Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Interview’ Category

Mitbestimmung| MICHA BRUMLIK ÜBER DIE NEUE RECHTE

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Interview Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik über die Think Tanks der Neuen Rechten, den Aufstieg von AfD und Pegida, und wie die Linke dagegen ihre Themen behaupten kann.

Herr Brumlik, Sie haben sich ausgiebig mit der Ideologie der Neuen Rechten befasst, insbesondere mit der identitären Bewegung, die glaubt, jede Ethnie habe ein Lebensrecht, aber eben nur in dem Raum, der ihr zusteht. Wer sich zu seiner regionalen, nationalen und kulturellen Herkunft bekennt, lebt dieser Ideologie zufolge identitär. Warum befassen Sie sich mit diesen Theorien?

Durch die Wahlerfolge der AfD ist die Neue Rechte politisch eine ernst zu nehmende Auseinandersetzung wert. Es gibt einen Think Tank, der hinter diesen ideologischen Erfolgen der AfD steht, der aus sich aus rechtsintellektuell eingestellten Personen und Institutionen zusammensetzt, die auf die politische Meinungsbildung gezielt Einfluss nehmen wollen.

Wer sind diese Leute?

Dazu zähle ich die rechtsreformistische Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und die Publikationen des „Instituts für Staatspolitik“, eine private Einrichtung, die sich als Aktionsplattform für neurechte Bildungsarbeit darstellt. Dazu gehört auch die „Blaue Narzisse“, eine Jugendzeitschrift aus Chemnitz, die seit 2004 erscheint und Leute wie Götz Kubitschek um die Zeitschrift „Sezession“. Nicht zu vergessen Jürgen Elsässer, der bis 2008 für erklärtermaßen linke Medien wie Neues Deutschland oder Junge Welt tätig war und heute das rechtspopulistische Magazin „Compact“ herausgibt.

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»Es gibt nur noch die Weltgesellschaft« – Micha Brumlik gratuliert den »Blättern« zum 60.

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November 28th, 2016 at 6:13 pm

WDR| Interview mit Micha Brumlik: „Die AfD ist religionsfeindlich“

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Die AfD ist keine antisemitische Partei, meint der Publizist Micha Brumlik im Interview bei WDR 5. Tatsächlich schlage sich die AfD auf die Seite Israels – weil der Staat als Bollwerk der westlichen Demokratie gegen den Islam gelte.

WDR 5: Wieviel Antisemitismus gehört zur AfD?

Micha Brumlik: Also auf der programmatischen Ebene findet sich dort kein Antisemitismus. Wenn man davon absieht, dass einer der stellvertretenden Parteivorsitzenden, Alexander Gauland, sich angemaßt hat mitzuteilen, dass seiner Meinung nach das Schächtverbot kein Kerngehalt des Judentums angreife – im Unterschied zu einem möglichen Verbot der Beschneidung. Das war nicht Gaulands Sache. So hat er sich nicht zu äußern.

Wolfgang Gedeon in der Tat ist ein überzeugter Antisemit. Und das war dem einen oder anderen wichtigen Politiker der AfD auch durchaus bekannt. Jörg Meuthen wusste von diesen Verstrickungen, ohne dass er wahrscheinlich Gedeons Bücher gelesen hatte, ähnliches gilt auch von Björn Höcke.

Aber auf der programmatischen Ebene wird man, im Unterschied zur Islamfeindlichkeit, Antisemitismus bei der AfD nicht finden. Was die Leute am Stammtisch denken oder sagen, das wissen wir nicht. Etwas anderes steht allerdings nach den Ereignissen der letzten Tage fest: dass ein Teil der Landtagsfraktion bereit gewesen ist, den Antisemitismus von Gedeon in Kauf zu nehmen, billigend in Kauf zu nehmen.

WDR 5: Auf der programmatischen Ebene, sagen Sie, ist kein Antisemitismus zu finden. Gibt es aber sowas wie einen latenten Antisemitismus im Profil der AfD?

Brumlik: Also ich kann das, wie gesagt, abgesehen von Äußerungen, die ich eben zitiert habe, bisher nicht behaupten.

WDR 5: Es gibt andere Kommentatoren, die von einer notdürftig verschlüsselten antisemitischen Propaganda sprechen, wenn dort immer gegen anglo-amerikanisch dominierte Lebensart oder zinsbasierten Globalkapitalismus gewettert wird.

Brumlik: Ja, das sind natürlich Chiffren des Antisemitismus seit den 1930er Jahren. Aber es wird eben nicht explizit ausdrücklich ausgesprochen. Das ist richtig, dass man gegen diese Form von anglo-amerikanischem Kapitalismus glaubt, protestieren zu müssen und dass man, indem man die Zinsfrage aufnimmt, auch ein altes Thema von Antisemiten wieder aufnimmt. Nur Juden werden nicht genannt und im Unterschied dazu gibt es auch bei der AfD Stimmen, wie etwa in Frankreich oder in Österreich, die sich dann sehr massiv auf den Staat Israel beziehen – und zwar positiv.

WDR 5: Inwiefern?

Brumlik: Naja, insofern der Staat Israel als Bollwerk der westlichen Demokratie und natürlich vor allem als Bollwerk gegen den Islam gilt.

WDR 5: Und das passt dann eben besser zur Islamfeindschaft. Wie verhält die sich diese Islamfeindschaft zu diesen leicht antisemitischen Tendenzen oder zu denjenigen in der AfD, die sich jetzt offen antisemitisch geäußert haben?

Brumlik: Ich kann nur sagen, die Islamfeindschaft steht im Parteiprogramm drin. Das ist der offizielle gemeinsame Wille aller Parteimitglieder. Alles andere sind Meinungen, die man am Stammtisch oder in irgendwelchen Internetkommunikationen findet. Das wird es so oder anders auch in anderen Parteien geben.

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Die AfD ist keine antisemitische Partei, meint der Publizist Micha Brumlik im WDR 5-Interview. Tatsächlich schlage sich die AfD auf die Seite Israels – weil der Staat als Bollwerk der westlichen Demokratie gegen den Islam gelte.

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JungleWorld| »Multikulturalismus, Immigration und Islam sind ihre Hauptgegner«

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Micha Brumlik ist emeritierter Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt und momentan Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Der Erziehungswissenschaftler und Publizist sprach mit der »Jungle World« über alte und Neue Rechte, über Heidegger und die Resakralisierung politischer Herrschaft.

INTERVIEW: MORITZ WICHMANN

Die Neue Rechte orientiert sich am eurasischen Projekt und am Ethnopluralismus. Worum geht es dabei?

Die Neue Rechte legt einen starken Akzent auf kulturelle Identität, aber versteht sich so, dass sie nicht rassistisch ist. Sie sagt nicht, die eine Kultur ist höherwertig als die andere, sondern Kulturen sind grundsätzlich verschieden. Keine ist höher als die andere, aber jedes Volk ist gehalten, seine eigene kulturelle Identität gegen Einflüsse von außen, also Wanderungsbewegungen, moralischen Universalismus und gegebenenfalls auch Menschen- und Bürgerrechte zu verteidigen.

Das eurasische Projekt ist ein Gegenprojekt zu dem, was man als die atlantische Zivilisation bezeichnen kann, also die Beziehungen zwischen den USA und Europa, die westliche Aufklärung und die Zeit seit der französischen und amerikanischen Revolution. Demgegenüber denken die Eurasier in Großräumen, die von Sibirien bis nach Moskau oder Kiew reichen, die keine liberale Tradition haben. Dies ist ein Denken, das sich ganz stark am am konkreten Raum orientiert und weniger an Ideen und Prinzipien.

Diese Fokussierung auf Raum nennen Sie ja als zentrales Merkmal des Denkens der Neuen Rechten. Dabei kritisieren Sie die Raumvergessenheit des westlichen liberalen politischen Denkens und der Linken.

