Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

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Gastbeitrag| Zu Hermann Heideggers Leserbrief („Das entspricht nicht den Tatsachen“, Badische Zeitung vom 10. Mai 2014

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Zu Hermann Heideggers Leserbrief

(„Das entspricht nicht den Tatsachen“, Badische Zeitung vom 10. Mai 2014

http://www.badische-zeitung.de/leserbriefe-68/das-entspricht-nicht-den-tatsachen–84577968.html)

In seinem Leserbrief vom 10. Mai 2014 erwähnt Hermann Heidegger drei Dinge: erstens ein Telefonat, wodurch der neue Rektor, Martin Heidegger, die Beurlaubung jüdischer Dozenten aufgehoben habe; zweitens einen Brief seiner Mutter Elfride Heidegger an das Ehepaar Husserl; drittens Heideggers Briefe „an die Jüdin Hannah Arendt und an die Halbjüdin (sic.) Elisabeth Blochmann“. So verhält er sich wie sein Vater, der als Antwort an Hannah Arendt hinsichtlich seiner Beziehung zu den Juden und die „Verleumdungen“, die sie offensichtlich gehört hatte, die Juden, denen er geholfen hatte, auflistete1. Es bleibt dabei, dass der Rektor Heidegger Vergünstigungen für Studenten gewährte, „die in den letzten Jahren in der SA, SS, oder Wehrverbänden im Kampfe um die nationale Erhebung gestanden haben…“ und nicht an jüdische Studenten: „Dagegen dürfen an jüdische oder marxistische Studierende Vergünstigungen nicht mehr gegeben werden. Jüdische Studierende obiger Anordnung sind Studierende nicht-arischer Abstammung im Sinne des § 3 der 1. Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 11. April 1933. Das Verbot der Gewährung von Vergünstigungen findet also auch auf solche Studierende nichtarischer Abstammung Anwendung, die aus Ehen stammen, bei denen ein Elternteil und zwei Großeltern arischer Abstammung sind und deren Väter im Weltkriege an der Front für das Deutsche Reich und seine Verbündeten gekämpft haben. Von dem Verbot ausgenommen sind nur solche Studierende nicht-arischer Abstammung, die selbst Frontkämpfer gewesen sind oder deren Väter im Weltkriege auf deutscher Seite gefallen sind. Der Rektor.“ (Freiburger Studentenzeitung Nr. 1, 3. November 1933, S. 6). Dies wurde schon in Nachlese zu Heidegger von Guido Schneeberger (Bern, 1962, S. 137) veröffentlicht. In der Gesamtausgabe kann man jetzt die Vorlesungen des Rektors lesen, worin z.B. 1933 steht: „Der Feind kann in der innersten Wurzel des Daseins eines Volkes sich festgesetzt haben (…) die ständige Bereitschaft zu pflegen und zu steigern und den Angriff auf weite Sicht mit dem Ziel der völligen Vernichtung anzusetzen.“ (GA 36/37, S. 90-91).

In Band 16 der Gesamtausgabe, der von Herman Heidegger selbst editiert wurde, kann man den „mitfühlenden“ Brief (Zitat Hermann Heidegger) seiner Mutter an das Ehepaar Husserl lesen, wo sie zwar Ihre „Dankbarkeit“ ausdrückt (ein Sohn Husserls fiel während des ersten Weltkrieges), aber auch Ihre Treue dem NS-Regime und seiner rassistischen Gesetze gegenüber. Dieser Brief bildet das emotionale Pendant der Veröffentlichung in der Freiburger Studentenzeitung, die oben zitiert wurde: “Zu all dem kommt aber noch die tiefe Dankbarkeit gegen die Opferbereitschaft Ihrer Söhne, und es ist ja nur im Sinne des neuen Gesetzes, wenn wir uns bedingungslos und in aufrichtiger Ehrfurcht zu denen bekennen, die sich in der Stunde der höchsten Not auch durch die Tat zu unserem deutschen Volke bekannt haben.“ (S. 87, „den 29. April 1933“ – Husserls Emeritierung war ihm zwei Wochen davor entzogen. Martin Heidegger war seit einer Woche Rektor).

