Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Charlie Hebdo’ tag

Deutschlandfunk| Fragen nach der Verfasstheit der liberalen Gesellschaft

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HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG

Fragen nach der Verfasstheit der liberalen Gesellschaft (Beitrag hören)

Von Cornelius Wüllenkemper

Die erste Ausgabe von "Charlie Hebdo" nach dem Anschlag zeigt eine Karikatur Mohammeds auf dem Titel (imago stock&people)

Die erste Ausgabe von „Charlie Hebdo“ nach dem Anschlag zeigt eine Karikatur Mohammeds auf dem Titel (imago stock&people)

Einen Monat nach den Terroranschlägen in Paris haben Intellektuelle und Künstler aus Deutschland und Frankreich diskutiert, wie man die Werte der liberalen Demokratie gegen islamistische Strömungen verteidigt, ohne die anwachsende Islamophobie zu befördern.

Aus den Schlagzeilen sind die blutigen Attentate gegen die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ vor einem Monat vorerst verschwunden. Frankreich sei jetzt damit beschäftigt, das Geschehen zu verarbeiten und mit verstärkter Militär- und Polizeipräsenz an sensiblen Orten neue Anschläge zu verhindern, sagte der französische Philosoph und Publizist Pascal Bruckner gestern in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung. Zuvor hatte die seit fünf Monaten amtierende Kulturministerin Frankreichs, Fleur Pellerin, in Berlin erklärt, wie die französische Regierung der offenbar zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung zu begegnen gedenkt:

„Für Kulturvermittler ist es mit Sicherheit einfacher, die Werte zu vermitteln, die unsere Gesellschaft zusammenhalten, als dies in abstrakten Seminaren der Fall wäre. In den kommenden Wochen werde ich unser neues Budget für Erziehungs- und Kulturpolitik vor allem in den Grundschulen der sozial schwierigen Viertel einsetzen. Es geht um Projekte im Kunstbereich, die Gemeinschaft stiften können und Schüler unterschiedlicher Herkunft zusammenbringen. Auch dem Umgang mit den Medien werden wir viel Aufmerksamkeit widmen: Wie gehe ich mit Informationen um, wie gewinne ich kritischen Abstand dazu? Das ist gerade für Kinder sehr wichtig.“

Friedliche Koexistenz religiöser Gruppen in Frankreich befördern

Dass Fleur Pellerin die neuen Mittel ihres Ressorts im Schulunterricht einsetzen will, um die friedliche Koexistenz religiöser Gruppen in Frankreich zu befördern, wirft ein neues Licht auf den französischen Laizismus. Der deutsche Publizist Mischa Brumlik machte später am Abend in der Heinrich-Böll-Stiftung genau darin den entscheidenden Unterschied aus. Deutschland sei besser als Frankreich gegen religiös motivierten Hass aufgestellt,

„Weil die Bundesrepublik Deutschland kein laizistischer Staat ist, was die Möglichkeit eröffnet, dass solche Fragen der Feindschaft und der Unterschiede zwischen den Religionen in der Schule mit Kindern und Jugendlichen bearbeitet werden können. Ich glaube tatsächlich, und das ist mir klar geworden bei der Debatte über Charlie Hebdo, dass der Rheingraben doch ziemlich tief ist.“

Die Vorsitzende des Liberalislamischen Bundes, Lamya Kaddor, ist überzeugt, dass man auch in Deutschland mit islamistisch motivierten Anschlägen rechnen müsse, wenngleich die soziale Isolation der „verlorenen Jugend“ in Frankreich weit ausgeprägter sei. Die deutschen Islam-Verbände, so Kaddor, hätten durch die Pariser Anschläge gelernt, dass sie sich von ihrer Opferrolle befreien müssten und sich aktiv mit den gesellschaftlichen Werten und den extremistischen Strömungen innerhalb des Islams auseinandersetzen müssen. Der deutsch-französische Journalist und Internetunternehmer Thierry Chervel dagegen forderte, den Blick weg von der innerislamischen Diskussion hin auf die liberalen Werte unserer Gesellschaft zu lenken.

