Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for Mai, 2014

Micha Brumlik – Rezension|Dana Kasperová: Erziehung und Bildung der jüdischen Kinder […] Theresienstadt

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CoverDana Kasperová: Erziehung und Bildung der jüdischen Kinder im Protektorat und im Ghetto Theresienstadt. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 200 Seiten. ISBN 978-3-7815-1955-8. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 31,50 sFr.

 

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Erziehung nach Theresienstadt

Das von Theodor W. Adorno erstmals so artikulierte Problem, ob und wie eine „Erziehung nach Auschwitz“ möglich sein soll, beschäftigt die deutsche Erziehungswissenschaft bis heute, ein Ende der Debatte ist nicht abzusehen. Hinter dieser Frage geriet in Vergessenheit, ob – und wenn ja wie – Handlungen, die diesen Namen auch nur annähernd verdienen, in – nicht nach – Auschwitz selbst überhaupt möglich waren. Eine Antwort auf diese Frage verbietet sich von selbst und lässt sich – wenn überhaupt – nur mit Blick auf solche Zonen und Regionen stellen, in denen jüdische und andere Kinder unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, sofern sie nicht sofort umgebracht wurden, jedenfalls eine zeitlang, unter repressiven Bedingungen „beschult“ wurden. Dies zu untersuchen, eignet sich beispielhaft das sog. „Vorzeigelager“ Theresienstadt, dessen Insassen einer zynischen Form der „Selbstverwaltung“ überlassen wurde.

Autorin und Aufbau

Dazu hat nun die tschechische Erziehungswissenschaftlerin Dana Kasperováeine ebenso gründliche wie kritische, historisch aber auch systematisch argumentierende Untersuchung vorgelegt. Kasperovás Buch ist in fünf größere Kapitel, ein Vorwort und eine Schlussbetrachtung gegliedert.

Inhalt

Zunächst befasst sich die Autorin grundsätzlich mit der antijüdischen Politik des Deutschen Reiches im „Protektorat Böhmen und Mähren“, um sich dann rückblickend der jüdischen Schülerschaft und dem jüdischen Schulwesen der Tschechoslowakei bis zum Münchner Abkommen bzw. den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs 1939-1941 zu widmen.

Das gelingt der Verfasserin in einer präzisen Darstellung, mit so bisher nicht bekannten Quellen und Statistiken.

Die beiden nächsten Abschnitte befassen sich dann ausschließlich, ebenso wohl dokumentiert, mit dem Ghetto Theresienstadt, der dort etablierten jüdischen „Selbstverwaltung“ und deren Erziehungswesen, worunter dann auch die heroischen Versuche einzelner Pädagoginnen fallen, den dort inhaftierten, immer wieder von Deportation bedrohten und später auch deportierten Kindern eine halbwegs gute Erziehung zu bieten. Janusz Korczak, das entnehmen wir dieser Studie, war nicht der einzige Pädagoge, der sich dieser hochherzigen Aufgabe widmete: In der durch Frau Kasperovás Studie wiederentdeckten Malerin Friedl Dicker-Brandeis begegnen wir einer Pädagogin, der es durch ihre mitgeteilte Begeisterung für die Kunst und ihre Praxis gelungen ist, manchem Kind Leben und Überleben zu sichern.

Kasperovás präzise Darstellung und Dokumentation in jeder Hinsicht paradoxer Erziehungsverhältnisse, von Erziehungsverhältnissen, die nichts anderes darstellen als Karikaturen dessen, was als „echte“ Erziehung gelten mag, schließt nicht nur eine Forschungslücke in der Geschichte des nationalsozialistisch besetzten Europa sondern eröffnet auch – wie oben angedeutet – der Debatte über die Möglichkeit einer „Erziehung nach Auschwitz“ eine neue Dimension.

