Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Kommentar’ Category

Gastbeitrag| Zu Hermann Heideggers Leserbrief („Das entspricht nicht den Tatsachen“, Badische Zeitung vom 10. Mai 2014

without comments

Zu Hermann Heideggers Leserbrief

(„Das entspricht nicht den Tatsachen“, Badische Zeitung vom 10. Mai 2014

http://www.badische-zeitung.de/leserbriefe-68/das-entspricht-nicht-den-tatsachen–84577968.html)

In seinem Leserbrief vom 10. Mai 2014 erwähnt Hermann Heidegger drei Dinge: erstens ein Telefonat, wodurch der neue Rektor, Martin Heidegger, die Beurlaubung jüdischer Dozenten aufgehoben habe; zweitens einen Brief seiner Mutter Elfride Heidegger an das Ehepaar Husserl; drittens Heideggers Briefe „an die Jüdin Hannah Arendt und an die Halbjüdin (sic.) Elisabeth Blochmann“. So verhält er sich wie sein Vater, der als Antwort an Hannah Arendt hinsichtlich seiner Beziehung zu den Juden und die „Verleumdungen“, die sie offensichtlich gehört hatte, die Juden, denen er geholfen hatte, auflistete1. Es bleibt dabei, dass der Rektor Heidegger Vergünstigungen für Studenten gewährte, „die in den letzten Jahren in der SA, SS, oder Wehrverbänden im Kampfe um die nationale Erhebung gestanden haben…“ und nicht an jüdische Studenten: „Dagegen dürfen an jüdische oder marxistische Studierende Vergünstigungen nicht mehr gegeben werden. Jüdische Studierende obiger Anordnung sind Studierende nicht-arischer Abstammung im Sinne des § 3 der 1. Verordnung zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 11. April 1933. Das Verbot der Gewährung von Vergünstigungen findet also auch auf solche Studierende nichtarischer Abstammung Anwendung, die aus Ehen stammen, bei denen ein Elternteil und zwei Großeltern arischer Abstammung sind und deren Väter im Weltkriege an der Front für das Deutsche Reich und seine Verbündeten gekämpft haben. Von dem Verbot ausgenommen sind nur solche Studierende nicht-arischer Abstammung, die selbst Frontkämpfer gewesen sind oder deren Väter im Weltkriege auf deutscher Seite gefallen sind. Der Rektor.“ (Freiburger Studentenzeitung Nr. 1, 3. November 1933, S. 6). Dies wurde schon in Nachlese zu Heidegger von Guido Schneeberger (Bern, 1962, S. 137) veröffentlicht. In der Gesamtausgabe kann man jetzt die Vorlesungen des Rektors lesen, worin z.B. 1933 steht: „Der Feind kann in der innersten Wurzel des Daseins eines Volkes sich festgesetzt haben (…) die ständige Bereitschaft zu pflegen und zu steigern und den Angriff auf weite Sicht mit dem Ziel der völligen Vernichtung anzusetzen.“ (GA 36/37, S. 90-91).

In Band 16 der Gesamtausgabe, der von Herman Heidegger selbst editiert wurde, kann man den „mitfühlenden“ Brief (Zitat Hermann Heidegger) seiner Mutter an das Ehepaar Husserl lesen, wo sie zwar Ihre „Dankbarkeit“ ausdrückt (ein Sohn Husserls fiel während des ersten Weltkrieges), aber auch Ihre Treue dem NS-Regime und seiner rassistischen Gesetze gegenüber. Dieser Brief bildet das emotionale Pendant der Veröffentlichung in der Freiburger Studentenzeitung, die oben zitiert wurde: “Zu all dem kommt aber noch die tiefe Dankbarkeit gegen die Opferbereitschaft Ihrer Söhne, und es ist ja nur im Sinne des neuen Gesetzes, wenn wir uns bedingungslos und in aufrichtiger Ehrfurcht zu denen bekennen, die sich in der Stunde der höchsten Not auch durch die Tat zu unserem deutschen Volke bekannt haben.“ (S. 87, „den 29. April 1933“ – Husserls Emeritierung war ihm zwei Wochen davor entzogen. Martin Heidegger war seit einer Woche Rektor).

Hermann Heideggers verklärende Verteidigung wäre nur seiner Vatertreue zuzuschreiben, hätte er diese Epoche nicht selbst als Wehrmachtoffizier mitgestaltet. So heißt es im Briefwechsel Martin Heideggers mit dem Freiburger Kunsthistorikers Kurt Bauch: „Hermann ist Bataillonsadjutant geworden und sehr befriedigt. Seit 16. Juli haben wir keine Nachricht. Er steht in der Ukraine.“ (Hütte, 10. Aug. 41, in: Martin Heidegger Kurt Bauch Briefwechsel 1932-1975, Hrsg. Almuth Heidegger, Karl Alber, München, 2010, S. 67). Was in der Ukraine im Juli 1941 vor sich ging, ist nachzulesen in Die >>Ereignismeldungen UdSSR<< 1941. Dokumente der Einsatzgruppen in der Sowjetunion I2: „In Tarnopol 5000 Ukrainer verschleppt, 2000 ermordet. Als Gegenmaßnahmen Festnahmeaktionen gegen jüdische Intelligenz, die für die Ermordungen mitverantwortlich und außerdem Zuträger der NKWD, in die Wege geleitet. Zahl auf etwa 1000 geschätzt. Am 5.7. etwa 70 Juden von den Ukrainern zusammengetrieben und mit geballter Ladung erledigt. Weitere 20 Juden auf der Straße durch Militär und Ukrainer erschlagen, als Reaktion auf die Ermordung dreier Soldaten, die gefesselt mit abgeschnittenen Zungen und ausgestochenen Augen im Gefängnis aufgefunden. Wehrmacht erfreulich gute Einstellung gegen die Juden.“ (Ereignismeldung UdSSR Nr. 14. Berlin, den 6. Juli 1941).

