Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

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Micha Brumlik: Fritz Bauer – Eine persönliche Erinnerung

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von Micha Brumlik

Fritz Bauer – Eine persönliche Erinnerung

Am Sonntag den 1. Juli hatte ich die Gelegenheit, in der Frankfurter Paulskirche der Gedenkfeier für Fritz Bauer beizuwohnen, der genau fünfzig Jahre früher, am 1. Juli des Jahres 1967 gestorben ist. Das war für mich, der ich von 2000-2005 die Ehre hatte, nach dem Gründungsdirektor Hanno Loewy, – er leitet jetzt das jüdische Museum in Hohenems – die Leitung dieses Instituts zur Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocaust zu übernehmen.

Im Jahr 2000 jedenfalls war mir an der Arbeit des nach Fritz Bauer benannten Instituts wichtig, dass wir die Finanzierung der Ausstellung über den Frankfurter Auschwitz-Prozess – sie vorzubereiten war eine sehr große Anstrengung und wurde 2004 eröffnet – bei der Stadt durchsetzen konnten. Das verdankten wir der damaligen Kuratorin Frau Irmtrud Wojak, die zu unterstützen ich mich bemüht habe. Ohne die Mitarbeit von Werner Renz, der sich wie kein anderer mit Leben und Werk Fritz Bauers befasst hatte, ohne die hohe logistische Kompetenz von Werner Lott und – last but not least – Manuela Ritzheim ware diese Ausstellung niemals zustande gekommen. Ansonsten hatten wir es bereits in den Jahren 2000 bis 2005 mit dem Aufkommen des islamistischen Judenhasses zu tun und ich erinnere mich, dass dazu als Institutsdirektor eine ganz Reihe öffentlicher Veranstaltungen ins Leben gerufen habe. Ansonsten haben wir natürlich auch immer Neuerscheinungen zur Shoa publiziert. Und rezensiert. Mir jedenfalls ging es damals vor allem darum, die Arbeit des Fritz Bauer Instituts zur Geschichte und Dokumentation des Holocausts und seiner Folgewirkungen in der Frankfurter Stadtöffentlichkeit zu präsentieren und zu diskutieren.

Der Frankfurter Auschwitzprozess, an den wir in unserer Institutsarbeit damals wieder und wieder erinnerten, war der erste Anstoß dafür, dass die Geschichte des nationalsozialistischen Judenmords über die entsprechenden Prozessberichte wenigstens in den Kreisen des Bildungsbürgertums prominent geworden ist. Das war noch nicht der massenhafte Durchbruch, der erst weitere 20 Jahre später mit der Ausstrahlung des von vielen als zu populär angesehenen Fernsehfilms ,Holocaust’ geschehen ist Bis dahin herrschte in der Bundesrepublik Deutschland das, was man als Verdrängung bezeichnen könnte. Das bricht allmählich in den 50er-Jahren, oftmals durch Zufall, auf. Aber es ist dann in der Tat der Energie und dem moralischen Bewusstsein Fritz Bauers zu verdanken, dass er daraus für die Bundesrepublik Deutschland eine zentrale Veranstaltung gemacht hat. Damals – ich hatte gerade das Abitur am Frankfurter Lessinggymnasium bestanden und bereitete mich auf meine Auswanderung nach Israel vor, schenkte ich diesem Tod überhaupt keine Aufmerksamkeit und das dem Umstand zum Trotz, das ich als Schüler bereits 1963 einige Stunden in dem von Fritz Bauer in Gang gebrachten Auschwitzprozeß verbracht hatte.

Beim anfangs erwähnten Besuch in meiner damaligen Heimatstadt, anlässlich der Gedenkfeier für Fritz Bauer – ich lebe seit Jahren in Berlin – gingen meine Gedanken weit zurück: was konnte, durfte und wollte ein jüdischer Junge im Westdeutschland der 1950er Jahre über Antisemitismus und Holocaust wissen?

Damals, 1967 – ich hatte gerade das Abitur am Frankfurter Lessinggymnasium bestanden und bereitete mich auf meine Auswanderung nach Israel vor – schenkte ich dem Tod von Fritz Bauer überhaupt keine Aufmerksamkeit und das dem Umstand zum Trotz, daß ich als Schüler schon 1963 einige Stunden in dem von ihm in Gang gebrachten Auschwitzprozeß verbracht hatte.

Allerdings: Mit dem NS und der Vergangenheit meiner Familie wurde ich schon relativ früh, im Alter von sieben oder acht Jahren, konfrontiert. Es waren Fotografien meiner Eltern aus jener Zeit, keine Bilder von Vernichtungslagern und dergleichen, wohl aber ein Bild von einem NSDAP-Parteitag, das mir in Erinnerung geblieben ist. Auch erinnere ich mich, dass meine Mutter gelegentlich geweint hat, wenn sie an ihre ermordeten Verwandten gedacht hat sowie : Jahre später äusserte sie, daß nach Deutschland zurückgekehrt zu sein für sie so gewesen sei, wie an offene Gräber zu treten.

Der schulische Geschichtsunterricht, den ich genossen habe, war weitestgehend korrekt, wenngleich es den Begriff Shoah  zu meiner Schulzeit noch nicht gab und daher jemand wie Fritz Bauer im Unterricht nie eine Rolle gespielt hat. Wir haben im Geschichtsunterricht durchaus über den Zweiten Weltkrieg geredet, aber kaum über die Judenverfolgung. Ich hatte eine ganze Reihe von Lehrern, die in der Wehrmacht gewesen sind und die uns jeden Montag ihre missglückte Lebensgeschichte ausgebreitet haben. Die haben meistens – die waren auch innerlich ziemlich kaputt – über das Wochenende zu viel getrunken und uns dann am Montag ihre Lebensgeschichten erzählt. Bei ihnen hatte ich nicht das Gefühl, dass mein Widerspruch etwas gebracht hätte. Aber bei diesem jüngeren Sozialkundelehrer habe ich öffentlich und laut protestiert.  Viele dieser Gespräche verliefen in einer selbstmitleidigen Art und Weise. Ich kann mich noch an unseren Mathematiklehrer erinnern, der mal gesagt hat: „Ich weiß noch, wie ich an der Front stand und gegenüber ein Russe und wie ich mit meinem Gewehr draufgehalten habe.“ Dann hat uns dieser Lehrer noch gebeichtet, in der NSDAP und in der SA gewesen zu sein.

Schließlich hatten wir noch einen jüngeren, sudetendeutschen Sozialkundelehrer, der mit großer Wut über die Vertreibung der Sudetendeutschen erzählte und im selben Atemzug die Unrechtsmäßigkeit der zionistischen Landnahme beklagte. Als Lichtblick mag freilich ein im weitesten Sinne der Bekennenden Kirche zugehöriger Deutschlehrer, Gerhard Venz, gelten, der uns relativ früh die Filme über das ‚Dritte Reich‘, etwa von Michail Romm oder Nacht und Nebel von Alain Resnais gezeigt hat. So war ich, ohne wirklich verstanden zu haben,  worum es geht, 1963/64 beim Frankfurter Ausschwitzprozess.  Mehr noch – als Redakteur der Verbandszeitschrift der zionistischen Jugendbewegung, der ich damals angehörte – interviewte ich gemeinsam mit meiner Genossin Cilly Kugelmann, sie war später die Programmdirektorin des Jüdischen Museums den damaligen Generalstaatsanwalt. Dazu nun einige Ausschnitte aus ihren Erinnerungen:

1964, in dem Jahr in dem wir das Gespräch mit Fritz Bauer führten, folgte Leonid Breschnew dem entmachteten Nikita Chruschtschow auf den Stuhl des Ministerpräsidenten der UdSSR, lehnte Jean-Paul Sartre den Nobelpreis für Literatur ab, wurde in Hofheim im Taunus der erste Bahai Tempel in Europa eröffnet, traten die Beatles, Bill Haley, Chuck Berry und Jimi Hendrix im Hamburger Star-Club auf. In den Kinos liefen Italo-Western und Louis de Funès-Filme, konkurrierte Winnetou II mit Lex Barker als Old Shatterhand und Pierre Brice in der Titelrolle mit James Bonds Goldfinger, moderierte der Entertainer Lou van Burg zum ersten Mal die Spielshow „Der goldene Schuß“. Im Sommer dieses Jahres befand ich mich auf einer Art Erkundungsmission zwecks späterer Auswanderung, einer Gruppenrundreise durch Israel, die von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland durchgeführt wurde. Auf der Rückreise, in Marseille, wo unser Schiff landete und Fahrt nach Frankfurt mit dem Zug fortgesetzt wurde, las ich in einer deutschen Zeitung einen kurzen Bericht über meinen Vater, der am 21. August als Zeuge im Auschwitzprozess aussagte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, dass er irgendetwas mit diesem Prozess zu tun hatte. Obwohl mich diese Zeitungsnotiz beunruhigte und sicher auch ein Hintergrundmotiv für das folgende Gespräch mit Fritz Bauer, war die Beschäftigung mit dem Prozess für mich auf merkwürdige Weise bald beendet….

Vermittelt hatte das Gespräch ein Gymnasiast aus der Schweiz, der offensichtlich mit dem Generalstaatsanwalt näher bekannt war. Das Gespräch mit Fritz Bauer erschien in der Oktober/ Novemberausgabe der „Meorot“, auf dem das Schwimmbad von Mazuba zu sehen ist, jenem Kibbuz, aus dem die Leiter der Zionistischen Jugendorganisation nach Deutschland kamen, um uns ein Leben an eben diesem Ort unweit der libanesischen Grenze schmackhaft zu machen. Die im Pennälerhumor gehaltene Bildunterschrift drückt die emotionale Botschaft der zionistischen Jugendbewegung aus, verrät aber nicht, dass sich in diesem Heft ein Text über eines der wichtigsten Kapitel der deutschen und jüdischen Nachkriegsgeschichte befindet, auch wenn die Fragen an Bauer mit der Bemerkung eingeleitet werden, dass es um einen Prozess geht der „zurzeit die ganze Welt bewegt“. Wir haben uns zweifellos als Reporter gefühlt, die im Stil bekannter politischer Magazine, das Gespräch mit verbindlichen Floskeln begannen und beendeten. Der gedruckten Zusammenfassung ist die Einschüchterung nicht anzumerken, die Fritz Bauer in seinem Büro in uns ausgelöst hat. Freundlich, aber auffällig distanziert und mit knorriger Stimme beantwortete er unsere Fragen und machte ohne Worte deutlich, dass er nicht die Absicht habe, uns viel Zeit zu widmen.

