Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for Juni, 2014

Micha Brumlik| Karl Marx – ein Judenfeind der Gesinnung, nicht der Tat

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Karl Marx – ein Judenfeind der Gesinnung, nicht der Tat

1. Marx, Juden und Judentum

Was des jungen Karl Marx persönliche Haltung zum Judentum und zu den in Deutschland lebenden Juden betrifft, liegt alles, was man wissen muß, gut dokumentiert vor. Am 13. März 1843, kurz nach seiner Heirat und kurz vor seiner Emigration nach Paris, schreibt er aus Köln an Arnold Ruge in Dresden und beendet seinen Brief mit folgenden Worten:

„Soeben kömmt der Vorsteher der hiesigen Israeliten zu mir und ersucht mich um eine Petition für die Juden an den Landtag und ich wills tun. So widerlich mir der israelitische Glauben ist, so scheint mir Bauers Ansicht doch zu abstrakt. Es gilt so viel Löcher in den christlichen Staat zu stoßen als möglich und das Vernünftige, so viel an uns, einzuschmuggeln. Das muß man wenigstens versuchen – und die Erbitterung wächst mit jeder Petition, die mit Protest abgewiesen wird.“[1]

Marx bezieht sich damit auf zwei damals viel gelesene und öffentlich diskutierte Schriften seines Freundes Bruno Bauer, nämlich auf das im gleichen Jahr erschienene Buch Bruno Bauers „Die Judenfrage“[2] sowie auf den Artikel Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu sein: einundzwanzig Bogen aus der Schweiz.“[3] In der Sache ging es um die sogenannte „Judenemanzipation“, also um die rechtliche und vor allem berufliche Gleichstellung erwachsener jüdischer Männer [4]– eine Debatte, die damals in vielen deutschen Ländern, keineswegs nur in Sachsen, sondern auch in Rheinpreussen, in Bayern und im Königreich Hannover geführt wurde. Marx reagierte auf diese Debatte zweimal: zum ersten Mal in den von Arnold Ruge in Paris herausgegeben „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ des Jahres 1844, dann, ein weiteres Mal in seiner gemeinsam mit Friedrich Engels 1845 publizierten Schrift „Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer & Konsorten[5].In dem hier zunächst anzuführenden Beitrag in den Deutsch-Französischen Jahrbüchern finden sich dann jene Sätze, die Marx bis heute des Antisemitismus, des Judenhasses zeihen, Sätze, die – theoretisch verbrämt – nichts anderes entfalten, als jenen Affekt, den Marx in seinem Brief an Ruge äußerte: daß ihm der israelitische Glaube widerlich ist. Genannt seien nur einige, typische Passagen:

„Wir erkennen also im Judentum ein allgemeines gegenwärtiges antisoziales Element, welches durch die geschichtliche Entwicklung, an welcher die Juden in dieser schlechten Beziehung eifrig mitgearbeitet, auf deine jetzige Höhe getrieben wurde, auf eine Höhe, auf welcher es sich notwendig auflösen muß. Judenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judentum.“[6]

Das Judentum aber reduziert sich für Marx in dieser Schrift auf die moderne Geldwirtschaft:

„Das Geld ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein anderer Gott bestehen darf.“[7]

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Written by lbucklitsch

Juni 30th, 2014 at 4:43 am

Micha Brumlik| Zur Geschichte der Jugendbewegung – Wandervögel im braunen Hemd

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Christian Niemeyers Studie zur Geschichte der deutschen Jugendbewegung belegt: Fast alle Führungsmitglieder waren in der NSDAP.

Diese Jugendbewegung hat das 20. Jahrhundert überraschend gut überstanden. Bild: dpa

Die Gedenkjahre 2013 und 2014 gehören schon deshalb zusammen, weil wir aus dem zeitlichen Abstand von einhundert Jahren immer besser verstehen, warum mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 die „Welt von gestern“ (Stefan Zweig) ihr blutiges Ende nehmen musste.

