Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Religion’ Category

JA| Toleranz an der Schmerzgrenze

without comments

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Aber soll sie uneingeschränkt gelten – auch für Schoa-Leugner

– von Micha BrumlikMicha Brumlik

Sollen wir der westlichen Werte wegen unsere Todfeinde unterstützen? : Anti-Israel-Demo in Essen im Juli 2014

© Roland Geisheimer / attenzione

Dass die moderne europäische Kultur keineswegs so fortschrittlich ist, wie sie immer erscheint, war die These der Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrer 1947 publizierten Dialektik der Aufklärung. Das zeigt sich etwa im Fall des französischen Philosophen Voltaire, der bis heute als Ur- und Vorbild eines streitbaren Kämpfers für Toleranz gilt.

VOLTAIRE »Ich bin mit dem, was Sie sagen, nicht einverstanden, werde aber bis zum Ende dafür kämpfen, dass Sie es sagen können.« So die Devise Voltaires, der heute allerdings vor Gericht zu stellen wäre, gilt doch hier Paragraf 30 Strafgesetzbuch (StGB), nach dem mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden kann, wer in einer Weise, »die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe, gegen Teile der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung zum Hass aufstachelt, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen auffordert«.

Genau das trifft auf Voltaire, diesen Befürworter einer uneingeschränkten Meinungsfreiheit, zu, schrieb er doch 1764 in seinem Dictionnaire philosophique: »Die Juden sind nichts als ein unwissendes und barbarisches Volk, das seit langer Zeit die schmutzigste Habsucht mit dem verabscheuungswürdigsten Aberglauben und dem unauslöschlichsten Hasse gegen alle Völker verbindet, bei denen sie geduldet werden und an denen sie sich bereichern.«

Entsprechend wurde er von Antisemiten jeder Art gerne als Kronzeuge bemüht. Einige Jahre vor dieser Publikation, 1741, wurde sein Theaterstück Mahomet uraufgeführt, ein Stück, das nach heutigen Begriffen als islamophob gelten würde. Der damalige kirchliche Zensor Crebillon, ein katholischer Christ, verbot damals jede weitere Aufführung, da das Drama »eine Ungeheuerlichkeit voller Schändlichkeiten, Ruchlosigkeiten, Unglauben und Gottlosigkeit« sei.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Februar 13th, 2015 at 6:07 am

Deutschlandfunk| Fragen nach der Verfasstheit der liberalen Gesellschaft

without comments

HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG

Fragen nach der Verfasstheit der liberalen Gesellschaft (Beitrag hören)

Von Cornelius Wüllenkemper

Die erste Ausgabe von "Charlie Hebdo" nach dem Anschlag zeigt eine Karikatur Mohammeds auf dem Titel (imago stock&people)

Die erste Ausgabe von „Charlie Hebdo“ nach dem Anschlag zeigt eine Karikatur Mohammeds auf dem Titel (imago stock&people)

Einen Monat nach den Terroranschlägen in Paris haben Intellektuelle und Künstler aus Deutschland und Frankreich diskutiert, wie man die Werte der liberalen Demokratie gegen islamistische Strömungen verteidigt, ohne die anwachsende Islamophobie zu befördern.

Aus den Schlagzeilen sind die blutigen Attentate gegen die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ vor einem Monat vorerst verschwunden. Frankreich sei jetzt damit beschäftigt, das Geschehen zu verarbeiten und mit verstärkter Militär- und Polizeipräsenz an sensiblen Orten neue Anschläge zu verhindern, sagte der französische Philosoph und Publizist Pascal Bruckner gestern in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung. Zuvor hatte die seit fünf Monaten amtierende Kulturministerin Frankreichs, Fleur Pellerin, in Berlin erklärt, wie die französische Regierung der offenbar zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung zu begegnen gedenkt:

