Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for Oktober, 2014

DW| Nazis wurden zu schlechten US-Agenten

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Dass Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg als Spione für US-Geheimdienste gearbeitet haben, ist bekannt. Jetzt haben US-Forscher herausgefunden, wie viele es waren und was sie bewirkt haben.

CIALogo auf dem Fußboden im Hauptquartier in Langley (Foto: Saul Loeb/AFP)

Klaus Barbie war einer der berüchtigtsten Nazis. Als „Schlächter von Lyon“ ging der Gestapo-Mann in die Geschichte ein. Dennoch vergingen Jahrzehnte, bis er sich für seine Taten verantworten musste. Barbie war zwar ein Kriegsverbrecher – dennoch blieb er nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst unbehelligt. Denn er hatte einen mächtigen Verbündeten: die Spionageabwehr der US-Armee. Erst als Barbie in Bolivien enttarnt, in den 1980er Jahren an Frankreich ausgeliefert und dort verurteilt wurde, kam ans Licht der Öffentlichkeit, dass er und andere hochrangige Nazis nach Ende des Krieges für US-Geheimdienste tätig waren.

Konservative Schätzung

Jetzt haben US-Historiker die Kapitel der Geschichte umfassend analysiert und dabei auch die Qualität der durch die „Nazi-Spione“ gelieferten Informationen untersucht. Nach Auswertung freigegebener US-Geheimdienstakten beziffern die Forscher die Zahl der Nazis, die nach dem Krieg für US-Dienste arbeiteten, auf mindestens 1000. „Das ist eine konservative Schätzung“, sagt Norman J. W. Goda, einer der beteiligten Historiker. „Die Schätzung basiert auf langwieriger Analyse der Akten. Aber die Wahrheit ist, wir haben keine exakte Zahl“, sagt der Professor für Holocaust-Studien an der Universität von Florida.

Nazi-Kriegsverbrecher Klaus Barbie während des Zweiten Weltkrieges (Foto: dpa)Nazi-Kriegsverbrecher Klaus Barbie: tätig für die Spionageabwehr der US-Armee

Denn nicht alle Akten wurden freigegeben, manche gingen möglicherweise verloren. Zudem spiegelt die Zahl 1000 nur die direkten, nicht aber die indirekten Beziehungen wider. Falls die von CIA oder FBI angeworbenen Nazis ihrerseits ehemalige Hitler-Schergen als Spione anheuerten, so sind diese nicht in der Schätzung enthalten – ebenso wenig wie die große Zahl an nicht-deutschen, Nazis in Ungarn, Rumänien oder der Ukraine. Während die genaue Zahl der zu Spionen umfunktionierten Nazis also offenbleibt, gibt es keine Zweifel am geringen Informationsgehalt, den die neuen Agenten ihren amerikanischen Auftraggebern lieferten.

Keine entscheidenden Informationen

„Es gibt keinen Fall, der uns bekannt ist, von dem man sagen, dort wurden entscheidende Informationen geliefert, etwa über die anstehende Berlin-Blockade oder etwas Ähnliches“, sagte Goda der Deutschen Welle. „Das ist einfach nie passiert.“ Als Beispiel nennt er Wilhelm Höttl, einst Mitarbeiter des österreichischen Sicherheitsdiensts (SD), der nach dem Krieg von US-Geheimdiensten angeworben wurde. „Irgendwann fand die CIA heraus, dass die Geheimdienst-Berichte, die Wilhelm Höttl schrieb, auf Zeitungsartikeln basierten, die er gelesen hatte.“

Die von den Amerikanern rekrutierten Deutschen, so Goda, waren einfach keine guten Agenten, was dazu führte, dass viele von den Sowjets abgehört oder umgedreht wurden. Was die Forscher jedoch wirklich überraschte, war der Mangel an Informationen der US-Dienste über die Vergangenheit ihrer Rekruten. Dabei waren die betreffenden Akten häufig verfügbar und sogar unter amerikanischer Kontrolle. „Anders ausgedrückt: Es wäre sehr einfach gewesen, diese Dinge herauszufinden“, so Gota.

