Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for März, 2015

neues deutschland| Publizist Brumlik: Zwei-Staaten-Lösung nach Israel-Wahl unmöglich

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Micha Brumlik über die Folgen der Parlamentswahlen in Israel und eine mögliche Lösung für den Nahost-Konflikt

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Micha Brumlik leitete von 2000 bis 2005 das Fritz Bauer Institut zur Geschichte des Holocaust.

Die Wiederwahl Benjamin Netanyahus fiel mit dem vierten Jahrestag des Bürgerkriegsbeginns in Syrien zusammen. Während die Gründung des Staates Israel in mehr als 60 Jahren 700 000 palästinensische Araber zu Flüchtlingen machte und in sechs Kriegen mit dem Tod einiger Tausend Soldaten und Zivilisten auf beiden Seiten einherging, kostete der syrische Bürgerkrieg nach Angaben der Vereinten Nationen in vier Jahren 220 000 Menschen das Leben und führte bisher zum Flüchtlingselend von zwölf Millionen Menschen.

Die nackten und rohen Zahlen belegen, dass es sich bei diesen Konflikten um in humanitärer Hinsicht unvergleichliche Größen handelt. Dass freilich der Palästinakonflikt die politische Einbildungskraft nicht nur in Deutschland so viel stärker beschäftigt, liegt nicht daran, dass er der Schlüssel zur Lösung aller Probleme der Region wäre. Das liegt viel mehr daran, dass Israel ein Staat von Juden ist und als Reaktion auf die von Deutschen und anderen Europäern vollzogene Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden gilt.

Während der syrische Bürgerkrieg eine aktuelle, wenn auch verdrängte Katastrophe darstellt, erweist sich der Konflikt in Israel/Palästina als ein mentales, normatives Problem vor allem für westliche Staaten – für Frankreich, vor allem aber für Deutschland. Während es in Syrien um Hilfe und Unterstützung von Flüchtlingen und Verletzten, um das Vermeiden weiteren Tötens gehen müsste, geht es bei Palästina/Israel (nur) um vernünftige, im besten Sinne moralische Haltungen. Das hat niemand anders als Kanzlerin Merkel zum Ausdruck gebracht, als sie vor der Knesset die Sicherheit Israels zur deutschen Staatsräson erklärte – ein Bekenntnis, das Bundespräsident Gauck später relativierte.

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März 24th, 2015 at 6:18 pm

TAZ| Netanjahus purer Fundamentalismus

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Die jüdische Diaspora nach den Wahlen: Die Distanz zu der noch stärker nationalreligiös orientierten Regierung in Jerusalem wird nicht geringer.

In den USA lebt die größte jüdische Diaspora.  Bild: dpa

Nach seinem unerwarteten Wahlsieg vollzog Benjamin Netanjahu zwei symbolische Handlungen, die wenig Gutes verheißen. Er besuchte die Klagemauer in Jerusalem und ließ sich dabei filmen, wie er einen Zettel in die Außenmauer des Herodianischen Tempels steckte. Fromme Juden hinterlassen hier persönliche Bitten, manche auch politische Wünsche. Eine abergläubische, götzendienerische Praxis.

Noch schwerwiegender dürfte eine bislang kaum beachtete Äußerung des Premiers anlässlich dieses Besuchs sein: „Here in this place“, so Netanjahu, „I am awed by the historical significance of a people renewing itself in its homeland after 4.000 years.“

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März 23rd, 2015 at 5:10 am

TAZ| Zuflucht und Gefahr

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Gemessen am Schrecken des islamistischen Terrors, der Hunderttausenden von Toten und Millionen Flüchtlinge der Kriege in Syrien und im Irak, erscheinen Israel und Palästina als Inseln der Seligen in einem Ozean von Unglück und Verderben.

Das gilt allerdings nur für eine „objektive“ Betrachtungsweise, nicht für die mentale Verfasstheit westlicher Gesellschaften, zumal Deutschlands und Österreichs mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit. Und zwar deswegen nicht, weil der Staat Israel nach eigenem Selbstverständnis ein jüdischer Staat ist und darauf dringt, es zu bleiben und als solcher anerkannt zu werden. In dieser Rolle zieht er immer wieder – zuletzt den Protest auf deutschen Straßen während des Gazakriegs – als „Jude unter den Staaten“ (Léon Poliakov) antisemitische Projektionen und Handlungen auf sich.

Dieser Problematik geht der in Wien lehrende Politikwissenschaftler Stephan Grigat seit Jahren nach: Soeben sind einige seiner eindringlichsten Arbeiten als Buch erschienen. Was Grigats Studien von anderen Beiträgen der „Antideutschen“ unterscheidet, ist nicht nur die Genauigkeit und Nüchternheit seiner Argumentation, sondern auch die vorzügliche historische Kenntnis, mit der er sich innerjüdischen Debatten, nicht zuletzt der Kritik jüdischer und israelischer Linker an Zionismus und israelischer Politik, stellt.

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März 23rd, 2015 at 5:08 am

Maxim Gorki Theater: Jubeljahre von Max Czollek – Samstag, 21.März 2015

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Foto: Philipp Mertens

Buchpremiere

Jubeljahre

von Max Czollek
gegen sätze

Nach seinem Debüt Druckkammern versammelt Max Czollek in seinem zweiten Band Gedichte, die sich einen Weg durch die Doppelbödigkeit der deutschen Sprache bahnen. Das Ohr am Waldboden der Worte lauscht Czollek Störgeräuschen – dem Sinuston der Geschichte, der unser Sprechen konstant und dennoch unbemerkt begleitet. Czollek stellt seine Sprache unter Verdacht: Ist 19:45 bloß eine Uhrzeit? Sind Parkbänke für jeden gleichermaßen besetzt? Sind die GA SAG -Platten auf dem Bürgersteig eigentlich Stolpersteine? Und gerade weil er sich jener Verschränkung von Sprechabsicht und sedimentierter Gewalt nicht verweigert, erreicht Czollek eine ganz eigene Freiheit im Schreiben, die letztlich vom Ausweg handelt.