In seinem, in einem rechtsextremistischen Verlag veröffentlichten Bericht über seine Gefangenschaft3 erfährt man über die Zeit vor 1945 nichts, dagegen aber folgendes: er habe während eines NKWD-Verhörs erklärt, „dass unsere Judenaktion falsch gewesen sei (…) Ob ich keine Russen tot geschossen habe? – Recht viele (…)4“. Die Verbrechen der roten Armee würden aber alles ausgleichen: „Ob wir als Volk keine gemeinsame Schuld hätten? Verglichen mit dem, was ich allein von Russen in Ostpreußen gesehen hätte, empfände ich Rußland gegenüber kein Gefühl einer Wiedergutmachungspflicht.“

Von einer verantwortlichen Aussage kann nicht die Rede sein, Hermann Heidegger hat sich genauso wenig wie sein Vater von seinem NS-Glauben wirklich distanziert, genauso wie dieser hat jener sein eigentliches Handeln verklärt. Im Gegensatz zu seinem Vater ist ihm aber die Möglichkeit der echten Distanzierung noch gegeben.

Gaëtan Pégny (Centre Marc Bloch, Berlin)

1 Briefe 1925 bis 1975 und andere Zeugnisse, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main, S. 68-69 (Winter 1932/33).

2 Klaus-Michael Mallmann/ Andrej Angrick/ Jürgen Matthäus/Martin Cüppers (Hrsg.), Darmstadt, WBG, 2011, S. 86.

3 Hermann Heidegger, Heimkehr 47, Edition Antaios, 2007.

4 Ibid., S. 78.

Written by lbucklitsch

September 7th, 2014 at 1:40 pm

TAZ| VON DER GESCHICHTE DER JUDEN UND DER POLITIK IHRER AUSLEGUNG

without comments

Die Schlachtfelder des Messianismus

Wer verstehen will, wie es möglich war, dass an der Spitze der juden- und israelfeindlichen Al-Quds-Demonstration in Berlin am 25. Juli zwei ultraorthodoxe jüdische Männer marschierten, kommt um einen genaueren Blick auf die Geschichte der Juden nicht umhin.

Heute, an diesem Dienstag, begehen fromme Juden in aller Welt den Trauertag Tischa be Aw, den neunten Tag des Monats Aw, der am gestrigen Montagabend nach Sonnenuntergang angefangen hat. Dieser Trauer- und Fastentag gilt einem Ereignis, das vor etwas weniger als zweitausend Jahren in der am östlichen Rand des Mittelmeers damals noch Judäa genannten römischen Provinz stattgefunden hat. Im Jahr 70 zerstörten die Legionen des kaiserlichen Feldherren Titus nicht nur Jerusalem, sondern auch dessen zentrales Heiligtum, den etwa sechshundert Jahre zuvor errichteten Tempel, der zur augustäischen Zeit von dem aus der Weihnachtsgeschichte bekannten Gewaltherrscher Herodes zu einem Prachtbau erweitert worden war.

Aufstand gegen Rom

Über diese Ereignisse sind wir von dem römisch-jüdischen Historiker Josephus, einem Zeitzeugen, bestens informiert: er hat in seinem Buch über den „Jüdischen Krieg“ genau nachgezeichnet, wie der „antiimperialistische“ Aufstand jüdischer Nationalisten gegen Rom schließlich ins Desaster führte. Einer der bekanntesten Schriftsteller der Weimarer Republik, Lion Feuchtwanger, hat diesem Geschehen übrigens eine bestens lesbare, spannende Romantrilogie gewidmet.

Die jüdische Überlieferung berichtet, dass die dem Tempeldienst skeptisch gegenüber stehenden Schriftgelehrten – aus den Evangelien als „Pharisäer“ bekannt – den nationalistischen Aufstand ablehnten und die Stadt noch während der römischen Belagerung verließen, um vom römischen Feldherrn eine Kleinstadt als Ort einer gelehrten Akademie zu erbitten. Die Bitte wurde erfüllt, das rabbinische Judentum geboren.

Bedeutsam ist zudem, dass schon während des Jüdischen Krieges die Mehrzahl der Juden gar nicht im Land Israel, sondern diasporisch an den Rändern des Mittelmeers lebte: von den griechischen Inseln bis weit nach Ägypten, nach Alexandria hinein. Zudem: in Babylon, im heutigen Irak, existierte seit Jahrhunderten unter persischer Herrschaft eine große jüdische Minderheit, die sich durch eine bedeutende Gelehrtenaristokratie auszeichnete.

Wie – und das war das politisch-theologische Problem, das diese Gelehrten in Babylonien und im Land Israel umtrieb – war die Zerstörung des jüdischen, keineswegs souveränen Staates durch die Römer zu deuten? Und vor allem: welche Konsequenzen waren aus diesem Ereignis zu ziehen? In der Tradition prophetischen Mahnens und Warnens deuteten die meisten den Untergang des judäischen Staates als Strafe Gottes.

Vollständiger Artikel

Written by lbucklitsch

August 5th, 2014 at 7:37 am

ZDF| Gastkommentar zum Gaza-Konflikt – Die letzte Chance – Micha Brumlik

without comments

Gastkommentar von Micha Brumlik

Das Machtwort des UN-Sicherheitsrates im Gaza ist möglicherweise ein erster Schritt zur Lösung des mehr als einhundert Jahre alten Konflikts zwischen Juden und Palästinensern. Das  Ende der Offensive ist eine der letzten Chancen für Frieden – und eine Zweistaatenlösung.