Unglaubliche Fälle

Wegen fehlender oder mangelnder Überprüfung wurden Männer angeworben, die persönlich an schweren Nazi-Verbrechen beteiligt waren. „Es gab einen Fall in den frühen 1950er Jahren, als die Spionageabwehr der US-Army einen Mann namens Hermann Höffle einstellte.“ Doch der war zuvor ein leitender Mitarbeiter von Odilo Globocnik, einem österreichischen Nazi und SS-Führer, der im Zusammenhang mit der „Aktion Reinhard“ für die Ermordung von mehr als einer Million Juden in Polen verantwortlich war. „Das war also kein unbekannter Gestapo-Mitarbeiter“, macht Forscher Goda deutlich. „Höffle war ein führender Mitarbeiter bei einer wichtigen Vernichtungskampagne in Polen.“

Joseph McCarthy (Foto: UPI)US-Senator Joseph McCarthy: „Paranoide Kommunistenfurcht“

US-Dienste warben Höffle an, um rechte Gruppen in der Gegend von München zu beobachten – ohne genau zu wissen, mit wem sie es zu tun hatten, betont Goda. „Die Tatsache, dass es überhaupt eine Beziehung zu diesem Mann gab, der später von den Westdeutschen verhaftet wurde, ist wirklich unglaublich.“

Dennoch ist es zu einfach, mit dem Wissen von heute die US-Geheimdienste von damals für die Anwerbung teils schwer belasteter Personen pauschal zu kritisieren. „In den USA herrschte eine Stimmung, in der man sich ernsthaft bedroht gefühlt hat“, sagt Micha Brumlik, ehemaliger Leiter des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts zur Holocaustforschung. Moralische Fragen spielten im Vergleich zur Eindämmung der Sowjetunion eine untergeordnete Rolle.

„Man darf auch nicht vergessen“, so Brumlik im DW-Interview, „dass zu Beginn der 1950er Jahre in den USA der sogenannte McCarthyismus herrschte, eine geradezu hysterische, paranoide Kommunistenfurcht. Und vor diesem Hintergrund scheute man sich dann auch nicht, Verbrecher in Dienst zu stellen, um diesen neuen – und wie man glaubte unglaublich gefährlichen – Gegner zu bekämpfen.“

Gefragt, ob man etwas aus dieser Episode für die Gegenwart lernen können, zeigen sich die Experten Brumlik als und Gota skeptisch. Es liege einfach in der Natur von Geheimdiensten, mit dubiosen oder belasteten Charakteren zusammenzuarbeiten. „Wenn es überhaupt eine Lehre gibt, dann ist es die, wirklich über seine Quellen Bescheid zu wissen”, sagt US-Historiker Gota.

 

Quelle: Deutsche Welle

Written by lbucklitsch

Oktober 29th, 2014 at 6:39 am

Solidarität mit Rojava. Wer wenn nicht wir? Wann wenn nicht jetzt?

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Solidarität mit Rojava. Wer wenn nicht wir? Wann wenn nicht jetzt?

Seit drei Jahren entsteht in den überwiegend kurdischen Gebieten Nordsyriens („Rojava“ genannt) ein politisches System demokratischer Selbstverwaltung. Die Bevölkerung organisiert sich in eigenen Versammlungen und Räten, um ihr Leben über z.B. ethnische und religiöse Unterschiede hinweg gemeinsam zu gestalten. Die Frauen spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie organisieren sich in allen Bereichen eigenständig und sind maßgeblich an der Gestaltung des Gemeinwesens beteiligt.

Geschützt wird diese demokratische Selbstverwaltung von den Selbstverteidigungskräften Rojavas, der YPG und den Fraueneinheiten der YPJ. Es waren diese Einheiten, die gemeinsam mit der PKK êzidische KurdInnen im September vor der menschenverachtenden Organisation Islamischer Staat (IS) aus dem Shengal-Gebirge gerettet haben.
Die Demokratische Autonomie der Städte und Gemeinden Rojavas ist für viele Menschen im Nahen und Mittleren Osten zu einem Hoffnungsträger geworden. Sie beweist, dass ein friedliches Zusammenleben sowie eine gerechtere und demokratischere Gesellschaft möglich sind. Genau diese fortschrittlichen Inhalte ziehen den Hass des IS auf sich. Angesichts des Terrors des IS sind die Menschen von Rojava bereit, ihr Leben für die gemeinsame Verteidigung einzusetzen.