„Für Kulturvermittler ist es mit Sicherheit einfacher, die Werte zu vermitteln, die unsere Gesellschaft zusammenhalten, als dies in abstrakten Seminaren der Fall wäre. In den kommenden Wochen werde ich unser neues Budget für Erziehungs- und Kulturpolitik vor allem in den Grundschulen der sozial schwierigen Viertel einsetzen. Es geht um Projekte im Kunstbereich, die Gemeinschaft stiften können und Schüler unterschiedlicher Herkunft zusammenbringen. Auch dem Umgang mit den Medien werden wir viel Aufmerksamkeit widmen: Wie gehe ich mit Informationen um, wie gewinne ich kritischen Abstand dazu? Das ist gerade für Kinder sehr wichtig.“

Friedliche Koexistenz religiöser Gruppen in Frankreich befördern

Dass Fleur Pellerin die neuen Mittel ihres Ressorts im Schulunterricht einsetzen will, um die friedliche Koexistenz religiöser Gruppen in Frankreich zu befördern, wirft ein neues Licht auf den französischen Laizismus. Der deutsche Publizist Mischa Brumlik machte später am Abend in der Heinrich-Böll-Stiftung genau darin den entscheidenden Unterschied aus. Deutschland sei besser als Frankreich gegen religiös motivierten Hass aufgestellt,

„Weil die Bundesrepublik Deutschland kein laizistischer Staat ist, was die Möglichkeit eröffnet, dass solche Fragen der Feindschaft und der Unterschiede zwischen den Religionen in der Schule mit Kindern und Jugendlichen bearbeitet werden können. Ich glaube tatsächlich, und das ist mir klar geworden bei der Debatte über Charlie Hebdo, dass der Rheingraben doch ziemlich tief ist.“

Die Vorsitzende des Liberalislamischen Bundes, Lamya Kaddor, ist überzeugt, dass man auch in Deutschland mit islamistisch motivierten Anschlägen rechnen müsse, wenngleich die soziale Isolation der „verlorenen Jugend“ in Frankreich weit ausgeprägter sei. Die deutschen Islam-Verbände, so Kaddor, hätten durch die Pariser Anschläge gelernt, dass sie sich von ihrer Opferrolle befreien müssten und sich aktiv mit den gesellschaftlichen Werten und den extremistischen Strömungen innerhalb des Islams auseinandersetzen müssen. Der deutsch-französische Journalist und Internetunternehmer Thierry Chervel dagegen forderte, den Blick weg von der innerislamischen Diskussion hin auf die liberalen Werte unserer Gesellschaft zu lenken.

„Deswegen ist es auch sehr wichtig, über diese Zeichnungen zu diskutieren und zu sagen, sind die denn jetzt islamophob? Statt immer zu über den Islam zu diskutieren und über die Frage, wie wir ihn integrieren und wie wir es einigermaßen hinkriegen, ein friedfertiges Miteinander zu machen, sollte man sich doch auch mal wieder überlegen, wie genau wir hier eigentlich leben wollen.“

Moderate Islam-Vertreter kommen nun auch zu Wort

Thierry Chervel attestierte den westlichen Medien eine zunehmende Selbstzensur. Mischa Brumlik konterte, wer absolute Meinungsfreiheit wolle, der könne auch den Straftatbestand der Volksverhetzung abschaffen. Karikaturen verurteilte Brumlik gar pauschal als „menschenfeindliche Kunstform“. Um des gesellschaftlichen Friedens Willen die Meinungsfreiheit einschränken? Das kann nicht die Lösung sein, befand auch der französische Philosoph und Publizist Pascal Bruckner:

„Der Antisemitismus und der Rassismus wenden sich gegen einzelne Menschen und werfen ihnen vor, die sie sind, was sie von Geburt aus sind: Juden, Araber, Afrikaner, Asiaten. Religiöse Karikaturen dagegen, ob sie sich gegen den Islam, das Judentum, die Christen oder den Buddhismus wenden, machen sich über ein Glaubenssystem lustig. Das ist absolut nicht das Gleiche!“

