Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Israel’ tag

TAZ| Kompass einer Jugend

without comments

Wir waren weder Antisemiten noch selbsthasserische Juden: Nicht jede Form des Antizionismus ist mit Antisemitismus gleichzusetzen.

Die zunächst nicht, dann doch ausgestrahlte Arte-Dokumentation „Auserwählt und eingegrenzt“ hat das Thema erneut auf die Tagesordnung gesetzt: das Verhältnis von Antisemitismus und Antizionismus. Zudem hat der Bericht des Unabhängigen Expertenkreises der Bundesregierung ergeben, dass sich Antisemitismus immer häufiger hinter antizionistischen Parolen verbirgt. Das kann gleichwohl umgekehrt nicht heißen, dass jede Form des Antizionismus schlicht mit Antisemitismus gleichzusetzen ist.

Vor allem: Was ist von Jüdinnen und Juden wie Judith Butler, die sich für BDS einsetzen, oder von jenen ultraorthodoxen Fundamentalisten zu halten, die Jahr für Jahr in Berlin die von Khomeini erfundene „Al-Quds“-Demonstration eröffnen, weil ihrer Meinung nach nur der Messias die Juden ins verheißene Land zurückführen darf? Alles Antisemiten – und wenn nicht, so doch wenigstens selbsthasserische Jüdinnen und Juden?

Der Autor dieser Zeilen weiß, wovon er schreibt, und hat das vor mehr als zwanzig Jahren in seinen Erinnerungen „Kein Weg als Deutscher und Jude“ auch zu Protokoll gegeben. Ich war mit Sicherheit weder Antisemit noch Selbsthasser, als ich nach Jahren begeisterter Mitgliedschaft in einer zionistischen Jugendorganisation 1967 nach Israel ging, 1968/69 in Jerusalem Mitglied einer antizionistischen Organisation wurde, um bald – weil es mir sinnlos schien, nur deshalb nach Israel einzuwandern, um dort für eine sozialistische Revolution zu kämpfen – in das studentenbewegte Frankfurt am Main zurückzukehren.

 

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Juli 19th, 2017 at 3:30 pm

TAZ| Ein Minimum an Distanz

without comments

Aus einer „Studienstelle Israel“ soll eine Professur werden. Dann passiert – nichts. Die Universität Mainz verspielt ihren guten Ruf.

KOLUMNE VON MICHA BRUMLIK

Man muss kein Freund der verbrecherisch dummen Siedlungspolitik israelischer Regierungen sein, um einen jetzt bekannt werdenden Vorgang an der Universität Mainz befremdlich zu finden. An dieser Bildungsinstitution sollte anlässlich von fünfzig Jahren deutsch-israelischer Beziehungen eine schon seit Längerem bestehende „Studienstelle Israel“ in eine ordentliche Professur umgewandelt werden.

Die Studienstelle war bei den Politikwissenschaften angesiedelt und wurde bis zu dessen Pensionierung von dem bestens ausgewiesenen Oberstudienrat Alfred Wittstock geführt. Die neue Professur wurde ans Institut für Soziologie verlegt; sie sollte der „Soziologie der Ethnizität und Migration mit dem Schwerpunkt ­­Israel/Naher Osten“ gewidmet sein. Im Juli wurde die Stelle öffentlich ausgeschrieben:

„Die Professur forscht und lehrt im Bereich der Ethnizitäts- und Migrationssoziologie mit dem regionalen Schwer­punkt der Gegenwartsgesellschaften Israels und seiner Nachbarn. Von den Bewerberinnen und Bewerbern wer­den neben profunden theoretischen und methodischen Kompetenzen empirische Kenntnisse der kulturellen Viel­falt, der politischen Konflikte und der Migrationsbewegungen in dieser Region erwartet. Erwünscht ist zudem ein Forschungsinteresse an den jüngeren Zuwanderungen aus dem Nahen Osten nach Europa.“

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Februar 7th, 2017 at 4:36 pm

TAZ| Prophetische Rede

without comments

US-Außenminister John Kerry hat nichts anderes verkündet als das absehbare Ende des jüdischen Staates. Ein solcher kann nur demokratisch sein.

Wer die Rede des scheidenden US-Außenministers John Kerry zum Israel-Palästina-Konflikt als verspätete politische Intervention deutet und sie deshalb kritisiert, der missversteht sie.

Diese Rede war ein Vermächtnis und gehört deshalb nicht dem Instrumentarium außenpolitischen Handwerks, sondern der Gattung prophetischer Rede an. Prophezeiungen aber sind etwas radikal anderes als mehr oder minder genaue Prognosen.

So warnte Homers Kassandra die Trojaner vor dem hölzernen Pferd der Griechen und sagte damit zugleich den Untergang Trojas voraus, so verurteilten die Propheten der hebräischen Bibel das gottlose Treiben der Könige Israels und Judas, um gelegentlich auch Trost zu spenden.

Prophezeiungen sind keine Prognosen, ihre Zeitangaben sind nicht exakt, auf Prophezeiungen würde man keine Wetten abschließen – gleichwohl ergehen sie meist dann, wenn ein Schicksal besiegelt ist.

Wohlmeinende, politisch aufgeschlossene Beobachter im heutigen Staat Israel haben Kerrys Rede zu Recht als eine im besten Sinne zionistische Rede gelesen, als eine Rede, die sich machtvoll gegen die Selbstaufhebung des Zionismus in der Besatzungsherrschaft über das Westjordanland wendet. Liest man seine Rede indes als Prophezeiung, so hat Kerry nichts anderes verkündet als das absehbare Ende des jüdischen Staates, der, wenn überhaupt, nur als demokratischer Staat existieren kann.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Januar 8th, 2017 at 11:59 am

EK Köln| Micha Brumlik referierte in der Melanchthon-Akademie über Israels Zukunft

without comments

Martin Buber, seine Vision für Israel und der „Plan B“

Im März zeichnete der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Prof. Dr. Micha Brumlik mit der Buber-Rosenzweig-Medaille aus. Vor kurzem sprach Preisträger Buber in der Melanchthon-Akademie über „Israels Zukunft ein binationaler Staat!? Martin Buber und seine Vision für Israel“. Es ging um nichts Geringeres als eine mögliche Lösung des Nahostkonflikts. Veranstalterin war neben der Erwachsenenbildungseinrichtung des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V.

In der Begrüßung erinnerte Akademieleiter Dr. Martin Bock an seine eigene Studienzeit in Jerusalem Ende der 1980er Jahre. Er befand, dass die damalige Situation noch weniger kompliziert und derart komplex verfahren gewesen sei. Miguel Freund, stellvertretender Vorsitzender der Kölnischen Gesellschaft, stellte den Referenten vor und leitete in das unvermindert aktuelle Thema des Abends ein, das zahlreiche Interessierte in der Akademie zusammenführte. Der Intellektuelle, Erziehungswissenschaftler, Autor und Publizist „sei ein ausgewiesener Kenner sowohl der jüdischen als auch der christlichen Geschichte, Kultur und Religion“, fasste Freund die Begründung des Dachverbandes für die Preisverleihung an Brumlik zusammen. Zudem gebe er mit seinen Beiträgen wesentliche Impulse für das gegenseitige Verständnis von Juden und Christen.

Binationaler Staat versus Einstaatenlösung
In seinem anspruchsvollen Vortrag stellte der 68-jährige Brumlik eine vom jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber (1878-1965) in den 1920er Jahren geborene Idee für ein friedliches Zusammenleben der Völker in Israel/Palästina vor. Die Rede ist von einem binationalen Staat beziehungsweise einer Einstaatenlösung. Historisch, politisch wie (religions-)philosophisch unternahm Brumlik eine Rückschau, blickte auf die Gegenwart und stellte eine – natürlich unsichere Prognose für die Zukunft. Bubers Vision eines jüdisch-arabischen Staates mit gleichen Rechten für beide Völker hatte auch der von ihm mitgegründete „Bund des Friedens“ (Brit Schalom, 1925 bis 1933) verfolgt.

„Das Undenkbare denken“
Nicht nur damals habe man Bubers Vorschläge für ein gleichberechtigtes politisches, wirtschaftliches und soziales System als utopisch angesehen. Auch heute noch hielten viele seine Idee für unrealistisch. Doch sei angesichts der Besatzungspolitik Israels im Westjordanland, Israels Entwicklung zu einem „Unrechtstaat“ und einer notwendigen Befriedung nicht gerade dieser „Plan B“ konkret ins Auge zu fassen, fragte Brumlik. Im Verlauf stellte er Bubers Position sowie zustimmende und konträre zeitgenössische wie aktuelle Einschätzungen vor. Und trat schließlich, rhetorisch begleitet vom Talmud-Zitat „Wann, wenn nicht jetzt?“ und appellierend, das „Undenkbare zu denken“, ausdrücklich für eine binationale Lösung ein.

