Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for September, 2014

TAZ| Norm und Recht

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„Furchtbare Juristen“ – Ingo Müllers Standardwerk über die NS-Justiz und deren Nachwirkungen – ist in wesentlich erweiterter Form neu erschienen.

Anhand von Recht und Rechtspflege einer Gesellschaft lässt sich zeigen, welcher Art der Staat ist. Bild: imago/ZUMA/Keystone

Adolf Hitler hasste und verachtete alles, was nur im Geringsten mit Gerechtigkeit und Recht zu tun hatte, nicht zuletzt den Berufsstand der Juristen. Was aber Richter und Staatsanwälte in der Weimarer Republik und der NS-Zeit nicht im Geringsten davon abhielt, ihm kräftig zuzuarbeiten – im Gegenteil!

Nächstes Jahr wird das Ende jenes Weltkriegs, den das von den Nationalsozialisten gelenkte Deutschland entfachte, siebzig Jahre zurückliegen. Dieser barbarischste Abschnitt der jüngeren deutschen Geschichte wird dann – um Jan und Aleida Assmann zu zitieren – endgültig vom kommunikativen ins kulturelle Gedächtnis überführt. Umso wichtiger ist es, sich des „Dritten Reiches“, seiner Untaten, aber auch seiner Strukturen noch einmal zu vergewissern. Das soeben in wesentlich erweiterter Form neu aufgelegte Buch von Ingo Müller, „Furchtbare Juristen. Die unbewältigte Vergangenheit der deutschen Justiz“, dient diesem Zweck in hervorragender Weise.

Zu Recht denkt, wer sich mit der NS-Zeit beschäftigt, an Vernichtungs- und Konzentrationslager, an die Massenvernichtung von Juden, Sinti und Roma sowie Sowjetbürgern, an Terror, Verblendung und Gewalt. Demgegenüber gerät die „Normalität“ des „Dritten Reiches“, sein „Alltag“ meist ebenso in Vergessenheit wie die Frage, was für ein politisches System das „Dritte Reich“ war. Freilich hängen – ohne dass die genauen Abhängigkeiten hier genauer zu bestimmen wären – Staat und Recht auf das Engste miteinander zusammen, so dass sich an Recht und Rechtspflege einer Gesellschaft zeigen lässt, welcher Art der Staat ist, der die ihm untertanen Menschen beherrscht.

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September 25th, 2014 at 9:59 am

Journal Frankfurt| Zwischen Israel-Kritik und Opas Antisemitismus

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Foto: Joelle Dolle

Foto: Joelle Dolle
Wie kann man einem neuen Antisemitismus entgegenwirken und aus welcher Ecke kommt er? Darüber diskutierten Daniel Cohn-Bendit (Grüne), Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik und Historikerin Stefanie Schüler-Springorum.
Wegen des Nahost-Konflikts fanden in diesem Sommer eine Reihe großer Demonstrationen in ganz Deutschland statt – dabei bahnte sich auch Antisemitismus den Weg in die Öffentlichkeit. Einer der traurigen Höhepunkte des öffentlich zur Schau gestellten Judenhasses war eine Demo in Frankfurt, bei der Hassparolen durch ein Polizeimikrofon gerufen wurden.
Diese Entwicklung nahm die Gesellschaft der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums zum Anlass, zu einer Podiumsdiskussion zu laden. Unter dem Titel „Schon wieder – Antisemitische Parolen auf deutschen Straßen“ diskutierten Daniel Cohn-Bendit (Grüne), Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik und Historikerin Stefanie Schüler-Springorum. Die Runde sprach vor allem davon, wie man mit dem neuen Antisemitismus, der nicht mehr vornehmlich aus der rechten Ecke der Gesellschaft kommt, umgeht. Und ob die zahlreichen Demonstrationen gegen Judenhass, die als Antwort organisiert wurden, der richtige Weg sind.

