Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for November, 2014

Prof. Dr. Michael Brumlik: National bewußte Mediävistik und bewußtes Judentum: Ernst Kantorowicz

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Ernst Kantorowicz, deutsch-national gesonnen, orientierte sich an Stefan George und gilt bis heute als bahnbrechender Mediävist. Seine Jugend als Mitglied eines rechtsgerichteten Freikorps, sein selbstbewußter Abschied aus dem nationalsozialistischen Deutschland sowie sein späteres Wirken in den USA zeigen deutsches Judentum in all seinen Widersprüchen.
Vortrag von Prof. Dr. Michael Brumlik am 17. November 2014 im Rahmen der Ringvorlesung „Die Goethe-Universität in der NS-Zeit“ in Frankfurt (Main).

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November 23rd, 2014 at 8:51 am

Micha Brumlik| Gedenktafel erneuert – Siegfried Bernfelds Berliner Jahre

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BrumlikTafel.JPG wird angezeigt. Micha Brumlik  und Regie Lockot  bei der  Enthüllung der Gedenktafel  in der PariserStraße 18a

Von 1923 bis 1932 lebte der Begründer der psychoanalytischen Pädagogik, Kritiker der Jugendbewegung und einer der ersten Freudomarxisten, Siegfried Bernfeld, in Berlin. Eine Gedenktafel, die während baulicher Erneuerungsarbeiten versehentlich entfernt worden war, wurde vergangene Woche durch die Berliner Historikerin der Psychoanalyse, Regine Lockot sowie den Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik dank freundlicher Unterstützung der Hausverwaltung erneut in der Pariser Strasse 18a angebracht.

Am 2. April des Jahres 2012 jährte sich zum sechzigsten Mal der Todestag von Siegfried Bernfeld, einem trotz einer kurzfristigen Renaissance in der Studentenbewegung nach wie vor unterschätzten Theoretiker der Erziehung und Ideologiekritiker der Pädagogik. Bernfeld, 1892 in Lemberg geboren, war in seiner Jugend idealistischer Aktivist der jüdischen Jugendbewegung, war von Gustav Wyneken beeinflußt und arbeitete im Kreise Martin Bubers mit.

1925 erstmals erschien im Internationalen Psychoanalytischen Verlag in Leipzig seine Schrift „Sisyphus oder die Grenzen der Erziehung“, die auch als Enntäuschungsverarbeitung gelesen werden kann: Bernfeld, der sich nach dem Kriege, 1919 in einem

Heimerziehungsprojekt der linkszionistischen Jugendbewegung in Wien engagiert hatte, war an dieser Aufgabe, dem projekt „Kinderheim Baumgarten“ letztlich gescheitert.

Die Auseinandersetzung mit diesem Scheitern führte zu einer nicht mehr enthusiastischen, sondern wissenschaftlichen Haltung gegenüber allen Fragen der Erziehung. Diese Haltung, die ihn Freuds Psychoanalyse und Marx’ Kritik der politischen Ökonomie als harte, empirisch überprüfbare Sozialwissenschaften verstehen ließen, stellen eine fulminante Kritik eines jeden unbegründeten pädagogischen Idealismus dar. Bernfeld will, daß in der Erziehung statt der Ethik „die Sozialwissenschaft, und zwar in ihrer härtesten und lebendigsten Form, der Marxschen, die Psychologie, in ihrer tiefsten und lebendigsten Form, der Freudschen ergänzen wird.“ Seine Schrift umfasst drei große Kapitel, deren erstes sich unter dem Titel „Von der Pädagogik“ vor allem mit dem wissenschaftlichen Defizit der damaligen geisteswissenschaftlichen Pädagogik auseinandersetzt. Das zweite Kapitel, „Voraussetzung und Funktion der Erziehung“ erörtert dann ihre Konstanten und die daraus resultierenden Grenzen aller pädagogischen Anstrengung, während das dritte Kapitel „Mittel, Wege, Möglichkeiten der Erziehung.“ dann aller wissenschaftlichen Skepsis zum Trotz das umreißt, was erzieherisches Handeln seiner Beschränkungen zum trotz letztlich vermag. In äußerster, früher Hellsicht hat Bernfeld dort den ideologischen, später auch faschistoiden Gehalt geisteswissenschaftlicher Pädagogiken, vor allem des damals schon berühmten Eduard Spranger analysiert.