 

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Juni 25th, 2016 at 3:50 pm

JA| Ein Phänomen der Moderne

without comments

Die Bildungsabteilung im Zentralrat lud zur Diskussion über Fundamentalismus in den Weltreligionen

16.06.2016 – von Barbara Goldberg

Was ist das für ein Phänomen?« Micha Brumlik sprach an, was für die meisten alltägliche Realität geworden ist: die Angst vor islamistisch fundierten Terroranschlägen und die enorme Aufrüstung der Sicherheitskräfte, um dieser Bedrohung zu begegnen. »90.000 Polizisten sind jetzt bei der EM in Frankreich im Einsatz, und wir nehmen das als ganz selbstverständlich hin.« Ja, wie lässt sich erklären, dass fundamentalistische Weltbilder diese große Faszination auf viele Menschen ausüben und ihnen häufig sogar als moralische Rechtfertigung dienen, andere zu töten?

Antworten auf diese Fragen sollte das dreitägige Symposium finden, zu dem die Bildungsabteilung im Zentralrat in der vergangenen Woche ins Frankfurter Gemeindezentrum geladen hatte, und zwar gerade nicht auf den Islamismus beschränkt, auch wenn die Auseinandersetzung mit diesem die Vorträge, Workshops und Gespräche am Ende doch dominierte. Wie Micha Brumlik, emeritierter Erziehungswissenschaftler an der Frankfurter Goethe-Universität, in seinem Vortrag schilderte, lassen sich aber auch im Judentum fundamentalistische Tendenzen beobachten. Allerdings spielen diese seiner Meinung nach außerhalb Israels weder eine politische Rolle noch stellten sie ein friedensgefährdendes Problem dar.

Das Absurde ist, dass dieselben biblischen Quellen zu zwei komplett entgegengesetzten radikalen Strömungen innerhalb der jüdischen Orthodoxie geführt haben: Während die radikalen Siedler der Gruppe »Gusch Emunim« glauben, Ostjerusalem, Hebron und das Westjordanland seien genau jene Teile des Heiligen Landes, die Gott seinem auserwählten Volk verheißen habe, lehnen die Satmarer Chassidim den Staat Israel ab und solidarisieren sich mit der arabischen Bevölkerung in Palästina.

weiterlesen

Gegen Mythopolitik und Ethnokratie – Micha Brumliks Plädoyer für eine konstitutionelle Utopie

without comments

Von Irmela von der Lühe

Als „Versuch über die Gegenwart des Judentums“ hat Micha Brumlik, soeben mit der Buber- Rosenzweig-Medaille der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit ausgezeichnet, seine Essaysammlung bezeichnet, die im Haupttitel die Frage aus den talmudischen „Sprüchen der Väter“ aufnimmt: „Wann, wenn nicht jetzt?“ Tatsächlich geht es in den sieben sachlich und systematisch klug miteinander verknüpften Aufsätzen gleichermaßen um aktuelle politische wie historisch-kulturgeschichtliche als auch philosophisch-theoretische Fragen. Sie alle kreisen im Sinne der talmudischen Aufforderung um radikale Selbstbefragung, um jüdische Selbstbesinnung als Reflexion vergangener Erfahrungen und gegenwärtiger Erlebnisse, historischer Erkenntnisse und aktueller Herausforderungen. Vergangenheit und Gegenwart der Diaspora, des Zionismus und des Messianismus spielen eine ebenso wichtige Rolle, wie das Verhältnis zwischen Israel und Deutschland, zwischen Israel und den Juden in der amerikanischen Diaspora. Analyse und Argumentation prägen die Darstellungen, und doch spürt man immer wieder, wovon auch in einem eigenen Abschnitt ausführlich die Rede ist: „Resignation und Einsicht“. Eine melancholische Präzision durchzieht den Text, dessen Ton erstaunt und berührt; dessen analytische Kraft unüberhörbar, dessen rational-realistischer Ursprung zweifelsfrei und dessen klarsichtige Hoffnung stets gegenwärtig ist.

Es ist keine Abrechnung mit dem zionistischen Projekt, so hart und entschieden die Kritik an der Besatzungspolitik Israels im Allgemeinen und an Benjamin Netanyahus Handeln im Besonderen auch ausfällt. Mit „Israel und die Diaspora: Die aktuelle Krise“ ist denn auch das erste Kapitel überschrieben, das von der Wiederwahl Netanyahus im Jahre 2015 – zugleich das vierte Jahr des syrischen Bürgerkriegs – ausgehend, den Gründen und Hintergründen für die wachsende „Entfremdung“ zwischen dem amerikanischen Judentum und dem Staat Israel nachgeht. Gewährsmann für die dabei referierten Sachverhalte ist der orthodoxe Politikwissenschaftler Peter Beinart, dessen im Jahr 2013 auch auf Deutsch erschienene Studie „Die amerikanischen Juden und Israel“ die völker- und menschenrechtswidrige Siedlungs-und Außenpolitik der Netanjahu-Regierungen detailreich belegt und zugleich die Gefolgschaftstreue der großen jüdisch-amerikanischen Organisationen kritisch in Frage stellt. Gestützt auf Beinarts Befunde rekonstruiert Brumlik eine paradoxe und zugleich höchst brisante Konstellation: Während Netanjahu in den Spuren seines Vaters und damit in direkter Nachfolge von Waldimir Jabotinsky (1880–1940) alle Anstrengungen unternimmt, einen palästinensischen Staat zu verhindern, orientiert sich Barack Obama an den Grundsätzen des jüdischen Philosophen und Bürgerrechtlers Abraham Joschua Heschel (1907–1972). Das Scheitern des Friedensprozesses erwächst in einer solchen Sicht auch aus einem inneren Antagonismus im zionistischen Konzept selbst und führt zu einen wachsenden Dissens zwischen der israelischen Regierung und dem modern-orthodoxen Judentum in der amerikanischen Diaspora. An Peter Beinarts, aber auch an Positionen wie denjenigen der jüdisch-französischen Historikerin Esther Benbassa stellt Micha Brumlik jene existenziell-politische Ambivalenz heraus, die sich in Sätzen wie „Ich will nicht Jüdin sein und Israel ablehnen. Ich will auch nicht Jüdin sein und Israels unmoralischen Krieg billigen. Nicht ohne Israel und nicht mit Israel, so wie es heute ist“ äußert.

weiterlesen

TAZ| Micha Brumlik über Juden und Muslime: „Problematische Pauschalurteile“

without comments

Die Äußerungen Josef Schusters über arabische Kultur hält Micha Brumlik für schwierig. Und die Debatte über Obergrenzen für Flüchtlinge findet er schrecklich.

taz: Herr Brumlik, der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster, hat mit seinen Äußerungen über Flüchtlinge aus Syrien den Vorwurf auf sich gezogen, rassistische Ressentiments zumindest zu bedienen. Wie sehen Sie das?

Micha Brumlik: Ich finde es problematisch, dass Josef Schuster ein Pauschalurteil über das abgegeben hat, was er für arabische Kultur hält – also über einen Raum, der immerhin vom Atlantik bis an den Indischen Ozean reicht.

Seine Äußerungen werfen die Frage auf, wie verbreitet solche Einstellungen in der jüdischen Gemeinde in Deutschland sind. Sind sie symptomatisch?

Ich vermute, ja. Die jüdische Gemeinschaft heute besteht ja zu etwa 90 Prozent aus Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion. Nun wissen wir aus soliden soziologischen Untersuchungen, etwa den Untersuchungen der an der Bar-Ilan-Universität lehrenden Soziologin Larissa Remenik, dass die Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion die politische Landschaft Israels tatsächlich – in einer wenn auch säkularen Weise – nach rechts verschoben haben. So darf man daraus schließen, dass dies in den jüdischen Gemeinden in Deutschland nicht wesentlich anders sein wird.

**************************

IM WORTLAUT

Viele Flüchtlinge entstammten „Kulturen, in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil sind“, hat der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, kürzlich derWelt gesagt, und hinzugefügt, man könne „zu dem Schluss kommen, hier handele es sich nicht um ein religiöses Problem, sondern um ein ethnisches“. Dass er zudem über eine Asyl-„Obergrenze“ sinnierte, hat ihm viel Protest eingebracht: Vergangenen Dienstag demonstrierten in Berlin etwa 70 Menschen unter dem Motto „Nicht in unserem Namen – Juden gegen Rassismus“ gegen die Äußerungen. (bx)

***************************

Einige der Wortführer des anti­muslimischen Diskurses in Europa sind jüdischer Herkunft – aber allesamt keine Einwanderer aus der Sowjetunion, sondern alteingesessen. Dazu zählen in Deutschland etwa Henryk M. Broder und der verstorbene Ralph ­Giordano, Leon de Winter in den Niederlanden oder Éric Zemmour und Alain Finkielkraut in Frankreich. Geht das Problem nicht doch tiefer?