Wir haben in Fritz Bauer den Mann bewundert, dessen Hartnäckigkeit und Durchsetzungskraft es zu verdanken war, dass das Personal des Konzentrations- und Vernichtungslagers überhaupt zur Verantwortung gezogen werden konnte. Viel größer als unsere Achtung für den Staatsanwalt wird dagegen unsere Empörung über die zwei Jahrzehnte gewesen sein, die verstrichen sind, bis Anklage erhoben werden konnte, weshalb wir mit dem Nachdruck pubertierender Apodiktik gleich am Anfang nach dem Zeitpunkt des Prozesses gefragt haben. Ein weiteres Thema war die Verjährung nationalsozialistischer Verbrechen, was die Öffentlichkeit, Politik und Justiz in diesen Jahren stark beschäftigte. Die sogenannte Verjährungsdebatte war noch nicht geführt, sodass Fritz Bauer davon ausgehen musste, mit dem Auschwitzprozess das letzte Mal NS Verbrecher anklagen zu können. Die Frage nach dem Vertreter der Nebenkläger aus der DDR, Friedrich Karl Kaul, zeigt, welchen Einfluss der Kalte Krieg und die Beziehungen der Bundesrepublik zur Deutschen Demokratischen Republik in der damaligen öffentlichen Meinung einnahm. Dem Ost-Berliner Star-Anwalt, wie er in der Presse gerne genannt wurde, warf man misstrauisch „Strafverteidigung als ideologische Offensive“ vor und integrierte somit den Ost-West Konflikt in den Prozess. Auf unser naives Erstaunen, was ein DDR-Anwalt in einem westdeutschen Prozess zu suchen habe, korrigierte Bauer unsere juristisch fehlerhaft gestellte Frage und überging wortlos deren Inhalt. Am Ende unseres kurzen Gesprächs steht eine Frage, deren Bedeutung sich in den vergangenen 49 Jahren verflüchtigt hat. „Wir hörten davon, dass sich dieser Prozess ungünstig für die Juden auswirken soll“ heißt es in unklarer Formulierung. Waren hier die schlechte Behandlung und die Demütigungen gemeint, die den Zeugen durch die Verteidiger erlitten haben? Ging es um Fragen nach der Kollaboration von Juden, eine Strategie, die gerne von der Verteidigung angewandt wurde? Fanden wir es problematisch, Juden nur noch als Opfer zu sehen? Fritz Bauers Antwort trägt zum Verständnis der Frage nichts bei. Er weist darauf hin, dass sich der Prozess nicht nur gegen die Ermordung von Juden richtete und deutete an, dass nicht sehr viele Juden unter den Zeugen zu finden seien. Dann ging er indirekt auf den sogenannten „Nerobefehl“ ein, den Wunsch Hitlers die Niederlage Deutschlands mit der Zerstörung der noch vorhandenen militärischen Infrastruktur zu rächen, was die Wehrmacht, wie er betonte, verweigerte. Die Auffassung, Hitler wollte das gesamte deutsche Volk bestrafen, war damals weit verbreitet. In meinem Geschichtsunterricht, dem es gerade noch gelang, die Epoche der Weimarer Republik zu erreichen, wurde jede weitere Erkundung der Zeit des Nationalsozialismus mit diesem Argument abgetan. Warum Fritz Bauer sich dieser merkwürdigen Apologetik bediente, sondern im Gegenteil, bedauerte, dass dieses Wissen in Deutschland nicht sehr verbreitet war, schien uns damals nicht bemerkenswert. Auch schien es niemanden gestört zu haben, dass dieses Gespräch inmitten einer bunten Mischung aus Texten über Exkursionen, Erfolgsmeldungen über nach Israel ausgewanderte Kameraden und Informationen über das linkszionistische Kibbuz-Netzwerk Ichud Habonim abgedruckt

wurde. Der Auschwitz-Prozess als ein Thema unter vielen Banalitäten. Die familiäre Absicht, die Verfolgungs- und Emigrationserfahrung nicht mit den eigenen Kindern zu teilen und die zionistische Zukunftsperspektive, die darauf abzielte, Deutschland und Europa zu verlassen, einem Land und einer Gesellschaft, die Mitte der 1960er Jahre, auch nach dem Eichmann-Prozess, noch kein Interesse an der Geschichte der Ermordung der europäischen Juden hatte. Diese beiden Faktoren verhinderte wohl, dass aus der Begegnung mit Fritz Bauer das prägende Erlebnis geworden ist, das es hätte sein können.„[1]

Soweit Cilly Kugelmann. Ich, Micha Brumlik habe dem nichts hinzuzufügen. Kugelmanns Erinnerungen an Fritz Bauer als eine eher periphere Gestalt unserer jüdischen Jugend zu Frankfurt am Main in den frühen 1960er Jahren spricht für sich.

 

 

 

 

 

[1] C.Kugelmann, Fritz Bauer hinterm swimming pool Fritz Bauer Institut / Rauschenberger, K. (Hrsg.)Rückkehr in Feindesland? Fritz Bauer in der deutsch-jüdischen Nachkriegsgeschichte

 

Written by lbucklitsch

Juli 5th, 2018 at 7:07 am

Solidarität statt Heimat – Aufruf

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Vom „gefährdeten Rechtsstaat“ in Ellwangen über die „Anti-Abschiebe-Industrie“, vom „BAMF-Skandal“ über „Asylschmarotzer“, von der „Islamisierung“ bis zu den „Gefährdern“: Wir erleben seit Monaten eine unerträgliche öffentliche Schmutzkampagne, einen regelrechten Überbietungswettbewerb der Hetze gegen Geflüchtete und Migrant*innen, aber auch gegen die solidarischen Milieus dieser Gesellschaft. Die politischen Debatten über Migration und Flucht werden seit Monaten von rechts befeuert und dominiert – und kaum jemand lässt es sich nehmen, auch noch mit auf den rechten Zug aufzuspringen.

Doch nicht nur das. Inmitten einer immer noch lebendigen Willkommens- und Unterstützungsbewegung, inmitten der großen und wachsenden Proteste gegen die AfD, inmitten der beeindruckenden Kämpfe von Geflüchteten für ihr Recht auf ein gutes Leben und inmitten wachsender Bewegungen für eine nachhaltige, globale Gerechtigkeit wird vielerorts so getan, als sei der Rechtspopulismus der einzig maßgebliche Ausdruck der aktuellen gesellschaftlichen Stimmungslage. Diese Behauptung ist falsch. Und sie ist politisch fatal.

Es ist daher für uns an der Zeit, gemeinsam und eindeutig Stellung zu beziehen. Wir verweigern uns ausdrücklich der politischen Logik einer sich verfestigenden rechten Hegemonie. Wir wenden uns gegen eine Politik des Ressentiments – und gegen Strategien, die hieraus Kapital schlagen wollen für eine nur dem Anschein nach progressive oder soziale Politik. Wir sind uns sicher, dass es keine fortschrittlichen Antworten auf reaktionäre Fragen gibt. Der rechte Diskurs formuliert keine Probleme. Er ist das Problem.

Nennen wir das Problem beim Namen.
Es heißt nicht Migration.
Es heißt Rassismus.

In den letzten Jahren hat sich in weiten Teilen Europas ein politischer Rassismus etabliert, der die Grenzen zwischen den konservativen, rechten und faschistoiden Lagern zunehmend verschwimmen lässt. Für Deutschland gilt: Der bislang größte Erfolg der AfD war nicht ihr Einzug in den Bundestag. Ihr mit Abstand größter Erfolg ist, dass man sich in diesem Land wieder hemmungslos menschenverachtend geben und äußern kann. Rassismus ist wieder ganz normales Alltagsgeschäft geworden, im hohen Haus in Berlin wie beim Bäcker um die Ecke. Bei „Spitzenpolitikern“ und Normalsterblichen, bei „Liberalen“ – und selbst unter Linken.

25 Jahre nachdem der Deutsche Bundestag auf rechtsextreme Anschläge und Morde mit der Einschränkung des Grundrechts auf Asyl antwortete, erleben wir wieder eine Politik, die ohne Not und am laufenden Band Zugeständnisse an rassistische Ressentiments macht. Es wird auf Abschottung und Ausschluss gesetzt, die Grenzen werden wieder hochgezogen, Schutzsuchende in Lager gesperrt, Menschenrechte missachtet, Bürgerrechte systematisch abgeschafft und dort, wo sie noch existieren, kaltschnäuzig umgangen.

Die Willkommensdiskurse des kurzen Sommers der Migration haben sich in feindselige Abwehrdiskurse verwandelt. Die Einschränkung des Familiennachzuges und die geplanten ANKER-Zentren beschneiden massiv die Rechte von Migrant*innen, erhöhen den existenziellen Druck auf sie und sind bloße Instrumente der Isolation und der Ausgrenzung. Länder, die von Krieg zerstört und von den Kriegsfolgen gezeichnet sind, werden zu sicheren Orten erklärt – aus den tatsächlich sicheren Amtsstuben eines Landes, das mit seiner Wirtschaftsweise systematisch zum Elend der Welt beiträgt. Heimatministerium, Abschiebeoffensive, Hetzkampagnen und institutioneller Rassismus gehören zum Alltag – doch der massive Protest aus der bürgerlichen Mitte bleibt aus.

Was ist eigentlich los in diesem Land?

Nicht nur die bürgerliche Mitte bekennt nicht Farbe. Auch Teile der politischen Linken machen Zugeständnisse an rechte Rhetorik und reaktionäre Ideen und verklären die Ablehnung von Migrant*innen sogar zum widerständigen Moment, ja unterstellen ihr einen rationalen, klassenpolitischen Kern. Doch eines muss klar sein: Rassismus ist niemals ein Akt des Widerstands. Und ebenso klar ist, dass der neue Rassismus, ob von rechts oder links, ohne uns läuft.

Diese Gesellschaft ist geprägt durch die zahlreichen, millionenfachen Geschichten der Migration. Migration ist eine Tatsache. Sie ist mindestens seit den Zeiten der „Gastarbeit“ in der alten Bundesrepublik bzw. der „Vertragsarbeit“ in der DDR und bis auf den heutigen Tag keine Gefahr, sondern eine Kraft der Pluralisierung und Demokratisierung dieser Gesellschaft. Im Sommer 2015 haben wir das erneut erlebt. Damals war die offene Gesellschaft der Vielen für alle real, sie war greifbar und lebendig.

Seitdem hat sich an den Gründen für Flucht und Migration nichts geändert. Geändert haben sich auch nicht die solidarischen Praktiken in den Stadtteilen und den Regionen. Verändert haben sich aber der öffentliche Konsens und der politische Wille, mit den Folgen des westlich-kapitalistischen Treibens in der Welt auf solidarische Weise umzugehen. Stattdessen verfolgt die Europäische Union im Konsens, trotz drei Jahrzehnten des Sterbens an Europas Grenzen, eine Verschärfung ihres Grenzregimes, die den Weg nach Europa noch tödlicher werden lässt und den Zugang zu Flüchtlingsschutz zu einem Gnadenrecht degradiert.

In Deutschland und Europa sind infolge der Ideologie „ausgeglichener“ Haushalte wichtige Ressourcen für gesellschaftliche Solidarität blockiert. Dringend notwendige öffentliche Investitionen in soziale Infrastruktur, in Bildung, Gesundheit, Pflege, sozialen Wohnungsbau und eine integrative Demokratie bleiben aus. Der deutsche Pfad von Sparpolitik und einseitiger Exportorientierung schließt viele Menschen von Wohlstand aus, schafft prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen und nährt Zukunftsängste. Seine Probleme lassen sich jedoch nicht durch eine ständische oder nationalistische Wohlfahrtsstaatlichkeit lösen, die auf soziale Vorrechte und Abschottung setzt – und auf weltfremde Phantasien einer „Steuerung“ von Migration und des wohligen Privatglücks in der „Heimat“.

Das Ausblenden der sozialen Realitäten wird nicht funktionieren. Mit Zuschauen und Schweigen muss endlich Schluss sein: Wir werden Rassismus und Entrechtung konsequent beim Namen nennen. Wir werden uns dem neuen völkischen Konsens entziehen und uns allen Versuchen entgegenstellen, die Schotten der Wohlstandsfestung dicht zu machen.

Unsere Solidarität ist unteilbar – denn Migration und das Begehren nach einem guten Leben sind global, grenzenlos und universell.

