Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Stolpersteine’ Category

Körberstiftung| Streit um Stolpersteine

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Das Projekt »Stolpersteine«, initiiert durch den Künstler Gunter Demnig, gilt als Erfolgsmodell der Erinnerungskultur. Seit 1995 wurden rund 50.000 Gedenksteine in 18 Ländern verlegt. Die Erinnerungsform steht aber auch zunehmend in der Kritik, beispielsweise weil NS-Begriffe wie »Rassenschande« darauf zitiert werden. Ob das Projekt seine Ziele verfehlt, der Profit im Vordergrund steht und die Angehörigen selbst übergangen werden, diskutieren der Publizist und Autor Micha Brumlik, der Journalist Daniel Killy und Peter Hess, Projektkoordinator der Stolpersteine in Hamburg.
Moderation: Carmen Ludwig, Körber-Stiftung

Written by lbucklitsch

September 9th, 2015 at 1:54 pm

Körber-Stiftung| Streit um Stolpersteine – Diskussion – Dienstag, 08.09.2015, 19.00 Uhr, Hamburg

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Auf dem Weg ins Büro, vor dem Hauptgebäude der Universität Hamburg, vor der eigenen Haustür oder an der Eingangstür der Arztpraxis um die Ecke: Vielerorts begegnen wir kleinen Betonwürfeln im Gehweg, die mit einer Messingplatte versehen sind. Der Kölner Künstler Gunter Demning initiierte das Projekt »Stolpersteine« im Jahr 1995. Seither sind in Deutschland und weiteren 17 europäischen Ländern rund 50.000 Gedenksteine verlegt worden. Sie erinnern an die Verfolgten, Deportierten und Ermordeten des NS-Regimes – an den Orten, an denen sie zuletzt gewohnt oder gearbeitet haben.

Das Projekt hat sich zu einem Erfolgsmodell der Erinnerungskultur entwickelt und ermutigte viele Menschen dazu, einen Gedenkstein anfertigen zu lassen. Die entwickelte Eigendynamik löst jedoch zunehmend Kritik aus. Inschriften wie »Rassenschande« oder »Gewohnheitsverbrecher« zieren zum Teil die kleinen Steine – ohne sich von diesen NS-Begriffen zu distanzieren. Ebenso wird kritisiert, dass die Gedenksteine im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten werden. Daher lehnen einige Städte die Stolpersteine ab, darunter auch München.

Ob das Projekt seine Ziele verfehlt, der Profit im Vordergrund steht und die Angehörigen selbst übergangen werden, darüber diskutieren der Publizist und Autor Micha Brumlik, der Journalist Daniel Killy und Peter Hess, Projektkoordinator der Stolpersteine in Hamburg. Carmen Ludwig, Körber-Stiftung, moderiert.

Eine Veranstaltung zum Schwerpunkt
»Erinnerung schafft Zukunft«.

Die Veranstaltung kann als Videostream verfolgt werden.

Gäste

Peter Hess, Micha Brumlik, Daniel Killy

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Wir möchten möglichst vielen Menschen die Möglichkeit geben, unsere Veranstaltungen zu besuchen.
Daher schließt das Platzkontingent Stehplätze mit ein.
Ein Anspruch auf einen Sitzplatz besteht durch die Anmeldung nicht.

Ort

KörberForum – Kehrwieder 12
20457 Hamburg, Hamburg
Sie erreichen das KörberForum – Kehrwieder 12 mit der U3, Station Baumwall (Fußweg ca. 3 Minuten).Kostenpflichtige Parkplätze finden Sie in der Straße Kehrwieder hinter der Schranke.

Informationen zu rollstuhlgerechtem Zugang unter
040 · 80 81 92 – 0.

Veranstalter

Written by lbucklitsch

September 4th, 2015 at 2:48 pm

FP| Streit um Stolpersteine erreicht Sachsen

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Schwere Zeiten für Gunter Demnig: München und Annaberg-Buchholz lassen den Künstler abblitzen. Der hält die Debatte für absurd.

Von Christoph Pengel

Johanngeorgenstadt. Nein, das ist kein Maurer bei der Arbeit. Es ist Gunter Demnig, 67 Jahre alt, Cowboy-Hut, Jeanshemd, rotes Halstuch – Schöpfer der Stolpersteine. Fünf davon verlegt er gestern, 9 Uhr, in Johanngeorgenstadt. Mit Hammer, Spachtel, Wasser und Zement. Nun glänzen die Namen der jüdischen Familie Lewinsohn in der Sonne, eingraviert auf Messingplatten. Es ist Demnigs erster Termin an diesem Tag. Gegen 10 Uhr packt er das Werkzeug zurück in sein Auto, 30 Leute applaudieren – Anerkennung, die der Künstler gut gebrauchen kann. Denn sein Werk steht derzeit wieder in der Kritik: In Annaberg-Buchholz, seiner nächsten Station, braucht er Hammer und Spachtel gar nicht erst auszupacken.