Die Türkei versucht die demokratische Selbstverwaltung Rojavas zu beseitigen. Sie hat eine Blockade gegen die selbstverwalteten Gebiete errichtet, Solidaritätsaktionen in der Türkei blutig unterdrückt und die Aktivitäten des IS toleriert oder sogar unterstützt. Wie die Kämpfe um Kobanê zeigen, sind aber auch Deutschland, die EU und die NATO – unabhängig von ihrer Position zum IS – offensichtlich nicht gewillt, den Überlebenskampf in Rojava aktiv zu unterstützen. Stattdessen werden die kurdischen Organisationen nach wie vor kriminalisiert.
Die Regierungen reden zwar von Hilfe, aber verfolgen nur ihre eigenen geopolitischen Interessen.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass wir uns nicht auf die Staaten verlassen dürfen.

Es ist allerhöchste Zeit, nicht nur von der Solidarität mit den Menschen in Rojava zu reden, sondern sie auch in die Tat umzusetzen. Die Commune von Rojava muss erhalten bleiben – dies ist nur mit der Selbstverteidigung möglich.

Mit unserer Unterschrift spenden wir für die Selbstverteidigungskräfte – YPG/YPJ – in Rojava und rufen alle auf, dies ebenfalls zu tun. Lasst die Menschen in Rojava nicht allein, zeigt eure Solidarität!

Wir unterstützen die demokratische Selbstverwaltung in Rojava, indem wir in der aktuellen Situation die Selbstverteidigungskräfte unterstützen.