Danach der Autor im Gespräch mit Prof. Dr. Micha Brumlik (Zentrum Jüdische Studien Berlin Brandenburg)
Moderation: Johannes CS Frank

Jubeljahre erscheint im März 2015 im Verlagshaus J. Frank

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März 20th, 2015 at 5:12 am

Bundestag| Antisemitismus in Deutschland – Kleine Anfrage

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Deutscher Bundestag
18. Wahlperiode

Drucksache 18/4173                                                                    03.03.2015

Antwort

der Bundesregierung

auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Volker Beck (Köln), Özcan Mutlu,
Monika Lazar, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS gO/DIE GRÜNEN
– Drucksache 18/3870 –

Antisemitismus in Deutschland

Vorbemerkung der Fragesteller

In Deutschland sind wir täglich mit allen Formen der gruppenbezogenen Men­schenfeindlichkeit konfrontiert. Antisemitische Straftaten gehören zum trauri­gen Alltag. Jüdische Einrichtungen sind häufig auf einen dauerhaften Schutz durch die Polizei angewiesen. Nicht erst nach den Terroranschlägen von Paris leben viele Juden in Deutschland mit einer gewachsenen Sorge vor Anschlägen und Angriffen. Denn, wie der Sommer 2014 zeigte, werden Auseinandersetzungen im Nahostkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern auch mit Gewalt
auf deutsche Straßen getragen, welche in teilweise antisemitischen und gewalt­samen Auseinandersetzungen endeten.

Der Deutsche Bundestag hat mehrfach seine Entschlossenheit gegen Antisemi­tismus und sein Ja zum jüdischen Leben hier bekundet (beispielsweise auf Bundestagsdrucksache 17/13885, 16/10775 (neu), 16/10776). Zudem hat im
Januar 2015 der Expertenkreis Antisemitismus erneut seine Arbeit aufgenom­men.

Vorbemerkung der Bundesregierung

Nicht nur vor dem Hintergrund der historischen Verantwortung Deutschlands ist die Bekämpfung von Antisemitismus ein zentrales Anliegen der Bunderegie­rung. Über jüdische Menschen und die die jüdischen Gemeinden hinaus bedroht Antisemitismus jeglicher Ausrichtung auch die demokratische Gesellschaft in
ihrer Gesamtheit und in ihren Grundwerten.

Für die Bundesregierung sind sowohl die Prävention als auch die entschiedene Bekämpfung von Antisemitismus und extremistischen Bestrebungen jeglicher Couleur von hoher politischer Priorität. Dass jüdische Menschen sich in
Deutschland sicher und aufgehoben fühlen, ist für die Bundesregierung von gro­ßer Bedeutung. Darüber besteht ein umfassender gesellschaftlicher und politi­scher Konsens.

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Written by lbucklitsch

März 16th, 2015 at 7:39 am

Deutschland| Thema Antisemitismus in deutschen Parlamenten – 2014

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1.PDF im neuen Fenster öffnenBeratungsstand zeigenEinstellung des Ermittlungsverfahrens im Zusammenhang mit der anti-israelischen Demonstration am 18. Juli 2014 in Mainz
Rheinland-Pfalz – Mündliche Anfrage Julia Klöckner (CDU), Christian Baldauf (CDU) in: Sammeldrucksache Landtag Rheinland-Pfalz17.12.2014 Drucksache 16/4383 (9 S.) (Nr. 2)
2.PDF im neuen Fenster öffnenBeratungsstand zeigenAntisemitische Überfälle, Leugnung des Holocaust und andere Straftaten in den Monaten Juli bis September 2014
Thüringen – Kleine Anfrage König, Katharina, DIE LINKE Kleine Anfrage 06/67 15.12.2014 S.1 (Umfang: 1 S.)
3.PDF im neuen Fenster öffnenBeratungsstand zeigen„Demokratie leben“ – Folgeprogramm für „Toleranz fördern – Kompetenzen stärken“
Berlin – Schriftliche Anfrage 17/15167 Möller, Katrin (Die Linke) Drucksache 17/15167 15.12.2014
4.PDF im neuen Fenster öffnenBeratungsstand zeigenEntschlossen und effektiv gegen Rassismus und Diskriminierung vorgehen – Die Ereignisse von Hoyerswerda 1991 dürfen sich nicht wiederholen
Sachsen – Antr GRÜNE 04.12.2014 Drs 6/430

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Written by lbucklitsch

März 13th, 2015 at 10:47 am

Abgeordnetenhaus Berlin| Antisemitische Versammlungen in Berlin? Kleine Anfrage

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Abgeordnetenhaus B E R L I N

17. Wahlperiode

Schriftliche Anfrage

der Abgeordneten Clara Herrmann (GRÜNE)

Drucksache 17/ 15 517

Schriftliche Anfrage

vom 11. Februar 2015  und Antwort

Antisemitische Versammlungen in Berlin?

Im Namen des Senats von Berlin beantworte ich Ihre Schriftliche Anfrage wie folgt:

1. Wie viele Versammlungen mit einem thematischen Bezug zum jüngsten Gaza-Konflikt fanden zwischen dem 09.07.14 und dem 31.08.14 in Berlin statt? (Bitte nach Datum, Veranstalter, Anzahl der Teilnehmer*innen, Eil­und Spontanversammlungen aufschlüsseln.)

