KZ-Überlebender, eine historisch begründete These aufgestellt. Fackenheim meint, dass in der Nazi-Zeit Gottes Ruf hörbar wurde: nämlich sein Gebot, trotzdem weiter zu glauben.

„Die Begründung ist: Wenn Du anfängst, an Gott zu zweifeln, dann tust Du Hitlers Job. Genau das wollte er erreichen: dass wir Juden, unser Erbe, unsere Tradition, unsere religiöse Identität aufgeben.“

Emil Fackenheim fügte den 613 jüdischen Geboten ein weiteres hinzu: Man dürfe den Nationalsozialismus nicht im Nachhinein siegen lassen. Seitdem beachten viele Juden weltweit Fackenheims 614. „Gebot“. Christoph Münz:

„In gewisser Weise öffnet er eine Tür, durch die sowohl religiöse wie säkulare Juden gehen können und sozusagen auf ihre Weise dieses ‚Trotz-Alledem‘ interpretieren können.“

Gott als Strafender, Missbrauchender

Allerdings wurden in den vergangenen Jahrzehnten auch einige theologische Erklärungen wieder verworfen. So argumentierte man lange Zeit im orthodoxen Judentum, Gott habe die NS-Vernichtungsmaschinerie zugelassen als Strafe für die Sünden seines Volkes. Etwa für die vermeintliche „Sünde“, dass immer mehr Juden seit der Aufklärung rational denken und nicht mehr fromm sind. Doch heute sprechen viele Orthodoxe, wie der Leipziger Rabbiner Zsolt Balla, nicht mehr vom Holocaust als „göttliche Strafe“.

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Written by lbucklitsch

Januar 26th, 2017 at 8:24 pm

Deutschlandradio| Jüdischer Glaube und die Shoa – Wo war Gott in Auschwitz?

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Von Jens Rosbach

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Das Gedenken an den Holocaust dreht sich meist um die Frage, wie der Mord an sechs Millionen Juden möglich war. Gott spielt dabei zunächst keine Rolle. Unser Autor Jens Rosbach hat sich damit beschäftigt und den Einfluss der Shoah auf den jüdischen Glauben beleuchtet.

Holocaust-Überlebende berichten oft: Seit Auschwitz können wir nicht mehr religiös sein. Wer die unvorstellbaren Nazi-Verbrechen miterlebt hat, der kann einfach nicht mehr an einen allmächtigen, gütigen Gott glauben.

„Für uns Opfer war alles deutsch: Das Zyklongas war deutsch, die die Krematorien bauten, waren deutsch,. Die Befehle wurden auf Deutsch gegeben. Bis zum Ende der Zeiten wird Auschwitz Teil Ihrer Geschichte sein, so wie es Teil der meinigen sein wird.“

Im Bundestag steht ein grauhaariger Mann am Rednerpult. Er hat tiefe Furchen im Gesicht, und seine linke Hand spielt unruhig mit einer Büroklammer: Elie Wiesel, 83 Jahre alt, Shoah-Überlebender. Der amerikanische Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger spricht, am Holocaust-Gedenktag im Jahr 2000, nicht nur die Frage nach der deutschen Schuld an. Sondern noch eine andere – nicht minder brisante – Frage: Ob auch Gott Schuld habe am Massenmord an den Juden.

„Nicht einmal Gott, den Gott Israels, schien es zu rühren. Mehr noch als das Schweigen der andern war Gottes Schweigen ein Geheimnis, das vielen von uns rätselhaft bleibt und uns bedrückt bis auf den heutigen Tag. Doch dies ist ein Thema, das wir am heftigsten diskutieren, wenn wir unter uns sind.“

„Ich habe mehreren Erhängungen beigewohnt. Nie habe ich einen der Verurteilten weinen sehen, denn ihre ausgemergelten Körper hatten seit langem den bitteren Trost der Tränen vergessen. Mit Ausnahme einer Vollstreckung.“

Hat Gott im Holocaust sein Angesicht verborgen?

In seinem autobiografischen Buch „Die Nacht“ äußert sich der ehemalige KZ-Häftling Elie Wiesel noch klarer, noch radikaler über Gott. In der Schlüssel-Szene kommen drei Lager-Insassen an den Galgen, darunter ein Kind. Alle anderen Inhaftierten werden gezwungen zuzuschauen.

