Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Judentum’ tag

Deutschlandfunk| Glaube und Zweifel im Judentum – Wo war Gott in Auschwitz?

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Holocaust-Überlebende berichten oft: Seit Auschwitz können wir nicht mehr religiös sein. Wer die Nazi-Verbrechen miterlebt hat, kann nicht mehr an einen allmächtigen, gütigen Gott glauben. Warum hat Gott bei den Massenverbrechen zugeschaut? Wo war Jahwe während der Shoah? Diese Frage rüttelt am jüdischen Gottesbild.

Von Jens Rosbach

Rabbiner Zsolt Balla tut alles, um das spirituelle Leben seiner jüdischen Gemeinde in Leipzig zu fördern. So greift der Seelsorger oft selbst zur Gitarre, um Psalmen zu singen. Doch fragen ihn die Mitglieder nach der Shoah, weiß Balla oft nicht weiter.

„Die typische Frage ist: Wenn es einen allmächtigen und guten Gott in der Welt gibt, wie konnte er so etwas zulassen?“

Balla, der aus Ungarn stammt und sich in Berlin zum orthodoxen Rabbiner ausbilden ließ, räumt ein: Es bleibe ein Mysterium, wo Gott während des NS-Massenmordes war.

Orthodoxe: Gott ist allmächtig

„Wir können nur kleine Pixel sehen von einem Billiarden-Megapixel-Bild. Wir können nur ein sehr kleines Segment sehen. Wir denken, dass Gott, er hat die Möglichkeit das ganze Bild zu sehen.“

Für den Seelsorger geht es letztlich nicht um logisches Verstehen, sondern um festgelegte Glaubensgrundsätze: Das orthodoxe Judentum habe sich nach den 13 Axiomen zu richten, die der jüdische Rechtsgelehrte Mosche Ben Maimon im 12. Jahrhundert aufgestellt hat. Maimon, genannt Maimonides, habe Gottes Allmacht gepredigt; dies dürfe nicht angezweifelt werden – auch nicht angesichts der Verbrechen an seinem Volk.

„Gott ist allmächtig. Wir können das nicht infrage stellen. In der Sekunde, in der man das infrage stellt, bedeutet das, dass man nicht mehr im Rahmen von Orthodoxie ist.“

Liberale: Gott ist teilweise ohnmächtig

Ortswechsel, Berlin-Mitte, ein Mietshaus mit schwerem Eisentor. Durch einen Hinterhof geht es ins „Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg“. Hier forscht und lehrt der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik. Der liberale Jude, der als Kind jüdischer Flüchtlinge geboren wurde, hat ein anderes Gottesbild als der orthodoxe Rabbiner Zsolt Balla. Brumlik macht durchaus Abstriche, was die Allmacht Gottes betrifft.

„Das mich überzeugendste Erklärungsmuster ist das des Philosophen Hans Jonas, der eine wichtige Schrift verfasst hat über den Gottesbegriff  nach Auschwitz, in der er sagt: Wenn man intellektuell redlich sein will, dann muss man von den klassischen Prädikaten Gottes Allgüte, Allwissen und Allmacht die dritte Eigenschaft streichen.“

Doch wenn der „Herrscher der Welt“ teilweise ohnmächtig ist – kann man ihn dann noch als Gott bezeichnen?

„Doch, das kann man schon denken. Gott ist die Weisung, der Wegweiser, die Stimme vom Sinai, die uns verpflichtet. Aber nicht jemand, der von jenseits des Weltalls beliebig in die menschlichen Dinge reinfunken kann.“

Rabbi Rubenstein: Gott ist tot

Der Professor weiß, dass Jonas‘ Ansatz Fragen aufwirft. Etwa, ob Gott jemals allmächtig gewesen ist.

„Was natürlich im Widerspruch zu den Befreiungsgeschichten der Kinder Israel aus Ägypten steht. Weil da ist es ja Gott, der mit starker Hand und ausgestrecktem Arm Israel aus der Sklaverei in die Freiheit geführt hat. Das konnte nur ein allmächtiger Gott.“

Wo war Gott, als sechs Millionen Juden vernichtet wurden? Eine Frage, die die jüdische Theologie seit Jahrzehnten beschäftigt. Den Auftakt machte 1966 der US-amerikanische Rabbiner Richard Rubenstein. Mit seinem Buch „Nach Auschwitz“ rüttelte er die religiöse Fachwelt auf.

„Im Grunde lässt sich seine Position in drei Worten zusammenfassen: Gott ist tot.“

Berichtet der Historiker und Germanist Christoph Münz. Nach Angaben des hessischen Publizisten argumentierte Rubenstein damals radikal:

„Erstens: Gott kann es unmöglich erlaubt haben, dass der Holocaust geschehen ist. Zweitens: Der Holocaust ist aber geschehen. Und deshalb, drittens, existiert Gott – so wie es in der jüdischen Tradition gedacht ist – nicht.“

KZ-Überlebender Fackenheim: Gott ist trotzdem

Heftige, innerjüdische Debatten folgten. Eine viel beachtete, gegensätzliche These stammt vom jüdischen Philosophen Eliezer Berkovits. Der Rabbiner war 1939 aus Nazi-Deutschland geflüchtet und lebte viele Jahre in den USA.

„Berkovits sagt, dass Gott im Holocaust sein Angesicht verborgen hat. Und er tut dies, um den Menschen und der Schöpfung Raum für Freiheit zu geben – dass das Gute und das Böse gleichermaßen stark werden können.“

Christoph Münz, der seine Dissertation über die Theologie nach Auschwitz geschrieben hat, analysiert: Einige Rabbiner argumentieren nicht rein religiös, wenn es um die sogenannte Theodizee-Frage geht, um die Frage nach Gottes Rolle bei all dem Übel in der Welt. So habe der liberale Gelehrte Emil Fackenheim, ein KZ-Überlebender, eine historisch begründete These aufgestellt. Fackenheim meint, dass in der Nazi-Zeit Gottes Ruf hörbar wurde: nämlich sein Gebot, trotzdem weiter zu glauben.

„Die Begründung ist: Wenn Du anfängst, an Gott zu zweifeln, dann tust Du Hitlers Job. Genau das wollte er erreichen: dass wir Juden, unser Erbe, unsere Tradition, unsere religiöse Identität aufgeben.“

Emil Fackenheim fügte den 613 jüdischen Geboten ein weiteres hinzu: Man dürfe den Nationalsozialismus nicht im Nachhinein siegen lassen. Seitdem beachten viele Juden weltweit Fackenheims 614. „Gebot“. Christoph Münz:

„In gewisser Weise öffnet er eine Tür, durch die sowohl religiöse wie säkulare Juden gehen können und sozusagen auf ihre Weise dieses ‚Trotz-Alledem‘ interpretieren können.“

Gott als Strafender, Missbrauchender

Allerdings wurden in den vergangenen Jahrzehnten auch einige theologische Erklärungen wieder verworfen. So argumentierte man lange Zeit im orthodoxen Judentum, Gott habe die NS-Vernichtungsmaschinerie zugelassen als Strafe für die Sünden seines Volkes. Etwa für die vermeintliche „Sünde“, dass immer mehr Juden seit der Aufklärung rational denken und nicht mehr fromm sind. Doch heute sprechen viele Orthodoxe, wie der Leipziger Rabbiner Zsolt Balla, nicht mehr vom Holocaust als „göttliche Strafe“.