Verband der Studierenden aus Kurdistan – YXK
Interventionistische Linke – iL

Erstunterzeichner_innen:
Bini Adamczak, Autorin, Berlin; Prof. Elmar Altvater, Berlin; Sabo Akgül, assyrisches Volks- und Kulturhaus Wiesbaden;andcompany&Co, Theater- und Performancekollektiv; Audiolith, Musiklabel, Hamburg; Edgar Auth, Journalist und dju-Mitglied, Frankfurt am Main; Dario Azzellini, Assist.-Prof., Johannes Kepler Universität Linz; Bertz + Fischer Verlag, Berlin; Prof. Ulrich Brand, Wien; Prof. Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler und Publizist;Murat Çakir, Autor und Publizist, Kassel; Dr. Zülfukar Cetin, Alice Salomon Hochschule Berlin; Dietmar Dath, Schriftsteller und Journalist; Jan Deck, LaPROF (Landesverband Professionelle Freie Darstellende Künste Hessen e.V.), Frankfurt/M; Prof. Alex Demirovic, Frankfurt am Main; Prof. Dr Frank Deppe, Marburg; Prof. Diedrich Diederichsen, Kulturwissenschaftler, Kritiker, Journalist; Marian Drews, Gewerkschaftssekretär, Hannover; Markus Dorfmüller, Künstler und Fotograf, Hamburg; Thomas Ebermann, Publizist, Hamburg; Edition Nautilus, Verlag, Hamburg; Feine Sahne Fischfilet, Band; Dr. Elmar Flatschart, Universität Wien; Koray Yilmaz Günay, Publizist und LGBT*-Aktivist; Nazmi Gür, Stellvertretender Co-Vorsitzender der HDP (Partei der Demokratischen Völker) und Parlamentarier der türkischen Nationalversammlung; Prof. Frigga Haug, Los Quemados; Prof. Wolfgang Fritz Haug, Los Quemados;Prof. Dr. Michael Heinrich, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin; Bernd Hüttner, Autor und Aktivist, Bremen; Informationsstelle Lateinamerika (ila) e.VSelma Irmak, Co-Vorsitzende der DTK (Kongress der Demokratischen Gesellschaft) und Parlamentarierin der türkischen Nationalversammlung; Prof. Dr. Rahel Jaeggi, HU Berlin; Dr. Serhat Karakayali, Berlin; Alexander Karschnia(andcompany&Co), Theatermacher und Autor; Zuhat Kobanê, Europavertreter der PYD – Partei der Demokratischen Einheit; Hardy Krampertz, Historiker, Politologe und Kulturmanager, Mitglied im Kokreis Attac Deutschland, Frankfurt am Main; Karsten Krampitz, Schriftsteller und Historiker, Berlin; Prof. Dr. Verena Krieger, Lehrstuhl für Kunstgeschichte, Friedrich-Schiller-Universität Jena; Axel Kurth, Musiker (WIZO); Joachim Legatis, Journalist & Mitglied im Bundesvorstand der Deutschen Journalistinnen und Journalistenunion (dju) in ver.di, Alsfeld; Markus Liske, Autor, Berlin; Dirk von Lowtzow, Musiker (Tocotronic); Ecco Meineke, Kabarettist und Musiker, München; Hanna Mittelstädt, Verlegerin, Edition Nautilus; Hanswerner Odendahl, Rechtsanwalt, Köln; Turgut Öker, Vorsitzender der Alevitischen Union Europa (AABK) und Ehrenvorsitzender der Alevitischen Gemeinde Deutschland (AABF); Cetin Oraner, Künstler und Musiker, München; Prof. Norman Paech, Völkerrechtler, Hamburg; Alexis J. Passadakis, Mitglied im Rat von Attac; Manja Präkels, Autorin & Musikerin (Der singende Tresen), Berlin; Marco Pompe, Crtical Left Laboratory – cill.me; Werner Rätz, Kokreis Attac Deutschland, Bonn; Fabian Rehm, Gewerkschaftssekretär, Marburg; Prof. Dr. Fanny-Michaela Reisin, Präsidentin der Internationalen Liga für MenschenrechteOliver Ressler, Künstler und Filmemacher, Wien; Karl-Heinz Roth, Historiker und Autor, Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Bremen; Prof. Werner Ruf, Professor für internationales Recht, Edermünde; Rainer Schmidt, Vorstandsmitglied des Palette e.V., Hamburg; Reiner Schmidt, Autor und Herausgeber, Köln; Susanne Schmidt, Autorin, Köln; Dr. Phillip Schink, Dozent für Philosophie, Frankfurt/M.;Wolfgang Schorlau, Autor und Schriftsteller, Stuttgart; Markus Steinweg, Philosoph, Berlin; Tom Strohschneider, Chefredakteur neues deutschland;TickTickBoom, Band (Algun, Ben Dana, Boogie DanCaptain Gips,Flox SchochJohnny MauserKai KaniKaos KanjiKobitoLeijiONE,Marie CurryMister MoPhuriosoPyro One, Rabenkind, Refpolk,Spezial-KSpion YSookee); Prof. Klaus Theweleit, Kulturtheoretiker, Autor und Schriftsteller, Freiburg; Norbert Trenkle, Publizist; Ilija Trojanow, Schrifsteller; Dr. Jana Tschurenev, Georg August Universität Göttingen; Dr. Vassilis Tsianos, Universität Hamburg; Viviana Uriona, (PhD), Regisseurin,Dokumentarfilmkollektiv Kameradistinnen; Wanda Vrasti, (PhD) Dozentin in Berlin; Prof. Dr. Joseph Vogl, HU Berlin; Mark Wagner, Fotograf, Kameramann, Dokumentarfilmkollektiv Kameradistinnen; Winfried Wolf, Chefredakteur Lunapark21; Arne Zank, Musiker (Tocotronic)

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Oktober 29th, 2014 at 4:26 am

Berlin| Déjà-vu? Zur gegenwärtigen Debatte um Antisemitismus – HEUTE 20.10.2014

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Gesprächsreihe des Zentrums für Antisemitismusforschung / Beginn am 20. Oktober 2014

Im Wintersemester 2014/15 bietet das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin die öffentliche Gesprächsreihe „ZfA im Dialog: Gespräche über Ressentiments“ an. Die Reihe wendet sich an Studierende und Interessierte. Sie ist öffentlich. Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist nicht notwendig.

