Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for Juli, 2014

StN| Initiative für Hotel Silber fordert mehr Mitsprache

without comments

Konstantin Schwarz

In Räumen des ehemaligen Hotel soll eine Gedenkstätte einziehen Foto: Leif Piechowski

In Räumen des ehemaligen Hotel soll eine Gedenkstätte einziehenFoto: Leif Piechowski

Stuttgart – Die Lern- und Gedenkstätte im ehemaligen Hotel Silber – in der Nazi-Zeit Gestapo-Zentrale – soll nicht Ende 2016, sondern erst Mitte 2017 eröffnet werden. Thomas Schnabel, der Leiter des Hauses der Geschichte, hat den neuen Termin am Montag bei einer Pressekonferenz genannt. Am Tisch saßen dabei weitere Vertreter des Landes, nicht aber der Stadt und der Initiative Hotel Silber e.V.

Nicht nur die Ankündigung, den Eröffnungstermin zu verschieben, auch die am Montag im Hotel Silber an der Dorotheenstraße unterzeichnete Vereinbarung mit der Polizei kam überraschend. Die Ordnungsmacht ist Teil der unrühmlichen Verfolgungsgeschichte. Schnabel und der für die Polizei zuständige Innenminister Reinold Gall (SPD) kündigten an, „intensiver und nachhaltiger zusammenzuarbeiten“.

Die Protagonisten des Gedenkortes finden die Einbeziehung der Polizei gut. Weniger gut gefällt ihnen, dass Entscheidungen zur Organisationsstruktur und künftigen Beteiligung Ehrenamtlicher für das Hotel Silber noch nicht geklärt sind.

„Es war Herrn Schnabels zweite Pressekonferenz, bei der er nicht alle eingeladen hat“, sagt Ulrike Küstler. Die Altstadträtin der Linken, die auch Mitglied der Initiative ist, will den Hinweis nicht missverstanden wissen. Sie stellt aber klar, „dass es das Haus ohne die Initiative nicht mehr geben würde, es war nicht Herrn Schnabels Projekt“.

Vollständiger Artikel

Written by lbucklitsch

Juli 31st, 2014 at 6:26 am

ZDF| Gastkommentar zum Gaza-Konflikt – Die letzte Chance – Micha Brumlik

without comments

Gastkommentar von Micha Brumlik

Das Machtwort des UN-Sicherheitsrates im Gaza ist möglicherweise ein erster Schritt zur Lösung des mehr als einhundert Jahre alten Konflikts zwischen Juden und Palästinensern. Das  Ende der Offensive ist eine der letzten Chancen für Frieden – und eine Zweistaatenlösung.

Möglicherweise wird der Appell des UN-Sicherheitsrates zur Feuerpause im Rückblick als erster Schritt zur Lösung des mehr als einhundert Jahre alten Konflikts zwischen Juden und palästinensischen Arabern in die Geschichte eingehen. Es könnte sein, dass der durch die Ermordung jüdischer und arabischer Jugendlicher ausgelöste Gazakrieg jenes Ereignis ist, dessen es bedurfte, um Israelis und Palästinenser zu jenem Frieden zu zwingen, den sie aus eigener Kraft nicht schließen können.

Ebenso gut ist aber denkbar, dass sich dieser Krieg bei gescheiterten Friedensbemühungen als die letzte, leider vertane Chance erweisen wird, Israels Weg in einen Apartheidstaat aufzuhalten.

Geographische Bedingungen für „Zwei-Staaten-Lösung“ nicht mehr gegeben

 

 

ZUR PERSON
Micha BrumlikDer Frankfurter Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik, 65, leitete das Fritz-Bauer-Institut zur Erforschung des Holocaust.

 

 

Es waren ehemalige Chefs des israelischen Geheimdienstes, zuletzt Yuval Diskin, die nachgewiesen haben, dass eine Rückführung der halben Million jüdischer Siedler in Jerusalem und im Westjordanland schon jetzt kaum noch möglich ist. Damit aber und mit einem auf Dauer unbefriedeten Gaza sind die geographischen Bedingungen für eine Zweistaatenlösung nicht mehr gegeben: Schon jetzt ist der Staat Israel mitsamt dem völkerrechtswidrig okkupierten Westjordanland nur unerheblich größer als das ganze Bundesland Hessen.

Absehbar ist zudem, dass der Anteil arabischer Bewohner in Israel und dem Westjordanland kontinuierlich steigen wird. Im Israel der Grenzen von 1967 leben heute etwas mehr als sechs Millionen Juden und etwas weniger als zwei Millionen Araber; im Westjordanland – den östlichen Teil Jerusalems eingerechnet – leben eine halbe Million Juden sowie über zwei Millionen Araber bei kontinuierlich steigender Geburtenrate.