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Januar 26th, 2017 at 8:24 pm

FG-Forum: Rosenzweig-Gastprofessor Micha Brumlik sprach über den Zusammenhang von Religion, Konflikt und Frieden

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Die Franz-Rosenzweig-Gastprofessur wird alljährlich von der Universität Kassel zur Erinnerung an den großen Historiker und jüdischen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig (1886-1929) vergeben. Rosenzweig wuchs in Kassel auf, besuchte das Friedrichsgymnasium und legte hier im Jahr 1905 sein Abitur ab. In diesem Jahr hat die Rosenzweig-Gastprofessur der Schweizer Erziehungswissenschaftler und Publizisten Prof. Micha Brumlik inne. Brumlik war bis zu seiner Emeritierung im Frühjahr 2013 Professor am Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Als Publizist und Gastautor diverser Zeitungen veröffentlichte er Sachbücher, Essays und Artikel zur Geschichte des Judentums sowie zu zeitgenössischen jüdischen Themen.

„Am 28.06.16 sprach im Rahmen des FG-Forums Herr Prof. Micha Brumlik mit der Jahrgangsstufe Q2 über die drei monotheistischen Religionen und ihre Verantwortung im Weltgeschehen. Zu Beginn erklärte er uns, was Fundamentalismus bedeutet und zeigte auf, was Fundamentalisten nicht wollen. Fundamentalisten nähmen die Heilige Schrift wörtlich, verbänden mit ihr politische Ansprüche und strebten politische Herrschaft an. Sie seien gegen die Ausdifferenzierung, also gegen die Trennung von Religion und Politik. Aus diesem Fundamentalismus, bspw. vom IS vertreten, erwüchsen die Flüchtlingsströme. Ein Vorschlag, um die Einwanderung zu erleichtern, wird im französischen Schulsystem getestet. In französischen Schulen darf niemand mehr seine Religion öffentlich, sei es durch ein Kopftuch oder ein Kreuz, zur Schau stellen. Außerdem gibt es keinen Religionsunterricht mehr.

In sämtlichen Religionen findet Prof. Brumlik grundsätzlich nur die Aufforderung zum Frieden und nicht die zum Fremdenhass. Die Juden sind seit Ägypten und der Flucht aus Ägypten Flüchtlinge, Maria und Josef waren Flüchtlinge. Viel deutlicher wird dieser Aufruf zum Frieden in folgendem Zitat aus der Bibel: „Du sollst den Fremden nicht bedrücken, denn du selbst warst einst ein Flüchtling in Ägypten.“ Auch im Islam und im Judentum findet man derartige Aussagen. Mohammed zum Beispiel sagte einmal, dass alle Menschen ihrem Glauben nachgehen können, dass er Götzendiener aber verabscheue.

 

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Juli 3rd, 2016 at 3:39 pm

JA| Ein Phänomen der Moderne

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Die Bildungsabteilung im Zentralrat lud zur Diskussion über Fundamentalismus in den Weltreligionen

16.06.2016 – von Barbara Goldberg

Was ist das für ein Phänomen?« Micha Brumlik sprach an, was für die meisten alltägliche Realität geworden ist: die Angst vor islamistisch fundierten Terroranschlägen und die enorme Aufrüstung der Sicherheitskräfte, um dieser Bedrohung zu begegnen. »90.000 Polizisten sind jetzt bei der EM in Frankreich im Einsatz, und wir nehmen das als ganz selbstverständlich hin.« Ja, wie lässt sich erklären, dass fundamentalistische Weltbilder diese große Faszination auf viele Menschen ausüben und ihnen häufig sogar als moralische Rechtfertigung dienen, andere zu töten?

Antworten auf diese Fragen sollte das dreitägige Symposium finden, zu dem die Bildungsabteilung im Zentralrat in der vergangenen Woche ins Frankfurter Gemeindezentrum geladen hatte, und zwar gerade nicht auf den Islamismus beschränkt, auch wenn die Auseinandersetzung mit diesem die Vorträge, Workshops und Gespräche am Ende doch dominierte. Wie Micha Brumlik, emeritierter Erziehungswissenschaftler an der Frankfurter Goethe-Universität, in seinem Vortrag schilderte, lassen sich aber auch im Judentum fundamentalistische Tendenzen beobachten. Allerdings spielen diese seiner Meinung nach außerhalb Israels weder eine politische Rolle noch stellten sie ein friedensgefährdendes Problem dar.

Das Absurde ist, dass dieselben biblischen Quellen zu zwei komplett entgegengesetzten radikalen Strömungen innerhalb der jüdischen Orthodoxie geführt haben: Während die radikalen Siedler der Gruppe »Gusch Emunim« glauben, Ostjerusalem, Hebron und das Westjordanland seien genau jene Teile des Heiligen Landes, die Gott seinem auserwählten Volk verheißen habe, lehnen die Satmarer Chassidim den Staat Israel ab und solidarisieren sich mit der arabischen Bevölkerung in Palästina.

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Gegen Mythopolitik und Ethnokratie – Micha Brumliks Plädoyer für eine konstitutionelle Utopie

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Von Irmela von der Lühe

Als „Versuch über die Gegenwart des Judentums“ hat Micha Brumlik, soeben mit der Buber- Rosenzweig-Medaille der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit ausgezeichnet, seine Essaysammlung bezeichnet, die im Haupttitel die Frage aus den talmudischen „Sprüchen der Väter“ aufnimmt: „Wann, wenn nicht jetzt?“ Tatsächlich geht es in den sieben sachlich und systematisch klug miteinander verknüpften Aufsätzen gleichermaßen um aktuelle politische wie historisch-kulturgeschichtliche als auch philosophisch-theoretische Fragen. Sie alle kreisen im Sinne der talmudischen Aufforderung um radikale Selbstbefragung, um jüdische Selbstbesinnung als Reflexion vergangener Erfahrungen und gegenwärtiger Erlebnisse, historischer Erkenntnisse und aktueller Herausforderungen. Vergangenheit und Gegenwart der Diaspora, des Zionismus und des Messianismus spielen eine ebenso wichtige Rolle, wie das Verhältnis zwischen Israel und Deutschland, zwischen Israel und den Juden in der amerikanischen Diaspora. Analyse und Argumentation prägen die Darstellungen, und doch spürt man immer wieder, wovon auch in einem eigenen Abschnitt ausführlich die Rede ist: „Resignation und Einsicht“. Eine melancholische Präzision durchzieht den Text, dessen Ton erstaunt und berührt; dessen analytische Kraft unüberhörbar, dessen rational-realistischer Ursprung zweifelsfrei und dessen klarsichtige Hoffnung stets gegenwärtig ist.

