Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘#Michabrumlik’ tag

TimesofIsrael| Martin Luther 500th anniversary marred by anti-Semitism row

without comments

Controversy erupts over ‚Judensau‘ carving on church showing Jews suckling the teats of a sow as a rabbi looks under its leg and tail

A bitter row over a medieval anti-Semitic carving on a church wall risks overshadowing Germany’s celebrations on Tuesday to mark the 500th anniversary of the Reformation, the seismic theological shift started by German theologian Martin Luther.

The bas relief sculpture at the heart of the dispute dates from around 1300 and is one of Germany’s last remaining examples of vulgar anti-Jewish folk art that was common in Europe during that era.

The graphic stone image shows Jews suckling the teats of a sow as a rabbi looks intently under its leg and tail. The hateful symbolism is that Jews obtain their sustenance and scripture from an unclean animal.

Many churches in the Middle Ages had similar “Judensau” (Jewish pig) sculptures, which were also aimed at sending the stark message that Jews were not welcome in their communities.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Oktober 31st, 2017 at 12:55 pm

mdr| Protestaktion gegen die „Judensau“

without comments

Kurz vor dem Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 500. Reformationsjubiläum in Wittenberg haben Persönlichkeiten aus Kirche und jüdischer Gemeinschaft gegen das umstrittene Relief „Judensau“ an der Stadtkirche protestiert. An der Kundgebung am Samstagnachmittag in der Lutherstadt beteiligten sich nach Angaben der Initiatoren etwa 40 Bürger. Auch Martin Luther gilt als Antisemit. Worum geht es in der Auseinandersetzung?

Das um 1300 angebrachte Relief zeigt eine Sau, die Menschen säugt – gemeint sind Juden. Ein Mann, der der Sau ins After schaut, soll ebenfalls einen Juden darstellen. Mit der Schmähung sollten Juden abgeschreckt werden, sich in der Stadt niederzulassen. Im Mittelalter wurden durch solche Abbildungen an vielen Kirchen Menschen des jüdischen Glaubens geschmäht.

Anlässlich des 500. Reformationsjubiläums ist nun wieder die Debatte über den Umgang mit der „Judensau“ neu entbrannt, die wegen einer nachträglich ergänzten Inschrift auch „Luthersau“ genannt wird. Auch der Reformator Martin Luther (1483-1546) gilt als Antisemit. Besonders in seinen späten Schriften hetzte er gegen Juden.

Wie argumentieren die Befürworter des Reliefs?

Die Gemeinde der Stadtkirche und der Wittenberger Stadtrat haben sich für den Erhalt des Reliefs außen an der Schlosskirche ausgesprochen. Sie argumentieren, als eine der ersten Kirchengemeinden in Deutschland habe die Stadtkirchengemeinde 1988 ein Mahnmal eingeweiht, das sich auf die Schmähplastik beziehe. Die Bodenplatte lege sich dem Besucher förmlich in den Weg. Auf diese Weise werde ein Erinnerungsstück der Geschichte bewahrt und zugleich schuldbewusst und kritisch kommentiert. In einem Positionspapier heißt es: „Geschichte soll nicht versteckt werden und Geschichtsvermittlung gelingt am eindrücklichsten am authentischen Ort.“

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Oktober 31st, 2017 at 12:52 pm

Deutschlandfunk| Der Terror aus den Hügeln, von Micha Brumlik

without comments

Eigentlich passt der Begriff des Fundamentalismus so gar nicht zum Judentum. Schließlich geht es in der jüdischen Religion ganz wesentlich darum, die Bibel zu interpretieren, zu hinterfragen und Textstellen unterschiedlich auszulegen

Written by lbucklitsch

Oktober 16th, 2017 at 12:54 pm

Blätter| Micha Brumlik – Flucht ohne Grenzen

without comments

Das Weltbürgerrecht und die Neuvermessung des politischen Raums
Foto: Johnny Silvercloud: „This Barbed Wire Cannot Keep These People Apart Forever“ Foto: Johnny Silvercloud: „This Barbed Wire Cannot Keep These People Apart Forever“ (Attribution-ShareAlike License) von Micha Brumlik
Es sind keineswegs nur rechte Bewegungen, die heute eine Rückkehr zum klassischen Nationalstaat betreiben. Auch in der Linken gewinnt die Rückbesinnung auf die Nation zunehmend an Popularität. Beide Seiten eint der Glaube, durch das Wiedererrichten der nationalen Grenzen die verheerenden Folgen der neoliberalen Globalisierung doch noch abwehren oder zumindest besser kontrollieren zu können.

Doch bei dieser Vorstellung handelt es sich um eine fatale Illusion. Schon vor Jahren argumentierte der Soziologe Niklas Luhmann, nach der „Entdeckung“ der letzten tribalen Kulturen des Erdballs auf Neu-Guinea in den 1930er Jahren könne sinnvoll nur noch von einer einzigen, freilich in sich vielfältig segmentierten und differenzierten Weltgesellschaft die Rede sein.[1] Und auch Karl Marx erkannte 1848 in seinem „Kommunistischen Manifest“: „Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.“[2]

Angesichts von Digitalisierung, Verkehrstechnik und ökonomischer Globalisierung erscheinen politische Theorien, die sich auf begrenzte Räume beziehen, so beschränkt, dass sie kaum noch ernsthafte Orientierung bieten können. Spätestens das sogenannte Flüchtlingsproblem überführte – zumindest seit es eine bestimmte Größenordnung[3] angenommen hat – den klassischen Nationalstaat, aber auch übergreifende, partiell politisch und rechtlich geordnete Großräume wie die EU ihres systematischen Ungenügens. Es bedurfte offenbar der durch die Globalisierung hervorgerufenen massenhaften Flucht, in der sich Menschen auf langen, gefährlichen Wegen auf die Suche nach einer besseren Heimat machen, um westlichen Gesellschaften vor Augen zu führen, dass die globalisierte Welt ein kosmopolitisches Denken erfordert.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