Bruckner begrüßte, dass nach den Anschlägen gegen Charlie Hebdo nun auch moderate Islam-Vertreter in den französischen Medien zu Wort kämen, die bisher keine Stimme hatten. Bis zu welchem Punkt verletzende Karikaturen zu ertragen seien, entschieden in demokratischen Gesellschaften weder Vertreter religiöser Gruppen noch Meinungsorgane, sondern ausschließlich die Gerichte, so Bruckner. Die Attentate gegen Charlie Hebdo, so kann eine positive Bilanz der konfliktreichen Diskussion in Berlin lauten, vertiefen im besten Falle nicht die Spaltung zwischen den Glaubensgruppen. Vielmehr stellen sie mit neuer Wucht die grundsätzliche Frage nach Meinungsfreiheit, sozialer Ausgrenzung und der demokratischen Verfasstheit der liberalen Gesellschaft.

Written by lbucklitsch

Februar 11th, 2015 at 7:56 am

TAZ| Diskussion in Berlin zu Pariser Anschlägen: Distanzeritis vom Dschihad

without comments

Blasphemische Karikaturen? Ganz normale Muslime? Interessante Thesen gab es bei einem Panel um die Pariser Anschläge, nur keinen Schlagabtausch.

Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, hier bei einem Treffen der Gemeinde der muslimischen Frauen des Liberal-Islamischen Bundes.  Bild: dpa

Es waren zwar durchweg streitbare Geister, die da am Montagabend in den Podiumssesseln der Heinrich-Böll-Stiftung hockten. Einen Monat nach den islamistischen Terroranschlägen auf Charlie Hebdound die Juden von Paris lud die Stiftung zusammen mit der Feuilletonplattform Perlentaucher zu einer Diskussionsrunde, bei der es um nicht weniger als die Zukunft der offenen Gesellschaft gehen sollte, um die Bedrohung der Meinungs- und Pressefreiheit durch religiösen Fundamentalismus und das Wertefundament des Liberalismus in Europa. Vielleicht aber waren die Fragen zu groß, um in anderthalb Stunden zu einem fetzigen Schlagabtausch zwischen den Diskutanten zu führen.

Aus Paris war der Philosoph und Essayist Pascal Bruckner geladen. Bruckner, ein leidenschaftlicher Verteidiger des laizistischen Modells Frankreichs, hat sich in den letzten Jahren immer wieder durch dezidiert islamkritische Positionen hervorgetan, die beimPerlentaucher nachgelesen werden können.

Hier in Berlin oblag es ihm vor allem, ein Stimmungsbild über die Debatte in Frankreich nach den Anschlägen zu liefern. Als vorläufig positiv hob er hervor, dass in seinem Heimatland nun endlich auch die liberalen Stimmen unter den Muslimen sich zu Wort meldeten und umgekehrt in der Öffentlichkeit damit auch Gehör fänden.

Als religionskritischer Bruder im Geiste war auf dem Podium auch der Kulturjournalist und Gründer des Perlentaucher, Thierry Chervel, vertreten. Ihm lag stark daran, nicht wieder die Islamdebatten der letzten Jahre aufzukochen.

Dazu sei an Argumenten alles ausgetauscht und auch die Pariser Anschläge könnten dem nichts Neues mehr hinzufügen. Wir müssten uns jetzt vielmehr die Frage stellen, wie es in Zeiten anschwellender religiöser Überempfindlichkeit um liberale Werte wie Presse- und Meinungsfreiheit eigentlich bestellt ist. In den Medien sei längst eine Tendenz zur Selbstzensur zu beobachten, wie zuletzt in der New York Times, die die Abbildung der Charlie Hebdo-Karikaturen ablehnte, weil sie ihrer Zeitung nicht „würdig“ seien.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Februar 10th, 2015 at 5:47 pm

Böll Stiftung| Die Anschläge von Paris und die Zukunft der offenen Gesellschaft

without comments

Gedenken in Paris am 7. Januar 2015. Foto: Petit_louisCreative Commons LizenzvertragDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Terroranschläge in Paris Anfang Januar auf die Pariser Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt haben die europäische Öffentlichkeit in Schrecken versetzt. Das Attentat zielte auf das Herzstück der Demokratie: die Presse- und Meinungsfreiheit und hat die Debatte über Grundfragen des Zusammenlebens in liberalen Gesellschaften neu entfacht.