In ihrer Schlussbetrachtung, in der es der Vf. um die Frage nach der Singularität der Shoah in ihrem Verhältnis zur Frage der Erziehung geht, versucht sie, unter Bezug auf Viktor Frankls Theorie des Kampfes um existenziellen Sinn, Chancen des Überlebens nachzugehen; die daraus folgende Konsequenz, daß halbwegs gelungene, dem Terror abgerungene Erziehungsverhältnisse dazu etwas beigetragen haben, liegt auf der Hand. Die Rolle des Zufalls beim Überleben gerät demnach so gut wie gar nicht in den Fokus der Autorin. Am Ende plädiertKasperová unter Bezug auf Hannah Arendt und Theodor W. Adorno unter der Überschrift „Die Erziehung nach Theresienstadt“ mit J.Pelikan für eine Erziehung zur verantwortlichen, weltoffenen, toleranten, kritisch und bürgerlich engagierten Persönlichkeit. Das sind kaum bestreitbare Forderungen; gleichwohl scheinen sie an dem, was Kasperová in anderen Abschnitten des Buches – etwa mit Bezug auf die in Theresienstadt wirkenden Erzieher, etwa Dicker-Brandeis – entwickelt hatte, eigentümlich vorbeizugehen.

So wichtig es ist, aus der Barbarei des Nationalsozialismus die Forderung nach einem „gesunden Selbst“ abzuleiten, „das imstande ist, die Beteiligung an potenziellen ähnlichen Tragödien abzulehnen“ (S. 183), so sehr ist doch darauf zu beharren, dass auch eine „Erziehung nach Theresienstadt“ sich in erster Linie dem Problem der Gefährdung auch des guten pädagogischen Willens zu stellen hat, eines „guten pädagogischen Willens“ der bei aller Ambivalenz und Verzweiflung eben doch auch Teil der nationalsozialistischen Lügen- und Täuschungsmaschinerie war – an dem mitzuwirken freilich bei Strafe des Lebens unabdingbar war.

Fazit

Das Buch eignet sich nicht nur als Basisinformation über die nationalsozialistische Judenverfolgung in der Tschechoslowakei, sonder vor allem als Aufklärung über die Grenzen und Möglichkeiten einer ermutigenden Erziehung – sogar unter unmenschlichen Bedingungen.


Rezensent
Prof. Dr. Micha Brumlik

Berliner Geschichtswerkstatt veröffentlicht Zeitzeugen-App

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Zwischen 1938 und 1945 musste eine halbe Million Menschen in Berlin Zwangsarbeit leisten. Die Berliner Geschichtswerkstatt hat die Erinnerungen von ehemaligen NS-Zwangsarbeiterinnen und -Zwangsarbeitern in einer App für Android und iOS aufbereitet. Diese könnt Ihr nun kostenlos herunterladen. Mithilfe der App sind multimediale Spaziergänge zu Originalschauplätzen in Berlin auf Deutsch und Englisch möglich.

Grafik: Berliner GeschichtswerkstattDie App ermöglicht eine multimediale Spurensuche. Mit Interviewausschnitten, Fotos und Karten könnt Ihr zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit der Berliner S-Bahn den Alltagswegen der Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter durch die Stadt folgen.

36 Zeitzeugen erinnern sich an Orte, die in Reiseführern nicht verzeichnet sind und auch an bekannten Orten machen sie Spuren einer lange vergessenen Geschichte sichtbar. Zum Beispiel am Brandenburger Tor. Auf einem Fabrikgelände im Wedding. Am Flughafen Tempelhof. Oder auf einem Friedhof in Neukölln:

Download

Die App steht bereits seit letztem Jahr für iOS zur Verfügung (zum AppStore). Im April erschien nun auch eine Version für Android (ab Version 4.0, zu Google Play).

Dieses Pilotprojekt des mobilen Lernens ist ein Beitrag der Berliner Geschichtswerkstatt zum Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ (2013) und wurde auch gefördert durch die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“.

 

Quelle: www.berliner-geschichtswerkstatt.de

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Mai 29th, 2014 at 8:04 am

TAZ| Europa braucht Wohlstand

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FRONT NATIONAL Ein vereintes Europa wird es nur geben, wenn die rechten Wähler integriert werden. Ihre Dämonisierung ist die völlig falsche Strategie

 

Es war im Mai, dass ein aus Rheinpreußen stammender, in Paris lebender Revolutionär, der bald nach Brüssel umziehen sollte, mit Blick auf eine europäische Revolution hoffnungsvoll schrieb: „Wenn alle innern Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns.“ So Karl Marx 1844 in der Einleitung zu seiner „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“.