 Gedenktafel für Siegfried Bernfeld und Suzanne Paret an dem Haus Pariser Str. 18a, Foto: KHMM Bild: Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf

Für Bernfeld stand außer Frage, daß die Erziehung zu jenen Bereichen menschlichen Handels gehört, die mit am wenigsten vom gesamtgesellschaftlichen Rationalisierungsprozeß ergriffen wurden. Da aber „Sinn und Funktion der Pädagogik die Rationalisierung der Erziehung“ ist verfehlt die klassische wie auch die geisteswissenschaftliche Pädagogik grundsätzlich ihre Aufgabe, den Sinn des Unterrichtens und die Funktion des Schulwesens zu verstehen. Bernfeld meint nachweisen zu können, daß die Schule als Institution nicht aus dem Zweck des Unterrichts heraus entstanden ist, sondern „aus dem wirtschaftlichen – ökonomischen, finanziellen – Zustand, aus den politischen Tendenzen der Gesellschaft; aus den ideologischen und kulturellen Forderungen und Wertungen, die dem ökonomischen Zustand und seinen politischen Wertungen entsprangen, aus den (zweck-) irrationalen Anschauungen und Wertungen, die die psychische Beziehung alt-jung, die Bürgerschaft in einer bestimmten Gesellschaft, in einer bestimmten ihrer Klassen, unbewusst und unkorrigiert erzeugt.“ Damit ist eine erste Grenze pädagogischen Wollens markiert: die materiellen und ideologischen Strukturen der jeweils bestehenden (kapitalistischen) Gesellschaften. Als zweite Grenze erweist sich die seelische Befindlichkeit der Erzieher, die sich auf die von ihnen vermutete, aus eigener Erfahrung speisende Befindlichkeit von Kindern speist, indes: „Unsere erinnerte Kindheit ist aber weit davon entfernt, treue Erinnerung zu sein, sie ist Tendenz…entstanden in den tiefsten Seelenwirbeln des Lebens, festgehalten, ausgestaltet als Waffe gegen mächtige Feinde innerhalb der eigenen Seele in lebenslänglichem Kampfe.“

Als dritte zu bedenkende Grenze pädagogischen Wollens weist Bernfeld sodann auf die Eigendynamik der menschlichen Ontogenese hin. Angesichts dieser drei, wissenschaftlich erwiesenen pädagogischen Wollens sind die Grundfragen der klassischen pädagogischen Theorie neu zu stellen: Ist ein ewiges Menschheitsideal überhaupt erreichbar? Und wenn ja, ist es durch Erziehung erreichbar? ? Endlich: sind die von den Pädagogen in Anschlag gebrachten Mittel zur Erreichung dieses Ziels auch zweckmäßig? Vor einer Beantwortung dieser Fragen ist Pädagogik als „Tatsachenwissenschaft“zu konzipieren und ihre Voraussetzungen und Funktionen zu klären.

Zu den Voraussetzungen zählt erstens die „Naturtatsache“ der ontogenetischen Entwicklung die Erziehung als „soziale Tatsache“oder eben als „Entwicklungstatsache“ erzwingt. Diese nur in einer menschlichen Gesellschaft mögliche soziale Tatsache führt dann zu einer präzisen und illusionslosen Definition dessen, was Erziehung ist: „die Summe der Reaktionen einer Gesellschaft auf die Entwicklungstatsache.“