Das ist richtig. Aber das sind doch mehr oder weniger Einzelstimmen, die nicht die Meinung jüdischer Gemeinden und Gemeinschaften repräsentieren. Ich will auch darauf hinweisen, dass Josef Schuster ausdrücklich zwischen dem Islam als Religion und dem, was er für arabische Kultur hält, unterschieden hat. Mit Leuten wie Ralph Giordano habe ich mich in den letzten Jahren heftig gestritten. Er glaubte auf seine alten Tage ein weiteres Mal, gegen etwas Faschistoides ankämpfen zu müssen, und war weder bereit noch willens, zwischen Islam als Religion und Islamismus als politischer Ideologie zu unterscheiden. Darin liegt letzten Endes das Problem. Das ist so, als würde man nicht unterscheiden wollen zwischen dem Christentum und dem Franco-Faschismus – oder zwischen Judentum und dem, was die Siedler im Westjordanland betreiben.

weiterlesen

Stutgart| Eröffnung der Jüdischen Kulturwochen

without comments

Unter dem Motto „70 Jahre Jüdische Gemeinde in Stuttgart“ veranstaltet die israelische Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) vom 2. bis 15. November die Jüdischen Kulturwochen.
Die Bürgermeisterin für Soziales, Jugend und Gesundheit, Isabel Fezer, eröffnet das zweiwöchige Programm am Montag, 2. November, um 19 Uhr im Großen Sitzungssaal des Rathauses, drittes Obergeschoss, Marktplatz 1.

Nach der Begrüßung durch Barbara Traub, Vorstandssprecherin der IRGW, sprechen außerdem die Staatssekretärin im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg, Marion von Wartenberg, sowie Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Grußworte.

Schirmherr der Veranstaltung ist Oberbürgermeister Fritz Kuhn.

Den Einführungsvortrag „Vom Wert der Freundschaft – 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel“ hält Prof. Dr. Micha Brumlik.
Die Beziehung zwischen Deutschland und Israel ist in Zeiten der Kriege und Krisen im Nahen Osten mit Auswirkungen auch hierzulande wichtiger denn je. Brumlik, renommierter jüdischer Wissenschaftler aus Frankfurt, wird daher nicht nur an Entstehung und Entwicklung der Beziehungen beider Länder erinnern, sondern auch deren Bedeutung für die Gegenwart herausstellen. Anschließend folgt ein Gespräch zwischen Brumlik und Moderator Dr. Johannes Weiß (SWR). Den musikalischen Rahmen gestaltet das Jerusalem Duo mit Hila Ofek, Harfe, und Andre Tsirlin, Saxofon. Veranstalter der Jüdischen Kulturwochen sind die IRGW sowie die Landeshauptstadt Stuttgart.

Written by lbucklitsch

Oktober 26th, 2015 at 6:06 pm

StZ| Jüdische Kulturwochen in Stuttgart: Einzigartiger Humor kommt auch zu Wort

without comments

Von  

„Neue Hoffnung schöpfen“ lautet das Motto der zwölften jüdischen Kulturwochen, die traditionell im Herbst stattfinden. Die israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg lädt zu 35 Veranstaltungen ein.

Stuttgart – Neue Hoffnung schöpfen“ lautet das Motto der zwölften jüdischen Kulturwochen, die traditionell im Herbst stattfinden. Die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) lädt für den 1. bis 15. November zu 35 Veranstaltungen und Ausstellungen ein. Zum Auftakt am 2. November hält der Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik seinen Einführungsvortrag über 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel mit dem Titel „Vom Wert der Freundschaft“ (Rathaus, 19 Uhr). Aber auch der besondere jüdische Humor ist zu erleben. Ernst Konarek und Ernst Kies führen in ihrem Programm „Die Tante Jolesch oder: Also so war das nicht!“ mit allerlei witzigen Anekdoten von Friedrich Torberg in die Welt der Sonderlinge und Originale (4. November).

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Oktober 20th, 2015 at 11:04 am

Bundestagspräsident Lammert eröffnet die Ausstellung „Israelis & Deutsche“

without comments

Donnerstag, 15. Oktober 2015, 19 Uhr
Paul-Löbe-Haus, Foyer

Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel vor 50 Jahren ist Anlass für eine Ausstellung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft e.V. Sie würdigt die in diesem halben Jahrhundert gewachsene Vielfalt der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern. Dabei kommen vor allem die Menschen hinter den Schlagzeilen zu Wort, die durch ihren Einsatz neben den offiziellen diplomatischen Kooperationen zwischenmenschliche und oft freundschaftliche Verbindungen geschaffen haben. Die Ausstellung zeigt bewegende persönliche Geschichten, bisher unbekannte historische Fotografien und literarische Quellen.

Die Ausstellung wird von Bundestagspräsident Norbert Lammert in Anwesenheit des Botschafters des Staates Israel in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, und des Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft e.V., Reinhold Robbe, eröffnet. Bei der Eröffnungsveranstaltung spielt das deutsch-israelische Ensemble „Spring in the Negev – Friends in Music“, das aus Musikern der Philharmonie der Nationen und des Israel Sinfonietta besteht. Die Leitung übernimmt Justus Frantz und der Solist ist der berühmte Klarinettist Giora Feidman.

Israelis & Deutsche. Die Ausstellung (Trailer) from Deutsch-Israelische Gesellschaft on Vimeo.

Die Ausstellung kann vom 16. Oktober bis 13. November 2015 besichtigt werden. Eine vorherige Anmeldung unter Tel. 030 227 38883oder info-ausstellung-plh@bundestag.de ist notwendig.

Nach der ersten Station im Deutschen Bundestag wird die Ausstellung dann bis Ende 2016 in 10 weiteren Städten gezeigt; eine hebräischsprachige Version wird in Israel an vier Standorten präsentiert. Weitere Informationen finden Sie unter: http://www.israelis-und-deutsche.de

Written by lbucklitsch

September 29th, 2015 at 11:36 am

NZ| Deutsch-Israelische Beziehungen: Es ist kompliziert

without comments

Im Jahr 2008 hält Bundeskanzlerin Merkel eine Rede vor dem israelischen Parlament, wobei sie die historische Verantwortung Deutschlands als Staatsräson ihres Landes bezeichnet.
Im Jahr 2008 hält Bundeskanzlerin Merkel eine Rede vor dem israelischen Parlament, wobei sie die historische Verantwortung Deutschlands als Staatsräson ihres Landes bezeichnet. (Bild: Keystone / Peer Grimm)
Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sind seit dem Zweiten Weltkrieg durch die deutsche Schuld geprägt. Der Wandel der deutschen Gesellschaft könnte das Verhältnis nachhaltig verändern.

Es ist der 11. August 1965, als Rolf Friedemann Pauls als erster deutscher Botschafter seinen Fuss auf israelischen Boden setzt. Wenige Monate zuvor, am 12. Mai 1965, hatten sich Israel und Deutschland auf die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen geeinigt – 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Pauls will nach vorne blicken: «Wir beginnen unsere Arbeit in Israel mit großer Zuversicht», sagt er. In Israel sieht man das anders: Die Israeli empfangen den ehemaligen Wehrmachtsoffizier, der einen Arm an der Ostfront verlor, mit heftigen Demonstrationen, an denen Steine und Flaschen fliegen. Auf ihren Transparenten fordern sie «Pauls raus!» oder «Wir wollen ein Israel frei von Deutschen!». Pauls erinnert sich später in einem Brief: «Ohne das Eingreifen berittener Polizei hätte meine Abfahrt in einem Chaos geendet.» Wenige Tage später wird auch Asher Ben Nathan in Bonn begrüsst, «ohne Euphorie», wie er später sagen wird. Israels erster Botschafter in Deutschland spricht mit österreichischem Akzent: Er wurde in Wien geboren und floh 1938 vor den Nazis nach Palästina. Auch Ben Nathan tritt sein Amt positiv gestimmt an. Eine bessere Zukunft, Friede und Wohlstand zwischen den beiden Völkern sind ihm ein Anliegen. Und noch etwas ist ihm sehr wichtig: Er sagt, dass er die Worte «vergessen» und «verzeihen» nie in den Mund nehmen werde.

Die DDR als Stein im Weg

50 Jahre später sind die deutsch-israelischen Beziehungen an einem Punkt, an dem sie damals wohl niemand vermutet hätte. Am 12. Mai werden Politiker in Berlin und Jerusalem mit einem Festakt das Jubiläum feiern. Sie werden von Verantwortung und moralischer Verpflichtung sprechen und darüber, wie gut die Verbindungen zwischen den beiden Ländern heute sind. In vielerlei Hinsicht ist das tatsächlich so: Die Zahl der israelischen Touristen in Berlin hat sich in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht. Rund 100 000 Israeli besitzen heute einen deutschen Pass. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist eine der beliebtesten ausländischen Politikerinnen in Israel. Umgekehrt ist bei jungen Deutschen kaum ein Land als Reiseziel so beliebt wie Israel, deutsche Billigairlines fliegen mehrmals täglich nach Tel Aviv. Zwei Drittel der jungen Freiwilligen in Israel, die sich um Holocaustüberlebende oder Friedensinitiativen bemühen, sind Deutsche.

weiterlesen

BR| 50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen: Erotisch und neurotisch

without comments

Im Jahr 1965 haben Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen aufgenommen – damals noch für viele Menschen auf beiden Seiten ein Tabu. Bis heute sind die Beziehungen alles andere als normal. Der Generator mit einer Spurensuche abseits der Diplomatie.