Wir im Westen konnten es uns in den letzten Jahren leisten, über Fragen wie Grenzen, Räume, Siedlungen, Demographie und Bevölkerung nicht nachzudenken, wir mussten uns da keine Sorgen machen. Jetzt sind wir mit der sogenannten Flüchtlingskrise im Rahmen der Globalisierung sehr unsanft darauf gestoßen worden, dass Raum tatsächlich eine Rolle spielt. Wir haben dafür bisher keine Konzepte, es sei denn die der Stadtsoziologie. Da gibt es Überlegungen, wie Räume gerecht gestaltet werden sollen. Um die Fragen nach größeren Maßstäben, wo es um Territorien und Staaten geht, hat sich die Linke in den letzten Jahren nicht gekümmert.

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NDR kultur| Micha Brumlik im Gespräch

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12.03.2016 | 34 Min. | Quelle: NDR

Der Erziehungswissenschaftler und diesjähriger Träger der Buber-Rosenzweig-Medaille, befragt von Michael Hollenbach

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TAZ| Micha Brumlik über Juden und Muslime: „Problematische Pauschalurteile“

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Die Äußerungen Josef Schusters über arabische Kultur hält Micha Brumlik für schwierig. Und die Debatte über Obergrenzen für Flüchtlinge findet er schrecklich.

taz: Herr Brumlik, der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster, hat mit seinen Äußerungen über Flüchtlinge aus Syrien den Vorwurf auf sich gezogen, rassistische Ressentiments zumindest zu bedienen. Wie sehen Sie das?

Micha Brumlik: Ich finde es problematisch, dass Josef Schuster ein Pauschalurteil über das abgegeben hat, was er für arabische Kultur hält – also über einen Raum, der immerhin vom Atlantik bis an den Indischen Ozean reicht.

Seine Äußerungen werfen die Frage auf, wie verbreitet solche Einstellungen in der jüdischen Gemeinde in Deutschland sind. Sind sie symptomatisch?

Ich vermute, ja. Die jüdische Gemeinschaft heute besteht ja zu etwa 90 Prozent aus Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion. Nun wissen wir aus soliden soziologischen Untersuchungen, etwa den Untersuchungen der an der Bar-Ilan-Universität lehrenden Soziologin Larissa Remenik, dass die Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion die politische Landschaft Israels tatsächlich – in einer wenn auch säkularen Weise – nach rechts verschoben haben. So darf man daraus schließen, dass dies in den jüdischen Gemeinden in Deutschland nicht wesentlich anders sein wird.

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IM WORTLAUT

Viele Flüchtlinge entstammten „Kulturen, in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil sind“, hat der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, kürzlich derWelt gesagt, und hinzugefügt, man könne „zu dem Schluss kommen, hier handele es sich nicht um ein religiöses Problem, sondern um ein ethnisches“. Dass er zudem über eine Asyl-„Obergrenze“ sinnierte, hat ihm viel Protest eingebracht: Vergangenen Dienstag demonstrierten in Berlin etwa 70 Menschen unter dem Motto „Nicht in unserem Namen – Juden gegen Rassismus“ gegen die Äußerungen. (bx)

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Einige der Wortführer des anti­muslimischen Diskurses in Europa sind jüdischer Herkunft – aber allesamt keine Einwanderer aus der Sowjetunion, sondern alteingesessen. Dazu zählen in Deutschland etwa Henryk M. Broder und der verstorbene Ralph ­Giordano, Leon de Winter in den Niederlanden oder Éric Zemmour und Alain Finkielkraut in Frankreich. Geht das Problem nicht doch tiefer?

Das ist richtig. Aber das sind doch mehr oder weniger Einzelstimmen, die nicht die Meinung jüdischer Gemeinden und Gemeinschaften repräsentieren. Ich will auch darauf hinweisen, dass Josef Schuster ausdrücklich zwischen dem Islam als Religion und dem, was er für arabische Kultur hält, unterschieden hat. Mit Leuten wie Ralph Giordano habe ich mich in den letzten Jahren heftig gestritten. Er glaubte auf seine alten Tage ein weiteres Mal, gegen etwas Faschistoides ankämpfen zu müssen, und war weder bereit noch willens, zwischen Islam als Religion und Islamismus als politischer Ideologie zu unterscheiden. Darin liegt letzten Endes das Problem. Das ist so, als würde man nicht unterscheiden wollen zwischen dem Christentum und dem Franco-Faschismus – oder zwischen Judentum und dem, was die Siedler im Westjordanland betreiben.

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main-echo| Benjamin Ortmeyer: Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler fordert stärkere Auseinandersetzung mit NS-Zeit

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Er ist ein Mann kla­rer Wor­te und scheut kei­ne Kon­fron­ta­ti­on – auch wenn ihm das nicht im­mer Zu­stim­mung ein­bringt. Ben­ja­min Ort­mey­er ist Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­ler und lei­tet die NS-For­schungs­s­tel­le an der Frank­fur­ter Goe­the-Uni­ver­si­tät.

In einem Appell, den er gemeinsam mit Micha Brumlik an die Kultusministerkonferenz, die Wissenschaftsministerien der Länder, das Bundeswissenschaftsministerium sowie alle Universitäten und Hochschulen in Deutschland richtet, ruft er dazu auf, dass die die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ihren festen Platz im Studium der Erziehungswissenschaften bekommen muss. Im Gespräch mit unserem Medienhaus erläutert er, warum er das für so wichtig hält.

Warum dieser Appell?
Es sind gebildete und Pädagogen nötig und zur Allgemeinbildung und einer humanistischen und demokratischen Orientierung wird auf jeden Fall die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen, der NS-Ideologie und der NS-Pädagogik benötigt.

Glauben Sie, dass Pädagogen, die das verinnerlicht haben, eine Wissensänderung bei Schülern bewirken können?
In der Tat. Noch wichtiger als die Argumentation ist, dass die Jugendlichen spüren, dass jemand vor ihnen steht, der sich wirklich mit diesen Fragen auseinandergesetzt hat, der es ernst meint und der weiß, worum es geht. Das setzt Fachwissen plus wirkliche Auseinandersetzung voraus, aber auch eine humanistische Grundhaltung.

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Written by lbucklitsch

Oktober 19th, 2015 at 5:28 am

Deutschlandradio Kultur| Vergeben als psychologische Geste – Micha Brumlik im Gespräch

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LÜNEBURGER AUSCHWITZ-PROZESS: Vergeben als psychologische Geste

Micha Brumlik im Gespräch mit Anke Schaefer und Christopher Ricke

Die Auschwitz-Überlebende Eva Kor sitzt am 21.04.2015 im Gerichtssaal in Lüneburg (Niedersachsen) (pa/dpa/Stratenschulte)
Die Auschwitz-Überlebende Eva Kor hat dem Angeklagten und früheren SS-Mann Otto Gröning vergeben (pa/dpa/Stratenschulte)

Darf es nach Auschwitz überhaupt ein Verzeihen geben? Darüber wird nach der öffentlichen Geste der Überlebenden Eva Kor im Prozess gegen den SS-Mann Otto Gröning diskutiert. Der Publizist Micha Brumlik warnt davor, von außen Urteile über die Handlungen der Opfer abzugeben.

Die öffentliche Vergebung der Auschwitz-Überlebenden Eva Kor im Prozess gegen den früheren SS-Mann Otto Gröning hat eine heftige Diskussion ausgelöst. Kor hatte ihm am zweiten Verhandlungstag dafür gedankt, dass er seine moralische Mitschuld eingestanden und den Holocaust nicht geleugnet habe.

Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler, Publizist und langjähriger Leiter des Fritz Bauer Instituts, bewertet die Geste Eva Kors vor allem als psychologische Handlung:

„Wenn es dieser alten Dame das Leben und Weiterleben erleichtert, zu vergeben, dann gibt es dagegen überhaupt nichts einzuwenden.“

Es bestünden allerdings Zweifel daran, ob der Täter tatsächlich aufrichtig bereut und sein Verbrechen eingesehen habe, so Brumlik:

„Wenn man sich die Begriffswahl ansieht, mit der er darüber gesprochen hat, wie die sterblichen Überreste der Ermordeten verbrannt wurden – wenn er davon geredet hat, dass diese ‚entsorgt‘ wurden – dann lässt das nicht auf besonderes Feingefühl schließen.“

Gröning hatte „gute Gründe“ für sein Schuldeingeständnis

Ein „etwas ausführlicheres Bekenntnis“ des Angeklagten wäre seiner Auffassung nach sinnvoll gewesen, meinte Brumlik. Man dürfe nicht vergessen, dass Gröning gute Gründe gehabt habe, im Prozess auf diese Weise aufzutreten:

„Immerhin drohen ihm ja in seinem hohen Alter noch drei Jahre Gefängnis. Und in diesem Fall ist jeder gut beraten, wenn er vor Gericht seine Schuld eingesteht. Über die Authentizität dessen können wir nicht urteilen.“

Das Leid der Nebenkläger

Für die Nebenkläger sei es wichtig, dass das ihnen widerfahrene Leid in diesem Prozess auch offiziell als „moralisch verurteilungswürdig und abscheulich“ festgehalten werden,  sagte Brumlik:

„Menschen reagieren auf erlittenes Unrecht unterschiedlich. Die einen wollen Gerechtigkeit, die anderen wollen sich von der Last des erlittenen Unrechts befreien. Ich glaube nicht, dass es gleichsam von außen möglich ist, hier Urteile abzugeben. Jedenfalls nicht über die Opfer.“

 

Quelle: Deutschlandradio Kultur

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April 28th, 2015 at 7:45 pm

TAZ| Micha Brumlik über Günter Grass: „Typisch für seine Generation“

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Der Publizist Micha Brumlik über Günter Grass’ Umgang mit der eigenen sowie der deutschen Schuld und antisemitische Stereotype.

„Grass kritisierte auch die Bundesrepublik, weil die ein U-Boot nach Israel liefern wollte.“ Bild: dpa

taz: Herr Brumlik, war Günter Grass ein Antisemit?

Micha Brumlik: Das glaube ich nicht. Aber Grass war ein Mensch, der auf eine verklemmte Art und Weise mit dem Problem der deutschen Schuld nicht fertig geworden ist.

Er hat seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS jahrzehntelang verschwiegen.

Das deutet auf ein unterdrücktes Schuldgefühl hin. Aber dann glaubte er vor drei Jahren, mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ darauf aufmerksam machen zu müssen, dass eine mögliche Auslöschung des iranischen Volkes durch Israel drohe. Mit der damaligen Realität zwischen Israel und Iran hatte das allerdings nichts zu tun.

War Grass’ Umgang mit seiner eigenen Geschichte zugleich auch typisch für viele Deutsche?

Es war typisch für viele Angehörige seiner Generation. Grass hat die deutsche Schuld sehr ernst genommen. Aber diese Schuld war zugleich schwer zu ertragen. Psychologisch kann man das damit erklären, dass man darauf verweist, dass auch andere ähnlich Schuld auf sich geladen haben.

Grass lehnte U-Boot-Lieferungen an Israel ab.

Grass kritisierte in dem Gedicht auch die Bundesrepublik, sein eigenes Land, weil die ein weiteres U-Boot nach Israel liefern wollte. Er spricht in seinem Gedicht davon, dass diese Lieferung Teil eines Verbrechens werden könnte und dass solche Hinweise als antisemitisch kritisiert würden. Das bedeutet, er fürchtete sich vor einer zweiten deutschen Schuld.

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April 14th, 2015 at 7:01 am

Augsburger Allgemeine| Juden fassen neuen Mut

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Micha Brumlik sieht deutschen Aufbruch

Vor zwanzig Jahren war der Frankfurter Pädagogikprofessor Micha Brumlik gar nicht zuversichtlich, was die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland betraf. „Kein Weg als Deutscher und Jude“ betitelte er 1996 sein Buch. Nun aber revidiert Brumlik seine Einstellung. Es ereigne sich momentan in der zweiten Generation der jüdischen Zuwanderer, vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion, „eine beachtliche Wiederaneignung der jüdischen Traditionen Deutschlands“. Damit eröffnete er am Montagabend in der Synagoge die internationale Tagung „Rückkehr-Erzählungen“ der Universität Augsburg zusammen mit der Hebrew University Jerusalem, die noch bis Mittwoch läuft.

Würde er heute eine Fortsetzung seines autobiografischen Essays schreiben, sollte sie „Die dritte Heimat“ heißen, meinte Brumlik. Die deutsche Migrationsgesellschaft habe inzwischen einen ganz anderen Begriff von Staatsangehörigkeit, nicht mehr geleitet von ethnischer Zugehörigkeit. Wie noch lange nach dem Ende des Dritten Reichs und dessen Rassenwahn. Juden inDeutschland waren nach 1945 vor allem versprengte Osteuropäer. Und mit Israels Staatsgründung 1948 wanderten über 85 Prozent der 150000 Displaced Persons dorthin aus. Wer blieb, hatte mit Schuldbewusstsein zu kämpfen, auf verfluchtem Boden der Mörder leben zu müssen, sagte Brumlik. Zudem nutzten jene Juden häufig das Rotlichtmilieu, um bald zu Geld zu kommen. Im gleichen Maße ihrer Scham wuchs der Selbsthass: Nirgends spendete man mehr für Israel als unter deutschen Juden.

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Februar 25th, 2015 at 6:27 am

ZDF: Micha Brumlik im Gespräch

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Der Publizist und Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik im Gespräch über den Umgang mit desorientierten muslimischen Jugendlichen und den Terror.

Bron: ZDF

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Februar 20th, 2015 at 10:07 am

SWR2| Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler und Publizist

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SWR2 Zeitgenossen BildBeitrag hören

Micha Brumlik kam als Kind jüdischer Flüchtlinge 1947 in der Schweiz zur Welt. 1952 zog die Familie nach Frankfurt am Main um. Hier legte er das Abitur ab, studierte Pädagogik, Philosophie und Soziologie, engagierte sich als Stadtverordneter, leitete das Fritz-Bauer-Institut und war bis 2013 Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft. Als Religionsphilosoph hat Brumlik die Mühe deutscher Juden, im Land der Täter als citoyens anerkannt zu werden, ein halbes Jahrhundert lang erlebt und als kritischer Publizist begleitet.

 

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Februar 15th, 2015 at 10:37 pm

Rheinfalz| Micha Brumlik; „Es geht um staatsbürgerliche Verantwortung“

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INTERVIEW: Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik über das Gedenken an Auschwitz

„70 Jahre nach Auschwitz: Aufgaben für Bildung in Universität und Schule“ – so lautet der Titel eines Vortrags von Micha Brumlik morgen in Landau. Der Erziehungswissenschaftler wurde 1947 als Sohn jüdischer Flüchtlinge in der Schweiz geboren und wuchs in Frankfurt auf. Später leitete er dort das renommierte Fritz-Bauer-Institut, ein Zentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. Heute lehrt er am Zentrum jüdische Studien in Berlin. Mit ihm sprach Ilja Tüchter.

Herr Professor Brumlik, wann waren Sie das letzte Mal in Oswiecim? (Überlegt kurz.)

1989, im September.

Das war das einzige Mal? Ja, das erste und bisher einzige.

Wieso? Das hat keinen tieferen Grund. Es gibt nichts, was mich noch einmal dort hingezogen hätte. Entscheidend ist, sich mit der politischen und moralischen Deutung des Holocaust auseinanderzusetzen. Und das habe ich, meine ich, im Laufe meines Lebens ausgiebig getan.

Daran besteht kein Zweifel. Ich stelle die Frage, weil es ja auch den Begriff des KZ-Tourismus gibt, die Kritik, dass solche Besuche auch oberflächlich sein können.

Ganz klar. Solche Reisen erfüllen nur dann ihren Zweck, wenn sie erstens sehr, sehr gut vorbereitet und zweitens sehr, sehr gut nachbereitet werden. Wenn man nur ein paar Gebäude anschaut, kann man es auch gleich lassen.

Wann haben Sie das erste Mal vom Holocaust erfahren?

