Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Shoa’ tag

JA| Toleranz an der Schmerzgrenze

without comments

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Aber soll sie uneingeschränkt gelten – auch für Schoa-Leugner

– von Micha BrumlikMicha Brumlik

Sollen wir der westlichen Werte wegen unsere Todfeinde unterstützen? : Anti-Israel-Demo in Essen im Juli 2014

© Roland Geisheimer / attenzione

Dass die moderne europäische Kultur keineswegs so fortschrittlich ist, wie sie immer erscheint, war die These der Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrer 1947 publizierten Dialektik der Aufklärung. Das zeigt sich etwa im Fall des französischen Philosophen Voltaire, der bis heute als Ur- und Vorbild eines streitbaren Kämpfers für Toleranz gilt.

VOLTAIRE »Ich bin mit dem, was Sie sagen, nicht einverstanden, werde aber bis zum Ende dafür kämpfen, dass Sie es sagen können.« So die Devise Voltaires, der heute allerdings vor Gericht zu stellen wäre, gilt doch hier Paragraf 30 Strafgesetzbuch (StGB), nach dem mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden kann, wer in einer Weise, »die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe, gegen Teile der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung zum Hass aufstachelt, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen auffordert«.

Genau das trifft auf Voltaire, diesen Befürworter einer uneingeschränkten Meinungsfreiheit, zu, schrieb er doch 1764 in seinem Dictionnaire philosophique: »Die Juden sind nichts als ein unwissendes und barbarisches Volk, das seit langer Zeit die schmutzigste Habsucht mit dem verabscheuungswürdigsten Aberglauben und dem unauslöschlichsten Hasse gegen alle Völker verbindet, bei denen sie geduldet werden und an denen sie sich bereichern.«

Entsprechend wurde er von Antisemiten jeder Art gerne als Kronzeuge bemüht. Einige Jahre vor dieser Publikation, 1741, wurde sein Theaterstück Mahomet uraufgeführt, ein Stück, das nach heutigen Begriffen als islamophob gelten würde. Der damalige kirchliche Zensor Crebillon, ein katholischer Christ, verbot damals jede weitere Aufführung, da das Drama »eine Ungeheuerlichkeit voller Schändlichkeiten, Ruchlosigkeiten, Unglauben und Gottlosigkeit« sei.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Februar 13th, 2015 at 6:07 am

JA| »Die Geschichten weitergeben«

without comments

Janine Cunea führt für ihre Doktorarbeit Gespräche mit Holocaust-Überlebenden

 von Katharina Schmidt-HirschfelderKatharina Schmidt-Hirschfelder

© Gregor Zielke  | »Zuhören ist enorm wichtig«: Neu-Berlinerin Janine Cunea

Ich bin sowohl Enkelin als auch Tochter von Schoa-Überlebenden. Irgendetwas zwischen zweiter und dritter Generation. Man sagt ja, viele Kinder von Überlebenden ergreifen helfende Berufe: Sozialarbeiter, Therapeut oder Arzt. Mag sein, dass das auch in meine Berufswahl mit hineingespielt hat.

Zu Beginn meines Berufslebens habe ich in Offenbach Migranten im Bereich der beruflichen Bildung betreut, darunter viele arabisch- und türkischstämmige junge Erwachsene. Dort wurde mir klar, in welcher Perspektivlosigkeit viele Migranten leben. Drogen, Gewalt, Kriminalität – wir unterschätzen oft, wie wenige Möglichkeiten diese Jugendlichen geboten bekommen. Mit unseren Beratungen hingegen konnten wir dem zum Glück etwas entgegenstemmen. Vielleicht auch deshalb, weil wir einfach erst einmal nur zuhörten. Das war die wichtigste Erfahrung, die ich dort mitgenommen habe.

TREFFPUNKT In der Sozialabteilung der jüdischen Gemeinde meiner Heimatstadt Frankfurt erfuhr ich zu dieser Zeit zufällig vom Treffpunkt für Schoa-Überlebende. Ich begann dort ein Praktikum. Ein paar Wochen, mehr nicht. Aber dann schloss ich die Menschen immer mehr ins Herz. Am Ende wurden daraus fünf Jahre, von 2007 bis 2012.

Zu dieser Zeit studierte ich auch Sozialpädagogik. Durch meine Erfahrungen beim Treffpunkt der Schoa-Überlebenden reifte langsam die Idee zur Doktorarbeit. Denn was in dem Treffpunkt passierte, fand ich so wichtig und spannend, dass ich unbedingt über die psychosoziale Betreuung von Schoa-Überlebenden schreiben wollte. Meine Doktoreltern Micha Brumlik und Lena Inowlocki haben mich von Anfang an sehr unterstützt. Als dann 2009 das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) gegründet wurde, konnte ich die Idee dank eines Stipendiums umsetzen.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Januar 22nd, 2015 at 5:52 am