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Unterzeichner_innen

  1. Prof. Dr. Naika Foroutan, Berlin (Humboldt-Universität zu Berlin)
  2. Prof. Dr. Micha Brumlik, Frankfurt (Publizist und Autor)
  3. Prof. Dr. Sabine Hark, Berlin (TU Berlin)
  4. Prof. Dr. Arjun Appadurai, New York City (New School)
  5. Amelie Deufhard, Hamburg (Künstlerische Leitung / Intendantin Kampnagel)
  6. Prof. Dr. Stephan Lessenich, München (LMU – Institut für Soziologie)
  7. Prof. Dr. Paul Mecheril, Oldenburg (Carl von Ossietzky Universität)
  8. Volker Lösch, Berlin (Regisseur)
  9. Georg Diez, Berlin (Kolumnist Der Spiegel)
  10. Prof. Dr. Sabine Hess, Göttingen (Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie)
  11. Prof. Dr. María do Mar Castro Varela, Berlin (Alice Salomon Hochschule)
  12. Thomas Ostermeier, Berlin (Künsterischer Leiter, Schaubühne am Lehniner Platz)
  13. Florian Borchmeyer, Berlin (Leitender Dramaturg, Schubühne am Lehniner Platz)
  14. Günter Burkhardt, Frankfurt (Geschäftsführer PRO ASYL)
  15. Prof. Dr. Iman Attia, Berlin (Alice Salomon Hochschule)
  16. Mark Terkessidis (Journalist)
  17. Jagoda Marinic (Autorin)
  18. Ruben Neugebauer, Berlin (Sea Watch)
  19. Prof. Dr. Isabell Lorey (Universität Kassel)
  20. Natalie Bayer, Berlin (Leiterin des Friedrichshain-Kreuzberg Museums)
  21. Elise Bittenbinder, Berlin (Vorsitzende der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren (BAfF) e.V.)
  22. Prof. Dr. Heinz-Jochen Zenker, Berlin (Präsident Ärzte der Welt / Médecins du Monde Deutschland)
  23. Bini Adamczak, Berlin (Autorin)
  24. Dr. Medardus Brehl, Bochum (Institut für Diaspora- und Genozidforschung / Ruhr-Universität Bochum)
  25. Sebastian Huber, München (Chefdramaturg Residenztheater)
  26. Dr. Sabine Flick, Frankfurt/Berkeley (Goethe-Universität/Institut für Sozialforschung/UC Berkeley)
  27. Ulrich Schreiber, Berlin (Direktor des internationalen Literaturfestivals)
  28. Prof. Dr. habil. David Becker, Berlin (Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) Berlin)
  29. Prof. Dr. Beate Binder, Berlin (Humboldt-Universität zu Berlin)
  30. Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu, Bremen (Universität Bremen)
  31. Prof. Dr. Angelika Epple, Bielefeld (Universität Bielefeld)
  32. Prof. Dr. Anna Amelina, Cottbus (BTU Cottbus)
  33. Bernadette La Hengst, Hamburg (Musikerin)
  34. Prof. Dr. Silja Klepp, Kiel (Universität Kiel)
  35. Pfarrerin Dagmar Apel, Berlin (EKBO/BMW)
  36. Prof. Dr. Rita Casale, Wuppertal (Bergische Universität Wuppertal)
  37. Dr. Markus Brunner, Wien (Sigmund-Freud-Universität)
  38. Zeljko Cunovic, Psychoanalytiker, Frankfurt (Frankfurter Psychoanalytisches Institut/ DPV/ IPA)
  39. Prof. Dr. Helmut Dahmer, Wien
  40. Jan Deck, Frankfurt (freier Theatermacher)
  41. Dr. Muriel González Athenas, Bochum (Ruhr Universität)
  42. Prof. Dr. Katja Diefenbach, Berlin/Stuttgart (Merz Akademie)
  43. Jasmin Ihraç, Berlin (Zeitgenössischer Tanz/Choreografie)
  44. Ivana Domazet, Potsdam (Flüchtlingsrat Brandenburg)
  45. Prof. Dr. Ina Kerner, Koblenz (Universität Koblenz-Landau)
  46. Sybille Fezer, Köln (medica mondiale e.V.)
  47. Dr Andrea Fischer-Tahir, Marburg (Universität Marburg)
  48. Daphne Büllesbach, Berlin (European Alternatives)
  49. Univ.-Prof. Dr Andrea Seier, Wien (Universität Wien)
  50. Irene Franken, Kön (Historikerin)
  51. Martin Singe, Bonn (Pax Christi)
  52. Prof. Dr. Cornelia Giebeler, Bielfeld (University of Applied Studies)
  53. Dr. Kurt Grünberg, Frankfurt (Sigmund-Freud-Institut)
  54. Kristine Listau, Berlin (Verbrecher Verlag)
  55. Dr. phil. Nadine Teuber, Frankfurt am Main
  56. Dr. Monika Hauser, Kön (medica mondiale e.V.)
  57. Prof. Dr. Susanne Spindler, Köln (Hochschule Düsseldorf)
  58. Jost Hess, Weiden (Arbeitskreis Asyl Weiden e.V.)
  59. Rechtsanwalt Dr. Matthias Lehnert, Berlin
  60. Dr. Anne Huffschmid, Berlin (Autorin metrozones)
  61. Prof. Dr. Julia Franz, Hannover (Hochschule Hannover)
  62. Prof. Dr. Annita Kalpaka, Hamburg (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg)
  63. Prof. Dr. Nausikaa Schirilla, Freiburg (Catholic University of Applied Sciences)
  64. Prof. Dr. Encarnación Gutiérrez Rodríguez, Gießen (Justus-Liebig-Universität )
  65. Prof. Dr. Alexandra Karentzos, Darmstadt (Technische Universität Darmstadt)
  66. Karl Kopp, Frankfurt (PRO ASYL)
  67. Dr. des. Vanessa E. Thompson, Frankfurt am Main (Goethe-Universität Frankfurt)
  68. Prof. Dr. Gesa Köbberling, Freiburg (Evangelische Hochschule)
  69. Dr. Stephan Milich, Köln (Universität zu Köln)
  70. Johanna König, Melbourne & Frankfurt am Main (Goethe Universität Frankfurt)
  71. Dr. Daniel Loick, Frankfurt/Erfurt (Max Weber Kolleg)
  72. Dr. Judith Lebiger-Vogel, Frankfurt (Sigmund-Freud-Institut)
  73. Arne Semsrott (netzpolitik.org)
  74. Dan Thy Nguyen, Hamburg (Regisseur)
  75. Dr. Julia König, Frankfurt am Main (Goethe Universität Frankfurt)
  76. Dr. Jan Lohl, Frankfurt (Sigmund-Freud-Institut)
  77. Dr. des. Alexander Vorbrugg, Bern (Geographisches Institut, Uni Bern)
  78. Prof. Dr. Lena Inowlocki, Frankfurt (Frankfurt University of Applied Sciences)
  79. Prof. Dr. Heidemarie Winkel, Bielefeld (Universität Bielefeld)
  80. apl. Prof. Melanie Ulz, Osnabrück (Kunsthistorisches Institut)
  81. Univ.-Prof. Dr. Johannes Reichmayr, Wien (Sigmund Freud Privatuniversität Wien)
  82. Maike Melles, Frankfurt am Main (Frobenius-Institut für kulturanthropologische Forschung an der Goethe-Universität Frankfurt)
  83. Bernd Mesovic, Frankfurt (PRO ASYL)
  84. Friedrich Trautmann
  85. Hanna Mittelstädt, Hamburg (Edition Nautilus)
  86. Dr. med. Michael Wilk, Wiesbaden (Arzt, Autor, Umweltaktivist)
  87. Helmut Neusser, Frankfurt (Hans-Böckler-Schule)
  88. Prof. Dr. Aram Ziai, Kassel (Universität Kassel)
  89. Dr. Mariam Popal, Bayreuth (Universität Bayreuth)
  90. Prof. Dr. Barbara Schäuble, Berlin
  91. Dr. Julia Roth, Berlin (Universität Bielefeld)
  92. Prof. Dr. Uta Ruppert, Frankfurt/Main ( Goethe Universität / Fachbereich Gesellschaftswissenschaften)
  93. Ivana Sajko, Berlin / Zagreb (Autorin)
  94. Marta Vardynets, Stuttgart (Furtbachkrankenhaus)
  95. Prof. Dr. habil. Albert Scherr, Freiburg (Institut für Soziologie, Pädagogische Hochschule Freiburg)
  96. Prof. Karin Scherschel, Jena (HS RheinMain)
  97. Prof. Dr. Constance von Rüden, Bochum (Institut für Archäologische Wissenschaften)
  98. Dr. Ernst Schmiederer, Wien (Institut für die Geschichten der Gegenwart)
  99. Prof. Dr. Holger Ziegler, Bielefeld (Universität Bielefeld)
  100. Dr. Christoph Schwarz, Marburg (Centrum für Nah- und Mitteloststudien, Philipps-Universität Marburg)
  101. Prof.Dr. Hans-Günter Thien, Münster (Verlag Westfälisches Dampfboot)
  102. Herr Bernhard Völk, Augsburg
  103. Kenneth Plasa, Leipzig
  104. Tobias Neef-Methfessel, Göttingen
  105. Nina Violetta Schwarz, Berlin (Humboldt Universität)
  106. Ass.Prof. Dr. Eberhard Raithelhuber, Salzburg (Universität Salzburg)
  107. Michael Schmid, Gammertingen (Lebenshaus Schwäbische Alb – Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.)
  108. Lukas Engelmeier, Bremen (Universität Bremen)
  109. Dr. Daniel Burghardt (Universität zu Köln)
  110. Jonas Freist-Held, Berlin (Freie Universität Berlin/ Sciences Po Paris)
  111. Anne-Marlen Engler, Berlin (Humboldt-Universität)
  112. Prof. Dr. Fabian Kessl, Essen (Universität Duisburg-Essen)
  113. MdL Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Thüringen Astrid Rothe-Beinlich, Erfurt (grüne Landtagsfraktion)
  114. Martin Link, Kiel (Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein e.V.)
  115. Kirsten Eichler, Münster
  116. MdA Katina Schubert, Berlin (Landesvorsitzende DIE LINKE.Berlin)
  117. Habibe Sentürk (Göttingen University)
  118. Dr. Martina Blank, Frankfurt am Main (Institut für Humangeographie, Goethe-Universität Frankfurt)
  119. Katrin Warnatzsch, Gammertingen (Lebenshaus Schwäbische Alb e.V.)
  120. Maria Braig, Osnabrück
  121. Maximilian Pichl, Berlin (Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge)
  122. Ursula Wirth (Dotmotion, Mediengestaltung)
  123. Leslie Gauditz (Universität Bremen)
  124. Martina Scholz, Osnabrück
  125. Dr Daniel Mullis, Frankfurt am Main
  126. Anita Lechler, Leonberg (Hoffnungsträger Stiftung)
  127. Clara Taxis, Osnabrück (IMIS Osnabrück)
  128. Julia Winkler, Stadtsteinach (Studentin)
  129. Pfr. i.R. Gottfried Brezger, Berlin
  130. Dr. Lutz Meyer, Berlin (Kinderchirurg)
  131. Christine Deutscher, Greifswald (Pommerscher Evangelischer Kirchenkreis)
  132. Siri Keil, Hamburg
  133. Klaus Schwietz, Osnabrück
  134. Maximilian Becker, Leipzig
  135. Birgit Neufert, Hamburg (Ev.-Luth. Kirche in Norddeutschland)
  136. Wouter Venken, Hamburg (Bleibe. e.V.)
  137. Dr. Johanna Neuhauser (Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien, Universität Osnabrück)
  138. Felix Bender, Budapest (Central European University)
  139. May Bohmann
  140. Frank Martin, Leipzig
  141. Rita Bock, Berlin
  142. Monika Camara, Nürnberg (AFRIKUCO INSTITUT)
  143. Uwe Vorberg, Bochum (Bahnhof Langendreer)
  144. Dr. Claus Neuberger, Berlin
  145. Elena Buck, Leipzig/Göttingen
  146. Astrid Rund, Kludenbach (Weltfrauenmarsch -March Mondiale des Femmes Deutschland)
  147. Timmo Scherenberg, Frankfurt am Main (Hessischer Flüchtlingsrat)
  148. Prof. Dr. Esther Lehnert, Berlin (Alice Salomon Hochschule)
  149. Dr. Frank Schreiber, Darmstadt
  150. Holger Oppenhäuser, Marburg
  151. Martin Rediker, Lippstadt (Grüne Hilfe Netzwerk e. V., Regionalbüro NRW)
  152. Karin Behler, Witten (GEW)
  153. Robin Tautkus, Greiz
  154. Alexander Sorge, Goethestadt Bad Lauchstädt
  155. Frank Steger, Berlin (Berliner Arbeitslosenzentrum evangelischer Kirchenkreise e. V. (Balz))
  156. Prof. Dr. Ilse Lenz, Bochum (Ruhr-Universität Bochum)
  157. Manfred Ohlenschläger, Idstein
  158. Volker Vockerodt, Schweighofen
  159. Heike Weber, Frankfurt/Main
  160. Michael Schipperges, Heidelberg (sociodimensions, Institute for Socio-cultural Research, Heidelberg)
  161. Raphael Bärl, München
  162. Prof. Dr. Cordula Kropp, Stuttgart (Universität Stuttgart)
  163. Kerstin Kuballa, Berlin
  164. Shadi Kooroshy, Oldenburg (Carl von Ossietzky Universität)
  165. Dr. Dirk Jahreis, Göttingen
  166. Klaus Heller, Dreis-Brück (Friedensgruppe Daun)
  167. Katharina Hoppe, Frankfurt am Main (Goethe-Universität Frankfurt)
  168. Hugo Holger Busse, Berlin (Architektur & Urban Design)
  169. Dr. Andrea Marie Ulshöfer, Bonn
  170. Johanna von Hammerstein, Hamburg
  171. Niels Wätzel, Freiburg (Radio Dreyeckland)
  172. Marko Kampmann, Schönkirchen (Universität Kiel)
  173. Philipp Ratfisch (Universität Osnabrück)
  174. Saphira Shure, Oldenburg (Carl von Ossietzky Universität)
  175. Elisa Satjukow, Leipzig (Universität Leipzig)
  176. Katharina Haug, Freiburg
  177. Prof. Dr. Tanja Grendel, Wiesbaden (HS RM)
  178. Hebba Basheer-Gazarin, Münster (GGUA)
  179. Dr. Jan Müller, Basel (Universität Basel)
  180. Dirk Jakob, Kreuztal
  181. Dr. Susanne Offen (Leuphana Universität Lüneburg)
  182. Dr. Wenke Wegner, Werder
  183. Robert Fietzke, Magdeburg (Vorsitzender Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt e.V.)
  184. Martin Weimer, Fiefbergen (Gruppenanalytische-Praxi)
  185. Marlene Fritzsche
  186. Saskia Gränitz, München ((LMU – Institut für Soziologie))
  187. Roxana Dauer (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)
  188. Nikolas Schöneck, Dakar
  189. Sarah Besch, Berlin
  190. Franziska Mohaupt, Magdeburg
  191. Prof. Dr. Timm Kunstreich, Hamburg (Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie Hamburg)
  192. Henrik Schimkus, Hamburg
  193. Philipp Seitz, Leipzig
  194. Bodo Pallmer, Frankfurt
  195. Dr. Thomas Bürk, Berlin (Geographisches Institut der Universität Bonn)
  196. Dr. Stefan Schipperges, Offenburg
  197. Sandra Gugic, Berlin (Autorin)
  198. Christian Keusch, Berlin
  199. Apl. Prof. Alex Demirovic, Frankfurt (Goethe Universität)
  200. Dr. Markus Steinmayr, Bochum
  201. Dr. Bruno Nieser, Berlin
  202. Ulrich Haushofer, Reichersbeuern
  203. Lisa Rosa, Hamburg (Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg)
  204. Janis Detert, München (LMU – Institut für Soziologie)
  205. Rolf Edinger, 60439 Frankfurt
  206. Ursula Bub-Hielscher, Berlin
  207. Dr. Manfred Dinkelaker, Laudenbach
  208. David Niebauer, Göttingen (Georg-August-Universität Göttingen)
  209. Olaf Koppe, Berlin (Verlagsleiter, Neues Deutschland Druckerei und Verlag GmbH)
  210. Fatoş Atali-Timmer, Oldenburg (Carl von Ossietzky Universität)
  211. Dr. Mundo Yang, Berlin (Universität Siegen)
  212. Nadine Strauss, Heidelberg
  213. Dr. Simone Claar, Frankfurt/Kassel (Universität Kassel)
  214. Dr. Sören Weißermel (Universität Kiel)
  215. Uwe Adler, Weimar (Mitglied des Sprecherrates des Bürgerbündnisses gegen Rechtsextremismus Weimar)
  216. Silke Blumbach, Berlin
  217. Gottfried Ohnmacht-Neugebauer, Reutlingen
  218. Halina Wawzyniak, Berlin
  219. Lucas Wogawa (Christian-Albrechts-Universität Kiel)
  220. Annika Basten, Berlin (Freie Universität Berlin)
  221. Klaus Kubernus-Perscheid, Wesel (Attac-Niederrhein)
  222. Dr. Hanno Pahl, Freiburg (LMU München)
  223. Ina Pallinger, Marburg (Philips-Universität Marburg)
  224. Dr.med. Joachim Elz-Fianda, Nördlingen (DFG-VK Ortssprecher; IPPNW; IG Med)
  225. Sören Benn, Berlin
  226. Dr Aleksandra Lewicki, Brighton (University of Sussex)
  227. Prof. Dr. Thomas Alkemeyer, Berlin/Oldenburg (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)
  228. Dirk Stegemann, Berlin
  229. Dr. Mathias Rodatz, Berlin/Frankfurt a.M. (Goethe-Universität Frankfurt)
  230. Sigrid Juhran, Leipzig
  231. Svenja Marks, Kassel (Universität Kassel)
  232. Holger Dorrenburg, Gera (ISG-Gera, AufAndHalt e.V Gera)
  233. Christian Oppl, München (Karawane München)
  234. Dr. Uwe Gränitz, Chemnitz
  235. Detlef Krowinnus, Hemer
  236. Werner Kopp, Hamburg
  237. Dr. Norbert Kilian, Berlin (Freie Universität Berlin, Botanischer Garten und Botanisches Museum)
  238. Sarah Graber, Berlin

