Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Juden’ tag

TAZ| Jüdische Kontingentflüchtlinge: Eine Rente, von der man leben kann

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Migranten aus Russland und Polen erhalten weniger Pension als deutschstämmige Spätaussiedler. Die Grünen wollen das ändern.

Die Grünen wollen jüdische Zuwanderer bei der Rente besserstellen. Am Dienstag stellte der Grünen-Abgeordnete Volker Beck gemeinsam mit dem Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland einen entsprechenden Gesetzentwurf vor.

Im Kern sieht dieser vor, die jüdischen Kontingentflüchtlinge aus Russland und Polen den deutschstämmigen Spätaussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion gleichzustellen. Die Bundesregierung entschied 1991, jüdische Einwanderung zu fördern, um Verantwortung für den Nationalsozialismus zu übernehmen. Daraufhin kamen bis 2006 rund 225.000 jüdische Migranten.

Die jüdischen Kontingentflüchtlinge erhalten derzeit niedrigere Renten, da für ihre Rente nur die Arbeitsjahre in Deutschland zählen. Laut Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, betrage der Unterschied bis zu mehrere hundert Euro. Bis zu 100.000 Menschen könnten betroffen sein.

Ein jüdischer Kontingentflüchtling, der 1995 nach Deutschland kam, würde etwa 550 Euro weniger Rente erhalten als ein Spätaussiedler, bei gleichem Durchschnittsverdienst und gleicher Lebensarbeitszeit. Die Betroffenen empfänden dies nicht nur als un­gerecht, sondern litten auch unter ihrem Status als Sozialleistungsempfänger, sagte Lehrer.

 

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Written by lbucklitsch

Juni 16th, 2017 at 3:33 pm

TAZ| VON DER GESCHICHTE DER JUDEN UND DER POLITIK IHRER AUSLEGUNG

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Die Schlachtfelder des Messianismus

Wer verstehen will, wie es möglich war, dass an der Spitze der juden- und israelfeindlichen Al-Quds-Demonstration in Berlin am 25. Juli zwei ultraorthodoxe jüdische Männer marschierten, kommt um einen genaueren Blick auf die Geschichte der Juden nicht umhin.

Heute, an diesem Dienstag, begehen fromme Juden in aller Welt den Trauertag Tischa be Aw, den neunten Tag des Monats Aw, der am gestrigen Montagabend nach Sonnenuntergang angefangen hat. Dieser Trauer- und Fastentag gilt einem Ereignis, das vor etwas weniger als zweitausend Jahren in der am östlichen Rand des Mittelmeers damals noch Judäa genannten römischen Provinz stattgefunden hat. Im Jahr 70 zerstörten die Legionen des kaiserlichen Feldherren Titus nicht nur Jerusalem, sondern auch dessen zentrales Heiligtum, den etwa sechshundert Jahre zuvor errichteten Tempel, der zur augustäischen Zeit von dem aus der Weihnachtsgeschichte bekannten Gewaltherrscher Herodes zu einem Prachtbau erweitert worden war.

Aufstand gegen Rom

Über diese Ereignisse sind wir von dem römisch-jüdischen Historiker Josephus, einem Zeitzeugen, bestens informiert: er hat in seinem Buch über den „Jüdischen Krieg“ genau nachgezeichnet, wie der „antiimperialistische“ Aufstand jüdischer Nationalisten gegen Rom schließlich ins Desaster führte. Einer der bekanntesten Schriftsteller der Weimarer Republik, Lion Feuchtwanger, hat diesem Geschehen übrigens eine bestens lesbare, spannende Romantrilogie gewidmet.

Die jüdische Überlieferung berichtet, dass die dem Tempeldienst skeptisch gegenüber stehenden Schriftgelehrten – aus den Evangelien als „Pharisäer“ bekannt – den nationalistischen Aufstand ablehnten und die Stadt noch während der römischen Belagerung verließen, um vom römischen Feldherrn eine Kleinstadt als Ort einer gelehrten Akademie zu erbitten. Die Bitte wurde erfüllt, das rabbinische Judentum geboren.