Von: Anne Fromm

Wenn in gut vier Wochen der 50. Geburtstag der offiziellen deutsch-israelischen Beziehungen gefeiert wird, wird viel von Moral und Verantwortung gesprochen werden – und von einer Erfolgsgeschichte. Denn was damals, am 12. Mai 1965, kaum jemand geglaubt hatte, ist heute Wirklichkeit. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sind so gut wie nie: Unter jungen Israelis ist Berlin der neue Sehnsuchtsort. Rund 15.000 von ihnen leben mittlerweile in der deutschen Hauptstadt. Eine von ihnen ist die Theaterregisseurin Yael Ronen, die am Gorki-Theater arbeitet.

„Berlin ist heute das, was New York vor 15 Jahren war: International, weltoffen, sehr billig und es bietet dir alles, was du als junger Mensch brauchst. Berlin gibt viel Geld für Kunst aus, das zieht Leute aus der ganzen Welt an. Als ich das erste Mal nach Berlin kam und plötzlich vor einer großen Gedenktafel für die deportierten Juden stand, dachte ich noch: Mein Gott, verfolgt mich diese Geschichte überall in dieser Stadt? Heute nehme ich diese ganzen Symbole kaum noch wahr, die Stolpersteine oder das Holocaust-Mahnmal.“

Yael Ronen

Mittlerweile kann man an jedem Wochenende in Tel Aviv zu Techno aus Berlin tanzen, Deutsche DJs und Bands wie zum Beispiel Modeselektor ziehen in israelischen Clubs unzählige Fans an. Während der vergangenen Fußballweltmeisterschaft gab es ein deutsches Public Viewing am Strand von Tel Aviv – und Israelis, die aus voller Kehle die deutsche Nationalhymne sangen.

Israel: gehypt und gehasst von den Deutschen

Professor Micha Brumlik | Bild: picture-alliance/dpa

„Das Wort Israel-Kritik gibt es als feststehenden Begriff.“ Professor Micha Brumlik

Auch andersherum steht die Verbindung: Kein anderes Land wird von jungen Deutschen so gehypt, aber auch gehasst wie Israel. Deutsche Billigairlines fliegen heute täglich nach Tel Aviv. Zwei Drittel der jungen Freiwilligen in Israel, die sich um Holocaustüberlebende oder Friedensinitiativen bemühen, sind Deutsche. Die israelische Küche wird gefeiert. Und doch entzündet kein anderer Konflikt in Deutschland so viel Streit, sagt auch der deutsche Jude, Publizist und Professor Micha Brumlik.

„Ich bemerke mit einigem Erstaunen dass es in der deutschen Sprache den feststehenden Begriff der Israel-Kritik gibt, es gibt sonst noch die Islamkritik und die Kapitalismuskritik; eine Amerika- Frankreich oder Englandkritik gibt es nicht und das zeigt schon allein in der Sprache, in der Semantik, dass Israel in einer Weise herausgehoben wird, dass wie gesagt dem realen Problem global gesehen keineswegs entspricht.“

Professor Micha Brumlik

Keine Frage: Die deutsch-israelischen Beziehungen sind bis heute alles andere als normal. Der Zündfunk Generator geht ihnen jenseits der offiziellen Diplomatie nach und fragt: Wie sind sie denn? In Berlin, Tel Aviv und Jerusalem bekamen wir ganz unterschiedliche Antworten: Von „erotische Spannung“, über „unerwiderte Liebe“, „obsessiv“, „neurotisch“ bis hin zu „schizophren“.

Quelle: Bayerischer Rundfunk

Written by lbucklitsch

April 12th, 2015 at 10:46 am

neues deutschland| Publizist Brumlik: Zwei-Staaten-Lösung nach Israel-Wahl unmöglich

without comments

Micha Brumlik über die Folgen der Parlamentswahlen in Israel und eine mögliche Lösung für den Nahost-Konflikt

a5651cff0c39f1c4e37cbecbd2e7efc8.jpg

Micha Brumlik leitete von 2000 bis 2005 das Fritz Bauer Institut zur Geschichte des Holocaust.

Die Wiederwahl Benjamin Netanyahus fiel mit dem vierten Jahrestag des Bürgerkriegsbeginns in Syrien zusammen. Während die Gründung des Staates Israel in mehr als 60 Jahren 700 000 palästinensische Araber zu Flüchtlingen machte und in sechs Kriegen mit dem Tod einiger Tausend Soldaten und Zivilisten auf beiden Seiten einherging, kostete der syrische Bürgerkrieg nach Angaben der Vereinten Nationen in vier Jahren 220 000 Menschen das Leben und führte bisher zum Flüchtlingselend von zwölf Millionen Menschen.

Die nackten und rohen Zahlen belegen, dass es sich bei diesen Konflikten um in humanitärer Hinsicht unvergleichliche Größen handelt. Dass freilich der Palästinakonflikt die politische Einbildungskraft nicht nur in Deutschland so viel stärker beschäftigt, liegt nicht daran, dass er der Schlüssel zur Lösung aller Probleme der Region wäre. Das liegt viel mehr daran, dass Israel ein Staat von Juden ist und als Reaktion auf die von Deutschen und anderen Europäern vollzogene Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden gilt.

Während der syrische Bürgerkrieg eine aktuelle, wenn auch verdrängte Katastrophe darstellt, erweist sich der Konflikt in Israel/Palästina als ein mentales, normatives Problem vor allem für westliche Staaten – für Frankreich, vor allem aber für Deutschland. Während es in Syrien um Hilfe und Unterstützung von Flüchtlingen und Verletzten, um das Vermeiden weiteren Tötens gehen müsste, geht es bei Palästina/Israel (nur) um vernünftige, im besten Sinne moralische Haltungen. Das hat niemand anders als Kanzlerin Merkel zum Ausdruck gebracht, als sie vor der Knesset die Sicherheit Israels zur deutschen Staatsräson erklärte – ein Bekenntnis, das Bundespräsident Gauck später relativierte.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

März 24th, 2015 at 6:18 pm

TAZ| Netanjahus purer Fundamentalismus

without comments

Die jüdische Diaspora nach den Wahlen: Die Distanz zu der noch stärker nationalreligiös orientierten Regierung in Jerusalem wird nicht geringer.

In den USA lebt die größte jüdische Diaspora.  Bild: dpa

Nach seinem unerwarteten Wahlsieg vollzog Benjamin Netanjahu zwei symbolische Handlungen, die wenig Gutes verheißen. Er besuchte die Klagemauer in Jerusalem und ließ sich dabei filmen, wie er einen Zettel in die Außenmauer des Herodianischen Tempels steckte. Fromme Juden hinterlassen hier persönliche Bitten, manche auch politische Wünsche. Eine abergläubische, götzendienerische Praxis.

Noch schwerwiegender dürfte eine bislang kaum beachtete Äußerung des Premiers anlässlich dieses Besuchs sein: „Here in this place“, so Netanjahu, „I am awed by the historical significance of a people renewing itself in its homeland after 4.000 years.“

weiterlesen

Written by lbucklitsch

März 23rd, 2015 at 5:10 am

TAZ| Zuflucht und Gefahr

without comments

Gemessen am Schrecken des islamistischen Terrors, der Hunderttausenden von Toten und Millionen Flüchtlinge der Kriege in Syrien und im Irak, erscheinen Israel und Palästina als Inseln der Seligen in einem Ozean von Unglück und Verderben.

Das gilt allerdings nur für eine „objektive“ Betrachtungsweise, nicht für die mentale Verfasstheit westlicher Gesellschaften, zumal Deutschlands und Österreichs mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit. Und zwar deswegen nicht, weil der Staat Israel nach eigenem Selbstverständnis ein jüdischer Staat ist und darauf dringt, es zu bleiben und als solcher anerkannt zu werden. In dieser Rolle zieht er immer wieder – zuletzt den Protest auf deutschen Straßen während des Gazakriegs – als „Jude unter den Staaten“ (Léon Poliakov) antisemitische Projektionen und Handlungen auf sich.

Dieser Problematik geht der in Wien lehrende Politikwissenschaftler Stephan Grigat seit Jahren nach: Soeben sind einige seiner eindringlichsten Arbeiten als Buch erschienen. Was Grigats Studien von anderen Beiträgen der „Antideutschen“ unterscheidet, ist nicht nur die Genauigkeit und Nüchternheit seiner Argumentation, sondern auch die vorzügliche historische Kenntnis, mit der er sich innerjüdischen Debatten, nicht zuletzt der Kritik jüdischer und israelischer Linker an Zionismus und israelischer Politik, stellt.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

März 23rd, 2015 at 5:08 am

Abgeordnetenhaus Berlin| Antisemitische Versammlungen in Berlin? Kleine Anfrage

without comments

Abgeordnetenhaus B E R L I N

17. Wahlperiode

Schriftliche Anfrage

der Abgeordneten Clara Herrmann (GRÜNE)

Drucksache 17/ 15 517

Schriftliche Anfrage

vom 11. Februar 2015  und Antwort

Antisemitische Versammlungen in Berlin?