Am 9.2.2015 diskutierten Pascal Bruckner (Schriftsteller, Paris), Micha Brumlik(Publizist, Berlin), Thierry Chervel (Journalist, Perlentaucher, Berlin) und Lamya Kaddor (Islamwissenschaftlerin, Münster) die Folgen dieses Anschlags, moderiert von Ralf Fücks (Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin).

Welche Debatten hat dieser brutale Überfall in Frankreich und in den europäischen Nachbarländern ausgelöst? Wie artikulieren sich die verschiedenen intellektuellen, politischen und religiösen Kräfte? Welche politischen Schlussfolgerungen sind aus diesem Anschlag zu ziehen? Wie verteidigen wir die Werte der liberalen Demokratie gegen islamistische Strömungen, die unseren Gesellschaften den Kampf angesagt haben, ohne die anwachsende Islamophobie zu füttern? Und: Was bedeutet dieser Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit für die Publikationspraxis und -freiheit der Medien in Europa, wie reagieren sie?

Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Kulturmagazin Perlentaucher und dem internationalen literaturfestival berlin statt.

Quelle: Böll-Stiftung

JA| »Die Geschichten weitergeben«

without comments

Janine Cunea führt für ihre Doktorarbeit Gespräche mit Holocaust-Überlebenden

 von Katharina Schmidt-HirschfelderKatharina Schmidt-Hirschfelder

© Gregor Zielke  | »Zuhören ist enorm wichtig«: Neu-Berlinerin Janine Cunea

Ich bin sowohl Enkelin als auch Tochter von Schoa-Überlebenden. Irgendetwas zwischen zweiter und dritter Generation. Man sagt ja, viele Kinder von Überlebenden ergreifen helfende Berufe: Sozialarbeiter, Therapeut oder Arzt. Mag sein, dass das auch in meine Berufswahl mit hineingespielt hat.

Zu Beginn meines Berufslebens habe ich in Offenbach Migranten im Bereich der beruflichen Bildung betreut, darunter viele arabisch- und türkischstämmige junge Erwachsene. Dort wurde mir klar, in welcher Perspektivlosigkeit viele Migranten leben. Drogen, Gewalt, Kriminalität – wir unterschätzen oft, wie wenige Möglichkeiten diese Jugendlichen geboten bekommen. Mit unseren Beratungen hingegen konnten wir dem zum Glück etwas entgegenstemmen. Vielleicht auch deshalb, weil wir einfach erst einmal nur zuhörten. Das war die wichtigste Erfahrung, die ich dort mitgenommen habe.

TREFFPUNKT In der Sozialabteilung der jüdischen Gemeinde meiner Heimatstadt Frankfurt erfuhr ich zu dieser Zeit zufällig vom Treffpunkt für Schoa-Überlebende. Ich begann dort ein Praktikum. Ein paar Wochen, mehr nicht. Aber dann schloss ich die Menschen immer mehr ins Herz. Am Ende wurden daraus fünf Jahre, von 2007 bis 2012.

Zu dieser Zeit studierte ich auch Sozialpädagogik. Durch meine Erfahrungen beim Treffpunkt der Schoa-Überlebenden reifte langsam die Idee zur Doktorarbeit. Denn was in dem Treffpunkt passierte, fand ich so wichtig und spannend, dass ich unbedingt über die psychosoziale Betreuung von Schoa-Überlebenden schreiben wollte. Meine Doktoreltern Micha Brumlik und Lena Inowlocki haben mich von Anfang an sehr unterstützt. Als dann 2009 das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) gegründet wurde, konnte ich die Idee dank eines Stipendiums umsetzen.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Januar 22nd, 2015 at 5:52 am

