Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for April, 2014

TAZ| Der deutsche Staat und der NSU – Land im Ausnahmezustand

without comments

KOMMENTAR VON MICHA BRUMLIK, HAJO FUNKE

Die Nichtaufklärung der NSU-Morde zeigt, wie der „Tiefe Staat“ in der Bundesrepublik funktioniert – samt seiner Wasserträger im Parlament

Landgericht München: Im NSU-Prozess wird Thomas R. alias „Corelli“ nicht mehr als Zeuge auftreten.  Bild: dpa

„Oh Herr“, heißt es in einem 1905 erschienenen Gedicht Rainer Maria Rilkes, „gib jedem seinen eignen Tod.“ Einen Tod ganz eigner Art fand kürzlich ein Mann, der unter dem Tarnnamen „Corelli“ bekannt war und Ende März plötzlich, aber kaum unerwartet, tot in seiner Wohnung in Paderborn aufgefunden wurde.

Als Todesursache gab die Polizei den Klassiker aller unaufgeklärten und nicht aufzuklärenden Todesfälle bekannt: einen „unentdeckten“ Diabetes. Ein veröffentlichter Obduktionsbericht liegt nicht vor.

Tatsächlich hieß „Corelli“ Thomas R. und war einer der bestbezahlten V-Leute des Bundesamtes für Verfassungsschutz in der rechtsextremen Szene. Dass sowohl die Polizei als auch das Bundesamt für Verfassungsschutz bei der Aufklärung mauern, erstaunt nicht. Sollte doch „Corelli“, der eng mit dem Kopf des NSU, Uwe Mundlos, bekannt und in einem Zeugenschutzprogramm untergebracht war, demnächst zum NSU befragt werden.

„Corellis“ Tod beschert jener größtmöglichen Koalition aus CDU, SPD und – ja! – selbst ernannter Bürgerrechtspartei Die Grünen eine Atempause. Sind es doch die Grünen, die vor allem in Stuttgart, wo sie regieren – aber auch seinerzeit im entsprechenden Bundestagsausschuss in Berlin–, alles daransetzen, eine rückhaltlose Aufklärung zu hintertreiben. Frauen und Männer in allen Parteien bestätigen wie immer als Ausnahmen die Regel.

Ursachen und Hintergründe dieser Strategie zu erfahren ist jedoch wichtiger als die kriminalistische Frage nach den wahren Todesursachen „Corellis“. Tatsächlich mehren sich seit Längerem die Indizien dafür, dass sich hinter dem mörderischen und rassistischen Kriminalfall NSU eine schleichende Staatskrise verbirgt. Feuilleton und Kulturkritik arbeiten sich derzeit daran ab, die Gefährdung bürgerlicher Freiheiten im Zeitalter der Digitalisierung zu verstehen.

Vollständiger Artikel

Perlentaucher| Respektabel, aber falsch – Essay

without comments

Peter Sloterdijks Verschärfung von Jan Assmanns „mosaischer Unterscheidung“ Von Micha Brumlik

Ein historischer Rundblick zeigt, dass es keine „mosaische Unterscheidung“ brauchte, um im Namen einer Religion die eigenen Leute und andere zu massakrieren: eine Widerlegung der Assmann-Sloterdijk-Hypothese.

Bild zum ArtikelMicha Brumlik wendet sich gegen die von Jan Assmann (hier) und Peter Sloterdijk (hier) formulierten Thesen über die „mosaische Unterscheidung“ und die Gewalt des Monothismus. Hier eine Übersicht über den Verlauf der Debatte. (D.Red.)
====================

Vorbemerkung

Jan Assmanns These von der mosaischen Unterscheidung sowie Peter Sloterdijks Verschärfung dieser These, wonach die mosaische Unterscheidung – in den von ihr geprägten historischen Religionen Judentum, Christentum und Islam – von „autogenozidaler Selbstexklusion“ in der Ethnogenese zur intoleranten Bildung von Zwangsmitgliedschaften und – in den politischen Religionen von Nationalsozialismus und Stalinismus – zu den katastrophalen Massenmorden der Moderne geführt hätte, ist respektabel und anregend. Respektabel deshalb, weil beide damit in einer Tradition der Selbstkritik jener westlichen Moderne stehen, die spätestens in Horkheimer/Adornos „Dialektik der Aufklärung“ einen ersten Höhepunkt erreicht hat. Anregend, weil sie dazu provoziert, erneut über die Grundlagen unserer Kultur nachzudenken. Bei alledem wird man weder Assmann noch Sloterdijk gerecht, wenn man ihre Thesen für identisch hält, gleichwohl sei im folgenden, um der Stringenz der Debatte willen von einer aus drei Teilen bestehenden „Assmann-Sloterdijk-Hypothese“ gesprochen. Deren erster Teil behauptet (mit Jan Assmann), dass die „mosaische Unterscheidung“ – also die Unterscheidung von wahr und falsch in der Religion – eine emergente, welthistorische Singularität gewesen sei, ihr zweiter Teil behauptet, dass diese Unterscheidung Legitimationsmuster zur Ausübung von Gewalt bereit halte, zumal gegen die Angehörigen der eigenen Gruppe, ein Umstand, den Peter Sloterdijk drittens pointiert, wenn er behauptet, dass damit ein „Master Narrative“, ein Deutungsmuster entstanden sei, das entsprechend Gläubige in ganz besonderer Weise zu unerträglichen, unfasslichen Grausamkeiten und zu Handlungsdispositionen „autogenozidaler Selbstexklusion“ geführt habe.

Ich versuche im Folgenden, die „A.S.-Hypothese“ in drei Argumentationsgängen zu widerlegen: Erstens gehe ich der Frage nach, ob Assmann und Sloterdijk den methodischen und methodologischen Hypotheken ihrer Hypothese gerecht werden und überhaupt gerecht werden können; Zweitens nehme ich den von Sloterdijk inaugurierten, universalhistorischen Blick auf Grausamkeit und Intoleranz zumal gegen die eigene Gemeinschaft auf, verdichte diesen Blick zu einer angeregten Vorstellung einer universalhistorischen Grausamkeitslehre („Atrozitologie“) und versuche zu zeigen, dass gerade in ihrem Rahmen die „A.S.-Hypothese“ nicht zutrifft, während ich drittens mit einigen Bemerkungen zum Judentum, das mit der vermuteten israelitischen Religion de facto nichts zu tun hat, möglichen missverständlichen antijudaistischen und antisemitischen Lesarten der „A.S.-Hypothese“ zuvorkommen will.

1. Methodisches, Methodologisches

Die „A.S.-Hypothese“ lässt sich grundsätzlich zweifach verstehen:
a. als eine universalhistorische Hypothese über den realen Verlauf der Weltgeschichte, die der Übernahme des singulären mosaischen Narrativs kausale Wirksamkeit beim Ausüben von Intoleranz und Grausamkeit zuschreibt. Und zwar in dem Sinne, dass dort, wo dieses Narrativ nicht vorliegt, die Geschichte weniger grausam verlaufen ist.
b. als eine im Wesentlichen hermeneutisch und textualistisch, bei Assmann deutlicher als bei Sloterdijk gedächtnisgeschichtlich orientierte Annahme, die den textuellen Spuren dieses Narrativs in weiteren Texten folgt, damit aber ihre religionskritische Brisanz verliert.

Vollständiger Artikel

Written by lbucklitsch

April 11th, 2014 at 9:40 am