Ansatzweise als Kind aus den Erzählungen meiner Mutter, die einen großen Teil ihrer Angehörigen verloren hatte. Später dann auch durch meine Erziehung in der zionistischen Jugendbewegung.

Und in der Schule? Sie sind in Frankfurt aufgewachsen.

weiter hier: MichaBrumlikInterviewRheinfalz

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Januar 28th, 2015 at 9:39 am

DLR| Der Terror als Chance für den Euro-Islam

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PUBLIZIST MICHA BRUMLIK| Der : Terror als Chance für den Euro-Islam

Moderation: Sonja Gerth

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Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik
Publizist und Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Der Publizist Micha Brumlik sieht in den Anschlägen von Paris auch eine Chance: In Reaktion auf den islamistischen Terror könnte unter Umständen ein aufgeklärter Euro-Islam erstarken. Eine entscheidenden Rolle sollten hier die Universitäten spielen.

Nach Einschätzung des Publizisten Micha Brumlik sind die Reaktionen auf die Anschläge in Paris bisher relativ besonnen. „Noch nicht einmal ein Teil der AfD ist ja bereit, also das nun wirklich offen islamfeindlich auszudeuten.“ Auch in Frankreich unterscheide die rechtsnationale Marine Le Pen zwischen Islam und Islamismus, so Brumlik im Deutschlandradio Kultur.

Dabei sieht der Erziehungswissenschaftler für die weitere Entwicklung durchaus eine Chance: „Es wird dazu führen, dass das, was seit Jahren als Euro-Islam gewünscht und eingefordert, wird, nun unter dem Druck der Verhältnisse womöglich Wirklichkeit wird“, so Brumlik.

Dieser liberale, aufgeklärte Islam müsse beinhalten, dass Muslime zwischen dem grundsätzlich philosophisch-theologischen Gehalt des Korans und handlungsweisenden Maßgaben für die jeweilige Zeit unterscheiden. Das sei auch schon im islamischen Mittelalter so gewesen.

Euro-Islam an desorientierte Jugendliche herantragen

Das zu verwirklichen sei nun Aufgabe der Muslime selbst, von Imamen, Gelehrten, Professoren an deutschen Universitäten und in den Moscheen. „Und dann wäre es tatsächlich wünschenswert, dass das auch stärker einer zum Teil desorientierten muslimischen Jugend mitgeteilt wird.“ Hier würden schon heute die Universitäten, an denen islamische Theologie oder islamische Religionspädagogik gelehrt wird, eine positive Rolle spielen.

 

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Januar 10th, 2015 at 7:55 pm

Deutschlandradio| STOLPERSTEINE „Erschütternde und aufklärende Wirkung“

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Micha Brumlik zum Streit über die Gedenksteine an jüdische Mitbürger in München

Moderation: Nana Brink

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Ein Passant läuft in der Regensburger Innenstadt an "Stolpersteinen" vorbei.
Ein Passant läuft in der Regensburger Innenstadt an „Stolpersteinen“ vorbei. (dpa / picture alliance / Armin Weigel)

Die „Stolpersteine“ als Erinnerung an jüdische Opfer des Nationalsozialismus sind in München im öffentlichen Raum verboten. Der dortige Stadtrat befasst sich heute in einem Hearing mit dem Thema. Für den Publizisten Micha Brumlik sind die Steine als Erinnerung an den Holocaust wichtig, vor allem für die junge Generation.

Für den Frankfurter Publizisten Micha Brumlik erfüllen die sogenannten Stolpersteine, die an von den Nationalsozialisten verfolgte und ermordete jüdische Mitbürger erinnern, eine wichtige Aufgabe – vor allem für die junge Generation, für die der Holocaust immer weit weg rücke.

In München, wo bislang keine Stolpersteine im öffentlichen Raum verlegt werden durften und die Präsidentin der Münchner Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, dies ablehnt, findet heute eine Anhörung dazu statt. Brumlik sagte, der Streit darüber sei sehr wichtig, in der Sache stimme er jedoch den Befürwortern der Stolpersteine zu. Als Grund für Knoblochs Ablehnung sieht Brumlik auch die persönliche Geschichte der ehemaligen Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland.

Fortgesetzte Erniedrigung?

Brumlik, selbst Sohn jüdischer Eltern und heute Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, sagte weiter, viele Juden, die während der NS-Zeit Erniedrigung erfahren hätten, könnten den Gedanken nicht ertragen, „dass dadurch, dass da (auf die Stolpersteine) drauf getreten wird, diese Erniedrigung in gewisser Weise fortgesetzt wird“.

Der Erziehungswissenschaftler Micha BrumlikDer Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Zwar gebe es auch andere wichtige Arten des Gedenkens – etwa Gedenktage, die man entsprechend in den Schulunterricht integrieren könne. Die Steine des Künstlers Gunter Demnig seien jedoch für nachfolgende Generationen so wichtig, weil sie sehr anschaulich seien:

„Diese Stolpersteine haben den Vorteil, dass sie so etwas wie die Alltäglichkeit dieser Verbrechen repräsentieren. Ich bleibe da selbst manchmal hängen und bekomme dann richtiggehend Wut, wenn ich sehe, dass irgendwann 1942 Menschen – schon 80 Jahre alt und mit Sicherheit keine gefährlichen Gegner des NS-Regimes – enteignet, abgeholt und schließlich ermordet wurden.“

Brumlik sagte weiter, in ihrer kleinen Form öffneten die Stolpersteine sehr leicht den Zugang zu schwerer Geschichte und hätten eine „erschütternde und aufklärende Wirkung“. Es sei deshalb wichtig, dass die Frage der Stolpersteine intensiv auch innerhalb der jüdischen Gemeinde in München diskutiert würde.


Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Vielleicht sind Sie ja auch schon über die Steine gestolpert in Ihrer Stadt oder bei einem Besuch – jene kleinen, messingfarbenen Gedenksteine, die in den Straßen eingelassen sind und die Namen von jüdischen Bürgern tragen, die deportiert worden sind oder gestorben. Eine Erfindung des Künstlers Gunter Demnig. Insgesamt gibt es inzwischen nahezu 50.000 in über 650 Städten und Gemeinden in Deutschland. In München gibt es keine Stolpersteine, zumindest nicht im öffentlichen Raum. Und es gibt einen Streit darüber. Professor Micha Brumlik lehrte früher am Institut für allgemeine Erziehungswissenschaften der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt und ist jetzt Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Guten Morgen, Herr Brumlik!

Micha Brumlik: Guten Morgen!

Brink: Wie bewerten Sie denn diesen Streit in München, über den heute auch ein Hearing diskutieren wird?

Brumlik: Also dieser Streit ist mit Sicherheit wichtig. In der Sache stimme ich freilich denjenigen zu, die darauf dringen, auch in München das Stolperstein-Konzept von Gunter Demnig umzusetzen.

Brink: Wie sehen Sie dann die Weigerung auch der Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch? Sie hat ja auch ihre Teilnahme an dem Hearing heute abgesagt. Ist das hilfreich für die Diskussion?

Brumlik: Es wäre sicher hilfreich, wenn sie dabei wäre. So viel ich weiß, hat sie eine andere Verpflichtung in Berlin. Sie ist übrigens keineswegs die Einzige. Ich kenne und kannte noch andere, vor allem deutsche Juden, die während der NS-Zeit in Deutschland überlebt haben, die dagegen gewesen sind. Das dürfte damit zusammenhängen, dass sie selbst auf deutschen Straßen in den Jahren 1933 bis 1945 intensiv Erniedrigungen von Jüdinnen und Juden erlebt haben. Und nun stellt sich bei ihnen die Vorstellung ein, dass dadurch, dass da drauf getreten wird, diese Erniedrigung in gewisser Weise fortgesetzt wird.

Auf der anderen Seite besteht hier ein Paradox. Denn überhaupt erst dadurch, dass diese Namen im Straßenbild erscheinen, wird ihrer ja auch erinnert, wird ihrer gedacht, bekommen diese malträtierten, ermordeten Menschen zwar nicht Gesicht und Stimme, aber wenigstens wieder einen Namen.