„Wo ist Gott, wo ist er?“ fragte jemand hinter mir… Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr. Aber der dritte Strick hing nicht leblos, der leichte Knabe lebte noch. Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: „Wo ist Gott?“ Und ich hörte eine Stimme in mir antworten:

„Wo er ist? Dort hängt er, am Galgen…“

Für viele Zeitzeugen, die Angst, Hunger, Folter und Vergasungen miterlebt haben, ist klar: Gott ist in Auschwitz gestorben. Ein Fazit, dass auch – teilweise – die jüdische Theologie gezogen hat. Den Auftakt machte 1966 der US-amerikanische Rabbiner Richard Rubenstein. Mit seinem Buch „After Auschwitz“ provozierte er die religiöse Fachwelt.

„Im Grunde lässt sich seine Position in drei Worten zusammenfassen: Gott ist tot.“

Berichtet der Historiker und Germanist Christoph Münz. Nach Angaben des hessischen Publizisten argumentierte Rubenstein damals mit strenger Logik:

„Erstens: Gott kann es unmöglich erlaubt haben, dass der Holocaust geschehen ist. Zweitens: Der Holocaust ist aber geschehen. Und deshalb, drittens, existiert Gott – so wie es in der jüdischen Tradition gedacht ist – nicht.“

Es folgten heftige innerjüdische Debatten. Eine viel beachtete, gegensätzliche These stammt vom jüdischen Philosophen Eliezer Berkovits. Der Rabbiner war 1939 aus Nazi-Deutschland geflüchtet und lebte viele Jahre in den USA.

„Berkovits sagt, dass Gott im Holocaust sein Angesicht verborgen hat. Und er tut dies, um den Menschen und der Schöpfung Raum für Freiheit zu geben – dass das Gute und das Böse gleichermaßen stark werden können.“

Ein anderer Vertreter der angelsächsischen „Holocaust-Theologie“ versuchte, den Widerspruch zwischen Gottes Allmacht und der Shoah dialektisch zu lösen: der orthodoxe Rabbiner Irving Greenberg.

„Er sagt: Die klassische Gegenüberstellung von Glaube-Nichtglaube, religiös und säkular, kommt der Komplexität des Holocaust nicht nahe genug. ‚Wir müssen wahrnehmen‘, ich zitiere ihn, „dass es Zeiten gibt, in denen der Glaube bewältigt wird. Wir müssen nun von Augeblicken des Glaubens sprechen. Augenblicken, in denen der Erlöser und die Vision des Erlösers gegenwärtig sind, unterbrochen von Zeiten, in denen die Flammen und der Rauch der verbrennenden Kinder den Glauben auslöschen. Wenngleich er immer wieder auffachen wird.“

„Keine Endlösungen mehr“

Greenberg lässt viele Interpretationen zu, er wendet sich gegen jegliche Endgültigkeit religiöser Deutungen und bilanziert:

„Nach dem Holocaust sollte es keine Endlösungen mehr geben. Nicht einmal mehr theologische.“

Berlin-Mitte, gegenüber der evangelischen Sophienkirche. Ein Mietshaus mit schwerem Eisentor und großem Hinterhof – Sitz des Zentrums jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Hier arbeitet der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik. Der liberale Jude, der als Kind jüdischer Flüchtlinge geboren wurde, glaubt – trotz der Shoah – an Gott. Aber er macht Abstriche.

„Das mich überzeugendste Erklärungsmuster ist das des Philosophen Hans Jonas, der eine wichtige Schrift verfasst hat über den Gottesbegriff  nach Auschwitz, in der er sagt: Wenn man intellektuell redlich sein will, dann muss man von den klassischen Prädikaten Gottes Allgüte, Allwissen und Allmacht die dritte Eigenschaft streichen.“

Gott ohne Allmacht – kann man dann überhaupt noch von Gott sprechen, wenn er teilweise ohnmächtig ist?

„Doch, das kann man schon denken. Gott ist die Weisung, der Wegweiser, die Stimme vom Sinai, die uns verpflichtet. Aber nicht jemand, der von jenseits des Weltalls beliebig in die menschlichen Dinge reinfunken kann.“

Der Professor weiß, dass Jonas‘ Ansatz widersprüchlich ist. So müsse man etwa die Frage stellen, ob Gott jemals allmächtig gewesen sei.