Es ist keine Abrechnung mit dem zionistischen Projekt, so hart und entschieden die Kritik an der Besatzungspolitik Israels im Allgemeinen und an Benjamin Netanyahus Handeln im Besonderen auch ausfällt. Mit „Israel und die Diaspora: Die aktuelle Krise“ ist denn auch das erste Kapitel überschrieben, das von der Wiederwahl Netanyahus im Jahre 2015 – zugleich das vierte Jahr des syrischen Bürgerkriegs – ausgehend, den Gründen und Hintergründen für die wachsende „Entfremdung“ zwischen dem amerikanischen Judentum und dem Staat Israel nachgeht. Gewährsmann für die dabei referierten Sachverhalte ist der orthodoxe Politikwissenschaftler Peter Beinart, dessen im Jahr 2013 auch auf Deutsch erschienene Studie „Die amerikanischen Juden und Israel“ die völker- und menschenrechtswidrige Siedlungs-und Außenpolitik der Netanjahu-Regierungen detailreich belegt und zugleich die Gefolgschaftstreue der großen jüdisch-amerikanischen Organisationen kritisch in Frage stellt. Gestützt auf Beinarts Befunde rekonstruiert Brumlik eine paradoxe und zugleich höchst brisante Konstellation: Während Netanjahu in den Spuren seines Vaters und damit in direkter Nachfolge von Waldimir Jabotinsky (1880–1940) alle Anstrengungen unternimmt, einen palästinensischen Staat zu verhindern, orientiert sich Barack Obama an den Grundsätzen des jüdischen Philosophen und Bürgerrechtlers Abraham Joschua Heschel (1907–1972). Das Scheitern des Friedensprozesses erwächst in einer solchen Sicht auch aus einem inneren Antagonismus im zionistischen Konzept selbst und führt zu einen wachsenden Dissens zwischen der israelischen Regierung und dem modern-orthodoxen Judentum in der amerikanischen Diaspora. An Peter Beinarts, aber auch an Positionen wie denjenigen der jüdisch-französischen Historikerin Esther Benbassa stellt Micha Brumlik jene existenziell-politische Ambivalenz heraus, die sich in Sätzen wie „Ich will nicht Jüdin sein und Israel ablehnen. Ich will auch nicht Jüdin sein und Israels unmoralischen Krieg billigen. Nicht ohne Israel und nicht mit Israel, so wie es heute ist“ äußert.

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Deutschlandradio| Studie: Wie das Friedenspotenzial in Religionen genutzt werden kann

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Von Stefanie Oswalt

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Wie kann erreicht werden, dass Religionen nicht Konfliktauslöser sind, sondern zum Frieden beitragen? Dazu müssten die friedensorientierten Strömungen innerhalb von Religionen erst einmal wahrgenommen werden, hat der Friedensforscher Markus Weingardt in einer Untersuchung herausgefunden.

Zitat aus Altes Testament Joel, Kapitel 4,9:
„Ruft unter den Völkern aus: ‚Rüstet euch zum Kampf! Stellt eure Truppen auf! Lasst alle eure wehrfähigen Männer antreten und marschieren! Schmiedet aus euren Pflugscharen Schwerter, und macht aus euren Winzermessern Speerspitzen! (…)'“

Zitat aus Neues Testament Matthäus, Kapitel 10,34:
„Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.“

Zitat aus Koran, Sure 47,4:
„Wenn ihr auf diejenigen, die ungläubig sind, (im Kampf) trefft, dann schlagt (ihnen auf) die Nacken. Wenn ihr sie schließlich schwer niedergeschlagen habt, dann legt (ihnen) die Fesseln fest an. Danach (lasst sie) als Wohltat frei oder gegen Lösegeld, bis der Krieg seine Lasten ablegt…“

Altes Testament, Neues Testament und Koran. Alle drei Zitate wurden im Laufe der Geschichte immer wieder zur Legitimation von Gewalt und Krieg herangezogen: von den Kreuzzügen über die konfessionellen Kriege des 17. Jahrhunderts, den Weltkriegen bis heute. Kriege, die von den Herrschenden vermeintlich im Namen Gottes geführt wurden, hinter denen oft simple machtpolitische Interessen standen.

Markus Weingardt: „Allerdings muss man nicht so weit zurückgehen bis ins Mittelalter, um festzustellen, dass Interessenkonflikte immer wieder nicht nur in Wertekonflikte sondern auch in religiös aufgeladene Wertekonflikte transformiert werden. Wir haben radikale religiöse Gruppierungen nicht nur im Islam – der IS, die Taliban oder Boko Haram sind natürlich bekannt -, die alle ihre Auseinandersetzungen religiös begründen. Wir haben aber auch die christliche Lord’s Resistance Army in Uganda, Hindu-Nationalisten in Indien oder buddhistische Nationalisten in Myanmar, die alle unglaubliche Gewalt verüben oder Pogrome an christlichen oder muslimischen Minderheiten verüben“,

sagt der Politikwissenschaftler und Friedensforscher Markus Weingardt. Er leitet den Bereich „Frieden“ der Tübinger Stiftung „Weltethos“. Im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung hat er untersucht, wie Religionen und ihre Vertreter in gewaltsamen Konflikten deeskalierend wirken können, wie sie gar Frieden stiften können.

„Es macht einen Unterschied, ob man einen Kampf, einen Interessenkonflikt um Land austrägt, oder ob man einen Wertekonflikt um Heiliges Land austrägt. Also wenn dieses Land – wodurch auch immer – sozusagen religiös aufgeladen zu Heiligem Land erklärt wird, dann hat das natürlich eine ganz andere Qualität; und entsprechend wird auch der Konflikt, die Auseinandersetzung eine ganz andere Qualität haben.“

Überhebliches westliches Selbstbild

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Mai 12th, 2016 at 5:21 pm

NDR kultur| Micha Brumlik im Gespräch

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12.03.2016 | 34 Min. | Quelle: NDR

Der Erziehungswissenschaftler und diesjähriger Träger der Buber-Rosenzweig-Medaille, befragt von Michael Hollenbach

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FNP| Buber-Rosenzweig-Medaille: Der suchende Publizist

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Seit über 30 Jahren setzt sich Micha Brumlik für die Verständigung zwischen Christen und Juden ein. Am Sonntag erhält der deutsch-jüdische Publizist dafür die Buber-Rosenzweig-Medaille.

Micha Brumlik ist mit der Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt worden.Foto: Stefan Heinze (epd)Micha Brumlik ist mit der Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt worden.

Seine Stimme hat die weiche Frankfurter Färbung. Das gibt ihr Leichtigkeit und macht sie sympathisch. Leger und unkonventionell wirkt auch der graukarierte Anzug, unter dem Micha Brumlik einen bordeauxroten Pullover und eine Krawatte trägt. Leicht gemacht hat es sich der prominente Publizist und Professor für Erziehungswissenschaften allerdings nie: Er ist ein Mann mit Rückgrat, ein Suchender. Sein Leben ist voller Wendepunkte, die er zumeist selbst herbeigeführt hat.

Gestern wurde der 68-Jährige in Hannover mit der Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt. Die Auszeichnung wird einmal jährlich für besondere Verdienste bei der Verständigung von Christen und Juden vom „Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ verliehen. Bundespräsident Joachim Gauck kam, die evangelische Theologin Margot Käßmann hielt die Laudatio.

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BILD| „WOCHE DER BRÜDERLICHKEIT“ ERÖFFNET | Vergesst Auschwitz nicht!

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Dann die Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille an Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik.