September 28th, 2017 at 8:34 am

DLF|Publizist Brumlik zu „Auschwitz on the beach“

without comments

„Preis für das Erregen von Aufmerksamkeit ist zu hoch“
Micha Brumlik im Gespräch mit Vladimir Balzer und Axel Rahmlow

Beitrag hören

Franco Berardi trage dazu bei, das historische Bewusstsein zu verunklaren, kritisiert Micha Brumlik die geplante documenta-Performance. (dpa / Hauke-Christian Dittrich)
Eine bei der documenta bevorstehende Performance sorgt für Aufregung. Mit „Auschwitz on the beach“ würden alle verlieren, kritisiert der Publizist Micha Brumlik: Der Autor Franco Berardi selbst, die NS-Opfer und auch alle, die Flüchtlingen helfen.

„Das Schlimmste ist, dass diese Performance die Hilfsbereitschaft und das Engagement für die Flüchtlinge empfindlich beschädigt.“ Das sagt Micha Brumlik, Publizist und Sohn jüdischer Flüchtlinge, über den documenta-Aufreger, die Performance „Auschwitz on the beach“ des italienischen Aktivisten Franco Berardi. Außerdem trage Berardi dazu bei, das historische Bewusstsein zu verunklaren und zu verwischen, kritisiert Brumlik: „Der Preis für das Erregen von Aufmerksamkeit ist einfach zu hoch!“

Vorsicht beim Umgang mit historischen Wahrheiten
„Ich erwarte von einem Performance-Künstler, dass er sich mit der Geschichte des Vernichtungslagers auseinandergesetzt hat“, sagt Brumlik. Die Menschen seien von den Nationalsozialisten in die Gaskammern getrieben worden, die Flüchtlinge würden jedoch nicht bewusst ermordet. „Ich kann die Empörung darüber verstehen, dass eine Kaltherzigkeit in vielen europäischen Staaten gegenüber diesem Flüchtlingsschicksal vorherrscht, aber das darf nicht dazu führen, dass die historische Wahrheit verfälscht wird.“

„Ich glaube, dass er damit seinen eigenen Anliegen damit mindestens so sehr schadet, wie dem Gedenken an die ermordeten Opfer der Nationalsozialisten.“ Die Performance zu verbieten, davon hält Brumlik dann aber doch nichts: „In Gottes Namen sollte es durchlaufen, Menschen sollen dagegen protestieren und das wird es dann auch gewesen sein.“

Mehr zum Thema
Aus den Feuilletons – „Auschwitz am Strand“ – Darf man das?
(Deutschlandfunk Kultur, Kulturpresseschau, 20.08.2017)

„Der Aufstand“ von Franco Berardi – „Demokratie als solche spielt keine Rolle mehr“
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 16.04.2015)

Written by lbucklitsch

August 22nd, 2017 at 6:50 am

FR| Juden-Ghetto in Frankfurt: Bauen auf Ghetto-Überresten?

without comments

Vor 30 Jahren wollten Besetzer verhindern, dass das Juden-Ghetto am Börneplatz in Frankfurt bebaut wird. Micha Brumlik war dabei und blickt zurück.

Herr Brumlik, im Frühjahr 1987 stießen Bauarbeiter bei der Ausschachtung für das neue Kundenzentrum der Stadtwerke am Börneplatz auf Überreste des alten jüdischen Ghettos. Wie haben Sie reagiert, als Sie diese Nachricht erreichte? 
Ich war überrascht, aufgeregt und etwas erfreut. Man hätte natürlich wissen können und müssen, dass an dieser Stelle früher das alte jüdische Ghetto lag. Aber offenbar gab es niemanden in der Stadt, der daran auch nur gedacht hätte, nicht mal im Bauamt. Das war ein großer Unterschied zum Beispiel zu der Stadt Köln. Dort blieben die Überreste der jüdischen Welt stets im kommunalen Gedächtnis.

Woran lag es, dass es in Frankfurt damals so anders war? 
Ich denke, man könnte von einer kollektiven Amnesie sprechen. Frankfurt hatte sich nach der nationalsozialistischen Terrorherrschaft sehr stark dem städtebaulichen Neuanfang verschrieben. Es gab zwar in der Stadt Intellektuelle von Rang, wie etwa die Philosophen der Frankfurter Schule. Aber es gab kein historisches Bewusstsein.

War das nicht Teil einer großen Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit? 
Man kann es Verdrängung nennen oder auch stadthistorische Vergesslichkeit.

 

weiterlesen

Written by lbucklitsch

August 19th, 2017 at 1:23 pm

hr2 – Das aktuelle Kulturgespräch mit Micha Brumlik – Frankfurter Judengasse

without comments

Dauer: 00:10:31 Die archäologischen Funde des jüdischen Ghettos am Frankfurter Börneplatz lösten 1987 eine Auseinandersetzung darum aus, wie nach dem Holocaust mit Zeugnissen jüdischer Geschichte umzugehen sei. Es ging um die Deutung: Waren die Reste des Ghettos eher Zeugnisse eines Schutzraumes für die Juden oder ihrer Ausgrenzung? Führte ein direkter Weg von den frühneuzeitlichen zu den nationalsozialistischen Ghettos? Außerdem stellte sich nach dem Streit um das Fassbinder-Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ zwei Jahre zuvor am Schauspiel Frankfurt auch die Frage, ob sich im Umgang mit den archäologischen Funden womöglich antisemitische Ressentiments zeigten. Nun, 30 Jahre danach, will ein Symposium des Fritz Bauer Instituts und des Jüdisches Museums Frankfurt die Streitpunkte neu bewerten. Daran teil nimmt auch der Publizist und frühere Leiter des Fritz Bauer Instituts Micha Brumlik, der uns im Gespräch noch einmal die unterschiedlichen Positionen darlegt.