Jeder Blick auf eine Karte des Westjordanlandes mit seinen verschiedenen Zonen und Straßen, auf denen nur israelische Autos fahren dürfen, zeigt ein Territorium nach dem Muster eines Flickenteppichs, das sich jeder einheitlichen Staatlichkeit entzieht. Bei alledem war von den gewalttätigen Übergriffen rechtsradikaler israelischer Siedler auf ihre palästinensischen Nachbarn noch keine Rede.Amerikanische Unterstützung schwindetKein Geringerer als US-Außenminister John Kerry hat davor gewarnt, dass sich Israel bei andauernder Besatzung zu einem „Apartheidstaat“ entwickeln werde. Bei dem Vergleich mit dem Staat Südafrika vor 1990 ging es ihm nicht um Rassismus, sondern um den Hinweis, dass dort eine weiße Minderheit über Jahrzehnte die schwarze Mehrheit von demokratischer Selbstbestimmung ausgeschlossen hat.

Kerry nahm seine Äußerung zwar wieder zurück, dennoch zeigt sich andeutungsweise, dass die amerikanische Unterstützung für die  Regierung Netanjahu ihrem Ende entgegengeht. Nicht nur hat Israel selbst erklärt, dass Außenminister Kerry den Palästinensern gegenüber zu nachgiebig sei. Nein, auch die inzwischen aufgehobene Einstellung amerikanischer Flüge nach Israel war bereits ein deutliches Zeichen. Der Appell des Sicherheitsrats, in dem die USA ständiges Mitglied sind, ergänzt dies.
Der jetzt vom Sicherheitsrat ergangene Ruf nach einer Feuerpause gewinnt an politischem Gewicht, wenn man sich klar macht, dass die Beziehungen zwischen dessen ständigen Mitgliedern, nämlich Russlands und Chinas hier, Frankreichs, Großbritanniens und der USA dort sich derzeit auf einem Tiefpunkt befinden. Doch scheint der Gazakrieg den verfeindeten Mächten die Gelegenheit zu geben, wenigstens auf einem Gebiet wieder Einigkeit zu zeigen – dem Krieg in der Ukraine und dem mörderischen Bürgerkrieg in Syrien zum Trotz.

Konflikt kann nur zivil gelöst werden

Die rechtlich zwar nicht bindende, aber symbolisch umso gewichtigere Erklärung des Sicherheitsrates zielt nicht nur auf eine humanitäre Feuerpause ab, sondern auf einen mittelfristigen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas, der – von den UN und Großmächten geschickt moderiert – schließlich zur überfälligen Gründung eines demilitarisierten palästinensischen Staates in Gaza und im Westjordanland führen könnte.
Sollte allerdings diese letzte Chance vertan werden, wird das über einhundert Jahre alte zionistische Projekt, bei dem es stets um mehr als nur um einen jüdisch dominierten Staat ging, unwiderruflich gescheitert sein. Und zwar unbeschadet der Tatsache, dass der Staat Israel, der die viertstärkste Armee der Welt unterhält, militärisch nicht zu besiegen ist.
Der Appell des Weltsicherheitsrates eröffnet den auch nur halbwegs moderaten Kräften in Israel und unter den Palästinensern die Gelegenheit, ihrer Bevölkerung zu verdeutlichen, dass der Konflikt nur zivil gelöst werden kann. Kriege erweisen sich im Leben der Völker – ja, der Völker ! – als Krisen. Krisen aber bieten, im individuellen wie im politischen Leben, Risiken und Chancen. Es könnte sein, dass der Gazakrieg und sein hoffentlich erzwungenes Ende die letzte Chance Israels war, den Zionismus zu retten.

Quelle: ZDF

 

Written by lbucklitsch

Juli 28th, 2014 at 1:35 pm

FR| Warnung vor „französischen Verhältnissen“

without comments

Von 

Nach einer antiisraelischen Demonstration im Pariser Vorort Sarcelles kommt es zu Ausschreitungen. Foto: AFP

Der Judaist Micha Brumlik spricht im Interview über den Nahost-Konflikt und sinkende Hemmschwellen bei Antisemiten. Gleichzeitig warnt er vor französischen Verhältnissen.