Im Namen des Senats von Berlin beantworte ich Ihre Schriftliche Anfrage wie folgt:

1. Wie viele Versammlungen mit einem thematischen Bezug zum jüngsten Gaza-Konflikt fanden zwischen dem 09.07.14 und dem 31.08.14 in Berlin statt? (Bitte nach Datum, Veranstalter, Anzahl der Teilnehmer*innen, Eil­und Spontanversammlungen aufschlüsseln.)

Zu 1.: Im Zeitraum vom 09.07.2014 bis 31.08.2014 fanden insgesamt 59 Versammlungen in Form von Kund­
gebungen oder Aufzügen in Berlin statt, die einen offen­sichtlichen thematischen Bezug entsprechend der Frage­
stellung aufwiesen. Angaben zum jeweiligen Datum, zur Veranstalterin bzw. zum Veranstalter sowie zur Anzahl
der bei der Versammlungsanmeldung angegebenen erwar­teten Teilnehmerzahl sind der als Anlage 1 beigefügten
Übersicht zu entnehmen. Die tatsächliche Anzahl der Versammlungsteilnehmerinnen und Versammlungsteil­nehmer sowie eine Unterteilung nach „Spontan- und Eil­versammlungen“ werden statistisch nicht erfasst.

2. Wie viele Strafanzeigen wurden im Zusammen­hang mit den unter 1. aufgeführten Versammlungen ge­stellt? Wie ist der jeweilige Verfahrensstand bzw. – ausgang? Wie viele Verfahren richteten sich gegen Perso­nen, die zum Zeitpunkt der Tat bereits vorbestraft waren?
(Bitte nach Versammlungen aufschlüsseln)

Zu 2.: Im Zusammenhang mit dem israelisch-palästi­nensischen Konflikt wurden im Zeitraum vom 09.07.2014
bis 31.08.2014 im Rahmen von Demonstrationen 88 poli­tisch motivierte Fälle registriert. Bei der Erfassung im
Rahmen des .Kriminalpolizeilichen Meldedienstes in Fällen Politisch motivierter Kriminalität“ (KPMD-PMK)
werden ausschließlich Fälle und keine Strafanzeigen gezählt. Ein Fall bezeichnet jeweils einen Lebenssachver­
halt in einem engen räumlichen und zeitlichen Zusam­menhang mit identischer oder ähnlicher Motivlage, unab­
hängig von der Zahl der Tatverdächtigen, Tathandlungen, Anzahl der verletzten Rechtsnormen oder der eingeleite-ten Ermittlungsverfahren. In den 88 im Zusammenhang mit derartigen Versammlungen aufgeführten Fällen sind nur die Taten enthalten, bei denen nach verständiger Be­trachtung der Umstände der Tat oder der Motivation der Täterin bzw. des Täters eine politische Motivation tataus­lösend war. „Versammlungsbegleitende“ Straftaten ohne politische Motivation sind nicht enthalten, sie werden statistisch nicht erfasst.

Eine, entsprechend des jeweiligen Versammlungsthe­mas differenzierte, Zuordnung der registrierten politisch
motivierten Fälle ist aufgrund der dargelegten Art der Erfassung nicht möglich. Die als Fälle bezeichneten Le­
benssachverhalte stehen zwar in engem zeitlichen und räumlichen Zusammenhang, sind aber insbesondere bei
Versammlungen mit zeitlicher und räumlicher Über­schneidung nicht eindeutig bzw. ausschließlich zuorden­bar.

In 45 der registrierten Fälle lagen bereits polizeiliche Erkenntnisse zu den Tatverdächtigen vor.

Eine Aussage über den Stand bzw. Ausgang von Er­mittlungsverfahren im Zusammenhang mit den genannten
Demonstrationen ist nicht möglich, da in dem bei den Strafverfolgungsbehörden genutzten Aktenverwaltungs­
system keine gesonderte Erfassung einzelner Ereignisse erfolgt.

3. Über wie viele Arabisch-Übersetzer verfügt die Berliner Polizei? Bei welchen der unter 1. aufgeführten Versammlungen wurden diese eingesetzt? Wie stellt die Polizei sicher, dass versammlungsrechtliche Auflagen zur Untersagung bestimmter Äußerungen ggf. auch in ande- ,
ren Sprachen, eingehalten werden, wenn keine Übersetzer die Versammlung begleiten?

Zu 3.: Bei der Polizei Berlin sind 37 beeidigte und zu­verlässigkeitsüberprüfte Dolmetscherinnen und Dolmet­
scher für die arabische Sprache verzeichnet.

Eine statistische Erfassung, bei welchen der unter 1. aufgeführten Versammlungen diese eingesetzt wurden,
liegt nicht vor.

Es ist Aufgabe der jeweiligen Versammlungsleitung, die Versammlungsteilnehmenden von etwaig erlassenen
Auflagen in Kenntnis zu setzen. Der Erlass von Auflagen im Einzelfall wird daher in der Regel frühzeitig in den im
Vorfeld stattfindenden Kooperationsgesprächen zwischen der Versammlungsleitung und der Polizei Berlin vermit­
telt. Sollte dennoch gegen versammlungsrechtliche Auf­lagen verstoßen werden, wird zunächst die Versamm­
lungsleitung aufgefordert, dies zu unterbinden.

Auch eine entsprechende Erteilung von Auflagen ist kein absoluter Garant dafür, dass verbotene Äußerungen
in einer emotional angespannten Situation gänzlich unter­bleiben. Das Nichtbeachten einer vollziehbaren Auflage
ist sanktioniert und wird durch die Polizei Berlin konse­quent verfolgt.

4. Wie bewertet der Senat die Stellungnahme eines Polizeisprechers am 26.07.2014 auf der Abschlusskund­gebung zweier Dernonstrationszüge? Welche Maßnahmen wurden ergriffen, um eine Vereinnahmung von Polizei­sprechern und Pressemeldungen der Berliner Polizei durch Veranstalter von Demonstrationen zukünftig auszu­schließen?

Zu 4.: Ein Mitarbeiter der Pressestelle der Polizei Ber­lin ist bei einer Demonstration am 26. 07.2014 vom Ver­
anstalter gefragt worden, ob er bereit wäre, ein Fazit zu ziehen. Der Mitarbeiter ging zunächst davon aus, dass
dieses Fazit, wie andere Berichterstattungen auch, vor einer Kamera erfolgen soll und stimmte zu. Ausdrücklich
nicht abgesprochen war, dass der Veranstalter ihn sodann auf der Bühne ankündigte. Zu einer solchen Situation war es in dieser Form bisher nicht gekommen. Der Mitarbeiter entschied sich spontan, der Bitte zu entsprechen.

Die Polizei schützt auf Demonstrationen das Grund­recht auf Versammlungsfreiheit und bezieht keine Stel­
lung in Bezug auf die dort vermittelte Meinung. Damit die Neutralität der Polizei nicht angezweifelt werden kann,
werden Polizeipressesprecher künftig grundsätzlich nicht von der Bühne des Versammlungsveranstalters sprechen.

5. Wie bewertet der Senat die Twitter-Nachricht der Berliner Polizei am 25.07.2014, zur Bewertung des AI­Quds Marsch: „Nach einem friedlichen Verlauf beenden wir jetzt das Twittern aus unserem heutigen Einsatz.“ (Quelle:https://twitter.com/PolizeiBeriin E/status/4927167739938 97984)# vor dem Hintergrund, dass es im Verlauf der Versammlung laut Medienberichten zu tätlichen Angrif­fen durch Versammlungsteilnehmer_innen auf Gegende­monstrant_innen gekommen ist, die ein Eingreifen der Polizei notwendig machten?

Zu 5.: Der Begriff „friedlicher Verlauf‘ wurde in der Vergangenheit von der Pressestelle gewählt, wenn die
Demonstration nicht als unfriedlich eingestuft worden ist. Straftaten einzelner Teilnehmerinnen und Teilnehmer
führen in der Regel nicht zur Einstufung der Demonstrati­on als „unfriedlich“.

Im Oktober 2014 hat der Pressesprecher der Polizei Berlin festgelegt, dass statt des Begriffs „friedlich“ grund­-sätzlich die neutralen Begriffe „störungsfrei“ oder „über­wiegend störungsfrei“ im Zusammenhang mit Demonstra-­
tionen zu nutzen sind.

6. Welche Erkenntnisse liegen dem Senat über die zu zahlreichen Demonstrationen aufrufende Facebook­Gruppe .Free Palestine Berlin“ und „Free Palästina Ber­lin“ vor?