Möglicherweise wird der Appell des UN-Sicherheitsrates zur Feuerpause im Rückblick als erster Schritt zur Lösung des mehr als einhundert Jahre alten Konflikts zwischen Juden und palästinensischen Arabern in die Geschichte eingehen. Es könnte sein, dass der durch die Ermordung jüdischer und arabischer Jugendlicher ausgelöste Gazakrieg jenes Ereignis ist, dessen es bedurfte, um Israelis und Palästinenser zu jenem Frieden zu zwingen, den sie aus eigener Kraft nicht schließen können.

Ebenso gut ist aber denkbar, dass sich dieser Krieg bei gescheiterten Friedensbemühungen als die letzte, leider vertane Chance erweisen wird, Israels Weg in einen Apartheidstaat aufzuhalten.

Geographische Bedingungen für „Zwei-Staaten-Lösung“ nicht mehr gegeben

 

 

ZUR PERSON
Micha BrumlikDer Frankfurter Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik, 65, leitete das Fritz-Bauer-Institut zur Erforschung des Holocaust.

 

 

Es waren ehemalige Chefs des israelischen Geheimdienstes, zuletzt Yuval Diskin, die nachgewiesen haben, dass eine Rückführung der halben Million jüdischer Siedler in Jerusalem und im Westjordanland schon jetzt kaum noch möglich ist. Damit aber und mit einem auf Dauer unbefriedeten Gaza sind die geographischen Bedingungen für eine Zweistaatenlösung nicht mehr gegeben: Schon jetzt ist der Staat Israel mitsamt dem völkerrechtswidrig okkupierten Westjordanland nur unerheblich größer als das ganze Bundesland Hessen.

Absehbar ist zudem, dass der Anteil arabischer Bewohner in Israel und dem Westjordanland kontinuierlich steigen wird. Im Israel der Grenzen von 1967 leben heute etwas mehr als sechs Millionen Juden und etwas weniger als zwei Millionen Araber; im Westjordanland – den östlichen Teil Jerusalems eingerechnet – leben eine halbe Million Juden sowie über zwei Millionen Araber bei kontinuierlich steigender Geburtenrate.

Jeder Blick auf eine Karte des Westjordanlandes mit seinen verschiedenen Zonen und Straßen, auf denen nur israelische Autos fahren dürfen, zeigt ein Territorium nach dem Muster eines Flickenteppichs, das sich jeder einheitlichen Staatlichkeit entzieht. Bei alledem war von den gewalttätigen Übergriffen rechtsradikaler israelischer Siedler auf ihre palästinensischen Nachbarn noch keine Rede.Amerikanische Unterstützung schwindetKein Geringerer als US-Außenminister John Kerry hat davor gewarnt, dass sich Israel bei andauernder Besatzung zu einem „Apartheidstaat“ entwickeln werde. Bei dem Vergleich mit dem Staat Südafrika vor 1990 ging es ihm nicht um Rassismus, sondern um den Hinweis, dass dort eine weiße Minderheit über Jahrzehnte die schwarze Mehrheit von demokratischer Selbstbestimmung ausgeschlossen hat.

Kerry nahm seine Äußerung zwar wieder zurück, dennoch zeigt sich andeutungsweise, dass die amerikanische Unterstützung für die  Regierung Netanjahu ihrem Ende entgegengeht. Nicht nur hat Israel selbst erklärt, dass Außenminister Kerry den Palästinensern gegenüber zu nachgiebig sei. Nein, auch die inzwischen aufgehobene Einstellung amerikanischer Flüge nach Israel war bereits ein deutliches Zeichen. Der Appell des Sicherheitsrats, in dem die USA ständiges Mitglied sind, ergänzt dies.
Der jetzt vom Sicherheitsrat ergangene Ruf nach einer Feuerpause gewinnt an politischem Gewicht, wenn man sich klar macht, dass die Beziehungen zwischen dessen ständigen Mitgliedern, nämlich Russlands und Chinas hier, Frankreichs, Großbritanniens und der USA dort sich derzeit auf einem Tiefpunkt befinden. Doch scheint der Gazakrieg den verfeindeten Mächten die Gelegenheit zu geben, wenigstens auf einem Gebiet wieder Einigkeit zu zeigen – dem Krieg in der Ukraine und dem mörderischen Bürgerkrieg in Syrien zum Trotz.

Konflikt kann nur zivil gelöst werden

Die rechtlich zwar nicht bindende, aber symbolisch umso gewichtigere Erklärung des Sicherheitsrates zielt nicht nur auf eine humanitäre Feuerpause ab, sondern auf einen mittelfristigen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas, der – von den UN und Großmächten geschickt moderiert – schließlich zur überfälligen Gründung eines demilitarisierten palästinensischen Staates in Gaza und im Westjordanland führen könnte.
Sollte allerdings diese letzte Chance vertan werden, wird das über einhundert Jahre alte zionistische Projekt, bei dem es stets um mehr als nur um einen jüdisch dominierten Staat ging, unwiderruflich gescheitert sein. Und zwar unbeschadet der Tatsache, dass der Staat Israel, der die viertstärkste Armee der Welt unterhält, militärisch nicht zu besiegen ist.
Der Appell des Weltsicherheitsrates eröffnet den auch nur halbwegs moderaten Kräften in Israel und unter den Palästinensern die Gelegenheit, ihrer Bevölkerung zu verdeutlichen, dass der Konflikt nur zivil gelöst werden kann. Kriege erweisen sich im Leben der Völker – ja, der Völker ! – als Krisen. Krisen aber bieten, im individuellen wie im politischen Leben, Risiken und Chancen. Es könnte sein, dass der Gazakrieg und sein hoffentlich erzwungenes Ende die letzte Chance Israels war, den Zionismus zu retten.

Quelle: ZDF

 

Written by lbucklitsch

Juli 28th, 2014 at 1:35 pm

Micha Brumlik| Zur Geschichte der Jugendbewegung – Wandervögel im braunen Hemd

without comments

Christian Niemeyers Studie zur Geschichte der deutschen Jugendbewegung belegt: Fast alle Führungsmitglieder waren in der NSDAP.