Herr Brumlik, gestern hat der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz erklärt, trotz der jüngsten Exzesse bei Demonstrationen könne er in Deutschland keinen wachsenden Antisemitismus erkennen. Sehen Sie das auch so?
Das sehe ich nicht ganz so. Richtig ist, dass sich die Summe antisemitischer Haltungen insgesamt nicht erhöht hat. Genau so richtig ist aber, dass der Krieg in Gaza Hemmschwellen hat sinken lassen, so dass nun aus Haltungen Handlungen geworden sind. Dass sich das so brutal öffentlich Bahn bricht, ist nun doch neu und ein qualitativer Sprung.

Wo sehen Sie die Ursache dafür?
Der Gaza-Krieg mit seinen im Fernsehen oft gezeigten zivilen Opfern unter den Palästinensern liefert denjenigen, die ohnehin antisemitisch gesonnen sind, jetzt einen Anlass, ihre antisemitischen Haltungen in Form von Israelfeindschaft auch offen zu zeigen.

Vollständiger Artikel

Written by lbucklitsch

Juli 24th, 2014 at 7:51 am

Berliner Zeitung|„Wir müssen Brandmauern errichten – auch mit Mitteln des Strafrechts“

without comments

Von 

Prof. Micha Brumlik ist besorgt wegen der jüngsten antisemitischen Vorfälle in Deutschland. Foto: imago stock&people

Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik warnt vor einem Überspringen der nahöstlichen Konflikte auf Deutschland.

Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik warnt vor einem Überspringen der nahöstlichen Konflikte auf Deutschland.

Herr Brumlik, der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz hat erklärt, trotz jüngster Exzesse bei Demonstrationen könne er in Deutschland keinen wachsenden Antisemitismus erkennen. Sehen Sie das auch so?

Das sehe ich nicht ganz so. Richtig ist, dass sich die Summe antisemitischer Haltungen insgesamt nicht erhöht hat. Genauso richtig ist aber, dass der Krieg in Gaza Hemmschwellen hat sinken lassen, so dass nun aus Haltungen Handlungen geworden sind. Dass sich das so brutal öffentlich Bahn bricht, ist nun doch neu und ein qualitativer Sprung.

Worin sehen Sie die Ursache?

Der Gaza-Krieg mit seinen im Fernsehen oft gezeigten zivilen Opfern unter den Palästinensern liefert denjenigen, die ohnehin antisemitisch gesonnen sind, jetzt einen Anlass, ihre antisemitischen Haltungen in Form von Israelfeindschaft auch offen zu zeigen.

Vollständiger Beitrag

Anti-Israel-Demos: „tief verwurzelter“ Juden-Hass explodiert

without comments

Gewaltübergriffe, Hasspredigten, Selbstverbrennungen – der Nahost-Konflikt hat Deutschland erreicht. Beobachter sind besorgt: Die Ausschreitungen bei mehreren Gaza-Protesten in den vergangenen Tagen seien Ausdruck eines in Deutschland tief verwurzelten Antisemitismus. Der israelische Botschafter fürchtet „unschuldiges Blutvergießen“.

In mehreren deutschen Städten haben in den vergangenen Tagen tausende Menschen gegen die israelische Militäraktion im Gazastreifen demonstriert. In Hannover, Göttingen und Essen attackierten Protestanten pro-israelische Gegendemonstranten. Auf mehreren Kundgebungen wurden antisemitische Parolen gerufen.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland reagiert „schockiert“ auf die „Explosion an bösem und gewaltbereitem Judenhass“. Man habe es „im Leben nicht für möglich gehalten, dass auf deutschen Straßen antisemitische Aufrufe der übelsten und primitivsten Art skandiert werden“, so Zentralrats-Präsident Dieter Graumann.

Besonders in der Hauptstadt überschlagen sich die Ereignisse in diesen Tagen. Vor der israelischen Botschaft skandierten Demonstranten etliche Male: „Jude, Jude, feiges Schwein – komm heraus und kämpf‘ allein.“ Die Polizei erklärte die Parole erst am heutigen Dienstag als verboten. Man werde einschreiten, falls gegen diese Auflage verstoßen werde, so ein Polizeisprecher in Berlin.

In der Nacht zum Dienstag versuchte ein Mann, sich vor der israelischen Botschaft selbst anzuzünden. In der Al-Nur-Moschee im Stadtteil Neukölln bezeichnete am Wochenende ein Imam Juden als „Schlächter des Propheten“. Auf der Straße Unter den Linden wurde ein Mann von pro-palästinensischen Demonstranten attackiert, der eine Kippa trägt. Vereinzelte Demonstranten rufen „Scheiß Juden, wir kriegen Euch“. Der Betroffene konnte fliehen, geschützt von Ordnern und Polizisten.