Bernfelds illusionslose funktionalistische Analyse kann dann zu keinem anderen Schluß kommen, als daß jede Erziehung folgendem Ziel dient: „der physischen Erhaltung der Gesellschaft, der Sicherung und Beeeinflußung der organischen Rekapitulation, deren Korrektur und Ergänzung durch Erziehung des Kulturplus: die Erhaltung der erziehenden Gesellschaft und ihrer psychischen Struktur.“ So sehr von dieser Position aus eine schlagende Ideologiekritik nur normativer Ansätze der von Bernfeld abschätzig als „Pädagogiker“ bezeichneten Klassiker zu üben ist, so sehr bleibt für Bernfeld noch ungeklärt, ob überhaupt und wenn ja welche Schritte die Erziehung unternehmen kann, „die Macht des Sozialismus“ zu ermöglichen oder vorzubereiten. Da trotz aller auch kleinen Fortschritte gilt: „Die Erziehung aber ist immer rückständig. Ihr Fortschritt besteht darin, daß ihre Rückständigkeit ein wenig überwunden wird.“ Mit diesem Nachweis will Bernfeld der Pädagogik die großen Hoffnungen austreiben und sie nach dem Modell eines ordentlichen Handwerks, heute würde wir eher von Professionalität sprechen, der es auch nur um ein angemessenes Einkommen und gelungene Produkte geht, neu formieren. „Was geht“ so seine polemische Frage „den Erzieher die Kultur und die Menschheit an?“ Indem schließlich auch noch die pädagogische Liebe durch die Psychoanalyse durch den Nachweis ihren libidinösen und ödipalen Dynamik entzaubert wird, bleibt endlich nur noch das Bekenntnis zur Parteilichkeit jeder Wissenschaft und zur Hoffnung, daß revolutionäre Umwälzungen schließlich die richtigen Einsichten und Strukturen hervorbringen mögen: zu Einsichten, die sich dann herstellen, wenn „der Sozialismus die Macht in der Gesellschaft erobert; man hat es“ so der Autor im Jahr 1925 „in Sowjetrußland gesehen.“

Ob freilich Siegfried Bernfelds freudomarxistische Neue Sachlichkeit mit ihrem Appell zur Bescheidenheit – unter Rücknahme der emphatischen Ansprüche idealistischer Bildungsphilosophie – am Ende nicht doch das verstärkt, was er selbst kritisch diagnostizierte, nämlich den konservativen Charakter aller Pädagogik, bleibt offen.

Nach seinen Wiener Erfahrungen ging Bernfeld in den 1920er Jahren nach Berlin, war dort entscheidend am Aufbau und der Institutionalisierung der Psychoanalyse beteiligt und zugleich Mitglied im „Bund entschiedener Schulreformer“. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten führte ihn schließlich 1937 über mehrere Stationen europäischer Emigration endlich in die USA, nach San Francisco, wo er nicht nur Details von Freuds Leben erforschte, sondern auch zum Gründer der dortigen psychoanalytischen Vereinigung wurde. 1942 wurde die von ihm gegründete pyschoanalytische Vereinigung San Franciscos dann Mitglied der renommierten „American Psychoanalytic Association“, die Bernfeld freilich nur eine Ehrenmitgliedschaft verleihen konnte, da in den USA nur approbierte Mediziner zugelassene Psychoanalytiker werden konnten. Sein letzter, ein halbes Jahr vor seinem Tod im Jahr 1952 gehaltener Vortrag galt dem Thema „On psychoanalytic training.“

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November 18th, 2014 at 4:18 pm

AUFRUF “GEGEN INSTITUTIONELLEN RASSISMUS!”

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Die Mitglieder des Netzwerkes Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) haben in den Jahren 2000 bis 2006 aus rassistischen Motiven Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat ermordet. In der Kölner Keuppstraße verübten sie ein Nagelbomben-Attentat, in Nürnberg und Köln überlebten bei zwei weiteren NSU-Sprengstoffanschlägen zwei Migrant_innen nur knapp. In Baden-Württemberg wurde 2007 die Polizistin Michèle Kiesewetter vom NSU ermordet.