1. Termin: „Déjà-vu? Zur gegenwärtigen Debatte um Antisemitismus“
Zeit: 20. Oktober 2014, 19 Uhr
Ort: Orange Lab, Ernst-Reuter-Platz 2, 10587 Berlin

Im Zuge des Krieges zwischen Israel und Gaza in diesem Sommer flammte die Auseinandersetzung über das Wesen des Antisemitismus wieder auf. Anlass waren judenfeindliche Parolen, die auf propalästinensischen Demonstrationen gerufen wurden, sowie Angriffe auf Juden und Synagogen. Einige Kommentatoren sprachen von „blankem Judenhass“ und konstatierten eine neue Qualität des Antisemitismus. Zudem wurden Analogien zur nationalsozialistischen Mobilisierung in den 1930er Jahren hergestellt. Ein Grund zur Beunruhigung also? Andere werteten die judenfeindlichen Ausfälle als einzelne Normverstöße. Sie betonten die angemessenen Reaktionen des Staates und der Zivilgesellschaft in einem insgesamt auch für Juden sicheren gesellschaftlichen Umfeld. Kein Grund zur Beunruhigung also?

Die Debatte hat einmal mehr gezeigt, dass die Frage, was Antisemitismus eigentlich sei, in besonderer Weise aufgeladen und mit politischen Implikationen verbunden ist. Ein Déjà-vu? Umso mehr scheint es erforderlich, diese Debatte selbst zum Gegenstand kritischer Reflexion zu machen und die Untiefen des regelmäßig wiederkehrenden Antisemitismusstreits zu ergründen. Dies beinhaltet auch Raum für Fragen und Zweifel.
Auf dem Podium diskutieren:

Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum, Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin
Omri Boehm, Philosoph, New York
Carolin Emcke, Journalistin, Berlin
Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler, Berlin1

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Oktober 20th, 2014 at 9:27 am

Micha Brumlik und Christian Niemeyer: Die dunklen Seiten der Jugendbewegung

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Beginn: Fr., 24.10.2014, 19:00 Uhr

Einlass: ab 18:00 Uhr

Ort: Kohlenkeller am Mexikoplatz – Inh. Nina und Roland Wehl – Sven-Hedin-Straße 5 – 14163 Berlin-Zehlendorf

Bitte kommen Sie frühzeitig. Wir laden Sie vor Beginn der Veranstaltung zu einem Begrüßungsgetränk und am Ende zu einem kleinen Imbiss ein. 

Dunkle schatten Jugendbewegung_Seite_01Prof. Dr. Micha Brumlik spricht mit Prof. Dr. Christian Niemeyer über die Jugendbewegung in Deutschland, die sich vor 1933 aus den unterschiedlichsten Bünden zusammensetzte. Neben der großen Zahl völkischer Gruppen gab es kommunistische, sozialistische, christliche, jüdische und andere Bünde.

Die Jugendbewegung war ursprünglich Ausdruck der Rebellion gegen die bürgerliche Gesellschaft. Sie wird bis heute weitgehend positiv gewürdigt. Das hängt auch mit dem “bündischen Widerstand” nach 1933 zusammen.

Doch das ist nur ein Teil der bündischen Wahrheit. Denn der größere Teil der bündischen Jugend war vom Nationalsozialismus begeistert. Einige “Bündische” gehörten sogar den Einsatzgruppen an, die im Osten mordeten.

Christian Niemeyer hat sich mit der antisemitischen und völkischen Seite der Jugendbewegung auseinandergesetzt – und mit der beschönigenden Aufarbeitung nach 1945. Er kritisiert die von Werner Kindt zwischen 1963 und 1974 fertiggestellte Dokumentation über die Geschichte der Jugendbewegung.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus seiner Kritik ziehen?

Wir freuen uns auf eine lebhafte Diskussion.

Prof. Dr. Christian Niemeyer ist Sozialpädagoge, Psychologe und Nietzscheforscher an der Technischen Universität Dresden. Er studierte Pädagogik und Psychologie. Er promovierte 1980 und erhielt seine Habilitation in Erziehungswissenschaft 1987 an der FU Berlin. Von 1979 bis 1993 lehrte Christian Niemeyer an der FU Berlin.