Bundesregierung: Hassparolen sind „absolut unerträglich“

Außenminister Frank-Walter Steinmeier verurteilt die antisemitischen Äußerungen, Demonstrationen und Übergriffe der letzten Tage. „Nichts, einschließlich der dramatischen militärischen Konfrontation in Gaza, rechtfertigt ein solches Handeln bei uns in Europa“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung mit seinem französischen Amtskollegen Laurent Fabius und der italienischen Außenministerin Federica Mogherini.

Auch Bundes-Justizminister Heiko Maas (SPD) rügt die Ausschreitungen: „Judenfeindliche Hassparolen sind absolut unerträglich und durch nichts zu entschuldigen“, sagt Maas in Berlin. „Antisemitismus darf in Deutschland nie wieder eine Bühne bekommen. Antisemitische Töne bei Demonstrationen in Deutschland dürfen wir nicht akzeptieren.“

Einen solch aggressiven und offenen Hass gegenüber Juden habe es auf deutschen Straßen seit dem Dritten Reich nicht mehr gegeben, erklärt Micha Brumlik, Senior Professor am Zentrum für Jüdische Studien, im Gespräch mit EurActiv.de. „Diese antisemitischen Ausbrüche wurden nicht durch den Gaza-Krieg verursacht. Sowohl in Frankreich als auch Deutschland leben immer mehr junge Migranten aus muslimischen Herkunftsländern. Die sind häufig nicht vollständig in der Gesellschaft integriert und drücken jetzt ihre allgemeine Wut aus“, so Brumlik.

Vollständiger Artikel

Written by lbucklitsch

Juli 22nd, 2014 at 7:01 pm

Micha Brumlik| »Wer die Welt gestalten will, muss Kompromisse machen«

without comments

Micha Brumlik
Foto: Heinrich-Böll-Stiftung / Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0 (Ausschnitt)
Der Seniorprofessor für Jüdische Studien an der Humboldt-Universität Berlin Micha Brumlik. 2012.

Radikale Kritik der bestehenden Welt durchzieht das gesamte abendländische Denken. Doch Gnostizismus, erklärt Micha Brumlik im Interview mit FreieWelt.net, ist keine Basis für politisches Handeln.

FreieWelt.net: Was ist das eigentlich: Gnosis?

Micha Brumlik: In der Antike gab es eine Geistesströmung, die die Schöpfung im Ganzen abgelehnt hat. Dieser Typus des Denkens ist im Verlauf der letzten zweitausend Jahre immer wieder aufgetaucht. Zuletzt habe ich ihn in den achtziger Jahren in den sozialen Bewegungen beobachten können, wo dieses Denken zumindest bei einem Teil zu einer radikalen und fundamentalen Ablehnung der gesamten Zivilisation, jedenfalls aller menschlicher Lebenszusammenhänge in den westlichen Gesellschaften geführt hat.

FreieWelt.net: Ist diese Art zu denken eine Reaktion auf den Monotheismus?

Micha Brumlik: So ist es. Die spätantiken Gnostiker – spätestens seit Marcion, also um 130 christlicher Zeitrechnung – zeichneten sich dadurch aus, dass sie die Welt insgesamt für gefallen hielten, dass sie den Gott, der nach Ausweis der Bibel Himmel und Erde geschaffen hat, eher für einen bösen Dämon gehalten haben und sie an einen ganz und gar radikalen, in die weltlichen Belange in keiner Weise mehr eingreifenden Gott appelliert haben.

FreieWelt.net: Worin besteht die Attraktivität gnostischen Denkens – und worin die Abgründe?

Micha Brumlik: Vor allem in einer durch nichts zu überbietenden Radikalität, kurz einer Haltung, bei der sich jene, die ihr anhängen, dessen versichern können, immer und ohne jeden Selbstzweifel auf der richtigen Seite zu stehen. Daraus resultiert dann eine Freund-Feind-Haltung, die tendenziell tödlich und destruktiv sein kann.

FreieWelt.net: Soziale Bewegungen, die auch die gnostischen immer gewesen sind, hatten immer schon ein herrschaftskritisches Potenzial. Die Kirche hingegen, an die sich die Kritik richtete, hat immer Macht ausgeübt – und zugleich auch eine Kontrollfunktion über gewaltsame Ausbrüche, die von unten kamen. Wie sehen Sie dieses Wechselverhältnis zwischen Kontrolle und Emanzipation?