Hilflose Dämonisierung

Am Sonntag, einhundertundsiebzig Jahre später, hat der gallische Hahn wieder auf sich aufmerksam gemacht, allerdings mit einem Ruf ganz anderer Art. Mit dem Sieg des migrantenfeindlichen und nationalistischen Front National der Marine Le Pen, die mit diesem Sieg gute Aussichten hat, 2017 erfolgreich für das Amt der französischen Präsidentin zu kandidieren, ist ein Menetekel gesetzt worden. Niemand, der auch nur im Mindesten kosmopolitisch und internationalistisch gesinnt ist, darf es übergehen. Bei leicht gestiegener Wahlbeteiligung konnte Le Pens Front National in Frankreich stärkste Partei werden, gewann dabei vor allem unter Arbeitern wie Jungwählern hinzu und scheint jetzt für das gaullistische Programm eines „Europas der Vaterländer“ zu stehen. Hätte sich dieser Erfolg verhindern lassen?

Nicht umsonst wurde in den Wochen vor dem Wahlgang unter französischen Intellektuellen debattiert, ob es sinnvoll, nötig und möglich ist, Marine Le Pen, die den Antisemitismus ihres Vaters verabschiedet hat, um ihn durch antiislamische Ausländerfeindlichkeit zu ersetzen, weiterhin zu dämonisieren. Es war zumal der bekannte Antisemitismus- und Rassismusforscher Pierre-André Taguieff, ein Spezialist für Frankreichs Nouvelle Droite, der in einem soeben erschienenen Buch davor warnte, Marine Le Pen zu verteufeln. Sein viel besprochener Essay unter dem Titel „Du diable en politique. Réflexions sur l’antilepénisme ordinaire“ (Der Teufel in der Politik. Reflexionen zum gemeinen Anti-Le-Pen-ismus) rät Taguieff unter Bezug auf den in der NS-Zeit emigrierten, als konservativ geltenden deutsch-jüdischen Philosophen Leo Strauss von dem ab, was Strauss „reductio ad Hitlerum“ (Reduktion auf Hitler) genannt hatte.

Taguieff prognostizierte Tage vor der Wahl, dass es vor allem die Dämonisierung rechtspopulistischer Parteien ist, die ihnen einen Märtyrerbonus und damit weitere Gewinne an den Wahlurnen schenkt. Andere Theoretiker ziehen Vergleiche zu den europäischen Faschismen der 1930er Jahre.

So hat der israelische Faschismusforscher Zeev Sternhell in einem Interview der Maiausgabe des monatlich erscheinenden philosophie magazine darauf hingewiesen, dass schon der „klassische“ Faschismus politisch weder rechts noch links stand, sondern seine Motive aus beiden politischen Traditionen zusammenklaubte: Nationalismus, Rassismus und Autoritarismus von „rechts“, soziale Sicherheit, Vollbeschäftigung und eine radikal eingeschränkte Form der Solidarität unter „Volksgenossen“ von „links“.

Nation und Güterverteilung

Dieser kritische Blick auf das Verhältnis von Nationalismus und Internationalismus, von Partikularismus und Universalismus war in den 1930er Jahren auch in Deutschland nicht unüblich: In seiner Essay- und Artikelsammlung „Erbschaft dieser Zeit“, sie erschien 1935 in der Schweiz, rief der Philosoph Ernst Bloch die Linke dazu auf, einen „echten“ Begriff der Nation zu fordern: „Wir betonen: echter Nation; denn ,Nation‘ ist gewiss eine Wirklichkeit und nicht allein, wie bisher immer, eine Ideologie. Erst echter Sozialismus aber holt auch echte Nation auf, als Sprach- und Kultureinheit; erst die internationale Regelung der Gütererzeugung und Güterverteilung legt das Multiversum der Nationen wirklich frei; erst dies Esperanto des Unwesentlichen schafft wesentliche menschliche Existenz, auch als Nation, ans ideologiefreie Licht.“ Das kann so heute nicht mehr für ein vereintes Europa gelten; für ein vereintes Europa, das mehr denn je das wäre, was Bloch als „Multiversum“ bezeichnet.