nd| »Besonders problematische« Karikatur

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Für Micha Brumlik ist die von Dieter Hanitzsch angefertigte Zeichnung ein Fall von israelbezogenem Antisemitismus

Walter Benjamin, der sich 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in den Pyrenäen das Leben nahm, war ein Bewunderer von Eduard Fuchs. Fuchs, auch er in den 1930er Jahren Emigrant, wurde 1870 in Göppingen geboren und starb im Januar 1940, vor dem Einmarsch der Wehrmacht in Paris. Ihm verdanken wir eine Kulturgeschichte der Karikatur, die er über Jahre hinweg in unterschiedlichen Büchern darlegte, so 1921 im Band »Die Juden in der Karikatur«.

Das dort vorgelegte Material – vom Hohn auf die Rothschilds über die Verächtlichmachung der Beschneidung in der österreichischen Satirezeitschrift »Kikeriki« bis zu antisemitischen Plakaten aus dem Zarenreich – zeigt jüdische Männer immer wieder als Menschen mit übergroßen Ohren und deutlich hervorstechenden Hakennasen. Nun ist die Karikatur – nicht anders als die antike Komödie – eine menschenfeindliche Kunstform, der es immer um die Lächerlichmachung des angemaßt Erhabenen geht und somit einem emanzipatorischen Ziel dient.

Nun ist nicht zu bestreiten, dass der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sich den Sieg Netta Barzilais beim Eurovision Song Contest (ESC) durch gemeinsame Auftritte vor den Kameras politisch zu Nutze gemacht hat. Indes: Warum ist im Schriftzug »Eurovision« auf der Karikatur dort, wo sonst ein »v« stehen sollte, ein Davidstern zu sehen? Ist der Eurovision Contest am Ende eine jüdische Angelegenheit? Zudem: Stellen israelische – jüdische? – Raketen derzeit ein sicherheitspolitisches Thema dar? Erinnert dieses Element der Karikatur nicht an jenes fatale, ebenfalls in der »Süddeutschen Zeitung« publizierte Gedicht, das Günter Grass 2012 in den Verdacht brachte, Antisemit zu sein? Dort phantasierte der Literaturnobelpreisträger von einer israelischen Bombe, die das iranische Volk auslöschen könnte – obwohl es doch wieder und wieder die iranische Führung war und ist, die von einer Auslöschung Israels spricht.

 

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Zeit| Micha Brumlik: Leider falsche Lösung

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Die CDU/CSU will Antisemiten ausweisen.

Bald jährt sich wieder die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee. Der 27. Januar ist hierzulande ein bundesweit begangener, gesetzlicher Gedenktag. Gedacht wird des arbeitsteiligen Massenmordes an den europäischen Juden, verübt von Hunderttausenden Deutschen und ihren Kollaborateuren. Aus diesem Anlass wollen nun CDU und CSU auch etwas gegen den Antisemitismus von Flüchtlingen und Asylbewerbern aus dem arabischen Raum tun.

Das kommt der jüdischen Gemeinschaft nur scheinbar entgegen. Sie schaut zwar beunruhigt auf den Zuzug von Menschen, in deren Herkunftsländern antisemitische Indoktrination gängig ist. Doch was planen CDU und CSU konkret? Eine verschärfte Auslegung der Paragrafen 53 und 54 des Aufenthaltsgesetzes soll es künftig ermöglichen, ausländische Personen, die sich antisemitisch äußern oder verhalten, unverzüglich des Landes zu verweisen. Worum würde es gehen? Ein Beispiel: Sprechchöre wie “Juden ins Gas”, etwa bei einer Al-Kuds-Demonstration in Berlin, wären nun (sofern von Ausländern, nicht von Bundesbürgern angestimmt) Ausweisungsgrund.

Doch was genau ist Antisemitismus? Der Berliner Fall eines gebürtigen Deutschen, der vor einem israelischen Lokal laut rief, dass alle Juden in der Gaskammer enden werden, ist eindeutig – doch dieser Mann kann nicht ausgewiesen werden. Und was wäre mit dem palästinensischen Lebensmittelhändler, der sich ostentativ weigert, israelische Produkte zu verkaufen? Wäre das schon israelbezogener Antisemitismus?

Judenhass kann sich in Meinungen, Worten und in Taten äußern. Was wissenschaftlich als Antisemitismus gilt und wie verbreitet er ist, definiert auf vielen Seiten der Bericht der unabhängigen Expertenkommission Antisemitismus vom April 2017. Darin steht zwar der beruhigende Befund: Offener Antisemitismus ist hierzulande randständig wie nie zuvor. Darin stehen aber auch beunruhigende Zahlen: Obwohl nur 14 Prozent aller repräsentativ befragten Deutschen klassisch antisemitischen Meinungen beipflichten, stimmen 55 Prozent sekundär antisemitischen Statements zu (etwa: “Juden nutzen ihre Position als Verfolgte aus”), und 28 Prozent akzeptieren israelbezogenen Antisemitismus. Dagegen hilft die geplante Ausweisungsinitiative nicht. Auch nicht gegen die Tatsache, dass antisemitische Einstellungen unter muslimisch sozialisierten Jugendlichen in Deutschland deutlich verbreiteter sind als unter Nichtmuslimen (Muslime aus arabischen oder nordafrikanischen Ländern sind wiederum stärker als andere Muslime belastet).

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Januar 11th, 2018 at 2:59 pm

nd| Micha Brumlik: Viel mehr als ein Betriebsausflug

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Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten? Micha Brumlik warnt vor der vorschnellen Umsetzung eines umstrittenen Vorschlags

  • Von Micha Brumlik

Der Vorschlag der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli, keineswegs nur neu nach Deutschland kommenden Zuwanderern – zumal aus den arabischen Ländern – den Besuch einer KZ-Gedenkstätte zur verpflichtenden Auflage in Integrationskursen zu machen, stößt nicht nur auf Zustimmung.

Sogar die ansonsten konservativ eingestellte »Frankfurter Allgemeine Zeitung« glaubte, die SPD-Politikerin kritisieren zu sollen. »Müssen«, so fragte Hannah Bethke, »Menschen, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind, sich wirklich in gleicher Weise für unsere Geschichte verantwortlich fühlen wie wir? Haben sie nicht das Recht auf ihre eigene Geschichte? Und bedeutet Integration nicht gerade, dass in beiderseitigem Prozess der Horizont des einen sich öffnen soll für den Horizont des anderen?«

Mit dieser Frage offenbarte Bethke nicht mehr und nicht minder als ein nur vermeintlich fremdenfreundliches, letztlich aber doch ethnizistisches politisches Bewusstsein, eventuell sogar eine ablehnende Haltung gegenüber einer auf Einbürgerung zielenden Integration. Denn: Bei der Frage der Integration geht es vor allem darum, Neuankömmlinge weniger mit den Werten einer Lebensführung denn mit den moralischen und rechtlichen Prinzipien vertraut zu machen, denen die Institutionen dieser Demokratie unterliegen – in erster Linie des Grundgesetzes, in dessen erstem Artikel unmissverständlich steht: »Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.«

 

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Januar 11th, 2018 at 2:56 pm

domradio| Publizist Brumlik für Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten/”Aber bloß keine Demonstrationstermine”

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Nach einem Vorstoß der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli wird diskutiert, ob jeder Deutsche und Asylbewerber eine KZ-Gedenkstätte besuchen soll. Der Publizist Micha Brumlik befürwortet dies – aber unter bestimmten Voraussetzungen.