Micha Brumlik: In der mittelalterlichen Volksfrömmigkeit – auch im mönchischen Bereich – war etwa der Antijudaismus oftmals stark ausgeprägt. Die theologisch gebildeteren Bischöfe im Abendland haben dagegen seit dem 11. Jahrhundert häufig, keineswegs immer die Juden vor einem judenfeindlichen, auf Pogrome versessenen Mob geschützt. Schließlich waren die Juden für die katholische Kirche und ihre Lehre wichtige Zeugen des Heilsgeschehens. Jene Basisbewegungen, die im gnostischen Sinne eher judenfeindlich waren, unterschieden sich damit von den Herrschaftsstrukturen der Kirche, die solche militanten Basisbewegungen ohnehin mit Misstrauen betrachtet haben. Andererseits gab es historisch auch durchaus eine Nähe von gnostischen Bewegungen – etwa im südlichen Frankreich des Mittelalters –, wo tolerante Katharer und Juden beide unter dem Druck der katholischen Kirche zu leiden hatten und die Kirche gegen die Katharer einen mörderischen Krieg führte.

FreieWelt.net: Auch innerhalb der katholischen Kirche von heute gibt es eine Strömung, in der sich meines Erachtens gnostisches Gedankengut erkennen lässt: Da wird die »Macht« der Kirche vor einem idealisierten Hintergrund – Kirche, wie sie ursprünglich mal gewesen sein soll – aus kritisiert.

Micha Brumlik: Das Problem, auf das diese Kritik abhebt, gibt es aber tatsächlich. Man hat schon früh gesagt, dass nach Jesu Tod die Menschen die Erlösung und die Wiederkunft Jesu erwarteten, aber nur die Kirche bekommen haben. Das Christentum ist schließlich vor allem durch den Soldatenkaiser Konstantin zur Staatsreligion und damit zur Institution  Kirche geworden, also durch einen Mann, der seine engsten Angehörigen hat ermorden lassen. Man kann von daher nicht glauben, dass diese machtvolle, zweitausend Jahre alte Institution tatsächlich aus moralischen Motiven entstanden ist. Ob aber eine Kritik der katholischen Institutionen anhand moralischer-jesuanischer Kriterien schon gnostisch ist, möchte ich bezweifeln.

FreieWelt.net: Eine der gewalttätigsten Bewegungen war der Nationalsozialismus. Inwieweit war der geprägt von gnostischem Gedankengut?

Micha Brumlik: Zahlreiche nationalsozialistische Denker – das gilt für Martin Heidegger und seine »Schwarzen Hefte« über Hitlers »Mein Kampf« bis zu Vulgärschriftstellern wie Artur Dinter mit seiner »Deutschen Volkskirche« – schrieben alles, was an der Welt als kritikwürdig angesehen wurde – Rasse, Geldwirtschaft und so weiter – den Juden zu, die als Prinzip des Bösen angesehen wurden. So findet sich zum Beispiel bei Hitler die Formulierung »Indem ich mich desJuden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn«. Die Juden galten immer als Inbegriff von Weltlichkeit.

FreieWelt.net: Aber nicht alle Gnostiker und Judenfeinde waren Nazis …

Micha Brumlik: Keineswegs! Es gab aber auch Antisemiten, die sich zu einem militanten Katholizismus bekannt haben. Sie waren der Meinung, dass die Welt ohnehin des Teufels ist und dass die Juden das Prinzip der Verfallenheit verkörpern und deswegen kontrolliert und ausgerottet – oder wie bei Carl Schmitt heißt: »aufgehalten« – werden müssen.

Übrigens – und das hat mit Antisemitismus nicht das Geringste zu tun – lassen sich auch in bestimmten Ausdrucksweisen und Texten der frühen Frankfurter Schule gnostische Sätze finden, die eine Radikalkritik an der Welt zum Ausdruck bringen. In Adornos »Minima Moralia« heißt es: »Noch der Baum, der blüht, lügt.« Das ist der gnostischste Satz, den ich mir in der neueren anspruchsvollen philosophischen Literatur vorstellen kann. Mit solchen Haltungen hat er seinerzeit bei vielen jungen Intellektuellen einen vorhandenen Weltschmerz und Weltekel verstärkt.