Schon die bisher aufgedeckten skandalösen sogenannten „Ermittlungspannen“ von Polizei und Verfassungsschutz bei der Suche nach dem ab Januar 1998 flüchtig gewesenen  mutmaßlichen NSU-Kerntrio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe lassen, so der Bericht des Untersuchungsausschusses des Thüringer Landtags, den ungeheuren Verdacht „gezielter Sabotage und des bewussten Hintertreibens eines Auffindens der Flüchtigen“ zu.

AUFRUF

Gegen institutionellen Rassismus! Pädagog_innen* für eine vollständige Aufklärung des NSU-Komplexes!

Als Zeichen eines entschlossenen Entgegentretens gegen den institutionellen Rassismus, der bei den Ermittlungen zur NSU-Mord- und Anschlagsserie sichtbar geworden ist, fordern wir eine offensive Auseinandersetzung mit Rassismus und rechtsextremen Tendenzen in den staatlichen Sicherheitsbehörden. Als konkrete Schritte fordern wir…

… die Einsetzung einer Untersuchungskommission nach dem Vorbild der Stephen Lawrence Kommission in Großbritannien mit dem Auftrag der Vorbereitung durchgreifender Reformen bei den Polizei- und Verfassungsschutzbehörden des Landes und des Bundes, die institutionellen Rassismus und insbesondere rassistische Ermittlungspraxen wie die Praxis des Racial Profiling in Zukunft wirksam verhindern,
… das Offenlegen der zahlreichen Kontakte des mutmaßlichen NSU-Kerntrios zu in Baden-Württemberg lebenden Neonazis sowie die vollständige Aufklärung der Hintergründe des Mordes an Michèle Kiesewetter, der rassistisch motivierten Ermittlungen gegen Sinti und Roma in Heilbronn, sowie der Verbindungen von Polizeibeamten zum Ku Klux Klan im Rahmen des geplanten Untersuchungsausschusses des Landtags Baden-Württemberg,
…  auch auf Bundesebene eine weitere Aufklärung der offenen Fragen im Kontext von NSU-Ermittlungen im Rahmen eines neuen Untersuchungsausschusses des Bundestages.

In unserer pädagogischen Praxis erleben wir, wie politisch rechts, rassistisch und antisemitisch motivierte Gewalt und der institutionelle Alltagsrassismus der Behörden, der Politik und der Medien sowie die weitgehende gesellschaftliche Gleichgültigkeit zu einem Vertrauensverlust und zur Erfahrung verweigerter Zugehörigkeit führen. Es ist unsere Aufgabe, alles dafür zu tun, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, mit denen wir zusammenarbeiten, vor Diskriminierungen und Verletzungen zu schützen und sie parteilich zu begleiten im Umgang mit individuellen wie institutionellen Rassismuserfahrungen. Daher wenden wir uns auch besonders gegen die Praxis des Racial Profiling bei Polizei und Grenzschutz.

Wir treten dafür ein, Rassismus im Alltag zu benennen und öffentlich anzuklagen.

Unterstützen Sie unseren Aufruf durch Ihre Online-Unterschrift!

Aufruf als PDF  /  Hier unterschreiben!

Folgende Personen unterstützen diesen Aufruf:

  1. Sayed Jafer Akhzarati, Leiter des Projekt FARQ, Bremen
  2. Prof. Dr. Birgit Ammann, Fachhochschule Potsdam
  3. Prof. Dr. Beate Aschenbrenner-Wellmann, Evang. Hochschule Ludwigsburg
  4. Süleyman Ateş, Leitungsteammitglied des Bundesausschuss Diversität – Migration und Antidiskriminierung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
  5. Prof. Dr. Iman Attia, Alice Salomon Hochschule Berlin
  6. Dean Babic, Referent für Pädagogik, SOS Kinderdorf e.V.*
  7. Prof. Dr. Heinz Bartjes, Hochschule Esslingen
  8. Zeljka Blank-Antakli, Sozialpädagogin (FH), Kreuzlingen, Schweiz*
  9. Angela Blonski, Geschäftsführerin des Vereins Lilith e.V. Pforzheim*
  10. Paula Bock, Pädagogische Hochschule Freiburg*
  11. Dr. Manuela Bojadzijev, Humboldt Universität zu Berlin
  12. Prof. em. M. Brumlik, Zentrum für jüdische Studien Berlin/Brandenburg Read the rest of this entry »

