Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

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TAZ| Aktueller Revisionismus

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Die Zeit ethnischer Nationalstaaten ist längst nicht vorbei. Postkoloniale Theorien sollten in dieser Hinsicht wenigstens präzisiert werden.

Jerusalem: „Hier der Glaube an den Tempel Davids, dort die Überzeugung, dass der Prophet von Mekka auf seinem Pferd Burak nächtens angeritten sei.“ Bild: dpa

Womöglich beweisen die mörderischen Kriege im Nahen Osten sowie das tödliche militärische Geplänkel im Osten der Ukraine, dass eine – zumal von Linksliberalen gern geteilte – Überzeugung wieder zur Disposition zu stellen ist. Seit mindestens fünfundzwanzig Jahren haben wir uns bei dem Gedanken wohlgefühlt, dass die Zeit der ethnischen Nationalstaaten, die den Menschen nicht nur Europas in zwei Weltkriegen millionenfachen Tod brachten, vorbei und überwunden sei, dass zumal die Globalisierung ihre Überwindung und Einschränkung geradezu erzwinge.

Inzwischen hatten wir allerdings durch historische Forschung, etwa die Untersuchungen des Konstanzer Historikers Jürgen Osterhammel zu lernen, dass es gerade die frühneuzeitliche Globalisierung war, die den ethnischen Nationalstaat zumindest mit verursacht hat.

Zugleich war zur Kenntnis zu nehmen, dass zumal in den klassischen Nationalstaaten, Frankreich und Großbritannien, jene politischen Kräfte, die gegen ein postnationalstaatliches Gebilde wie die Europäische Union sind, immer stärker werden; die vorerst glimpflich ausgegangenen Sezessionsbewegungen in Katalonien und in Schottland bestätigen das nur.

Ein Blick in den Nahen (nah von wo eigentlich?) und „Mittleren“ Osten wiederum scheint drastisch das Ende der aufgenötigten nationalstaatlichen Hüllen zu beweisen: Während von „Libyern“, „Irakern“ oder gar „Syrern“ als ethnischen Nationen keine Rede mehr sein kann, sondern dort nur noch Stämme oder Religionsgemeinschaften Träger der politischen Entwicklung sind, erweisen sich die Völker der Juden und Palästinenser, neuerdings auch der Kurden als stabil und geradezu staatstragend – im Guten wie im Schlechten. Angesichts dessen hätte jenes Theorienangebot, das als „postkolonial“ bezeichnet wird, einige Revisionen oder wenigsten Präzisierungen vorzunehmen.

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Written by lbucklitsch

November 12th, 2014 at 5:47 am