Zu 6.: Die Betreiber der Facebook-Gruppen „Free Pa­lestine Berlin“ und .Free Palästina Berlin“ riefen im Juli
und August 2014 mehrfach zur Teilnahme an Demonstra­tionen im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg auf. Wei­-
tere Erkenntnisse liegen nicht vor.

7. Welche Versammlungen fanden am 09.11.14, dem 76. Jahrestag der Reichspogromnacht, im Regierungsvier­tel statt? Kam es hierbei zu antisemitischen Vorfallen? Wenn ja, zu welchen? (Bitte nach Versammlung, Uhrzeit, Delikt, Tathergang u. Phänomenbereich aufschlüsseln.)

Zu 7.: Hierzu wird auf die Anlage 2 verwiesen. Anti­semitische Vorfalle sind diesbezüglich nicht bekannt.

8. Wie viele antisemitische Straftaten hat die Polizei zwischen dem 09.07.14 und dem 31.08.14 im Definitions­system PMK erfasst? Wie ist der jeweilige Verfahrens­stand- bzw. -ausgang? (Bitte nach Datum, Uhrzeit, Tatort, Delikten, Tathergang und Phänomenbereichen aufschlüs­seln.)

Zu 8.: Auf die Antwort zu Frage 2 wird verwiesen. In­nerhalb des betreffenden Zeitraums wurden phänomen­
übergreifend 48 Fälle im Rahmen des KPMD-PMK regis­triert, bei denen eine antisemitische Motivation erkennbar
war. Dabei wurden acht Fälle der Politisch motivierten Ausländerkriminalität (PMAK) und 38 Fälle dem Phäno­
menbereich Politisch motivierte Kriminalität – rechts (PMK – rechts) zugeordnet. Zwei Fälle konnten keinem
Phänomenbereich zugerechnet werden. Die Einzelheiten sind der Anlage 3 zu entnehmen.

Berlin, den 28. Februar 2015

In Vertretung

BemKrömer
Senatsverwaltung für Inneres und Sport

 

Anlage mit Aufstellung : DatenAnfrage 17 15517 (pdf)

Written by lbucklitsch

März 13th, 2015 at 10:38 am

JA| Toleranz an der Schmerzgrenze

without comments

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Aber soll sie uneingeschränkt gelten – auch für Schoa-Leugner

– von Micha BrumlikMicha Brumlik

Sollen wir der westlichen Werte wegen unsere Todfeinde unterstützen? : Anti-Israel-Demo in Essen im Juli 2014

© Roland Geisheimer / attenzione

Dass die moderne europäische Kultur keineswegs so fortschrittlich ist, wie sie immer erscheint, war die These der Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrer 1947 publizierten Dialektik der Aufklärung. Das zeigt sich etwa im Fall des französischen Philosophen Voltaire, der bis heute als Ur- und Vorbild eines streitbaren Kämpfers für Toleranz gilt.

VOLTAIRE »Ich bin mit dem, was Sie sagen, nicht einverstanden, werde aber bis zum Ende dafür kämpfen, dass Sie es sagen können.« So die Devise Voltaires, der heute allerdings vor Gericht zu stellen wäre, gilt doch hier Paragraf 30 Strafgesetzbuch (StGB), nach dem mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden kann, wer in einer Weise, »die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe, gegen Teile der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung zum Hass aufstachelt, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen auffordert«.

Genau das trifft auf Voltaire, diesen Befürworter einer uneingeschränkten Meinungsfreiheit, zu, schrieb er doch 1764 in seinem Dictionnaire philosophique: »Die Juden sind nichts als ein unwissendes und barbarisches Volk, das seit langer Zeit die schmutzigste Habsucht mit dem verabscheuungswürdigsten Aberglauben und dem unauslöschlichsten Hasse gegen alle Völker verbindet, bei denen sie geduldet werden und an denen sie sich bereichern.«

Entsprechend wurde er von Antisemiten jeder Art gerne als Kronzeuge bemüht. Einige Jahre vor dieser Publikation, 1741, wurde sein Theaterstück Mahomet uraufgeführt, ein Stück, das nach heutigen Begriffen als islamophob gelten würde. Der damalige kirchliche Zensor Crebillon, ein katholischer Christ, verbot damals jede weitere Aufführung, da das Drama »eine Ungeheuerlichkeit voller Schändlichkeiten, Ruchlosigkeiten, Unglauben und Gottlosigkeit« sei.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Februar 13th, 2015 at 6:07 am

JA| »Die Geschichten weitergeben«

without comments

Janine Cunea führt für ihre Doktorarbeit Gespräche mit Holocaust-Überlebenden

 von Katharina Schmidt-HirschfelderKatharina Schmidt-Hirschfelder

© Gregor Zielke  | »Zuhören ist enorm wichtig«: Neu-Berlinerin Janine Cunea

Ich bin sowohl Enkelin als auch Tochter von Schoa-Überlebenden. Irgendetwas zwischen zweiter und dritter Generation. Man sagt ja, viele Kinder von Überlebenden ergreifen helfende Berufe: Sozialarbeiter, Therapeut oder Arzt. Mag sein, dass das auch in meine Berufswahl mit hineingespielt hat.

Zu Beginn meines Berufslebens habe ich in Offenbach Migranten im Bereich der beruflichen Bildung betreut, darunter viele arabisch- und türkischstämmige junge Erwachsene. Dort wurde mir klar, in welcher Perspektivlosigkeit viele Migranten leben. Drogen, Gewalt, Kriminalität – wir unterschätzen oft, wie wenige Möglichkeiten diese Jugendlichen geboten bekommen. Mit unseren Beratungen hingegen konnten wir dem zum Glück etwas entgegenstemmen. Vielleicht auch deshalb, weil wir einfach erst einmal nur zuhörten. Das war die wichtigste Erfahrung, die ich dort mitgenommen habe.

TREFFPUNKT In der Sozialabteilung der jüdischen Gemeinde meiner Heimatstadt Frankfurt erfuhr ich zu dieser Zeit zufällig vom Treffpunkt für Schoa-Überlebende. Ich begann dort ein Praktikum. Ein paar Wochen, mehr nicht. Aber dann schloss ich die Menschen immer mehr ins Herz. Am Ende wurden daraus fünf Jahre, von 2007 bis 2012.

Zu dieser Zeit studierte ich auch Sozialpädagogik. Durch meine Erfahrungen beim Treffpunkt der Schoa-Überlebenden reifte langsam die Idee zur Doktorarbeit. Denn was in dem Treffpunkt passierte, fand ich so wichtig und spannend, dass ich unbedingt über die psychosoziale Betreuung von Schoa-Überlebenden schreiben wollte. Meine Doktoreltern Micha Brumlik und Lena Inowlocki haben mich von Anfang an sehr unterstützt. Als dann 2009 das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) gegründet wurde, konnte ich die Idee dank eines Stipendiums umsetzen.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Januar 22nd, 2015 at 5:52 am

JA| Eine Zukunft in Europa?

without comments

Experten sprachen an der HfJS Heidelberg über die Situation jüdischer Gemeinden

15.01.2015 – von Oliver BeckhoffOliver Beckhoff

Diaspora in Bedrängnis: Gedenken an die jüdischen Opfer in Paris

© dpa

Die Zukunft jüdischer Gemeinschaften in Europa entscheidet sich unter anderem am Ausgang aktueller Konflikte und Herausforderungen. Wer in die Zukunft sehen will, muss also zunächst die Gegenwart verstehen. Eine Bestandsaufnahme machten internationale Wissenschaftler bei der interdisziplinären Konferenz »Diversity and Identity – Jewish Communities and the Future in Europe« vom 10. bis 12. Januar an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg (HfJS).

Das gemeinsame Ziel: zu erfassen, was jüdisches Leben in Europa heute ausmacht und wie es in Zukunft aussehen wird. Der gemeinsame Gegenstand: die Erforschung der europäischen Diaspora. Dabei zeigte sich, dass jüdische Lebensentwürfe heute so vielfältig sind wie nie. Das erschwert die Prognose.

An Europas Grenzen überschlugen sich im vergangenen Jahr die Ereignisse. An den jüdischen Gemeinden in Russland und der Ukraine geht das nicht spurlos vorbei: In der Krim-Krise bezog der ukrainische Rabbiner Shmuel Kaminetsky politisch Stellung gegen Russlands Vorgehen. Der russische Oberrabbiner Berel Lazar lehnte es dagegen ab, sich zum Konflikt zwischen der Ukraine und Russland zu äußern.

Aus staatlichen Auseinandersetzungen möchte er sich grundsätzlich heraushalten. Doch nicht nur in der Politik, sondern auch im Alltag vieler jüdischer Gemeinden führen Gegensätze in Identitätsfragen immer wieder zu Spannungen. Zudem wirken sich gesellschaftliche Großwetterlagen auf diesen Alltag aus.

PARIS Aus Frankreich, der größten jüdischen Gemeinde Europas, sind im vergangen Jahr so viele Menschen wie nie zuvor nach Israel ausgewandert. 2014 war es in Frankreich bei Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg mehrfach zu antisemitischen Ausschreitungen gekommen. Zuletzt warf die tödliche Geiselnahme in einem jüdischen Lebensmittelgeschäft am 9. Januar in Paris ein grelles Schlaglicht auf das Problem des Antisemitismus.