Beitrag hören

Written by lbucklitsch

August 19th, 2017 at 1:21 pm

Publik-Forum| Was tun gegen neuen Antisemitismus?

without comments

von Thomas Seiterich

Auf Schulhöfen ist das Fluchwort »Du Jude« aktuell das Schimpfwort Nummer eins. Und unter den Erwachsenen neigen bei Befragungen in Deutschland rund 40 Prozent zu einem Israel-bezogenen Antisemitismus. Verschärfen Flüchtlinge aus Arabien das Problem? Ein Gespräch mit dem Publizisten Micha Brumlik

Publik-Forum.de: Herr Brumlik, Antisemitismus war in Deutschland lange rückläufig. Jetzt erleben wir eine neue Welle, wie es scheint. Brauchen es einen Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung? Micha Brumlik: Ich glaube, wir brauchen das. Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte ist es sehr nötig, dass dieses Thema, das derzeit die deutsche Öffentlichkeit sehr umtreibt, auch politisch verantwortlich behandelt wird. Ja, vor allem deshalb brauchen wir einen solchen Beauftragten. Verändert sich durch die neuen Bürger aus arabischen Ländern, die als Flüchtlinge seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, die Situation? Wird die Lage bedrohlicher für Jüdinnen und Juden in Deutschland? Brumlik: Tatsache ist, dass zahlreiche Jüdinnen und Juden sich bedroht fühlen. Ob und wie realistisch das ist, ist eine andere Frage. Wir wissen aus verschiedenen Untersuchungen, dass etwa 40 Prozent der Befragten so etwas wie einen Israel-bezogenen Antisemitismus zu Protokoll geben. Vor diesem Hintergrund dürfte es keinen besonders großen Unterschied ausmachen, ob da noch der eine oder der andere oder auch größere Gruppen von Flüchtlingen, die aus arabischen Ländern kommen und dort mit antisemitischem Antizionismus konfrontiert wurden und den auch aufgenommen haben, diesen hierzulande an den Tag legen.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Juni 27th, 2017 at 2:10 pm

München| Jüdischer Fundamentalismus – ein Produkt der Moderne

without comments

  • 05. Juli 2017  |  19:00
  • Bayerische Akademie der Wissenschaften
    Alfons-Goppel-Straße 11
    80539 München
    Plenarsaal, 1. Stock
  • Religion und Gesellschaft: Sinnstiftungssysteme im Konflikt
  • Der jüdische Fundamentalismus entstand als Reaktion auf das Reformjudentum des 19. Jahrhunderts und begreift sich als „Orthodoxie“. Im 20. Jahrhundert bildete dieser Fundamentalismus in Auseinandersetzung mit der Shoah und der Gründung des Staates Israel zwei entgegengesetzte Formen aus: Einerseits einen Fundamentalismus der Besiedlung des Landes Israel, andererseits einen radikalen Antizionismus des Exils, der jede jüdische Staatsgründung strikt ablehnt. Jene Fundamentalisten, die den Staat Israel zumindest hinnehmen, lehnen dessen teils säkulare Gesetzgebung und zivile Kultur grundsätzlich ab und streben einen von rabbinischen Weisen geführten Gottesstaat an.
  • Öffentliche Veranstaltung
  • Prof. Dr. Micha Brumlik
  • Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Written by lbucklitsch

Juni 27th, 2017 at 2:07 pm

TAZ| Sammelwerk „Handbook of Israel“ – Neue Referenzgröße

without comments

Wissenschaftle­rInnen analysieren im „Handbook of Israel“ den israelischen Staat. Es hat das Zeug zu einem neuem Standardwerk.

Nach wie vor sorgt der Israel-Palästina-Konflikt – die nun einhundertjährige Auseinandersetzung zwischen Juden und Arabern um ein Territorium, das etwa so groß ist wie Südhessen – für Beunruhigung, zumal in Deutschland. Debatten um die sogenannte Israelkritik, um Lehrbeauftragte, die sich antiisraelisch äußern, sowie um die Zulässigkeit der Boykottbewegung gegen Israel erregen fast täglich die Gemüter.

Allerdings: Im Vergleich zu der halben Million Toten und den etwa 4 Millionen Flüchtlingen, die der syrische Bürgerkrieg in nur sechs Jahren forderte und die hier niemanden auf die Barrikaden getrieben haben, verblasst die Zahl von etwa 700.000 geflohenen und vertriebenen Arabern sowie von einigen tausend gefallenen Soldaten auf israelischer und arabischer Seite.

Das ändert freilich ob der deutschen Verantwortung für die Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden nichts an dem moralischen Gewicht dieser Frage. Um sich ein auch nur halbwegs begründetes Urteil bilden zu können, sind daher theoretische Kenntnisse, gesicherte historische Informationen sowie begründete Einsichten unerlässlich.

 

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Juni 22nd, 2017 at 10:37 am

swr| Gábor Paál im Gespräch mit Micha Brumlik

without comments

15.6.2017 | 15.05 Uhr | 56:45 min

Verfügbar bis: 5.12.2022, 17.00

 

Beitrag hören

Written by lbucklitsch

Juni 14th, 2017 at 4:38 pm

Zur Aktualität der identitären Ideologie – böll.brief Demokratiereform #2

without comments

Die Vordenker einer neuen rechten Internationale
von

Micha Brumlik

Heinich-Böll-Stiftung
Kostenlos
Veröffentlichungsort: www.boell.de
Veröffentlichungsdatum: April 2017
Seitenanzahl: 13
Lizenz: CC-BY-NC-ND
Alle Ausgaben: böll.brief

Read the rest of this entry »

Written by lbucklitsch

April 18th, 2017 at 6:48 pm

Morgenweb| Sehnsucht nach Sicherheit

without comments

Von unserem Redaktionsmitglied Manfred Loimeier

Die Rückbesinnung auf eine vermutete frühere Größe von Einzelstaaten liegt derzeit hoch im Kurs. Sogenannte Identitäre definieren das Deutschtum neu, sogenannte Reichsbürger verwehren sich der neustaatlichen Moderne komplett. Der vormalige Heidelberger Professor Micha Brumlik erklärt dieses Phänomen.

