Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Kommentar’ Category

TAZ| Ein vermeintliches Paradox

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Kann man als europäischer Politiker gleichzeitig rechtsextrem und proisraelisch sein? Ja, man kann. Das zeigen nicht nur die Le Pens.

Aufmerksamen Beobachtern kann nicht entgangen sein, dass und wie sich die extreme Rechte in Europa verändert hat. Als bestes Beispiel kann der erneuerte Front Natio­nal gelten, dessen Vorsitzende, Marine Le Pen, ihren eigenen Vater, Jean-Marie Le Pen, seines Antisemitismus wegen aus der Partei ausgeschlossen hat. Kann man als europäischer Politiker gleichzeitig rechtsextrem und proisraelisch sein?

Auf jeden Fall: Ein hochrangiger Vertreter der FPÖ, ihr „Bundesobmann“ Heinz-Christian Strache, brachte diese Haltung unübertroffen zum Ausdruck, als er im Jahr 2016 seinen Kopf in der Holocaustgedenkstätte Jad Vaschem mit einem verbindungsstudentischen Käppi bedeckte. Ein großer Teil dieser Verbindungen ist völkisch und antisemitisch eingestellt.

Sei es aus Opportunismus, sei es aus Einsicht: sogar die – hierzulande vom Verfassungsschutz beobachtete – „identitäre Bewegung“ setzt sich verbal vom Rassismus nicht nur des Nationalsozialismus ab, mehr noch: sie propagiert einen nicht expansiven, sondern defensiven Nationalismus, ein Bekenntnis zum „eigenen“ Volk, das nicht besser sein als andere, aber doch abgeschlossen, ethnisch homogen unter sich bleiben soll.

 

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TAZ| Ein Minimum an Distanz

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Aus einer „Studienstelle Israel“ soll eine Professur werden. Dann passiert – nichts. Die Universität Mainz verspielt ihren guten Ruf.

KOLUMNE VON MICHA BRUMLIK

Man muss kein Freund der verbrecherisch dummen Siedlungspolitik israelischer Regierungen sein, um einen jetzt bekannt werdenden Vorgang an der Universität Mainz befremdlich zu finden. An dieser Bildungsinstitution sollte anlässlich von fünfzig Jahren deutsch-israelischer Beziehungen eine schon seit Längerem bestehende „Studienstelle Israel“ in eine ordentliche Professur umgewandelt werden.

Die Studienstelle war bei den Politikwissenschaften angesiedelt und wurde bis zu dessen Pensionierung von dem bestens ausgewiesenen Oberstudienrat Alfred Wittstock geführt. Die neue Professur wurde ans Institut für Soziologie verlegt; sie sollte der „Soziologie der Ethnizität und Migration mit dem Schwerpunkt ­­Israel/Naher Osten“ gewidmet sein. Im Juli wurde die Stelle öffentlich ausgeschrieben:

„Die Professur forscht und lehrt im Bereich der Ethnizitäts- und Migrationssoziologie mit dem regionalen Schwer­punkt der Gegenwartsgesellschaften Israels und seiner Nachbarn. Von den Bewerberinnen und Bewerbern wer­den neben profunden theoretischen und methodischen Kompetenzen empirische Kenntnisse der kulturellen Viel­falt, der politischen Konflikte und der Migrationsbewegungen in dieser Region erwartet. Erwünscht ist zudem ein Forschungsinteresse an den jüngeren Zuwanderungen aus dem Nahen Osten nach Europa.“

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Februar 7th, 2017 at 4:36 pm

TAZ| Micha Brumlik: Thügida marschiert

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Jena: Früher Schiller und Schlegel, Hegel und Fichte und heute „Thügida“ und eine eingeschüchterte sozialdemokratische Stadtregierung?

Wem käme, hörte sie oder er das Wort „deutsche Kultur“, nicht mindestens auch die Stadt Jena in den Sinn. Hier wirkten und lehrten im 19. Jahrhundert Schiller und Schlegel, Hegel und Fichte, hier sorgte Goethe als Politiker, als Wissenschaftsminister – dieses Amt hieß damals „Hofrat“ – des Weimarer Fürsten dafür, dass Bibliotheken, Gärten und Laboratorien eingerichtet wurden, hier vollendete er unter anderem seinen Roman „Wilhelm Meister“ und seine Lebenserinnerungen „Dichtung und Wahrheit“, hier ist noch immer Schillers Gartenhaus zu sehen, wo er unter anderem den „Wallenstein“ schrieb.

Heute freilich, seit 2011, steht die lebens- und liebenswerte Universitätsstadt zum Nachteil ihrer Bewohnerinnen und Studierenden im Ruf, ein Zentrum der rassistischen und neonazistischen Untergrundszene zu sein – bis hin zu begründeten Vermutungen, dass sich dort auch Mitglieder des NSU getroffen haben. An Dreistigkeit ist die neonazistische Szene dort nicht zu überbieten: So marschierten an Hitlers Geburtstag 200 „Thügida“-Anhänger in einem Fackelzug durch Jena, eine Demonstration, die nach einem Verbot der Stadtverwaltung durch das Verwaltungsgericht Jena kassiert wurde.

Kurze Zeit später, am 17. August, dem Todestag des „Führerstellvertreters Rudolf Heß“, schritt die Polizei daher nicht mehr ein, wenngleich 3.000 Menschen, die Jenaer Zivilgesellschaft, dagegen aufstanden, aber von der Polizei mit Hunden und Wasserwerfern drangsaliert wurde. Doch hat die nach oben offene Skala neonazistischer Provokationen ihr Ende bei Weitem noch nicht erreicht: Ausgerechnet für den 9. November, jenem Tag, an dem 1938 die Synagogen brannten und Tausende jüdischer Männer in Konzentrationslager gesperrt wurden, hat „Thügida“ einen weiteren Aufmarsch angemeldet.

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November 7th, 2016 at 6:10 pm

TAZ| FRANKFURT AM MAIN IM HERBST 1969 – Dr. Willi Lautemann

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VON MICHA BRUMLIK

Neulich in Zehlendorf: Party eines Verlages, nach dem dareinst eine ganze Kultur Westdeutschlands genannt wurde. Präsentiert wurde die Neuausgabe einer späten Erzählung von Wolfgang Köppen (1906–1996), in der er sich seiner frühen Jahre besann: „Jugend“. Beim Sturm auf das Buffet begegnete ich einer Dame, die ich irgendwie kannte – nach einem kurzen Wortwechsel entsann ich mich dunkel an Ort und Zeit: Frankfurt am Main im Herbst 1969, das philosophische Seminar im alten Hauptgebäude der Universität, ein damals von Trauer und Diadochenkämpfen gezeichneter Ort: war doch Anfang August Theodor W. Adorno gestorben und die Frage, wer die legitimen Erben der „Kritischen Theorie“ seien, erhitzte die Gemüter.

Nach ein paar kurzen Wortwechseln stellte sich die Dame als die Autorin Gisela von Wysocki heraus, die soeben – vor vierzehn Tagen – einen neuen Roman publiziert hatte: „Wiesengrund“. Der Roman erzählt, wie die aus Österreich kommende Icherzählerin schon als Mädchen von den Radiovorträgen Adornos fasziniert war, nach Frankfurt ging, um dem Philosophen zu lauschen und wie sie schließlich seine Zuneigung gewann.

Ich verschlang den Roman, den mir die Gastgeberin großzügig überließ, bereits am nächsten Tag, spielte doch neben dem „Wiesengrund“ genannten Adorno eine weitere Gestalt eine erhebliche Rolle: ein Mann namens Rahlsberger, von dem das Lesepublikum glauben könnte, der dichterischen Phantasie der Autorin entsprungen zu sein.

Kannte doch die neuere deutsche Literatur seit der Romantik genau solche Typen: kleine, bisweilen dämonisch wirkende, körperlich stigmatisierte, gleichwohl oder eben deshalb intensivst lebende Männer – zu denken ist etwa an Thomas Manns „kleinen Herrn Friedemann“ oder eben und vor allem an E.T.A. Hoffmanns „Klein Zaches.“

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Oktober 4th, 2016 at 4:47 pm

TAZ| Zum Menschenbild der Neuen Rechten: Der Einzelne hat kein Recht

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Gegen Menschenrechte und Globalisierung: Micha Brumlik sprach im Literaturhaus Berlin über „Das alte Denken der Neuen Rechten“.