Cohn-Bendit, Abgeordneter im Europaparlament und ehemaliger Frankfurter Stadtrat, warnte vor einer Gleichsetzung des Staates Israels und dem Judentum. „Ich selbst bin ein leidenschaftlicher Kritiker der Politik Israels“, betonte der jüdische Politiker. Er kritisierte daher die Kundegebung vor knapp zwei Wochen in der Hauptstadt unter dem Motto „Steh auf! Nie wieder Judenhass!“. Denn eingeladen hatte der Zentralrat der Juden – und nicht etwa eine religionsunabhängige Stelle – und es wehten viele Israel-Fahnen am Brandenburger Tor. „Ich will nicht unter einer nationalstaatlichen Fahne gegen Antisemitismus demonstrieren“, sagte er. Denn, da waren sich alle einig, Judenhass sei nicht allein ein Problem der Juden, sondern der ganzen Gesellschaft.

Moderatorin
 Esther Schapira vom HR Fernsehen hakte daraufhin nach, wie weit man mit Kritik an Israel gehen darf. „Kann man die Abschaffung des Staates Israel fordern, ohne antisemitisch zu sein?“, fragte sie provokant. „Nein“, war die einstimmige Antwort.

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September 25th, 2014 at 8:39 am

Frankfurt| „Schon wieder – Antisemitische Parolen auf deutschen Straßen“ | 23. September, 19 Uhr, ins Casino der Stadtwerke

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„Schon wieder – Antisemitische Parolen auf deutschen Straßen“
Podiumsdiskussion der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums

Bei großen Demonstrationszügen in Deutschland wurden in diesem Sommer immer wieder judenfeindliche Parolen gerufen. Veranstalter dieser Demonstrationen waren keineswegs die bekannten rechtsextremistischen Parteien oder Gruppierungen.

Die Gesellschaft der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums nimmt diese Vorgänge zum Anlass, am Dienstag, 23. September, 19 Uhr, ins Casino der Stadtwerke, Kurt Schumacher Straße 8, zur Diskussion „Schon wieder – Antisemitische Parolen auf deutschen Straßen“ einzuladen.

Auf dem Podium: Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler und Publizist; Daniel Cohn-Bendit, Publizist und Politiker der Grünen; Stefanie Schüler-Springorum, Historikerin und Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin; ab. Esther Schapira, Ressortleiterin der Abteilung Zeitgeschichte beim HR Fernsehen, wird die Diskussion moderieren.
Um Anmeldung wird gebeten bei Christine Wern, Telefon (069)21234856, E-Mail:christine.wern@stadt-frankfurt.de .

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September 17th, 2014 at 1:37 pm

Kontext| Zwei Schritt vor, einer zurück

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Von Oliver Stenzel
Datum: 10.09.2014
Vor über drei Jahren wurde der Abriss des Hotel Silber, der ehemaligen Stuttgarter Gestapozentrale, endgültig abgeblasen und die Einrichtung eines Lern- und Gedenkorts zur NS-Zeit beschlossen. Erreicht wurde dies vor allem durch die Arbeit einer Bürgerinitiative, die dennoch immer wieder darum kämpfen muss, bei der Konzeption und Nutzung des Ortes berücksichtigt zu werden – die Vorstellungen der verschiedenen Akteure gehen zuweilen weit auseinander.

An der großen Baustelle neben dem Stuttgarter Karlsplatz kann man momentan gut erkennen, dass gelegentlich auch in Stuttgart scheinbar unwiderruflich festgezurrte Bauprojekte durch bürgerschaftliches Engagement modifiziert werden können. Denn am Rande der planierten Fläche, auf der in den kommenden Jahren das „Quartier am Karlsplatz“ entstehen soll, steht noch das so genannte Hotel Silber in der Dorotheenstraße, während der NS-Zeit die Gestapo-Zentrale für Württemberg und Hohenzollern.