Micha Brumlik| „Wie hast Du’s mit der Religion“ – Keynote zum religionspolitischen Kongress der GRÜNEN in Düsseldorf am 17.1. 2015

without comments

Micha Brumlik

„Wie hast Du’s mit der Religion“ – Keynote zum religionspolitischen Kongress der GRÜNEN in Düsseldorf am 17.1. 2015

„Nun sag wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“

Nun sind die GRÜNEN bekanntlich kein Mann, ein herzensguter schon gar nicht, aber die Frage, die Goethe 1808 Gretchen ihrem Verführer Heinrich Faust stellen ließ, beschäftigt Gesellschaften unseres Typs nach den mörderischen freiheits- und judenfeindlichen Anschlägen von Paris immer stärker. Das gilt – wie die zahlreichen Teilnehmerinnen an diesem Kongress zeigen, auch und zumal für die GRÜNEN, daher: Wie halten, wie hielten es die GRÜNEN mit der Religion?

Das ist nicht schwer zu beantworten. Am Anfang jedenfalls stand – daran ist ein vernünftiger Zweifel kaum möglich – ein religiöses, genauer gesagt ein theologisches Motiv. Als sich die Partei „Die Grünen“ am 13.Januar 1980, vor fünfunddreißig Jahren in Karlsruhe gründete, verschrieb sie sich den Prinzipien: „sozial basisdemokratisch, ökologisch, gewaltfrei“. Viele, die sich damals der neuen Partei anschlossen, deuteten das, was im Parteiprogramm mit dem Begriff „ökologisch“ umschrieben wurde, religiös: ging es angesichts des sauren Regens, sterbender Wälder sowie einer möglicherweise auf Jahrhunderte verstrahlten Umwelt um die „Bewahrung der Schöpfung“ – so in Westdeutschland. Anders im Osten des geteilten Deutschland: die erstmals im Februar 1988 in der DDR stattfindende Ökumenische Versammlung – sie stand unter dem Motto  „für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ – gehört zu den Auslösern der friedlichen Revolution und zu den Ursprüngen von „Bündnis 90“, das in der DDR – anders als in der Bundesrepublik DIE GRÜNEN – von Mitgliedern der Kirchen geprägt wurde.

Als der religionspolitische Kongress von „Bündnis 90/Die Grünen“, den wir heute eröffnen, vor Wochen und Monaten geplant wurde, dachte noch niemand an das, was nach den mörderischen Attentaten von Paris gegen die Mitarbeiterinnen von Charlie Hebdo sowie gegen Polizisten und unbeteiligte Jüdinnen und Juden unübersehbar deutlich geworden ist: an die im wahrsten Sinne des Wortes unheimliche Kraft von Religion – und das in einer Zeit, in der jedenfalls hierzulande die Kirchen kontinuierlich an Mitgliedern verlieren und Soziologen gleichwohl mit guten Gründen von einer „postsäkularen Gesellschaft“ sprechen.

Ja, es geht um eine unheimliche Kraft – im Bösen wie im Guten: denn auf den Schock des religiös motivierten Massenmordes folgte nicht nur die beeindruckende und ermutigende zivilgesellschaftliche Reaktion des republikanischen Frankreich mit Millionen auf den Strassen, sondern weltweit – nicht zuletzt in Deutschland – das ebenfalls religiös gespeiste Bekenntnis von Juden, Christen und Muslimen zu Toleranz und bürgerlicher Freiheit. Davon zeugte zumal die Mahnwache muslimischer Verbände vor dem Brandenburger Tor am 13. Januar.

Damit sind wir in Deutschland und seinen religionspolitischen Problemen angelangt. Doch bevor sie näher erörtert werden, ist es unumgänglich, einen Blick auf die religionspolitische Verfasstheit unseres Landes zu werfen. Religion stellt in den auch postkolonialen Einwanderungsgesellschaften Europas einen immer größer werdenden Konfliktfaktor und zumal für radikaldemokratische Parteien wie die GRÜNEN eine besondere Herausforderung dar: sollen die durch widerstreitende weltanschauliche Überzeugungen entstehenden, bisweilen gewaltsamen Konflikte mit den sanktionsbewehrten Mitteln des Rechts oder nicht doch besser durch den organisierten Diskurs der Zivilgesellschaft moderiert oder eingedämmt werden? Wie ist es angesichts dieser Situation um die politische Kultur Deutschlands bestellt?