Weil aber Christopher Clarks Buch über die angeblich nicht mehr haltbare These von der deutschen Alleinschuld an diesem Krieg hierzulande so dankbar aufgenommen wurde, sollten die kriegstreibenden gesellschaftlichen und kulturellen Dynamiken im deutschen Kaiserreich nicht in Vergessenheit geraten.

1913, im Oktober, fanden sich wichtige Gruppen der 1897 entstandenen Jugendbewegung zu einem großen Fest, einer Art Woodstock-Festival der Kaiserzeit, auf dem Hohen Meißner zusammen, um ihre Jugend und ein neues, vages Deutschland zu beschwören.

Zu ihnen gehört – sehr wesentlich – die in Deutschland entstandene Jugendbewegung, die nicht nur für die Jugendkultur des 20. Jahrhunderts, sondern auch für die internationale Reformpädagogik zu einem Reservoir an Ideen, Lebensstilen und – auch – politischen Haltungen wurde.

Hochbetagte Veteranen auf der Burg

Diese Jugendbewegung – als „Wandervogel“ aus Schülerwanderungen an einem Gymnasium in Berlin-Steglitz entstanden – hat das 20. Jahrhundert überraschend gut überstanden: Im vergangenen Jahr feierten hochbetagte Veteranen auf Burg Ludwigstein, wo sich das Archiv der deutschen Jugendbewegung befindet, bewegende Jubiläen; Neuzeithistorikerinnen wie Barbara Stambolis und Jürgen Reulecke dokumentieren in Fachbeiträgen und Sammelbänden die politische und kulturelle Tiefenwirkung dieser Bewegung.

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Written by lbucklitsch

Juni 29th, 2014 at 10:52 am

JA| Kabbala und Kritische Theorie – Denker in jüdischer Tradition: Zum 85. Geburtstag von Jürgen Habermas

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von Micha Brumlik

Jürgen Habermas

 

In einem Aufsatz zum Deutschen Idealismus der jüdischen Philosophen schreibt ein nichtjüdischer Autor im Jahr 1961: »Darum kann es bei unserem Bemühen nicht mehr um Leben und Überleben von Juden gehen, um Einflüsse hin und her; es geht nur noch um uns selbst. Nämlich für das eigene Leben und Überleben ist das jüdische Erbe aus deutschem Geist unentbehrlich geworden.«

Der Autor dieser Zeilen, Jürgen Habermas, wird heute 85 Jahre alt. Bei Erscheinen des zitierten Aufsatzes war er gerade dabei, sich bei Wolfgang Abendroth, einem linken Professor der Politikwissenschaft in Marburg, mit einer schnell berühmt gewordenen Arbeit über den Strukturwandel der Öffentlichkeit zu habilitieren – nach Jahren als Adornos Assistent am Frankfurter Institut für Sozialforschung.

gershom scholem Habermas war schon früh ein bekannter, provokativer Intellektueller: 1953, im Alter von 24 Jahren, hatte er als Erster die nationalsozialistischen Motive im Werk des Meisterdenkers der frühen Bundesrepublik, Martin Heidegger, skandalisiert.

Nach einer akademischen Zwischenstation in Heidelberg wurde er 1964 Professor für Soziologie und Philosophie in Frankfurt, wo er mit den maßgeblichen Vertretern der freudomarxistischen Kritischen Theorie, den vertriebenen und nach dem Krieg nach Frankfurt zurückgekehrten Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno spannungsreich kooperierte. Seine daraus resultierenden sozialphilosophischen und gesellschaftstheoretischen Arbeiten fanden schnell internationale Anerkennung.

Seiner 1961 geäußerten Überzeugung aber sollte Habermas Zeit seines Lebens treu bleiben: Die jüdische Tradition, das Schicksal der Juden und des Staates Israel beschäftigen ihn bis heute. So hielt er im Mai 2012 an der Hebräischen Universität Jerusalem die »Martin Buber Vorlesung«, erinnerte in der liberalen Tageszeitung Haaretz behutsam an Bubers Programm eines binationalen Staates und setzte sich entschieden für die humanitäre Behandlung nach Israel geflüchteter nichtjüdischer, meist afrikanischer Immigranten ein. Bei alledem war und ist Habermas sich der deutschen Verantwortung gegenüber dem Staat Israel ob der Schoa stets bewusst.