Diese Jugendbewegung hat das 20. Jahrhundert überraschend gut überstanden. Bild: dpa

Die Gedenkjahre 2013 und 2014 gehören schon deshalb zusammen, weil wir aus dem zeitlichen Abstand von einhundert Jahren immer besser verstehen, warum mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 die „Welt von gestern“ (Stefan Zweig) ihr blutiges Ende nehmen musste.

Weil aber Christopher Clarks Buch über die angeblich nicht mehr haltbare These von der deutschen Alleinschuld an diesem Krieg hierzulande so dankbar aufgenommen wurde, sollten die kriegstreibenden gesellschaftlichen und kulturellen Dynamiken im deutschen Kaiserreich nicht in Vergessenheit geraten.

1913, im Oktober, fanden sich wichtige Gruppen der 1897 entstandenen Jugendbewegung zu einem großen Fest, einer Art Woodstock-Festival der Kaiserzeit, auf dem Hohen Meißner zusammen, um ihre Jugend und ein neues, vages Deutschland zu beschwören.

Zu ihnen gehört – sehr wesentlich – die in Deutschland entstandene Jugendbewegung, die nicht nur für die Jugendkultur des 20. Jahrhunderts, sondern auch für die internationale Reformpädagogik zu einem Reservoir an Ideen, Lebensstilen und – auch – politischen Haltungen wurde.

Hochbetagte Veteranen auf der Burg

Diese Jugendbewegung – als „Wandervogel“ aus Schülerwanderungen an einem Gymnasium in Berlin-Steglitz entstanden – hat das 20. Jahrhundert überraschend gut überstanden: Im vergangenen Jahr feierten hochbetagte Veteranen auf Burg Ludwigstein, wo sich das Archiv der deutschen Jugendbewegung befindet, bewegende Jubiläen; Neuzeithistorikerinnen wie Barbara Stambolis und Jürgen Reulecke dokumentieren in Fachbeiträgen und Sammelbänden die politische und kulturelle Tiefenwirkung dieser Bewegung.

Vollständiger Artikel

Written by lbucklitsch

Juni 29th, 2014 at 10:52 am

JA| Kabbala und Kritische Theorie – Denker in jüdischer Tradition: Zum 85. Geburtstag von Jürgen Habermas

without comments

von Micha Brumlik

Jürgen Habermas

 

In einem Aufsatz zum Deutschen Idealismus der jüdischen Philosophen schreibt ein nichtjüdischer Autor im Jahr 1961: »Darum kann es bei unserem Bemühen nicht mehr um Leben und Überleben von Juden gehen, um Einflüsse hin und her; es geht nur noch um uns selbst. Nämlich für das eigene Leben und Überleben ist das jüdische Erbe aus deutschem Geist unentbehrlich geworden.«

Der Autor dieser Zeilen, Jürgen Habermas, wird heute 85 Jahre alt. Bei Erscheinen des zitierten Aufsatzes war er gerade dabei, sich bei Wolfgang Abendroth, einem linken Professor der Politikwissenschaft in Marburg, mit einer schnell berühmt gewordenen Arbeit über den Strukturwandel der Öffentlichkeit zu habilitieren – nach Jahren als Adornos Assistent am Frankfurter Institut für Sozialforschung.

gershom scholem Habermas war schon früh ein bekannter, provokativer Intellektueller: 1953, im Alter von 24 Jahren, hatte er als Erster die nationalsozialistischen Motive im Werk des Meisterdenkers der frühen Bundesrepublik, Martin Heidegger, skandalisiert.

Nach einer akademischen Zwischenstation in Heidelberg wurde er 1964 Professor für Soziologie und Philosophie in Frankfurt, wo er mit den maßgeblichen Vertretern der freudomarxistischen Kritischen Theorie, den vertriebenen und nach dem Krieg nach Frankfurt zurückgekehrten Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno spannungsreich kooperierte. Seine daraus resultierenden sozialphilosophischen und gesellschaftstheoretischen Arbeiten fanden schnell internationale Anerkennung.

Seiner 1961 geäußerten Überzeugung aber sollte Habermas Zeit seines Lebens treu bleiben: Die jüdische Tradition, das Schicksal der Juden und des Staates Israel beschäftigen ihn bis heute. So hielt er im Mai 2012 an der Hebräischen Universität Jerusalem die »Martin Buber Vorlesung«, erinnerte in der liberalen Tageszeitung Haaretz behutsam an Bubers Programm eines binationalen Staates und setzte sich entschieden für die humanitäre Behandlung nach Israel geflüchteter nichtjüdischer, meist afrikanischer Immigranten ein. Bei alledem war und ist Habermas sich der deutschen Verantwortung gegenüber dem Staat Israel ob der Schoa stets bewusst.

Als Philosoph, der sich bewundernd und doch kritisch mit den Arbeiten von Adorno, Horkheimer, Hannah Arendt und Walter Benjamin auseinandersetzte, wurde ihm zumal der Jugendfreund Benjamins, der in Jerusalem lehrende Kabbalaforscher Gershom Scholem, zu einer prägenden Gestalt, ja zu einem Freund.