Unauflösbarer Konflikt

Brink: Aber ist das nicht ein Konflikt, der eigentlich unlösbar ist, weil die Empfindungen sind real dieser Menschen, die das wirklich ertragen haben, sie sind sehr subjektiv. Und auf der anderen Seite sagen Sie aber, ein Gedenken wäre sonst nicht möglich. Ein Konflikt, den man doch eigentlich nicht auflösen kann.

Brumlik: Nein, das ist ein Konflikt, den man in der Tat in der Sache nicht auflösen kann, der dann eben, und das wird wohl in München geschehen, politisch zu entscheiden ist.

Brink: Wie erklären Sie sich, dass es anderswo so erfolgreich ist, aber in München zum Beispiel so ein Problem, offensichtlich?

Brumlik: Also, ich glaube schon, dass das mit der ganz persönlichen Geschichte von Charlotte Knobloch zu tun hat, die einer von jenen jüdischen Menschen ist, die während der NS-Zeit in Deutschland gelebt haben. Ich war kürzlich bei einer Stolperstein-Legung in Berlin, wo die Verwandten, ja geradezu die Enkelinnen einer damals malträtierten, später deportierten Person durch das Legen eines Stolpersteines wieder ins historische Bewusstsein zurückgeholt werden sollten. Da waren sehr viele Menschen, da erschienen tags darauf in den Tageszeitungen eine Fülle von Artikeln genau über den ganzen Vorgang. Und das hatte sicherlich eine erschütternde, eine aufklärende Wirkung.

Brink: Sie haben ja gerade auch gesagt, das ist eine Geschichte, die politisch entschieden werden muss. Nun weiß man ja auch, dass der ehemalige Oberbürgermeister von München, Christian Ude, sich immer hinter Knobloch gestellt hat, also sozusagen das politisch umgesetzt hat. Glauben Sie, dass sich das ändern wird?

Brumlik: Dazu kenne ich jetzt die kommunalpolitischen Verhältnisse in München nicht so gut. Ich kann nicht sagen, wie der jetzige Oberbürgermeister sich dazu verhalten wird.

Brink: Aber es ist eine schwere Aufgabe für die dann, sozusagen in diesem Konflikt politisch …

Brumlik: Ja, also was passieren müsste – ich war selbst mal Kommunalpolitiker –, dass es dann auch offen im Münchener Stadtrat* diskutiert wird. Das wäre sicher sinnvoll.

Brink: Sie sind ja Erziehungswissenschaftler auch. Wäre denn aus Ihrer Sicht so ein Stolperstein auch ein guter Einstieg für eine Generation, sich etwas bewusst zu machen, was für die ja unglaublich weit weg ist?

Brumlik: Das ist wirklich unglaublich weit weg, nicht zuletzt deswegen, weil ja auch ein großer Teil der jüngeren Generationen oder der Kinder, die solche Stolpersteine sehen und an ihnen hängen bleiben, schon gar keine Vorfahren aus Deutschland mehr haben. Das sind Emigranten, die nun, weil sie hierher eingewandert sind, natürlich auch die deutsche Geschichte und damit die politische Verantwortung für diese Geschichte kennenlernen und später übernehmen müssen. Insofern ist das eine wichtige staatsbürgerliche Aufgabe, sie mit dieser Verfolgungsgeschichte der Juden und mit dem Verbrechen des Massenmordes an sechs Millionen europäischen Juden und den deutschen Verantwortlichkeiten dafür vertraut zu machen.

Alltäglichkeit der Verbrechen

Brink: Gäbe es für Sie noch andere Formen des Gedenkens?

Brumlik: Ja, natürlich gibt es noch andere Formen des Gedenkens. Es gibt etwa in Berlin das Haus der Wannsee-Konferenz, wo dann Lehrerinnen und Lehrer mit Schulklassen hingehen können. Es gibt immer noch die Gedenktage, den 9. November und den 27. Januar, an denen man in den Schulen sehr viel machen könnte.

Aber ich finde, diese Stolpersteine haben den Vorteil, dass sie so was wie die Alltäglichkeit dieser Verbrechen repräsentieren. Ich bleibe da selbst manchmal hängen und bekomme dann richtiggehend Wut, wenn ich sehe, dass irgendwann 1942 Menschen, die schon also 80 Jahre alt gewesen sind und mit Sicherheit keine gefährlichen Gegner des NS-Regimes, enteignet, abgeholt und schließlich ermordet wurden. Also, das ist so ungeheuerlich. Und ich glaube, die Stolpersteine in ihrer kleinen Form eröffnen sehr leicht diese doch sehr große, schwere Geschichte.

Brink: Haben Sie dann irgendwie die Hoffnung, dass sich dieser Konflikt in München vielleicht lösen wird, oder sehen Sie da sozusagen überhaupt kein – also jenseits des politischen Prozesses, von dem Sie ja fordern, dass er das entscheiden muss?

Brumlik: Es wäre wichtig, auch innerhalb der jüdischen Gemeinde, innerhalb der jüdischen Gemeinden – es gibt deren ja in München zwei – dieses offen zu diskutieren und es vielleicht auch zu einem Meinungsbild kommen zu lassen.

Brink: Also Sie geben die Entscheidung an die jüdischen Gemeinden zurück?

Brumlik: Nein, ich gebe die Entscheidung nicht zurück. Die müssen angehört werden. Aber sie müssten überhaupt erst einmal offen und geregelt diskutieren, was, soviel ich weiß, bisher nicht geschehen ist.

Brink: Professor Michael Brumlik, Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien in Berlin-Brandenburg. Danke, Herr Brumlik, für die Einschätzungen. Und heute gibt es ein Hearing in München zum Thema Stolpersteine.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

*Von der Online-Redaktion geändert.

Quelle: Deutschlandradio Kultur

Written by lbucklitsch

Dezember 6th, 2014 at 7:47 am

Unpolitische Studenten: „Entpolitisierung ist beabsichtigter Effekt der Hochschulpolitik“

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Nach der Bologna-Reform bleibt Studenten kaum Zeit für Engagement neben dem Studium – Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik sieht darin die Hauptursache für deren scheinbar gesunkenes Interesse an der Politik

Von Alexander R. Wenisch

Nach der Bologna-Reform bleibt Studenten kaum Zeit für Engagement neben dem Studium. Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik sieht darin die Hauptursache für deren scheinbar gesunkenes Interesse an der Politik. Micha Brumlik (66) lehrte von 1981 bis 2000 Erziehungswissenschaft an der Uni Heidelberg, war anschließend bis zur Emeritierung 2013 Professor an der Goethe-Uni in Frankfurt/Main. Heute ist Brumlik (Foto: dpa) als Publizist tätig.


So wenige Studenten wie noch nie interessieren sich für Politik – hat Sie das überrascht?

Nein, weil ich mir die Entwicklung erklären kann.

Was ist Ihre Erkenntnis?

Die Entpolitisierung ist einerseits ein beabsichtigter Effekt der Hochschulpolitik der vergangenen Jahrzehnte. Andererseits Konsequenz aus den vielen Medienberichten, die sagen, die heutige junge Generation wird den Lebensstandard ihrer Eltern nicht halten können.

Also eine Generation der Ich-AGs?

Ja. Die Studenten haben ihre Karriere im Blick. Wobei man ihnen diese Haltung nicht anlasten kann.

Wo sehen Sie den Zusammenhang zur gegenwärtigen Hochschulpolitik?

Im Zuge der Bologna-Reformen wurde das Studium bürokratisiert, erheblich verschult und gestrafft. Den jungen Leuten bleibt da kaum noch Zeit links und rechts des Hörsaals quasi eigenständige Lernerfahrungen zu machen – schon gar nicht, sich politisch zu engagieren.

Ein gewollter Prozess, um Studentenproteste zu verhindern?

Nein, das ist mir zu verschwörungstheoretisch.

Politik ist ihnen zu komplex, sagen viele der Befragten.