„Was natürlich im Widerspruch zu den Befreiungsgeschichten der Kinder Israel aus Ägypten steht. Weil da ist es ja Gott, der mit starker Hand und ausgestrecktem Arm Israel aus der Sklaverei in die Freiheit geführt hat. Das konnte nur ein allmächtiger Gott.“

Keine Abstriche am Gottesbild

Für viele Juden kommt es jedoch nicht infrage, am Gottesbild Abstriche zu machen; vor allem orthodoxe Juden schütteln entsetzt den Kopf. Rabbiner Zsolt Balla etwa, der aus Ungarn stammt und heute in Leipzig arbeitet, kann sich einen ohnmächtigen Gott nicht vorstellen.

„Dieser Gedanke kann mit orthodoxem Judentum nicht zusammengehen. Unsere Axiomen sind die 13 Axiomen von Glaube, die Rabbi Mosche Ben Maimon im 12. Jahrhundert formuliert hat. Diese Axiomen sagen sehr sehr klar: Gott ist allmächtig. Wir können das nicht infrage stellen. In der Sekunde, in der man das infrage stellt, bedeutet das, dass man nicht mehr im Rahmen von Orthodoxie ist.“

Allerdings musste das orthodoxe Judentum auch schon Positionen revidieren beim Thema Shoah. So wurde jahrelang argumentiert, dass Gott die NS-Vernichtung zugelassen habe als Strafe für die eigenen Sünden. Etwa für die „Sünde“, dass immer mehr Juden seit der Aufklärung nur noch rational denkem und nicht mehr fromm sind. Rabbiner Balla hält nichts vom „Holocaust als göttliche Strafe“, er hält es lieber mit Berkovits‘ These, dass Gott sein Antlitz zeitweise verborgen hat.

„Wenn wir sagen: Es gibt eine Ursache und eine Wirkung, dann haben wir die Arroganz zu sagen: Ich weiß warum welche Sache in der Welt passiert. Nur Gott weiß das. Es gibt etwas, aber es ist nicht in unserer Hand – und deshalb für bestimmte Zwecke, für bestimmt Gründe, muss Gott sein Gesicht in bestimmten Generationen verbergen. Warum ist das so? Wir wissen es nicht.“

Die jüdische Theologie nach Auschwitz ist das Dissertations-Thema des Historikers und Germanisten Christoph Münz. Bei seinen Recherchen ist ihm aufgefallen, dass die Rabbiner nicht nur religiös argumentieren, wenn es um die sogenannte Theodizee-Frage geht, also um die Frage nach Gottes Rolle bei all dem Übel in der Welt. So habe der liberale Rabbiner Emil Fackenheim, ein KZ-Überlebender, eine historisch begründete These aufgestellt. Fackenheim meint, dass in der Nazi-Zeit Gottes Ruf hörbar wurde: nämlich sein Gebot, trotzdem weiter zu glauben.

„Die Begründung ist: Wenn Du anfängst, an Gott zu zweifeln, dann tust Du Hitlers Job, genau das wollte er erreichen: Dass wir Juden, unser Erbe, unsere Tradition, unsere religiöse Identität aufgeben.“

Andere Experten argumentieren psychoanalytisch – wie David Blumenthal, ein US-amerikanischer Professor für jüdische Studien. Blumenthal ging in den 90er Jahren mit einer noch skandalträchtigeren These als Gott-ist-tot an die Öffentlichkeit: Gott habe sein eigenes Volk missbraucht, als er den Holocaust zuließ – lautet Blumenthals Anklage. In therapeutischen Kreisen stieß seine These auch auf Zustimmung.

„Wo war Gott in jenen Tagen?“

„Aber im religiösen Bereich, ist er für diese Position heftig kritisiert worden – in dem Sinne, als dass er ja nun mit diesem Bild Gottes als einen Vater, der sein Kind missbraucht, gänzlich die jüdische Tradition verlassen würde. Und eine völlige Neudeutung betreibt, die so nicht mitgetragen werden kann.“

Es gibt weiteren Streit. Denn viele Theologen kommen auf Israel zu sprechen, wenn sie nach Gott im Genozid suchen. So postuliert der orthodoxe Rabbiner Irving Greenberg, dass die Gründung des jüdischen Staates – nach 2000 Jahren Diaspora – Grund genug sei, weiterhin an Gott zu glauben. Experte Christoph Münz warnt allerdings vor der Verknüpfung von Holocaust, Religion und Israel: Im jüdischen Staat begründeten heute rechte wie linke Kreise ihre Ziele ständig mit der Shoah.