In einer 1977 in Jerusalem gehaltenen Rede zu Scholems 80. Geburtstag nahm Habermas Scholems Polemik gegen den Begriff der »deutsch-jüdischen Symbiose« zum Anlass, über sich selbst als Deutschen zu sprechen: »Lassen Sie mich einen Augenblick von ›uns‹, das heißt, von der Generation sprechen, deren geistige Entwicklung nach dem Kriege mit der Erinnerung an die Katastrophe eingesetzt hat. Für uns war Ihre Rede von 1966, in der Sie die tiefen Asymmetrien in den deutsch-jüdischen Beziehungen aufgedeckt haben, ein Schock. Hatten wir nicht soeben in den besten Traditionen, den einzigen, die die Korruption überdauerten, Ströme jüdischer Produktivität erkannt, hatten wir diese nicht zum ersten Mal ohne Vorbehalte anerkannt?«

normativ In dieser Rede deutete Habermas eine Genealogie der eigenen intellektuellen Entwicklung an, die überraschenderweise auf die jüdische Mystik, die Kabbala, verweist. Habermas war 1954 in Bonn mit einer Arbeit über Schelling von Erich Rothacker promoviert worden, der zwischen 1933 und 1945 als überzeugter Nationalsozialist aufgetreten war. Habermas publizierte die Substanz seiner Dissertation acht Jahre später unter dem Titel Dialektischer Idealismus im Übergang zum Materialismus – Geschichtsphilosophische Folgerungen aus Schellings Idee einer Contraction Gottes.

Im Zusammenhang von Schellings Schöpfungsphilosophie stieß Habermas durch die Lektüre Scholems auf Isaak Luria, den frühneuzeitlichen Kabbalisten aus Safed, der die Lehre vom »Zimzum« begründet hatte, die besagt, dass die Welt dadurch entsteht, dass sich Gott in sich selbst zurückzieht.

Die sich Scholems Studien zur Mystik verdankende Annahme, dass in der durch Gottes Rückzug frei gegebenen Schöpfung Splitter des göttlichen Lichts bleiben, sollte zu einem Grundmotiv von Habermas’ reifer Sprach- und Gesellschaftstheorie werden. Überzeugt davon, dass sich Sozialphilosophie und Gesellschaftstheorie zwar an empirischer Forschung zu orientieren, aber gleichwohl einen unaufgebbaren normativen Kern haben, zeigt Habermas, dass sich zumal in den normativen Vorgaben alltäglicher Rede ein nicht zu vermeidender Vorschein einer versöhnten Gesellschaft äußert: der »zwanglose Zwang des besseren Arguments« – eine Annahme, die zugleich zum Kerngedanken seines monumentalen systematischen Hauptwerks, der 1981 erschienenen und stets weiterentwickelten Theorie des kommunikativen Handelns werden sollte.

religion Im Unterschied zu anderen Sozialphilosophen und Gesellschaftstheoretikern hat Habermas das Thema der Religion niemals übergangen, sondern sich der Herausforderung gestellt, die Glaube und Religion historisch und in der Gegenwart »postsäkularer« Gesellschaften bedeuten. Das heißt nicht, dass Habermas theologisch argumentiert; was ihn jedoch fasziniert, sind die vielfach noch nicht entfalteten Gehalte, die die Religionen einer im instrumentellen Selbstlauf verstrickten Moderne zu ihrer Korrektur bieten können.

Der jüdische Glaube jedenfalls war von Anfang an, seit der sogenannten Achsenzeit vor 3000 Jahren, ein Glaube, dem es um die lebendige Weitergabe der göttlichen Offenbarung von Generation zu Generation ging. In der bereits erwähnten in Jerusalem gehaltenen Rede zu Scholems 80. Geburtstag – sie wurde unter dem Titel Die verkleidete Tora publiziert – sagte Habermas: »Nachdem die Stimme, die da sagt: ›Ich bin der Herr, Dein Gott‹, nicht mehr fraglos gilt, bleibt alleine eine ihrem Begriffe nach verwandelte Tradition, die kein Verbrechen kennt außer einem: Ein Verbrechen begeht, wer das lebendige Band zwischen den Generationen zerschneidet.«

Damit hat Habermas einen Gedanken artikuliert, der wie kein anderer zum Ausdruck bringen könnte, worum es einem recht verstandenen Judentum heute gehen müsste: »Unter den modernen Gesellschaften wird nur diejenige, die wesentliche Gehalte ihrer religiösen, über das bloß Humane hinausweisenden Überlieferung in die Bezirke der Profanität einbringen kann, auch die Substanz des Humanen retten können.«

Ritual Dass es dabei nicht nur um Worte, sondern vor allem um kulturelle Praxen geht, erweist eine erstaunliche Wende: In neuesten Überlegungen erkennt Habermas als wesentlichen Motor der Menschwerdung des Menschen nicht mehr nur die Sprache und ihre Bindekräfte, sondern auch das kultische, das zeichenhafte, das religiöse Ritual. »Immerhin«, so Habermas 2009, »ist der Ritus eine Quelle gesellschaftlicher Solidarität gewesen.«

Ein religiöses Judentum, das – ohne die Einsichten von Aufklärung und Wissenschaft preiszugeben – auf die rituelle Weitergabe seiner Traditionen von Generation zu Generation setzt, kann sich daher von dem großen Sozialphilosophen nur bestätigt sehen.

Quelle: Jüdische Allgemeine

Written by lbucklitsch

Juni 18th, 2014 at 9:35 am

TAZ| Europa braucht Wohlstand

without comments

FRONT NATIONAL Ein vereintes Europa wird es nur geben, wenn die rechten Wähler integriert werden. Ihre Dämonisierung ist die völlig falsche Strategie

 

Es war im Mai, dass ein aus Rheinpreußen stammender, in Paris lebender Revolutionär, der bald nach Brüssel umziehen sollte, mit Blick auf eine europäische Revolution hoffnungsvoll schrieb: „Wenn alle innern Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns.“ So Karl Marx 1844 in der Einleitung zu seiner „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“.