Abwanderungstendenzen in der jüdischen Bevölkerung zeigen sich auch im autoritären Ungarn unter Viktor Orbán. Ebenso in der Ukraine, wo die unsichere politische Lage rechtsextremen Stimmen Gehör verschafft. In Bulgarien und in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens haben die Gemeinden zum Teil so wenige Mitglieder, dass ihr Fortbestand heute infrage steht.

Dass die kleinen Gemeinden überhaupt so lange bestehen konnten, stellt Micha Brumlik, Emeritus der Goethe-Universität Frankfurt am Main, vor ein wissenschaftliches Problem: »Wie funktioniert das? Wie schaffen es diese Gemeinschaften zu bestehen?« Dies ist gleichzeitig eine Grundfrage der jüdischen Diasporaforschung. In anderen Ländern der EU sind die Zahlen ermutigender, zum Beispiel in Deutschland.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wanderten seit 1990 etwa 200.000 russischsprachige Juden in die Bundesrepublik ein. Viele der Zuwanderer schlossen sich jüdischen Gemeinden an und machten diese vielfältiger. Noch 1989 zählten die jüdischen Gemeinden in Deutschland kaum 30.000 Mitglieder, heute sind es rund 100.000. Doch kulturelle Unterschiede zwischen den Alteingesessenen und den Zugezogenen sorgen in vielen Gemeinden für erhöhten Verständigungsbedarf.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Januar 15th, 2015 at 4:30 am

JA| Kommunismus der Spiritualität

without comments

Micha Brumlik und Rabbiner Uri Gamson diskutieren das späte Hauptwerk der jüdischen Mystik

von Katharina Schmidt-HirschfelderKatharina Schmidt-Hirschfelder

Micha Brumlik (l.) und Rabbiner Uri Gamson

© Rolf Walter

Micha Brumlik ist Mitbegründer eines erneuerten liberalen Reformjudentums. Dennoch sitzt er im Wohnzimmer von Uri Gamson, Rabbiner von Chabad Lubawitsch und Leiter der orthodoxen Jeschiwa Gedolah Berlin, vor sich auf dem Tisch ein dickes Buch mit schlichtem weißem Einband. Die beiden treffen sich nicht zum ersten Mal. Sie kennen sich seit Jahren vom Gemeindetag des Zentralrats und diversen Veranstaltungen. Brumlik sei in Chabad-Kreisen »gefürchtet«, sagt Gamson schmunzelnd, denn er sei für seine kenntnisreiche Kritik der Bewegung bekannt.

Auf den ersten Blick also eine ungewöhnliche Begegnung. Doch das Gespräch der beiden an diesem Morgen dreht sich um ein Thema, das beide fesselt, gleichwohl aus unterschiedlichen Gründen: das Buch Tanja. Brumlik hat Gamson ab Mitte Januar zu einem akademischen Lektürekurs ins Zentrum für Jüdische Studien nach Berlin-Mitte eingeladen. Gamson sagte sofort zu.

MYSTIK Das Buch Tanja erschien erstmals 1797. Das späte Hauptwerk der jüdischen Mystik von Rabbi Schneor Salman von Ljadi spiegelt nicht nur chassidisches Lebensgefühl in napoleonischer Zeit, sondern ist bis heute Herzstück der Chabad-Bewegung.

Die Lebenswelten der beiden Gesprächspartner könnten unterschiedlicher nicht sein. Genau darin jedoch liegt für beide der Reiz: Themen und Thesen des Buches einem interessierten Publikum vorzustellen und ihre Aktualität für jüdisches Leben heute offen zu diskutieren – der eine persönlich von innen, der andere mit kritisch-wissenschaftlichem Blick von außen.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Januar 15th, 2015 at 4:27 am

TAZ| Die diasporische Lektion

without comments

Die Erfahrung Israels lehrt: Demokratien brauchen einen pluralistischen Univeralismus. Es gilt, die verschiedenen Identitäten zu verbinden.

Heute erleben wir die Verlagerung vom Diaspora-Juden zum Israel-Juden. Bild: reuters/Amir Cohen

Was bedeutet jüdisches Leben in einer globalisierten Moderne? Dieser Frage widmete sich kürzlich das Jüdische Museum Berlin in einer hochkarätig besetzten Tagung. Eine Frage, die natürlich nicht jenseits des Bezugs zu Israel gestellt werden kann.

Einer der Tagungsteilnehmer, Micha Brumlik, hat dazu im Vorfeld einen Essay in der taz veröffentlicht. Brumlik schreibt, dass das geplante Gesetz, das Israel zum „Staat des jüdischen Volkes“ erklären soll, zu einer innerjüdischen Spaltung führen würde: Es würde Israel und die jüdische Diaspora auseinanderdividieren.

Man kann tatsächlich von einer drohenden Spaltung des Judentums sprechen. Doch diese verläuft nicht einfach zwischen Israel und der Diaspora. Die Bruchlinie scheint komplexer. Eine Gruppe reiht sich um den Signifikanten „Israel“. Diese Gruppe ist aber keineswegs identisch mit den Bewohnern des Landes. Hier findet sich neben einem Teil der Israelis jener Teil der Diaspora, der sich als fünfte Kolonne, als vehementer Statthalter einer jüdischen Nation versteht.

Die andere Gruppierung schart sich um den Signifikanten „Diaspora“. Sie ist aber keineswegs identisch mit den Gemeinden weltweit. Sie umfasst Teile von diesen ebenso wie Teile der Israelis. Man kann auch in Israel ein Diaspora-Jude sein.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Dezember 27th, 2014 at 10:24 am

TAZ| Recht auf den eigenen Tag

without comments

Es ist möglich, jüdischen und palästinensischen Kindern, die unter der politischen Unvernunft ihrer Eltern zu leiden haben, eine Freude zu machen.

Ein jüdisches Kind, vor zweitausend Jahren von jüdischen Flüchtlingen geboren. Eine spanische Weihnachtskrippe. Bild: dpa

Der kleine Junge, dessen Geburtstag in wenigen Wochen gefeiert werden wird, war ein jüdisches Kind, vor zweitausend Jahren von jüdischen Flüchtlingen in einem Ort geboren, der heute einem künftigen Staat Palästina zugehören soll, in Bethlehem. Gleichwohl war dieser kleine Junge kein Palästinenser – das konnte er schon deshalb nicht sein, weil die römische Provinz, in der er geboren wurde, damals „Judäa“ hieß und erst weit über hundert Jahre später von der römischen Imperialmacht, die der immerwährenden Aufstände jüdischer Nationalisten überdrüssig war, offiziell in „Palästina“ – „Land der Philister“ umbenannt wurde.

Der kleine Junge aber wurde zu einem jüdischen Wanderprediger, der sich – für die damalige Zeit eher ungewöhnlich – intensiv für Kinder einsetzte; im Evangelium des Matthäus 19,14 ist es nachzulesen: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes.“ Dies war der Slogan einer seiner Predigten.

Wer diesen Worten des Jesus von Nazareth in diesen vorweihnachtlichen Tagen etwas abgewinnen kann, hat durchaus die Möglichkeit, Kindern, jüdischen und palästinensischen Kindern, die heute unter der politischen Unvernunft mindestens eines Teils ihrer Eltern zu leiden haben, eine Freude zu machen.

Es geht um das vom Komitee für Grundrechte und Demokratie e. V. getragene, von Hanne und Klaus Vack initiierte und von Helga Dieter verantwortete Projekt „Ferien vom Krieg“, auf dessen Homepage Folgendes zu lesen ist:

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Dezember 13th, 2014 at 12:49 pm

TAZ| Debatte Nationalismus in Israel – Wem gehört der Staat Israel?

without comments

Netanjahu will Israel zum „Staat des jüdischen Volkes“ erklären. Das diskriminiert die Palästinenser. Und er verliert die jüdische Diaspora.

Was für ein Staat soll Israel sein? Bild: dpa

Die gegenwärtige Regierungskrise des Staates Israel ist weit mehr als Ausdruck eines unpraktikablen parlamentarischen Systems, das kleinsten Parteien den Einzug in das Parlament, die Knesset, erlaubt und durch Zersplitterung stabile Regierungsmehrheiten verhindert.

Vielmehr ist anzunehmen, dass sich diese Krise zur größten Krise des jüdischen Volkes seit der Katastrophe des von Deutschen begangenen nationalsozialistischen Massenmordes entwickeln wird. Des jüdischen Volkes? Was sind überhaupt Juden, was das Judentum? Dazu werden heute vier Vorschläge diskutiert.

Erstens das Judentum als Religion, als Konfession, als Glaubensgemeinschaft. Diese Definition leidet daran, dass keineswegs der größte Teil der weltweit etwa zwölf Millionen Juden intensiv gläubig ist, Thora lernt, regelmäßig Gottesdienste besucht und sich strikt an Festtage und häusliche Rituale hält.