Als Philosoph, der sich bewundernd und doch kritisch mit den Arbeiten von Adorno, Horkheimer, Hannah Arendt und Walter Benjamin auseinandersetzte, wurde ihm zumal der Jugendfreund Benjamins, der in Jerusalem lehrende Kabbalaforscher Gershom Scholem, zu einer prägenden Gestalt, ja zu einem Freund.

In einer 1977 in Jerusalem gehaltenen Rede zu Scholems 80. Geburtstag nahm Habermas Scholems Polemik gegen den Begriff der »deutsch-jüdischen Symbiose« zum Anlass, über sich selbst als Deutschen zu sprechen: »Lassen Sie mich einen Augenblick von ›uns‹, das heißt, von der Generation sprechen, deren geistige Entwicklung nach dem Kriege mit der Erinnerung an die Katastrophe eingesetzt hat. Für uns war Ihre Rede von 1966, in der Sie die tiefen Asymmetrien in den deutsch-jüdischen Beziehungen aufgedeckt haben, ein Schock. Hatten wir nicht soeben in den besten Traditionen, den einzigen, die die Korruption überdauerten, Ströme jüdischer Produktivität erkannt, hatten wir diese nicht zum ersten Mal ohne Vorbehalte anerkannt?«

normativ In dieser Rede deutete Habermas eine Genealogie der eigenen intellektuellen Entwicklung an, die überraschenderweise auf die jüdische Mystik, die Kabbala, verweist. Habermas war 1954 in Bonn mit einer Arbeit über Schelling von Erich Rothacker promoviert worden, der zwischen 1933 und 1945 als überzeugter Nationalsozialist aufgetreten war. Habermas publizierte die Substanz seiner Dissertation acht Jahre später unter dem Titel Dialektischer Idealismus im Übergang zum Materialismus – Geschichtsphilosophische Folgerungen aus Schellings Idee einer Contraction Gottes.

Im Zusammenhang von Schellings Schöpfungsphilosophie stieß Habermas durch die Lektüre Scholems auf Isaak Luria, den frühneuzeitlichen Kabbalisten aus Safed, der die Lehre vom »Zimzum« begründet hatte, die besagt, dass die Welt dadurch entsteht, dass sich Gott in sich selbst zurückzieht.

Die sich Scholems Studien zur Mystik verdankende Annahme, dass in der durch Gottes Rückzug frei gegebenen Schöpfung Splitter des göttlichen Lichts bleiben, sollte zu einem Grundmotiv von Habermas’ reifer Sprach- und Gesellschaftstheorie werden. Überzeugt davon, dass sich Sozialphilosophie und Gesellschaftstheorie zwar an empirischer Forschung zu orientieren, aber gleichwohl einen unaufgebbaren normativen Kern haben, zeigt Habermas, dass sich zumal in den normativen Vorgaben alltäglicher Rede ein nicht zu vermeidender Vorschein einer versöhnten Gesellschaft äußert: der »zwanglose Zwang des besseren Arguments« – eine Annahme, die zugleich zum Kerngedanken seines monumentalen systematischen Hauptwerks, der 1981 erschienenen und stets weiterentwickelten Theorie des kommunikativen Handelns werden sollte.

religion Im Unterschied zu anderen Sozialphilosophen und Gesellschaftstheoretikern hat Habermas das Thema der Religion niemals übergangen, sondern sich der Herausforderung gestellt, die Glaube und Religion historisch und in der Gegenwart »postsäkularer« Gesellschaften bedeuten. Das heißt nicht, dass Habermas theologisch argumentiert; was ihn jedoch fasziniert, sind die vielfach noch nicht entfalteten Gehalte, die die Religionen einer im instrumentellen Selbstlauf verstrickten Moderne zu ihrer Korrektur bieten können.