Hilflose Dämonisierung

Am Sonntag, einhundertundsiebzig Jahre später, hat der gallische Hahn wieder auf sich aufmerksam gemacht, allerdings mit einem Ruf ganz anderer Art. Mit dem Sieg des migrantenfeindlichen und nationalistischen Front National der Marine Le Pen, die mit diesem Sieg gute Aussichten hat, 2017 erfolgreich für das Amt der französischen Präsidentin zu kandidieren, ist ein Menetekel gesetzt worden. Niemand, der auch nur im Mindesten kosmopolitisch und internationalistisch gesinnt ist, darf es übergehen. Bei leicht gestiegener Wahlbeteiligung konnte Le Pens Front National in Frankreich stärkste Partei werden, gewann dabei vor allem unter Arbeitern wie Jungwählern hinzu und scheint jetzt für das gaullistische Programm eines „Europas der Vaterländer“ zu stehen. Hätte sich dieser Erfolg verhindern lassen?

Nicht umsonst wurde in den Wochen vor dem Wahlgang unter französischen Intellektuellen debattiert, ob es sinnvoll, nötig und möglich ist, Marine Le Pen, die den Antisemitismus ihres Vaters verabschiedet hat, um ihn durch antiislamische Ausländerfeindlichkeit zu ersetzen, weiterhin zu dämonisieren. Es war zumal der bekannte Antisemitismus- und Rassismusforscher Pierre-André Taguieff, ein Spezialist für Frankreichs Nouvelle Droite, der in einem soeben erschienenen Buch davor warnte, Marine Le Pen zu verteufeln. Sein viel besprochener Essay unter dem Titel „Du diable en politique. Réflexions sur l’antilepénisme ordinaire“ (Der Teufel in der Politik. Reflexionen zum gemeinen Anti-Le-Pen-ismus) rät Taguieff unter Bezug auf den in der NS-Zeit emigrierten, als konservativ geltenden deutsch-jüdischen Philosophen Leo Strauss von dem ab, was Strauss „reductio ad Hitlerum“ (Reduktion auf Hitler) genannt hatte.

Taguieff prognostizierte Tage vor der Wahl, dass es vor allem die Dämonisierung rechtspopulistischer Parteien ist, die ihnen einen Märtyrerbonus und damit weitere Gewinne an den Wahlurnen schenkt. Andere Theoretiker ziehen Vergleiche zu den europäischen Faschismen der 1930er Jahre.

So hat der israelische Faschismusforscher Zeev Sternhell in einem Interview der Maiausgabe des monatlich erscheinenden philosophie magazine darauf hingewiesen, dass schon der „klassische“ Faschismus politisch weder rechts noch links stand, sondern seine Motive aus beiden politischen Traditionen zusammenklaubte: Nationalismus, Rassismus und Autoritarismus von „rechts“, soziale Sicherheit, Vollbeschäftigung und eine radikal eingeschränkte Form der Solidarität unter „Volksgenossen“ von „links“.

Nation und Güterverteilung

Dieser kritische Blick auf das Verhältnis von Nationalismus und Internationalismus, von Partikularismus und Universalismus war in den 1930er Jahren auch in Deutschland nicht unüblich: In seiner Essay- und Artikelsammlung „Erbschaft dieser Zeit“, sie erschien 1935 in der Schweiz, rief der Philosoph Ernst Bloch die Linke dazu auf, einen „echten“ Begriff der Nation zu fordern: „Wir betonen: echter Nation; denn ,Nation‘ ist gewiss eine Wirklichkeit und nicht allein, wie bisher immer, eine Ideologie. Erst echter Sozialismus aber holt auch echte Nation auf, als Sprach- und Kultureinheit; erst die internationale Regelung der Gütererzeugung und Güterverteilung legt das Multiversum der Nationen wirklich frei; erst dies Esperanto des Unwesentlichen schafft wesentliche menschliche Existenz, auch als Nation, ans ideologiefreie Licht.“ Das kann so heute nicht mehr für ein vereintes Europa gelten; für ein vereintes Europa, das mehr denn je das wäre, was Bloch als „Multiversum“ bezeichnet.

Die rechte Solidarität

Gleichwohl: Der hohe Stimmenanteil, den die Rechtspopulisten im wirtschaftlich angeschlagenen Frankreich verzeichnen, beweist, dass sie die Einzigen waren, die überhaupt noch an einen, wenn auch ethnisch-rassistisch pervertierten Begriff von „Solidarität“ appellierten. Die regierenden französischen Sozialisten haben diesen Begriff längst preisgegeben. Ein Blick auf die Wählerinnen und Wähler des Front National – das Prekariat, Arbeitermilieus, die früher kommunistisch wählten, sowie desillusionierte Jungwähler – beweist nur eines: ein Vereintes Europa wird es nur mit ihnen, nicht gegen sie geben.

Entgegen Überlegungen, dass die Verfassung eines künftigen vereinten Europas in etwa dem Gründungsprozess der USA gleichen könnte, ist darauf hinzuweisen, dass die jetzt von Marine Le Pen missbräuchlich beerbten Ideale der französischen Revolution von 1789 „Liberté, Egalité, Fraternité“ nach wie vor aktuell sind – aktueller jedenfalls als die nicht zufällig neoliberal deutbaren Prinzipien der amerikanischen Revolution von 1776: „Life, Liberty and the Pursuit of Happiness“.

Marine Le Pen deutet die Prinzipien der französischen Revolution nationalistisch, ja rassistisch verengt und feiert damit Erfolge an den Wahlurnen – obwohl diese Prinzipien ursprünglich keineswegs nur für Franzosen gedacht waren und man im revolutionären Paris auch als „Ausländer“ schnell Bürger, also „citoyen“, werden konnte.

Davon zu unterscheiden ist das britische Ergebnis. Die UKIP beerbt keine revolutionäre, sondern jene klassisch konservative Tradition, die die Tories seit Thatcher vakant ließen. Dennoch, Farage sowie Le Pen profitieren, wenn auch verzerrt, von der jeweils klassisch nationalen Tradition ihrer Länder.