KNA: Sind Sie für Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten?

Micha Brumlik (Deutsch-jüdischer Publizist und Erziehungswissenschaftler): Ich bin grundsätzlich dafür. Und zwar deshalb, weil wenige andere Ereignisse wie die Ermordung von sechs Millionen Juden, Sinti und Roma sowie von sowjetischen Kriegsgefangenen den Geist der bundesdeutschen Verfassung mit ihrem Artikel 1 des Grundgesetzes “Die Würde des Menschen ist unantastbar” geprägt haben. Artikel 1 gehört zu den Prinzipien dieses Landes. Deswegen ist es sinnvoll, und das ist seit einigen Jahren so, dass in den 16 Bundesländern alle Schüler sich in der einen oder anderen Weise verpflichtend mit der NS-Zeit auseinandersetzen müssen. Das ist allerdings von Bundesland zu Bundesland und von Schulart zu Schulart ganz unterschiedlich gut gestaltet.

KNA: Und warum sollten Asylbewerber eine Besichtigung machen?

Brumlik: Weil es sinnvoll ist, dass Menschen, die so oder so in die Bundesrepublik immigrieren, mit diesen Prinzipien vertraut gemacht werden. Ich benutze ausdrücklich nicht den Begriff der Leitkultur, weil ich ihn aus verschiedenen anderen Gründen seiner Unschärfe wegen ablehne.

KNA: Wie müsste eine solche Unternehmung allgemein aussehen?

Brumlik: Die Besuche in KZ- und Vernichtungslager-Gedenkstätten haben nur dann einen Zweck, wenn sie sorgfältig vorbereitet und wenn sie sorgfältig nachbereitet werden. Ein bloßer Demonstrationstermin – also mal kurz rein und wieder raus – wirkt geradezu kontraproduktiv.

Das Ganze ist nur sinnvoll, wenn es mit viel Zeit, mit nicht wenig Geld und mit hoher Professionalität ausgeführt wird. Ich plädiere dafür, dass einzelne Bundesländer, und vielleicht als erstes Berlin, hierzu einen sorgfältig zu evaluierenden Modellversuch starten.

KNA: Wie sollte also ein Pflichtbesuch aus Ihrer Sicht konkret vor- und nachbereitet werden?

Brumlik: Die Betreffenden müssten in zwei, drei Tagen zunächst mit der neueren deutschen Geschichte vertraut gemacht, dann mit den gesellschaftsgeschichtlichen Voraussetzungen des Nationalsozialismus bekanntgemacht werden. Sie müssten zudem eine Einführung in das Wesen und die Geschichte des Antisemitismus erhalten und auf dieser Basis dann mit der anfänglichen, allmählichen Einschränkung der Rechte von Juden im “Dritten Reich” und damit mit einer Entwicklung vertraut gemacht werden, die schließlich in den Vernichtungslagern geendet hat.

KNA: Könnte ein solcher Besuch tatsächlich Antisemitismus vorbeugen? Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat gesagt, ein “Allheilmittel” sei das nicht.

Brumlik: Ja, ein Allheilmittel ist es nicht. Aber ich glaube doch, wenn man nicht nur Schockfotos oder Filme von ausgemergelten Leichen zeigt – was lange ein Fehler in der sogenannten Holocaust-Education war -, sondern das auch biografisch vertieft am Schicksal von einzelnen Opfern und auch Tätern demonstriert, dass das pädagogisch sinnvoll ist. Aber: Wirklich alles kommt auf die didaktische Umsetzung an.

KNA: Wovor warnen Sie in diesem Zusammenhang?

Brumlik: Was nicht sein darf, wäre eine eineinhalb Tage dauernde Kompaktveranstaltung: etwa derart, dass man Filme wie “Mein Kampf” oder “Nacht und Nebel” zeigen, um am Tag danach nach Dachau oder Flossenbürg fahren, dann noch einmal 90 Minuten drüber reden und danach nach Hause fahren würde. Dann sollte man es besser gleich lassen.

 

Quelle:(KNA)

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Januar 11th, 2018 at 2:52 pm

derFreitag| Bananenrepublik

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Ost-West Die Debatten über Unterschiede und Gemeinsamkeiten wollen nicht enden. Sollte nicht endlich mal Schluss sein damit?

Wie ist ein typischer Ossi und wie ein typischer Wessi? Ist Herkunft „vererbbar“? Und wie wichtig ist das alles noch für junge Menschen, die gesamtdeutsch aufgewachsen sind? Ein Streitgespräch über Werte und Lebensleistungen, Demokratie, Religion und Identitäten zwischen der „Ostfrau“ Daniela Dahn und dem „Westmann“ Micha Brumlik.

der Freitag: Wann haben Sie das letzte Mal Jägerschnitzel gegessen?

Daniela Dahn: Das habe ich schon zu DDR-Zeiten gemieden.

Micha Brumlik: Vor sieben, acht Jahren etwa.

Und was haben Sie da gegessen?

Brumlik: Rindfleisch mit einer Pilzsoße.

Dahn: Panierte Jagdwurst mit einer geschmacklosen Tomatensoße und Makkaroni.

Hinter dieser ironischen Frage steckt eine ernsthafte: In welcher Situation haben Sie persönlich zuletzt gemerkt, dass Sie aus dem Westen beziehungsweise aus dem Osten kommen? Das Jägerschnitzel heißt zwar gleich, ist in Ost und West aber eben etwas völlig anderes.

Dahn: Ich war neulich im Museum Barberini in Potsdam. Dort wird gerade DDR-Kunst präsentiert, endlich mal anspruchsvoll. Trotzdem hatte ich das Gefühl, die Werke werden wohlwollend betrachtet wie die Kunst von fernen Exoten. Die Deutung kam aus der wissenden, westlichen Welt. Und so habe ich mich etwas fremd gefühlt, obwohl es eine gutgemeinte und wichtige Geste ist.

Brumlik: Das letzte Mal habe ich nach der Bundestagswahl darüber nachgedacht. Ich habe mich angesichts der vergleichsweise hohen Wahlerfolge der AfD in Sachsen und Sachsen-Anhalt gefragt, ob diese mit 40 Jahren SED-Diktatur zu tun haben könnten? Mit einem gewissen Mangel an Weltläufigkeit und demokratischem Freiheitsgedanken? Mir ist bewusst, dass die AfD ebenso in wohlhabenden, westdeutschen Regionen, etwa im Süden Baden-Württembergs, starke Ergebnisse erzielt hat. Ich habe mich das trotzdem gefragt.

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Dezember 27th, 2017 at 8:59 am

TimesofIsrael| Martin Luther 500th anniversary marred by anti-Semitism row

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Controversy erupts over ‘Judensau’ carving on church showing Jews suckling the teats of a sow as a rabbi looks under its leg and tail

A bitter row over a medieval anti-Semitic carving on a church wall risks overshadowing Germany’s celebrations on Tuesday to mark the 500th anniversary of the Reformation, the seismic theological shift started by German theologian Martin Luther.

The bas relief sculpture at the heart of the dispute dates from around 1300 and is one of Germany’s last remaining examples of vulgar anti-Jewish folk art that was common in Europe during that era.

The graphic stone image shows Jews suckling the teats of a sow as a rabbi looks intently under its leg and tail. The hateful symbolism is that Jews obtain their sustenance and scripture from an unclean animal.

Many churches in the Middle Ages had similar “Judensau” (Jewish pig) sculptures, which were also aimed at sending the stark message that Jews were not welcome in their communities.

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Oktober 31st, 2017 at 12:55 pm

mdr| Protestaktion gegen die “Judensau”

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Kurz vor dem Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 500. Reformationsjubiläum in Wittenberg haben Persönlichkeiten aus Kirche und jüdischer Gemeinschaft gegen das umstrittene Relief “Judensau” an der Stadtkirche protestiert. An der Kundgebung am Samstagnachmittag in der Lutherstadt beteiligten sich nach Angaben der Initiatoren etwa 40 Bürger. Auch Martin Luther gilt als Antisemit. Worum geht es in der Auseinandersetzung?

Das um 1300 angebrachte Relief zeigt eine Sau, die Menschen säugt – gemeint sind Juden. Ein Mann, der der Sau ins After schaut, soll ebenfalls einen Juden darstellen. Mit der Schmähung sollten Juden abgeschreckt werden, sich in der Stadt niederzulassen. Im Mittelalter wurden durch solche Abbildungen an vielen Kirchen Menschen des jüdischen Glaubens geschmäht.

Anlässlich des 500. Reformationsjubiläums ist nun wieder die Debatte über den Umgang mit der “Judensau” neu entbrannt, die wegen einer nachträglich ergänzten Inschrift auch “Luthersau” genannt wird. Auch der Reformator Martin Luther (1483-1546) gilt als Antisemit. Besonders in seinen späten Schriften hetzte er gegen Juden.

Wie argumentieren die Befürworter des Reliefs?

Die Gemeinde der Stadtkirche und der Wittenberger Stadtrat haben sich für den Erhalt des Reliefs außen an der Schlosskirche ausgesprochen. Sie argumentieren, als eine der ersten Kirchengemeinden in Deutschland habe die Stadtkirchengemeinde 1988 ein Mahnmal eingeweiht, das sich auf die Schmähplastik beziehe. Die Bodenplatte lege sich dem Besucher förmlich in den Weg. Auf diese Weise werde ein Erinnerungsstück der Geschichte bewahrt und zugleich schuldbewusst und kritisch kommentiert. In einem Positionspapier heißt es: “Geschichte soll nicht versteckt werden und Geschichtsvermittlung gelingt am eindrücklichsten am authentischen Ort.”

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Oktober 31st, 2017 at 12:52 pm

Deutschlandfunk| Der Terror aus den Hügeln, von Micha Brumlik

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Eigentlich passt der Begriff des Fundamentalismus so gar nicht zum Judentum. Schließlich geht es in der jüdischen Religion ganz wesentlich darum, die Bibel zu interpretieren, zu hinterfragen und Textstellen unterschiedlich auszulegen

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Oktober 16th, 2017 at 12:54 pm

Blätter| Micha Brumlik – Flucht ohne Grenzen

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Das Weltbürgerrecht und die Neuvermessung des politischen Raums
Foto: Johnny Silvercloud: “This Barbed Wire Cannot Keep These People Apart Forever” Foto: Johnny Silvercloud: “This Barbed Wire Cannot Keep These People Apart Forever” (Attribution-ShareAlike License) von Micha Brumlik
Es sind keineswegs nur rechte Bewegungen, die heute eine Rückkehr zum klassischen Nationalstaat betreiben. Auch in der Linken gewinnt die Rückbesinnung auf die Nation zunehmend an Popularität. Beide Seiten eint der Glaube, durch das Wiedererrichten der nationalen Grenzen die verheerenden Folgen der neoliberalen Globalisierung doch noch abwehren oder zumindest besser kontrollieren zu können.