Im Unterschied zu den aus dem Geist der europäischen Aufklärung gegründeten Staaten des republikanischen Frankreich und der USA ist die Bundesrepublik Deutschland ihrer Verfassung gemäß kein laizistischer Staat, sind also Staat und Kirche nicht streng getrennt. Davon zeugt nicht nur die Praxis des Kirchensteuereinzugs durch staatliche Finanzämter, sondern vor allem ein Verfassungsartikel, der weltweit seinesgleichen suchen dürfte:

„Der Religionsunterricht“ so Artikel 7 (3) Grundgesetz „ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechts wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt.“

Die Zeit, zu erläutern, wie es zu diesem deutschen Sonderweg der Verfassungsentwicklung gekommen ist, steht jetzt nicht zur Verfügung und wäre – eventuell im Zuge des Lutherjubiläums 2017 – auf einer eigenen Tagung zu klären. Auf jeden Fall:  Diese einmalige Privilegierung eines bestimmten Schulfaches findet ihre Ergänzung nicht nur im Steuer- sondern auch im Arbeitsrecht – mit sehr weitgehenden Tendenzschutzklauseln kirchlicher Arbeitgeber, die die Position der Arbeitnehmer und ihrer Organisationen stark beeinträchtigen – sondern auch in der Ausbildung professioneller Theologen, die hierzulande –im Unterschied zu etwa Frankreich oder den USA – nicht an speziellen, oft isolierten kirchlichen Hochschulen, sondern an öffentlichen Universitäten in Kontakt und Konfrontation mit säkularen Wissenschaften studieren.

Religionspolitisch – und nicht etwa theologisch oder weltanschaulich – müssen wir uns daher fragen, welchem der drei hier erwähnten Verfassungsmodelle: dem us.amerikanischen, dem französischen oder dem deutschen Modell der Vorzug zu geben ist. Ich plädiere für das deutsche Modell: und zwar aus genau jenem Grund, der gesinnungsethisch, rein gewissensorientierten Bürgern ein Dorn im Auge sein muß: tatsächlich hält das deutsche Staatskirchen– neuerdings sprechen wir von Religionsverfassungsrecht – den Fundamentalismus, der in den USA nicht zuletzt von christlich-evangelikaler Seite die Stabilität von Staat und Gesellschaft erheblich gefährdet, in Zaum. Und zwar deshalb, weil sowohl Kirchen als auch Geistlichen sowohl ob ihrer Einbindung in das staatliche und kommunale Sozialwesen als auch ob ihres Kontakts mit den säkularen Wissenschaften jene Isolation und Selbstausgrenzung unmöglich gemacht wird, die zu Fundamentalismus führt. Daß das die Reinheit der jeweiligen Lehren beeinträchtigt und zu Kompromissen nötigt, ist unübersehbar. Es ist nur scheinbar ein Paradox, daß die Menschen in den USA sehr viel religiöser, also gläubiger sind als in Deutschland.

Kaum anders ist die Lage in Frankreich, wo die seit 1905 verfügte, strikte Trennung zwischen Staat und Kirche die Auseinandersetzung mit religiös geprägten Haltungen im staatlichen Bildungssystem unmöglich macht. Zwar existiert dort ein ausgedehntes – meist, aber nicht nur – katholisches  Privatschulwesen, das aber nicht nur wegen seiner meist hohen Gebühren und seines Schichtbias zumal Einwanderern aus muslimisch geprägten Ländern nicht zugänglich ist.

Daher spricht aus religionspolitischen, funktionalistischen Gründen nichts für eine Aufhebung oder Abschaffung des deutschen Religionsverfassungsrechts, für die sich – so wie die Dinge derzeit und auf nicht absehbare Zeit stehen – ohnehin keine verfassungsändernden parlamentarischen Mehrheiten finden werden, sondern alles für seine Fortentwicklung und Korrektur.