VergrößernProf. Micha Brumlick

In ihrer Laudatio lobt Käßmann den streitbaren Professor: „Wir brauchen Querdenker. Er war manchmal wirklich auch Agitator, der Sachen auf den Punkt und andere auf die Palme bringen konnte.“

Der Preisträger mahnt: „Ich beklage die Überalterung des deutsch-jüdischen Gesprächs. Wir müssen wieder junge Leute für den Dialog begeistern.“ Damit die Gräueltaten des NS-Regimes und Konzentrationslager wie Auschwitz niemals in Vergessenheit geraten…dp

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März 7th, 2016 at 6:32 pm

WDR| Christlich-jüdischer Dialog : Buber-Rosenzweig Medaille für Micha Brumlik

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Zur Eröffnung der „Woche der Brüderlichkeit“ ehren die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit den Pädagogikprofessor und Publizisten Micha Brumlik für seine Verdienste um den Dialog zwischen Juden und Christen. Der Preisträger im Interview. © WDR 2016

 

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März 5th, 2016 at 8:41 am

TAZ| Flüchtlinge und Holocaustgedenken: Das Trauma am Ende der Treppe

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Museen und Gedenkstätten suchen nach neuen Wegen, um Flüchtlinge über Nationalsozialismus und Holocaust zu informieren.

BERLIN taz | Die Luft staut sich, die Zellenwände drücken. Die Gedenkstätte des Gestapo-Gefängnisses Köln katapultiert die Gräuel der NS-Zeit ins Jetzt – und den jungen Flüchtling zurück in den Krieg. Unvermittelt rastet er aus. Stürzt nach vorne. Sein Kopf prallt gegen eine Wand. Fest muss ihn ein Mann umklammern, bis er sich wieder beruhigt.

Die beklemmende Enge hat den jungen Asylbewerber in sein eigenes Trauma zurückgeworfen, als er mit seiner Berufsschulklasse das NS-Dokumentationszentrum in Köln besucht und die steile Treppe in das ehemalige Gefängnis hinabsteigt.

„Niemand war darauf vorbereitet“, sagt Barbara Kirschbaum, Leiterin der Bildungsarbeit in der Gedenkstätte. Ihre Einrichtung sei daher „sehr zurückhaltend“, wenn es darum geht, die dortige Geschichte an Flüchtlinge zu vermitteln, die noch nicht lange hier sind. Es sei wichtig, vorab viel zu besprechen. „Und eventuell wird man die Gedenkstätte rauslassen.“ Denn egal, wie gut die Vorbereitung auch sei: Am Ende der Treppe überfalle manche wieder die Erinnerung an die eigenen traumatischen Erlebnisse, sagt Kirschbaum.

Solche Erfahrungen zeigen, vor welche Herausforderungen die Museen und Gedenkstätten sich derzeit gestellt sehen – vor allem, wenn Integration von Geflüchteten in Deutschland nicht nur Spracherwerb und Arbeit bedeutet, sondern auch das Verständnis der deutschen Geschichte einschließen soll.

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Januar 28th, 2016 at 4:10 am

bpb| Kosmopolitische Moral: Globales Gedächtnis und Menschenrechtsbildung

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von Micha Brumlik

Die jüdisch-christliche Tradition, zu der im weiteren Sinn auch der Islam, der Gott als den gerechten Erbarmer kennt und bekennt, gehört, hat eine Intuition hervorgebracht, die in der Antike – sogar angesichts ihrer bewegenden Tragödienliteratur – einzigartig war. Diese Intuition hat ihren treffendsten Ausdruck im Evangelium des Matthäus (25,40) gefunden, einer jüdischen Schrift aus dem ersten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung, in der sich der messianische König beim jüngsten Gericht so zu den Angeklagten äußert: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ In der Ökumene der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts wird es auch darum gehen, diesem Gedanken vor dem Panorama der Erfahrungen des mörderischen 20. Jahrhunderts sozial-, geschichts- und erziehungswissenschaftlich gerecht zu werden.

Moralische Globalisierung?

Der ökonomisch und technisch unabweisbare, politisch noch kaum gestaltete Prozess der Globalisierung hat – nicht zuletzt kraft weltumspannender Medien – ein auch den Subjekten zugängliches Wissen von der Einheit des Menschengeschlechts geschaffen, das welthistorisch seinesgleichen sucht. Heute ist die Weltgesellschaft Wirklichkeit geworden. Zugleich stellt der globale Raum, den politisch und moralisch zu beurteilen sowie zu formen wir gefordert sind, alles andere als einen verheißungsvollen Ort dar. Vielmehr gilt ungebrochen, was Theodor W. Adorno und Max Horkheimer bereits 1947 feststellten: „Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“[1]

Lassen sich in dieser Weltgesellschaft universalistische Werte überhaupt noch theoretisch nachvollziehen, sozialwissenschaftlich plausibilisieren und pädagogisch konkretisieren? Die Weltgesellschaft, so lehrt die systemtheoretische Soziologie, besteht weder aus Personen noch aus Staaten, sondern aus Kommunikationen unterschiedlichster Art in den Funktionssystemen von Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Politik, Religion und Erziehung. In dieser Weltgesellschaft – und es gibt nur noch diese eine Gesellschaft – werden territoriale, von Recht und Politik bestimmte Grenzen durch Wissenschaft, Kultur und Ökonomie ständig durchkreuzt. Die Ordnungs- und Störgrößen der alten, noch nicht globalisierten Welt, nämlich politisch geordneter Raum und personal strukturierte menschliche Körper, scheinen angesichts elektronischer Telekommunikation stetig an Bedeutung zu verlieren.[2] Welches wäre das politische System, welches die Öffentlichkeit, und welches das spezifische sprachliche Idiom, kurz, welches wäre die Kultur, in der universal bedeutsame Werte erörtert werden? Als Kandidat für diese universal bedeutsamen Werte scheinen heute die Menschenrechte zunehmend an Ansehen zu gewinnen. Aber hat die Weltgesellschaft auch eine eigene Öffentlichkeit, in der die Menschenrechte kommuniziert werden können?

Als Äquivalent für das politische System des Nationalstaats stehen neue, rechtlich mehr oder minder dicht strukturierte politischen Großräume wie etwa die Europäische Union oder eventuell sogar die Vereinten Nationen zur Verfügung; als Öffentlichkeit vor allem grenzüberschreitende elektronische Medien sowie eine zunehmend monopolistisch homogenisierte Produktion von Printerzeugnissen. Die demokratische Öffentlichkeit des Globalisierungszeitalters[3] – als deren Akteure heute vor allem Nichtregierungsorganisationen (NGOs) gelten – wäre demnach Sachwalter der positiv kodifizierten Menschenrechte.[4] In welcher Weise werden diese Werte heute aufgenommen und kulturell verbreitet? Werden sie abstrakt oder über spezifische Narrative, über große Erzählungen konkretisiert? Kann der vom nationalsozialistischen Deutschland an sechs Millionen europäischen Juden verübte Völkermord als jene „große Erzählung“ gelten, die weltweit das Menschenrechtsbewusstsein vorantreibt?