Erneute Demütigung?

Seit 20 Jahren verlegt Demnig die Stolpersteine. Seine messingfarbene Spur zieht sich durch ganz Europa: mehr als 54.000 Steine an 1200 Orten in 19 Ländern. Die Mahnmale erinnern an Opfer des Nationalsozialismus, an Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte, politisch Verfolgte. Die Stolpersteine gelten als das größte dezentrale Denkmal Europas. Etliche Preise hat Demnig dafür bekommen.

Auch die Stadt Annaberg-Buchholz hatte vor einigen Monaten Stolpersteine bestellt, zum Gedenken an ihre jüdischen Bürger Hans und Hanns Heinrich Kaplan, die während der Nazi-Herrschaft als KZ-Häftlinge litten. Doch Anfang der Woche entschied sich Oberbürgermeister Rolf Schmidt gegen die Verlegung – auf Wunsch der Nachfahren. Laut Stadtverwaltung sehen die Kaplan-Angehörigen keine Würdigung darin, die Namen ihrer toten Verwandten auf dem Fußweg zu platzieren. Vielmehr handle es sich um eine „erneute Demütigung“.

Die Kaplan-Nachfahren berufen sich dabei auf Argumente der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern. Deren Präsidentin Charlotte Knobloch findet es „unerträglich“, wenn auf den Namen ermordeter Juden „herumgetreten“ werde. In München währt der Streit um die Verlegung schon mehr als zehn Jahre. Erst am Mittwoch sprach sich der Stadtrat erneut gegen die Stolpersteine aus.

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Written by lbucklitsch

August 3rd, 2015 at 7:54 am

Bitte um Unterstützung! Stolpersteine für München

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stolpersteine münchen

Stolpersteine auch in München!

Ein Stolperstein gedenkt einem Opfer des Holocaust.
50.000 Stolpersteine gibt es in 1.200 Städten in 18 Ländern – aber nicht in München, der ehemaligen Hauptstadt der Bewegung.

Jeder Stein macht uns klar, wie verletzbar unsere Zivilisation ist. Die Stolpersteine fordern uns zu Aufmerksamkeit, Entschiedenheit und Mut auf. Deshalb setze ich mich seit 2010 als Vorsitzender der Initiative Stolpersteine für München und als Aktivist für Toleranz in Deutschland und Europa für die Stolpersteine ein.

Bald wird der Stadtrat erneut über das 2004 verhängte Verbot der Verlegung auf öffentlichem Grund abstimmen.

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Die Münchner Siegfried und Paula Jordan wurden von den Nazis nach Kaunas deportiert. Dort wurden sie am 25. November 1941 ermordet. 1939 gelang ihrem Sohn Peter die Flucht nach England.

2004 wurden Stolpersteine für Peters Eltern in München verlegt – und von der Stadt aus dem Boden gerissen.

„Es war, als ob meine Eltern zum zweiten Mal ermordet wurden”
sagt Peter, der mittlerweile 91 Jahre ist. Peter Jordan wünscht sich sehr, dass seine Eltern durch die Stolpersteine im Gedächtnis der Münchner bleiben.

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München soll stolpern!
Unsere große Bitte: Helfen Sie uns – auch in Namen der vielen Angehörigen und Opfergruppen, die so lange auf einen positiven Bescheid des Stadtrats warten.

Möchten Sie über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden bleiben? Werden Sie Mitglied der Facebook-Gruppe der Initiative:facebook.com/groups/stolpersteine.muenchen

Aktionsvideo der Initiative Stolpersteine für München: https://www.youtube.com/embed/7y57o7ifkiY

 

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Written by lbucklitsch

Juli 10th, 2015 at 3:08 pm

Berlin| Engagement für Stolpersteine

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Jede interessierte Person kann sich allein oder gemeinsam mit anderen auf unterschiedliche Art und Weise für das Projekt Stolpersteine engagieren, zum Beispiel indem sie einen beliebig hohen Betrag spendet, um somit die Verlegung eines Steins zu ermöglichen.