Vollständiger Artikel

Deutschlandradio Kultur| 100 JAHRE ERSTER WELTKRIEG – „Du sollst nicht töten!“

without comments

Über die Beziehung von Christentum und Krieg Von Stefanie Oswalt
Beitrag hören
Nachdem am 1. August 1914 durch Kaiser Wilhelm II. die allgemeine Mobilmachung verkündet worden ist, ziehen deutsche Soldaten in den Krieg.
Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs erfährt der Begriff „Heiliger Krieg“ Hochkonjunktur, vor allem im deutschen Protestantismus. (dpa picture alliance)

Juli 1914, die europäischen Nationen rüsten zum Krieg. Im August beginnt das Gemetzel zwischen Heeren, die zu sehr großen Teilen aus getauften Christen bestanden. Ihre Anführer waren nicht nur die Staatschefs, sondern in Personalunion auch die obersten christlichen Hirten. Rainer Kampling: „Das Grundsätzliche ist, dass das Christentum davon ausgeht, dass Krieg Kennzeichen dieser Welt ist. Also, sie kann sich zwar eine Welt ohne Krieg vorstellen, dann ist es nicht mehr diese Welt. Und Gewalt gehört zum Gründungsgeschehen des Christentums hinzu. Das kann man ja nicht schönreden.“ Jörg Lüer: „Von der Lehre ist die Kirche Sakrament – und das heißt wirksames Zeichen, Zeugnis und Werkzeug – des Friedens.“ Martin Dutzmann: „Grundsätzlich gilt das Gebot, du sollst nicht töten… und es gilt das Friedensgebot Jesu in der Bergpredigt. Von daher ist Androhung und Ausübung von Gewalt für Christenmenschen eigentlich nicht akzeptabel.“

Hass, Mord und Krieg in der Bibel

Kaum waren Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben, begann, so erzählt es die Bibel, die Gewalt: Kain ermordet seinen Bruder Abel, und von da an zieht sich eine Blutspur durch die Erzählungen der heiligen Schrift – eine regelrechte Enzyklopädie von Hass, Mord, Totschlag, Rache und Krieg bis zur Hinrichtung von Jesus von Nazareth am Kreuz. Die Auseinandersetzung über Krieg und Frieden – sie ist eine der zentralen Fragen des Juden- und des Christentums und begann, lange bevor Jesus von Nazareth in der Bergpredigt seine Vision vom Frieden verkündete. Bis heute arbeiten wir uns dabei an den vielen Widersprüchen besonders in den Texten des Alten Testaments ab. Sie sind Folge der Entstehungsgeschichte der Bibel, erklärt der jüdische Religionsphilosoph Michael Brumlik: „Die Bibel ist eine Sammlung verschiedener Bücher, und entsprechend gibt es in der Sammlung verschiedener Bücher ganz verschiedene Gottesbilder. Da haben wir natürlich den einen gütigen Schöpfer der Erde und des Himmels und der Menschen und der Tiere. Dann haben wir auf der anderen Seite aber auch einen Gott, der dem Volk Israel in Treue verbunden ist und deswegen gegen dessen Feinde Feindschaft und Krieg walten lässt. Dann gibt es aber wieder den Gott des Völkerrechts, wie wir ihn etwa beim Propheten Amos finden.“ Viele dieser Gottesbilder seien als Reaktion auf die blutrünstigen Götter der Assyrer entstanden sagt Brumlik, doch schon in den frühen Texten finde sich die Sehnsucht nach Ordnung und Frieden: „Friede heißt ja Pax und auf hebräisch Shalom. Und Shalom heißt das Allumfassende, das Ganze. Und dieses allumfassende Ganze hat man sich als ein friedliches Zusammenleben der Völker, aber auch von Mensch und Tier vorgestellt.“ So schreibt der Prophet Jesaja im Kapitel 2, Vers 3-4: „Denn von Zion kommt die Weisung des Herren, aus Jerusalem sein Wort. Er spricht Recht im Streit vieler Völker, er weist mächtige Nationen zurecht. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk wird nicht mehr das andere angreifen, und übt nicht mehr für den Krieg.“ Read the rest of this entry »

Written by lbucklitsch

Juli 14th, 2014 at 3:26 am

ND| »Erziehung als Zucht«

without comments

Im Jubiläumsjahr bearbeitet die Frankfurter Goethe-Universität auch ein düsteres Kapitel ihrer Geschichte

Die Goethe-Universität in Frankfurt am Main wurde vor einhundert Jahren gegründet. Zwölf Jahre davon wurde auch sie zur Stätte braunen Ungeistes. Etliche NS-Akteure setzten ihre Karriere nach 1945 fort.