Zu 1.: Im Zeitraum vom 09.07.2014 bis 31.08.2014 fanden insgesamt 59 Versammlungen in Form von Kund­
gebungen oder Aufzügen in Berlin statt, die einen offen­sichtlichen thematischen Bezug entsprechend der Frage­
stellung aufwiesen. Angaben zum jeweiligen Datum, zur Veranstalterin bzw. zum Veranstalter sowie zur Anzahl
der bei der Versammlungsanmeldung angegebenen erwar­teten Teilnehmerzahl sind der als Anlage 1 beigefügten
Übersicht zu entnehmen. Die tatsächliche Anzahl der Versammlungsteilnehmerinnen und Versammlungsteil­nehmer sowie eine Unterteilung nach „Spontan- und Eil­versammlungen“ werden statistisch nicht erfasst.

2. Wie viele Strafanzeigen wurden im Zusammen­hang mit den unter 1. aufgeführten Versammlungen ge­stellt? Wie ist der jeweilige Verfahrensstand bzw. – ausgang? Wie viele Verfahren richteten sich gegen Perso­nen, die zum Zeitpunkt der Tat bereits vorbestraft waren?
(Bitte nach Versammlungen aufschlüsseln)

Zu 2.: Im Zusammenhang mit dem israelisch-palästi­nensischen Konflikt wurden im Zeitraum vom 09.07.2014
bis 31.08.2014 im Rahmen von Demonstrationen 88 poli­tisch motivierte Fälle registriert. Bei der Erfassung im
Rahmen des .Kriminalpolizeilichen Meldedienstes in Fällen Politisch motivierter Kriminalität“ (KPMD-PMK)
werden ausschließlich Fälle und keine Strafanzeigen gezählt. Ein Fall bezeichnet jeweils einen Lebenssachver­
halt in einem engen räumlichen und zeitlichen Zusam­menhang mit identischer oder ähnlicher Motivlage, unab­
hängig von der Zahl der Tatverdächtigen, Tathandlungen, Anzahl der verletzten Rechtsnormen oder der eingeleite-ten Ermittlungsverfahren. In den 88 im Zusammenhang mit derartigen Versammlungen aufgeführten Fällen sind nur die Taten enthalten, bei denen nach verständiger Be­trachtung der Umstände der Tat oder der Motivation der Täterin bzw. des Täters eine politische Motivation tataus­lösend war. „Versammlungsbegleitende“ Straftaten ohne politische Motivation sind nicht enthalten, sie werden statistisch nicht erfasst.

Eine, entsprechend des jeweiligen Versammlungsthe­mas differenzierte, Zuordnung der registrierten politisch
motivierten Fälle ist aufgrund der dargelegten Art der Erfassung nicht möglich. Die als Fälle bezeichneten Le­
benssachverhalte stehen zwar in engem zeitlichen und räumlichen Zusammenhang, sind aber insbesondere bei
Versammlungen mit zeitlicher und räumlicher Über­schneidung nicht eindeutig bzw. ausschließlich zuorden­bar.

In 45 der registrierten Fälle lagen bereits polizeiliche Erkenntnisse zu den Tatverdächtigen vor.

Eine Aussage über den Stand bzw. Ausgang von Er­mittlungsverfahren im Zusammenhang mit den genannten
Demonstrationen ist nicht möglich, da in dem bei den Strafverfolgungsbehörden genutzten Aktenverwaltungs­
system keine gesonderte Erfassung einzelner Ereignisse erfolgt.

3. Über wie viele Arabisch-Übersetzer verfügt die Berliner Polizei? Bei welchen der unter 1. aufgeführten Versammlungen wurden diese eingesetzt? Wie stellt die Polizei sicher, dass versammlungsrechtliche Auflagen zur Untersagung bestimmter Äußerungen ggf. auch in ande- ,
ren Sprachen, eingehalten werden, wenn keine Übersetzer die Versammlung begleiten?

Zu 3.: Bei der Polizei Berlin sind 37 beeidigte und zu­verlässigkeitsüberprüfte Dolmetscherinnen und Dolmet­
scher für die arabische Sprache verzeichnet.

Eine statistische Erfassung, bei welchen der unter 1. aufgeführten Versammlungen diese eingesetzt wurden,
liegt nicht vor.

Es ist Aufgabe der jeweiligen Versammlungsleitung, die Versammlungsteilnehmenden von etwaig erlassenen
Auflagen in Kenntnis zu setzen. Der Erlass von Auflagen im Einzelfall wird daher in der Regel frühzeitig in den im
Vorfeld stattfindenden Kooperationsgesprächen zwischen der Versammlungsleitung und der Polizei Berlin vermit­
telt. Sollte dennoch gegen versammlungsrechtliche Auf­lagen verstoßen werden, wird zunächst die Versamm­
lungsleitung aufgefordert, dies zu unterbinden.

Auch eine entsprechende Erteilung von Auflagen ist kein absoluter Garant dafür, dass verbotene Äußerungen
in einer emotional angespannten Situation gänzlich unter­bleiben. Das Nichtbeachten einer vollziehbaren Auflage
ist sanktioniert und wird durch die Polizei Berlin konse­quent verfolgt.

4. Wie bewertet der Senat die Stellungnahme eines Polizeisprechers am 26.07.2014 auf der Abschlusskund­gebung zweier Dernonstrationszüge? Welche Maßnahmen wurden ergriffen, um eine Vereinnahmung von Polizei­sprechern und Pressemeldungen der Berliner Polizei durch Veranstalter von Demonstrationen zukünftig auszu­schließen?

Zu 4.: Ein Mitarbeiter der Pressestelle der Polizei Ber­lin ist bei einer Demonstration am 26. 07.2014 vom Ver­
anstalter gefragt worden, ob er bereit wäre, ein Fazit zu ziehen. Der Mitarbeiter ging zunächst davon aus, dass
dieses Fazit, wie andere Berichterstattungen auch, vor einer Kamera erfolgen soll und stimmte zu. Ausdrücklich
nicht abgesprochen war, dass der Veranstalter ihn sodann auf der Bühne ankündigte. Zu einer solchen Situation war es in dieser Form bisher nicht gekommen. Der Mitarbeiter entschied sich spontan, der Bitte zu entsprechen.