„Was eben dann zu der Kritik führt, dass hier die Erinnerung an den Holocaust zunehmend politisch instrumentalisiert wird – und sich verselbständigt.“

Ist Gott tot? Oder hat er sich während der Shoah nur abgewendet? Fragen, die auch die christliche Kirche beschäftigen.

Benedikt XVI

„An diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte, zu sprechen, ist fast unmöglich – ist besonders schwer und bedrückend für einen Christen, einen Papst, der aus Deutschland kommt.“

So Benedikt XVI, 2006, bei seinem Besuch der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.

Benedikt XVI

„Immer wieder ist da die Frage: Wo war Gott in jenen Tagen? Warum hat er geschwiegen?“

Der Shoah-Überlebende und Schriftsteller Elie Wiesel, der im vergangenen Sommer gestorben ist, spitzte die Frage der Christen folgendermaßen zu:

„Der nachdenkliche Christ weiß, dass in Auschwitz nicht das jüdische Volk, sondern das Christentum gestorben ist.“

Der Hintergrund: Die christliche Theologie war mitschuldig an den Nazi-Verbrechen. So sieht der jüdische Publizist Günther Bernd Ginzel, der sich für eine christlich-jüdische Verständigung einsetzt, die deutsche Kirchenlehre kritisch.

„Ohne diese Theologie hätte es den nationalsozialistischen Antisemitismus in diesem Vernichtungswillen nicht gegeben. Die Nazis haben sich in ihrer Propaganda auf praktisch sämtliche Kirchenväter und Luther berufen können. Ihr Argument war – die Kirche sagt das seit anderthalb Jahrtausenden – „Die Juden sind das Unglück. Die Juden haben Gott gemordet.“ Sie sind eine Gefahr. Und wir setzen nur in die Tat um, was seit langem kirchlicherseits gefordert wird.“

Nach 1945 haben sich die christlichen Kirchen allerdings der eigenen Schuld gestellt – räumen selbst jüdische Fachleute ein – wie der Berliner Professor Micha Brumlik.

„Ich sehe es so, dass durch den Holocaust und durch die kritische Selbstreflexion der Kirchen die Nähe zum Judentum im christlichen Glauben wieder sehr viel stärker geworden ist.“

„Alle diese Holocaust-Theologen reflektieren natürlich: Und was heißt das jetzt, können wir noch mit Christen zusammen leben, können wir noch mit ihnen in den Dialog treten, wie sollen wir uns ihnen gegenüber verhalten?“

Ist die Reue der Christen oberflächlich?

Berichtet der hessische Publizist Christoph Münz. Dabei schränkt er ein, dass es auch viele Juden gäbe, die die Reue der Christen als oberflächlich empfinden und die Kirchen als – nach wie vor – überheblich gegenüber den Juden. Der Philosoph Eliezer Berkovits gehöre zu diesen Skeptikern.

„Während das Gros dafür plädiert, dass man natürlich in die Verständigung mit den christlichen Theologen gehen muss, gehört Berkovitz zu denen, der dieses Elie-Wiesel-Zitat sehr wörtlich nimmt. Er sagt: Das einzige, was wir uns heute noch von Christen und Christentum wünschen ist, dass sie von uns und unseren Kindern ihre Hände lassen! Er setzt wirklich den radikalen Schnitt und sagt: Wir wollen mit Christen und Christentum nichts mehr zu tun haben.“

Allerdings: Die jahrzehntelangen theologischen Dispute sind zumeist unter Rabbinern und Intellektuellen geführt worden; und die scharfen Debatten haben dem jüdischen Gott nichts anhaben können. Wenn heute der Anteil gläubiger Juden geringer sei als früher, resümiert Münz, liege dies am allgemeinen Säkularisierungs-Trend und nicht an der Shoah.