Die rechte Solidarität

Gleichwohl: Der hohe Stimmenanteil, den die Rechtspopulisten im wirtschaftlich angeschlagenen Frankreich verzeichnen, beweist, dass sie die Einzigen waren, die überhaupt noch an einen, wenn auch ethnisch-rassistisch pervertierten Begriff von „Solidarität“ appellierten. Die regierenden französischen Sozialisten haben diesen Begriff längst preisgegeben. Ein Blick auf die Wählerinnen und Wähler des Front National – das Prekariat, Arbeitermilieus, die früher kommunistisch wählten, sowie desillusionierte Jungwähler – beweist nur eines: ein Vereintes Europa wird es nur mit ihnen, nicht gegen sie geben.

Entgegen Überlegungen, dass die Verfassung eines künftigen vereinten Europas in etwa dem Gründungsprozess der USA gleichen könnte, ist darauf hinzuweisen, dass die jetzt von Marine Le Pen missbräuchlich beerbten Ideale der französischen Revolution von 1789 „Liberté, Egalité, Fraternité“ nach wie vor aktuell sind – aktueller jedenfalls als die nicht zufällig neoliberal deutbaren Prinzipien der amerikanischen Revolution von 1776: „Life, Liberty and the Pursuit of Happiness“.

Marine Le Pen deutet die Prinzipien der französischen Revolution nationalistisch, ja rassistisch verengt und feiert damit Erfolge an den Wahlurnen – obwohl diese Prinzipien ursprünglich keineswegs nur für Franzosen gedacht waren und man im revolutionären Paris auch als „Ausländer“ schnell Bürger, also „citoyen“, werden konnte.

Davon zu unterscheiden ist das britische Ergebnis. Die UKIP beerbt keine revolutionäre, sondern jene klassisch konservative Tradition, die die Tories seit Thatcher vakant ließen. Dennoch, Farage sowie Le Pen profitieren, wenn auch verzerrt, von der jeweils klassisch nationalen Tradition ihrer Länder.

Mit Le Pens Wahlsieg in Frankreich steht Europa vor der Entscheidung: Ein vereintes Europa, das seinen Namen verdient, wird entweder ein sozial- und wohlfahrtsstaatliches Europa sein oder es wird nicht sein!

Die Verantwortung dafür liegt ab heute bei Europas Sozialdemokraten und Sozialisten, den Grünen sowie den Erben der kommunistischen Parteien. Ob sie dieser, einer historischen Verantwortung gerecht werden?
MICHA BRUMLIK

Die Rechten in Frankreich sind die Einzigen, die Solidarität als Wert hochhalten, auch wenn ihr Begriff davon pervertiert ist

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Mai 27th, 2014 at 4:18 pm

Frankfurt|’Einen schöneren Abschluss hätte ich mir nicht vorstellen können‘

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„Der Ankauf des Lebenswerkes von Georg Kumpfmüller-Jahn ergänzt die seit 1962 systematisch angelegte Fotosammlung des Instituts für Stadtgeschichte in hervorragender Weise“, versicherte Evelyn Brockhoff, Leitende Direktorin des Instituts, bei der Übernahme des umfangreichen Bestandes aus den Händen des langjährigen Bildjournalisten der Frankfurter Rundschau (FR), Georg Kumpfmüller-Jahn.


Demonstration gegen Ausländerfeindlichkeit mit Tom Koenigs, Micha Brumlik, Joschka Fischerm Lutz Sikorski, 10. März 1989
Foto: Georg Kumpfmüller-Jahn (Institut für Stadtgeschichte)
***

Seit Ende der 1970er Jahre hat der Fotograf für die Frankfurter Rundschau das Zeitgeschehen in der Main-Metropole dokumentiert, speziell in den Bereichen Lokales und Sport. Dabei entstanden etwa 54000 schwarz-weiß Negative, mehrere Tausend schwarz-weiß Abzüge sowie ab dem Jahr 2000 rund 40.000 farbige Digitalaufnahmen auf 149 CDs.