KOMMENTAR VON ULRICH GUTMAIR

Die Völker sollen in ihren angestammten Kulturräumen bleiben. Auf diese ethnopluralistische These könnte man die Ideologie der neuen Rechten reduzieren, dann würde man allerdings Details verpassen, die auf der Suche nach einer politischen Antwort auf das Programm von Parteien wie der AfD wichtig werden könnten.

Zu diesem Schluss konnte man kommen, nachdem der Erziehungswissenschaftler und taz-Kolumnist Micha Brumlik am Freitagabend im überfüllten Kaminzimmer des Literaturhauses Berlin Rhetorik, Ideologie und Theorie, kurz: „das alte Denken der Neuen Rechten“ analysiert hatte. TOP B3rlin und die Rosa-Luxemburg-Stiftung hatten ihn als ersten Redner der Reihe „Rhetorik der Reaktion“ eingeladen.

Brumlik zeigte, dass die ethnopluralistische Idee nicht nur im Denken Carl Schmitts, sondern auch in der Philosophie Martin Heideggers Anschluss finden kann. Heidegger argumentierte in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ völkisch und nationalsozialistisch: Das „Geschehen des Volkes“ bezeichnete er als „Geschick“, das sich nicht bloß aus einzelnen Schicksalen zusammensetze, „sowenig als das Miteinandersein als ein Zusammenkommen mehrerer Subjekte begriffen werden kann.

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TAZ| Micha Brumlik: Was die AfD und Playmobil eint

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Nicht nur der BaWü-Ableger der Gauland-Partei hat ein Antisemitismus-Problem. Auch die Martin-Luther-Figur von Playmobil ist nicht ohne.

Die letzte Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gibt Anlass, über Gemeinsamkeiten von AfD und Playmobil nachzudenken . . . Wie bitte? Playmobil? AfD? Unterliegt der Autor einer Form von Beziehungswahn?

Gemach – und hübsch der Reihe nach: Die FAS vom 5. Juni brachte auf Seite 2 einen großen Artikel zum Streit zwischen CDU und CSU und betitelte ihn angemessen mit „Verkrachte Geschwister“. Um dies schon zum Überdruss traktierte Thema ansprechend zu präsentieren, kamen die Blattmacher auf die Idee, in die Mitte des Artikels eine besonders große, farbige Fotografie von zwei Playmobilmännchen zu platzieren, eines, das erkennbar einem Indianer glich, ein anderes, das eine Art roten Frack trug.

So weit, so gut – aber was in aller Welt soll das mit der AfD zu tun haben? Noch etwas Geduld: Die AfD hat, wie die Presse nicht nur im Südwesten der Republik vermeldete, derzeit ein Antisemitismusproblem – sitzt doch in ihrer Landtagsfraktion in Stuttgart ein Arzt, Wolfgang Gedeon, der längst ob einer Reihe obskurer und paranoider Annahmen über die „Protokolle der Weisen von Zion“ sowie über die mittelalterlichen, den Talmud studierenden Juden als „innere Feinde des christlichen Abendlandes“ aufgefallen ist.

Parteichef Jörg Meuthen sieht sich daher mit Forderungen konfrontiert, Gedeon aus der Fraktion auszuschließen. So weit, so – je nach Sichtweise – gut oder schlecht. Aber was hat das denn nun mit der ach so beliebten Spielzeugfirma Playmobil – sie hat ihren Sitz in Zirndorf bei Fürth – zu tun?

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Juni 14th, 2016 at 3:52 pm

TAZ| Werben für den faschistischen Staat

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Die extreme Rechte ist politisch im Aufwind. Sie ist dabei, zu einem wesentlichen Einfluss-, wenn nicht gar Machtfaktor zu werden.

von Micha Brumlik

Zweifel sind kaum noch möglich: Die extreme Rechte ist politisch im Aufwind, sie ist dabei, im Bereich der Europäischen Union zu einem wesentlichen Einfluss-, wenn nicht Machtfaktor zu werden. Davon zeugen nicht nur die neuen parlamentarischen Mehrheiten in Ungarn und Polen, sondern auch der wachsende Zuspruch, den in Frankreich der Front National unter Marine Le Pen gewinnt.

Und Deutschland? Hier werden der AfD gute Chancen ausgerechnet, nicht nur in den ostdeutschen Ländern, sondern auch in Baden-Württemberg, eventuell sogar in Rheinland-Pfalz in ein Landesparlament zu kommen.

Das ist soziologisch allemal erklärbar; zu klären ist freilich, ob man sich auch der politischen und philosophischen Denke von Personen zuwenden soll, die als „Rechtsintellektuelle“ gelten. Dabei geht es nicht um die dumpfen Ressentiments von Dresdner Pegida-Demonstranten (denen zu „christlich“ kaum mehr einfallen dürfte als die erste Strophe von „O Tannenbaum“), sondern um jenes Spektrum von Personen und Medien, die (angefangen von der rechtsreformistischen Wochenzeitung Junge Freiheit über die Bücher des Antaios Verlages, die Publikationen des Instituts für Staatspolitik, die JugendzeitschriftBlaue Narzisse bis hin zur Sezession im Netz) darum bemüht sind, rechtes Denken zu rehabilitieren.

AutorInnen dieser Publikationsorgane sehen sich dem verpflichtet, was sie als „Metapolitik“ bezeichnen, also einer sich philosophisch gebenden Staatslehre, die jedoch so kommuniziert werden soll, dass sie als „Gramscianismus von rechts“ kulturelle Kommunikationsmuster bereits im vorpolitischen Raum verändert, um so die Bereitschaft zur Hinnahme von nationaler Schließung, autoritärer Unterordnung und ethnischer Homogenität zu fördern.

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FR|Micha Brumlik: NICHOLAS STARGARDT „DER DEUTSCHE KRIEG 1939-45“ – Der Mord an den Juden war kein Geheimnis

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Von MICHA BRUMLIK

Die alliierten Bombenangriffe auf Hamburg wurden seit 1943 „als Vergeltung gegen die Behandlung der Juden durch uns“ bezeichnet.  Foto: epd

Krieg und Schuld: Nicholas Stargardts außerordentliche Alltagsgeschichte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Bis weit in die 1950er Jahre, ja bis zur Wende zum dritten Jahrtausend und auch noch gegenwärtig sind viele Deutsche in Ost und West davon überzeugt gewesen, dass sich die Art und Weise, wie die Alliierten gegen Hitlers Deutschland Krieg führten, sich nicht wesentlich von den Verbrechen unterschied, die deutsche Truppen ihren Feinden im Krieg – nicht zuletzt deren Zivilbevölkerung, von den Juden ganz zu schweigen – zufügten.

Dass sich hinter dieser Larmoyanz ein massives Schuldbewusstsein verborgen hat, beweist eine neue, umfassende Darstellung des Zweiten Weltkriegs nicht nur in militärgeschichtlicher, sondern zumal in alltagsgeschichtlicher Perspektive.

Das soeben erschienene Buch „Der deutsche Krieg 1939-1945“ des in Großbritannien forschenden australischen Historikers Nicholas Stargardt überzeugt nicht nur durch die ebenso panoramatische, sehr anschauliche Darstellung des Kriegsgeschehens – vom Überfall auf Polen im September 1939 bis zur Kapitulation einer ausgebluteten Gesellschaft im Mai 1945 – sondern auch und vor allem dadurch, dass es sich eines häufig mit Argwohn betrachteten Quellenfundus bedient: nämlich persönlicher Tagebuchaufzeichnungen, privater Briefwechsel per Feldpost sowie der Mitteilungen nationalsozialistischer Inlandsdienste.

Sowenig sich im streng soziologischen Sinn die Repräsentativität der aus Alltagsquellen erhobenen Einstellungen der Deutschen während des Zweiten Weltkrieges beweisen lässt, so sehr belegen sie doch typische Haltungen während dieses Krieges.