„Neue Räume“, so die Soziologen Daniel Levy und Natan Sznaider, „öffnen sich. Und die von vielen Historikern geschmähte Massenkultur drängt (…) in den frei gewordenen Raum. Dieser Erinnerungsraum wird das kosmopolitische Gedächtnis werden (…) Damit zusammenhängende Fragen der Einzigartigkeit und Vergleichbarkeit des Holocaust führen dazu, dass diese Unterscheidungen aufgehoben werden. Der Holocaust wird als einzigartiges Ereignis vergleichbar. Die partikulare Opfererfahrung der Juden kann universalisiert werden.“[5] Als Beleg für ihre These präsentieren sie eine Anzeige in der „New York Times“, in der die drei bedeutendsten amerikanisch-jüdischen Organisationen, das American Jewish Committee, der American Jewish Congress sowie die Antidiffamation League, am 5. August 1992, nachdem erste Bilder von in serbischen Lagern eingesperrten Bosniern um die Welt gingen, Folgendes feststellten: „Alongside the bloodstained names of Auschwitz, Treblinka, and other Nazi death camps, must now be added the names of Omarska and Brcko … Is it possible that, fifty years after the Holocaust, the nations of the world have decided to stand by passively and do nothing, claiming that they are helpless to do anything? … We hereby undline, that we are prepared to take all the necessary steps, including the use of violence, to stop the madness of the bloodshed.“[6]

 

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Januar 27th, 2016 at 4:49 am

evangelisch.de| Neue Runde im Professorenstreit um Altes Testament

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Theologieprofessor Slenczka sagt Teilnahme an Akademietagung ab
Die Kontroverse über den Stellenwert des Alten Testamentes für die evangelische Theologie geht in eine neue Runde. Der evangelische Theologieprofessor Notger Slenczka, dessen Thesen vor einigen Monaten Kritik bei Professorenkollegen ausgelöst hatten, zog nun seine Zusage zur Teilnahme an einer Tagung der Evangelischen Akademie zu Berlin zurück. Slenczka begründete diesen Schritt mit nachträglichen Änderungen in der Ausrichtung und im Programm der Tagung, ergibt sich aus einem am Mittwoch veröffentlichten Schreiben des Theologen an die Akademie. Rüdiger Sachau, Direktor der Evangelischen Akademie, wies die Vorwürfe zurück.

Die Veranstaltung „Nicht ohne das Alte Testament“ sei im Lichte des Ankündigungsflyers als „Scherbengericht“ über eine ihm fälschlicherweise zugeschriebene Position angelegt, schreibt Slenczka. Der an der Humboldt Universität Systematische Theologie lehrende Professor wirft der Akademie vor, sie mache sich dabei zur „Gehilfin der Debattenfeigheit“.

Laut Programm will die Akademietagung der Frage nachgehen, ob es einem christlichen Ernstnehmen der Bedeutung der hebräischen Bibel für das Judentum entspreche, „wenn man das ‚Alte Testament‘ aus dem christlichen Kanon herausschneidet?“. Slenczka sollte dabei über „Das Alte im Neuen. Sechs Thesen zur hermeneutischen Frage im Hintergrund des Streits um das Alte Testament“ sprechen und anschließend mit dem jüdischen Pädagogen Micha Brumlik diskutieren.

Anmeldungen für Tagung überraschend hoch

Den Vorwurf einer „Debattenfeigheit“ weise die Evangelische Akademie entschieden zurück, sagte Direktor Sachau. Der Beitrag von Slenczka und das Podiumsgespräch mit Brumlik hätten am zweiten Veranstaltungstag einen zentralen Platz eingenommen. Das Tagungsprogramm sei ein Beleg dafür, dass wir uns der Debatte mit Slenczka gern gestellt hätten. Die Anmeldezahlen für die Tagung, die vom 8. bis 11. Dezember in der Französischen Friedrichstadtkirche stattfindet, überträfen die Erwartungen, ergänzte Sachau. Bisher haben sich 125 Teilnehmer angemeldet.

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idea| SPD-Papier: Künftig prägen auch Muslime Deutschland

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Berlin (idea) – Der Staat sollte Religionen nicht aus der Öffentlichkeit verdrängen, sondern das Nebeneinander von religiösen wie nicht-religiösen Überzeugungen ermöglichen. Diese Forderung stellt ein Arbeitspapier der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, das am 23. November bei einer Tagung in Berlin vorgestellt wurde. Verfasser sind die Beauftragte für Kirchen- und Religionsgemeinschaften der SPD-Bundestagsfraktion, Kerstin Griese (Velbert), die Bundessprecherin des Arbeitskreises muslimischer Sozialdemokraten, Tuba Işık (Paderborn), der Leiter des Projekts Religion und Politik der Friedrich-Ebert-Stiftung, Dietmar Molthagen, sowie der Sprecher des Arbeitskreises Christen in der SPD, Wolfgang Thierse (beide Berlin). Dem Papier zufolge wird Deutschland durch die Zuwanderung religiös vielfältiger. Bisher seien Christentum und Judentum kulturformend gewesen, künftig würden auch Muslime das Land mitprägen. Ziel sei die „religiöse Gleichberechtigung in der multireligiösen Einwanderungsgesellschaft“. Nötig sei dabei „ein gemeinsamer Kampf gegen Intoleranz und rechtsextreme sowie antisemitische und antiislamische Einstellungen“. Im Umgang miteinander seien Fairness, Friedfertigkeit und Toleranz nötig. Letztere sei eine anstrengende Tugend, die die schwierige Verbindung des eigenen Wahrheitsanspruchs mit der Anerkennung des Wahrheitsanspruchs des anderen suche.

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November 25th, 2015 at 7:31 am

JA| Protest gegen Zentralrat

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Gruppe »Nicht in unserem Namen« kritisiert Äußerungen von Josef Schuster in der Flüchtlingsdebatte

Aktualisiert am 24.11.2015, 

Etwa 70 Menschen haben am Dienstagabend in der Nähe des Leo-Baeck-Hauses in Berlin gegen jüngste Äußerungen von Zentralratspräsident Josef Schuster in der Flüchtlingsdebatte demonstriert.

Zu der Kundgebung hatte eine Facebook-Gruppe unter dem Motto »Nicht in unserem Namen – Juden gegen Rassismus« aufgerufen. »Wir schämen uns für und distanzieren uns ganz ausdrücklich von den rassistischen Aussagen Josef Schusters«, hieß es auf Facebook.

OBERGRENZE Schuster hatte der Zeitung »Die Welt« gesagt: »Über kurz oder lang werden wir um Obergrenzen nicht herumkommen«. Außerdem hatte er im Zusammenhang mit der Integration muslimischer Einwanderer die Überlegung geäußert: »Wenn ich mir die Orte und Länder in Europa anschaue, in denen es die größten Probleme gibt, könnte man zu dem Schluss kommen, hier handele es sich nicht um ein religiöses Problem, sondern um ein ethnisches.«

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November 25th, 2015 at 7:27 am

Bundestagspräsident Lammert eröffnet die Ausstellung „Israelis & Deutsche“

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Donnerstag, 15. Oktober 2015, 19 Uhr
Paul-Löbe-Haus, Foyer

Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel vor 50 Jahren ist Anlass für eine Ausstellung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft e.V. Sie würdigt die in diesem halben Jahrhundert gewachsene Vielfalt der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern. Dabei kommen vor allem die Menschen hinter den Schlagzeilen zu Wort, die durch ihren Einsatz neben den offiziellen diplomatischen Kooperationen zwischenmenschliche und oft freundschaftliche Verbindungen geschaffen haben. Die Ausstellung zeigt bewegende persönliche Geschichten, bisher unbekannte historische Fotografien und literarische Quellen.

Die Ausstellung wird von Bundestagspräsident Norbert Lammert in Anwesenheit des Botschafters des Staates Israel in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, und des Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft e.V., Reinhold Robbe, eröffnet. Bei der Eröffnungsveranstaltung spielt das deutsch-israelische Ensemble „Spring in the Negev – Friends in Music“, das aus Musikern der Philharmonie der Nationen und des Israel Sinfonietta besteht. Die Leitung übernimmt Justus Frantz und der Solist ist der berühmte Klarinettist Giora Feidman.

Israelis & Deutsche. Die Ausstellung (Trailer) from Deutsch-Israelische Gesellschaft on Vimeo.