Doch bei dieser Vorstellung handelt es sich um eine fatale Illusion. Schon vor Jahren argumentierte der Soziologe Niklas Luhmann, nach der „Entdeckung“ der letzten tribalen Kulturen des Erdballs auf Neu-Guinea in den 1930er Jahren könne sinnvoll nur noch von einer einzigen, freilich in sich vielfältig segmentierten und differenzierten Weltgesellschaft die Rede sein.[1] Und auch Karl Marx erkannte 1848 in seinem „Kommunistischen Manifest“: „Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.“[2]

Angesichts von Digitalisierung, Verkehrstechnik und ökonomischer Globalisierung erscheinen politische Theorien, die sich auf begrenzte Räume beziehen, so beschränkt, dass sie kaum noch ernsthafte Orientierung bieten können. Spätestens das sogenannte Flüchtlingsproblem überführte – zumindest seit es eine bestimmte Größenordnung[3] angenommen hat – den klassischen Nationalstaat, aber auch übergreifende, partiell politisch und rechtlich geordnete Großräume wie die EU ihres systematischen Ungenügens. Es bedurfte offenbar der durch die Globalisierung hervorgerufenen massenhaften Flucht, in der sich Menschen auf langen, gefährlichen Wegen auf die Suche nach einer besseren Heimat machen, um westlichen Gesellschaften vor Augen zu führen, dass die globalisierte Welt ein kosmopolitisches Denken erfordert.

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September 28th, 2017 at 8:34 am

DLF|Publizist Brumlik zu “Auschwitz on the beach”

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“Preis für das Erregen von Aufmerksamkeit ist zu hoch”
Micha Brumlik im Gespräch mit Vladimir Balzer und Axel Rahmlow

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Franco Berardi trage dazu bei, das historische Bewusstsein zu verunklaren, kritisiert Micha Brumlik die geplante documenta-Performance. (dpa / Hauke-Christian Dittrich)
Eine bei der documenta bevorstehende Performance sorgt für Aufregung. Mit “Auschwitz on the beach” würden alle verlieren, kritisiert der Publizist Micha Brumlik: Der Autor Franco Berardi selbst, die NS-Opfer und auch alle, die Flüchtlingen helfen.

“Das Schlimmste ist, dass diese Performance die Hilfsbereitschaft und das Engagement für die Flüchtlinge empfindlich beschädigt.” Das sagt Micha Brumlik, Publizist und Sohn jüdischer Flüchtlinge, über den documenta-Aufreger, die Performance “Auschwitz on the beach” des italienischen Aktivisten Franco Berardi. Außerdem trage Berardi dazu bei, das historische Bewusstsein zu verunklaren und zu verwischen, kritisiert Brumlik: “Der Preis für das Erregen von Aufmerksamkeit ist einfach zu hoch!”

Vorsicht beim Umgang mit historischen Wahrheiten
“Ich erwarte von einem Performance-Künstler, dass er sich mit der Geschichte des Vernichtungslagers auseinandergesetzt hat”, sagt Brumlik. Die Menschen seien von den Nationalsozialisten in die Gaskammern getrieben worden, die Flüchtlinge würden jedoch nicht bewusst ermordet. “Ich kann die Empörung darüber verstehen, dass eine Kaltherzigkeit in vielen europäischen Staaten gegenüber diesem Flüchtlingsschicksal vorherrscht, aber das darf nicht dazu führen, dass die historische Wahrheit verfälscht wird.”

“Ich glaube, dass er damit seinen eigenen Anliegen damit mindestens so sehr schadet, wie dem Gedenken an die ermordeten Opfer der Nationalsozialisten.” Die Performance zu verbieten, davon hält Brumlik dann aber doch nichts: “In Gottes Namen sollte es durchlaufen, Menschen sollen dagegen protestieren und das wird es dann auch gewesen sein.”

Mehr zum Thema
Aus den Feuilletons – “Auschwitz am Strand” – Darf man das?
(Deutschlandfunk Kultur, Kulturpresseschau, 20.08.2017)

“Der Aufstand” von Franco Berardi – “Demokratie als solche spielt keine Rolle mehr”
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 16.04.2015)

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August 22nd, 2017 at 6:50 am

FR| Juden-Ghetto in Frankfurt: Bauen auf Ghetto-Überresten?

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Vor 30 Jahren wollten Besetzer verhindern, dass das Juden-Ghetto am Börneplatz in Frankfurt bebaut wird. Micha Brumlik war dabei und blickt zurück.

Herr Brumlik, im Frühjahr 1987 stießen Bauarbeiter bei der Ausschachtung für das neue Kundenzentrum der Stadtwerke am Börneplatz auf Überreste des alten jüdischen Ghettos. Wie haben Sie reagiert, als Sie diese Nachricht erreichte? 
Ich war überrascht, aufgeregt und etwas erfreut. Man hätte natürlich wissen können und müssen, dass an dieser Stelle früher das alte jüdische Ghetto lag. Aber offenbar gab es niemanden in der Stadt, der daran auch nur gedacht hätte, nicht mal im Bauamt. Das war ein großer Unterschied zum Beispiel zu der Stadt Köln. Dort blieben die Überreste der jüdischen Welt stets im kommunalen Gedächtnis.

Woran lag es, dass es in Frankfurt damals so anders war? 
Ich denke, man könnte von einer kollektiven Amnesie sprechen. Frankfurt hatte sich nach der nationalsozialistischen Terrorherrschaft sehr stark dem städtebaulichen Neuanfang verschrieben. Es gab zwar in der Stadt Intellektuelle von Rang, wie etwa die Philosophen der Frankfurter Schule. Aber es gab kein historisches Bewusstsein.

War das nicht Teil einer großen Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit? 
Man kann es Verdrängung nennen oder auch stadthistorische Vergesslichkeit.

 

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August 19th, 2017 at 1:23 pm

hr2 – Das aktuelle Kulturgespräch mit Micha Brumlik – Frankfurter Judengasse

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Dauer: 00:10:31 Die archäologischen Funde des jüdischen Ghettos am Frankfurter Börneplatz lösten 1987 eine Auseinandersetzung darum aus, wie nach dem Holocaust mit Zeugnissen jüdischer Geschichte umzugehen sei. Es ging um die Deutung: Waren die Reste des Ghettos eher Zeugnisse eines Schutzraumes für die Juden oder ihrer Ausgrenzung? Führte ein direkter Weg von den frühneuzeitlichen zu den nationalsozialistischen Ghettos? Außerdem stellte sich nach dem Streit um das Fassbinder-Stück “Der Müll, die Stadt und der Tod” zwei Jahre zuvor am Schauspiel Frankfurt auch die Frage, ob sich im Umgang mit den archäologischen Funden womöglich antisemitische Ressentiments zeigten. Nun, 30 Jahre danach, will ein Symposium des Fritz Bauer Instituts und des Jüdisches Museums Frankfurt die Streitpunkte neu bewerten. Daran teil nimmt auch der Publizist und frühere Leiter des Fritz Bauer Instituts Micha Brumlik, der uns im Gespräch noch einmal die unterschiedlichen Positionen darlegt.

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August 19th, 2017 at 1:21 pm

Publik-Forum| Was tun gegen neuen Antisemitismus?

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von Thomas Seiterich

Auf Schulhöfen ist das Fluchwort »Du Jude« aktuell das Schimpfwort Nummer eins. Und unter den Erwachsenen neigen bei Befragungen in Deutschland rund 40 Prozent zu einem Israel-bezogenen Antisemitismus. Verschärfen Flüchtlinge aus Arabien das Problem? Ein Gespräch mit dem Publizisten Micha Brumlik

Publik-Forum.de: Herr Brumlik, Antisemitismus war in Deutschland lange rückläufig. Jetzt erleben wir eine neue Welle, wie es scheint. Brauchen es einen Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung? Micha Brumlik: Ich glaube, wir brauchen das. Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte ist es sehr nötig, dass dieses Thema, das derzeit die deutsche Öffentlichkeit sehr umtreibt, auch politisch verantwortlich behandelt wird. Ja, vor allem deshalb brauchen wir einen solchen Beauftragten. Verändert sich durch die neuen Bürger aus arabischen Ländern, die als Flüchtlinge seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, die Situation? Wird die Lage bedrohlicher für Jüdinnen und Juden in Deutschland? Brumlik: Tatsache ist, dass zahlreiche Jüdinnen und Juden sich bedroht fühlen. Ob und wie realistisch das ist, ist eine andere Frage. Wir wissen aus verschiedenen Untersuchungen, dass etwa 40 Prozent der Befragten so etwas wie einen Israel-bezogenen Antisemitismus zu Protokoll geben. Vor diesem Hintergrund dürfte es keinen besonders großen Unterschied ausmachen, ob da noch der eine oder der andere oder auch größere Gruppen von Flüchtlingen, die aus arabischen Ländern kommen und dort mit antisemitischem Antizionismus konfrontiert wurden und den auch aufgenommen haben, diesen hierzulande an den Tag legen.

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Juni 27th, 2017 at 2:10 pm

München| Jüdischer Fundamentalismus – ein Produkt der Moderne

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  • 05. Juli 2017  |  19:00
  • Bayerische Akademie der Wissenschaften
    Alfons-Goppel-Straße 11
    80539 München
    Plenarsaal, 1. Stock
  • Religion und Gesellschaft: Sinnstiftungssysteme im Konflikt
  • Der jüdische Fundamentalismus entstand als Reaktion auf das Reformjudentum des 19. Jahrhunderts und begreift sich als „Orthodoxie“. Im 20. Jahrhundert bildete dieser Fundamentalismus in Auseinandersetzung mit der Shoah und der Gründung des Staates Israel zwei entgegengesetzte Formen aus: Einerseits einen Fundamentalismus der Besiedlung des Landes Israel, andererseits einen radikalen Antizionismus des Exils, der jede jüdische Staatsgründung strikt ablehnt. Jene Fundamentalisten, die den Staat Israel zumindest hinnehmen, lehnen dessen teils säkulare Gesetzgebung und zivile Kultur grundsätzlich ab und streben einen von rabbinischen Weisen geführten Gottesstaat an.
  • Öffentliche Veranstaltung
  • Prof. Dr. Micha Brumlik
  • Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

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Juni 27th, 2017 at 2:07 pm

TAZ| Sammelwerk „Handbook of Israel“ – Neue Referenzgröße

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Wissenschaftle­rInnen analysieren im „Handbook of Israel“ den israelischen Staat. Es hat das Zeug zu einem neuem Standardwerk.

Nach wie vor sorgt der Israel-Palästina-Konflikt – die nun einhundertjährige Auseinandersetzung zwischen Juden und Arabern um ein Territorium, das etwa so groß ist wie Südhessen – für Beunruhigung, zumal in Deutschland. Debatten um die sogenannte Israelkritik, um Lehrbeauftragte, die sich antiisraelisch äußern, sowie um die Zulässigkeit der Boykottbewegung gegen Israel erregen fast täglich die Gemüter.

Allerdings: Im Vergleich zu der halben Million Toten und den etwa 4 Millionen Flüchtlingen, die der syrische Bürgerkrieg in nur sechs Jahren forderte und die hier niemanden auf die Barrikaden getrieben haben, verblasst die Zahl von etwa 700.000 geflohenen und vertriebenen Arabern sowie von einigen tausend gefallenen Soldaten auf israelischer und arabischer Seite.

Das ändert freilich ob der deutschen Verantwortung für die Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden nichts an dem moralischen Gewicht dieser Frage. Um sich ein auch nur halbwegs begründetes Urteil bilden zu können, sind daher theoretische Kenntnisse, gesicherte historische Informationen sowie begründete Einsichten unerlässlich.

 

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Juni 22nd, 2017 at 10:37 am

swr| Gábor Paál im Gespräch mit Micha Brumlik

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15.6.2017 | 15.05 Uhr | 56:45 min

Verfügbar bis: 5.12.2022, 17.00

 

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Juni 14th, 2017 at 4:38 pm

Zur Aktualität der identitären Ideologie – böll.brief Demokratiereform #2

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Die Vordenker einer neuen rechten Internationale
von

Micha Brumlik

Heinich-Böll-Stiftung
Kostenlos
Veröffentlichungsort: www.boell.de
Veröffentlichungsdatum: April 2017
Seitenanzahl: 13
Lizenz: CC-BY-NC-ND
Alle Ausgaben: böll.brief

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April 18th, 2017 at 6:48 pm

Morgenweb| Sehnsucht nach Sicherheit

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Von unserem Redaktionsmitglied Manfred Loimeier

Die Rückbesinnung auf eine vermutete frühere Größe von Einzelstaaten liegt derzeit hoch im Kurs. Sogenannte Identitäre definieren das Deutschtum neu, sogenannte Reichsbürger verwehren sich der neustaatlichen Moderne komplett. Der vormalige Heidelberger Professor Micha Brumlik erklärt dieses Phänomen.