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Dezember 8th, 2015 at 3:12 pm

TAZ| Vor vierzig Jahren starb Hannah Arendt: Dichtung und Gegenwart

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KOMMENTAR VON MICHA BRUMLIK

Vor vierzig Jahren, am 4. Dezember 1975, starb Hannah ­Arendt in New York. Sie, die das Schicksal von Staatenlosen und damit Flüchtlingen sowie die Brüchigkeit der Menschenrechte ebenso zu ihrem Thema gemacht hat wie die Frage nach einer Revolution, die ihren Namen wirklich verdient, gibt auch unseren aktuellen Debatten Stichworte und Argumente vor. Ja, ­Arendt ist derzeit in aller Munde, geradezu eine Zeitgenossin: Nicht nur ist ein erfolgreicher Spielfilm über sie gedreht worden, nein, auch der um seine Wiederwahl kämpfende ­baden-würt­tembergische Ministerpräsident Kretschmann zitiert sie gerne, mehr noch: Nachdem schon vor Jahren an der Technischen Universität Dresden ein „Hannah-­Arendt-Institut für Totalitarismusforschung“ etabliert worden ist, soll nun auch in Stuttgart ein zivilgesellschaftlich getragenes „Hannah-­Arendt-Institut für politische Gegenwartsfragen“ gegründet werden. Indes eignen sich weder Arendts Leben noch ihr politisches Denken – Philosophin wollte sie nicht sein – dazu, sie als Ikone, gleichsam als Schutzheilige für alles, was irgendwie progressiv erscheint, dem Streit zu entziehen.

Arendt weiterdenken

Vierzig Jahre nach Arendts Tod sind nun zwei Bücher erschienen, die das nachdrücklich untermauern. So hat die Autorin Alexandra Popp für alle, die sich erstmals mit Arendt befassen wollen, eine bestens lesbare, geradezu spannende Einführung verfasst. Ihr Buch „Hannah Arendt. Eine Denkbiografie“ informiert nicht nur verlässlich über die Grundzüge ihres Werks, sondern auch darüber, welche Einsichten sie den Erfahrungen ihres Lebens verdankt. Nicht zuletzt erörtert der Band, in welcher Richtung ­­Arendts Denken in der globalisierten Welt, die uns gegenwärtig durch die Flüchtlingskrise und den Terror des IS so nahe ist, wie nie zuvor, weiter zu entwickeln wäre.

Dass ­Arendt keine Heilige, sondern eine streitbare, oft auch irrende Intellektuelle gewesen ist, dürfte seit ihren Meinungen zur Rassentrennung in den Südstaaten wie zum Zionismus bekannt sein; dass Arendt sich auch der von ihr bewunderten Dichtkunst gewidmet hat, weniger. Soeben ist ein Bändchen unter dem Titel „Ich selbst, auch ich tanze. Die Gedichte“ erschienen, das die Germanistin Irmela von der Lühe mit einem luziden Nachwort versehen hat. Bekanntermaßen war die jüdische Studentin während ihres Studiums in Marburg in den Jahren 1924 bis 1926 die Geliebte des verheirateten Philosophen Martin Heidegger, eines Antisemiten, dessentwegen sie Marburg 1926 verließ. 1925 dichtete sie empfindsam: „Du fügest zusammen / wie nie unsere Hände/Wir glauben an Treue und fühlen die Wende / Wir können nicht sagen, wie sehr wir uns einen. / Wir können nur weinen.“

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Dezember 1st, 2015 at 4:09 pm

TAZ| Essay zum Nationalismus in Europa: Was heißt eigentlich Integration?

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Der Glaube, MigrantInnen müssten sich in eine Tugendgemeinschaft einpassen, konkurriert mit dem liberalen Rechtsstaat.

Es sind keineswegs nur AfD- oder Pegida-AnhängerInnen, die sich die Frage stellen, ob die deutschen Grenzen noch sicher sind und wie Millionen von Flüchtlingen integriert werden können. Auch ansonsten durchaus mittig denkende, akademisch gebildete BürgerInnen, aber allemal auch PolitikerInnen aller Parteien stellen sich diese Frage. Dabei bleibt eines offen: Was soll überhaupt unter „Integration“ verstanden werden? Ebenso ungeklärt bleibt, wohin beziehungsweise in was überhaupt integriert werden soll.

Die öffentliche Meinung schwankt dabei zwischen einer Integration in ein Volk, eine Kultur, eine Werteordnung oder in eine Nation hin und her. Im Folgenden sei zunächst zwischen einem „dünnen“ und einem „dichten“ Begriff der Integration unterschieden. Der deutsche Staat, so wie er faktisch existiert, beziehungsweise der heute in Europa übliche Nationalstaat soll hier als dasjenige verstanden werden, wohin integriert werden soll.

Daher ist zunächst zwischen der Bevölkerung eines Staates und seiner BürgerInnenschaft zu unterscheiden. Die Bevölkerung ist die Summe aller Menschen, die in den Grenzen eines Staates leben – seien sie Babys oder auf einige Zeit im Lande lebende TouristInnen. Sie alle genießen Rechte, haben jedoch in der Regel keine Möglichkeit, das Setzen oder Ausgestalten dieser Rechte zu beeinflussen.

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November 10th, 2015 at 10:33 am

TAZ| Forschung zu Antijudaismus: Der ewige Sündenbock

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Drei neue Bücher untersuchen Antijudaismus und Antisemitismus. Die Autoren setzen jeweils eigene Schwerpunkte.

Jemand hält eine Flagge, auf der ein Davidstern zu sehen ist.

Kippa-Flashmob: Demonstration für mehr Solidarität mit Juden in Hannover im März dieses Jahres. Foto: dpa

Seitdem im vergangenen Sommer aus Protest gegen das Vorgehen des israelischen Militärs in Gaza auf deutschen Straßen wieder hasserfüllte antisemitische Parolen skandiert wurden und als später die Bundesregierung Schwierigkeiten hatte, jüdische Mitglieder in eine Kommission zur Erforschung von Antisemitismus zu entsenden, ist Judenhass wieder ein viel diskutiertes Thema.

Zum besseren Verständnis leistet die Wissenschaft wertvolle Hilfe: Im letzten und in diesem Jahr sind drei neue Standardwerke auf Deutsch erschienen, die den Ursachen und Folgen dieses menschenverachtenden Phänomens nachgehen.

Während der US-amerikanische Mediävist David Nirenberg um den Nachweis bemüht ist, dass „Antijudaismus“, den er bewusst vom „Antisemitismus“ unterscheidet, eine, wenn nicht die Grundströmung westlichen Denkens ist, geht es der Historikerin Susanne Wein in einem magistralen Werk um „Antisemitismus im Reichstag“, um „Judenfeindliche Sprache in Politik und Gesellschaft der Weimarer Republik“.

Schließlich wird in dem von den Kulturwissenschaftlern Hans Joachim Hahn und Olaf Kistenmacher herausgegebenen Band „Beschreibungsversuche der Judenfeindschaft“ die Antisemitismusforschung selbstreflexiv, in dem sie ihre Geschichte erforscht.

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Juli 30th, 2015 at 11:58 am

JA| MARTIN BUBER: Urjüdisches?

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Zum 50. Todestag: Ein kritischer Blick auf das Verhältnis des Philosophen zum Chassidismus

11.06.2015 – von Micha BrumlikMicha Brumlik

Martin Buber (1878–1965)

© JA / Max Ehlert

Martin Buber, er starb vor 50 Jahren in Jerusalem, war selbst kein Chassid – jedenfalls nicht im herkömmlichen Verständnis des Wortes. Wohl aber waren es Glaube, Kultur und Lebensformen der Chassidim, die er einem – wenn man so will – »westlichen« Publikum nahebrachte.

1878 als Sohn eines in Wien lebenden, früh geschiedenen Ehepaares geboren, verbrachte er prägende Jahre seiner Jugend in Lemberg bei seinem Großvater Salomon Buber, einem eminent gebildeten, der Haskala verpflichteten Midraschgelehrten. Als Jugendlicher kam er gelegentlich in Kontakt mit chassidischen Gemeinschaften und ihren spirituellen Führern.