Bedeutsam ist zudem, dass schon während des Jüdischen Krieges die Mehrzahl der Juden gar nicht im Land Israel, sondern diasporisch an den Rändern des Mittelmeers lebte: von den griechischen Inseln bis weit nach Ägypten, nach Alexandria hinein. Zudem: in Babylon, im heutigen Irak, existierte seit Jahrhunderten unter persischer Herrschaft eine große jüdische Minderheit, die sich durch eine bedeutende Gelehrtenaristokratie auszeichnete.

Wie – und das war das politisch-theologische Problem, das diese Gelehrten in Babylonien und im Land Israel umtrieb – war die Zerstörung des jüdischen, keineswegs souveränen Staates durch die Römer zu deuten? Und vor allem: welche Konsequenzen waren aus diesem Ereignis zu ziehen? In der Tradition prophetischen Mahnens und Warnens deuteten die meisten den Untergang des judäischen Staates als Strafe Gottes.

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Written by lbucklitsch

August 5th, 2014 at 7:37 am

Micha Brumlik| »Wer die Welt gestalten will, muss Kompromisse machen«

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Micha Brumlik
Foto: Heinrich-Böll-Stiftung / Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0 (Ausschnitt)
Der Seniorprofessor für Jüdische Studien an der Humboldt-Universität Berlin Micha Brumlik. 2012.

Radikale Kritik der bestehenden Welt durchzieht das gesamte abendländische Denken. Doch Gnostizismus, erklärt Micha Brumlik im Interview mit FreieWelt.net, ist keine Basis für politisches Handeln.

FreieWelt.net: Was ist das eigentlich: Gnosis?

Micha Brumlik: In der Antike gab es eine Geistesströmung, die die Schöpfung im Ganzen abgelehnt hat. Dieser Typus des Denkens ist im Verlauf der letzten zweitausend Jahre immer wieder aufgetaucht. Zuletzt habe ich ihn in den achtziger Jahren in den sozialen Bewegungen beobachten können, wo dieses Denken zumindest bei einem Teil zu einer radikalen und fundamentalen Ablehnung der gesamten Zivilisation, jedenfalls aller menschlicher Lebenszusammenhänge in den westlichen Gesellschaften geführt hat.

FreieWelt.net: Ist diese Art zu denken eine Reaktion auf den Monotheismus?

Micha Brumlik: So ist es. Die spätantiken Gnostiker – spätestens seit Marcion, also um 130 christlicher Zeitrechnung – zeichneten sich dadurch aus, dass sie die Welt insgesamt für gefallen hielten, dass sie den Gott, der nach Ausweis der Bibel Himmel und Erde geschaffen hat, eher für einen bösen Dämon gehalten haben und sie an einen ganz und gar radikalen, in die weltlichen Belange in keiner Weise mehr eingreifenden Gott appelliert haben.

FreieWelt.net: Worin besteht die Attraktivität gnostischen Denkens – und worin die Abgründe?

Micha Brumlik: Vor allem in einer durch nichts zu überbietenden Radikalität, kurz einer Haltung, bei der sich jene, die ihr anhängen, dessen versichern können, immer und ohne jeden Selbstzweifel auf der richtigen Seite zu stehen. Daraus resultiert dann eine Freund-Feind-Haltung, die tendenziell tödlich und destruktiv sein kann.

FreieWelt.net: Soziale Bewegungen, die auch die gnostischen immer gewesen sind, hatten immer schon ein herrschaftskritisches Potenzial. Die Kirche hingegen, an die sich die Kritik richtete, hat immer Macht ausgeübt – und zugleich auch eine Kontrollfunktion über gewaltsame Ausbrüche, die von unten kamen. Wie sehen Sie dieses Wechselverhältnis zwischen Kontrolle und Emanzipation?