Die einhundertste Wiederkehr ihrer Gründung 1914 feiert die Frankfurter Goethe-Universität mit zahlreichen akademischen und öffentlichen Veranstaltungen. Lehrende und Studierende beleuchten im historischen Rückblick auch die Zeit zwischen 1933 und 1945, als die Stätte humanistischer Bildung zu einem Zentrum völkisch-menschenfeindlichen Ungeistes pervertierte. Dabei engagiert sich die 2012 gegründete Forschungsstelle NS-Pädagogik unter der Leitung der Professoren Micha Brumlik und Benjamin Ortmeyer für die Aufklärung der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Erziehungswissenschaft im NS-Staat und verfolgt die Entwicklungslinien bis in die bundesdeutschen Nachkriegsjahre hinein.

Die sozialwissenschaftlichen Fachrichtungen prägten die Frankfurter Universität von Anfang an – finanziert mit Stiftungsgeldern, darunter von zahlreichen jüdischen Stifter, war in Goethes Geburtsstadt eine Stätte freien Geistes entstanden. Ein Schwerpunkt ist die anthropologische Philosophie und systematische Erziehungswissenschaft. Denn wer den Erzieherberuf ergreift, braucht eine Zielvorstellung: Ist das Menschenbild von Selbstbestimmung und kritisch reflektierter Verantwortung bestimmt – oder primär von der Vorstellung als passfähiges Teil eines übergeordneten kollektiven Ganzen? Diese Fragen verlangen weltanschauliche Grundsatzentscheidungen.

Ein Vortrag von Prof. Dr. Benjamin Ortmeyer, kürzlich gehalten im Campus Westend, zielte ins Wirkzentrum der Nazi-Pädagogik: die Persönlichkeit und den Werdegang von Ernst Krieck. Der aktive NS-Ideologe besetzte im Mai 1933 das Rektorenamt für die Universität mit dem Namen Goethes. Er war damit der erste Nazi in dieser Führungsposition an einer deutschen Hochschule und avancierte in den Folgejahren zur maßgebenden fachlichen Autorität in Hitlers Reich. »Erziehung als Zucht« – mit diesem Zitat kennzeichnete Ortmeyer die Leitlinie Krieck´scher pädagogischer Grundlagenwissenschaft und zeigte auf, wie sie durchgesetzt wurde. Krieck hatte sofort nach Amtseinführung Zwangsmaßnahmen gegen politische Gegner unter den Kollegen sowie gegen jüdische Studierende eingeleitet und alle Universitätsangehörigen aufgefordert, an der Bücherverbrennung im Mai 1933 auf dem Römerberg teilzunehmen. Er stehe damit weit außerhalb jener Reihe von »Säulenheiligen« der Reformpädagogik wie Eduard Spranger oder Peter Petersen, betonte Ortmeyer. Dennoch gäbe es historische wie systemische Zusammenhänge.

In den letzten Jahren des Kaiserreichs und den ersten der Weimarer Republik folgte der 1882 geborene praktizierende und publizierende Volksschullehrer Ernst Krieck zunächst dem bildungstheoretischen Mainstream. Er war vom deutschen Idealismus und dessen Exponenten Immanuel Kant und Friedrich Hegel begeistert. Am geisteswissenschaftlichen Bildungsideal orientierten sich gleichfalls die bis heute einflussreichen Größen des Fachs wie Eduard Spranger oder Peter Petersen. Deren pädagogische Grundlegung mit der Wertsetzung auf Gemeinschaft sollte sich jedoch als allzu anschlussfähig für Hitlers »Volksgemeinschaft« erweisen. Und ihre Verfechter, darunter wiederum Spranger und Petersen, taten sich aktiv und willfährig mit naziverherrlichenden und judenfeindlichen Ausfällen hervor. Ortmeyer hat dies in seiner 2009 erschienenen Habilitationsschrift dargelegt und mit reichem Quellenmaterial fundiert.

Vollständiger Artikel

Written by lbucklitsch

Juli 10th, 2014 at 3:19 am

Anlässlich seines 111. Geburtstags ehrt das Frankfurter Logenhaus Dr. Fritz Bauer

without comments

Die Veranstalter der folgenden Geburtstagsfeier baten uns, die Einladung auch an Sie alle weiterzuleiten, was wir hiermit gerne tun!
Seien Sie alle herzlich willkommen! 
Eine Anmeldung können wir wg. des grossen Interesses nur empfehlen. Bitte richten Sie diese an e.panne@mac.com.

Anlässlich seines 111. Geburtstags ehrt das Frankfurter Logenhaus Finkenhofstraße 17 

Dr. Fritz Bauer

Der ehemalige Hessische Generalstaatsanwalt und große Humanist (1903 – 1968)
wird an seinem Geburtstag, Mittwoch, den 16.7.2014, gewürdigt.