Diese Chassidim und ihre Führer, die »Zaddikim«, waren nach Auffassung jüdischer Gelehrter jener Zeit – wenn überhaupt – allenfalls noch Verfallsformen ehemaliger Größe. Gleichwohl wurden sie von den in Berlin und Wien lebenden modernen, keineswegs nur »assimilierten«, Juden, die sich einer geistigen Leere gegenübersahen, spätestens mit dem Ersten Weltkrieg als Inbegriff echten, eigentlichen Judentums angesehen.

ZADDIKIM Martin Buber jedenfalls fand in den Nachrichten über die ersten Generationen chassidischer Zaddikim das, worum es ihm letztlich ging: »Urjüdisches«! Das Studium ihres Lebens und ihrer Lehren ging mit seinem frühen zionistischen Engagement Hand in Hand, ohne jedoch jemals zur Deckung zu kommen. So publizierte er bereits 1906 Die Geschichte des Rabbi Nachman, 1908 folgte die Legende des Baal Schem. 1918 schließlich legte er öffentlich Rechenschaft über sein Interesse am Chassidismus ab: Mein Weg zum Chassidismus.

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Juni 11th, 2015 at 11:53 am

tagesspiegel| Antisemitismus in Berlin: „Du Jude!“

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Von Hannah Kushnir

Nein, dies ist kein Zitat aus dem „Stürmer“, sondern eine verbreitete Beschimpfung auf Berliner Schulhöfen und Straßen. Unsere Autorin weiß, wovon sie redet: Sie ist Jüdin und Lehrerin in Charlottenburg-Wilmersdorf. Ein Brandbrief.

Die Angst im Nacken: Jüdische Lehrer fühlen sich in manchen Berliner Klassen unwohl.Bild vergrößern
Die Angst im Nacken: Jüdische Lehrer fühlen sich in manchen Berliner Klassen unwohl. – FOTO: SEBASTIAN KAHNERT/P-A

Ich bin gebürtige Jüdin, Lehrerin an einer Berliner Sekundarschule, ich lebe von Geburt an in diesem Land. Dies ist ein Frontbericht.

Jahrelang war ich die einzige Jüdin: die einzige Jüdin in meinen Seminaren an der Uni, die einzige Jüdin im Referendariat, die einzige Jüdin im Lehrerkollegium. Meist erfuhren die anderen eher durch Zufall, dass ich Jüdin bin. Ab da an glich ich eigentlich immer einem seltsamen Tier im Zoo, von dem Grauen und Faszination ausging. Von selbst habe ich mein Jüdischsein schon seit dem Gymnasium nicht mehr thematisiert. Zu lehrreich war mir der Geschichtsunterricht bei Herrn S., dessen Teil der Abiturvorbereitung darin bestand, uns einzutrichtern, Israel sei unrechtmäßig errichtet worden. Zu lehrreich auch die Kommentare: „Ach, du bist Jüdin? Das sieht man ja gar nicht so“ oder, genau entgegengesetzt: „Du bist Jüdin? Stimmt, das sieht man aber!“

Nun ist ein Wunder geschehen, und an meiner Schule arbeitet eine andere Jüdin. Zwei Juden! An einer Schule! Beide als Lehrer! Wir können unser Glück immer noch nicht fassen. In der simplen Tatsache, nicht mehr die Einzigen zu sein, erschöpft sich dann aber auch unser Glück.

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Juni 7th, 2015 at 9:24 am

TAZ| Der predigende Traumatherapeut

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In Berliner theologischen Fakultäten streitet sich derzeit die ProfessorInnenschaft darüber, ob es antijüdisch ist, das Alte Testament aus dem christlichen Kanon zu entfernen. Aber auch die deutsche Palästinasolidarität, wie sie sich am Rande des Stuttgarter Kirchentages im Juni präsentieren wird, ist von derlei Anwandlungen nicht frei. Mehr noch: Sie kann dafür sogar einen jüdischen Kritiker des Alten Testaments aufbieten – Mark Braverman. Wen? Braverman, Jahrgang 1958, ist ein US-amerikanischer „Traumatherapeut“, predigt als Jude in christlichen Kirchen und hat großes Verständnis für die antisemitische Charta der Hamas. Braverman ist zudem „Executive Director“ von „Kairos USA“, einer Gruppe evangelischer Christen, die sogar heute – in Zeiten der Bedrohung von Palästinensern durch Banden des IS sowie von Assads Schergen – ausschließlich die israelische Politik kritisieren.

Dabei ist – das muss im fünfzigsten Jahr der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel gesagt werden – Kritik am israelischen Okkupationsregime unerlässlich: Im bis zum Junikrieg 1967 zum Staat Jordanien gehörigen Westjordanland und Jerusalem siedeln inzwischen etwa 750.000 israelische Juden. Das widerspricht internationalem Recht, politisch wird dadurch die Chance für eine sogenannten Zweistaatenlösung immer unwahrscheinlicher. Die israelische Siedlerbewegung, mit ihrem Kern des aus der nationalreligiösen Partei hervorgegangenen „Gusch Emunim“, „Block der Getreuen“, beruft sich zu ihrer Legitimierung kaum auf sicherheitspolitische Erwägungen, sondern – gut fundamentalistisch – auf die biblischen Landverheißungen. Ihren Argumenten haben sich auch christliche Theologen – keineswegs nur evangelikale Fundamentalisten – angeschlossen. Derlei Christenmenschen wollte Mark Braverman in einer, wie er meint, jüdischen Sicht davon überzeugen, ihre Solidarität mit Israel aufzukündigen und sie den Palästinensern zuzuwenden. Unter Berufung auf den hierzulande weitgehend unbekannten, antijüdischen US-amerikanischen Alttestamentler Walter Brueggemann geht es Braverman darum, Christen davon zu überzeugen, das Alte Testament nicht so zu lesen, als sei es Teil des Evangeliums.

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Mai 6th, 2015 at 11:22 am

JA| Toleranz an der Schmerzgrenze

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Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Aber soll sie uneingeschränkt gelten – auch für Schoa-Leugner

– von Micha BrumlikMicha Brumlik

Sollen wir der westlichen Werte wegen unsere Todfeinde unterstützen? : Anti-Israel-Demo in Essen im Juli 2014

© Roland Geisheimer / attenzione

Dass die moderne europäische Kultur keineswegs so fortschrittlich ist, wie sie immer erscheint, war die These der Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrer 1947 publizierten Dialektik der Aufklärung. Das zeigt sich etwa im Fall des französischen Philosophen Voltaire, der bis heute als Ur- und Vorbild eines streitbaren Kämpfers für Toleranz gilt.

VOLTAIRE »Ich bin mit dem, was Sie sagen, nicht einverstanden, werde aber bis zum Ende dafür kämpfen, dass Sie es sagen können.« So die Devise Voltaires, der heute allerdings vor Gericht zu stellen wäre, gilt doch hier Paragraf 30 Strafgesetzbuch (StGB), nach dem mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden kann, wer in einer Weise, »die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe, gegen Teile der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung zum Hass aufstachelt, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen auffordert«.

Genau das trifft auf Voltaire, diesen Befürworter einer uneingeschränkten Meinungsfreiheit, zu, schrieb er doch 1764 in seinem Dictionnaire philosophique: »Die Juden sind nichts als ein unwissendes und barbarisches Volk, das seit langer Zeit die schmutzigste Habsucht mit dem verabscheuungswürdigsten Aberglauben und dem unauslöschlichsten Hasse gegen alle Völker verbindet, bei denen sie geduldet werden und an denen sie sich bereichern.«

Entsprechend wurde er von Antisemiten jeder Art gerne als Kronzeuge bemüht. Einige Jahre vor dieser Publikation, 1741, wurde sein Theaterstück Mahomet uraufgeführt, ein Stück, das nach heutigen Begriffen als islamophob gelten würde. Der damalige kirchliche Zensor Crebillon, ein katholischer Christ, verbot damals jede weitere Aufführung, da das Drama »eine Ungeheuerlichkeit voller Schändlichkeiten, Ruchlosigkeiten, Unglauben und Gottlosigkeit« sei.