Der jüdische Glaube jedenfalls war von Anfang an, seit der sogenannten Achsenzeit vor 3000 Jahren, ein Glaube, dem es um die lebendige Weitergabe der göttlichen Offenbarung von Generation zu Generation ging. In der bereits erwähnten in Jerusalem gehaltenen Rede zu Scholems 80. Geburtstag – sie wurde unter dem Titel Die verkleidete Tora publiziert – sagte Habermas: »Nachdem die Stimme, die da sagt: ›Ich bin der Herr, Dein Gott‹, nicht mehr fraglos gilt, bleibt alleine eine ihrem Begriffe nach verwandelte Tradition, die kein Verbrechen kennt außer einem: Ein Verbrechen begeht, wer das lebendige Band zwischen den Generationen zerschneidet.«

Damit hat Habermas einen Gedanken artikuliert, der wie kein anderer zum Ausdruck bringen könnte, worum es einem recht verstandenen Judentum heute gehen müsste: »Unter den modernen Gesellschaften wird nur diejenige, die wesentliche Gehalte ihrer religiösen, über das bloß Humane hinausweisenden Überlieferung in die Bezirke der Profanität einbringen kann, auch die Substanz des Humanen retten können.«

Ritual Dass es dabei nicht nur um Worte, sondern vor allem um kulturelle Praxen geht, erweist eine erstaunliche Wende: In neuesten Überlegungen erkennt Habermas als wesentlichen Motor der Menschwerdung des Menschen nicht mehr nur die Sprache und ihre Bindekräfte, sondern auch das kultische, das zeichenhafte, das religiöse Ritual. »Immerhin«, so Habermas 2009, »ist der Ritus eine Quelle gesellschaftlicher Solidarität gewesen.«

Ein religiöses Judentum, das – ohne die Einsichten von Aufklärung und Wissenschaft preiszugeben – auf die rituelle Weitergabe seiner Traditionen von Generation zu Generation setzt, kann sich daher von dem großen Sozialphilosophen nur bestätigt sehen.

Quelle: Jüdische Allgemeine

Written by lbucklitsch

Juni 18th, 2014 at 9:35 am

Micha Brumlik| ZEHN JAHRE KEUPSTRASSE „Hoffe, dass der Druck auf die Sicherheitsdienste zunimmt“

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ZEHN JAHRE KEUPSTRASSE

„Hoffe, dass der Druck auf die Sicherheitsdienste zunimmt“ (Beitrag hören)

Micha Brumlik im Gespräch mit Birgid Becker

Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik

Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Ende 2011 kam heraus, dass der Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße vor zehn Jahren vermutlich auf das Konto der Neonazi-Gruppe NSU geht. Die Gedenkfeiern zum Anschlag gehen heute zu Ende. Es sei dringend nötig, dass es mit dem Kölner Fest eine starke zivilgesellschaftliche Reaktion auf rassistisches Unwesen gebe, sagte der Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik im DLF.

Er hoffe, dass die verschiedenen NSU-Untersuchungsausschüsse sowohl in den Landtagen als auch auf Bundesebene dafür sorgen, dass der Druck auf die sogenannten Sicherheitsdienste zunehme. Man habe nämlich unter anderem durch die verschiedenen Ausschüsse durchaus den Eindruck gewinnen können, dass die Dienste diese rassistischen Verbrechen mindestens billigend in Kauf genommen hätten.

Von dem Instrument Untersuchungsausschuss erwarte er nicht nur eine rückhaltlose Aufklärung, sagte Brumli weiter, sondern auch, dass die Ergebnisse in Gesetze mündeten. Es dürfe nicht mehr zulässig sein, dass V-Leute straffällig würden und dass das strafrechtlich nicht verfolgt werde.

Written by lbucklitsch

Juni 9th, 2014 at 8:32 pm