Die feierliche Veranstaltung beginnt um 20:00 Uhr im Großen Saal des Logenhauses.

Der mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ ausgezeichnete Dokumentarfilm

Fritz Bauer – Tod auf Raten
http://fritz-bauer-film.de

der preisgekrönten Regisseurin Ilona Ziok wird an diesem Abend wieder in Frankfurt am Main aufgeführt.
Seit seiner aufsehenerregenden Weltpremiere auf der Berlinale 2010 tourt der Film
nun im 5. Jahr erfolgreich durch Deutschland und um die Welt.

Umrandet wird der feierliche Abend von einem kurzen musikalischen Beiprogramm,
in dem gemeinsam bekannte Widerstands- und KZ-Lieder gesungen werden,
um so an Fritz Bauer zu erinnern, der vom Verfolgten des NS-Regimes zum Verfolger von NS-Verbrechern wurde, und in seinem Sinne der unzähligen Opfer der Nazis sowie der Mutigen im Widerstand gegen Hitler zu gedenken.

Die vorgesehenen Lieder:
Die Gedanken sind frei – Trotz alledem und alledem – Das Buchenwaldlied – Sag mir, wo die Blumen sind – We Are The World
Das Musikprogramm wird aufgezeichnet und in Ausschnitten mit Liedern bekannter Sänger kombiniert
als Bonus-CD zu der geplanten DVD des Films Ende des Jahres erscheinen.

Eine Diskussion über das Geburtstagskind mit spannenden Gästen ergänzt diese besondere Feier.

Written by lbucklitsch

Juli 8th, 2014 at 7:43 pm

TAZ Kolumne| Die abstraktere Gestalt der Tapferkeit

without comments

Sie ermöglichen die gezielte Hinrichtung einzelner Personen. Kampfdrohnen sind Symptom einer neuen Weltordnung, die noch nicht begriffen worden ist.

Die MQ-1-Predator-Drohne kann mit Hellfire-Raketen bewaffnet werden. Bild: dpa

Grundsätzlich betrachtet, unterscheiden sich die Drohnen, über die der Verteidigungsausschuss des Bundestages gestern debattierte, nicht von jener Schleuder, mit der der biblische David den Riesen Goliath zu Fall brachte. Und zwar einfach deshalb, weil beides – Schleuder und Drohnen – Waffen sind; Waffen wiederum nichts anderes als „Organverlängerungen“.

Wo Tiere Zähne, Klauen und Schnäbel nutzen, um sich im Kampf ums Überleben einen Vorteil zu sichern, haben die Angehörigen der Gattung Mensch Faustkeile, Keulen und Dolche erfunden. Schnell auch hat sich erwiesen, dass im Vorteil ist, wer den Feind verletzen und töten kann, ohne ihm nahe bzw. schneller als er zu sein: Schleudern, Speere, Pfeil und Bogen. Wem es dann noch gelingt, die eigene Verletzlichkeit durch künstliche Felle, also Schilde etc. zu mindern, hat einen mehrfachen Vorteil.

Kurz: Anthropologisch gesehen, sind Waffen nichts anderes als durch Distanz und Geschwindigkeit optimierte Organe. Und dennoch führt die Steigerung der Komponenten Distanz, Schnelligkeit und Panzerung zu radikal neuen Formen wechselseitigen Tötens und damit neuer, erweiterter Herrschafts- und Ausbeutungsformen: Ohne die Erfindung des Maschinengewehrs kein Kolonialismus, ohne fahrbare Panzer keine Entscheidung im Ersten Weltkrieg, ohne die Atombombe kein schnelles Ende des Krieges im Pazifik.

Mit der Atombombe freilich scheint die Evolution der künstlich verlängerten Organe an ihr Ende gekommen zu sein: mit ihr schlug Quantität endgültig in Qualität um, verkehrten sich Zweck und Mittel bis zur Möglichkeit des tödlichen Endes der ganzen Menschheit, des Endes all jener, die diese Waffe auch nur vorhielten. Freilich: Mit Nuklearwaffen sind Drohnen nicht zu vergleichen, stellen sie doch kaum anderes als eine stark modernisierte Variante von Schleudern oder von Pfeil und Bogen dar: hocheffiziente Distanzwaffen, denen jede Ritterlichkeit, das heißt jede Selbstgefährdung der Kämpfenden fehlt und die daher zu Recht im Verdacht stehen, die Schwelle zu mörderischer Gewalt zu senken.

Vollständiger Artikel

Written by lbucklitsch

Juli 1st, 2014 at 4:57 pm