Es können sich auch Einzelpersonen, Gruppen, Hausgemeinschaften, Familien, Schulklassen, politische Gruppierungen überlegen, dass sie für eine bestimmte Person einen Stolperstein verlegen lassen möchten. In einem solchen Fall können schon im Vorfeld Recherchen vorgenommen werden, die Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin unterstützt eine solche Initiative gern mit Hinweisen und Recherchetipps. Sollte bereits im Vorfeld eine Entscheidung für einen Berliner Bezirk gefallen sein, in dem die Stolpersteine verlegt werden sollen, kann man sich auch ganz gezielt an eine der zahlreichen Stolperstein-Initiativen wenden und mit ihrer Unterstützung einen Stolperstein initiieren. Abhängig davon, wie viele biographische Daten bereits bekannt sind, kommen in einem solchen Fall auf die Initiatoren noch entsprechende Recherchen zu.

Einen ähnlichen Weg können auch Angehörige von Verfolgten des Nationalsozialismus gehen. Auf der Grundlage ihres vorhandenen Wissens können sie beispielsweise bei der zuständigen bezirklichen Initiative eine Verlegung beantragen. Sind die familiär überlieferten Informationen rudimentär, können Angehörige gerne bei der Koordinierungsstelle zunächst um Hilfe bei den Recherchen biographischer Daten bitten. Read the rest of this entry »

Written by lbucklitsch

Juni 13th, 2015 at 8:34 am

Deutschlandradio| „STOLPERSTEINE“ IN EUROPA: Den Opfern Heimat zurück geben

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Von Jens Rosbach

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Ein Passant läuft in der Regensburger Innenstadt an "Stolpersteinen" vorbei. (dpa / picture alliance / Armin Weigel)
„Stolpersteine“ in der Regensburger Innenstadt. (dpa / picture alliance / Armin Weigel)

Mit seinen „Stolpersteinen“, messingfarbenen Tafeln im Boden, will der Künstler Gunter Demnig an Menschen erinnern, die im Nationalsozialismus deportiert und ermordet wurden. Sind die Steine vielerorts ein Erfolg, gibt es vereinzelt auch Kritik.

„Was meine Idee war, von Anfang an, die Namen dieser Opfer dorthin zurück zu bringen, wo sie ihr Zuhause, ihre wirkliche Heimat gehabt hatten.“

Der Künstler Gunter Demnig, der Erfinder der Stolpersteine, kann zufrieden sein: Ob in Deutschland, Italien, Polen, Norwegen oder Russland – mittlerweile liegen in 17 Ländern rund 50.000 seiner Messingtafeln.

„Wovon ich träume ist irgendwo, so viele Orte wie möglich zu erreichen in Europa. Überall, wo eben dieser Terror der Deutschen stattgefunden hat – alle werden wir nie schaffen, aber ich denke symbolisch, möglichst viele Orte zu erreichen, das finde ich wichtig.“

Wenn ein Rabbi das Kaddisch, das jüdische Totengebet, bei einer Stolpersteinverlegung spricht, ist die Unterstützung oft groß. Regelmäßig sind – neben den Verwandten der Opfer – Anwohner, Schüler, Journalisten und Politiker dabei. Doch immer wieder gibt es auch Irritationen und Ärger. So werden in Berlin regelmäßig Stolpersteine mit schwarzer Farbe oder Hakenkreuzen beschmiert. Bei der Stolperstein-Initiative in Berlin-Friedenau wurde sogar ein Informationskasten zerstört – mit Fotos von Überlebenden und Dokumenten aus der NS-Zeit. Aktivistin Petra Fritsche ist empört:

„Dieser Informationskasten wurde schon zweimal eingeschlagen, alle Dokumente wurden gestohlen und es wurden Pamphlete hinterlassen: Dass man genug habe von diesem Schuld-Kult, und dass man Berlin stolpersteinfrei machen wolle. Das weist auch ganz eindeutig auf Nazis hin, auf Faschisten. Denn es ist die Wortwahl der Nazis.“

Eine Polizistin schaut sich am 06.06.2013 in Berlin in der Stierstraße im Stadtteil Friedenau beschmierte Stolpersteine an. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)Von Unbekannten mit schwarzer Farbe beschmierte Stolpersteine in Berlin. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Von Anfang an Steine des Anstoßes

Die Stolpersteine waren von Anfang an Steine des Anstoßes. Als Vorläufer der Messingtafeln gelten Erinnerungsschilder, die 1993 in Berlin-Schöneberg an Laternen angebracht wurden. Viele Passanten waren anfangs irritiert über die Konfrontation mit der NS-Geschichte.