Zweitens das Judentum als ethnische Nation im Sinne des Volksbegriffs des späten achtzehnten Jahrhunderts, als Sprach- und Herkunftsgemeinschaft.

Der Staat des jüdischen Volkes

Drittens als eine „Kultur“, die – wie erst kürzlich die israelischen Autoren Amos Oz und Fania Oz-Salzberger in ihrem Buch „Juden und Worte“ nachweisen wollten – eine einzigartige, Jahrtausende alte Buch-und Schrifttradition aufweist.

Viertens wird das Judentum als „Schicksalsgemeinschaft“ verstanden: als eine Großgruppe von Menschen, die ohne scharfe Trennlinien durch teils geteilte Traditionen, Anfeindungen der Umwelt sowie ein vages Gemeinschaftsbewusstsein zusammengehalten wird.

weiterlesen

Written by lbucklitsch

Dezember 9th, 2014 at 2:55 pm

TAZ| Ganz normale Organisationen

without comments

MORDBEREITSCHAFT Psychische Schwäche, Alkohol, Kameraderie, Unterwerfung – von SA bis IS: Stefan Kühl untersucht die Voraussetzungen für massenhaft praktizierten Sadismus

 

VON MICHA BRUMLIK

Als vor sechsundsiebzig Jahren die Synagogen angezündet und jüdische Menschen unter Hohn und Spott wie Vieh durch die Straßen deutscher Städte getrieben wurden, waren die Täter meist Mitglieder der SA aus anderen Städten, während sich ortsansässige Passanten teils verlegen abwandten, teils interessiert gafften. Als drei, vier Jahre später jüdische Kinder, Männer und Frauen in Polen und in der Sowjetunion ermordet wurden, waren kaum Passanten zugegen, während ganz normale deutsche Soldaten und Polizisten dieses blutige Handwerk präzise verrichteten. Das, was als „Holocaust“ bezeichnet wird, die planmäßige Ermordung von etwa sechs Millionen europäischer Juden durch SS, Wehrmacht, Polizei und ostmitteleuropäische Hilfstruppen, war keineswegs identisch mit dem, wofür gemeinhin der Ortsname „Auschwitz“ steht – nämlich die fabrikmäßig betriebene Vergasung. Vielmehr – darauf haben die Historiker Daniel Jonah Goldhagen und Christopher Browning in einer berühmt gewordenen Kontroverse hingewiesen – wurde etwa die Hälfte der Morde, bei denen die Täter u. a. Babys aus nächster Nähe erschossen, handwerklich mit Schusswaffen ausgeführt.

Derzeit fragt sich die Welt, wie es möglich ist, dass Milizionäre einer Organisation namens „Islamischer Staat“ in Videos, vor den Augen der Weltöffentlichkeit, wehrlosen Geiseln den Hals abschneiden, wie es sein kann, dass junge, in westlichen Gesellschaften aufgewachsene Männer ausreisen, um anderswo zu rauben, zu morden und zu vergewaltigen. Kann es sein, dass es der angebotene Rahmen einer „Organisation“ ist, die Staatlichkeit suggeriert, der sie dazu motiviert?

Handwerker des Todes

Die Frage, wie derlei möglich ist und – mit Blick auf die deutsche Geschichte – möglich war, beschäftigt Geschichts-, Politik- und Philosophiewissenschaften spätestens seit Hannah Arendts bis heute heiß debattierter Reportage „Eichmann in Jerusalem“ aus dem Jahr 1961. In der stellte sie die These von der „Banalität des Bösen“ stellte. Nach dieser geht die Bereitschaft zum willfährigen Vollziehen des Mordes an den Juden auf nichts anderes zurück als auf die Unterwerfungsbereitschaft durchschnittlicher Menschen unter bürokratische Zwänge. Obwohl durch Forschungen der HistorikerInnen Doron Rabinovici und später Bettina Stangneth längst erwiesen ist, dass das im Falle Eichmanns nicht zutraf, er vielmehr ein fanatischer Antisemit war, nahm die Debatte durch Goldhagens 1996 publiziertes Buch über „Hitlers willige Vollstrecker“ noch einmal Fahrt auf. Die Mitglieder der von Goldhagen und Browning untersuchten „handwerklichen“ Tätergruppe, des Polizeibataillons 101, waren im Osten eingesetzte Hamburger Polizisten, die einem eher sozialdemokratischen Milieu entstammten und weder als NS-nah noch als übermäßig judenfeindlich zu betrachten waren.

Ihre Taten und Motive sind durch die Akten eines 1965 in Hamburg geführten Prozesses ungewöhnlich gut dokumentiert. Während Goldhagen die Mordbereitschaft der Polizisten mit der ihnen ansozialisierten deutschen Kultur einschließlich ihres tiefsitzenden Judenhasses erklärte, ging Christopher Browning einen eher sozialpsychologischen Weg. Browning erklärte die Untaten der „ganz normalen Männer“ durch psychische Schwäche, Alkohol und Kameraderie – also durch Persönlichkeitseigenschaften. Parallel zu diesen Debatten versuchte der Historiker Hans Mommsen, eine „funktionalistische“ Erklärung gegen eine „intentionalistische“ Erklärung zu plausibilisieren. Demnach sei eine Untersuchung von Motiven und Absichten der Handelnden gegenüber den Strukturen ihrer Gesellschaft mehr oder minder müßig.

Die Debatte, wie der Holocaust zu erklären sei, hat jetzt, mit dem Erscheinen der vom Bielefelder Soziologen Stefan Kühl soeben vorgelegten Studie „Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust“ eine sachliche Fortsetzung gefunden. Kühl ist weder Historiker noch Zivilisationskritiker, weder Tiefenpsychologe noch Philosoph, sondern Soziologe, also Angehöriger einer akademischen Disziplin, die kulturelle und politische Phänomene durch die Formen, in der Menschen zusammenleben, erklären will. Die Form „Organisation“ ist demnach keine Maschine, in der Menschen wie Rädchen genau das vollziehen, was Personenverbände von Politik oder Wirtschaft programmatisch vorgeben. Es sind Gebilde, die häufig widersprüchliche Ziele verfolgen, deren Mitglieder widersprüchlich handeln, in denen nachgeordnete Mitglieder den Leitungen entgegen- oder eben überholend zuarbeiten.

Vollständiger Artikel

Written by lbucklitsch

November 12th, 2014 at 3:55 pm

TAZ| Aktueller Revisionismus

without comments

Die Zeit ethnischer Nationalstaaten ist längst nicht vorbei. Postkoloniale Theorien sollten in dieser Hinsicht wenigstens präzisiert werden.

Jerusalem: „Hier der Glaube an den Tempel Davids, dort die Überzeugung, dass der Prophet von Mekka auf seinem Pferd Burak nächtens angeritten sei.“ Bild: dpa

Womöglich beweisen die mörderischen Kriege im Nahen Osten sowie das tödliche militärische Geplänkel im Osten der Ukraine, dass eine – zumal von Linksliberalen gern geteilte – Überzeugung wieder zur Disposition zu stellen ist. Seit mindestens fünfundzwanzig Jahren haben wir uns bei dem Gedanken wohlgefühlt, dass die Zeit der ethnischen Nationalstaaten, die den Menschen nicht nur Europas in zwei Weltkriegen millionenfachen Tod brachten, vorbei und überwunden sei, dass zumal die Globalisierung ihre Überwindung und Einschränkung geradezu erzwinge.

Inzwischen hatten wir allerdings durch historische Forschung, etwa die Untersuchungen des Konstanzer Historikers Jürgen Osterhammel zu lernen, dass es gerade die frühneuzeitliche Globalisierung war, die den ethnischen Nationalstaat zumindest mit verursacht hat.

Zugleich war zur Kenntnis zu nehmen, dass zumal in den klassischen Nationalstaaten, Frankreich und Großbritannien, jene politischen Kräfte, die gegen ein postnationalstaatliches Gebilde wie die Europäische Union sind, immer stärker werden; die vorerst glimpflich ausgegangenen Sezessionsbewegungen in Katalonien und in Schottland bestätigen das nur.

Ein Blick in den Nahen (nah von wo eigentlich?) und „Mittleren“ Osten wiederum scheint drastisch das Ende der aufgenötigten nationalstaatlichen Hüllen zu beweisen: Während von „Libyern“, „Irakern“ oder gar „Syrern“ als ethnischen Nationen keine Rede mehr sein kann, sondern dort nur noch Stämme oder Religionsgemeinschaften Träger der politischen Entwicklung sind, erweisen sich die Völker der Juden und Palästinenser, neuerdings auch der Kurden als stabil und geradezu staatstragend – im Guten wie im Schlechten. Angesichts dessen hätte jenes Theorienangebot, das als „postkolonial“ bezeichnet wird, einige Revisionen oder wenigsten Präzisierungen vorzunehmen.

Vollständiger Artikel

Written by lbucklitsch

November 12th, 2014 at 5:47 am