Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

TAZ| Prophetische Rede

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US-Außenminister John Kerry hat nichts anderes verkündet als das absehbare Ende des jüdischen Staates. Ein solcher kann nur demokratisch sein.

Wer die Rede des scheidenden US-Außenministers John Kerry zum Israel-Palästina-Konflikt als verspätete politische Intervention deutet und sie deshalb kritisiert, der missversteht sie.

Diese Rede war ein Vermächtnis und gehört deshalb nicht dem Instrumentarium außenpolitischen Handwerks, sondern der Gattung prophetischer Rede an. Prophezeiungen aber sind etwas radikal anderes als mehr oder minder genaue Prognosen.

So warnte Homers Kassandra die Trojaner vor dem hölzernen Pferd der Griechen und sagte damit zugleich den Untergang Trojas voraus, so verurteilten die Propheten der hebräischen Bibel das gottlose Treiben der Könige Israels und Judas, um gelegentlich auch Trost zu spenden.

Prophezeiungen sind keine Prognosen, ihre Zeitangaben sind nicht exakt, auf Prophezeiungen würde man keine Wetten abschließen – gleichwohl ergehen sie meist dann, wenn ein Schicksal besiegelt ist.

Wohlmeinende, politisch aufgeschlossene Beobachter im heutigen Staat Israel haben Kerrys Rede zu Recht als eine im besten Sinne zionistische Rede gelesen, als eine Rede, die sich machtvoll gegen die Selbstaufhebung des Zionismus in der Besatzungsherrschaft über das Westjordanland wendet. Liest man seine Rede indes als Prophezeiung, so hat Kerry nichts anderes verkündet als das absehbare Ende des jüdischen Staates, der, wenn überhaupt, nur als demokratischer Staat existieren kann.

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Written by lbucklitsch

Januar 8th, 2017 at 11:59 am