Und zwar in mehreren Hinsichten: in bildungspolitischer, in arbeits-, aber auch strafrechtlicher sowie schließlich in gesellschaftspolitscher Hinsicht. In all diesen Bereichen manifestiert sich die individuelle positive oder negative sowie die korporative Religionsfreiheit in einem anderen Spannungsverhältnis. Daher:

– in bildungspolitischer Hinsicht sind jene Initiativen zur Ausbildung muslimischer Religionslehrerinnen auf akademischem Niveau, als auch zum Erteilen regulären, grundgesetzkonformen islamischen Religionsunterrichts wie sie derzeit in Hessen,in Frankfurt am Main als auch in Niedersachsen, in Nordhein-Westfalen, in Münster und Osnabrück sowie in Baden-Württemberg ergriffen worden sind, im Rahmen des deutschen Bildungsföderalismus zu stärken, auszubauen und in allen Bundesländern umzusetzen;

– in arbeitsrechtlicher Hinsicht ist die unzeitgemäße Privilegierung kirchlicher Träger durch §118 Betriebsverfassungsgesetz zumal in Institutionen sozialer Arbeit auf jenes Maß zurückzuführen, das auch anderen weltanschaulich und politisch verpflichteten Institutionen wie Parteien und Vereinen als Tendenzschutz zusteht. So wenig solchen Vereinen zuzumuten ist, Personen zu beschäftigen, die ihren erklärten Zielen zuwiderhandeln, so sehr kann es nicht sein, daß Kirchen und Religionsgemeinschaften auf der Basis von §118 Betriebsverfassungsgesetz den persönlichen, strafrechtlich nicht belangbaren Lebenswandel, etwa gleichgeschlechtlicher, unehelicher Partnerschaften oder des Tragens von Kopftüchern ihrer Mitarbeiterinnen bei ansonsten korrekter Erfüllung ihrer Aufgaben zum Anlaß einer Kündigung nehmen; ebensowenig ist es mit sozialstaatlichen Grundsätzen vereinbar, daß die Koalitionsfreiheit von Mitarbeitern in kirchlichen Betrieben – Streikrecht ! – eingeschränkt ist.

– auch über strafrechtliche Aspekte ist – spätestens nach dem mörderischen Anschlag auf „Charlie Hebdo“ – noch einmal nachzudenken und – ja – auch öffentlich über das Verhältnis von Freiheit der Kunst hier und künstlerischer Meinungsfreiheit zu streiten. So ist zum Beispiel sehr die Frage, ob nicht manche Karikatur von „Charlie Hebdo“ einem nach deutschem Recht nicht strafrechtlich zu verfolgen gewesen wäre, heißt es doch in § 166 StgB (1)

„(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

Immerhin ist darauf hinzuweisen, daß aufgrund dieses Paragraphen kaum noch Verfahren eingeleitet worden sind, gleichwohl dazu zwei Beispiele: Unter Bezug auf diesen Paragraphen wurden 1994 die Darstellung gekreuzigter Schweine und die Aufführung des Musicals Das Maria-Syndrom von Michael Schmidt-Salomon verboten, in dem eine (neuzeitliche) „Marie“ durch eine verunreinigte Klobrille befruchtet wird und daraufhin ein Fall von „Jungfrauengeburt“ eintritt. Zudem wurde im vergangenen Jahr wurde ein Mann namens Michael Stürzenberger zu einer Geldstrafe von 2500 Euro verurteilt, weil er sich auf dem Weblog Politically Incorrectso äußerte:

„Der Islam ist wie ein Krebsgeschwür, das die (noch) freien Völker dieses Planeten zersetzt und nach und nach mit dem Gift dieser brandgefährlichen, intoleranten, frauenfeindlichen, gewalttätigen und machthungrigen Ideologie infiziert.“