Passantin: „Wenn man pausenlos die Leute damit bombardiert, glaube ich eher, dass das zu einer Abschottung führt, als dass es wirklich Interesse weckt: Ach du meine Güte, schon wieder so etwas? Ich halte das nicht für sehr geeignet.“

Zum gleichen Zeitpunkt entwarf in Köln der Konzeptkünstler Demnig seine Fußweg-Messingplatten; 1994 stellte er die ersten 200 Stolpersteine in einer Kirche aus. Diese waren ermordeten Roma gewidmet, erst später gab es Stolpersteine für jüdische Opfer. 1995 verlegte Demnig, ohne Genehmigung, in Köln die ersten Gedenktafeln. Kurz darauf begann er auch in Berlin die Fußwege aufzustemmen – mit behördlichem Segen. Heute gibt es allein an der Spree mehr als 6000 dieser Gedenksteine. Andere Städte, wie München, wehren sich nach wie vor gegen die Fußweg-Kunst. Als Hauptkritikerin gilt Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München. Die Holocaust-Überlebende und ehemalige Chefin des Zentralrats der Juden sah von Anfang an die Pietät gefährdet.

„Für mich ist es einfach nicht verständlich, dass Menschen, die ich auch noch kannte, dass Menschen, die ich noch kannte, eventuell wieder mit Füßen getreten werden, dass Hunde dort ihre Notdurft verrichten und dass Menschen, was auch schon geschehen ist, diese Steine anspucken.“

Vielerorts Teil des Stadtbildes

In der Münchner Stolperstein-Debatte wird auch immer wieder Erfinder Demnig angegriffen: Er wolle mit seinen Gehweg-Tafeln ja nur Gewinn machen, so ein typischer Vorwurf. Der jüdische Erziehungswissenschaftler Professor Micha Brumlik kontert entschieden:

„Ich empfinde den Vorwurf des Geldscheffelns als ausgesprochen unfair. Auch Peter Eisenman, der das großartige Holocaust-Denkmal vor dem Reichstag geschaffen hat, hat sich dafür entlohnen lassen. Auch Künstler haben ein Recht, dass ihre wichtige Arbeit angemessen entlohnt wird.“

Trotz zahlreicher Probleme und Debatten – in hunderten deutschen Kommunen gehören Demnigs Messingtafeln längst zum Straßenbild, zur aktiven Erinnerungskultur. Wie in der Berliner Stierstrasse. Hier bilanziert Aktivistin und Kommunikationswissenschaftlerin Petra Fritsche, dass gerade durch den Widerstand gegen die Stolpersteine Erinnerung wach gehalten wird.

„Wenn Stolpersteine geschwärzt werden, kommen eben die Nachbarn, die Stolpersteine vielleicht angenommen haben als Gedenksteine ihres eigenen Umfeldes. Und dann fragen sie: Sollen wir die Stolpersteine putzen? Sollen wir eine Wache aufstellen? Es kommen manchmal Schulkinder, die dann die Stolpersteine putzen. Und hier zum Beispiel in der Stierstraße gibt es einen Kindergarten, da kommen sogar Kindergartenkinder und putzen Stolpersteine.“

Quelle: Deutschlandradio Kultur

Written by lbucklitsch

April 12th, 2015 at 9:24 pm

Deutschlandradio| STOLPERSTEINE IN BERLIN – Vandalismus und Querulantentum

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Von Jens Rosbach

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Eine Polizistin betrachtet die von Unbekannten mit schwarzer Farbe beschmierten "Stolpersteine" in Berlin-Friedenau. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)
Eine Polizistin betrachtet die von Unbekannten mit schwarzer Farbe beschmierten „Stolpersteine“ in Berlin-Friedenau. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Seit 1996 wurden in Berlin tausende Stolpersteine zur Erinnerung an jüdische NS-Opfer verlegt – ganz ohne geschichtspolitische Debatte. Dennoch gibt es auch in der Hauptstadt Widerstand, vor allem von rechten Vandalen.

„Hier wohnte Dr. Max Botho Holländer. Deportiert 29.10.1943. Auschwitz ermordet.“ Eine kleine Messingtafel im Pflaster der Berliner Stierstraße 19 – daneben 18 weitere Stolpersteine zur Erinnerung an Juden, die hier einst wohnten. Es sind Steine des Anstoßes: Regelmäßig übermalen Unbekannte das glänzende Metall mit schwarzer Farbe.

„Die haben mit Spraydosen offensichtlich – ich war ja nicht dabei – die Stolpersteine besprüht und nachdem das immer wieder weggeputzt wurde, haben sie dann sich Schablonen gemacht, die sie dann um die Steine legten, um sie akkurat lackieren zu können. Und diese Lackfarbe bekommt man sehr viel schlechter ab.“

Petra Fritsche – 63 Jahre alt, graue Haare, Brille und brauner Tweedmantel – engagiert sich seit Jahren in einer Stolperstein-Initiative. Hier, in Berlin-Friedenau, direkt hinter dem Stein von Botho Holländer, haben die Aktivisten einen Informationskasten aufgestellt, mit Fotos von Überlebenden und Dokumenten aus der NS-Zeit.