Hermann Heideggers verklärende Verteidigung wäre nur seiner Vatertreue zuzuschreiben, hätte er diese Epoche nicht selbst als Wehrmachtoffizier mitgestaltet. So heißt es im Briefwechsel Martin Heideggers mit dem Freiburger Kunsthistorikers Kurt Bauch: „Hermann ist Bataillonsadjutant geworden und sehr befriedigt. Seit 16. Juli haben wir keine Nachricht. Er steht in der Ukraine.“ (Hütte, 10. Aug. 41, in: Martin Heidegger Kurt Bauch Briefwechsel 1932-1975, Hrsg. Almuth Heidegger, Karl Alber, München, 2010, S. 67). Was in der Ukraine im Juli 1941 vor sich ging, ist nachzulesen in Die >>Ereignismeldungen UdSSR<< 1941. Dokumente der Einsatzgruppen in der Sowjetunion I2: „In Tarnopol 5000 Ukrainer verschleppt, 2000 ermordet. Als Gegenmaßnahmen Festnahmeaktionen gegen jüdische Intelligenz, die für die Ermordungen mitverantwortlich und außerdem Zuträger der NKWD, in die Wege geleitet. Zahl auf etwa 1000 geschätzt. Am 5.7. etwa 70 Juden von den Ukrainern zusammengetrieben und mit geballter Ladung erledigt. Weitere 20 Juden auf der Straße durch Militär und Ukrainer erschlagen, als Reaktion auf die Ermordung dreier Soldaten, die gefesselt mit abgeschnittenen Zungen und ausgestochenen Augen im Gefängnis aufgefunden. Wehrmacht erfreulich gute Einstellung gegen die Juden.“ (Ereignismeldung UdSSR Nr. 14. Berlin, den 6. Juli 1941).

In seinem, in einem rechtsextremistischen Verlag veröffentlichten Bericht über seine Gefangenschaft3 erfährt man über die Zeit vor 1945 nichts, dagegen aber folgendes: er habe während eines NKWD-Verhörs erklärt, „dass unsere Judenaktion falsch gewesen sei (…) Ob ich keine Russen tot geschossen habe? – Recht viele (…)4“. Die Verbrechen der roten Armee würden aber alles ausgleichen: „Ob wir als Volk keine gemeinsame Schuld hätten? Verglichen mit dem, was ich allein von Russen in Ostpreußen gesehen hätte, empfände ich Rußland gegenüber kein Gefühl einer Wiedergutmachungspflicht.“

Von einer verantwortlichen Aussage kann nicht die Rede sein, Hermann Heidegger hat sich genauso wenig wie sein Vater von seinem NS-Glauben wirklich distanziert, genauso wie dieser hat jener sein eigentliches Handeln verklärt. Im Gegensatz zu seinem Vater ist ihm aber die Möglichkeit der echten Distanzierung noch gegeben.

Gaëtan Pégny (Centre Marc Bloch, Berlin)

1 Briefe 1925 bis 1975 und andere Zeugnisse, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main, S. 68-69 (Winter 1932/33).

2 Klaus-Michael Mallmann/ Andrej Angrick/ Jürgen Matthäus/Martin Cüppers (Hrsg.), Darmstadt, WBG, 2011, S. 86.

3 Hermann Heidegger, Heimkehr 47, Edition Antaios, 2007.

4 Ibid., S. 78.

Written by lbucklitsch

September 7th, 2014 at 1:40 pm

TAZ| Werksausgabe von Martin Heidegger – Sprung in die Irre

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Sie sollten Martin Heideggers Werke beschließen: die „Schwarzen Hefte“ von 1939 bis 1941, mit ihrer Hoffnung auf eine Welt ohne Judentum.

Nein, jetzt, nach dem Erscheinen der Bände 95 und 96 der Gesamtausgabe von Martin Heideggers Werken, der „Schwarzen Hefte“ aus den Jahren 1939 bis 1941, ist ein vernünftiger Zweifel nicht mehr möglich: Der Philosoph, der sich lieber als „Denker“ verstanden hat, war ein überzeugter Nationalsozialist. Mehr noch: Sein Denken war bis in die letzten Verästelungen nationalsozialistisch, das heißt, menschenverachtend, das Töten und Sterben verklärend sowie gewollt widervernünftig.

Dieser Befund resultiert aus zwei Umständen: Zum einen sind die nun publizierten Texte alles andere als flüchtige Notizen des Tages, versuchsweise hingeschrieben und dann dem Lauf der Zeit überlassen; nein, es handelt sich um sorgfältige, wohlüberlegte, immer wieder um Genauigkeit von Sache und Ausdruck bemühte Niederschriften. Zum anderen: Diese Aufzeichnungen sind vom Autor, der 1976 im Alter von siebenundachtzig Jahren bei klarem Bewusstsein gestorben ist, gewollt als Abschluss der Gesamtausgabe seiner Werke verfügt worden.

Das lesende Publikum hat also zu respektieren, dass Heideggers „denkerisches Vermächtnis“ in einem glasklaren Bekenntnis zum Nationalsozialismus besteht. Und zwar trotz aller Kritik, die er im Einzelnen an der Universität im Nationalsozialismus, der biologistischen Fassung des Rassedenkens, ja sogar an Hitler selbst geübt hat.

Vollständiger Artikel

Written by lbucklitsch

März 16th, 2014 at 5:38 pm