Herr Brumlik, derzeit ist in vielen Staaten die Sehnsucht nach nationaler Größe feststellbar. Wie lässt sich dieser Pendelausschlag Richtung Nationalstaaten wieder einfangen?

Micha Brumlik: Diese Sehnsucht nach dem alten Sozialstaat ist ja letzten Endes zum großen Teil die Sehnsucht nach einem gesicherten Sozialstaat, der seit der sogenannten Neoliberalisierung Anfang dieses Jahrhunderts – in Deutschland steht dafür Hartz IV beispielhaft – verlorengegangen ist. In Westeuropa würde man diesen Pendelschlag nur dadurch eingefangen bekommen, wenn es eine neue Form der Sozialstaatlichkeit gibt.

 

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März 14th, 2017 at 4:12 pm

TAZ| Im Weltbürgerkrieg /Was deutsch ist und was nicht. Lorenz Jägers Abrechnung mit dem Philosophen Walter Benjamin

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VON MICHA BRUMLIK

Der deutsche Schriftsteller Walter Benjamin nahm sich 1940 auf der Flucht vor antisemitischer Verfolgung an der französisch-spanischen Grenze das Leben; er wurde gerade mal 48 Jahre alt. Seinen erst postum publizierten geschichtsphilosophischen Thesen vertraute er den Gedanken an, dass auch die Toten vor dem Feind nicht sicher seien; dieser Feind aber habe zu siegen nicht aufgehört. „Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten“ lautet der Titel einer neuen, einer weiteren Biografie dieses nach wie vor rätselhaften Autors.

Lorenz Jäger, der es jetzt unternommen hat, der ersten Biografie Werner Fulds aus dem Jahr 1979, der konzisen Darstellung Bernd Wittes in der Reihe der Bildmonografien aus dem Jahr 1985 sowie schließlich der mehr als tausend Seiten zählenden, unvollendet gebliebenen Werkgeschichte Jean-Michel Palmiers aus dem Jahr 2009 eine weitere Biografie an die Seite zu stellen, ist in geistesgeschicht­lichen Fragen bestens ausgewiesen.

Als Verfasser einer umstrittenen politischen Biografie Ador­nos, einer frühen Studie zur Geschichte des Hakenkreuzes im Weltbürgerkrieg sowie eines Buchs über die revolutionären Aktivitäten von Freimaurern ist ihm die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, des „Zeitalters der Extreme“ (E. Hobsbawm) bestens bekannt. Entsprechend fällt das von ihm gemalte Lebensbild Benjamins aus: das eines linken Kämpfers im Weltbürgerkrieg.

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März 11th, 2017 at 11:58 am

Micha Brumlik| Demokratischer Hemmschuh

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Doppelte Staatsbürgerschaft und türkischer Wahlkampf im Ausland: Doppelstaatler haben mehr Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen.

Die Ausfälle des türkischen Präsidenten Erdo ğ an gegen die Bundesrepublik lenken die Aufmerksamkeit auf eine Frage, die längst beantwortet schien: das Problem doppelter Staatsbürgerschaften. Als 1998 der hessische Ministerpräsident Koch seine Wahlkampagne mit einer Unterschriftenaktion gegen doppelte Staatsbürgerschaften aufrüstete, war es im weitesten Sinn „links“, dafür zu sein.

Das Motiv war und ist integrationspolitisch: Sollten doch Menschen nicht vor die schmerzhafte Alternative gestellt werden, bei Annahme eines neuen Lebensmittelpunkts entweder ihre alte Identität aufgeben zu müssen oder Bürger zweiter Klasse zu sein. Entsprechend hatte die rot-grüne Bundesregierung doppelte Staatsbürgerschaften gesetzlich zugelassen.

Neuerdings stellen jedoch philosophische Deuter der globalisierten Migration – etwa der Kanadier Joseph ­Carens – die Frage, ob nicht das Vererben der elterlichen Staatsbürgerschaft im Zielland der Migration unzeitgemäße feudale Züge trägt: Rechte und Privilegien werden ohne jede Leistung vererbt. Weltgesellschaftlich hat das zudem die Konsequenz, dass Doppelstaatler mehr Chancen auf Einflussnahme gesellschaftlicher Entwicklungen haben als „Einfachstaatler“.

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März 11th, 2017 at 11:55 am

TAZ| Neues Buch von Leonhard Horowski: Fragen eines denkenden Lesers

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von Micha Brumlik

„Das Europa der Könige“ ist heißer Anwärter auf den Preis der Leipziger Buchmesse. Es zeigt die Rolle von Mätressen an europäischen Höfen.

In einer Zeit, in der in den Demokratien wieder einmal, skeptisch betrachtet, Autokraten die Macht übernehmen sowie Protz und Glanz zu politischen Insignien werden, darf ein Buch über eine nur noch für die Klatschpresse interessante Situation, die Monarchie, mit gesteigertem Interesse rechnen.

Am Freitag erscheint ein Buch des Historikers Leonhard Horowski, das in jeder Hinsicht das Etikett eines „Prachtbandes“ verdient. Und das nicht nur deshalb, weil sein Werk, „Das Europa der Könige. Macht und Spiel an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts“, 1.200 Seiten unterhaltsamster Historie umfasst, sondern auch, weil der Band insgesamt 32 in bester Farbtreue gehaltene Bildtafeln enthält.

Diese können das, worum es geht, nämlich Pracht, aber auch Schönheit und Ernst einer Epoche besser verständlich machen als mancher Text. Nicht zuletzt unterhält dieser Band auch durch die in ihm reichhaltig verwerteten „Ego-Dokumente“: Memoiren oder Autobiografien.

Gemeinhin wird das Verfassen von Autobiografien als eine vor allem bürgerliche Verhaltensweise, als Ausdruck einer gesteigerten Empfindsamkeit von Männern und Frauen – beginnend mit Rousseau – angesehen. Horowski kann darauf verweisen, dass diese literarische Gattung eine Ausdrucksform adliger Kreise in sämtlichen europäischen Ländern gewesen ist. Die verwendeten Quellen selbst stellen dabei keineswegs nur als solche gewollte Selbstzeugnisse dar, sondern liegen auch in Form von Briefen, Tagebucheintragungen sowie kritischen Glossen vor.

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März 11th, 2017 at 11:53 am

Deutschlandradio| Jüdischer Glaube und die Shoa – Wo war Gott in Auschwitz?

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Von Jens Rosbach

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Das Gedenken an den Holocaust dreht sich meist um die Frage, wie der Mord an sechs Millionen Juden möglich war. Gott spielt dabei zunächst keine Rolle. Unser Autor Jens Rosbach hat sich damit beschäftigt und den Einfluss der Shoah auf den jüdischen Glauben beleuchtet.

Holocaust-Überlebende berichten oft: Seit Auschwitz können wir nicht mehr religiös sein. Wer die unvorstellbaren Nazi-Verbrechen miterlebt hat, der kann einfach nicht mehr an einen allmächtigen, gütigen Gott glauben.

“Für uns Opfer war alles deutsch: Das Zyklongas war deutsch, die die Krematorien bauten, waren deutsch,. Die Befehle wurden auf Deutsch gegeben. Bis zum Ende der Zeiten wird Auschwitz Teil Ihrer Geschichte sein, so wie es Teil der meinigen sein wird.”

Im Bundestag steht ein grauhaariger Mann am Rednerpult. Er hat tiefe Furchen im Gesicht, und seine linke Hand spielt unruhig mit einer Büroklammer: Elie Wiesel, 83 Jahre alt, Shoah-Überlebender. Der amerikanische Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger spricht, am Holocaust-Gedenktag im Jahr 2000, nicht nur die Frage nach der deutschen Schuld an. Sondern noch eine andere – nicht minder brisante – Frage: Ob auch Gott Schuld habe am Massenmord an den Juden.

“Nicht einmal Gott, den Gott Israels, schien es zu rühren. Mehr noch als das Schweigen der andern war Gottes Schweigen ein Geheimnis, das vielen von uns rätselhaft bleibt und uns bedrückt bis auf den heutigen Tag. Doch dies ist ein Thema, das wir am heftigsten diskutieren, wenn wir unter uns sind.”

“Ich habe mehreren Erhängungen beigewohnt. Nie habe ich einen der Verurteilten weinen sehen, denn ihre ausgemergelten Körper hatten seit langem den bitteren Trost der Tränen vergessen. Mit Ausnahme einer Vollstreckung.”

Hat Gott im Holocaust sein Angesicht verborgen?

In seinem autobiografischen Buch “Die Nacht” äußert sich der ehemalige KZ-Häftling Elie Wiesel noch klarer, noch radikaler über Gott. In der Schlüssel-Szene kommen drei Lager-Insassen an den Galgen, darunter ein Kind. Alle anderen Inhaftierten werden gezwungen zuzuschauen.

“Wo ist Gott, wo ist er?” fragte jemand hinter mir… Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr. Aber der dritte Strick hing nicht leblos, der leichte Knabe lebte noch. Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: “Wo ist Gott?” Und ich hörte eine Stimme in mir antworten:

“Wo er ist? Dort hängt er, am Galgen…”

Für viele Zeitzeugen, die Angst, Hunger, Folter und Vergasungen miterlebt haben, ist klar: Gott ist in Auschwitz gestorben. Ein Fazit, dass auch – teilweise – die jüdische Theologie gezogen hat. Den Auftakt machte 1966 der US-amerikanische Rabbiner Richard Rubenstein. Mit seinem Buch “After Auschwitz” provozierte er die religiöse Fachwelt.

“Im Grunde lässt sich seine Position in drei Worten zusammenfassen: Gott ist tot.”

Berichtet der Historiker und Germanist Christoph Münz. Nach Angaben des hessischen Publizisten argumentierte Rubenstein damals mit strenger Logik:

“Erstens: Gott kann es unmöglich erlaubt haben, dass der Holocaust geschehen ist. Zweitens: Der Holocaust ist aber geschehen. Und deshalb, drittens, existiert Gott – so wie es in der jüdischen Tradition gedacht ist – nicht.”

Es folgten heftige innerjüdische Debatten. Eine viel beachtete, gegensätzliche These stammt vom jüdischen Philosophen Eliezer Berkovits. Der Rabbiner war 1939 aus Nazi-Deutschland geflüchtet und lebte viele Jahre in den USA.

“Berkovits sagt, dass Gott im Holocaust sein Angesicht verborgen hat. Und er tut dies, um den Menschen und der Schöpfung Raum für Freiheit zu geben – dass das Gute und das Böse gleichermaßen stark werden können.”

Ein anderer Vertreter der angelsächsischen “Holocaust-Theologie” versuchte, den Widerspruch zwischen Gottes Allmacht und der Shoah dialektisch zu lösen: der orthodoxe Rabbiner Irving Greenberg.

“Er sagt: Die klassische Gegenüberstellung von Glaube-Nichtglaube, religiös und säkular, kommt der Komplexität des Holocaust nicht nahe genug. ‘Wir müssen wahrnehmen’, ich zitiere ihn, “dass es Zeiten gibt, in denen der Glaube bewältigt wird. Wir müssen nun von Augeblicken des Glaubens sprechen. Augenblicken, in denen der Erlöser und die Vision des Erlösers gegenwärtig sind, unterbrochen von Zeiten, in denen die Flammen und der Rauch der verbrennenden Kinder den Glauben auslöschen. Wenngleich er immer wieder auffachen wird.”

“Keine Endlösungen mehr”

Greenberg lässt viele Interpretationen zu, er wendet sich gegen jegliche Endgültigkeit religiöser Deutungen und bilanziert:

“Nach dem Holocaust sollte es keine Endlösungen mehr geben. Nicht einmal mehr theologische.”