Written by lbucklitsch

November 14th, 2014 at 8:44 am

TAZ| Ganz normale Organisationen

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MORDBEREITSCHAFT Psychische Schwäche, Alkohol, Kameraderie, Unterwerfung – von SA bis IS: Stefan Kühl untersucht die Voraussetzungen für massenhaft praktizierten Sadismus

 

VON MICHA BRUMLIK

Als vor sechsundsiebzig Jahren die Synagogen angezündet und jüdische Menschen unter Hohn und Spott wie Vieh durch die Straßen deutscher Städte getrieben wurden, waren die Täter meist Mitglieder der SA aus anderen Städten, während sich ortsansässige Passanten teils verlegen abwandten, teils interessiert gafften. Als drei, vier Jahre später jüdische Kinder, Männer und Frauen in Polen und in der Sowjetunion ermordet wurden, waren kaum Passanten zugegen, während ganz normale deutsche Soldaten und Polizisten dieses blutige Handwerk präzise verrichteten. Das, was als „Holocaust“ bezeichnet wird, die planmäßige Ermordung von etwa sechs Millionen europäischer Juden durch SS, Wehrmacht, Polizei und ostmitteleuropäische Hilfstruppen, war keineswegs identisch mit dem, wofür gemeinhin der Ortsname „Auschwitz“ steht – nämlich die fabrikmäßig betriebene Vergasung. Vielmehr – darauf haben die Historiker Daniel Jonah Goldhagen und Christopher Browning in einer berühmt gewordenen Kontroverse hingewiesen – wurde etwa die Hälfte der Morde, bei denen die Täter u. a. Babys aus nächster Nähe erschossen, handwerklich mit Schusswaffen ausgeführt.

Derzeit fragt sich die Welt, wie es möglich ist, dass Milizionäre einer Organisation namens „Islamischer Staat“ in Videos, vor den Augen der Weltöffentlichkeit, wehrlosen Geiseln den Hals abschneiden, wie es sein kann, dass junge, in westlichen Gesellschaften aufgewachsene Männer ausreisen, um anderswo zu rauben, zu morden und zu vergewaltigen. Kann es sein, dass es der angebotene Rahmen einer „Organisation“ ist, die Staatlichkeit suggeriert, der sie dazu motiviert?

Handwerker des Todes

Die Frage, wie derlei möglich ist und – mit Blick auf die deutsche Geschichte – möglich war, beschäftigt Geschichts-, Politik- und Philosophiewissenschaften spätestens seit Hannah Arendts bis heute heiß debattierter Reportage „Eichmann in Jerusalem“ aus dem Jahr 1961. In der stellte sie die These von der „Banalität des Bösen“ stellte. Nach dieser geht die Bereitschaft zum willfährigen Vollziehen des Mordes an den Juden auf nichts anderes zurück als auf die Unterwerfungsbereitschaft durchschnittlicher Menschen unter bürokratische Zwänge. Obwohl durch Forschungen der HistorikerInnen Doron Rabinovici und später Bettina Stangneth längst erwiesen ist, dass das im Falle Eichmanns nicht zutraf, er vielmehr ein fanatischer Antisemit war, nahm die Debatte durch Goldhagens 1996 publiziertes Buch über „Hitlers willige Vollstrecker“ noch einmal Fahrt auf. Die Mitglieder der von Goldhagen und Browning untersuchten „handwerklichen“ Tätergruppe, des Polizeibataillons 101, waren im Osten eingesetzte Hamburger Polizisten, die einem eher sozialdemokratischen Milieu entstammten und weder als NS-nah noch als übermäßig judenfeindlich zu betrachten waren.