Von jungen Erwachsenen, die an der Uni studieren, sollte man eigentlich etwas anderes erwarten. Aber auch das lässt sich erklären. Als ich in den 60ern und 70ern studiert habe, waren fünf Prozent eines Jahrgangs an der Hochschule. Im Zuge der Bildungsreformen wurde der Anteil deutlich angehoben; heute gehen fast 50 Prozent eines Jahrgangs an die Uni. Das ist natürlich positiv zu bewerten. Da sich aber weiterhin vor allem Studenten aus der bildungsbürgerlichen Schicht für Politik interessieren, ist klar, dass nun der Mehrheit an den Unis politische Zusammenhänge zu kompliziert sind.

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November 1st, 2014 at 7:35 am

DW| Nazis wurden zu schlechten US-Agenten

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Dass Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg als Spione für US-Geheimdienste gearbeitet haben, ist bekannt. Jetzt haben US-Forscher herausgefunden, wie viele es waren und was sie bewirkt haben.

CIALogo auf dem Fußboden im Hauptquartier in Langley (Foto: Saul Loeb/AFP)

Klaus Barbie war einer der berüchtigtsten Nazis. Als „Schlächter von Lyon“ ging der Gestapo-Mann in die Geschichte ein. Dennoch vergingen Jahrzehnte, bis er sich für seine Taten verantworten musste. Barbie war zwar ein Kriegsverbrecher – dennoch blieb er nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst unbehelligt. Denn er hatte einen mächtigen Verbündeten: die Spionageabwehr der US-Armee. Erst als Barbie in Bolivien enttarnt, in den 1980er Jahren an Frankreich ausgeliefert und dort verurteilt wurde, kam ans Licht der Öffentlichkeit, dass er und andere hochrangige Nazis nach Ende des Krieges für US-Geheimdienste tätig waren.

Konservative Schätzung

Jetzt haben US-Historiker die Kapitel der Geschichte umfassend analysiert und dabei auch die Qualität der durch die „Nazi-Spione“ gelieferten Informationen untersucht. Nach Auswertung freigegebener US-Geheimdienstakten beziffern die Forscher die Zahl der Nazis, die nach dem Krieg für US-Dienste arbeiteten, auf mindestens 1000. „Das ist eine konservative Schätzung“, sagt Norman J. W. Goda, einer der beteiligten Historiker. „Die Schätzung basiert auf langwieriger Analyse der Akten. Aber die Wahrheit ist, wir haben keine exakte Zahl“, sagt der Professor für Holocaust-Studien an der Universität von Florida.

Nazi-Kriegsverbrecher Klaus Barbie während des Zweiten Weltkrieges (Foto: dpa)Nazi-Kriegsverbrecher Klaus Barbie: tätig für die Spionageabwehr der US-Armee

Denn nicht alle Akten wurden freigegeben, manche gingen möglicherweise verloren. Zudem spiegelt die Zahl 1000 nur die direkten, nicht aber die indirekten Beziehungen wider. Falls die von CIA oder FBI angeworbenen Nazis ihrerseits ehemalige Hitler-Schergen als Spione anheuerten, so sind diese nicht in der Schätzung enthalten – ebenso wenig wie die große Zahl an nicht-deutschen, Nazis in Ungarn, Rumänien oder der Ukraine. Während die genaue Zahl der zu Spionen umfunktionierten Nazis also offenbleibt, gibt es keine Zweifel am geringen Informationsgehalt, den die neuen Agenten ihren amerikanischen Auftraggebern lieferten.

Keine entscheidenden Informationen

„Es gibt keinen Fall, der uns bekannt ist, von dem man sagen, dort wurden entscheidende Informationen geliefert, etwa über die anstehende Berlin-Blockade oder etwas Ähnliches“, sagte Goda der Deutschen Welle. „Das ist einfach nie passiert.“ Als Beispiel nennt er Wilhelm Höttl, einst Mitarbeiter des österreichischen Sicherheitsdiensts (SD), der nach dem Krieg von US-Geheimdiensten angeworben wurde. „Irgendwann fand die CIA heraus, dass die Geheimdienst-Berichte, die Wilhelm Höttl schrieb, auf Zeitungsartikeln basierten, die er gelesen hatte.“

Die von den Amerikanern rekrutierten Deutschen, so Goda, waren einfach keine guten Agenten, was dazu führte, dass viele von den Sowjets abgehört oder umgedreht wurden. Was die Forscher jedoch wirklich überraschte, war der Mangel an Informationen der US-Dienste über die Vergangenheit ihrer Rekruten. Dabei waren die betreffenden Akten häufig verfügbar und sogar unter amerikanischer Kontrolle. „Anders ausgedrückt: Es wäre sehr einfach gewesen, diese Dinge herauszufinden“, so Gota.

Unglaubliche Fälle

Wegen fehlender oder mangelnder Überprüfung wurden Männer angeworben, die persönlich an schweren Nazi-Verbrechen beteiligt waren. „Es gab einen Fall in den frühen 1950er Jahren, als die Spionageabwehr der US-Army einen Mann namens Hermann Höffle einstellte.“ Doch der war zuvor ein leitender Mitarbeiter von Odilo Globocnik, einem österreichischen Nazi und SS-Führer, der im Zusammenhang mit der „Aktion Reinhard“ für die Ermordung von mehr als einer Million Juden in Polen verantwortlich war. „Das war also kein unbekannter Gestapo-Mitarbeiter“, macht Forscher Goda deutlich. „Höffle war ein führender Mitarbeiter bei einer wichtigen Vernichtungskampagne in Polen.“

Joseph McCarthy (Foto: UPI)US-Senator Joseph McCarthy: „Paranoide Kommunistenfurcht“

US-Dienste warben Höffle an, um rechte Gruppen in der Gegend von München zu beobachten – ohne genau zu wissen, mit wem sie es zu tun hatten, betont Goda. „Die Tatsache, dass es überhaupt eine Beziehung zu diesem Mann gab, der später von den Westdeutschen verhaftet wurde, ist wirklich unglaublich.“

Dennoch ist es zu einfach, mit dem Wissen von heute die US-Geheimdienste von damals für die Anwerbung teils schwer belasteter Personen pauschal zu kritisieren. „In den USA herrschte eine Stimmung, in der man sich ernsthaft bedroht gefühlt hat“, sagt Micha Brumlik, ehemaliger Leiter des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts zur Holocaustforschung. Moralische Fragen spielten im Vergleich zur Eindämmung der Sowjetunion eine untergeordnete Rolle.

„Man darf auch nicht vergessen“, so Brumlik im DW-Interview, „dass zu Beginn der 1950er Jahre in den USA der sogenannte McCarthyismus herrschte, eine geradezu hysterische, paranoide Kommunistenfurcht. Und vor diesem Hintergrund scheute man sich dann auch nicht, Verbrecher in Dienst zu stellen, um diesen neuen – und wie man glaubte unglaublich gefährlichen – Gegner zu bekämpfen.“

Gefragt, ob man etwas aus dieser Episode für die Gegenwart lernen können, zeigen sich die Experten Brumlik als und Gota skeptisch. Es liege einfach in der Natur von Geheimdiensten, mit dubiosen oder belasteten Charakteren zusammenzuarbeiten. „Wenn es überhaupt eine Lehre gibt, dann ist es die, wirklich über seine Quellen Bescheid zu wissen”, sagt US-Historiker Gota.

 

Quelle: Deutsche Welle

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Oktober 29th, 2014 at 6:39 am

FR| Warnung vor „französischen Verhältnissen“

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Nach einer antiisraelischen Demonstration im Pariser Vorort Sarcelles kommt es zu Ausschreitungen. Foto: AFP

Der Judaist Micha Brumlik spricht im Interview über den Nahost-Konflikt und sinkende Hemmschwellen bei Antisemiten. Gleichzeitig warnt er vor französischen Verhältnissen.

Herr Brumlik, gestern hat der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz erklärt, trotz der jüngsten Exzesse bei Demonstrationen könne er in Deutschland keinen wachsenden Antisemitismus erkennen. Sehen Sie das auch so?
Das sehe ich nicht ganz so. Richtig ist, dass sich die Summe antisemitischer Haltungen insgesamt nicht erhöht hat. Genau so richtig ist aber, dass der Krieg in Gaza Hemmschwellen hat sinken lassen, so dass nun aus Haltungen Handlungen geworden sind. Dass sich das so brutal öffentlich Bahn bricht, ist nun doch neu und ein qualitativer Sprung.