„Das macht deutlich, dass im Mainstream, im Großen und Ganzen sozusagen, der Holocaust offenbar keine zentrale Rolle spielt in einer Revidierung oder Veränderung der persönlichen Glaubenseinstellungen. Das Gottesbild ist selber mehr oder weniger intakt geblieben.“

Und das typische Gottesbild ist mystisch, widersprüchlich, unfassbar. So gesteht der orthodoxe Rabbiner Zsolt Balla, dass auch er keine Antwort habe auf die Frage, wo Gott war, als sechs Millionen Juden vernichtet wurden.

„Wir können nur kleine Pixel sehen von einem Billiarden-Megapixel-Bild. Wir können nur ein sehr kleines Segment sehen. Wir denken, dass Gott, er hat die Möglichkeit, das ganze Bild zu sehen.“

Quelle: Deutschlandradio Kultur

Written by lbucklitsch

Januar 20th, 2017 at 8:39 pm

JA| Unter Intellektuellen

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Das »Cicero«-Ranking der 500 wichtigsten deutschsprachigen Denker aus jüdischer Sicht

von Michael WuligerMichael Wuliger

Was haben Maxim Biller, Henryk M. Broder, Micha Brumlik, Dan Diner, Salomon Korn, Eva und Robert Menasse sowie Michael Wolffsohn gemein? Sie alle sind jüdisch. Sie alle stehen auf der diesen Monat von der Zeitschrift »Cicero« veröffentlichten Liste der 500 wichtigsten deutschsprachigen Intellektuellen. Und nicht alle haben sie nur Gutes übereinander zu sagen.

Vorneweg natürlich Henryk M. Broder, der nicht nur im »Cicero«-Ranking den ersten jüdischen Rang mit Platz 14 belegt, sondern auch bei Zahl und Qualität der Invektiven eindeutig an der Spitze steht. Über Micha Brumlik (Platz 66) hat er schon mal geschrieben: »Kann sein, dass er nur ein politisch überkorrekter sprachloser Schwätzer ist«, um nur eine seiner harmloseren Schmähungen zu zitieren.

Den Schriftsteller Robert Menasse (Platz 215) titulierte Broder als einen »Wiener Caféhaus-Adabei, der in seinem ganzen Leben noch nie ein größeres Risiko eingegangen ist, als besoffen über den Naschmarkt zu torkeln«. Den renommierten Geschichtsprofessor Dan Diner (Platz 263) nannte er einen »Nachwuchshistoriker« – Diner ist Jahrgang 1946. Michael Wolffsohn (Platz 124) sei »der Beweis dafür, dass man aus Erfahrung dümmer werden kann«.

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Written by lbucklitsch

Januar 12th, 2017 at 3:05 pm

TAZ| Prophetische Rede

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US-Außenminister John Kerry hat nichts anderes verkündet als das absehbare Ende des jüdischen Staates. Ein solcher kann nur demokratisch sein.

Wer die Rede des scheidenden US-Außenministers John Kerry zum Israel-Palästina-Konflikt als verspätete politische Intervention deutet und sie deshalb kritisiert, der missversteht sie.

Diese Rede war ein Vermächtnis und gehört deshalb nicht dem Instrumentarium außenpolitischen Handwerks, sondern der Gattung prophetischer Rede an. Prophezeiungen aber sind etwas radikal anderes als mehr oder minder genaue Prognosen.

So warnte Homers Kassandra die Trojaner vor dem hölzernen Pferd der Griechen und sagte damit zugleich den Untergang Trojas voraus, so verurteilten die Propheten der hebräischen Bibel das gottlose Treiben der Könige Israels und Judas, um gelegentlich auch Trost zu spenden.

Prophezeiungen sind keine Prognosen, ihre Zeitangaben sind nicht exakt, auf Prophezeiungen würde man keine Wetten abschließen – gleichwohl ergehen sie meist dann, wenn ein Schicksal besiegelt ist.

Wohlmeinende, politisch aufgeschlossene Beobachter im heutigen Staat Israel haben Kerrys Rede zu Recht als eine im besten Sinne zionistische Rede gelesen, als eine Rede, die sich machtvoll gegen die Selbstaufhebung des Zionismus in der Besatzungsherrschaft über das Westjordanland wendet. Liest man seine Rede indes als Prophezeiung, so hat Kerry nichts anderes verkündet als das absehbare Ende des jüdischen Staates, der, wenn überhaupt, nur als demokratischer Staat existieren kann.

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Written by lbucklitsch

Januar 8th, 2017 at 11:59 am