„Dieser Informationskasten wurde schon zweimal eingeschlagen, alle Dokumente wurden gestohlen und es wurden Pamphlete hinterlassen: Dass man genug habe von diesem Schuld-Kult und dass man Berlin stolpersteinfrei machen wolle. Das weist auch ganz eindeutig auf Nazis hin, auf Faschisten. Denn es ist die Wortwahl der Nazis.

Es gibt auch persönlichere Angriffe, Telefonate, Briefe. Einmal stand an meiner Tür: Vorsicht, Judenfreundin! Und mein Briefkasten wurde beschädigt mit einem Böller – so etwas eben.“

„Das ist geschichtspolitisches Querulantentum“

Fritsche hat jahrelang in Archiven recherchiert, mit Angehörigen der Ermordeten gesprochen und schließlich eine Doktorarbeit über die Geschichtsaufarbeitung durch Stolpersteine geschrieben.

„Ich will mich nicht einschüchtern lassen. Und ich muss weiter fortfahren indem, was ich tue. Das ist sozusagen eine Pflicht mir gegenüber. Und es zeigt vor allen Dingen, wie wichtig diese Erinnerungskultur ist. Denn es gibt ja viele Menschen, die immer noch vor der Vergangenheit die Augen verschließen.“

„Naja, das wundert mich überhaupt nicht. Es gibt aber auch – und das finde ich bemerkenswert – an Gedenktagen wie dem 9. November nicht wenige Anwohner, die dann Kerzen und Gedenklichter an und auf die Stolpersteine stellen. Und das zeigt doch, dass ein Teil der Bürgerinnen und Bürger das sehr gut annimmt.“

Berlin-Mitte, im Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik kennt die Widerstände gegen die Stolpersteine. Er kennt auch die Querelen um einen Hausbesitzer in Berlin-Charlottenburg, der die Entfernung zweier Messingtafeln fordert, weil diese auf seinem Grundstück verlegt wurden, wenige Zentimeter vom öffentlichen Bürgersteig entfernt.

„Das ist schlicht und ergreifend kleingeistig. Das ist geschichtspolitisches Querulantentum, wenn ich mich so hart ausdrücken darf.“

Insgesamt jedoch, bilanziert der jüdische Professor, laufe die Stolpersteinverlegung in Berlin weitgehend reibungslos – jedenfalls was Behörden, Politik und jüdische Gemeinde betrifft. Pietätsdebatten wie in München kann sich Brumlik in der Bundeshauptstadt nicht vorstellen.

Irritation beim Gang durch die Stadt

„Die Pointe der Stolpersteine ist ja, dass man dadurch beim Gehen irritiert wird und tatsächlich herunter schaut. Und so würde ich sagen ist es kein Treten mit den Füßen, es ist eine allerdings mit dem Fuß verbundene Irritation im normalen Gang in der Stadt.“

Wenn ein Rabbi das Kaddisch, das jüdische Totengebet, bei einer Berliner Stolpersteinverlegung spricht, ist die Unterstützung oft groß. Regelmäßig sind Anwohner, Schüler, Journalisten und Politiker dabei. Stolperstein-Initiator und Künstler Günter Demnig freut sich vor allem über die Angehörigen der Opfer, die aus aller Welt hierher pilgern.

„Viele kommen natürlich aus Israel, aus England, aus Holland, Südafrika, Südamerika, Nordamerika. Aber man sieht dann, wie diese Familienverbände, die eigentlich unsere Nachbarn waren, wirklich verteilt sind, über den ganzen Globus, wirklich vom Winde verweht!“

Mehr als 6000 Steine wurden in Berlin bereits in die Fußwege hineingesetzt – so viele wie in keiner anderen Stadt. Trotz der großen Resonanz bleibt Aktivistin Petra Fritsche vorsichtig – genauso wie die Polizei. Mittlerweile haben die anonymen Beschmierungen und mitunter sogar Hakenkreuze dazu geführt, dass Stolpersteine oft nur noch unter Aufsicht der Ordnungskräfte verlegt werden.

„Die Polizei hat den Staatsschutz eingeschaltet und sie begleiten seit dieser Zeit Stolpersteinverlegungen. Sie halten sich in der Nähe auf in Zivil und beobachten die Gruppen.“

Quelle: Deutschlandradio Kultur

Written by lbucklitsch

Februar 5th, 2015 at 5:50 pm