Herr Brumlik, derzeit ist in vielen Staaten die Sehnsucht nach nationaler Größe feststellbar. Wie lässt sich dieser Pendelausschlag Richtung Nationalstaaten wieder einfangen?

Micha Brumlik: Diese Sehnsucht nach dem alten Sozialstaat ist ja letzten Endes zum großen Teil die Sehnsucht nach einem gesicherten Sozialstaat, der seit der sogenannten Neoliberalisierung Anfang dieses Jahrhunderts – in Deutschland steht dafür Hartz IV beispielhaft – verlorengegangen ist. In Westeuropa würde man diesen Pendelschlag nur dadurch eingefangen bekommen, wenn es eine neue Form der Sozialstaatlichkeit gibt.

 

weiterlesen

Written by lbucklitsch

März 14th, 2017 at 4:12 pm

TAZ| Im Weltbürgerkrieg /Was deutsch ist und was nicht. Lorenz Jägers Abrechnung mit dem Philosophen Walter Benjamin

without comments

VON MICHA BRUMLIK

Der deutsche Schriftsteller Walter Benjamin nahm sich 1940 auf der Flucht vor antisemitischer Verfolgung an der französisch-spanischen Grenze das Leben; er wurde gerade mal 48 Jahre alt. Seinen erst postum publizierten geschichtsphilosophischen Thesen vertraute er den Gedanken an, dass auch die Toten vor dem Feind nicht sicher seien; dieser Feind aber habe zu siegen nicht aufgehört. „Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten“ lautet der Titel einer neuen, einer weiteren Biografie dieses nach wie vor rätselhaften Autors.

Lorenz Jäger, der es jetzt unternommen hat, der ersten Biografie Werner Fulds aus dem Jahr 1979, der konzisen Darstellung Bernd Wittes in der Reihe der Bildmonografien aus dem Jahr 1985 sowie schließlich der mehr als tausend Seiten zählenden, unvollendet gebliebenen Werkgeschichte Jean-Michel Palmiers aus dem Jahr 2009 eine weitere Biografie an die Seite zu stellen, ist in geistesgeschicht­lichen Fragen bestens ausgewiesen.

Als Verfasser einer umstrittenen politischen Biografie Ador­nos, einer frühen Studie zur Geschichte des Hakenkreuzes im Weltbürgerkrieg sowie eines Buchs über die revolutionären Aktivitäten von Freimaurern ist ihm die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, des „Zeitalters der Extreme“ (E. Hobsbawm) bestens bekannt. Entsprechend fällt das von ihm gemalte Lebensbild Benjamins aus: das eines linken Kämpfers im Weltbürgerkrieg.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

März 11th, 2017 at 11:58 am

Micha Brumlik| Demokratischer Hemmschuh

without comments

Doppelte Staatsbürgerschaft und türkischer Wahlkampf im Ausland: Doppelstaatler haben mehr Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen.

Die Ausfälle des türkischen Präsidenten Erdo ğ an gegen die Bundesrepublik lenken die Aufmerksamkeit auf eine Frage, die längst beantwortet schien: das Problem doppelter Staatsbürgerschaften. Als 1998 der hessische Ministerpräsident Koch seine Wahlkampagne mit einer Unterschriftenaktion gegen doppelte Staatsbürgerschaften aufrüstete, war es im weitesten Sinn „links“, dafür zu sein.

Das Motiv war und ist integrationspolitisch: Sollten doch Menschen nicht vor die schmerzhafte Alternative gestellt werden, bei Annahme eines neuen Lebensmittelpunkts entweder ihre alte Identität aufgeben zu müssen oder Bürger zweiter Klasse zu sein. Entsprechend hatte die rot-grüne Bundesregierung doppelte Staatsbürgerschaften gesetzlich zugelassen.

Neuerdings stellen jedoch philosophische Deuter der globalisierten Migration – etwa der Kanadier Joseph ­Carens – die Frage, ob nicht das Vererben der elterlichen Staatsbürgerschaft im Zielland der Migration unzeitgemäße feudale Züge trägt: Rechte und Privilegien werden ohne jede Leistung vererbt. Weltgesellschaftlich hat das zudem die Konsequenz, dass Doppelstaatler mehr Chancen auf Einflussnahme gesellschaftlicher Entwicklungen haben als „Einfachstaatler“.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

März 11th, 2017 at 11:55 am

TAZ| Neues Buch von Leonhard Horowski: Fragen eines denkenden Lesers

without comments

von Micha Brumlik

„Das Europa der Könige“ ist heißer Anwärter auf den Preis der Leipziger Buchmesse. Es zeigt die Rolle von Mätressen an europäischen Höfen.

In einer Zeit, in der in den Demokratien wieder einmal, skeptisch betrachtet, Autokraten die Macht übernehmen sowie Protz und Glanz zu politischen Insignien werden, darf ein Buch über eine nur noch für die Klatschpresse interessante Situation, die Monarchie, mit gesteigertem Interesse rechnen.