Ihre Taten und Motive sind durch die Akten eines 1965 in Hamburg geführten Prozesses ungewöhnlich gut dokumentiert. Während Goldhagen die Mordbereitschaft der Polizisten mit der ihnen ansozialisierten deutschen Kultur einschließlich ihres tiefsitzenden Judenhasses erklärte, ging Christopher Browning einen eher sozialpsychologischen Weg. Browning erklärte die Untaten der „ganz normalen Männer“ durch psychische Schwäche, Alkohol und Kameraderie – also durch Persönlichkeitseigenschaften. Parallel zu diesen Debatten versuchte der Historiker Hans Mommsen, eine „funktionalistische“ Erklärung gegen eine „intentionalistische“ Erklärung zu plausibilisieren. Demnach sei eine Untersuchung von Motiven und Absichten der Handelnden gegenüber den Strukturen ihrer Gesellschaft mehr oder minder müßig.

Die Debatte, wie der Holocaust zu erklären sei, hat jetzt, mit dem Erscheinen der vom Bielefelder Soziologen Stefan Kühl soeben vorgelegten Studie „Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust“ eine sachliche Fortsetzung gefunden. Kühl ist weder Historiker noch Zivilisationskritiker, weder Tiefenpsychologe noch Philosoph, sondern Soziologe, also Angehöriger einer akademischen Disziplin, die kulturelle und politische Phänomene durch die Formen, in der Menschen zusammenleben, erklären will. Die Form „Organisation“ ist demnach keine Maschine, in der Menschen wie Rädchen genau das vollziehen, was Personenverbände von Politik oder Wirtschaft programmatisch vorgeben. Es sind Gebilde, die häufig widersprüchliche Ziele verfolgen, deren Mitglieder widersprüchlich handeln, in denen nachgeordnete Mitglieder den Leitungen entgegen- oder eben überholend zuarbeiten.

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Written by lbucklitsch

November 12th, 2014 at 3:55 pm

Forschungsprojekt DemoKita – Vortrag Prof. Dr. Micha Brumlik

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November 12th, 2014 at 9:31 am

TAZ| Aktueller Revisionismus

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Die Zeit ethnischer Nationalstaaten ist längst nicht vorbei. Postkoloniale Theorien sollten in dieser Hinsicht wenigstens präzisiert werden.

Jerusalem: „Hier der Glaube an den Tempel Davids, dort die Überzeugung, dass der Prophet von Mekka auf seinem Pferd Burak nächtens angeritten sei.“ Bild: dpa

Womöglich beweisen die mörderischen Kriege im Nahen Osten sowie das tödliche militärische Geplänkel im Osten der Ukraine, dass eine – zumal von Linksliberalen gern geteilte – Überzeugung wieder zur Disposition zu stellen ist. Seit mindestens fünfundzwanzig Jahren haben wir uns bei dem Gedanken wohlgefühlt, dass die Zeit der ethnischen Nationalstaaten, die den Menschen nicht nur Europas in zwei Weltkriegen millionenfachen Tod brachten, vorbei und überwunden sei, dass zumal die Globalisierung ihre Überwindung und Einschränkung geradezu erzwinge.

Inzwischen hatten wir allerdings durch historische Forschung, etwa die Untersuchungen des Konstanzer Historikers Jürgen Osterhammel zu lernen, dass es gerade die frühneuzeitliche Globalisierung war, die den ethnischen Nationalstaat zumindest mit verursacht hat.

Zugleich war zur Kenntnis zu nehmen, dass zumal in den klassischen Nationalstaaten, Frankreich und Großbritannien, jene politischen Kräfte, die gegen ein postnationalstaatliches Gebilde wie die Europäische Union sind, immer stärker werden; die vorerst glimpflich ausgegangenen Sezessionsbewegungen in Katalonien und in Schottland bestätigen das nur.

