Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Rezension’ Category

TAZ| Sammelwerk „Handbook of Israel“ – Neue Referenzgröße

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Wissenschaftle­rInnen analysieren im „Handbook of Israel“ den israelischen Staat. Es hat das Zeug zu einem neuem Standardwerk.

Nach wie vor sorgt der Israel-Palästina-Konflikt – die nun einhundertjährige Auseinandersetzung zwischen Juden und Arabern um ein Territorium, das etwa so groß ist wie Südhessen – für Beunruhigung, zumal in Deutschland. Debatten um die sogenannte Israelkritik, um Lehrbeauftragte, die sich antiisraelisch äußern, sowie um die Zulässigkeit der Boykottbewegung gegen Israel erregen fast täglich die Gemüter.

Allerdings: Im Vergleich zu der halben Million Toten und den etwa 4 Millionen Flüchtlingen, die der syrische Bürgerkrieg in nur sechs Jahren forderte und die hier niemanden auf die Barrikaden getrieben haben, verblasst die Zahl von etwa 700.000 geflohenen und vertriebenen Arabern sowie von einigen tausend gefallenen Soldaten auf israelischer und arabischer Seite.

Das ändert freilich ob der deutschen Verantwortung für die Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden nichts an dem moralischen Gewicht dieser Frage. Um sich ein auch nur halbwegs begründetes Urteil bilden zu können, sind daher theoretische Kenntnisse, gesicherte historische Informationen sowie begründete Einsichten unerlässlich.

 

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Written by lbucklitsch

Juni 22nd, 2017 at 10:37 am

Micha Brumlik: Wann, wenn nicht jetzt? – Versuch über die Gegenwart des Judentums – TU Berlin

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brumlik

Auftakt des Forschungskolloquium „Säkularer Staat und religiöse Vielfalt“ des Zentrums für Antisemitismusforschung am 19. Oktober 2016

Micha Brumlik, diesjähriger Buber-Rosenzweig-Medaillenträger, stellt sein Buch „Wann, wenn nicht jetzt? Versuch über die Gegenwart des Judentums“ vor, in dem er ein Plädoyer für jüdisches Leben in der Diaspora mit einer geschichtsphilosophischen Skepsis über die Zukunft des Staates Israel als eines jüdischen Staates verbindet. Durchaus im Bewusstsein der blutigen Krise der arabischen Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts erneuert er, zeitgemäß modifiziert, die schon von Martin Buber vorgeschlagene Idee eines binationalen Staates Israel/Palästina.

Zeit: 19. Oktober 2016, 18 bis 20 Uhr
Ort: TU Berlin, Ernst-Reuter-Platz 7, 10587 Berlin, Telefunkenhochhaus (20. Stock)

Die Veranstaltung ist öffentlich. Eine Anmeldung ist nicht notwendig. Moderiert wird die Buchvorstellung von Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum.

Micha Brumlik ist emeritierter Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von 2000 bis 2005 war er Leiter des Fritz Bauer Instituts, Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, in Frankfurt. Zwischen 1989 und 2001 war er in Frankfurt zudem Stadtverordneter der GRÜNEN. Seit 2013 ist er Senior Professor am Zentrum Jüdische Studien Berlin/Brandenburg in Berlin.

Die Buchvorstellung bildet den Auftakt des Forschungskolloquium des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Das vollständige Programm können Sie hier einsehen: http://www.tu-berlin.de/fileadmin/i65/Forschungskolloquium/Programm_ZfA_Foko_WiS…

Written by lbucklitsch

Oktober 18th, 2016 at 11:59 am

FR|Micha Brumlik: NICHOLAS STARGARDT „DER DEUTSCHE KRIEG 1939-45“ – Der Mord an den Juden war kein Geheimnis

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Von MICHA BRUMLIK

Die alliierten Bombenangriffe auf Hamburg wurden seit 1943 „als Vergeltung gegen die Behandlung der Juden durch uns“ bezeichnet.  Foto: epd

Krieg und Schuld: Nicholas Stargardts außerordentliche Alltagsgeschichte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Bis weit in die 1950er Jahre, ja bis zur Wende zum dritten Jahrtausend und auch noch gegenwärtig sind viele Deutsche in Ost und West davon überzeugt gewesen, dass sich die Art und Weise, wie die Alliierten gegen Hitlers Deutschland Krieg führten, sich nicht wesentlich von den Verbrechen unterschied, die deutsche Truppen ihren Feinden im Krieg – nicht zuletzt deren Zivilbevölkerung, von den Juden ganz zu schweigen – zufügten.