Am Freitag erscheint ein Buch des Historikers Leonhard Horowski, das in jeder Hinsicht das Etikett eines „Prachtbandes“ verdient. Und das nicht nur deshalb, weil sein Werk, „Das Europa der Könige. Macht und Spiel an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts“, 1.200 Seiten unterhaltsamster Historie umfasst, sondern auch, weil der Band insgesamt 32 in bester Farbtreue gehaltene Bildtafeln enthält.

Diese können das, worum es geht, nämlich Pracht, aber auch Schönheit und Ernst einer Epoche besser verständlich machen als mancher Text. Nicht zuletzt unterhält dieser Band auch durch die in ihm reichhaltig verwerteten „Ego-Dokumente“: Memoiren oder Autobiografien.

Gemeinhin wird das Verfassen von Autobiografien als eine vor allem bürgerliche Verhaltensweise, als Ausdruck einer gesteigerten Empfindsamkeit von Männern und Frauen – beginnend mit Rousseau – angesehen. Horowski kann darauf verweisen, dass diese literarische Gattung eine Ausdrucksform adliger Kreise in sämtlichen europäischen Ländern gewesen ist. Die verwendeten Quellen selbst stellen dabei keineswegs nur als solche gewollte Selbstzeugnisse dar, sondern liegen auch in Form von Briefen, Tagebucheintragungen sowie kritischen Glossen vor.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

März 11th, 2017 at 11:53 am

Deutschlandradio| Jüdischer Glaube und die Shoa – Wo war Gott in Auschwitz?

without comments

Von Jens Rosbach

Beitrag hören

Das Gedenken an den Holocaust dreht sich meist um die Frage, wie der Mord an sechs Millionen Juden möglich war. Gott spielt dabei zunächst keine Rolle. Unser Autor Jens Rosbach hat sich damit beschäftigt und den Einfluss der Shoah auf den jüdischen Glauben beleuchtet.

Holocaust-Überlebende berichten oft: Seit Auschwitz können wir nicht mehr religiös sein. Wer die unvorstellbaren Nazi-Verbrechen miterlebt hat, der kann einfach nicht mehr an einen allmächtigen, gütigen Gott glauben.

„Für uns Opfer war alles deutsch: Das Zyklongas war deutsch, die die Krematorien bauten, waren deutsch,. Die Befehle wurden auf Deutsch gegeben. Bis zum Ende der Zeiten wird Auschwitz Teil Ihrer Geschichte sein, so wie es Teil der meinigen sein wird.“

Im Bundestag steht ein grauhaariger Mann am Rednerpult. Er hat tiefe Furchen im Gesicht, und seine linke Hand spielt unruhig mit einer Büroklammer: Elie Wiesel, 83 Jahre alt, Shoah-Überlebender. Der amerikanische Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger spricht, am Holocaust-Gedenktag im Jahr 2000, nicht nur die Frage nach der deutschen Schuld an. Sondern noch eine andere – nicht minder brisante – Frage: Ob auch Gott Schuld habe am Massenmord an den Juden.

„Nicht einmal Gott, den Gott Israels, schien es zu rühren. Mehr noch als das Schweigen der andern war Gottes Schweigen ein Geheimnis, das vielen von uns rätselhaft bleibt und uns bedrückt bis auf den heutigen Tag. Doch dies ist ein Thema, das wir am heftigsten diskutieren, wenn wir unter uns sind.“

„Ich habe mehreren Erhängungen beigewohnt. Nie habe ich einen der Verurteilten weinen sehen, denn ihre ausgemergelten Körper hatten seit langem den bitteren Trost der Tränen vergessen. Mit Ausnahme einer Vollstreckung.“

Hat Gott im Holocaust sein Angesicht verborgen?

In seinem autobiografischen Buch „Die Nacht“ äußert sich der ehemalige KZ-Häftling Elie Wiesel noch klarer, noch radikaler über Gott. In der Schlüssel-Szene kommen drei Lager-Insassen an den Galgen, darunter ein Kind. Alle anderen Inhaftierten werden gezwungen zuzuschauen.

„Wo ist Gott, wo ist er?“ fragte jemand hinter mir… Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr. Aber der dritte Strick hing nicht leblos, der leichte Knabe lebte noch. Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: „Wo ist Gott?“ Und ich hörte eine Stimme in mir antworten:

„Wo er ist? Dort hängt er, am Galgen…“

Für viele Zeitzeugen, die Angst, Hunger, Folter und Vergasungen miterlebt haben, ist klar: Gott ist in Auschwitz gestorben. Ein Fazit, dass auch – teilweise – die jüdische Theologie gezogen hat. Den Auftakt machte 1966 der US-amerikanische Rabbiner Richard Rubenstein. Mit seinem Buch „After Auschwitz“ provozierte er die religiöse Fachwelt.

„Im Grunde lässt sich seine Position in drei Worten zusammenfassen: Gott ist tot.“

Berichtet der Historiker und Germanist Christoph Münz. Nach Angaben des hessischen Publizisten argumentierte Rubenstein damals mit strenger Logik:

„Erstens: Gott kann es unmöglich erlaubt haben, dass der Holocaust geschehen ist. Zweitens: Der Holocaust ist aber geschehen. Und deshalb, drittens, existiert Gott – so wie es in der jüdischen Tradition gedacht ist – nicht.“

Es folgten heftige innerjüdische Debatten. Eine viel beachtete, gegensätzliche These stammt vom jüdischen Philosophen Eliezer Berkovits. Der Rabbiner war 1939 aus Nazi-Deutschland geflüchtet und lebte viele Jahre in den USA.

„Berkovits sagt, dass Gott im Holocaust sein Angesicht verborgen hat. Und er tut dies, um den Menschen und der Schöpfung Raum für Freiheit zu geben – dass das Gute und das Böse gleichermaßen stark werden können.“

Ein anderer Vertreter der angelsächsischen „Holocaust-Theologie“ versuchte, den Widerspruch zwischen Gottes Allmacht und der Shoah dialektisch zu lösen: der orthodoxe Rabbiner Irving Greenberg.

