Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Hannah Arendt’ tag

TAZ| Vor vierzig Jahren starb Hannah Arendt: Dichtung und Gegenwart

without comments

KOMMENTAR VON MICHA BRUMLIK

Vor vierzig Jahren, am 4. Dezember 1975, starb Hannah ­Arendt in New York. Sie, die das Schicksal von Staatenlosen und damit Flüchtlingen sowie die Brüchigkeit der Menschenrechte ebenso zu ihrem Thema gemacht hat wie die Frage nach einer Revolution, die ihren Namen wirklich verdient, gibt auch unseren aktuellen Debatten Stichworte und Argumente vor. Ja, ­Arendt ist derzeit in aller Munde, geradezu eine Zeitgenossin: Nicht nur ist ein erfolgreicher Spielfilm über sie gedreht worden, nein, auch der um seine Wiederwahl kämpfende ­baden-würt­tembergische Ministerpräsident Kretschmann zitiert sie gerne, mehr noch: Nachdem schon vor Jahren an der Technischen Universität Dresden ein „Hannah-­Arendt-Institut für Totalitarismusforschung“ etabliert worden ist, soll nun auch in Stuttgart ein zivilgesellschaftlich getragenes „Hannah-­Arendt-Institut für politische Gegenwartsfragen“ gegründet werden. Indes eignen sich weder Arendts Leben noch ihr politisches Denken – Philosophin wollte sie nicht sein – dazu, sie als Ikone, gleichsam als Schutzheilige für alles, was irgendwie progressiv erscheint, dem Streit zu entziehen.

Arendt weiterdenken

Vierzig Jahre nach Arendts Tod sind nun zwei Bücher erschienen, die das nachdrücklich untermauern. So hat die Autorin Alexandra Popp für alle, die sich erstmals mit Arendt befassen wollen, eine bestens lesbare, geradezu spannende Einführung verfasst. Ihr Buch „Hannah Arendt. Eine Denkbiografie“ informiert nicht nur verlässlich über die Grundzüge ihres Werks, sondern auch darüber, welche Einsichten sie den Erfahrungen ihres Lebens verdankt. Nicht zuletzt erörtert der Band, in welcher Richtung ­­Arendts Denken in der globalisierten Welt, die uns gegenwärtig durch die Flüchtlingskrise und den Terror des IS so nahe ist, wie nie zuvor, weiter zu entwickeln wäre.

Dass ­Arendt keine Heilige, sondern eine streitbare, oft auch irrende Intellektuelle gewesen ist, dürfte seit ihren Meinungen zur Rassentrennung in den Südstaaten wie zum Zionismus bekannt sein; dass Arendt sich auch der von ihr bewunderten Dichtkunst gewidmet hat, weniger. Soeben ist ein Bändchen unter dem Titel „Ich selbst, auch ich tanze. Die Gedichte“ erschienen, das die Germanistin Irmela von der Lühe mit einem luziden Nachwort versehen hat. Bekanntermaßen war die jüdische Studentin während ihres Studiums in Marburg in den Jahren 1924 bis 1926 die Geliebte des verheirateten Philosophen Martin Heidegger, eines Antisemiten, dessentwegen sie Marburg 1926 verließ. 1925 dichtete sie empfindsam: „Du fügest zusammen / wie nie unsere Hände/Wir glauben an Treue und fühlen die Wende / Wir können nicht sagen, wie sehr wir uns einen. / Wir können nur weinen.“

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Dezember 1st, 2015 at 4:09 pm