Es sind jetzt fast genau sechs Jahren her, dass bekannt wurde, dass das Gebäude einem Büro-, Handels- und Hotelkomplex, damals noch „Da-Vinci-Projekt“ genannt, weichen soll. Im Oktober 2008 gründete sich darauf die Initiative „Lern- und Gedenkort Hotel-Silber“, die nicht nur den Abriss verhindern, sondern auch die Einrichtung eines integrierten Gedenk-, Lern-, Dokumentations- und Forschungsort anregen wollte. Sie hatte Erfolg, nicht zuletzt, weil sie beharrlich Gemeinderat und Landtag bearbeitete und dabei die jeweiligen SPD-Fraktionen auf ihre Seite ziehen konnte. Kurz nach der Landtagswahl im März 2011 erklärte SPD-Landeschef und späterer Superminister Nils Schmid die Einrichtung eines Gedenkorts zur Chefsache, schon im Juni 2011 war der Abriss endgültig abgeblasen. An den Planungen für die kommende Nutzung des Gebäudes war und ist die Initiative im Rahmen eines regelmäßig tagenden Runden Tisches, der als Steuerungsgruppe des Projekts dienen soll, gemeinsam mit Vertretern von Land und Stadt beteiligt. 2017 soll der Gedenkort geöffnet werden.

Gedenktafel am ehemaligen Hotel Silber.
Gedenktafel am ehemaligen Hotel Silber.

Ein Erfolg, den die Hotel-Silber-Initiative am kommenden Samstag, den 13. September, mit einem Aktionstag unter dem Motto „Demokratie braucht Erinnerung“ auf dem Stauffenbergplatz feiern will. Als „eine Art Bergfest“ bezeichnet es Harald Stingele, Sprecher der Initiative, „denn wir sind im Abschluss des Grobkonzepts“. Über 20 Organisationen sind in der Initiative vereinigt, sie wollen am Aktionstag zeigen, so Stingele, „was sie zur Gestaltung beitragen und warum gut verankerte Bürgerbeteiligung Grundbedingung für das Gelingen des Projektes ist.“ Das kann auch als dezenter Hinweis darauf verstanden werden, dass es auch nach dem Abriss-Aus immer wieder ein zähes Ringen bedeutete, den bürgerschaftlichen Kräften eine Stimme bei den Planungen zu verschaffen. Und dass die Entwicklung des Projekts immer wieder nach dem Prinzip „Zwei Schritt vor, einen zurück“ vonstatten zu gehen scheint.

65 000 Euro zu teuer: Auch die Grünen stimmen gegen das große Konzept

Denn bei aller Freude um das Erreichte, in den vergangenen drei Jahren kam es immer wieder zu Verzögerungen und Rückschlägen. Reichlich absurd muten dabei die Entwicklungen im letzten Jahr an: Basierend auf einem Eckpunktepapier der Initiative wurde in Zusammenarbeit mit dem Haus der Geschichte erst eine Konzeption für die Nutzung des Hauses entwickelt, die die Einbeziehung von vier Etagen der linken Gebäudehälfte, vom Untergeschoss bis zum zweiten Stock vorschlug. Das Konzept wurde am 7. Mai bei einem runden Tisch auch von Vertretern von Stadt und Land einhellig begrüßt, nur um am 25. Juli wieder gekippt zu werden – da einigten sich Stadt und Land auf einen verringerten Umfang von nur drei Etagen, ohne den zweiten Stock. Für die Initiative besonders unbefriedigend, weil sich hier die Büros der Gestapo-Chefs befanden. ………

……..Zu den bisweilen zäh um Positionen ringenden Akteuren von Stadt und Land gesellt sich mittlerweile ein weiterer, dessen unvermitteltes Auftauchen etwas an einen deus ex machina erinnert: Drei bundesweit renommierte Akademiker, die Professoren Micha Brumlik, Hans Ulrich Gumbrecht und Ernst Ulrich von Weizsäcker schickten Mitte Juni den Mitgliedern des Landtages und des Gemeinderats ein Schreiben im Namen eines 170-köpfigen „Expertenclusters“, das internationale Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen umfasst. Reichlich namhafte Koryphäen sind darunter, etwa die Holocaust-Experten Christopher Browning und Peter Longerich, die Sozialhistorikerin Ute Frevert und die Literatur- und Kulturwissenschaftler Aleida Assmann. In dem Schreiben bekundeten Brumlik und seine Kollegen die Bereitschaft des Expertenclusters, die Entwicklung und Gestaltung eines Erinnerungs- und Bildungsortes „mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung zu unterstützen“, und forderten die beiden Parlamente auf, diese Bereitschaft anzunehmen.