„Er sagt: Die klassische Gegenüberstellung von Glaube-Nichtglaube, religiös und säkular, kommt der Komplexität des Holocaust nicht nahe genug. ‚Wir müssen wahrnehmen‘, ich zitiere ihn, „dass es Zeiten gibt, in denen der Glaube bewältigt wird. Wir müssen nun von Augeblicken des Glaubens sprechen. Augenblicken, in denen der Erlöser und die Vision des Erlösers gegenwärtig sind, unterbrochen von Zeiten, in denen die Flammen und der Rauch der verbrennenden Kinder den Glauben auslöschen. Wenngleich er immer wieder auffachen wird.“

„Keine Endlösungen mehr“

Greenberg lässt viele Interpretationen zu, er wendet sich gegen jegliche Endgültigkeit religiöser Deutungen und bilanziert:

„Nach dem Holocaust sollte es keine Endlösungen mehr geben. Nicht einmal mehr theologische.“

Berlin-Mitte, gegenüber der evangelischen Sophienkirche. Ein Mietshaus mit schwerem Eisentor und großem Hinterhof – Sitz des Zentrums jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Hier arbeitet der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik. Der liberale Jude, der als Kind jüdischer Flüchtlinge geboren wurde, glaubt – trotz der Shoah – an Gott. Aber er macht Abstriche.

„Das mich überzeugendste Erklärungsmuster ist das des Philosophen Hans Jonas, der eine wichtige Schrift verfasst hat über den Gottesbegriff  nach Auschwitz, in der er sagt: Wenn man intellektuell redlich sein will, dann muss man von den klassischen Prädikaten Gottes Allgüte, Allwissen und Allmacht die dritte Eigenschaft streichen.“

Gott ohne Allmacht – kann man dann überhaupt noch von Gott sprechen, wenn er teilweise ohnmächtig ist?

„Doch, das kann man schon denken. Gott ist die Weisung, der Wegweiser, die Stimme vom Sinai, die uns verpflichtet. Aber nicht jemand, der von jenseits des Weltalls beliebig in die menschlichen Dinge reinfunken kann.“

Der Professor weiß, dass Jonas‘ Ansatz widersprüchlich ist. So müsse man etwa die Frage stellen, ob Gott jemals allmächtig gewesen sei.

„Was natürlich im Widerspruch zu den Befreiungsgeschichten der Kinder Israel aus Ägypten steht. Weil da ist es ja Gott, der mit starker Hand und ausgestrecktem Arm Israel aus der Sklaverei in die Freiheit geführt hat. Das konnte nur ein allmächtiger Gott.“

Keine Abstriche am Gottesbild

Für viele Juden kommt es jedoch nicht infrage, am Gottesbild Abstriche zu machen; vor allem orthodoxe Juden schütteln entsetzt den Kopf. Rabbiner Zsolt Balla etwa, der aus Ungarn stammt und heute in Leipzig arbeitet, kann sich einen ohnmächtigen Gott nicht vorstellen.

„Dieser Gedanke kann mit orthodoxem Judentum nicht zusammengehen. Unsere Axiomen sind die 13 Axiomen von Glaube, die Rabbi Mosche Ben Maimon im 12. Jahrhundert formuliert hat. Diese Axiomen sagen sehr sehr klar: Gott ist allmächtig. Wir können das nicht infrage stellen. In der Sekunde, in der man das infrage stellt, bedeutet das, dass man nicht mehr im Rahmen von Orthodoxie ist.“

Allerdings musste das orthodoxe Judentum auch schon Positionen revidieren beim Thema Shoah. So wurde jahrelang argumentiert, dass Gott die NS-Vernichtung zugelassen habe als Strafe für die eigenen Sünden. Etwa für die „Sünde“, dass immer mehr Juden seit der Aufklärung nur noch rational denkem und nicht mehr fromm sind. Rabbiner Balla hält nichts vom „Holocaust als göttliche Strafe“, er hält es lieber mit Berkovits‘ These, dass Gott sein Antlitz zeitweise verborgen hat.

„Wenn wir sagen: Es gibt eine Ursache und eine Wirkung, dann haben wir die Arroganz zu sagen: Ich weiß warum welche Sache in der Welt passiert. Nur Gott weiß das. Es gibt etwas, aber es ist nicht in unserer Hand – und deshalb für bestimmte Zwecke, für bestimmt Gründe, muss Gott sein Gesicht in bestimmten Generationen verbergen. Warum ist das so? Wir wissen es nicht.“

Die jüdische Theologie nach Auschwitz ist das Dissertations-Thema des Historikers und Germanisten Christoph Münz. Bei seinen Recherchen ist ihm aufgefallen, dass die Rabbiner nicht nur religiös argumentieren, wenn es um die sogenannte Theodizee-Frage geht, also um die Frage nach Gottes Rolle bei all dem Übel in der Welt. So habe der liberale Rabbiner Emil Fackenheim, ein KZ-Überlebender, eine historisch begründete These aufgestellt. Fackenheim meint, dass in der Nazi-Zeit Gottes Ruf hörbar wurde: nämlich sein Gebot, trotzdem weiter zu glauben.

„Die Begründung ist: Wenn Du anfängst, an Gott zu zweifeln, dann tust Du Hitlers Job, genau das wollte er erreichen: Dass wir Juden, unser Erbe, unsere Tradition, unsere religiöse Identität aufgeben.“

Andere Experten argumentieren psychoanalytisch – wie David Blumenthal, ein US-amerikanischer Professor für jüdische Studien. Blumenthal ging in den 90er Jahren mit einer noch skandalträchtigeren These als Gott-ist-tot an die Öffentlichkeit: Gott habe sein eigenes Volk missbraucht, als er den Holocaust zuließ – lautet Blumenthals Anklage. In therapeutischen Kreisen stieß seine These auch auf Zustimmung.