Micha Brumlik: In der mittelalterlichen Volksfrömmigkeit – auch im mönchischen Bereich – war etwa der Antijudaismus oftmals stark ausgeprägt. Die theologisch gebildeteren Bischöfe im Abendland haben dagegen seit dem 11. Jahrhundert häufig, keineswegs immer die Juden vor einem judenfeindlichen, auf Pogrome versessenen Mob geschützt. Schließlich waren die Juden für die katholische Kirche und ihre Lehre wichtige Zeugen des Heilsgeschehens. Jene Basisbewegungen, die im gnostischen Sinne eher judenfeindlich waren, unterschieden sich damit von den Herrschaftsstrukturen der Kirche, die solche militanten Basisbewegungen ohnehin mit Misstrauen betrachtet haben. Andererseits gab es historisch auch durchaus eine Nähe von gnostischen Bewegungen – etwa im südlichen Frankreich des Mittelalters –, wo tolerante Katharer und Juden beide unter dem Druck der katholischen Kirche zu leiden hatten und die Kirche gegen die Katharer einen mörderischen Krieg führte.

FreieWelt.net: Auch innerhalb der katholischen Kirche von heute gibt es eine Strömung, in der sich meines Erachtens gnostisches Gedankengut erkennen lässt: Da wird die »Macht« der Kirche vor einem idealisierten Hintergrund – Kirche, wie sie ursprünglich mal gewesen sein soll – aus kritisiert.

Micha Brumlik: Das Problem, auf das diese Kritik abhebt, gibt es aber tatsächlich. Man hat schon früh gesagt, dass nach Jesu Tod die Menschen die Erlösung und die Wiederkunft Jesu erwarteten, aber nur die Kirche bekommen haben. Das Christentum ist schließlich vor allem durch den Soldatenkaiser Konstantin zur Staatsreligion und damit zur Institution  Kirche geworden, also durch einen Mann, der seine engsten Angehörigen hat ermorden lassen. Man kann von daher nicht glauben, dass diese machtvolle, zweitausend Jahre alte Institution tatsächlich aus moralischen Motiven entstanden ist. Ob aber eine Kritik der katholischen Institutionen anhand moralischer-jesuanischer Kriterien schon gnostisch ist, möchte ich bezweifeln.

FreieWelt.net: Eine der gewalttätigsten Bewegungen war der Nationalsozialismus. Inwieweit war der geprägt von gnostischem Gedankengut?

Micha Brumlik: Zahlreiche nationalsozialistische Denker – das gilt für Martin Heidegger und seine »Schwarzen Hefte« über Hitlers »Mein Kampf« bis zu Vulgärschriftstellern wie Artur Dinter mit seiner »Deutschen Volkskirche« – schrieben alles, was an der Welt als kritikwürdig angesehen wurde – Rasse, Geldwirtschaft und so weiter – den Juden zu, die als Prinzip des Bösen angesehen wurden. So findet sich zum Beispiel bei Hitler die Formulierung »Indem ich mich desJuden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn«. Die Juden galten immer als Inbegriff von Weltlichkeit.

FreieWelt.net: Aber nicht alle Gnostiker und Judenfeinde waren Nazis …

Micha Brumlik: Keineswegs! Es gab aber auch Antisemiten, die sich zu einem militanten Katholizismus bekannt haben. Sie waren der Meinung, dass die Welt ohnehin des Teufels ist und dass die Juden das Prinzip der Verfallenheit verkörpern und deswegen kontrolliert und ausgerottet – oder wie bei Carl Schmitt heißt: »aufgehalten« – werden müssen.

Übrigens – und das hat mit Antisemitismus nicht das Geringste zu tun – lassen sich auch in bestimmten Ausdrucksweisen und Texten der frühen Frankfurter Schule gnostische Sätze finden, die eine Radikalkritik an der Welt zum Ausdruck bringen. In Adornos »Minima Moralia« heißt es: »Noch der Baum, der blüht, lügt.« Das ist der gnostischste Satz, den ich mir in der neueren anspruchsvollen philosophischen Literatur vorstellen kann. Mit solchen Haltungen hat er seinerzeit bei vielen jungen Intellektuellen einen vorhandenen Weltschmerz und Weltekel verstärkt.

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