Prof. Dr. Micha Brumlik ist Erziehungswissenschaftler und Publizist. Er wurde als Kind jüdischer Flüchtlinge in der Schweiz geboren und lebt seit 1952 in Deutschland. Von 2000 bis 2005 leitete er das Fritz-Bauer-Institut zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. Er ist Mitherausgeber der Blätter für deutsche und internationale Politik und der Zeitschrift Babylon – Beiträge zur jüdischen Gegenwart. Bis 2013 war er Professor am Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt. Er hat Sachbücher, Essays und Artikel zur Geschichte des Judentums und zeitgenössischer jüdischer Themen veröffentlicht.

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Oktober 20th, 2014 at 9:25 am

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TAZ| MARTIN WALSER ENTDECKT DIE JIDDISCHE LITERATUR – In unheilvoller Tradition der europäischen Judenfeindschaft

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Nein, es lässt ihm keine Ruhe: Das ungeheuerliche Verbrechen, das die Deutschen an den europäischen Juden verübt haben. Seit mehr als 40 Jahren müht sich der Schriftsteller um eine vertretbare Haltung zum Holocaust: von ersten Fingerübungen als Bühnenautor zu einer in München gehaltenen Laudatio auf Victor Klemperer, einem deutschen Juden, bis zu seiner Paulskirchenrede 1998 – diese war nichts anderes als ein Aufruf zur kollektiven Verdrängung und wurde entsprechend kontrovers diskutiert -, von missverständlichen Kindheitserinnerungen bis hin zum antisemitischsten Roman, den die deutsche Nachkriegsliteratur bis dahin vorzuweisen hatte – Martin Walser lässt das Thema nicht los.

Erneuter Versuch

Jetzt hat er es noch einmal versucht, mit einem bisher nicht gekannten Format: der Publikation von knapp 140 Seiten von Exzerpten, Anmerkungen, Kommentaren und persönlichen Reflexionen zum soeben erscheinenden Buch der Literaturwissenschaftlerin Susanne Klingenstein. Über die Autorin, die Walser kommentiert, ist im Netz zu erfahren, dass sie als akademische Lektorin in Harvard lebt und ein Buch über Juden im amerikanischen Universitätsbetrieb publiziert hat. Klingensteins neues Buch ist dem Leben des Autors Sholem Yankev Abramovitsh (1835-1917) gewidmet, der in seinen Anfängen Hebräisch schrieb, um später zu einem Begründer der modernen jiddischen Literatur zu werden.

Als jiddischer Autor wählte Abramovitsh das Pseudonym Mendele Moikher Sforim – Mendele der Buchhändler. Übrigens ist Walser nicht der Erste, der die jiddische Literatur wiederentdeckt: Schon 1994 hatte Wolf Biermann Jizchak Katzenelsons „Großen Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk“ ins Deutsche übersetzt.

Walsers gedruckte Exzerpte enthalten nicht nur seitenlange jiddische Zitate, sondern auch Bemerkungen, die ihn einmal mehr als das erweisen, was er letztlich ist: ein literarischer Nationalist, genauer gesagt, ein Autor, dem bei aller literarischen Raffinesse nur eines wirklich am Herzen liegt, das (deutsche) Volk – womit er perfekt in eine Welt passt, die von Katalanien über Schottland bis nach Kiew und Donezk den Reiz nationalen Denkens und Fühlens wiederentdeckt. Daher bewundert Walser an Abramovitsh weniger dessen großartigen Humor, sondern seinen sprachlich-ethnischen Selbstbehauptungseffekt: „Durch ihn, durch seine Sprache lernt ein ganzes Volk Ja zu sich sagen.“

Der Selbsthass der Nazis

Als hätte man all das als Germanist, der Walser ja auch ist, nicht längst wissen können, entdeckt er jetzt, im Greisenalter von bald 90 Jahren, dass das Jiddische dem Mittelhochdeutschen entstammt und erklärt damit die von Historikern und Soziologen lange gesuchte Singularität des „Nazismus“: „Es gibt sicher nichts“, schreibt Walser, „was den Nazismus genauer charakterisiert als der Versuch, ein ganzes Volk zu ermorden, das eine aus der deutschen Sprache stammende Mundart sprach … Mord bleibt Mord … Aber, dass deutsche Soldaten ein Volk ermorden wollten, das der eigenen Sprache entstammte, das macht die Bösartigkeit der Handlung zur Absurdität.“ Meint er, dass die Juden letztlich ein deutscher Stamm waren und die Nazis an ihnen ihren antideutschen Selbsthass auslebten?