Die Ausstellung kann vom 16. Oktober bis 13. November 2015 besichtigt werden. Eine vorherige Anmeldung unter Tel. 030 227 38883oder info-ausstellung-plh@bundestag.de ist notwendig.

Nach der ersten Station im Deutschen Bundestag wird die Ausstellung dann bis Ende 2016 in 10 weiteren Städten gezeigt; eine hebräischsprachige Version wird in Israel an vier Standorten präsentiert. Weitere Informationen finden Sie unter: http://www.israelis-und-deutsche.de

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September 29th, 2015 at 11:36 am

tagesspiegel| Antisemitismus in Berlin: „Du Jude!“

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Von Hannah Kushnir

Nein, dies ist kein Zitat aus dem „Stürmer“, sondern eine verbreitete Beschimpfung auf Berliner Schulhöfen und Straßen. Unsere Autorin weiß, wovon sie redet: Sie ist Jüdin und Lehrerin in Charlottenburg-Wilmersdorf. Ein Brandbrief.

Die Angst im Nacken: Jüdische Lehrer fühlen sich in manchen Berliner Klassen unwohl.Bild vergrößern
Die Angst im Nacken: Jüdische Lehrer fühlen sich in manchen Berliner Klassen unwohl. – FOTO: SEBASTIAN KAHNERT/P-A

Ich bin gebürtige Jüdin, Lehrerin an einer Berliner Sekundarschule, ich lebe von Geburt an in diesem Land. Dies ist ein Frontbericht.

Jahrelang war ich die einzige Jüdin: die einzige Jüdin in meinen Seminaren an der Uni, die einzige Jüdin im Referendariat, die einzige Jüdin im Lehrerkollegium. Meist erfuhren die anderen eher durch Zufall, dass ich Jüdin bin. Ab da an glich ich eigentlich immer einem seltsamen Tier im Zoo, von dem Grauen und Faszination ausging. Von selbst habe ich mein Jüdischsein schon seit dem Gymnasium nicht mehr thematisiert. Zu lehrreich war mir der Geschichtsunterricht bei Herrn S., dessen Teil der Abiturvorbereitung darin bestand, uns einzutrichtern, Israel sei unrechtmäßig errichtet worden. Zu lehrreich auch die Kommentare: „Ach, du bist Jüdin? Das sieht man ja gar nicht so“ oder, genau entgegengesetzt: „Du bist Jüdin? Stimmt, das sieht man aber!“

Nun ist ein Wunder geschehen, und an meiner Schule arbeitet eine andere Jüdin. Zwei Juden! An einer Schule! Beide als Lehrer! Wir können unser Glück immer noch nicht fassen. In der simplen Tatsache, nicht mehr die Einzigen zu sein, erschöpft sich dann aber auch unser Glück.

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Juni 7th, 2015 at 9:24 am

StN| Messianisches Judentum: Ein Streitgespräch ohne Ergebnisse

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Markus Brauer, 05.06.2015 
Dass die messianischen Juden vom Kirchentagspräsidium nicht zum Markt der Möglichkeiten eingeladen worden sind, hat Pietisten verärgert. Beim Podiumsgespräch „Was heißt Messianisches Judentum?“ in der Liederhalle gibt es viele Antworten auf noch mehr Fragen – aber kein Ergebnis.
Stuttgart – „Was heißt Messianisches Judentum?“ Ein kontroverses Thema, das an diesem Freitag von 15- 18 Uhr für ein bis auf den letzten Platz gefüllten Mozartsaal in der Liederhalle sorgt. Für Richard Harvey, Theologe von der Messianischen Gemeinde Beit Nitzachon in London, ist der Glaube an Jesus, den Messias und der jüdische Glaube kein Widerspruch. Jesus sei Jude gewesen. Für Juden ist er nicht der Gesandte Gottes. Juden würden den Messias, der ihnen im Alten Testament von den Propheten verheißen wurde, noch erwarten. Für messianische Juden dagegen sei er schon in die Welt gekommen. Dies verbinde sie mit dem Glauben der Christen. Messianische Juden würden das Gemeinsame aus Judentum und Christentum verbinden, sagt der Theologe aus Großbritannien.

Das Thema ist umstritten auf dem Kirchentag. Vor allem aufgrund der Absage des Kirchentagspräsidiums an die Messianischen Juden, einen eigenen Stand auf dem Markt der Möglichkeiten zu haben.

„Es gibt kein anderes Judentum als das rabbinische Judentum“, sagt dagegen der jüdische Theologen Micha Brumlik vom Zentrum Jüdische Studien der Jüdischen Gemeinde in Berlin.

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NZ| Deutsch-Israelische Beziehungen: Es ist kompliziert

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Im Jahr 2008 hält Bundeskanzlerin Merkel eine Rede vor dem israelischen Parlament, wobei sie die historische Verantwortung Deutschlands als Staatsräson ihres Landes bezeichnet.
Im Jahr 2008 hält Bundeskanzlerin Merkel eine Rede vor dem israelischen Parlament, wobei sie die historische Verantwortung Deutschlands als Staatsräson ihres Landes bezeichnet. (Bild: Keystone / Peer Grimm)
Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sind seit dem Zweiten Weltkrieg durch die deutsche Schuld geprägt. Der Wandel der deutschen Gesellschaft könnte das Verhältnis nachhaltig verändern.

Es ist der 11. August 1965, als Rolf Friedemann Pauls als erster deutscher Botschafter seinen Fuss auf israelischen Boden setzt. Wenige Monate zuvor, am 12. Mai 1965, hatten sich Israel und Deutschland auf die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen geeinigt – 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Pauls will nach vorne blicken: «Wir beginnen unsere Arbeit in Israel mit großer Zuversicht», sagt er. In Israel sieht man das anders: Die Israeli empfangen den ehemaligen Wehrmachtsoffizier, der einen Arm an der Ostfront verlor, mit heftigen Demonstrationen, an denen Steine und Flaschen fliegen. Auf ihren Transparenten fordern sie «Pauls raus!» oder «Wir wollen ein Israel frei von Deutschen!». Pauls erinnert sich später in einem Brief: «Ohne das Eingreifen berittener Polizei hätte meine Abfahrt in einem Chaos geendet.» Wenige Tage später wird auch Asher Ben Nathan in Bonn begrüsst, «ohne Euphorie», wie er später sagen wird. Israels erster Botschafter in Deutschland spricht mit österreichischem Akzent: Er wurde in Wien geboren und floh 1938 vor den Nazis nach Palästina. Auch Ben Nathan tritt sein Amt positiv gestimmt an. Eine bessere Zukunft, Friede und Wohlstand zwischen den beiden Völkern sind ihm ein Anliegen. Und noch etwas ist ihm sehr wichtig: Er sagt, dass er die Worte «vergessen» und «verzeihen» nie in den Mund nehmen werde.

Die DDR als Stein im Weg

50 Jahre später sind die deutsch-israelischen Beziehungen an einem Punkt, an dem sie damals wohl niemand vermutet hätte. Am 12. Mai werden Politiker in Berlin und Jerusalem mit einem Festakt das Jubiläum feiern. Sie werden von Verantwortung und moralischer Verpflichtung sprechen und darüber, wie gut die Verbindungen zwischen den beiden Ländern heute sind. In vielerlei Hinsicht ist das tatsächlich so: Die Zahl der israelischen Touristen in Berlin hat sich in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht. Rund 100 000 Israeli besitzen heute einen deutschen Pass. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist eine der beliebtesten ausländischen Politikerinnen in Israel. Umgekehrt ist bei jungen Deutschen kaum ein Land als Reiseziel so beliebt wie Israel, deutsche Billigairlines fliegen mehrmals täglich nach Tel Aviv. Zwei Drittel der jungen Freiwilligen in Israel, die sich um Holocaustüberlebende oder Friedensinitiativen bemühen, sind Deutsche.