Dass sich hinter dieser Larmoyanz ein massives Schuldbewusstsein verborgen hat, beweist eine neue, umfassende Darstellung des Zweiten Weltkriegs nicht nur in militärgeschichtlicher, sondern zumal in alltagsgeschichtlicher Perspektive.

Das soeben erschienene Buch „Der deutsche Krieg 1939-1945“ des in Großbritannien forschenden australischen Historikers Nicholas Stargardt überzeugt nicht nur durch die ebenso panoramatische, sehr anschauliche Darstellung des Kriegsgeschehens – vom Überfall auf Polen im September 1939 bis zur Kapitulation einer ausgebluteten Gesellschaft im Mai 1945 – sondern auch und vor allem dadurch, dass es sich eines häufig mit Argwohn betrachteten Quellenfundus bedient: nämlich persönlicher Tagebuchaufzeichnungen, privater Briefwechsel per Feldpost sowie der Mitteilungen nationalsozialistischer Inlandsdienste.

Sowenig sich im streng soziologischen Sinn die Repräsentativität der aus Alltagsquellen erhobenen Einstellungen der Deutschen während des Zweiten Weltkrieges beweisen lässt, so sehr belegen sie doch typische Haltungen während dieses Krieges.

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Written by lbucklitsch

Dezember 8th, 2015 at 3:12 pm

Micha Brumlik – Rezension|Dana Kasperová: Erziehung und Bildung der jüdischen Kinder […] Theresienstadt

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CoverDana Kasperová: Erziehung und Bildung der jüdischen Kinder im Protektorat und im Ghetto Theresienstadt. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 200 Seiten. ISBN 978-3-7815-1955-8. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 31,50 sFr.

 

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Erziehung nach Theresienstadt

Das von Theodor W. Adorno erstmals so artikulierte Problem, ob und wie eine „Erziehung nach Auschwitz“ möglich sein soll, beschäftigt die deutsche Erziehungswissenschaft bis heute, ein Ende der Debatte ist nicht abzusehen. Hinter dieser Frage geriet in Vergessenheit, ob – und wenn ja wie – Handlungen, die diesen Namen auch nur annähernd verdienen, in – nicht nach – Auschwitz selbst überhaupt möglich waren. Eine Antwort auf diese Frage verbietet sich von selbst und lässt sich – wenn überhaupt – nur mit Blick auf solche Zonen und Regionen stellen, in denen jüdische und andere Kinder unter der Herrschaft des Nationalsozialismus, sofern sie nicht sofort umgebracht wurden, jedenfalls eine zeitlang, unter repressiven Bedingungen „beschult“ wurden. Dies zu untersuchen, eignet sich beispielhaft das sog. „Vorzeigelager“ Theresienstadt, dessen Insassen einer zynischen Form der „Selbstverwaltung“ überlassen wurde.

Autorin und Aufbau

Dazu hat nun die tschechische Erziehungswissenschaftlerin Dana Kasperováeine ebenso gründliche wie kritische, historisch aber auch systematisch argumentierende Untersuchung vorgelegt. Kasperovás Buch ist in fünf größere Kapitel, ein Vorwort und eine Schlussbetrachtung gegliedert.

Inhalt

Zunächst befasst sich die Autorin grundsätzlich mit der antijüdischen Politik des Deutschen Reiches im „Protektorat Böhmen und Mähren“, um sich dann rückblickend der jüdischen Schülerschaft und dem jüdischen Schulwesen der Tschechoslowakei bis zum Münchner Abkommen bzw. den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs 1939-1941 zu widmen.