Die Polizei schützt auf Demonstrationen das Grund­recht auf Versammlungsfreiheit und bezieht keine Stel­
lung in Bezug auf die dort vermittelte Meinung. Damit die Neutralität der Polizei nicht angezweifelt werden kann,
werden Polizeipressesprecher künftig grundsätzlich nicht von der Bühne des Versammlungsveranstalters sprechen.

5. Wie bewertet der Senat die Twitter-Nachricht der Berliner Polizei am 25.07.2014, zur Bewertung des AI­Quds Marsch: „Nach einem friedlichen Verlauf beenden wir jetzt das Twittern aus unserem heutigen Einsatz.“ (Quelle:https://twitter.com/PolizeiBeriin E/status/4927167739938 97984)# vor dem Hintergrund, dass es im Verlauf der Versammlung laut Medienberichten zu tätlichen Angrif­fen durch Versammlungsteilnehmer_innen auf Gegende­monstrant_innen gekommen ist, die ein Eingreifen der Polizei notwendig machten?

Zu 5.: Der Begriff „friedlicher Verlauf‘ wurde in der Vergangenheit von der Pressestelle gewählt, wenn die
Demonstration nicht als unfriedlich eingestuft worden ist. Straftaten einzelner Teilnehmerinnen und Teilnehmer
führen in der Regel nicht zur Einstufung der Demonstrati­on als „unfriedlich“.

Im Oktober 2014 hat der Pressesprecher der Polizei Berlin festgelegt, dass statt des Begriffs „friedlich“ grund­-sätzlich die neutralen Begriffe „störungsfrei“ oder „über­wiegend störungsfrei“ im Zusammenhang mit Demonstra-­
tionen zu nutzen sind.

6. Welche Erkenntnisse liegen dem Senat über die zu zahlreichen Demonstrationen aufrufende Facebook­Gruppe .Free Palestine Berlin“ und „Free Palästina Ber­lin“ vor?

Zu 6.: Die Betreiber der Facebook-Gruppen „Free Pa­lestine Berlin“ und .Free Palästina Berlin“ riefen im Juli
und August 2014 mehrfach zur Teilnahme an Demonstra­tionen im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg auf. Wei­-
tere Erkenntnisse liegen nicht vor.

7. Welche Versammlungen fanden am 09.11.14, dem 76. Jahrestag der Reichspogromnacht, im Regierungsvier­tel statt? Kam es hierbei zu antisemitischen Vorfallen? Wenn ja, zu welchen? (Bitte nach Versammlung, Uhrzeit, Delikt, Tathergang u. Phänomenbereich aufschlüsseln.)

Zu 7.: Hierzu wird auf die Anlage 2 verwiesen. Anti­semitische Vorfalle sind diesbezüglich nicht bekannt.

8. Wie viele antisemitische Straftaten hat die Polizei zwischen dem 09.07.14 und dem 31.08.14 im Definitions­system PMK erfasst? Wie ist der jeweilige Verfahrens­stand- bzw. -ausgang? (Bitte nach Datum, Uhrzeit, Tatort, Delikten, Tathergang und Phänomenbereichen aufschlüs­seln.)

Zu 8.: Auf die Antwort zu Frage 2 wird verwiesen. In­nerhalb des betreffenden Zeitraums wurden phänomen­
übergreifend 48 Fälle im Rahmen des KPMD-PMK regis­triert, bei denen eine antisemitische Motivation erkennbar
war. Dabei wurden acht Fälle der Politisch motivierten Ausländerkriminalität (PMAK) und 38 Fälle dem Phäno­
menbereich Politisch motivierte Kriminalität – rechts (PMK – rechts) zugeordnet. Zwei Fälle konnten keinem
Phänomenbereich zugerechnet werden. Die Einzelheiten sind der Anlage 3 zu entnehmen.

Berlin, den 28. Februar 2015

In Vertretung

BemKrömer
Senatsverwaltung für Inneres und Sport

 

Anlage mit Aufstellung : DatenAnfrage 17 15517 (pdf)

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März 13th, 2015 at 10:38 am

Diskussion| Theologieprofessor will das Alte Testament aus der Heiligen Schrift verbannen

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„Alle Welt diskutiert, völlig zu Recht über oft auch mörderischen Antisemitismus. Weitgehend unbemerkt davon macht sich – in Teilen  der Evangelischen Theologie Deutschlands – ein neuer  theologischer Antijudaismus breit, von dem man geglaubt hatte, dass er längst  überwunden sei. Die folgende Analyse von  programmatischen Texten eines an der Humboldt Universität Berlin lehrenden, persönlich  ebenso liebenswürdigen wie diskussionsbereiten Kollegen, Prof. Notger Slenczka , weist nach, daß  – unbeschadet des Weges kulturprotestantischer Theologie in den Judenhass  des NS Staats – diese antijüdische  Haltung offenbar nichts an ihrer  Faszination verloren hat und  derzeit  in noch nicht absehbarer Weise die Ausbildung von PfarrerInnen und Pfarrern beeinflussen könnte
Lange Zeit haben all jene, die am christlich-jüdischen Gespräch beteiligt sind, es gemieden, sich mit diesen  Haltungen auseinanderzusetzen, – um derlei Theologien keine  Publizität zu verschaffen ! Das ist jetzt – in einer Zeit zunehmenden Antisemitismus –  nicht mehr möglich; die in dieser Woche beginnende Woche der Brüderlichkeit fordert, daß  wir derlei Beiträge ernst, bitter ernst nehmen: diese Debatte muss geführt werden !
Der Autor der folgenden Analyse , Dr. Friedhelm Pieper ist Evangelischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrats der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit  in Bad Nauheim sowie Referent für Partnerschaften in Europa und USA des Zentrums Oekumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau sowie der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck Frankfurt am Main .