„Deswegen ist es auch sehr wichtig, über diese Zeichnungen zu diskutieren und zu sagen, sind die denn jetzt islamophob? Statt immer zu über den Islam zu diskutieren und über die Frage, wie wir ihn integrieren und wie wir es einigermaßen hinkriegen, ein friedfertiges Miteinander zu machen, sollte man sich doch auch mal wieder überlegen, wie genau wir hier eigentlich leben wollen.“

Moderate Islam-Vertreter kommen nun auch zu Wort

Thierry Chervel attestierte den westlichen Medien eine zunehmende Selbstzensur. Mischa Brumlik konterte, wer absolute Meinungsfreiheit wolle, der könne auch den Straftatbestand der Volksverhetzung abschaffen. Karikaturen verurteilte Brumlik gar pauschal als „menschenfeindliche Kunstform“. Um des gesellschaftlichen Friedens Willen die Meinungsfreiheit einschränken? Das kann nicht die Lösung sein, befand auch der französische Philosoph und Publizist Pascal Bruckner:

„Der Antisemitismus und der Rassismus wenden sich gegen einzelne Menschen und werfen ihnen vor, die sie sind, was sie von Geburt aus sind: Juden, Araber, Afrikaner, Asiaten. Religiöse Karikaturen dagegen, ob sie sich gegen den Islam, das Judentum, die Christen oder den Buddhismus wenden, machen sich über ein Glaubenssystem lustig. Das ist absolut nicht das Gleiche!“

Bruckner begrüßte, dass nach den Anschlägen gegen Charlie Hebdo nun auch moderate Islam-Vertreter in den französischen Medien zu Wort kämen, die bisher keine Stimme hatten. Bis zu welchem Punkt verletzende Karikaturen zu ertragen seien, entschieden in demokratischen Gesellschaften weder Vertreter religiöser Gruppen noch Meinungsorgane, sondern ausschließlich die Gerichte, so Bruckner. Die Attentate gegen Charlie Hebdo, so kann eine positive Bilanz der konfliktreichen Diskussion in Berlin lauten, vertiefen im besten Falle nicht die Spaltung zwischen den Glaubensgruppen. Vielmehr stellen sie mit neuer Wucht die grundsätzliche Frage nach Meinungsfreiheit, sozialer Ausgrenzung und der demokratischen Verfasstheit der liberalen Gesellschaft.

Written by lbucklitsch

Februar 11th, 2015 at 7:56 am

TAZ| Diskussion in Berlin zu Pariser Anschlägen: Distanzeritis vom Dschihad

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Blasphemische Karikaturen? Ganz normale Muslime? Interessante Thesen gab es bei einem Panel um die Pariser Anschläge, nur keinen Schlagabtausch.

Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, hier bei einem Treffen der Gemeinde der muslimischen Frauen des Liberal-Islamischen Bundes.  Bild: dpa

Es waren zwar durchweg streitbare Geister, die da am Montagabend in den Podiumssesseln der Heinrich-Böll-Stiftung hockten. Einen Monat nach den islamistischen Terroranschlägen auf Charlie Hebdound die Juden von Paris lud die Stiftung zusammen mit der Feuilletonplattform Perlentaucher zu einer Diskussionsrunde, bei der es um nicht weniger als die Zukunft der offenen Gesellschaft gehen sollte, um die Bedrohung der Meinungs- und Pressefreiheit durch religiösen Fundamentalismus und das Wertefundament des Liberalismus in Europa. Vielleicht aber waren die Fragen zu groß, um in anderthalb Stunden zu einem fetzigen Schlagabtausch zwischen den Diskutanten zu führen.

Aus Paris war der Philosoph und Essayist Pascal Bruckner geladen. Bruckner, ein leidenschaftlicher Verteidiger des laizistischen Modells Frankreichs, hat sich in den letzten Jahren immer wieder durch dezidiert islamkritische Positionen hervorgetan, die beimPerlentaucher nachgelesen werden können.

Hier in Berlin oblag es ihm vor allem, ein Stimmungsbild über die Debatte in Frankreich nach den Anschlägen zu liefern. Als vorläufig positiv hob er hervor, dass in seinem Heimatland nun endlich auch die liberalen Stimmen unter den Muslimen sich zu Wort meldeten und umgekehrt in der Öffentlichkeit damit auch Gehör fänden.

Als religionskritischer Bruder im Geiste war auf dem Podium auch der Kulturjournalist und Gründer des Perlentaucher, Thierry Chervel, vertreten. Ihm lag stark daran, nicht wieder die Islamdebatten der letzten Jahre aufzukochen.