„Wo war Gott in jenen Tagen?“

„Aber im religiösen Bereich, ist er für diese Position heftig kritisiert worden – in dem Sinne, als dass er ja nun mit diesem Bild Gottes als einen Vater, der sein Kind missbraucht, gänzlich die jüdische Tradition verlassen würde. Und eine völlige Neudeutung betreibt, die so nicht mitgetragen werden kann.“

Es gibt weiteren Streit. Denn viele Theologen kommen auf Israel zu sprechen, wenn sie nach Gott im Genozid suchen. So postuliert der orthodoxe Rabbiner Irving Greenberg, dass die Gründung des jüdischen Staates – nach 2000 Jahren Diaspora – Grund genug sei, weiterhin an Gott zu glauben. Experte Christoph Münz warnt allerdings vor der Verknüpfung von Holocaust, Religion und Israel: Im jüdischen Staat begründeten heute rechte wie linke Kreise ihre Ziele ständig mit der Shoah.

„Was eben dann zu der Kritik führt, dass hier die Erinnerung an den Holocaust zunehmend politisch instrumentalisiert wird – und sich verselbständigt.“

Ist Gott tot? Oder hat er sich während der Shoah nur abgewendet? Fragen, die auch die christliche Kirche beschäftigen.

Benedikt XVI

„An diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte, zu sprechen, ist fast unmöglich – ist besonders schwer und bedrückend für einen Christen, einen Papst, der aus Deutschland kommt.“

So Benedikt XVI, 2006, bei seinem Besuch der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.

Benedikt XVI

„Immer wieder ist da die Frage: Wo war Gott in jenen Tagen? Warum hat er geschwiegen?“

Der Shoah-Überlebende und Schriftsteller Elie Wiesel, der im vergangenen Sommer gestorben ist, spitzte die Frage der Christen folgendermaßen zu:

„Der nachdenkliche Christ weiß, dass in Auschwitz nicht das jüdische Volk, sondern das Christentum gestorben ist.“

Der Hintergrund: Die christliche Theologie war mitschuldig an den Nazi-Verbrechen. So sieht der jüdische Publizist Günther Bernd Ginzel, der sich für eine christlich-jüdische Verständigung einsetzt, die deutsche Kirchenlehre kritisch.

„Ohne diese Theologie hätte es den nationalsozialistischen Antisemitismus in diesem Vernichtungswillen nicht gegeben. Die Nazis haben sich in ihrer Propaganda auf praktisch sämtliche Kirchenväter und Luther berufen können. Ihr Argument war – die Kirche sagt das seit anderthalb Jahrtausenden – „Die Juden sind das Unglück. Die Juden haben Gott gemordet.“ Sie sind eine Gefahr. Und wir setzen nur in die Tat um, was seit langem kirchlicherseits gefordert wird.“

Nach 1945 haben sich die christlichen Kirchen allerdings der eigenen Schuld gestellt – räumen selbst jüdische Fachleute ein – wie der Berliner Professor Micha Brumlik.

„Ich sehe es so, dass durch den Holocaust und durch die kritische Selbstreflexion der Kirchen die Nähe zum Judentum im christlichen Glauben wieder sehr viel stärker geworden ist.“

„Alle diese Holocaust-Theologen reflektieren natürlich: Und was heißt das jetzt, können wir noch mit Christen zusammen leben, können wir noch mit ihnen in den Dialog treten, wie sollen wir uns ihnen gegenüber verhalten?“

Ist die Reue der Christen oberflächlich?

Berichtet der hessische Publizist Christoph Münz. Dabei schränkt er ein, dass es auch viele Juden gäbe, die die Reue der Christen als oberflächlich empfinden und die Kirchen als – nach wie vor – überheblich gegenüber den Juden. Der Philosoph Eliezer Berkovits gehöre zu diesen Skeptikern.

„Während das Gros dafür plädiert, dass man natürlich in die Verständigung mit den christlichen Theologen gehen muss, gehört Berkovitz zu denen, der dieses Elie-Wiesel-Zitat sehr wörtlich nimmt. Er sagt: Das einzige, was wir uns heute noch von Christen und Christentum wünschen ist, dass sie von uns und unseren Kindern ihre Hände lassen! Er setzt wirklich den radikalen Schnitt und sagt: Wir wollen mit Christen und Christentum nichts mehr zu tun haben.“

Allerdings: Die jahrzehntelangen theologischen Dispute sind zumeist unter Rabbinern und Intellektuellen geführt worden; und die scharfen Debatten haben dem jüdischen Gott nichts anhaben können. Wenn heute der Anteil gläubiger Juden geringer sei als früher, resümiert Münz, liege dies am allgemeinen Säkularisierungs-Trend und nicht an der Shoah.

„Das macht deutlich, dass im Mainstream, im Großen und Ganzen sozusagen, der Holocaust offenbar keine zentrale Rolle spielt in einer Revidierung oder Veränderung der persönlichen Glaubenseinstellungen. Das Gottesbild ist selber mehr oder weniger intakt geblieben.“

Und das typische Gottesbild ist mystisch, widersprüchlich, unfassbar. So gesteht der orthodoxe Rabbiner Zsolt Balla, dass auch er keine Antwort habe auf die Frage, wo Gott war, als sechs Millionen Juden vernichtet wurden.