Wo sehen Sie die Ursache dafür?
Der Gaza-Krieg mit seinen im Fernsehen oft gezeigten zivilen Opfern unter den Palästinensern liefert denjenigen, die ohnehin antisemitisch gesonnen sind, jetzt einen Anlass, ihre antisemitischen Haltungen in Form von Israelfeindschaft auch offen zu zeigen.

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Juli 24th, 2014 at 7:51 am

Berliner Zeitung|„Wir müssen Brandmauern errichten – auch mit Mitteln des Strafrechts“

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Prof. Micha Brumlik ist besorgt wegen der jüngsten antisemitischen Vorfälle in Deutschland. Foto: imago stock&people

Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik warnt vor einem Überspringen der nahöstlichen Konflikte auf Deutschland.

Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik warnt vor einem Überspringen der nahöstlichen Konflikte auf Deutschland.

Herr Brumlik, der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz hat erklärt, trotz jüngster Exzesse bei Demonstrationen könne er in Deutschland keinen wachsenden Antisemitismus erkennen. Sehen Sie das auch so?

Das sehe ich nicht ganz so. Richtig ist, dass sich die Summe antisemitischer Haltungen insgesamt nicht erhöht hat. Genauso richtig ist aber, dass der Krieg in Gaza Hemmschwellen hat sinken lassen, so dass nun aus Haltungen Handlungen geworden sind. Dass sich das so brutal öffentlich Bahn bricht, ist nun doch neu und ein qualitativer Sprung.

Worin sehen Sie die Ursache?

Der Gaza-Krieg mit seinen im Fernsehen oft gezeigten zivilen Opfern unter den Palästinensern liefert denjenigen, die ohnehin antisemitisch gesonnen sind, jetzt einen Anlass, ihre antisemitischen Haltungen in Form von Israelfeindschaft auch offen zu zeigen.

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Anti-Israel-Demos: „tief verwurzelter“ Juden-Hass explodiert

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Gewaltübergriffe, Hasspredigten, Selbstverbrennungen – der Nahost-Konflikt hat Deutschland erreicht. Beobachter sind besorgt: Die Ausschreitungen bei mehreren Gaza-Protesten in den vergangenen Tagen seien Ausdruck eines in Deutschland tief verwurzelten Antisemitismus. Der israelische Botschafter fürchtet „unschuldiges Blutvergießen“.

In mehreren deutschen Städten haben in den vergangenen Tagen tausende Menschen gegen die israelische Militäraktion im Gazastreifen demonstriert. In Hannover, Göttingen und Essen attackierten Protestanten pro-israelische Gegendemonstranten. Auf mehreren Kundgebungen wurden antisemitische Parolen gerufen.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland reagiert „schockiert“ auf die „Explosion an bösem und gewaltbereitem Judenhass“. Man habe es „im Leben nicht für möglich gehalten, dass auf deutschen Straßen antisemitische Aufrufe der übelsten und primitivsten Art skandiert werden“, so Zentralrats-Präsident Dieter Graumann.

Besonders in der Hauptstadt überschlagen sich die Ereignisse in diesen Tagen. Vor der israelischen Botschaft skandierten Demonstranten etliche Male: „Jude, Jude, feiges Schwein – komm heraus und kämpf‘ allein.“ Die Polizei erklärte die Parole erst am heutigen Dienstag als verboten. Man werde einschreiten, falls gegen diese Auflage verstoßen werde, so ein Polizeisprecher in Berlin.

In der Nacht zum Dienstag versuchte ein Mann, sich vor der israelischen Botschaft selbst anzuzünden. In der Al-Nur-Moschee im Stadtteil Neukölln bezeichnete am Wochenende ein Imam Juden als „Schlächter des Propheten“. Auf der Straße Unter den Linden wurde ein Mann von pro-palästinensischen Demonstranten attackiert, der eine Kippa trägt. Vereinzelte Demonstranten rufen „Scheiß Juden, wir kriegen Euch“. Der Betroffene konnte fliehen, geschützt von Ordnern und Polizisten.

Bundesregierung: Hassparolen sind „absolut unerträglich“

Außenminister Frank-Walter Steinmeier verurteilt die antisemitischen Äußerungen, Demonstrationen und Übergriffe der letzten Tage. „Nichts, einschließlich der dramatischen militärischen Konfrontation in Gaza, rechtfertigt ein solches Handeln bei uns in Europa“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung mit seinem französischen Amtskollegen Laurent Fabius und der italienischen Außenministerin Federica Mogherini.

Auch Bundes-Justizminister Heiko Maas (SPD) rügt die Ausschreitungen: „Judenfeindliche Hassparolen sind absolut unerträglich und durch nichts zu entschuldigen“, sagt Maas in Berlin. „Antisemitismus darf in Deutschland nie wieder eine Bühne bekommen. Antisemitische Töne bei Demonstrationen in Deutschland dürfen wir nicht akzeptieren.“

Einen solch aggressiven und offenen Hass gegenüber Juden habe es auf deutschen Straßen seit dem Dritten Reich nicht mehr gegeben, erklärt Micha Brumlik, Senior Professor am Zentrum für Jüdische Studien, im Gespräch mit EurActiv.de. „Diese antisemitischen Ausbrüche wurden nicht durch den Gaza-Krieg verursacht. Sowohl in Frankreich als auch Deutschland leben immer mehr junge Migranten aus muslimischen Herkunftsländern. Die sind häufig nicht vollständig in der Gesellschaft integriert und drücken jetzt ihre allgemeine Wut aus“, so Brumlik.

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Juli 22nd, 2014 at 7:01 pm

Micha Brumlik| »Wer die Welt gestalten will, muss Kompromisse machen«

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Micha Brumlik
Foto: Heinrich-Böll-Stiftung / Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0 (Ausschnitt)
Der Seniorprofessor für Jüdische Studien an der Humboldt-Universität Berlin Micha Brumlik. 2012.

Radikale Kritik der bestehenden Welt durchzieht das gesamte abendländische Denken. Doch Gnostizismus, erklärt Micha Brumlik im Interview mit FreieWelt.net, ist keine Basis für politisches Handeln.

FreieWelt.net: Was ist das eigentlich: Gnosis?

Micha Brumlik: In der Antike gab es eine Geistesströmung, die die Schöpfung im Ganzen abgelehnt hat. Dieser Typus des Denkens ist im Verlauf der letzten zweitausend Jahre immer wieder aufgetaucht. Zuletzt habe ich ihn in den achtziger Jahren in den sozialen Bewegungen beobachten können, wo dieses Denken zumindest bei einem Teil zu einer radikalen und fundamentalen Ablehnung der gesamten Zivilisation, jedenfalls aller menschlicher Lebenszusammenhänge in den westlichen Gesellschaften geführt hat.

FreieWelt.net: Ist diese Art zu denken eine Reaktion auf den Monotheismus?

Micha Brumlik: So ist es. Die spätantiken Gnostiker – spätestens seit Marcion, also um 130 christlicher Zeitrechnung – zeichneten sich dadurch aus, dass sie die Welt insgesamt für gefallen hielten, dass sie den Gott, der nach Ausweis der Bibel Himmel und Erde geschaffen hat, eher für einen bösen Dämon gehalten haben und sie an einen ganz und gar radikalen, in die weltlichen Belange in keiner Weise mehr eingreifenden Gott appelliert haben.

FreieWelt.net: Worin besteht die Attraktivität gnostischen Denkens – und worin die Abgründe?

Micha Brumlik: Vor allem in einer durch nichts zu überbietenden Radikalität, kurz einer Haltung, bei der sich jene, die ihr anhängen, dessen versichern können, immer und ohne jeden Selbstzweifel auf der richtigen Seite zu stehen. Daraus resultiert dann eine Freund-Feind-Haltung, die tendenziell tödlich und destruktiv sein kann.