Das gelingt der Verfasserin in einer präzisen Darstellung, mit so bisher nicht bekannten Quellen und Statistiken.

Die beiden nächsten Abschnitte befassen sich dann ausschließlich, ebenso wohl dokumentiert, mit dem Ghetto Theresienstadt, der dort etablierten jüdischen „Selbstverwaltung“ und deren Erziehungswesen, worunter dann auch die heroischen Versuche einzelner Pädagoginnen fallen, den dort inhaftierten, immer wieder von Deportation bedrohten und später auch deportierten Kindern eine halbwegs gute Erziehung zu bieten. Janusz Korczak, das entnehmen wir dieser Studie, war nicht der einzige Pädagoge, der sich dieser hochherzigen Aufgabe widmete: In der durch Frau Kasperovás Studie wiederentdeckten Malerin Friedl Dicker-Brandeis begegnen wir einer Pädagogin, der es durch ihre mitgeteilte Begeisterung für die Kunst und ihre Praxis gelungen ist, manchem Kind Leben und Überleben zu sichern.

Kasperovás präzise Darstellung und Dokumentation in jeder Hinsicht paradoxer Erziehungsverhältnisse, von Erziehungsverhältnissen, die nichts anderes darstellen als Karikaturen dessen, was als „echte“ Erziehung gelten mag, schließt nicht nur eine Forschungslücke in der Geschichte des nationalsozialistisch besetzten Europa sondern eröffnet auch – wie oben angedeutet – der Debatte über die Möglichkeit einer „Erziehung nach Auschwitz“ eine neue Dimension.

In ihrer Schlussbetrachtung, in der es der Vf. um die Frage nach der Singularität der Shoah in ihrem Verhältnis zur Frage der Erziehung geht, versucht sie, unter Bezug auf Viktor Frankls Theorie des Kampfes um existenziellen Sinn, Chancen des Überlebens nachzugehen; die daraus folgende Konsequenz, daß halbwegs gelungene, dem Terror abgerungene Erziehungsverhältnisse dazu etwas beigetragen haben, liegt auf der Hand. Die Rolle des Zufalls beim Überleben gerät demnach so gut wie gar nicht in den Fokus der Autorin. Am Ende plädiertKasperová unter Bezug auf Hannah Arendt und Theodor W. Adorno unter der Überschrift „Die Erziehung nach Theresienstadt“ mit J.Pelikan für eine Erziehung zur verantwortlichen, weltoffenen, toleranten, kritisch und bürgerlich engagierten Persönlichkeit. Das sind kaum bestreitbare Forderungen; gleichwohl scheinen sie an dem, was Kasperová in anderen Abschnitten des Buches – etwa mit Bezug auf die in Theresienstadt wirkenden Erzieher, etwa Dicker-Brandeis – entwickelt hatte, eigentümlich vorbeizugehen.

So wichtig es ist, aus der Barbarei des Nationalsozialismus die Forderung nach einem „gesunden Selbst“ abzuleiten, „das imstande ist, die Beteiligung an potenziellen ähnlichen Tragödien abzulehnen“ (S. 183), so sehr ist doch darauf zu beharren, dass auch eine „Erziehung nach Theresienstadt“ sich in erster Linie dem Problem der Gefährdung auch des guten pädagogischen Willens zu stellen hat, eines „guten pädagogischen Willens“ der bei aller Ambivalenz und Verzweiflung eben doch auch Teil der nationalsozialistischen Lügen- und Täuschungsmaschinerie war – an dem mitzuwirken freilich bei Strafe des Lebens unabdingbar war.

Fazit

Das Buch eignet sich nicht nur als Basisinformation über die nationalsozialistische Judenverfolgung in der Tschechoslowakei, sonder vor allem als Aufklärung über die Grenzen und Möglichkeiten einer ermutigenden Erziehung – sogar unter unmenschlichen Bedingungen.


Rezensent
Prof. Dr. Micha Brumlik