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Februar 13th, 2015 at 6:07 am

TAZ| Bruder Bachmann

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DIE IM HITLERIMITATOR BACHMANN VERKÖRPERTE, VOR SICH SELBST VERBORGENE, GEHEIME LUST ZUZUSCHLAGEN

 

 

Bruder Bachmann

 

Was haben Pegida, die AfD und die RAF miteinander gemeinsam? Die RAF? Jawohl, die RAF! Also jene linksterroristische, sich „Rote Armee Fraktion“ nennende Stadtguerilla, die in den 1980er Jahren mit ihren Anschlägen und Überfällen sowie der darauf folgenden, hysterischen Überreaktion des westdeutschen Sicherheitsapparates die Bundesrepublik in eine schwere Krise stürzte. Was das mit Pegida zu tun hat? Übers Wochenende war zu lesen, dass Alexander Gauland, der Bachmanns Pegida demonstrativ besucht hatte, ihm jetzt „Verrat“ vorwirft; jetzt, nachdem sich Bachmann ehrlicherweise als das geoutet hat, was er immer schon war und alle wissen konnten: als Nazi. Jetzt erst kritisiert Alexander Gauland – er schuf vor Jahren aus dem CDU-Provinzpolitiker Wallmann die Kunstfigur des urbanen Frankfurter Oberbürgermeisters – den vorbestraften Lutz Bachmann. Nicht anders Pfarrersfrau Frauke Petry, die noch immer nicht bedauern mag, mit Pegida, verkörpert durch Bachmann, gesprochen zu haben.

Was das alles mit der RAF zu tun hat? Wie bei der AfD zeigte sich auch bei der RAF die heimliche Liebe des deutschen Bürgertums zu politischen Desperados. Was Andreas Baader für Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin war, war für Gauland und Petry der nicht nur wegen Kokainbesitzes verurteilte Bachmann: Ausdruck der vor sich selbst verborgenen geheimen Lust zuzuschlagen.

Bachmann wurde zu drei Jahren und acht Monaten wegen Einbruchs, Diebstahls und Körperverletzung sowie zu einer weiteren Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz verurteilt. Andreas Baader war längst wegen vielfacher Verkehrsdelikte sowie Dokumentenfälschung verurteilt, als er 1968 die rebellische Pfarrerstochter Gudrun Ensslin kennenlernte. Im Mai 1970 befreite Ensslin gemeinsam mit Ulrike Meinhof, einer zunächst pazifistischen Bildungsbürgerin, Andreas Baader gewaltsam aus der Haft.

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Februar 3rd, 2015 at 9:53 am

TAZ| OFFENER BRIEF AN WINFRIED KRETSCHMANN, DEN MINISTERPRÄSIDENTEN DES LANDES BADEN-WÜRTTEMBERG

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Selbstreinigung!

 

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, Sie haben sich kürzlich für eine Selbstreinigung des Islam ausgesprochen. Als bekennender Christ ist ihnen das Wort aus dem Evangelium des Matthäus (7,3) bekannt: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Mitmenschen, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ In diesem Sinne erlauben wir uns als besorgte Bürger, sechs Fragen und Forderungen an Sie zu richten. Vorausgeschickt sei:

Nahezu acht Jahre nach dem Mord an Michèle Kiesewetter und dem Mordversuch Martin Arnold am 25. April 2007 in Heilbronn, über eineinhalb Jahre nach dem Beginn des Münchner Prozesses gegen Beate Zschäpe und weitere vier Angeklagte ist ungeklärt, wer die Täter waren. Es ist nicht einmal eindeutig geklärt, wer am Tatort war. Das zuständige baden-württembergische Innenministerium hat weder gegenüber dem Untersuchungsausschuss des Bundestags noch den Aufklärungsversuchen des Stuttgarter Landtags zur Aufklärung beigetragen: die nachgeforderten Ermittlungsakten der Soko-„Parkplatz“ sowie anderer Akten zum Attentat sind durch Innenminister Reinhold Gall (SPD) so verzögert beim Untersuchungsausschuss des Bundestags eingegangen, dass sie nicht mehr Gegenstand seiner Arbeit sein konnten.

Die vom Landtag von Baden-Württemberg 2014 eingesetzte Enquetekommission glich einer Farce. Über Wochen wurde gestritten, ob man die Zuständigen überhaupt befragen dürfe. Dieser Streit gipfelte in Gutachten, die mit dem Ziel bearbeitet wurden, das Nachfrage- und Untersuchungsrecht der Enquetekommission zu beschneiden. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Uli Schkerl, hat sich dabei in solche Widersprüche verstrickt, dass er in dem nun eingesetzten Untersuchungsausschuss nicht mehr tragbar ist. Die Mordermittlungen im Fall Kiesewetter gehören – so Stefan Aust und Dirk Laabs in ihrem Buch „Heimatschutz“ – zu den schlampigsten in der jüngeren bundesdeutschen Geschichte.

Sehr geehrter Ministerpräsident, es liegt in Ihrer Hand, dem Hickhack der Parteien um den richtigen Weg der „NSU“-Aufklärung ein Ende zu setzen. Ihr Schweigen und jeder Tag, den Sie zögern, ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer, befördert Verschwörungstheorien und senkt das Vertrauen der BürgerInnen in den demokratischen Rechtsstaat. Daher regen wir an:

(1) Die Akten zu Heilbronn dem Untersuchungsausschuss vollständig vorzulegen.

(2) Die Öffentlichkeit wissen zu lassen, was die Sicherheitsbehörden an terroraffinen Netzwerken des Neonazismus in Baden-Württemberg festgestellt haben: Zu den Aktivitäten der rechtsextremistischen Musikszene, der verbotenen Organisation „Blood & Honour“ sowie der Band Noie Werte, deren Stücke „NSU-Bekennervideos“ untermalten, zum Ku-Klux-Klan in der Polizei von Baden-Württemberg, zur Rolle der V-Mann-Einsätze von „Piatto,“ dem Anfang April 2014 tot aufgefunden „Corelli“, von Achim Schmid; zur „Neoschutzstaffel“ (NSS), zur „Standarte Württemberg“ – und zu einem Geheimbund in Heilbronn, der in den Akten beschrieben und bisher von Ihren Sicherheitsorganen nicht einmal benannt worden ist. Welche V-Männer waren in Baden-Württemberg im Einsatz? Wurde die Kameradschaft Karlsruhe, die Kontakte zum NSU-Umfeld unterhielt, von V-Leuten des Staats-/Verfassungsschutzes aufgebaut bzw. mitgetragen?

(3) Die Öffentlichkeit darüber zu unterrichten, mit wem und worüber die ermordete Michéle Kiesewetter auf ihren Handys und in ihrem Computer Informationen ausgetauscht hat.

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Januar 6th, 2015 at 10:37 pm

TAZ| Die diasporische Lektion

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Die Erfahrung Israels lehrt: Demokratien brauchen einen pluralistischen Univeralismus. Es gilt, die verschiedenen Identitäten zu verbinden.

Heute erleben wir die Verlagerung vom Diaspora-Juden zum Israel-Juden. Bild: reuters/Amir Cohen

Was bedeutet jüdisches Leben in einer globalisierten Moderne? Dieser Frage widmete sich kürzlich das Jüdische Museum Berlin in einer hochkarätig besetzten Tagung. Eine Frage, die natürlich nicht jenseits des Bezugs zu Israel gestellt werden kann.

Einer der Tagungsteilnehmer, Micha Brumlik, hat dazu im Vorfeld einen Essay in der taz veröffentlicht. Brumlik schreibt, dass das geplante Gesetz, das Israel zum „Staat des jüdischen Volkes“ erklären soll, zu einer innerjüdischen Spaltung führen würde: Es würde Israel und die jüdische Diaspora auseinanderdividieren.

Man kann tatsächlich von einer drohenden Spaltung des Judentums sprechen. Doch diese verläuft nicht einfach zwischen Israel und der Diaspora. Die Bruchlinie scheint komplexer. Eine Gruppe reiht sich um den Signifikanten „Israel“. Diese Gruppe ist aber keineswegs identisch mit den Bewohnern des Landes. Hier findet sich neben einem Teil der Israelis jener Teil der Diaspora, der sich als fünfte Kolonne, als vehementer Statthalter einer jüdischen Nation versteht.