Mit Le Pens Wahlsieg in Frankreich steht Europa vor der Entscheidung: Ein vereintes Europa, das seinen Namen verdient, wird entweder ein sozial- und wohlfahrtsstaatliches Europa sein oder es wird nicht sein!

Die Verantwortung dafür liegt ab heute bei Europas Sozialdemokraten und Sozialisten, den Grünen sowie den Erben der kommunistischen Parteien. Ob sie dieser, einer historischen Verantwortung gerecht werden?
MICHA BRUMLIK

Die Rechten in Frankreich sind die Einzigen, die Solidarität als Wert hochhalten, auch wenn ihr Begriff davon pervertiert ist

Written by lbucklitsch

Mai 27th, 2014 at 4:18 pm

TAZ| Der deutsche Staat und der NSU – Land im Ausnahmezustand

without comments

KOMMENTAR VON MICHA BRUMLIK, HAJO FUNKE

Die Nichtaufklärung der NSU-Morde zeigt, wie der „Tiefe Staat“ in der Bundesrepublik funktioniert – samt seiner Wasserträger im Parlament

Landgericht München: Im NSU-Prozess wird Thomas R. alias „Corelli“ nicht mehr als Zeuge auftreten.  Bild: dpa

„Oh Herr“, heißt es in einem 1905 erschienenen Gedicht Rainer Maria Rilkes, „gib jedem seinen eignen Tod.“ Einen Tod ganz eigner Art fand kürzlich ein Mann, der unter dem Tarnnamen „Corelli“ bekannt war und Ende März plötzlich, aber kaum unerwartet, tot in seiner Wohnung in Paderborn aufgefunden wurde.

Als Todesursache gab die Polizei den Klassiker aller unaufgeklärten und nicht aufzuklärenden Todesfälle bekannt: einen „unentdeckten“ Diabetes. Ein veröffentlichter Obduktionsbericht liegt nicht vor.

Tatsächlich hieß „Corelli“ Thomas R. und war einer der bestbezahlten V-Leute des Bundesamtes für Verfassungsschutz in der rechtsextremen Szene. Dass sowohl die Polizei als auch das Bundesamt für Verfassungsschutz bei der Aufklärung mauern, erstaunt nicht. Sollte doch „Corelli“, der eng mit dem Kopf des NSU, Uwe Mundlos, bekannt und in einem Zeugenschutzprogramm untergebracht war, demnächst zum NSU befragt werden.

„Corellis“ Tod beschert jener größtmöglichen Koalition aus CDU, SPD und – ja! – selbst ernannter Bürgerrechtspartei Die Grünen eine Atempause. Sind es doch die Grünen, die vor allem in Stuttgart, wo sie regieren – aber auch seinerzeit im entsprechenden Bundestagsausschuss in Berlin–, alles daransetzen, eine rückhaltlose Aufklärung zu hintertreiben. Frauen und Männer in allen Parteien bestätigen wie immer als Ausnahmen die Regel.

Ursachen und Hintergründe dieser Strategie zu erfahren ist jedoch wichtiger als die kriminalistische Frage nach den wahren Todesursachen „Corellis“. Tatsächlich mehren sich seit Längerem die Indizien dafür, dass sich hinter dem mörderischen und rassistischen Kriminalfall NSU eine schleichende Staatskrise verbirgt. Feuilleton und Kulturkritik arbeiten sich derzeit daran ab, die Gefährdung bürgerlicher Freiheiten im Zeitalter der Digitalisierung zu verstehen.

Vollständiger Artikel

TAZ| Werksausgabe von Martin Heidegger – Sprung in die Irre

without comments

Sie sollten Martin Heideggers Werke beschließen: die „Schwarzen Hefte“ von 1939 bis 1941, mit ihrer Hoffnung auf eine Welt ohne Judentum.

Nein, jetzt, nach dem Erscheinen der Bände 95 und 96 der Gesamtausgabe von Martin Heideggers Werken, der „Schwarzen Hefte“ aus den Jahren 1939 bis 1941, ist ein vernünftiger Zweifel nicht mehr möglich: Der Philosoph, der sich lieber als „Denker“ verstanden hat, war ein überzeugter Nationalsozialist. Mehr noch: Sein Denken war bis in die letzten Verästelungen nationalsozialistisch, das heißt, menschenverachtend, das Töten und Sterben verklärend sowie gewollt widervernünftig.

Dieser Befund resultiert aus zwei Umständen: Zum einen sind die nun publizierten Texte alles andere als flüchtige Notizen des Tages, versuchsweise hingeschrieben und dann dem Lauf der Zeit überlassen; nein, es handelt sich um sorgfältige, wohlüberlegte, immer wieder um Genauigkeit von Sache und Ausdruck bemühte Niederschriften. Zum anderen: Diese Aufzeichnungen sind vom Autor, der 1976 im Alter von siebenundachtzig Jahren bei klarem Bewusstsein gestorben ist, gewollt als Abschluss der Gesamtausgabe seiner Werke verfügt worden.

Das lesende Publikum hat also zu respektieren, dass Heideggers „denkerisches Vermächtnis“ in einem glasklaren Bekenntnis zum Nationalsozialismus besteht. Und zwar trotz aller Kritik, die er im Einzelnen an der Universität im Nationalsozialismus, der biologistischen Fassung des Rassedenkens, ja sogar an Hitler selbst geübt hat.

Vollständiger Artikel

Written by lbucklitsch

März 16th, 2014 at 5:38 pm

TAZ| Buch über Urbanität und Freiheit – Die Bühne der Zusammenstöße

without comments

Ist die Emanzipation in Großstädten wirklich nur um den Preis der Zerrissenheit möglich? Eine Neuerscheinung stellt sich dieser Frage.