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Written by lbucklitsch

Oktober 8th, 2014 at 7:56 am

TAZ| Essay Nationalismus in Europa – Nach der Kälte

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Bis 1989 waren Europas nationale Leidenschaften tiefgefroren. Nun ist der Nationalismus zurück, in der Ukraine zeigt er sich doppeldeutig.

Ukrainische Polizisten auf dem Maidan im Januar 2014. Bild: imago/ITAR-TASS

Es war ein deutscher Schicksalstag, der 9. November des Jahres 1989, als – angeblich aufgrund eines Versehens des SED-Funktionärs Günter Schabowski – die Berliner Mauer geöffnet wurde und damit der „Kalte Krieg“ sein Ende fand. Als „kalt“ galt der Weltbürgerkrieg zwischen dem kapitalistischen, mehrheitlich demokratischen „Westen“ und dem parteidiktatorischen, planwirtschaftlichen „Osten“, weil entlang seiner in der Mitte Deutschlands gelegenen Grenze keine Kriegsfront verlief, sondern „nur“ ein auf Tötung von Flüchtlingen bedachtes Grenzregime herrschte.

Die heißen Fronten verliefen außerhalb Europas, als Stellvertreterkriege in Korea und Vietnam, im Nahen Osten sowie am Ende in Afghanistan. Diese Kriege, die die tödlichen Kosten der Systemauseinandersetzung in die – von Europa aus gesehen – „Peripherie“ verlagerten, sind als geopolitischer Fall von Eurozentrismus zu wenig beachtet worden. Im Rückblick zeigt sich, dass beim Gebrauch des Begriffs „Kalter Krieg“ die Eigenschaft der „Kälte“ ausgeklammert wurde. Abgesehen von John le Carrés meisterhaftem Spionageroman „Der Spion, der aus der Kälte kam“ ist man dem, was in diesem Zusammenhang „Kälte“ bedeuten könnte, nicht gerecht geworden.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird klar, dass der von 1947 bis 1989 währende „Kalte Krieg“ wie ein gigantisches „Kühlhaus“ wirkte, das viele der politischen Leidenschaften, die Europas Bevölkerungen vorher umtrieben, tiefgefroren hat. Seit 1989 herrscht Tauwetter, in dem Nationalismen wie Zombies wiederauferstehen. Jeder Blick in die Medien bestätigt die Aktualität dessen, was abwertend als „Nationalismus“ und wohlwollend als „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ bezeichnet wird.

Davon zeugen nicht nur die Euroskeptiker in den Parteien, sondern vor allem die Unabhängigkeitsbewegungen der Schotten, der Katalanen, der Flamen sowie der Basken, vor allem aber der Krieg in der Ukraine. Dabei ist das Wiedererstarken des Nationalismus nicht wirklich neu: Schon der vom Westen mitbetriebene Zerfall Jugoslawiens, auch die unauffällige Auflösung der Tschechoslowakei deuteten darauf hin, dass die Magie der „Nation“ die politischen Leidenschaften stärker beflügelt als jede andere Idee. Und zwar auch in der angeblich „postnationalen Konstellation“ (J. Habermas) der von der EU nur institutionell überformten europäischen Länder.

Zwei Ideen von Volk und Nation

Aber was ist eine „Nation“, was ein „Volk?“ Die neuere Geschichte kennt zwei idealtypische, in der Realität meist verfließende Formen: die romantische und die aufklärerische Idee: Während jene die Nation als eine durch Abstammung, Sprache und Kultur geprägte Herkunftsgemeinschaft sieht, versteht die aufklärerische Tradition sie als eine auf Individual- und demokratischen Rechten beruhende Zukunftsgemeinschaft.

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Written by lbucklitsch

Oktober 2nd, 2014 at 4:52 pm