Die andere Gruppierung schart sich um den Signifikanten „Diaspora“. Sie ist aber keineswegs identisch mit den Gemeinden weltweit. Sie umfasst Teile von diesen ebenso wie Teile der Israelis. Man kann auch in Israel ein Diaspora-Jude sein.

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Dezember 27th, 2014 at 10:24 am

TAZ| Recht auf den eigenen Tag

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Es ist möglich, jüdischen und palästinensischen Kindern, die unter der politischen Unvernunft ihrer Eltern zu leiden haben, eine Freude zu machen.

Ein jüdisches Kind, vor zweitausend Jahren von jüdischen Flüchtlingen geboren. Eine spanische Weihnachtskrippe. Bild: dpa

Der kleine Junge, dessen Geburtstag in wenigen Wochen gefeiert werden wird, war ein jüdisches Kind, vor zweitausend Jahren von jüdischen Flüchtlingen in einem Ort geboren, der heute einem künftigen Staat Palästina zugehören soll, in Bethlehem. Gleichwohl war dieser kleine Junge kein Palästinenser – das konnte er schon deshalb nicht sein, weil die römische Provinz, in der er geboren wurde, damals „Judäa“ hieß und erst weit über hundert Jahre später von der römischen Imperialmacht, die der immerwährenden Aufstände jüdischer Nationalisten überdrüssig war, offiziell in „Palästina“ – „Land der Philister“ umbenannt wurde.

Der kleine Junge aber wurde zu einem jüdischen Wanderprediger, der sich – für die damalige Zeit eher ungewöhnlich – intensiv für Kinder einsetzte; im Evangelium des Matthäus 19,14 ist es nachzulesen: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes.“ Dies war der Slogan einer seiner Predigten.

Wer diesen Worten des Jesus von Nazareth in diesen vorweihnachtlichen Tagen etwas abgewinnen kann, hat durchaus die Möglichkeit, Kindern, jüdischen und palästinensischen Kindern, die heute unter der politischen Unvernunft mindestens eines Teils ihrer Eltern zu leiden haben, eine Freude zu machen.

Es geht um das vom Komitee für Grundrechte und Demokratie e. V. getragene, von Hanne und Klaus Vack initiierte und von Helga Dieter verantwortete Projekt „Ferien vom Krieg“, auf dessen Homepage Folgendes zu lesen ist:

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Dezember 13th, 2014 at 12:49 pm

TAZ| Debatte Nationalismus in Israel – Wem gehört der Staat Israel?

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Netanjahu will Israel zum „Staat des jüdischen Volkes“ erklären. Das diskriminiert die Palästinenser. Und er verliert die jüdische Diaspora.

Was für ein Staat soll Israel sein? Bild: dpa

Die gegenwärtige Regierungskrise des Staates Israel ist weit mehr als Ausdruck eines unpraktikablen parlamentarischen Systems, das kleinsten Parteien den Einzug in das Parlament, die Knesset, erlaubt und durch Zersplitterung stabile Regierungsmehrheiten verhindert.

Vielmehr ist anzunehmen, dass sich diese Krise zur größten Krise des jüdischen Volkes seit der Katastrophe des von Deutschen begangenen nationalsozialistischen Massenmordes entwickeln wird. Des jüdischen Volkes? Was sind überhaupt Juden, was das Judentum? Dazu werden heute vier Vorschläge diskutiert.

Erstens das Judentum als Religion, als Konfession, als Glaubensgemeinschaft. Diese Definition leidet daran, dass keineswegs der größte Teil der weltweit etwa zwölf Millionen Juden intensiv gläubig ist, Thora lernt, regelmäßig Gottesdienste besucht und sich strikt an Festtage und häusliche Rituale hält.

Zweitens das Judentum als ethnische Nation im Sinne des Volksbegriffs des späten achtzehnten Jahrhunderts, als Sprach- und Herkunftsgemeinschaft.

Der Staat des jüdischen Volkes

Drittens als eine „Kultur“, die – wie erst kürzlich die israelischen Autoren Amos Oz und Fania Oz-Salzberger in ihrem Buch „Juden und Worte“ nachweisen wollten – eine einzigartige, Jahrtausende alte Buch-und Schrifttradition aufweist.

Viertens wird das Judentum als „Schicksalsgemeinschaft“ verstanden: als eine Großgruppe von Menschen, die ohne scharfe Trennlinien durch teils geteilte Traditionen, Anfeindungen der Umwelt sowie ein vages Gemeinschaftsbewusstsein zusammengehalten wird.

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Dezember 9th, 2014 at 2:55 pm

TAZ| Ganz normale Organisationen

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MORDBEREITSCHAFT Psychische Schwäche, Alkohol, Kameraderie, Unterwerfung – von SA bis IS: Stefan Kühl untersucht die Voraussetzungen für massenhaft praktizierten Sadismus

 

VON MICHA BRUMLIK

Als vor sechsundsiebzig Jahren die Synagogen angezündet und jüdische Menschen unter Hohn und Spott wie Vieh durch die Straßen deutscher Städte getrieben wurden, waren die Täter meist Mitglieder der SA aus anderen Städten, während sich ortsansässige Passanten teils verlegen abwandten, teils interessiert gafften. Als drei, vier Jahre später jüdische Kinder, Männer und Frauen in Polen und in der Sowjetunion ermordet wurden, waren kaum Passanten zugegen, während ganz normale deutsche Soldaten und Polizisten dieses blutige Handwerk präzise verrichteten. Das, was als „Holocaust“ bezeichnet wird, die planmäßige Ermordung von etwa sechs Millionen europäischer Juden durch SS, Wehrmacht, Polizei und ostmitteleuropäische Hilfstruppen, war keineswegs identisch mit dem, wofür gemeinhin der Ortsname „Auschwitz“ steht – nämlich die fabrikmäßig betriebene Vergasung. Vielmehr – darauf haben die Historiker Daniel Jonah Goldhagen und Christopher Browning in einer berühmt gewordenen Kontroverse hingewiesen – wurde etwa die Hälfte der Morde, bei denen die Täter u. a. Babys aus nächster Nähe erschossen, handwerklich mit Schusswaffen ausgeführt.

Derzeit fragt sich die Welt, wie es möglich ist, dass Milizionäre einer Organisation namens „Islamischer Staat“ in Videos, vor den Augen der Weltöffentlichkeit, wehrlosen Geiseln den Hals abschneiden, wie es sein kann, dass junge, in westlichen Gesellschaften aufgewachsene Männer ausreisen, um anderswo zu rauben, zu morden und zu vergewaltigen. Kann es sein, dass es der angebotene Rahmen einer „Organisation“ ist, die Staatlichkeit suggeriert, der sie dazu motiviert?

Handwerker des Todes

Die Frage, wie derlei möglich ist und – mit Blick auf die deutsche Geschichte – möglich war, beschäftigt Geschichts-, Politik- und Philosophiewissenschaften spätestens seit Hannah Arendts bis heute heiß debattierter Reportage „Eichmann in Jerusalem“ aus dem Jahr 1961. In der stellte sie die These von der „Banalität des Bösen“ stellte. Nach dieser geht die Bereitschaft zum willfährigen Vollziehen des Mordes an den Juden auf nichts anderes zurück als auf die Unterwerfungsbereitschaft durchschnittlicher Menschen unter bürokratische Zwänge. Obwohl durch Forschungen der HistorikerInnen Doron Rabinovici und später Bettina Stangneth längst erwiesen ist, dass das im Falle Eichmanns nicht zutraf, er vielmehr ein fanatischer Antisemit war, nahm die Debatte durch Goldhagens 1996 publiziertes Buch über „Hitlers willige Vollstrecker“ noch einmal Fahrt auf. Die Mitglieder der von Goldhagen und Browning untersuchten „handwerklichen“ Tätergruppe, des Polizeibataillons 101, waren im Osten eingesetzte Hamburger Polizisten, die einem eher sozialdemokratischen Milieu entstammten und weder als NS-nah noch als übermäßig judenfeindlich zu betrachten waren.