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September 10th, 2014 at 3:04 am

Gastbeitrag| Zu Hermann Heideggers Leserbrief („Das entspricht nicht den Tatsachen“, Badische Zeitung vom 10. Mai 2014

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Zu Hermann Heideggers Leserbrief

(„Das entspricht nicht den Tatsachen“, Badische Zeitung vom 10. Mai 2014

http://www.badische-zeitung.de/leserbriefe-68/das-entspricht-nicht-den-tatsachen–84577968.html)

In seinem Leserbrief vom 10. Mai 2014 erwähnt Hermann Heidegger drei Dinge: erstens ein Telefonat, wodurch der neue Rektor, Martin Heidegger, die Beurlaubung jüdischer Dozenten aufgehoben habe; zweitens einen Brief seiner Mutter Elfride Heidegger an das Ehepaar Husserl; drittens Heideggers Briefe „an die Jüdin Hannah Arendt und an die Halbjüdin (sic.) Elisabeth Blochmann“. So verhält er sich wie sein Vater, der als Antwort an Hannah Arendt hinsichtlich seiner Beziehung zu den Juden und die „Verleumdungen“, die sie offensichtlich gehört hatte, die Juden, denen er geholfen hatte, auflistete1. Es bleibt dabei, dass der Rektor Heidegger Vergünstigungen für Studenten gewährte, „die in den letzten Jahren in der SA, SS, oder Wehrverbänden im Kampfe um die nationale Erhebung gestanden haben…“ und nicht an jüdische Studenten: „Dagegen dürfen an jüdische oder marxistische Studierende Vergünstigungen nicht mehr gegeben werden. Jüdische Studierende obiger Anordnung sind Studierende nicht-arischer Abstammung im Sinne des § 3 der 1. Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 11. April 1933. Das Verbot der Gewährung von Vergünstigungen findet also auch auf solche Studierende nichtarischer Abstammung Anwendung, die aus Ehen stammen, bei denen ein Elternteil und zwei Großeltern arischer Abstammung sind und deren Väter im Weltkriege an der Front für das Deutsche Reich und seine Verbündeten gekämpft haben. Von dem Verbot ausgenommen sind nur solche Studierende nicht-arischer Abstammung, die selbst Frontkämpfer gewesen sind oder deren Väter im Weltkriege auf deutscher Seite gefallen sind. Der Rektor.“ (Freiburger Studentenzeitung Nr. 1, 3. November 1933, S. 6). Dies wurde schon in Nachlese zu Heidegger von Guido Schneeberger (Bern, 1962, S. 137) veröffentlicht. In der Gesamtausgabe kann man jetzt die Vorlesungen des Rektors lesen, worin z.B. 1933 steht: „Der Feind kann in der innersten Wurzel des Daseins eines Volkes sich festgesetzt haben (…) die ständige Bereitschaft zu pflegen und zu steigern und den Angriff auf weite Sicht mit dem Ziel der völligen Vernichtung anzusetzen.“ (GA 36/37, S. 90-91).