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Deutschlandradio Kultur| Ein Gespräch mit Prof. Micha Brumlik – „Eine Aussage gegen das Judentum“

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Ein Gespräch mit Prof. Micha Brumlik – „Eine Aussage gegen das Judentum“

26.04.2015 | 07:44 Min. | Quelle: Deutschlandradio Kultur

Der evangelische Theologe Notger Slenczka sorgt mit einer Erklärung für Aufregung: Das Alte Testament ist für Christen nicht als heilig anzusehen. Der Historiker und Theologe Micha Brumlik warnt: Diese These entstammt einem antijudaistischen Christentum. www.deutschlandradiokultur.de, Religionen

 

Der evangelische Theologe Notger Slenczka sorgt mit einer Erklärung für Aufregung: Das Alte Testament ist für Christen nicht als heilig anzusehen. Der Historiker und Theologe Micha Brumlik warnt: Diese These entstammt einem antijudaistischen Christentum.

Philipp Gessler: Die Bibel, so haben es Christen seit bald 2.000 Jahren gelernt, besteht aus dem Neuen Testament, also vor allem aus den Evangelien, die die Geschichte Jesu erzählen, und dem Alten Testament, also den heiligen Schriften des Judentums. Altes und Neues Testament gehören zusammen. Gott, so sagt es der Glaube, hat den Christen in beiden Büchersammlungen Heilsnotwendiges mitgeteilt.

Der evangelische Theologe Notger Slenczka, ein Professor an der renommierten Humboldt-Universität in Berlin, erklärt nun: Kanonisch, das heißt, für Christen als heilig anzusehen, sei das Alte Testament am Ende nicht. Es sei eher wie die Apokryphen, also die Texte, die das frühe Christentum nicht in die Bibel aufgenommen hat, sagen wir es klarer, verworfen hat. Theologie-Professor Slenczka wird heftig von seinen Theologen-Kollegen wegen dieser These kritisiert – Nazi-Vergleiche fliegen durch den Raum, von antijudaistischen, also judenfeindlichen Anklängen ist die Rede.

Mit Micha Brumlik habe ich über den Fall Slenczka gesprochen. Der jüdische Intellektuelle war Professor an der Universität Frankfurt und hat sich zuletzt vor fünf Jahren in einem Buch mit der Entstehung des Christentums aus dem Judentum beschäftigt – also mit der Zeit, in der man erkannte, dass für Christen das Neue Testament nicht ohne das Alte denkbar ist. Meine erste Frage an Prof. Brumlik war: Wer als Professor der evangelischen Theologie das Alte Testament als apokryph betrachtet – wie nahe ist der eigentlich dem christlichen Antijudaismus?

Micha Brumlik: Nun, die Person, über die wir sprechen, Professor Slenczka, kann glaubwürdig widerlegen, ein klassischer Antijudaist zu sein. Weder bezweifelt er die Gültigkeit der Verheißungen an die Juden, noch vertritt er eine sogenannte Substitutionslehre, wonach die Kirche Israel abgelöst habe. Und auch die Meinung, dass die Juden in irgendeiner Weise die Gottesmörder seien, das liegt ihm völlig fern. Er spricht aber davon, dass das Alte Testament die Schrift einer partikularen Stammesreligion sei, und dass das moderne christliche Bewusstsein, wie er es versteht, damit nur fremdeln könne. Und wenn er auf dieser Basis vorschlägt, das Alte Testament aus dem christlichen Kanon zu entfernen, ist das natürlich auch eine Aussage gegen das Judentum, denn das Judentum ist ja nicht nur die Religion des Alten Testaments, aber eben doch auch.

Parallelen zu Theologen in der NS-Zeit

Gessler: Steht denn Professor Slenczka mit diesen Thesen in der antijüdischen Tradition des frühen Christentums?

Brumlik: Das frühe Christentum war überhaupt nicht antijüdisch. Es wird neuerdings wieder diskutiert, ob das nicht selbst alles jüdische Gruppen gewesen sind. Und Rabbiner Leo Baeck war sogar der Meinung, dass die Evangelien also Glaubensschriften des Judentums sind. Es steht aber in einer Tradition des neuzeitlichen Christentums. Um die Namen jetzt zu nennen, wären Schleiermacher, Adolf von Harnack und Rudolf Bultmann, die alle haben übrigens im zweiten Jahrhundert nun einen Vorläufer, einen Mann namens Markion, der dann auch aus der Kirche verstoßen wurde, weil er als einzige Schrift des Christentums nur einige Paulus-Briefe und das Lukas-Evangelium gelten lassen wollte.

Gessler: Aber es gibt trotzdem diese Gegnerschaft in den frühen Jahrzehnten zwischen den jüdischen oder israelitischen Gemeinden und den neuen christlichen Gemeinden?

Brumlik: Unbestritten. Aber ob diese neuen christlichen Gemeinden tatsächlich nur aus bekehrten Heiden zusammengesetzt waren oder ob da nicht auch viele Juden dabei gewesen sind, die eben der Meinung waren, dass Jesus der Messias ist, ist religionshistorisch völlig offen, wenn ich das richtig sehe.

Gessler: Sehen Sie denn tatsächlich in diesem Fall Slenczka, bei diesem Theologen, gar Parallelen zu den öffentlich geförderten Bestrebungen mancher Theologen in der NS-Zeit, die jüdische Seite des Christentums zu tilgen?

Brumlik: Diese Parallelen gibt es leider, und Notger Slenczka wusste, warum er den bedeutendsten unter ihnen, einen Göttinger Philosophie- und Theologiehistoriker namens Emannuel Hirsch, verschwiegen hat. Denn der hat sogar 1935/36 eine eigene Publikation über die Schwierigkeit geschrieben für Christenmenschen, sich aufs Alte Testament zu beziehen, und dass das eigentlich nicht mehr ginge.

Gessler: Nach so vielen Jahrzehnten der jüdisch-christlichen Zusammenarbeit und der zunehmenden Erkenntnis der jüdischen Identität Jesu in der christlichen Theologie – waren Sie überrascht, dass eine solche Theologie wie die von Professor Slenczka noch einmal auftauchen kann?

Brumlik: Ehrlich gesagt, ja. Und ich bin mir im Moment einfach nicht schlüssig, ob das die Meinung eines Einzelgängers ist oder ob es da vielleicht auch unter Theologiestudenten oder sogar in Gemeinden eine entsprechende Stimmung gibt. Das würde mich interessieren. Repräsentiert er etwas oder spricht er wirklich nur für sich selbst allein? Ich könnte mir vorstellen, dass es insbesondere unter den systematischen Theologen eine Strömung gibt, die mit Bezug auf den liberalen Theologen aus Berlin, Schleiermacher, so eine Richtung verfechten. Aber das wird auszumachen sein.