Ein Blick in den Nahen (nah von wo eigentlich?) und „Mittleren“ Osten wiederum scheint drastisch das Ende der aufgenötigten nationalstaatlichen Hüllen zu beweisen: Während von „Libyern“, „Irakern“ oder gar „Syrern“ als ethnischen Nationen keine Rede mehr sein kann, sondern dort nur noch Stämme oder Religionsgemeinschaften Träger der politischen Entwicklung sind, erweisen sich die Völker der Juden und Palästinenser, neuerdings auch der Kurden als stabil und geradezu staatstragend – im Guten wie im Schlechten. Angesichts dessen hätte jenes Theorienangebot, das als „postkolonial“ bezeichnet wird, einige Revisionen oder wenigsten Präzisierungen vorzunehmen.

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Written by lbucklitsch

November 12th, 2014 at 5:47 am

Unpolitische Studenten: „Entpolitisierung ist beabsichtigter Effekt der Hochschulpolitik“

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Nach der Bologna-Reform bleibt Studenten kaum Zeit für Engagement neben dem Studium – Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik sieht darin die Hauptursache für deren scheinbar gesunkenes Interesse an der Politik

Von Alexander R. Wenisch

Nach der Bologna-Reform bleibt Studenten kaum Zeit für Engagement neben dem Studium. Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik sieht darin die Hauptursache für deren scheinbar gesunkenes Interesse an der Politik. Micha Brumlik (66) lehrte von 1981 bis 2000 Erziehungswissenschaft an der Uni Heidelberg, war anschließend bis zur Emeritierung 2013 Professor an der Goethe-Uni in Frankfurt/Main. Heute ist Brumlik (Foto: dpa) als Publizist tätig.


So wenige Studenten wie noch nie interessieren sich für Politik – hat Sie das überrascht?

Nein, weil ich mir die Entwicklung erklären kann.

Was ist Ihre Erkenntnis?

Die Entpolitisierung ist einerseits ein beabsichtigter Effekt der Hochschulpolitik der vergangenen Jahrzehnte. Andererseits Konsequenz aus den vielen Medienberichten, die sagen, die heutige junge Generation wird den Lebensstandard ihrer Eltern nicht halten können.

Also eine Generation der Ich-AGs?

Ja. Die Studenten haben ihre Karriere im Blick. Wobei man ihnen diese Haltung nicht anlasten kann.

Wo sehen Sie den Zusammenhang zur gegenwärtigen Hochschulpolitik?

Im Zuge der Bologna-Reformen wurde das Studium bürokratisiert, erheblich verschult und gestrafft. Den jungen Leuten bleibt da kaum noch Zeit links und rechts des Hörsaals quasi eigenständige Lernerfahrungen zu machen – schon gar nicht, sich politisch zu engagieren.

Ein gewollter Prozess, um Studentenproteste zu verhindern?

Nein, das ist mir zu verschwörungstheoretisch.

Politik ist ihnen zu komplex, sagen viele der Befragten.

Von jungen Erwachsenen, die an der Uni studieren, sollte man eigentlich etwas anderes erwarten. Aber auch das lässt sich erklären. Als ich in den 60ern und 70ern studiert habe, waren fünf Prozent eines Jahrgangs an der Hochschule. Im Zuge der Bildungsreformen wurde der Anteil deutlich angehoben; heute gehen fast 50 Prozent eines Jahrgangs an die Uni. Das ist natürlich positiv zu bewerten. Da sich aber weiterhin vor allem Studenten aus der bildungsbürgerlichen Schicht für Politik interessieren, ist klar, dass nun der Mehrheit an den Unis politische Zusammenhänge zu kompliziert sind.

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Written by lbucklitsch

November 1st, 2014 at 7:35 am