Nun hat sich Georg Kumpfmüller-Jahn entschlossen, die wertvolle Sammlung dem Institut für Stadtgeschichte zu überlassen. Der Bestand umfasst das gesamte Spektrum der Pressefotografie und dokumentiert eine enorme Fülle von Ereignissen, Veranstaltungen, Stadtansichten, Personen und Alltagsbeobachtungen in äußerst qualitätsvollen, zuweilen künstlerischen Aufnahmen.

Der 1947 geborene Fotograf lebt seit 1960 in Frankfurt und studierte hier zunächst Architektur. Nach zweijähriger Tätigkeit als Architekt begann er neben einem Zweitstudium mit dem Theaterspiel und engagierte sich in der Sozialarbeit. Währenddessen kam er zufällig zur Fotografie: Ein bei der FR tätiger Mitbewohner seiner Wohngemeinschaft machte ihn auf den fotografischen Nebenjob aufmerksam. „Ich wusste gar nicht, dass Fotografie für mich das totale Ausdrucksmittel ist“, erinnerte sich Kumpfmüller-Jahn. „Das war ein riesiges Glück für mich.“ Von 1978 bis 1986 arbeitete er als freier Fotograf bei der FR, anschließend als fest angestellter Bildredakteur für die Bereiche Sport und Lokales. Bis ins Jahr 2000 fotografierte er analog und in Schwarz-weiß, danach digital und farbig.

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Mai 26th, 2014 at 12:17 pm

Jüdische Allgemeine| Gerüchte über die Brit Mila

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Beschneidungsgegner sammeln sich in einem Band zum Nachhutgefecht

von Micha BrumlikMicha Brumlik

Eine junge Mutter in Jerusalem nimmt ihr Baby nach der Brit Mila in den Arm.

© Flash 90

Der vom Deutschen Bundestag vor etwas mehr als einem Jahr neu beschlossene Paragraf 1631d des Bürgerlichen Gesetzbuchs, der die medizinisch nicht notwendige Beschneidung kleiner Jungen unter sechs Monaten straffrei dem Elternrecht unterstellt, hat den bedrohten Rechtsfrieden in Deutschland wiederhergestellt. Seither ist es orthodoxen jüdischen Familien, die ihre Kinder in Deutschland auf die Welt bringen wollen, möglich, ihren Glauben angstfrei zu leben, ohne Deutschland für immer verlassen oder zum Zweck des Eingriffs ins Ausland reisen zu müssen.

Gegen diese demokratisch getroffene religionspolitische Entscheidung argumentiert ein von dem Düsseldorfer Psychosomatiker Matthias Franz publizierter Sammelband unter dem tendenziösen Titel Die Beschneidung von Jungen. Ein trauriges Vermächtnis, an dem sich 15 Autoren, darunter zwei Frauen und ein jüdischer Mann, beteiligt haben. Die Beiträge widmen sich dem Thema auf unterschiedlichem Niveau aus kulturgeschichtlicher, urologischer, psychoanalytischer sowie juristischer Perspektive.

Strategisch geht es allen Beiträgen darum, eine künftige Aufhebung des Paragrafen 1631d zu befürworten – im Wissen darum, dass das juristisch schwer möglich sein wird. Zur Begründung dieser Aufkündigung des Rechtsfriedens bemühen die Autoren den empirisch kaum zu erbringenden Nachweis, dass die Beschneidung langfristig das sexuelle Empfinden von Männern beeinträchtigende Folgen habe, sowie grundrechtsdogmatische Argumente, die sich auf die UN-Kinderrechtskonvention und auf Artikel 1 des Grundgesetzes berufen.