Berlin-Mitte, gegenüber der evangelischen Sophienkirche. Ein Mietshaus mit schwerem Eisentor und großem Hinterhof – Sitz des Zentrums jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Hier arbeitet der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik. Der liberale Jude, der als Kind jüdischer Flüchtlinge geboren wurde, glaubt – trotz der Shoah – an Gott. Aber er macht Abstriche.

“Das mich überzeugendste Erklärungsmuster ist das des Philosophen Hans Jonas, der eine wichtige Schrift verfasst hat über den Gottesbegriff  nach Auschwitz, in der er sagt: Wenn man intellektuell redlich sein will, dann muss man von den klassischen Prädikaten Gottes Allgüte, Allwissen und Allmacht die dritte Eigenschaft streichen.”

Gott ohne Allmacht – kann man dann überhaupt noch von Gott sprechen, wenn er teilweise ohnmächtig ist?

“Doch, das kann man schon denken. Gott ist die Weisung, der Wegweiser, die Stimme vom Sinai, die uns verpflichtet. Aber nicht jemand, der von jenseits des Weltalls beliebig in die menschlichen Dinge reinfunken kann.”

Der Professor weiß, dass Jonas‘ Ansatz widersprüchlich ist. So müsse man etwa die Frage stellen, ob Gott jemals allmächtig gewesen sei.

“Was natürlich im Widerspruch zu den Befreiungsgeschichten der Kinder Israel aus Ägypten steht. Weil da ist es ja Gott, der mit starker Hand und ausgestrecktem Arm Israel aus der Sklaverei in die Freiheit geführt hat. Das konnte nur ein allmächtiger Gott.”

Keine Abstriche am Gottesbild

Für viele Juden kommt es jedoch nicht infrage, am Gottesbild Abstriche zu machen; vor allem orthodoxe Juden schütteln entsetzt den Kopf. Rabbiner Zsolt Balla etwa, der aus Ungarn stammt und heute in Leipzig arbeitet, kann sich einen ohnmächtigen Gott nicht vorstellen.

“Dieser Gedanke kann mit orthodoxem Judentum nicht zusammengehen. Unsere Axiomen sind die 13 Axiomen von Glaube, die Rabbi Mosche Ben Maimon im 12. Jahrhundert formuliert hat. Diese Axiomen sagen sehr sehr klar: Gott ist allmächtig. Wir können das nicht infrage stellen. In der Sekunde, in der man das infrage stellt, bedeutet das, dass man nicht mehr im Rahmen von Orthodoxie ist.”

Allerdings musste das orthodoxe Judentum auch schon Positionen revidieren beim Thema Shoah. So wurde jahrelang argumentiert, dass Gott die NS-Vernichtung zugelassen habe als Strafe für die eigenen Sünden. Etwa für die “Sünde”, dass immer mehr Juden seit der Aufklärung nur noch rational denkem und nicht mehr fromm sind. Rabbiner Balla hält nichts vom “Holocaust als göttliche Strafe”, er hält es lieber mit Berkovits‘ These, dass Gott sein Antlitz zeitweise verborgen hat.

“Wenn wir sagen: Es gibt eine Ursache und eine Wirkung, dann haben wir die Arroganz zu sagen: Ich weiß warum welche Sache in der Welt passiert. Nur Gott weiß das. Es gibt etwas, aber es ist nicht in unserer Hand – und deshalb für bestimmte Zwecke, für bestimmt Gründe, muss Gott sein Gesicht in bestimmten Generationen verbergen. Warum ist das so? Wir wissen es nicht.”

Die jüdische Theologie nach Auschwitz ist das Dissertations-Thema des Historikers und Germanisten Christoph Münz. Bei seinen Recherchen ist ihm aufgefallen, dass die Rabbiner nicht nur religiös argumentieren, wenn es um die sogenannte Theodizee-Frage geht, also um die Frage nach Gottes Rolle bei all dem Übel in der Welt. So habe der liberale Rabbiner Emil Fackenheim, ein KZ-Überlebender, eine historisch begründete These aufgestellt. Fackenheim meint, dass in der Nazi-Zeit Gottes Ruf hörbar wurde: nämlich sein Gebot, trotzdem weiter zu glauben.

“Die Begründung ist: Wenn Du anfängst, an Gott zu zweifeln, dann tust Du Hitlers Job, genau das wollte er erreichen: Dass wir Juden, unser Erbe, unsere Tradition, unsere religiöse Identität aufgeben.”

Andere Experten argumentieren psychoanalytisch – wie David Blumenthal, ein US-amerikanischer Professor für jüdische Studien. Blumenthal ging in den 90er Jahren mit einer noch skandalträchtigeren These als Gott-ist-tot an die Öffentlichkeit: Gott habe sein eigenes Volk missbraucht, als er den Holocaust zuließ – lautet Blumenthals Anklage. In therapeutischen Kreisen stieß seine These auch auf Zustimmung.

“Wo war Gott in jenen Tagen?”

“Aber im religiösen Bereich, ist er für diese Position heftig kritisiert worden – in dem Sinne, als dass er ja nun mit diesem Bild Gottes als einen Vater, der sein Kind missbraucht, gänzlich die jüdische Tradition verlassen würde. Und eine völlige Neudeutung betreibt, die so nicht mitgetragen werden kann.”

Es gibt weiteren Streit. Denn viele Theologen kommen auf Israel zu sprechen, wenn sie nach Gott im Genozid suchen. So postuliert der orthodoxe Rabbiner Irving Greenberg, dass die Gründung des jüdischen Staates – nach 2000 Jahren Diaspora – Grund genug sei, weiterhin an Gott zu glauben. Experte Christoph Münz warnt allerdings vor der Verknüpfung von Holocaust, Religion und Israel: Im jüdischen Staat begründeten heute rechte wie linke Kreise ihre Ziele ständig mit der Shoah.

“Was eben dann zu der Kritik führt, dass hier die Erinnerung an den Holocaust zunehmend politisch instrumentalisiert wird – und sich verselbständigt.”

Ist Gott tot? Oder hat er sich während der Shoah nur abgewendet? Fragen, die auch die christliche Kirche beschäftigen.

Benedikt XVI

“An diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte, zu sprechen, ist fast unmöglich – ist besonders schwer und bedrückend für einen Christen, einen Papst, der aus Deutschland kommt.”

So Benedikt XVI, 2006, bei seinem Besuch der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.

Benedikt XVI

“Immer wieder ist da die Frage: Wo war Gott in jenen Tagen? Warum hat er geschwiegen?”

Der Shoah-Überlebende und Schriftsteller Elie Wiesel, der im vergangenen Sommer gestorben ist, spitzte die Frage der Christen folgendermaßen zu:

“Der nachdenkliche Christ weiß, dass in Auschwitz nicht das jüdische Volk, sondern das Christentum gestorben ist.”

Der Hintergrund: Die christliche Theologie war mitschuldig an den Nazi-Verbrechen. So sieht der jüdische Publizist Günther Bernd Ginzel, der sich für eine christlich-jüdische Verständigung einsetzt, die deutsche Kirchenlehre kritisch.

“Ohne diese Theologie hätte es den nationalsozialistischen Antisemitismus in diesem Vernichtungswillen nicht gegeben. Die Nazis haben sich in ihrer Propaganda auf praktisch sämtliche Kirchenväter und Luther berufen können. Ihr Argument war – die Kirche sagt das seit anderthalb Jahrtausenden – “Die Juden sind das Unglück. Die Juden haben Gott gemordet.” Sie sind eine Gefahr. Und wir setzen nur in die Tat um, was seit langem kirchlicherseits gefordert wird.”

Nach 1945 haben sich die christlichen Kirchen allerdings der eigenen Schuld gestellt – räumen selbst jüdische Fachleute ein – wie der Berliner Professor Micha Brumlik.

“Ich sehe es so, dass durch den Holocaust und durch die kritische Selbstreflexion der Kirchen die Nähe zum Judentum im christlichen Glauben wieder sehr viel stärker geworden ist.”

“Alle diese Holocaust-Theologen reflektieren natürlich: Und was heißt das jetzt, können wir noch mit Christen zusammen leben, können wir noch mit ihnen in den Dialog treten, wie sollen wir uns ihnen gegenüber verhalten?”

Ist die Reue der Christen oberflächlich?

Berichtet der hessische Publizist Christoph Münz. Dabei schränkt er ein, dass es auch viele Juden gäbe, die die Reue der Christen als oberflächlich empfinden und die Kirchen als – nach wie vor – überheblich gegenüber den Juden. Der Philosoph Eliezer Berkovits gehöre zu diesen Skeptikern.

“Während das Gros dafür plädiert, dass man natürlich in die Verständigung mit den christlichen Theologen gehen muss, gehört Berkovitz zu denen, der dieses Elie-Wiesel-Zitat sehr wörtlich nimmt. Er sagt: Das einzige, was wir uns heute noch von Christen und Christentum wünschen ist, dass sie von uns und unseren Kindern ihre Hände lassen! Er setzt wirklich den radikalen Schnitt und sagt: Wir wollen mit Christen und Christentum nichts mehr zu tun haben.”

Allerdings: Die jahrzehntelangen theologischen Dispute sind zumeist unter Rabbinern und Intellektuellen geführt worden; und die scharfen Debatten haben dem jüdischen Gott nichts anhaben können. Wenn heute der Anteil gläubiger Juden geringer sei als früher, resümiert Münz, liege dies am allgemeinen Säkularisierungs-Trend und nicht an der Shoah.

“Das macht deutlich, dass im Mainstream, im Großen und Ganzen sozusagen, der Holocaust offenbar keine zentrale Rolle spielt in einer Revidierung oder Veränderung der persönlichen Glaubenseinstellungen. Das Gottesbild ist selber mehr oder weniger intakt geblieben.”

Und das typische Gottesbild ist mystisch, widersprüchlich, unfassbar. So gesteht der orthodoxe Rabbiner Zsolt Balla, dass auch er keine Antwort habe auf die Frage, wo Gott war, als sechs Millionen Juden vernichtet wurden.

“Wir können nur kleine Pixel sehen von einem Billiarden-Megapixel-Bild. Wir können nur ein sehr kleines Segment sehen. Wir denken, dass Gott, er hat die Möglichkeit, das ganze Bild zu sehen.”

Quelle: Deutschlandradio Kultur

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Januar 20th, 2017 at 8:39 pm

JA| Unter Intellektuellen

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Das »Cicero«-Ranking der 500 wichtigsten deutschsprachigen Denker aus jüdischer Sicht

von Michael WuligerMichael Wuliger

Was haben Maxim Biller, Henryk M. Broder, Micha Brumlik, Dan Diner, Salomon Korn, Eva und Robert Menasse sowie Michael Wolffsohn gemein? Sie alle sind jüdisch. Sie alle stehen auf der diesen Monat von der Zeitschrift »Cicero« veröffentlichten Liste der 500 wichtigsten deutschsprachigen Intellektuellen. Und nicht alle haben sie nur Gutes übereinander zu sagen.

Vorneweg natürlich Henryk M. Broder, der nicht nur im »Cicero«-Ranking den ersten jüdischen Rang mit Platz 14 belegt, sondern auch bei Zahl und Qualität der Invektiven eindeutig an der Spitze steht. Über Micha Brumlik (Platz 66) hat er schon mal geschrieben: »Kann sein, dass er nur ein politisch überkorrekter sprachloser Schwätzer ist«, um nur eine seiner harmloseren Schmähungen zu zitieren.

Den Schriftsteller Robert Menasse (Platz 215) titulierte Broder als einen »Wiener Caféhaus-Adabei, der in seinem ganzen Leben noch nie ein größeres Risiko eingegangen ist, als besoffen über den Naschmarkt zu torkeln«. Den renommierten Geschichtsprofessor Dan Diner (Platz 263) nannte er einen »Nachwuchshistoriker« – Diner ist Jahrgang 1946. Michael Wolffsohn (Platz 124) sei »der Beweis dafür, dass man aus Erfahrung dümmer werden kann«.

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Written by lbucklitsch

Januar 12th, 2017 at 3:05 pm