Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

JA| Soll die Diaspora Israel kritisieren?

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Zwei Positionen zur Debatte

Pro –  Micha Brumlik: Jeder Jude kann sich äußern, wie er will – auch zur Siedlungspolitik.

Da das weltweit verstreute jüdische Volk eine Gemeinschaft im Glauben, aber keine politische Gemeinschaft ist, können und dürfen Jüdinnen und Juden die Politik anderer Juden kritisieren, unterstützen oder auch ablehnen. Sie sind dazu aber in keiner Weise moralisch oder gar religiös verpflichtet. In diesem Zusammenhang stellt sich eher die Frage: Welcher Art könnte etwa eine solidarische Kritik an Israel sein?

Hier ein Beispiel: Schon vor Jahren hat der amerikanische, jüdische Historiker Peter Beinart, geboren 1971, zutreffend festgestellt, dass die Herrschaft Israels über die Palästinenser des Westjordanlandes die zionistische Utopie ebenso zerstört, wie sie die Moral des jüdischen Volkes verdirbt. Er hat schon 2012 in seinem Buch Crisis in Zionism prognostiziert, dass zwar in den jüdischen Organisationen der USA die Anhänger eines »antiliberalen Zionismus« an Boden gewinnen werden, der Staat Israel aber dafür bei jungen Juden an Zuspruch verlieren und den meisten nichtorthodoxen amerikanischen Juden zunehmend gleichgültiger wird.

DEMOKRATIE Mit alledem wollte sich Peter Beinart, der entschieden für eine Zweistaatenlösung eintritt und für einen Zionismus in der liberalen Tradition im Sinne von Stephen Wise (Gründer des World Jewish Congress) und Abba Hillel Silver (amerikanischer Rabbiner) streitet, nicht abfinden: »Ein liberal denkender Jude, dem es gleichgültig ist, ob der jüdische Staat eine Demokratie bleibt«, so Beinarts Bekenntnis, »versündigt sich ebenso sehr gegen sein Volk wie ein Jude, dem es gleichgültig ist, ob dieser Staat überhaupt überlebt. Die progressiven engagierten Juden in den Vereinigten Staaten dürfen Israel nicht seinem Niedergang überlassen und sich damit begnügen, ihre religiösen und ethischen Ideale zu verwirklichen.«

»Gefragt ist solidarische Kritik. Wir Juden in der Diaspora haben die Folgen unserer Meinungen weit weniger zu verantworten als die Bürger Israels.«Micha Brumlik

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Written by lbucklitsch

Juni 2nd, 2019 at 1:06 pm