FALLGESCHICHTEN Zum Nachweis der Schädlichkeit der Beschneidung schildert etwa der Psychoanalytiker Matthias Franz eine Reihe durchaus lesenswerter Fallgeschichten von meist muslimischen Männern, die mitteilen, durch ihre Beschneidung psychisch geschädigt worden zu sein. Dass diese Fallgeschichten keine grundsätzliche, evidenzbasierte Stellungnahme gegen die (jüdische) Beschneidung erlauben, weiß der Autor selbst, muss er doch einräumen: »Die dargestellten Zusammenhänge sind in Teilen spekulativ, sie lassen sich aber im Sinne kasuistischer Evidenz belegen.«

Lässt sich wirklich in allen Fällen belegen, dass die nachträglich so gedeutete, angeblich traumatisch wirkende Beschneidung tatsächlich die monokausale Ursache der psychischen Störung war? Wie geradezu abenteuerlich spekulativ weitere Autoren des Sammelbandes vorgehen, wird etwa am Text des verstorbenen niederländischen Psychoanalytikers Adrian de Klerk deutlich. Behauptet er doch allen Ernstes, dass Sigmund Freud seinen jüdischen Namen Schlomo »aus unbewusstem Protest gegen das schmerzhafte Ritual der Brit Mila, bei dem er den Namen erhielt, entfernte«.

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Mai 22nd, 2014 at 4:21 pm

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Mäzene, Gelehrte, Bürger: Jüdisches Engagement und jüdische Gelehrsamkeit in Frankfurt

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„Mäzene, Gelehrte, Bürger: Jüdisches Engagement und jüdische Gelehrsamkeit in der Frankfurter Universitätsgeschichte“ ist das Thema eines öffentlichen Symposiums, zu dem interessierte Bürger und Wissenschaftler vom 25. bis 27. Mai ins Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde und die Goethe-Universität eingeladen sind. Zum Auftakt hält der Vorsitzende des Vorstands der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Prof. Dr. Salomon Korn, den Festvortrag über das jüdische Mäzenatentum und die Gründung der Universität in Frankfurt.

Dieser Festakt, bei dem u.a. Dr. Andrei Mares als Vorsitzender des Gemeinderats der Jüdischen Gemeinde, und Universitätspräsident Prof. Dr. Werner Müller-Esterl sprechen werden, findet statt am Sonntag (25. Mai) um 17 Uhr im Ignatz Bubis-Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde.

Der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in Frankfurt kommt im Kontext der Gründung der Frankfurter Universität vor 100 Jahren besondere Bedeutung zu: Individuelle jüdische Stifterinnen und Stifter sowie jüdische Stiftungen spielten nicht nur für die Finanzierung der jungen Universität eine herausragende Rolle. Sie legten auch den Grundstein für die besondere Liberalität und Offenheit der Hochschule. Eine ganze Reihe von Instituten und Lehrstühlen im Bereich der Medizin, der Naturwissenschaften, der Sozialforschung, der Geschichtswissenschaften und der Philosophie verdanken ihre Gründung großzügigen Mäzenen, und auch nach ihrer Errichtung erfreute sich die Universität der Unterstützung der jüdischen Bürgerschaft. „Mit diesem Engagement war vor allem auch die Hoffnung verbunden, in Frankfurt könnten jüdische Gelehrte fortan, frei von religiösen Schranken und sozialer Diskriminierung, selbstverständlich und gleichberechtigt am akademischen Leben teilhaben“, erläutert Prof. Christian Wiese, seit 2010 Inhaber der Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie, der für diese Tagung federführend verantwortlich ist.

Kooperationspartner sind die Jüdische Gemeinde Frankfurt, das Jüdische Museum Frankfurt und die Hebraica- und Judaica Abteilung der Frankfurter Universitätsbibliothek. Das Symposium gehört zum Programm anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Goethe-Universität.

Die Vorträge des Symposiums, die am Montag (26. Mai) und Dienstag (27. Mai) im Casino, Raum 1.801 auf dem Campus Westend stattfinden, betten die Frage nach der Rolle jüdischer Stiftungen, Stifterinnen und Stifter der Universität in Beiträge zur zeitgenössischen Geschichte der jüdischen Gemeinschaft Frankfurts ein. Dabei thematisieren sie u. a. die Rolle des Sozialpolitikers und Philanthropen Wilhelm Merton, des deutsch-amerikanischen Bankiers Jacob Schiff, des Unternehmers Arthur von Weinberg oder der Familie Rothschild. „Exemplarisch wird zudem die Geschichte der Wirksamkeit jüdischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie der aus jüdischen Stiftungen hervorgegangenen Institute in der Frankfurter Universitätsgeschichte vor und nach der Shoah erzählt“, ergänzt Wiese. Im Mittelpunkt stehen Gelehrte wie Martin Buber, der Orientalist Josef Horowitz oder der Soziologe Franz Oppenheimer, aber auch das Institut für Sozialforschung.