Ihre Taten und Motive sind durch die Akten eines 1965 in Hamburg geführten Prozesses ungewöhnlich gut dokumentiert. Während Goldhagen die Mordbereitschaft der Polizisten mit der ihnen ansozialisierten deutschen Kultur einschließlich ihres tiefsitzenden Judenhasses erklärte, ging Christopher Browning einen eher sozialpsychologischen Weg. Browning erklärte die Untaten der „ganz normalen Männer“ durch psychische Schwäche, Alkohol und Kameraderie – also durch Persönlichkeitseigenschaften. Parallel zu diesen Debatten versuchte der Historiker Hans Mommsen, eine „funktionalistische“ Erklärung gegen eine „intentionalistische“ Erklärung zu plausibilisieren. Demnach sei eine Untersuchung von Motiven und Absichten der Handelnden gegenüber den Strukturen ihrer Gesellschaft mehr oder minder müßig.

Die Debatte, wie der Holocaust zu erklären sei, hat jetzt, mit dem Erscheinen der vom Bielefelder Soziologen Stefan Kühl soeben vorgelegten Studie „Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust“ eine sachliche Fortsetzung gefunden. Kühl ist weder Historiker noch Zivilisationskritiker, weder Tiefenpsychologe noch Philosoph, sondern Soziologe, also Angehöriger einer akademischen Disziplin, die kulturelle und politische Phänomene durch die Formen, in der Menschen zusammenleben, erklären will. Die Form „Organisation“ ist demnach keine Maschine, in der Menschen wie Rädchen genau das vollziehen, was Personenverbände von Politik oder Wirtschaft programmatisch vorgeben. Es sind Gebilde, die häufig widersprüchliche Ziele verfolgen, deren Mitglieder widersprüchlich handeln, in denen nachgeordnete Mitglieder den Leitungen entgegen- oder eben überholend zuarbeiten.

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November 12th, 2014 at 3:55 pm

TAZ| Aktueller Revisionismus

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Die Zeit ethnischer Nationalstaaten ist längst nicht vorbei. Postkoloniale Theorien sollten in dieser Hinsicht wenigstens präzisiert werden.

Jerusalem: „Hier der Glaube an den Tempel Davids, dort die Überzeugung, dass der Prophet von Mekka auf seinem Pferd Burak nächtens angeritten sei.“ Bild: dpa

Womöglich beweisen die mörderischen Kriege im Nahen Osten sowie das tödliche militärische Geplänkel im Osten der Ukraine, dass eine – zumal von Linksliberalen gern geteilte – Überzeugung wieder zur Disposition zu stellen ist. Seit mindestens fünfundzwanzig Jahren haben wir uns bei dem Gedanken wohlgefühlt, dass die Zeit der ethnischen Nationalstaaten, die den Menschen nicht nur Europas in zwei Weltkriegen millionenfachen Tod brachten, vorbei und überwunden sei, dass zumal die Globalisierung ihre Überwindung und Einschränkung geradezu erzwinge.

Inzwischen hatten wir allerdings durch historische Forschung, etwa die Untersuchungen des Konstanzer Historikers Jürgen Osterhammel zu lernen, dass es gerade die frühneuzeitliche Globalisierung war, die den ethnischen Nationalstaat zumindest mit verursacht hat.

Zugleich war zur Kenntnis zu nehmen, dass zumal in den klassischen Nationalstaaten, Frankreich und Großbritannien, jene politischen Kräfte, die gegen ein postnationalstaatliches Gebilde wie die Europäische Union sind, immer stärker werden; die vorerst glimpflich ausgegangenen Sezessionsbewegungen in Katalonien und in Schottland bestätigen das nur.

Ein Blick in den Nahen (nah von wo eigentlich?) und „Mittleren“ Osten wiederum scheint drastisch das Ende der aufgenötigten nationalstaatlichen Hüllen zu beweisen: Während von „Libyern“, „Irakern“ oder gar „Syrern“ als ethnischen Nationen keine Rede mehr sein kann, sondern dort nur noch Stämme oder Religionsgemeinschaften Träger der politischen Entwicklung sind, erweisen sich die Völker der Juden und Palästinenser, neuerdings auch der Kurden als stabil und geradezu staatstragend – im Guten wie im Schlechten. Angesichts dessen hätte jenes Theorienangebot, das als „postkolonial“ bezeichnet wird, einige Revisionen oder wenigsten Präzisierungen vorzunehmen.

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November 12th, 2014 at 5:47 am

TAZ| MARTIN WALSER ENTDECKT DIE JIDDISCHE LITERATUR – In unheilvoller Tradition der europäischen Judenfeindschaft

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Nein, es lässt ihm keine Ruhe: Das ungeheuerliche Verbrechen, das die Deutschen an den europäischen Juden verübt haben. Seit mehr als 40 Jahren müht sich der Schriftsteller um eine vertretbare Haltung zum Holocaust: von ersten Fingerübungen als Bühnenautor zu einer in München gehaltenen Laudatio auf Victor Klemperer, einem deutschen Juden, bis zu seiner Paulskirchenrede 1998 – diese war nichts anderes als ein Aufruf zur kollektiven Verdrängung und wurde entsprechend kontrovers diskutiert -, von missverständlichen Kindheitserinnerungen bis hin zum antisemitischsten Roman, den die deutsche Nachkriegsliteratur bis dahin vorzuweisen hatte – Martin Walser lässt das Thema nicht los.

Erneuter Versuch

Jetzt hat er es noch einmal versucht, mit einem bisher nicht gekannten Format: der Publikation von knapp 140 Seiten von Exzerpten, Anmerkungen, Kommentaren und persönlichen Reflexionen zum soeben erscheinenden Buch der Literaturwissenschaftlerin Susanne Klingenstein. Über die Autorin, die Walser kommentiert, ist im Netz zu erfahren, dass sie als akademische Lektorin in Harvard lebt und ein Buch über Juden im amerikanischen Universitätsbetrieb publiziert hat. Klingensteins neues Buch ist dem Leben des Autors Sholem Yankev Abramovitsh (1835-1917) gewidmet, der in seinen Anfängen Hebräisch schrieb, um später zu einem Begründer der modernen jiddischen Literatur zu werden.

Als jiddischer Autor wählte Abramovitsh das Pseudonym Mendele Moikher Sforim – Mendele der Buchhändler. Übrigens ist Walser nicht der Erste, der die jiddische Literatur wiederentdeckt: Schon 1994 hatte Wolf Biermann Jizchak Katzenelsons „Großen Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk“ ins Deutsche übersetzt.

Walsers gedruckte Exzerpte enthalten nicht nur seitenlange jiddische Zitate, sondern auch Bemerkungen, die ihn einmal mehr als das erweisen, was er letztlich ist: ein literarischer Nationalist, genauer gesagt, ein Autor, dem bei aller literarischen Raffinesse nur eines wirklich am Herzen liegt, das (deutsche) Volk – womit er perfekt in eine Welt passt, die von Katalanien über Schottland bis nach Kiew und Donezk den Reiz nationalen Denkens und Fühlens wiederentdeckt. Daher bewundert Walser an Abramovitsh weniger dessen großartigen Humor, sondern seinen sprachlich-ethnischen Selbstbehauptungseffekt: „Durch ihn, durch seine Sprache lernt ein ganzes Volk Ja zu sich sagen.“

Der Selbsthass der Nazis

Als hätte man all das als Germanist, der Walser ja auch ist, nicht längst wissen können, entdeckt er jetzt, im Greisenalter von bald 90 Jahren, dass das Jiddische dem Mittelhochdeutschen entstammt und erklärt damit die von Historikern und Soziologen lange gesuchte Singularität des „Nazismus“: „Es gibt sicher nichts“, schreibt Walser, „was den Nazismus genauer charakterisiert als der Versuch, ein ganzes Volk zu ermorden, das eine aus der deutschen Sprache stammende Mundart sprach … Mord bleibt Mord … Aber, dass deutsche Soldaten ein Volk ermorden wollten, das der eigenen Sprache entstammte, das macht die Bösartigkeit der Handlung zur Absurdität.“ Meint er, dass die Juden letztlich ein deutscher Stamm waren und die Nazis an ihnen ihren antideutschen Selbsthass auslebten?