In der Hoffnung auf eine rege Diskussion, Micha Brumlik“

, .

Theologieprofessor will das Alte Testament aus der Heiligen Schrift verbannen
Professor Dr. Notger Slenczka empfiehlt Kehrtwende zurück in den deutschen
Kulturprotestantismus

von Friedhelm Pieper
2015

Es herrscht ein merkwürdiges Schweigen um einen handfesten theologischen Skandal im
gegenwärtigen deutschen Protestantismus. Bereits 2013 erschien die Abhandlung „Die Kirche und
das Alte Testament“ des Berliner Professors für Systematische Theologie Dr. Notger Slenczka im
„Marburger Jahrbuch Theologie XXV“ (1) und hat bisher erstaunlich wenig Aufsehen erregt. Dabei

_ verlässt Slenczka mit diesem irritierenden Beitrag einen Grundkonsens christlicher Theologie: Er
glaubt, die These des KulturprotestantenAdolfvon Harnack aus dem Jahr 1921 neu empfehlen zu
sollen, wonach das Alte Testament (AT) für die Kirche aus dem Kanon der christlichen Bibel zu
entfernen sei. Die Lektüre seines Artikels lässt den Leser höchst irritiert zurück: Slenczka schlägt
die theologische Sackgasse des deutschen Kulturprotestantismus des 19. und beginnenden 20.
Jahrhunderts für die Kirche der Gegenwart als eine ernstzunehmende Gesamtschau auf den
christlichen Glauben vor, samt der darin enthaltenen Abwertung des Alten Testaments.

Religionsgeschichte als Geschichtskonstruktion

Die Sicht Harnacks auf die Religionsgeschichte wertet Slenczka als wesentlichen Beitrag zum
Verständnis des gegenwärtigen „christlichen Selbstbewusstseins“. Danach wäre der erste Teil der
Bibel für die Kirche nur als eine religions geschichtliche Vorstufe des christlichen Glaubens
wahrzunehmen. Mit J esus wäre dann eine fundamentale Weiterentwicklung geschehen, deren
grundsätzlicher Neuansatz auf „die Bedingungslosigkeit und damit auf die Universalität der
Vaterliebe Gottes und seines Reiches“ ziele und in der Folge zu einer Ablösung von der Vorstufe der
in Harnackscher Sicht nur partikularen Glaubenswelt im alten Israel ge fuhrt habe. Die Geschichte
des Christentums wäre dann als fortwährende „Selbsterfassung“ (S. 92) zu verstehen, innerhalb
derer die Reformation als „wichtiger Schritt“ zu werten sei. Vollends aber wäre die „von Jesus von
Nazareth gestiftet religiöse Idee … erst im Zuge (der) Ausarbeitung der reformatorischen Einsichten
in der Aufklärung und im 19. Jh. zum adäquaten Verständnis ihrer selbst gelangt“ (S. 93).

I

Dass diese Perspektive zu einer verheerenden Verzerrung der Inhalte der hebräischen Bibel fuhrte,
ist bekannt. Wir fmden bei Slenczka dann auch klassische Beispiele einer reduzierten
Wahrnehmung alttestamentlicher Texte in der protestantischen Theologie seit Schleiermacher
aufgefuhrt: das Alte Testament sei „ein Zeugnis einer Stammesreligion mit partikularen Anspruch“
(S. 94), das „die Universalität des Religiösen“ noch nicht zum Ausdruck bringe, die eben „erst in
Jesus von Nazareth erfasst“ wird (S. 95). So hätte denn auch – nach Bultmann – das Alte Testament
„nicht gegenwärtige Gewissheit der Nähe und der Zuwendung Gottes“ artikulieren können, denn
die „Gegenwart Gottes erschließe allein das kirchliche Kerygma“ (S. 108).

Theologischer Antijudaismus

Dass solche verzerrenden Wahrnehmungen der Texte der hebräischen Bibel Hand in Hand gehen
mit groben Verzerrungen in der Darstellung des Judentums, liegt nahe. Nur Slenczka sieht darin
kein Problem und zitiert kritiklos antijüdische Stereotypen z.B, bei Schleiermacher: „Gott als
Exekutor des Gesetzes der Vergeltung“ (S. 96). Beim Lesen alttestamentlicher Texte „verkommt“
das „christlich fromme Selbstbewusstsein“ zu einer „gesetzlichen Denkweise oder einem unfreien
Buchstabendienst“ (S. 97). Nach Slenczka ist nun damit genau eine „Verirrung“ christlichen
Selbstbewusstseins benannt, die auch Harnack zu seiner Ablehnung des Alten Testaments geführt
habe (ebd.). Nachdem Slenczka gleich zu Beginn seiner Abhandlung die Vermutung formuliert,

 

dass „Positionen, die dem Alten Testament keine konstitutive Funktion in der Kirche zubilligen
wollen, zugleich unter dem Verdacht des ‚Antijudaismus‘ zu stehen kommen“, fragt sich, welche
andere Beurteilung denn hier noch möglich ist. Indem Notger Slenczka sich derart zustimmend in
die antijüdische Tradition des deutschen Protestantismus hineinstellt, kann seine Abhandlung nicht
anders gewertet als eben so, dass sie eine Neuauflage des protestantischen Antijudaismus darstellt.
Einer solchen Kehrtwende in die theologischen Sackgassen der letzten Jahrhunderte muss energisch
widersprochen werden!