In Band 16 der Gesamtausgabe, der von Herman Heidegger selbst editiert wurde, kann man den „mitfühlenden“ Brief (Zitat Hermann Heidegger) seiner Mutter an das Ehepaar Husserl lesen, wo sie zwar Ihre „Dankbarkeit“ ausdrückt (ein Sohn Husserls fiel während des ersten Weltkrieges), aber auch Ihre Treue dem NS-Regime und seiner rassistischen Gesetze gegenüber. Dieser Brief bildet das emotionale Pendant der Veröffentlichung in der Freiburger Studentenzeitung, die oben zitiert wurde: “Zu all dem kommt aber noch die tiefe Dankbarkeit gegen die Opferbereitschaft Ihrer Söhne, und es ist ja nur im Sinne des neuen Gesetzes, wenn wir uns bedingungslos und in aufrichtiger Ehrfurcht zu denen bekennen, die sich in der Stunde der höchsten Not auch durch die Tat zu unserem deutschen Volke bekannt haben.“ (S. 87, „den 29. April 1933“ – Husserls Emeritierung war ihm zwei Wochen davor entzogen. Martin Heidegger war seit einer Woche Rektor).

Hermann Heideggers verklärende Verteidigung wäre nur seiner Vatertreue zuzuschreiben, hätte er diese Epoche nicht selbst als Wehrmachtoffizier mitgestaltet. So heißt es im Briefwechsel Martin Heideggers mit dem Freiburger Kunsthistorikers Kurt Bauch: „Hermann ist Bataillonsadjutant geworden und sehr befriedigt. Seit 16. Juli haben wir keine Nachricht. Er steht in der Ukraine.“ (Hütte, 10. Aug. 41, in: Martin Heidegger Kurt Bauch Briefwechsel 1932-1975, Hrsg. Almuth Heidegger, Karl Alber, München, 2010, S. 67). Was in der Ukraine im Juli 1941 vor sich ging, ist nachzulesen in Die >>Ereignismeldungen UdSSR<< 1941. Dokumente der Einsatzgruppen in der Sowjetunion I2: „In Tarnopol 5000 Ukrainer verschleppt, 2000 ermordet. Als Gegenmaßnahmen Festnahmeaktionen gegen jüdische Intelligenz, die für die Ermordungen mitverantwortlich und außerdem Zuträger der NKWD, in die Wege geleitet. Zahl auf etwa 1000 geschätzt. Am 5.7. etwa 70 Juden von den Ukrainern zusammengetrieben und mit geballter Ladung erledigt. Weitere 20 Juden auf der Straße durch Militär und Ukrainer erschlagen, als Reaktion auf die Ermordung dreier Soldaten, die gefesselt mit abgeschnittenen Zungen und ausgestochenen Augen im Gefängnis aufgefunden. Wehrmacht erfreulich gute Einstellung gegen die Juden.“ (Ereignismeldung UdSSR Nr. 14. Berlin, den 6. Juli 1941).

In seinem, in einem rechtsextremistischen Verlag veröffentlichten Bericht über seine Gefangenschaft3 erfährt man über die Zeit vor 1945 nichts, dagegen aber folgendes: er habe während eines NKWD-Verhörs erklärt, „dass unsere Judenaktion falsch gewesen sei (…) Ob ich keine Russen tot geschossen habe? – Recht viele (…)4“. Die Verbrechen der roten Armee würden aber alles ausgleichen: „Ob wir als Volk keine gemeinsame Schuld hätten? Verglichen mit dem, was ich allein von Russen in Ostpreußen gesehen hätte, empfände ich Rußland gegenüber kein Gefühl einer Wiedergutmachungspflicht.“

Von einer verantwortlichen Aussage kann nicht die Rede sein, Hermann Heidegger hat sich genauso wenig wie sein Vater von seinem NS-Glauben wirklich distanziert, genauso wie dieser hat jener sein eigentliches Handeln verklärt. Im Gegensatz zu seinem Vater ist ihm aber die Möglichkeit der echten Distanzierung noch gegeben.

Gaëtan Pégny (Centre Marc Bloch, Berlin)

1 Briefe 1925 bis 1975 und andere Zeugnisse, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main, S. 68-69 (Winter 1932/33).

2 Klaus-Michael Mallmann/ Andrej Angrick/ Jürgen Matthäus/Martin Cüppers (Hrsg.), Darmstadt, WBG, 2011, S. 86.

3 Hermann Heidegger, Heimkehr 47, Edition Antaios, 2007.

4 Ibid., S. 78.

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September 7th, 2014 at 1:40 pm