Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

DW| Holocaust-Forscher Micha Brumlik: “Marie Sophie Hingst entzieht sich kollektiver Verantwortung”

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Die deutsche Bloggerin Marie Sophie Hingst erfand eine jüdische Familiengeschichte. Der Historiker Micha Brumlik glaubt, dass ihr Wille, Opfer zu sein, stärker war als der Impuls, sich der Verantwortung zu stellen.

Deutsche Welle: Herr Professor Brumlik.  Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von dieser Geschichte erfuhren?

Micha Brumlik: Ich fand das sehr traurig. Die Frau Hingst, die sich eine falsche Familiengeschichte zugelegt hat, hat mir wirklich leid getan. Ich habe mich freilich gefragt, ob so etwas vorkommen kann im Rahmen des Umstandes, dass ja die Frage des Holocaust, seiner Opfer und seiner Täter, ein wesentliches Thema in Deutschland ist. Und so kann ich mir vorstellen, dass die eine oder andere verwirrte Seele – Frau Hingst ist ja nicht der erste Fall – das in die falsche Kehle bekommt und für sich selbst falsch aktualisiert.

Was glauben Sie, steckt dahinter – dreister Zynismus, krankhafte Geltungssucht oder einfach nur Dummheit? Sie haben gerade schon Verständnis geäußert….

Vielleicht Dummheit oder mangelndes Einfühlungsvermögen und mangelnde historische Klarsicht – womöglich ist es auch so etwas wie ein unbewusster Wille, sich mit den Opfern nicht nur zu identifizieren, sondern zu ihnen zu gehören.

Sie haben ja einmal das Fritz Bauer-Institut in Frankfurt geleitet, ein Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. Würden Sie sagen, die Hochstapelei, wenn wir das jetzt mal so bezeichnen, geht auf Kosten von Holocaust-Opfern?

Nicht direkt. Die wenigen Holocaust-Opfer, die ich noch kenne, zumeist ältere Leute, bei denen würde ich vermuten, dass ihnen das auch eher leid tut. Das ist ein trauriger Nebeneffekt des Umstandes, dass das insgesamt eine belastende Materie ist, die jedenfalls einen Teil des lesenden Publikums in Deutschland seit Jahrzehnten beschäftigt.

Wenn sich eine preisgekrönte Bloggerin wie Marie Sophie Hingst, eine studierte Historikerin, für alle Welt erkennbar auf die Seite der Opfer schlägt – verlässt sie dann das Lager der Täter, entzieht sie sich einer kollektiven Schuld?

Um Schuld kann es ohnehin nicht gehen bei ihrem Alter. Es geht um die Frage, ob diese Generation bereit ist, politisch-historische Verantwortung zu übernehmen. Und das würde ich dann bejahen. Unter diesen Umständen hat Frau Hingst versucht, sich der kollektiven Verantwortung, die die Bürger und Bürgerinnen der Bundesrepublik Deutschland haben, zu entziehen. Aber ich glaube, dass der Wille, Opfer zu sein, stärker war als der Impuls, sich der Verantwortung zu stellen.

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Written by lbucklitsch

Juni 4th, 2019 at 6:25 am