Der konstruierte Gegensatz von Universalität und Partikularität

Slenczka entscheidet, dass er sich für seine Ausführungen „nicht auf detaillierte exegetische
Debatten einlasse“ (S. 85) und also eine genauere Auseinandersetzung mit den biblischen Texten
und deren gegenwärtiger Diskussion nicht benötige. Das rächt sich. Anders hätte er nämlich
wahrnehmen können, dass die Texte der hebräischen Bibel mitnichten eine nur partikulare, allein
auf das Volk Israel reduzierte Perspektive einnehmen. Das besondere Gottesverhältnis Israels wird
von vornherein eingebettet in die Schöpfung und den Rahmen der allgemeinen
Menschheitsgeschichte. Die Geschichte Israels kommt in der hebräischen Bibel (hebräisch:

„Tanach“) als partikulare Besonderheit der universalen Geschichte Gottes mit seiner Welt zum
Ausdruck, deren universaler Horizont immer wieder thematisiert wird.

So wird es auch in der die hebräische Bibel, den „Tanach“, interpretierenden jüdischen Tradition
wahrgenommen, z.B. bei Rabbi Akiba :

„Geliebt ist der Mensch, denn er ist zum Ebenbild (Gottes) erschaffen worden; aus noch größerer
Liebe ist ihm kundgetan, dass er zum Ebenbild (Gottes) erschaffen worden ist, denn es heißt: zum
Ebenbild Gottes machte er den Menschen (Gen 9,6). Geliebt sind die Israeliten, denn sie heißen
Kinder Gottes; aus noch größerer Liebe ist ihnen kundgetan worden, dass sie Kinder Gottes heißen,
denn es heißt: Ihr seid Kinder des Herrn, eures Gottes (Dtn 14,1). “ (Pirqe Avot 3,14).

Auch im Neuen Testament kann die universale Sendung der christlichen Gemeinde zusammen mit
der bleibenden Erwählung Israels und also der fortdauernden besonderen Beziehung Gottes zu
seinem Volk wahrgenommen und ausgesagt werden.

In der exegetischen Diskussion ist seit langem der angenommene fundamentale Gegensatz
zwischen einer universalen und einer partikularen Perspektive biblischer Texte überwunden.
Slenczkas Verharren in diesem Gegensatz zeigt sich unbelehrt von den multiperspektivischen und
polyphonen Ansätzen gegenwärtiger Exegese. Ein Blick in die weiteren Beiträge im Marburger
Jahrbuch Theologie XXV allein zeigt, wie die Wahrnehmung unterschiedlicher Perspektiven in den
alttestamentlichen Texten für die gegenwärtige Debatte fruchtbar gemacht werden kann. Für Jens
Schröter gehört es z.B. zum „evidenten Befund … , dass die Schriften Israels und des Judentums im
Urchristentum gerade nicht als überholt oder als negative Kontrastfolie, sondern als Deutehorizont
für das Christusereignis betrachtet und entsprechend interpretiert werden“ (S. 57, s.a. S. 79).

Viele Texte der hebräischen Bibel, die sich auf die besondere partikulare Erfahrung des Volkes
Israel in seiner Beziehung zu Gott fokussieren, erwiesen sich zudem in der Geschichte des
Christentums als konstruktiver Bezugsrahmen zur Deutung eigener Situationen. Man denke etwa an
die universale Wirkung der alttestamentlichen Exodusgeschichten. So schreibt Peter Dabrock im
benannten Jahrbuch, dass „die alttestamentlichen Traditionen .. immer wieder Menschen inspiriert“
haben, „ihre eigenen Erfahrungen mit unrechtem ‚Recht‘ oder mit Machtmissbrauch von diesen
biblischen Geschichten her zu deuten und durch diese Deutung gestärkt gegen die eigenen
Unrechtswiderfahrnisse zu kämpfen. Oft sind unterdrückte, benachteiligte, marginalisierte
Menschen oder marginalisierte Gruppen oder Personen durch die Selbstidentifikation mit Israel,

dem Volk Gottes, überhaupt erst sprachfähig geworden, um so ihre eigenen Leidenserfahrungen
benennen zu können“. (S. 163). Im Unterschied zu Slenczka und der von ihm aufgefiihrten
religions geschichtlichen Tradition sieht Dabrock in den Texten der hebräischen Bibel Perspektiven,
denen „eine enorme Erschließungskraft für gegenwärtige Lebensverhältnisse“ zukommt (S. 164).

Slenczkas Konstrukt eines „christlichen Selbstbewusstseins“

Dreh- und Angelpunkt bei Slenczka ist der Verweis auf ein „christliches Selbstbewusstsein“ als
Kriterium der Bewertung von Texten und der Beurteilung ihrer Eignung für den Kanon einer
Heiligen Schrift. In der Tradition von Schleiermacher und Harnack konstruiert Slenczka ein solches
„christliches Selbstbewusstsein“ als Überzeugung von einer „Bedingungslosigkeit und Universalität
der Menschenliebe Gottes“, welche diese christliche Überzeugung nun in den Texten des Alten
Testaments nicht wiedererkennen würde und daher ihnen gegenüber „fremdelt“ (S. 100).

Oben wurde bereits ausgefiihrt, dass die Vereinnahmung einer universalen Perspektive allein für das
Neue Testament oder allenfalls auch für die späteren Schriften der Hebräischen Bibel exegetisch
nicht haltbar ist. Hier nun wird zusätzlich deutlich, dass die konstruierte Wahrnehmung der Texte
bei Slenczka auch zu einer eigenen Konstruktion eines „christlichen Selbstbewusstseins“ fiihrt.
Dieses „Selbstbewusstsein“ würde beim Lesen der atl. Texte „fremdeln“, was nach Slenczka dann
auch einer angeblich faktisch abwehrenden Haltung dem ersten Testament gegenüber entspräche.
Hier trifft die Kritik Friedhelm Hartensteins von „der neuzeitlich-protestantischem) Engfiihrung auf
die innere Gewissensthematik des christlichen Selbstbewusstseins“ (S. 38) zu.