Darüber hinaus konnte der international renommierte amerikanische Historiker Prof. Dr. Michael A. Meyer für den Abendvortrag am Montag (26. Mai) um 19 Uhr gewonnen werden. Er spricht über die Rolle von Juden und Judentum an den deutschen Universitäten. Durchgehend spielt die Zäsur von 1933 eine wichtige Rolle: „Die Entlassung jüdischer Gelehrter, die Diskriminierung jüdischer Studierender und die Enteignung jüdischer Stiftungen gehört mit zum Erbe der Goethe-Universität“, so Wiese. Prof. Dr. Micha Brumlik reflektiert in einem abschließenden Abendvortrag am (Dienstag) 27. Mai (Beginn 18.15 Uhr) über die Auslöschung des jüdischen Teils der Frankfurter Universitätsgeschichte im Nationalsozialismus und die Schwierigkeiten eines Neuanfangs nach 1945.

Informationen: Prof. Dr. Christian Wiese, Martin-Buber-Professur für Jüdische Religionsphilosophie, Fachbereich Evangelische Theologie, Campus Westend, Tel. (069) 798-33313/3342, c.wiese@em.uni-frankfurt.de; Dr. Stefan Vogt, Tel. (069) 798-32032, s.vogt@em.uni-frankfurt.de; das Programm im Detail: http://www2.uni-frankfurt.de/49851370/maezene

Weitere Informationen:
– http://www2.uni-frankfurt.de/49851370/maezene

Quelle: idw

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Mai 20th, 2014 at 4:48 am

Welt| Einer wird gewinnen

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Sind manche Religionen brutaler als andere? Peter Sloterdijk, Jan Assmann und Marcia Pally diskutieren „Die Gewalt eines Gottes“Von Hannes Stein

Folgendes hat der Ägyptologe Jan Assmann weder geschrieben noch gemeint: Es gab einmal eine gute, alte, friedvolle Zeit, in der die Menschen verschiedene Götter, das heißt eigentlich den Kosmos selbst verehrten. In diese Idylle brach dann mit den Israeliten die sogenannte mosaische Unterscheidung ein. Moses unterschied zwischen dem einen und einzig wahren Gott Israels und den vielen Göttern der Völker, die er verächtlich als „Nichtse“ bezeichnete.

Diesen Monotheismus hatte er eigentlich von dem bilderstürmenden Pharao Echnaton abgekupfert, aber erst mit den Israeliten wurde er geschichtsmächtig. Die Folge: Massaker und Glaubenskriege, das erbarmungslose Abschlachten der Ureinwohner Kanaans, der Kampf gegen Abtrünnige in den eigenen Reihen, der zu anderen Formen religiöser Intoleranz (Kreuzzüge, Dschihad) führte und die Blaupause für die Schandtaten Hitlers und Stalins lieferte. Anders gesagt, die Juden waren irgendwie an Auschwitz und am Gulag schuld.

Wie gesagt: Diesen antisemitischen Unsinn hat Jan Assmann weder gesagt noch gemeint. Aber just so wurde er von manchen Leuten missverstanden, als 1995 sein anregendes Buch „Moses der Ägypter“ erschien. Und es ist im Rückblick eigentlich eher gut, dass Assmann auf diese Weise missverstanden wurde: Erstens, weil ihm dies die Möglichkeit eröffnete, seine Position klar-, teilweise auch richtigzustellen; zweitens, weil das Missverständnis, nachdem ihm der protestantische Theologe Rolf Schieder mit einiger Verve widersprochen hatte, zu etwas sehr Fruchtbarem führte – einer Debatte nämlich. Diese Debatte tobte zunächst im Internetportal „Perlentaucher“, jetzt gibt es sie – für die altmodischen Freunde des bedruckten Papiers – auch gebündelt zwischen zwei Buchdeckeln, und zwar unter dem Titel „Die Gewalt des einen Gottes“.

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Written by lbucklitsch

Mai 3rd, 2014 at 7:17 am

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