Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Jan Assmann’ tag

Welt| Einer wird gewinnen

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Sind manche Religionen brutaler als andere? Peter Sloterdijk, Jan Assmann und Marcia Pally diskutieren “Die Gewalt eines Gottes”Von Hannes Stein

Folgendes hat der Ägyptologe Jan Assmann weder geschrieben noch gemeint: Es gab einmal eine gute, alte, friedvolle Zeit, in der die Menschen verschiedene Götter, das heißt eigentlich den Kosmos selbst verehrten. In diese Idylle brach dann mit den Israeliten die sogenannte mosaische Unterscheidung ein. Moses unterschied zwischen dem einen und einzig wahren Gott Israels und den vielen Göttern der Völker, die er verächtlich als “Nichtse” bezeichnete.

Diesen Monotheismus hatte er eigentlich von dem bilderstürmenden Pharao Echnaton abgekupfert, aber erst mit den Israeliten wurde er geschichtsmächtig. Die Folge: Massaker und Glaubenskriege, das erbarmungslose Abschlachten der Ureinwohner Kanaans, der Kampf gegen Abtrünnige in den eigenen Reihen, der zu anderen Formen religiöser Intoleranz (Kreuzzüge, Dschihad) führte und die Blaupause für die Schandtaten Hitlers und Stalins lieferte. Anders gesagt, die Juden waren irgendwie an Auschwitz und am Gulag schuld.

Wie gesagt: Diesen antisemitischen Unsinn hat Jan Assmann weder gesagt noch gemeint. Aber just so wurde er von manchen Leuten missverstanden, als 1995 sein anregendes Buch “Moses der Ägypter” erschien. Und es ist im Rückblick eigentlich eher gut, dass Assmann auf diese Weise missverstanden wurde: Erstens, weil ihm dies die Möglichkeit eröffnete, seine Position klar-, teilweise auch richtigzustellen; zweitens, weil das Missverständnis, nachdem ihm der protestantische Theologe Rolf Schieder mit einiger Verve widersprochen hatte, zu etwas sehr Fruchtbarem führte – einer Debatte nämlich. Diese Debatte tobte zunächst im Internetportal “Perlentaucher”, jetzt gibt es sie – für die altmodischen Freunde des bedruckten Papiers – auch gebündelt zwischen zwei Buchdeckeln, und zwar unter dem Titel “Die Gewalt des einen Gottes”.

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Written by lbucklitsch

Mai 3rd, 2014 at 7:17 am

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Perlentaucher| Respektabel, aber falsch – Essay

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Peter Sloterdijks Verschärfung von Jan Assmanns “mosaischer Unterscheidung” Von Micha Brumlik

Ein historischer Rundblick zeigt, dass es keine “mosaische Unterscheidung” brauchte, um im Namen einer Religion die eigenen Leute und andere zu massakrieren: eine Widerlegung der Assmann-Sloterdijk-Hypothese.

Bild zum ArtikelMicha Brumlik wendet sich gegen die von Jan Assmann (hier) und Peter Sloterdijk (hier) formulierten Thesen über die “mosaische Unterscheidung” und die Gewalt des Monothismus. Hier eine Übersicht über den Verlauf der Debatte. (D.Red.)
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Vorbemerkung

Jan Assmanns These von der mosaischen Unterscheidung sowie Peter Sloterdijks Verschärfung dieser These, wonach die mosaische Unterscheidung – in den von ihr geprägten historischen Religionen Judentum, Christentum und Islam – von “autogenozidaler Selbstexklusion” in der Ethnogenese zur intoleranten Bildung von Zwangsmitgliedschaften und – in den politischen Religionen von Nationalsozialismus und Stalinismus – zu den katastrophalen Massenmorden der Moderne geführt hätte, ist respektabel und anregend. Respektabel deshalb, weil beide damit in einer Tradition der Selbstkritik jener westlichen Moderne stehen, die spätestens in Horkheimer/Adornos “Dialektik der Aufklärung” einen ersten Höhepunkt erreicht hat. Anregend, weil sie dazu provoziert, erneut über die Grundlagen unserer Kultur nachzudenken. Bei alledem wird man weder Assmann noch Sloterdijk gerecht, wenn man ihre Thesen für identisch hält, gleichwohl sei im folgenden, um der Stringenz der Debatte willen von einer aus drei Teilen bestehenden “Assmann-Sloterdijk-Hypothese” gesprochen. Deren erster Teil behauptet (mit Jan Assmann), dass die “mosaische Unterscheidung” – also die Unterscheidung von wahr und falsch in der Religion – eine emergente, welthistorische Singularität gewesen sei, ihr zweiter Teil behauptet, dass diese Unterscheidung Legitimationsmuster zur Ausübung von Gewalt bereit halte, zumal gegen die Angehörigen der eigenen Gruppe, ein Umstand, den Peter Sloterdijk drittens pointiert, wenn er behauptet, dass damit ein “Master Narrative”, ein Deutungsmuster entstanden sei, das entsprechend Gläubige in ganz besonderer Weise zu unerträglichen, unfasslichen Grausamkeiten und zu Handlungsdispositionen “autogenozidaler Selbstexklusion” geführt habe.

Ich versuche im Folgenden, die “A.S.-Hypothese” in drei Argumentationsgängen zu widerlegen: Erstens gehe ich der Frage nach, ob Assmann und Sloterdijk den methodischen und methodologischen Hypotheken ihrer Hypothese gerecht werden und überhaupt gerecht werden können; Zweitens nehme ich den von Sloterdijk inaugurierten, universalhistorischen Blick auf Grausamkeit und Intoleranz zumal gegen die eigene Gemeinschaft auf, verdichte diesen Blick zu einer angeregten Vorstellung einer universalhistorischen Grausamkeitslehre (“Atrozitologie”) und versuche zu zeigen, dass gerade in ihrem Rahmen die “A.S.-Hypothese” nicht zutrifft, während ich drittens mit einigen Bemerkungen zum Judentum, das mit der vermuteten israelitischen Religion de facto nichts zu tun hat, möglichen missverständlichen antijudaistischen und antisemitischen Lesarten der “A.S.-Hypothese” zuvorkommen will.

1. Methodisches, Methodologisches

Die “A.S.-Hypothese” lässt sich grundsätzlich zweifach verstehen:
a. als eine universalhistorische Hypothese über den realen Verlauf der Weltgeschichte, die der Übernahme des singulären mosaischen Narrativs kausale Wirksamkeit beim Ausüben von Intoleranz und Grausamkeit zuschreibt. Und zwar in dem Sinne, dass dort, wo dieses Narrativ nicht vorliegt, die Geschichte weniger grausam verlaufen ist.
b. als eine im Wesentlichen hermeneutisch und textualistisch, bei Assmann deutlicher als bei Sloterdijk gedächtnisgeschichtlich orientierte Annahme, die den textuellen Spuren dieses Narrativs in weiteren Texten folgt, damit aber ihre religionskritische Brisanz verliert.

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Written by lbucklitsch

April 11th, 2014 at 9:40 am