Eine empirische Untersuchung für das von ihm konstruierte „christliche Selbstbewusstsein“ führt
Slenczka nicht an. Er hätte dann ja auch finden können, dass unendlich viele Christinnen und
Christen sich durch den Reichtum alttestamentlicher Texte beschenkt fiihlen. Er wäre vielleicht
auch auf die „Beliebtheit“ dieser Texte des Ersten Testaments „in der Verkündigungspraxis“ der
Kirchen gestoßen, auf die Reiner Preul zu Beginn seines Beitrags zum Marburger Jahrbuch XXV
verweist (S. 169).

Die Verdrängung des „Fremdeins“ als produktive Erfahrung

Überhaupt offenbart der Kurzschluss Slenczkas vom „Fremdeln“ zum „Abstoßen“ (S. 95) eine
merkwürdig reduzierte Lesepraxis. Es gibt kein Lesen jahrtausendealter Texte ohne die Erfahrung
eines „Fremdelns“, einer Irritation, einer nicht gleich reduzierbaren Spannung, einer nicht
umgehend beantwortbaren Herausforderung, einer unerwarteten Überraschung. Das gilt nicht nur
für die Texte des AT, sondern ebenso für die des Neuen Testaments. Aber eben gerade darin kann
weiterfiihrende Einsicht gewonnen werden! So interpretiert Friedhelm Hartenstein im selben
Jahrbuch als theologischen Zugang zum „Schriftprinzip“ die Leseerfahrung zunächst abständiger
Texte als ein „initium im Sinne der Auseinandersetzung mit dem historisch Fremden und
hermeneutisch Widerständigen, das sich eben gerade nicht von selbst versteht, sondern die Arbeit
des Verstehens fordert“ (S. 34). Den biblischen Texten sollte nicht die Funktion zugeschrieben
werden, unser bisher entwickeltes Selbstverständnis nur noch zu bestätigen, wie Peter Dabrock
deutlich macht: „Die Gefahr, dass die Fremdheit biblischer Texte dabei zugunsten resp. zuungunsten
tiefgreifender Projektionen aufgegeben würde und so gerade ihren störenden und kritischen
Charakter gegenüber unseren Selbstbildern verlöre, ist schließlich erheblich“ (S. 165). In der Tat!
Wer nach der Erfahrung eines Fremdelns die Lektüre biblischer Texte gleich abbricht, vergibt sich
die Chance, das Potential dieser Texte für die Deutung und Bewältigung auch gegenwärtiger
Lebenssituationen auszuloten, ein Potential, das jedenfalls offenbar für die anderen Autoren des
Marburger Jahrbuches XXV noch längst nicht abgegolten ist.

Slenczkas Zwei-Götter-Lehre

Gänzlich fassungslos steht der Leser dann vor der Formulierung, mit der Slenczka meint, seine
einseitige Auswahl und Deutung protestantischer Positionen hermeneutisch zusammenfassen zu
sollen. Es ergäbe sich ein Grundproblem, „nämlich die Frage nach der Aneignung eines Textes,
dessen ursprünglicher, historisch feststellbarer Sinn für die ihn kanonisierende Trägergemeinschaft
in keiner Weise als Zeugnis für Christus bzw. den Glauben der Gemeinde an ihn verstanden werden
kann: er spricht zu anderen von einem andern Gott“ (S. 111). Slenczka müsste wissen, dass sich hier
sofort die Frage erhebt, wie denn christlicherseits die Formulierung „ein anderer Gott“ überhaupt
möglich ist. Da er sich aber dazu nicht weiter einlässt, muss nun die Forderung nach Klarstellung
direkt an den Autor erhoben werden. Nicht nur die Gemeinschaft der Studierenden an der
Universität Berlin, sondern – nachdem Slenczka mit seinem Beitrag in die Öffentlichkeit getreten ist
– eben gerade diese hat einen Anspruch darauf, von Prof. Slenczka zu erfahren, wie er denn als
evangelischer Theologe ein derart schwerwiegendes Austreten aus dem christlichen Grundkonsens
verantworten wolle. „Für Luther .. hatte mit der breiten Tradition der Theologiegeschichte gegolten,
dass der Gott des Alten und des Neuen Testaments ein und derselbe ist“, so Friedhelm Hartenstein
in seinem Beitrag zum Marburger Jahrbuch XXV (S. 37). Notger Schlenczka bleibt die Auskunft
schuldig, ob dies für ihn nun nicht mehr gilt.

Der falsch verstandene christlich-jüdische Dialog

Vollends in Leere greift der Versuch Slenczkas, ausgerechnet den christlich-jüdischen Dialog als
Zeugen dafür aufzurufen, dass eine christliche Lesart der Texte des Alten Testaments abzulehnen sei
(S. 119). Die auch im Dialog mit dem Judentum neu gelernte Wahrnehmung des in seiner eigenen
Geschichte begründeten jüdischen Lesens und Lebens mit der Hebräischen Bibel hat zu der These
vom doppelten Ausgang des AT geführt, also einer jeweils eigenen Wirkung dieser Texte im
Judentum und im Christentum. Slenczka führt zwar diese These vom doppelten Ausgang des AT an
(S. 105f.), schafft es aber nicht, diese für seine Abhandlung fruchtbar zu machen. Statt dessen
zwängt er auch diesen konstruktiven Ansatz in das Korsett seiner Religionsgeschichte und
behauptet – allerdings in reichlich unscharfer Formulierung -, dass die im Alten Testament
„versammelten Texte zu den Überzeugungen der Kirche in einem doch eher konfliktuösen
Verhältnis stehen“, sodass sie eben in der Kirche nur als „religions geschichtliche Voraussetzung des
christlichen Glaubens“ zu verorten wären (S. 106). So vergibt er sich die Chance, die mit dem
christlich-jüdischen Dialog der letzten Jahrzehnte eröffnet wurde, und die darauf basiert, dass die
jüdische und die christliche Lektüre der Hebräischen Bibel, einander nicht mehr ihre Legitimität
bestreitend, damit begonnen haben, voneinander und miteinander zu lernen.