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Oktober 8th, 2014 at 7:56 am

TAZ| Norm und Recht

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„Furchtbare Juristen“ – Ingo Müllers Standardwerk über die NS-Justiz und deren Nachwirkungen – ist in wesentlich erweiterter Form neu erschienen.

Anhand von Recht und Rechtspflege einer Gesellschaft lässt sich zeigen, welcher Art der Staat ist. Bild: imago/ZUMA/Keystone

Adolf Hitler hasste und verachtete alles, was nur im Geringsten mit Gerechtigkeit und Recht zu tun hatte, nicht zuletzt den Berufsstand der Juristen. Was aber Richter und Staatsanwälte in der Weimarer Republik und der NS-Zeit nicht im Geringsten davon abhielt, ihm kräftig zuzuarbeiten – im Gegenteil!

Nächstes Jahr wird das Ende jenes Weltkriegs, den das von den Nationalsozialisten gelenkte Deutschland entfachte, siebzig Jahre zurückliegen. Dieser barbarischste Abschnitt der jüngeren deutschen Geschichte wird dann – um Jan und Aleida Assmann zu zitieren – endgültig vom kommunikativen ins kulturelle Gedächtnis überführt. Umso wichtiger ist es, sich des „Dritten Reiches“, seiner Untaten, aber auch seiner Strukturen noch einmal zu vergewissern. Das soeben in wesentlich erweiterter Form neu aufgelegte Buch von Ingo Müller, „Furchtbare Juristen. Die unbewältigte Vergangenheit der deutschen Justiz“, dient diesem Zweck in hervorragender Weise.

Zu Recht denkt, wer sich mit der NS-Zeit beschäftigt, an Vernichtungs- und Konzentrationslager, an die Massenvernichtung von Juden, Sinti und Roma sowie Sowjetbürgern, an Terror, Verblendung und Gewalt. Demgegenüber gerät die „Normalität“ des „Dritten Reiches“, sein „Alltag“ meist ebenso in Vergessenheit wie die Frage, was für ein politisches System das „Dritte Reich“ war. Freilich hängen – ohne dass die genauen Abhängigkeiten hier genauer zu bestimmen wären – Staat und Recht auf das Engste miteinander zusammen, so dass sich an Recht und Rechtspflege einer Gesellschaft zeigen lässt, welcher Art der Staat ist, der die ihm untertanen Menschen beherrscht.

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September 25th, 2014 at 9:59 am

Kontext| Zwei Schritt vor, einer zurück

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Von Oliver Stenzel
Datum: 10.09.2014
Vor über drei Jahren wurde der Abriss des Hotel Silber, der ehemaligen Stuttgarter Gestapozentrale, endgültig abgeblasen und die Einrichtung eines Lern- und Gedenkorts zur NS-Zeit beschlossen. Erreicht wurde dies vor allem durch die Arbeit einer Bürgerinitiative, die dennoch immer wieder darum kämpfen muss, bei der Konzeption und Nutzung des Ortes berücksichtigt zu werden – die Vorstellungen der verschiedenen Akteure gehen zuweilen weit auseinander.

An der großen Baustelle neben dem Stuttgarter Karlsplatz kann man momentan gut erkennen, dass gelegentlich auch in Stuttgart scheinbar unwiderruflich festgezurrte Bauprojekte durch bürgerschaftliches Engagement modifiziert werden können. Denn am Rande der planierten Fläche, auf der in den kommenden Jahren das „Quartier am Karlsplatz“ entstehen soll, steht noch das so genannte Hotel Silber in der Dorotheenstraße, während der NS-Zeit die Gestapo-Zentrale für Württemberg und Hohenzollern.

Es sind jetzt fast genau sechs Jahren her, dass bekannt wurde, dass das Gebäude einem Büro-, Handels- und Hotelkomplex, damals noch „Da-Vinci-Projekt“ genannt, weichen soll. Im Oktober 2008 gründete sich darauf die Initiative „Lern- und Gedenkort Hotel-Silber“, die nicht nur den Abriss verhindern, sondern auch die Einrichtung eines integrierten Gedenk-, Lern-, Dokumentations- und Forschungsort anregen wollte. Sie hatte Erfolg, nicht zuletzt, weil sie beharrlich Gemeinderat und Landtag bearbeitete und dabei die jeweiligen SPD-Fraktionen auf ihre Seite ziehen konnte. Kurz nach der Landtagswahl im März 2011 erklärte SPD-Landeschef und späterer Superminister Nils Schmid die Einrichtung eines Gedenkorts zur Chefsache, schon im Juni 2011 war der Abriss endgültig abgeblasen. An den Planungen für die kommende Nutzung des Gebäudes war und ist die Initiative im Rahmen eines regelmäßig tagenden Runden Tisches, der als Steuerungsgruppe des Projekts dienen soll, gemeinsam mit Vertretern von Land und Stadt beteiligt. 2017 soll der Gedenkort geöffnet werden.

Gedenktafel am ehemaligen Hotel Silber.
Gedenktafel am ehemaligen Hotel Silber.

Ein Erfolg, den die Hotel-Silber-Initiative am kommenden Samstag, den 13. September, mit einem Aktionstag unter dem Motto „Demokratie braucht Erinnerung“ auf dem Stauffenbergplatz feiern will. Als „eine Art Bergfest“ bezeichnet es Harald Stingele, Sprecher der Initiative, „denn wir sind im Abschluss des Grobkonzepts“. Über 20 Organisationen sind in der Initiative vereinigt, sie wollen am Aktionstag zeigen, so Stingele, „was sie zur Gestaltung beitragen und warum gut verankerte Bürgerbeteiligung Grundbedingung für das Gelingen des Projektes ist.“ Das kann auch als dezenter Hinweis darauf verstanden werden, dass es auch nach dem Abriss-Aus immer wieder ein zähes Ringen bedeutete, den bürgerschaftlichen Kräften eine Stimme bei den Planungen zu verschaffen. Und dass die Entwicklung des Projekts immer wieder nach dem Prinzip „Zwei Schritt vor, einen zurück“ vonstatten zu gehen scheint.

65 000 Euro zu teuer: Auch die Grünen stimmen gegen das große Konzept

Denn bei aller Freude um das Erreichte, in den vergangenen drei Jahren kam es immer wieder zu Verzögerungen und Rückschlägen. Reichlich absurd muten dabei die Entwicklungen im letzten Jahr an: Basierend auf einem Eckpunktepapier der Initiative wurde in Zusammenarbeit mit dem Haus der Geschichte erst eine Konzeption für die Nutzung des Hauses entwickelt, die die Einbeziehung von vier Etagen der linken Gebäudehälfte, vom Untergeschoss bis zum zweiten Stock vorschlug. Das Konzept wurde am 7. Mai bei einem runden Tisch auch von Vertretern von Stadt und Land einhellig begrüßt, nur um am 25. Juli wieder gekippt zu werden – da einigten sich Stadt und Land auf einen verringerten Umfang von nur drei Etagen, ohne den zweiten Stock. Für die Initiative besonders unbefriedigend, weil sich hier die Büros der Gestapo-Chefs befanden. ………

……..Zu den bisweilen zäh um Positionen ringenden Akteuren von Stadt und Land gesellt sich mittlerweile ein weiterer, dessen unvermitteltes Auftauchen etwas an einen deus ex machina erinnert: Drei bundesweit renommierte Akademiker, die Professoren Micha Brumlik, Hans Ulrich Gumbrecht und Ernst Ulrich von Weizsäcker schickten Mitte Juni den Mitgliedern des Landtages und des Gemeinderats ein Schreiben im Namen eines 170-köpfigen „Expertenclusters“, das internationale Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen umfasst. Reichlich namhafte Koryphäen sind darunter, etwa die Holocaust-Experten Christopher Browning und Peter Longerich, die Sozialhistorikerin Ute Frevert und die Literatur- und Kulturwissenschaftler Aleida Assmann. In dem Schreiben bekundeten Brumlik und seine Kollegen die Bereitschaft des Expertenclusters, die Entwicklung und Gestaltung eines Erinnerungs- und Bildungsortes „mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung zu unterstützen“, und forderten die beiden Parlamente auf, diese Bereitschaft anzunehmen.

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September 10th, 2014 at 3:04 am