Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

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Micha Brumlik – Rezension|Dana Kasperová: Erziehung und Bildung der jüdischen Kinder […] Theresienstadt

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CoverDana Kasperová: Erziehung und Bildung der jüdischen Kinder im Protektorat und im Ghetto Theresienstadt. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 200 Seiten. ISBN 978-3-7815-1955-8. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 31,50 sFr.

 

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Erziehung nach Theresienstadt

Das von Theodor W. Adorno erstmals so artikulierte Problem, ob und wie eine „Erziehung nach Auschwitz“ möglich sein soll, beschäftigt die deutsche Erziehungswissenschaft bis heute, ein Ende der Debatte ist nicht abzusehen. Hinter dieser Frage geriet in Vergessenheit, ob – und wenn ja wie – Handlungen, die diesen Namen auch nur annähernd verdienen, in – nicht nach – Auschwitz selbst überhaupt möglich waren. Eine Antwort auf diese Frage verbietet sich von selbst und lässt sich – wenn überhaupt – nur mit Blick auf solche Zonen und Regionen stellen, in denen jüdische und andere Kinder unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, sofern sie nicht sofort umgebracht wurden, jedenfalls eine zeitlang, unter repressiven Bedingungen „beschult“ wurden. Dies zu untersuchen, eignet sich beispielhaft das sog. „Vorzeigelager“ Theresienstadt, dessen Insassen einer zynischen Form der „Selbstverwaltung“ überlassen wurde.

Autorin und Aufbau

Dazu hat nun die tschechische Erziehungswissenschaftlerin Dana Kasperováeine ebenso gründliche wie kritische, historisch aber auch systematisch argumentierende Untersuchung vorgelegt. Kasperovás Buch ist in fünf größere Kapitel, ein Vorwort und eine Schlussbetrachtung gegliedert.

Inhalt

Zunächst befasst sich die Autorin grundsätzlich mit der antijüdischen Politik des Deutschen Reiches im „Protektorat Böhmen und Mähren“, um sich dann rückblickend der jüdischen Schülerschaft und dem jüdischen Schulwesen der Tschechoslowakei bis zum Münchner Abkommen bzw. den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs 1939-1941 zu widmen.

Das gelingt der Verfasserin in einer präzisen Darstellung, mit so bisher nicht bekannten Quellen und Statistiken.

Die beiden nächsten Abschnitte befassen sich dann ausschließlich, ebenso wohl dokumentiert, mit dem Ghetto Theresienstadt, der dort etablierten jüdischen „Selbstverwaltung“ und deren Erziehungswesen, worunter dann auch die heroischen Versuche einzelner Pädagoginnen fallen, den dort inhaftierten, immer wieder von Deportation bedrohten und später auch deportierten Kindern eine halbwegs gute Erziehung zu bieten. Janusz Korczak, das entnehmen wir dieser Studie, war nicht der einzige Pädagoge, der sich dieser hochherzigen Aufgabe widmete: In der durch Frau Kasperovás Studie wiederentdeckten Malerin Friedl Dicker-Brandeis begegnen wir einer Pädagogin, der es durch ihre mitgeteilte Begeisterung für die Kunst und ihre Praxis gelungen ist, manchem Kind Leben und Überleben zu sichern.

Kasperovás präzise Darstellung und Dokumentation in jeder Hinsicht paradoxer Erziehungsverhältnisse, von Erziehungsverhältnissen, die nichts anderes darstellen als Karikaturen dessen, was als „echte“ Erziehung gelten mag, schließt nicht nur eine Forschungslücke in der Geschichte des nationalsozialistisch besetzten Europa sondern eröffnet auch – wie oben angedeutet – der Debatte über die Möglichkeit einer „Erziehung nach Auschwitz“ eine neue Dimension.

In ihrer Schlussbetrachtung, in der es der Vf. um die Frage nach der Singularität der Shoah in ihrem Verhältnis zur Frage der Erziehung geht, versucht sie, unter Bezug auf Viktor Frankls Theorie des Kampfes um existenziellen Sinn, Chancen des Überlebens nachzugehen; die daraus folgende Konsequenz, daß halbwegs gelungene, dem Terror abgerungene Erziehungsverhältnisse dazu etwas beigetragen haben, liegt auf der Hand. Die Rolle des Zufalls beim Überleben gerät demnach so gut wie gar nicht in den Fokus der Autorin. Am Ende plädiertKasperová unter Bezug auf Hannah Arendt und Theodor W. Adorno unter der Überschrift „Die Erziehung nach Theresienstadt“ mit J.Pelikan für eine Erziehung zur verantwortlichen, weltoffenen, toleranten, kritisch und bürgerlich engagierten Persönlichkeit. Das sind kaum bestreitbare Forderungen; gleichwohl scheinen sie an dem, was Kasperová in anderen Abschnitten des Buches – etwa mit Bezug auf die in Theresienstadt wirkenden Erzieher, etwa Dicker-Brandeis – entwickelt hatte, eigentümlich vorbeizugehen.

So wichtig es ist, aus der Barbarei des Nationalsozialismus die Forderung nach einem „gesunden Selbst“ abzuleiten, „das imstande ist, die Beteiligung an potenziellen ähnlichen Tragödien abzulehnen“ (S. 183), so sehr ist doch darauf zu beharren, dass auch eine „Erziehung nach Theresienstadt“ sich in erster Linie dem Problem der Gefährdung auch des guten pädagogischen Willens zu stellen hat, eines „guten pädagogischen Willens“ der bei aller Ambivalenz und Verzweiflung eben doch auch Teil der nationalsozialistischen Lügen- und Täuschungsmaschinerie war – an dem mitzuwirken freilich bei Strafe des Lebens unabdingbar war.

Fazit

Das Buch eignet sich nicht nur als Basisinformation über die nationalsozialistische Judenverfolgung in der Tschechoslowakei, sonder vor allem als Aufklärung über die Grenzen und Möglichkeiten einer ermutigenden Erziehung – sogar unter unmenschlichen Bedingungen.


Rezensent
Prof. Dr. Micha Brumlik