-in gesellschaftspolitischer Hinsicht schließlich war es 2012 die Beschneidungsdebatte, die für öffentliche Aufregung sorgte: kann und soll eine medizinisch nicht notwendige Körperverletzung an Knaben zulässig sein? Widerspricht diese Praxis nicht dem höchsten Prinzip des deutschen Rechts, der „Würde des Menschen“, hier der unbedingten Schutzwürdigkeit auch des menschlichen Leibes? Der im 12.12.2012 vom Deutschen Bundestag neu beschlossene Artikel 1631 d setzte diesen Auseinandersetzungen ein vorläufiges, den gesellschaftlichen Frieden, den ordre public ,wahrendes Ende:

„(1) Die Personensorge umfasst auch das Recht, in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll. Dies gilt nicht, wenn durch die Beschneidung auch unter Berücksichtigung ihres Zwecks das Kindeswohl gefährdet wird.“

Artikel 2 dieses Gesetzes legt fest, daß der Eingriff nach den Regeln der medizinischen Kunst zu erfolgen hat.

Bei alledem – und ich komme zu einer letzten Bemerkung – sollten wir uns darüber im Klaren sein, daß es  – jedenfalls in unseren Breiten – die dem Judentum und der Antike entstammenden monotheistischen Religionen gewesen sind, die unserer Kultur der Moderne, zu der auch die Aufklärung zählt, ihre Basis gegeben haben. Wer die Bibel nicht kennt, braucht erst gar nicht in ein Museum alter Kunst zu gehen. Ich habe mich darum sehr über die Äusserung eines der klügsten jüngeren deutschen Philosophen, Markus Gabriels aus Bonn, gewundert, der in der Festtagsausgabe der taz vom 24. Dezember vergangenen Jahres ganz richtig zwar „Hoffnung“ als anthropologische Grundtatsache beschrieben hat, dann allerdings im Tonfall vulgärsten weltanschaulichen Atheismus zu Protokoll gab:

„Das Christentum hat sich, historisch gesehen, die Hoffnung gehijackt, wie es das mit so vielen Begriffen getan hat. Es sagt jedoch nichts darüber, daß die Dinge anders sein könnten.“

Blöde ist diese Äusserung, weil menschliche Grundtatsachen wie Angst, Hoffnung, Liebe – gerade anthropologisch gesehen – überhaupt nicht anders als in kulturellen Rahmen, in symbolischen Formen, nicht zuletzt der Religion vorkommen können. Hoffnung auf Veränderung, auf eine bessere, menschenwürdige Welt bedarf – wie nicht zuletzt der Philosoph der Hoffnung, Ernst Bloch gezeigt hat – der Bilder, Erzählungen, der Rituale und auch der Institutionen. Angesichts der unrühmlichen Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts mit seinen mörderischen, religionsfeindlichen und radikalsäkularen Weltanschauungen von nationalsozialistischem Sozialdarwinismus und Stalinismus sollten wir daher pfleglich mit dem zweideutigen, ambivalenten Erbe der Religionen umgehen.

Bedenken wir daher am Ende einen Grundbegriff jedenfalls der jüdischen und der christlichen Tradition – den Begriff der Erlösung. Ihm hat der von den Nationalsozialisten aus Deutschland vertriebene und dann zurückgekehrte Philosoph Theodor W. Adorno – es geht jetzt nicht um den notorisch optimistischen Ernst Bloch – kurz nach dem Krieg in seinen „Minima Moralia“ eine bemerkenswerte Überlegung gewidmet. Diese Überlegung zitierend will ich schließen und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit. Unter dem Titel „Zum Ende“

„Zum Ende. Philosophie“ so Adorno 1951 „wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint……Perspektiven müßten hergestellt werden, in denen die Welt ähnlich sich versetzt, verfremdet, ihre Risse und Schründe offenbart, wie sie einmalbedürftig und entstellt im Messianischen Licht daliegen wird…“

 

Written by lbucklitsch

Januar 19th, 2015 at 6:27 pm