FreieWelt.net: Soziale Bewegungen, die auch die gnostischen immer gewesen sind, hatten immer schon ein herrschaftskritisches Potenzial. Die Kirche hingegen, an die sich die Kritik richtete, hat immer Macht ausgeübt – und zugleich auch eine Kontrollfunktion über gewaltsame Ausbrüche, die von unten kamen. Wie sehen Sie dieses Wechselverhältnis zwischen Kontrolle und Emanzipation?

Micha Brumlik: In der mittelalterlichen Volksfrömmigkeit – auch im mönchischen Bereich – war etwa der Antijudaismus oftmals stark ausgeprägt. Die theologisch gebildeteren Bischöfe im Abendland haben dagegen seit dem 11. Jahrhundert häufig, keineswegs immer die Juden vor einem judenfeindlichen, auf Pogrome versessenen Mob geschützt. Schließlich waren die Juden für die katholische Kirche und ihre Lehre wichtige Zeugen des Heilsgeschehens. Jene Basisbewegungen, die im gnostischen Sinne eher judenfeindlich waren, unterschieden sich damit von den Herrschaftsstrukturen der Kirche, die solche militanten Basisbewegungen ohnehin mit Misstrauen betrachtet haben. Andererseits gab es historisch auch durchaus eine Nähe von gnostischen Bewegungen – etwa im südlichen Frankreich des Mittelalters –, wo tolerante Katharer und Juden beide unter dem Druck der katholischen Kirche zu leiden hatten und die Kirche gegen die Katharer einen mörderischen Krieg führte.

FreieWelt.net: Auch innerhalb der katholischen Kirche von heute gibt es eine Strömung, in der sich meines Erachtens gnostisches Gedankengut erkennen lässt: Da wird die »Macht« der Kirche vor einem idealisierten Hintergrund – Kirche, wie sie ursprünglich mal gewesen sein soll – aus kritisiert.

Micha Brumlik: Das Problem, auf das diese Kritik abhebt, gibt es aber tatsächlich. Man hat schon früh gesagt, dass nach Jesu Tod die Menschen die Erlösung und die Wiederkunft Jesu erwarteten, aber nur die Kirche bekommen haben. Das Christentum ist schließlich vor allem durch den Soldatenkaiser Konstantin zur Staatsreligion und damit zur Institution  Kirche geworden, also durch einen Mann, der seine engsten Angehörigen hat ermorden lassen. Man kann von daher nicht glauben, dass diese machtvolle, zweitausend Jahre alte Institution tatsächlich aus moralischen Motiven entstanden ist. Ob aber eine Kritik der katholischen Institutionen anhand moralischer-jesuanischer Kriterien schon gnostisch ist, möchte ich bezweifeln.

FreieWelt.net: Eine der gewalttätigsten Bewegungen war der Nationalsozialismus. Inwieweit war der geprägt von gnostischem Gedankengut?

Micha Brumlik: Zahlreiche nationalsozialistische Denker – das gilt für Martin Heidegger und seine »Schwarzen Hefte« über Hitlers »Mein Kampf« bis zu Vulgärschriftstellern wie Artur Dinter mit seiner »Deutschen Volkskirche« – schrieben alles, was an der Welt als kritikwürdig angesehen wurde – Rasse, Geldwirtschaft und so weiter – den Juden zu, die als Prinzip des Bösen angesehen wurden. So findet sich zum Beispiel bei Hitler die Formulierung »Indem ich mich desJuden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn«. Die Juden galten immer als Inbegriff von Weltlichkeit.

FreieWelt.net: Aber nicht alle Gnostiker und Judenfeinde waren Nazis …

Micha Brumlik: Keineswegs! Es gab aber auch Antisemiten, die sich zu einem militanten Katholizismus bekannt haben. Sie waren der Meinung, dass die Welt ohnehin des Teufels ist und dass die Juden das Prinzip der Verfallenheit verkörpern und deswegen kontrolliert und ausgerottet – oder wie bei Carl Schmitt heißt: »aufgehalten« – werden müssen.

Übrigens – und das hat mit Antisemitismus nicht das Geringste zu tun – lassen sich auch in bestimmten Ausdrucksweisen und Texten der frühen Frankfurter Schule gnostische Sätze finden, die eine Radikalkritik an der Welt zum Ausdruck bringen. In Adornos »Minima Moralia« heißt es: »Noch der Baum, der blüht, lügt.« Das ist der gnostischste Satz, den ich mir in der neueren anspruchsvollen philosophischen Literatur vorstellen kann. Mit solchen Haltungen hat er seinerzeit bei vielen jungen Intellektuellen einen vorhandenen Weltschmerz und Weltekel verstärkt.

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Micha Brumlik| ZEHN JAHRE KEUPSTRASSE „Hoffe, dass der Druck auf die Sicherheitsdienste zunimmt“

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ZEHN JAHRE KEUPSTRASSE

„Hoffe, dass der Druck auf die Sicherheitsdienste zunimmt“ (Beitrag hören)

Micha Brumlik im Gespräch mit Birgid Becker

Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik

Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Ende 2011 kam heraus, dass der Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße vor zehn Jahren vermutlich auf das Konto der Neonazi-Gruppe NSU geht. Die Gedenkfeiern zum Anschlag gehen heute zu Ende. Es sei dringend nötig, dass es mit dem Kölner Fest eine starke zivilgesellschaftliche Reaktion auf rassistisches Unwesen gebe, sagte der Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik im DLF.

Er hoffe, dass die verschiedenen NSU-Untersuchungsausschüsse sowohl in den Landtagen als auch auf Bundesebene dafür sorgen, dass der Druck auf die sogenannten Sicherheitsdienste zunehme. Man habe nämlich unter anderem durch die verschiedenen Ausschüsse durchaus den Eindruck gewinnen können, dass die Dienste diese rassistischen Verbrechen mindestens billigend in Kauf genommen hätten.

Von dem Instrument Untersuchungsausschuss erwarte er nicht nur eine rückhaltlose Aufklärung, sagte Brumli weiter, sondern auch, dass die Ergebnisse in Gesetze mündeten. Es dürfe nicht mehr zulässig sein, dass V-Leute straffällig würden und dass das strafrechtlich nicht verfolgt werde.

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Juni 9th, 2014 at 8:32 pm

„Marx Reloaded“ – Interview mit Micha Brumlik

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a film by Jason Barker

Written & directed by Jason Barker
Co-direction: Alexandra Weltz

Produced by Medea Film – Irene Höfer in coproduction with Films Noirs for ZDF

„Marx Reloaded“ is a cultural documentary that examines the relevance of German socialist and philosopher Karl Marx’s ideas for understanding the global economic and financial crisis of 2008—09. The crisis triggered the deepest global recession in 70 years and prompted the US government to spend more than 1 trillion dollars in order to rescue its banking system from collapse. Today the full implications of the crisis in Europe and around the world still remain unclear. Nevertheless, should we accept the crisis as an unfortunate side-effect of the free market? Or is there another explanation as to why it happened and its likely effects on our society, our economy and our whole way of life?

Today a new generation of philosophers, artists and political activists are returning to Marx’s ideas in order to try to make sense of the crisis and to consider whether a world without or beyond capitalism is possible. Is the severity of the ongoing recession a sign that the capitalist system’s days are numbered? Ironically, 20 years after the fall of the Berlin Wall, could it be that communism might provide the solution to the growing economic and environmental challenges facing the planet?

Written and directed by Jason Barker – himself an experienced writer, lecturer, translator and doctor of philosophy – „Marx Reloaded“ comprises interviews with leading thinkers on Marxism, including those at the forefront of a popular revival in Marxist and communist ideas. The film also includes interviews with leading skeptics of this revival as well as light-hearted animation sequences which follow Marx’s adventures through the matrix of his own ideas.

Interviews with leading experts include: Norbert Bolz, Micha Brumlik, John Gray, Michael Hardt, Antonio Negri, Nina Power, Jacques Rancière, Peter Sloterdijk, Alberto Toscano, Slavoj Zizek.

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August 24th, 2010 at 7:43 am