„Wir können nur kleine Pixel sehen von einem Billiarden-Megapixel-Bild. Wir können nur ein sehr kleines Segment sehen. Wir denken, dass Gott, er hat die Möglichkeit, das ganze Bild zu sehen.“

Quelle: Deutschlandradio Kultur

Written by lbucklitsch

Januar 20th, 2017 at 8:39 pm

JA| Unter Intellektuellen

without comments

Das »Cicero«-Ranking der 500 wichtigsten deutschsprachigen Denker aus jüdischer Sicht

von Michael WuligerMichael Wuliger

Was haben Maxim Biller, Henryk M. Broder, Micha Brumlik, Dan Diner, Salomon Korn, Eva und Robert Menasse sowie Michael Wolffsohn gemein? Sie alle sind jüdisch. Sie alle stehen auf der diesen Monat von der Zeitschrift »Cicero« veröffentlichten Liste der 500 wichtigsten deutschsprachigen Intellektuellen. Und nicht alle haben sie nur Gutes übereinander zu sagen.

Vorneweg natürlich Henryk M. Broder, der nicht nur im »Cicero«-Ranking den ersten jüdischen Rang mit Platz 14 belegt, sondern auch bei Zahl und Qualität der Invektiven eindeutig an der Spitze steht. Über Micha Brumlik (Platz 66) hat er schon mal geschrieben: »Kann sein, dass er nur ein politisch überkorrekter sprachloser Schwätzer ist«, um nur eine seiner harmloseren Schmähungen zu zitieren.

Den Schriftsteller Robert Menasse (Platz 215) titulierte Broder als einen »Wiener Caféhaus-Adabei, der in seinem ganzen Leben noch nie ein größeres Risiko eingegangen ist, als besoffen über den Naschmarkt zu torkeln«. Den renommierten Geschichtsprofessor Dan Diner (Platz 263) nannte er einen »Nachwuchshistoriker« – Diner ist Jahrgang 1946. Michael Wolffsohn (Platz 124) sei »der Beweis dafür, dass man aus Erfahrung dümmer werden kann«.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Januar 12th, 2017 at 3:05 pm

TAZ| Immerwährender Zankapfel

without comments

Vergessen, liebes „Abendland“? Peter Frankopan erzählt die Geschichte vom Aufstieg, Niedergang und Wiederaufstieg Eurasiens.

Der europäische Rechtspopulismus hat seine eigenen Theoretiker, die „Identitären“. Sie wiederum stützen sich nicht selten auf einen ehemaligen Berater Putins, Alexander Dugin, der für eine Abkehr vom Westen und für eine Wiederentdeckung sogenannter „eurasischer“ Denker plädiert. Dem entspricht ein tiefgreifender Pessimismus aufseiten all jener, die für „Deutschlands Weg nach Westen“ (Heinrich August Winkler) eintraten. Erst vor Kurzem unkte düster ein ehemaliger deutscher Außenminister: „Und so wird die westliche Welt, wie wir sie kannten“, prophezeite Joschka Fischer am 12. 12. in der SZ, „vor unseren Augen versinken.“

Die Ursprünge des Westens, also das angebliche Entstehen der abendländischen Kultur im Mittelmeerraum sowie der Jahrhunderte währende Aufstieg jener auf den Atlantik bezogenen Zivilisation ist auch Thema einer großflächigen Geschichtserzählung, die der britische, in Oxford lehrende Byzantinist Peter Frankopan soeben vorgelegt hat. Kann es sein, dass die Befürworter des Westens etwas vergessen haben – nämlich, dass Europa keineswegs nur eine atlantische Zivilisation ist?

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Januar 8th, 2017 at 11:57 am

TAZ| Werben für den faschistischen Staat

without comments

Die extreme Rechte ist politisch im Aufwind. Sie ist dabei, zu einem wesentlichen Einfluss-, wenn nicht gar Machtfaktor zu werden.

von Micha Brumlik

Zweifel sind kaum noch möglich: Die extreme Rechte ist politisch im Aufwind, sie ist dabei, im Bereich der Europäischen Union zu einem wesentlichen Einfluss-, wenn nicht Machtfaktor zu werden. Davon zeugen nicht nur die neuen parlamentarischen Mehrheiten in Ungarn und Polen, sondern auch der wachsende Zuspruch, den in Frankreich der Front National unter Marine Le Pen gewinnt.

Und Deutschland? Hier werden der AfD gute Chancen ausgerechnet, nicht nur in den ostdeutschen Ländern, sondern auch in Baden-Württemberg, eventuell sogar in Rheinland-Pfalz in ein Landesparlament zu kommen.

Das ist soziologisch allemal erklärbar; zu klären ist freilich, ob man sich auch der politischen und philosophischen Denke von Personen zuwenden soll, die als „Rechtsintellektuelle“ gelten. Dabei geht es nicht um die dumpfen Ressentiments von Dresdner Pegida-Demonstranten (denen zu „christlich“ kaum mehr einfallen dürfte als die erste Strophe von „O Tannenbaum“), sondern um jenes Spektrum von Personen und Medien, die (angefangen von der rechtsreformistischen Wochenzeitung Junge Freiheit über die Bücher des Antaios Verlages, die Publikationen des Instituts für Staatspolitik, die JugendzeitschriftBlaue Narzisse bis hin zur Sezession im Netz) darum bemüht sind, rechtes Denken zu rehabilitieren.

AutorInnen dieser Publikationsorgane sehen sich dem verpflichtet, was sie als „Metapolitik“ bezeichnen, also einer sich philosophisch gebenden Staatslehre, die jedoch so kommuniziert werden soll, dass sie als „Gramscianismus von rechts“ kulturelle Kommunikationsmuster bereits im vorpolitischen Raum verändert, um so die Bereitschaft zur Hinnahme von nationaler Schließung, autoritärer Unterordnung und ethnischer Homogenität zu fördern.

weiterlesen