Benannte und verdrängte Widersprüche im Marburger Jahrbuch Theologie XXV

Warum, so fragt man sich angesichts der von Slenczka neu vorgetragenen These Harnacks, das Alte
Testament aus dem Kanon der christlichen Bibel zu verbannen, haben die Herausgeber des
Marburger Jahrbuchs Theologie XXV den so abwegigen Beitrag Slenczkas überhaupt
aufgenommen?

Befragt man dazu die Einleitung des Jahrbuchs von Konrad Stock, so bleibt man ein zweites Mal
irritiert zurück. Stock referiert die einzelnen Beiträge und glaubt, sie so zusammenfassen zu können,
dass sie „von der Relevanz des Alten Testaments für das Leben der Christus-Gemeinschaft in den
Kirchen und den Konfessionen“ sprechen (S. 17). Aber genau das geschieht im Beitrag von
Slenczka eben nicht. Stock referiert Slenczkas These vom „Fremdeln“ der Christen gegenüber den
Texten des Alten Testaments (S .11), um dann wenig später mit Blick auf den Beitrag Preuls dessen
beobachtete „Beliebtheit alttestamentlicher Texte in der Verkündigungspraxis der Kirche“ zu
benennen. Ich finde es höchst merkwürdig, dass der eklatante Widerspruch zwischen dem Beitrag

Slenczkas und der anderen Autoren des Jahrbuches nicht gesehen oder verdrängt wird – Autoren, die
im Unterschied zu Slenczka versuchen, einen konstruktiven und höchst lehrreichen Zugang aus
christlicher Perspektive gerade auch zu herausfordernden, sperrigen und störenden Texten der
Hebräischen Bibel aufzuzeigen.

Immerhin scheint unter den Herausgebern eine heftige Diskussion gefiihrt worden zu sein, anders
ist das vehement formulierte Vorwort zum Marburger Jahrbuch XXV von Elisabeth Gräb-Schmid
und Reiner Preul nicht zu verstehen: „Die Überzeugung eines an Aufklärung und Humanität
orientierten christlichen Glaubens, die dem bisweilen als ‚Rachegott‘ bezeichneten Gott des Alten
Testaments meint Lebewohl sagen zu müssen, ist immer noch präsent. Eine solche Theologie
enthält sich damit aber selbst jeder Aufklärung nicht nur geschichtlicher und exegetischer, sondern
auch systematisch-theologischer Art. Sie ist selbst in ihrem Kern blind für den Glauben Jesu, der
den Gott Israels als seinen Vater bekannte, ebenso wie gegenüber wesentlichen Aussagen der
paulinischen Theologie“. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen! Oder doch: es ist an der
Zeit, dass dies von Seiten Evangelischer Theologie und der Evangelischen Kirche in Deutschland
nicht mehr nur indirekt, sondern in direkter Auseinandersetzung mit der abwegigen These
Slenczkas zur Sprache kommt.

5. März 2015

Literaturangabe :

1. Slenczka, Notger, Die Kirche und das Alte Testament, in: E. Gräb-Schmidt, R. Preul (Hg.), Das
Alte Testament in der Theologie, Marburger theologische Studien 119, Leipzig 2013

Written by lbucklitsch

März 8th, 2015 at 8:58 am

JW| Einsatz für Whistleblower

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Im Streit um die Verleihung eines Ehrendoktors für Edward Snowden reicht die Philosophische Fakultät der Uni Rostock Klage ein

Von Ralf Wurzbacher
NSA-Enthüller Edward Snowden während einer Liveübertragung anläs
NSA-Enthüller Edward Snowden während einer Liveübertragung anlässlich der Verleihung der Ossietzky-Medaille an ihn im Dezember 2014

Die Philosophische Fakultät der Universität Rostock lässt sich nicht unterkriegen. Für ihr Ziel, dem US-amerikanischen Whistleblower Edward Snowden die Ehrendoktorwürde zu verleihen, zieht sie jetzt sogar vor Gericht. Wie Dekan Sven Bruhn zu Wochenanfang bekanntgab, habe man sich »nach sorgfältiger Prüfung und umfangreicher Beratung entschlossen«, gegen die Beanstandung des Rektors vom 22. Mai 2014 und des Bildungsministeriums vom 1. September 2014 beim Verwaltungsgericht in Schwerin Klage zu erheben. Die Richter werden dabei klären müssen, ob Hochschulchef Wolfgang Schareck und Landesbildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) mit ihrer Intervention außerhalb ihrer Zuständigkeit gehandelt und die Autonomie der Fakultät verletzt haben.

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Written by lbucklitsch

März 5th, 2015 at 7:13 pm

Micha Brumlik: „Neuer und alter Antisemitismus in Deutschland“

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Micha Brumlik ist emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Publizist. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen neben Erziehungs- und Bildungsfragen (religions-)philosophische und gesellschaftspolitische Themen. Von 2000 bis 2005 leitete Micha Brumlik das Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt am Main, ein Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. Seit Oktober 2013 ist er Senior Advisor am Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Micha Brumlik ist zudem als Gastautor diverser Zeitungen tätig und gibt die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ sowie das Periodikum „Babylon – Beiträge zur jüdischen Gegenwart“ mit heraus.

Mit seinem Vortrag über „Neuen und alten Antisemitismus in Deutschland“ hat Micha Brumlik am 3. Februar 2015 die Ringvorlesung „Rechtsextremismus und Rassismus in Deutschland – Figurationen und Interventionen in Gesellschaft und staatlichen Institutionen“ an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg eröffnet, die vom Arbeitskreis „Interkulturelle Bildung“ organisiert wurde (https://web.hsu-hh.de/fak/geiso/fach/…).

Written by lbucklitsch

März 4th, 2015 at 11:51 pm