Stadtluft, so wusste es schon das Mittelalter, Stadtluft macht frei, allerdings: Es scheint, als ob das, was man „Stadt“ nennt, erst in der Moderne zu sich gekommen ist. Stadtluft macht frei – heißt das, dass Befreiung und Emanzipation erst in der Stadt möglich wurden?

Die Stadt – obwohl sehr viel früher entstanden – ist die Lebensform der Moderne. Ohne dass man sich ihrer immer bewusst ist, prägt sie doch Alltag so gut wie Erleben, stellt sie den vorbewussten, unthematischen Hintergrund allen Handelns, Denkens und Fühlens dar.

Der Gießener Historiker Friedrich Lenger entfaltet die Geschichte der „europäischen“ Stadt heute – zu Beginn eines 21. Jahrhunderts, in dem Global Cities wie New York, Hongkong oder Delhi die Welt mindestens so stark prägen werden wie London, Paris, Wien oder Berlin das 19. und 20. Jahrhundert geprägt haben.

In seiner Studie verbindet er die Geschichte des Wohnens, von Architektur und Stadtplanung mit der Geschichte von Klassenkämpfen und der Evolution der Technik; mit vielfältigen Themen, die er ebenso im Blick hat wie den durch die Boulevardpresse verursachten „Strukturwandel der Öffentlichkeit“.

Vollständiger Artikel

Written by lbucklitsch

Dezember 30th, 2013 at 5:41 pm

TAZ| Liberalismus bei John Stuart Mill – Eine mögliche gute Regierung

without comments

Von der repräsentativen Demokratie sind heute viele Menschen ausgeschlossen. John Stuart Mill erinnert daran, was Liberalismus sein könnte.

Der neue Heilsbringer der FDP, Christian Lindner – seine Partei notiert derzeit in der Wählergunst bei 3 Prozent –, gibt sich nachdenklich. In einem ausführlichen Gespräch mit der Süddeutschen Zeitungbeteuert er nicht nur, dass er und seine Partei keine Kapitalisten seien, nein, er beschwört sogar eine der sozialliberalen Ikonen des letzten Jahrhunderts, den Soziologen Ralf Dahrendorf, mit dessen Parole von der „Bildung als Bürgerrecht“.

In dem Gespräch versichert Lindner weiter, dass die Politik seiner Partei nicht gegen die sozial Schwächeren gerichtet sei, sondern nur einen solchen Eindruck erweckt habe.

Indes, es existiert ein Bild von Lindner in seinem Büro, an dessen Wände zwei gerahmte Fotografien hängen: eine von Ralf Dahrendorf, die andere aber von Friedrich August von Hayek, dem ideologischen Mastermind des Neoliberalismus, der so weit ging, den Putsch Pinochets abzusegnen. Wenn es Lindner mit seinem Gesinnungswandel ernst ist, sollte er Hayeks Fotografie schleunigst abhängen und durch ein Bild des liberalen Theoretikers John Stuart Mill (1806–1873) ersetzen.

Wer wissen will, warum, kann sich darüber in einer soeben erschienenen Neuausgabe von Mills 1861 erstmals publizierten „Betrachtungen über die Repräsentativregierung“ informieren, das die Politologen Hubertus Buchstein und Sandra Seubert mit einem informativen Nachwort neu ediert haben.

Vollständiger Artikel

Written by lbucklitsch

Dezember 15th, 2013 at 5:44 pm

TAZ| Kolumne Gott und die Welt – Armut im Ökoparadies

without comments

Die Grünen wollen soziale Gerechtigkeit und die Rettung der Umwelt. Beide Ziele miteinander in Einklang zu bringen, fällt ihnen schwer.

Wenn nicht alles täuscht, begehen Teile der Grünen bei ihrer Neuaufstellung einen folgenschweren Fehler. Was wie Anbiederei bei einer angeblich sozial verantwortlichen Mittelschicht wirkt, verweist auf ein grundsätzliches Problem. Viel ist derzeit die Rede davon, an die Stelle bloßer „Verteilungsgerechtigkeit“ wieder die „Generationengerechtigkeit“ zu setzen.

Zunächst gilt, dass es bei der „Gerechtigkeit“ immer um Zu- oder Verteilungen geht, um faire Regeln für die Verteilung von Gütern oder Übeln. Das gilt für die „Generationengerechtigkeit“ ebenso wie für „Verteilungsgerechtigkeit“.

„Generationengerechtigkeit“ zielt darauf, so zu wirtschaften, dass künftige Generationen auf keinen Fall über weniger überlebensnotwendige Umweltressourcen verfügen als die gegenwärtig lebende Generation. Dass die Umsetzung dieses Ziels nicht nur Gesetze, sondern auch finanzielle Mittel des Staates erheischt, dürfte ebenso unstrittig sein wie der Umstand, dass die dazu erforderlichen Mittel aus Steuern zu erheben sind. Steuern aber müssen, auch aus Gründen der „Generationengerechtigkeit“ in der Gegenwart und nicht – über Verschuldung – in der Zukunft eingezogen werden und sind daher ein Fall von: „Verteilungsgerechtigkeit“.

Weiterhin gilt, dass wesentliche Güter – Einkommen, Bildung, Gesundheit, Wohnungen – sowie soziale Chancen derzeit unfair verteilt sind; dass Deutschland eine Klassengesellschaft ist, wird niemand bestreiten. Dann aber stellt sich die Frage, ob es fair ist, die Ungerechtigkeit gegenwärtiger Verteilungsverhältnisse hinzunehmen, um die nur schwer reproduzierbaren Umweltressourcen wenigstens nicht schrumpfen zu lassen. Darauf zielt die „Energiewende“ oder die „ökologische Modernisierung“ – ein in seinen sozialen Dimensionen völlig ungeklärter Begriff.

Vollständiger Artikel

Written by lbucklitsch

Oktober 1st, 2013 at 5:48 pm