Dazu sei an Argumenten alles ausgetauscht und auch die Pariser Anschläge könnten dem nichts Neues mehr hinzufügen. Wir müssten uns jetzt vielmehr die Frage stellen, wie es in Zeiten anschwellender religiöser Überempfindlichkeit um liberale Werte wie Presse- und Meinungsfreiheit eigentlich bestellt ist. In den Medien sei längst eine Tendenz zur Selbstzensur zu beobachten, wie zuletzt in der New York Times, die die Abbildung der Charlie Hebdo-Karikaturen ablehnte, weil sie ihrer Zeitung nicht „würdig“ seien.

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Written by lbucklitsch

Februar 10th, 2015 at 5:47 pm

Böll Stiftung| Die Anschläge von Paris und die Zukunft der offenen Gesellschaft

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Gedenken in Paris am 7. Januar 2015. Foto: Petit_louisCreative Commons LizenzvertragDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Terroranschläge in Paris Anfang Januar auf die Pariser Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt haben die europäische Öffentlichkeit in Schrecken versetzt. Das Attentat zielte auf das Herzstück der Demokratie: die Presse- und Meinungsfreiheit und hat die Debatte über Grundfragen des Zusammenlebens in liberalen Gesellschaften neu entfacht.

Am 9.2.2015 diskutierten Pascal Bruckner (Schriftsteller, Paris), Micha Brumlik(Publizist, Berlin), Thierry Chervel (Journalist, Perlentaucher, Berlin) und Lamya Kaddor (Islamwissenschaftlerin, Münster) die Folgen dieses Anschlags, moderiert von Ralf Fücks (Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin).

Welche Debatten hat dieser brutale Überfall in Frankreich und in den europäischen Nachbarländern ausgelöst? Wie artikulieren sich die verschiedenen intellektuellen, politischen und religiösen Kräfte? Welche politischen Schlussfolgerungen sind aus diesem Anschlag zu ziehen? Wie verteidigen wir die Werte der liberalen Demokratie gegen islamistische Strömungen, die unseren Gesellschaften den Kampf angesagt haben, ohne die anwachsende Islamophobie zu füttern? Und: Was bedeutet dieser Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit für die Publikationspraxis und -freiheit der Medien in Europa, wie reagieren sie?

Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Kulturmagazin Perlentaucher und dem internationalen literaturfestival berlin statt.

Quelle: Böll-Stiftung

DLR| Der Terror als Chance für den Euro-Islam

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PUBLIZIST MICHA BRUMLIK| Der : Terror als Chance für den Euro-Islam

Moderation: Sonja Gerth

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Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik
Publizist und Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Der Publizist Micha Brumlik sieht in den Anschlägen von Paris auch eine Chance: In Reaktion auf den islamistischen Terror könnte unter Umständen ein aufgeklärter Euro-Islam erstarken. Eine entscheidenden Rolle sollten hier die Universitäten spielen.

Nach Einschätzung des Publizisten Micha Brumlik sind die Reaktionen auf die Anschläge in Paris bisher relativ besonnen. „Noch nicht einmal ein Teil der AfD ist ja bereit, also das nun wirklich offen islamfeindlich auszudeuten.“ Auch in Frankreich unterscheide die rechtsnationale Marine Le Pen zwischen Islam und Islamismus, so Brumlik im Deutschlandradio Kultur.

Dabei sieht der Erziehungswissenschaftler für die weitere Entwicklung durchaus eine Chance: „Es wird dazu führen, dass das, was seit Jahren als Euro-Islam gewünscht und eingefordert, wird, nun unter dem Druck der Verhältnisse womöglich Wirklichkeit wird“, so Brumlik.

Dieser liberale, aufgeklärte Islam müsse beinhalten, dass Muslime zwischen dem grundsätzlich philosophisch-theologischen Gehalt des Korans und handlungsweisenden Maßgaben für die jeweilige Zeit unterscheiden. Das sei auch schon im islamischen Mittelalter so gewesen.

Euro-Islam an desorientierte Jugendliche herantragen

Das zu verwirklichen sei nun Aufgabe der Muslime selbst, von Imamen, Gelehrten, Professoren an deutschen Universitäten und in den Moscheen. „Und dann wäre es tatsächlich wünschenswert, dass das auch stärker einer zum Teil desorientierten muslimischen Jugend mitgeteilt wird.“ Hier würden schon heute die Universitäten, an denen islamische Theologie oder islamische Religionspädagogik gelehrt wird, eine positive Rolle spielen.

 

Written by lbucklitsch

Januar 10th, 2015 at 7:55 pm