Slenczka ist mit seinen Thesen eine Ausnahme

Gessler: Wenn man die Thesen von Professor Slenczka sehr wohlwollend interpretiert, könnte man sie ja auch so deuten, man sollte als christlicher Theologe nicht versuchen, das Alte Testament nur als Vorläufer des Neuen Testaments zu interpretieren, also das Judentum praktisch eingemeinden. So gesehen wäre das sogar eine ausgesprochen projüdische Herangehensweise an das Alte Testament, oder?

Brumlik: Ja, das beteuert Professor Slenczka in einer für ihn persönlich glaubwürdigen Weise. Ich darf darauf hinweisen, dass es in der evangelischen Theologie genau entgegengesetzte Positionen gibt, etwa von Frank Crüsemann aus Bielefeld, der die These vertritt, dass das Alte Testament der Wahrheitsraum des Neuen sei, und zwar einfach deswegen, weil man keine einzige Zeile Neues Testament versteht, wenn man das Alte Testament nicht kennt. Oder Klaus Wengst, der ja der Meinung ist, die Hauptfunktion Jesu sei gewesen, die Völker in den Bund Gottes mit Israel hineinzunehmen. Also da gibt es einen weiten Interpretationsspielraum.

Gessler: Wenn man sich den Fall Slenczka anschaut, wie virulent ist denn eigentlich der Antijudaismus in den Volkskirchen immer noch? Und ist das Christentum eigentlich ohne den Antijudaismus überhaupt zu haben?

Brumlik: Das glaube ich doch. Ich habe ja eben zwei Theologen genannt, könnte auch katholische Theologen nennen wie Johann-Baptist Metz. Was nach 1945 stattgefunden hat, das war ein Umdenken der Art, dass die christlichen Kirchen verstanden haben, dass der Holocaust nicht nur eine Katastrophe für sechs Millionen Juden gewesen ist, sondern auch eine Katastrophe für ein über Jahrhunderte antijudaistisches Christentum.

Gessler: Das heißt, Sie würden Herrn Slenczka schon als eine Ausnahme betrachten?

Brumlik: Also von denen, die bisher in dieser Frage seit Rudolf Bultmann, also seit 50, 60 Jahren ihre Stimme erhoben haben, ist er bis jetzt die Ausnahme. Die weitere Diskussion wird zeigen, wer und welche Gruppen ihn und seine Ansichten womöglich verteidigen oder sich ihnen beigesellen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Quelle: Soundcloud/Deutschlandradio Kultur

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April 26th, 2015 at 5:06 pm

Stellungnahme zu den Äußerungen von Professor Dr. Notger Slenczka zum Alten Testament

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Stellungnahme  zu  den  Äußerungen  von  Professor  Dr.  Notger  Slenczka   zum  Alten  Testament:

Als  Mitglieder  der  Theologischen  Fakultät  der  Humboldt-­‐Universität  zu  Berlin  distanzieren   wir  uns  von  den  Auffassungen,  die  Herr  Kollege  Slenczka  in  mehreren  Beiträgen  zum  Alten   Testament  publiziert  hat  (https://www.theologie.hu-­‐berlin.de/de/st/AT).

Wir  halten  seine   Äußerungen  zur  Bedeutung  des  Alten  Testaments  für  die  christliche  Theologie,  zum  Verhältnis  von  Altem  und  Neuem  Testament  sowie  zur  Kanonizität  des  Alten  Testaments  für  historisch  nicht  zutreffend  und  theologisch  inakzeptabel.  Sie  beruhen  u.a.  auf  einer  enggeführten   Interpretation  paulinischer  Texte,  ignorieren  den  Forschungsstand  im  Blick  auf  die  Entstehungsgeschichte  der  Hebräischen  Bibel  und  sind  einer  forschungsgeschichtlich  hochproblematischen,  längst  überwundenen  Perspektive  auf  das  Verhältnis  zwischen  Judentum  und   Christentum  in  der  Antike  verpflichtet.

Die  Behauptung,  das  Alte  Testament  habe  in  christlicher  Theologie  und  Kirche  faktisch  den  gleichen  Status  wie  die  Apokryphen  der  Lutherbibel,   ist  aus  unserer  Sicht  in  historischer  Perspektive  ebenso  unhaltbar  wie  im  Blick  auf  Theologie   und  Kirche  der  Gegenwart  unzutreffend.  Für  gänzlich  abwegig  halten  wir  zudem  (auch  angesichts  der  Geschichte  unserer  Fakultät  im  zwanzigsten  Jahrhundert)  die  Behauptungen,  ein   solcher  Status  sei  theologisch  sachgemäß   und  eine  mögliche  Konsequenz  des  jüdisch-­christlichen  Dialogs.

Wir  werden  selbstverständlich  auch  weiterhin  gemeinsam  mit  unseren  jüdischen  Kolleginnen  und  Kollegen  die  tragende  Rolle  des  Alten  Testamentes  für  die  Entstehung  des  Christentums  und  seiner  Theologie  hervorheben  und  gegenüber  den  Studierenden  unserer  Fakultät   keinen  Zweifel  daran  lassen,  dass  das  Alte  Testament  in  gleicher  Weise  wie  das  Neue  Quelle   und  Norm  der  evangelischen  Theologie  ist  und  bleiben  wird.

Berlin,  den  15.4.2015

Prof.  Dr.  Cilliers  Breytenbach

Professor  für  Religions-­‐,       Literatur-­‐  und  Zeitgeschichte     des  Urchristentums

Prof.  Dr.  Wilhelm  Gräb

Professor  für  Praktische  Theologie   mit  den  Schwerpunkten  Homiletik,   Liturgik,  Poimenik  und  Kybernetik

Prof.  Dr.  Dres.  h.c.  Christoph   Markschies

Professor  für  Ältere  Kirchenge-­‐ schichte  (Patristik)

Prof.  Dr.  Rolf  Schieder

Professor  für  Praktische  Theologie   mit  den  Schwerpunkten  Religions-­‐ pädagogik  und  -­‐psychologie

Prof.  Dr.  Jens  Schröter

Professor  für  Exegese  und  Theologie   des  Neuen  Testaments  sowie  die   neutestamentlichen  Apokryphen

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April 15th, 2015 at 3:47 pm

BR| 50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen: Erotisch und neurotisch

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Im Jahr 1965 haben Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen aufgenommen – damals noch für viele Menschen auf beiden Seiten ein Tabu. Bis heute sind die Beziehungen alles andere als normal. Der Generator mit einer Spurensuche abseits der Diplomatie.

Von: Anne Fromm

Wenn in gut vier Wochen der 50. Geburtstag der offiziellen deutsch-israelischen Beziehungen gefeiert wird, wird viel von Moral und Verantwortung gesprochen werden – und von einer Erfolgsgeschichte. Denn was damals, am 12. Mai 1965, kaum jemand geglaubt hatte, ist heute Wirklichkeit. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sind so gut wie nie: Unter jungen Israelis ist Berlin der neue Sehnsuchtsort. Rund 15.000 von ihnen leben mittlerweile in der deutschen Hauptstadt. Eine von ihnen ist die Theaterregisseurin Yael Ronen, die am Gorki-Theater arbeitet.

„Berlin ist heute das, was New York vor 15 Jahren war: International, weltoffen, sehr billig und es bietet dir alles, was du als junger Mensch brauchst. Berlin gibt viel Geld für Kunst aus, das zieht Leute aus der ganzen Welt an. Als ich das erste Mal nach Berlin kam und plötzlich vor einer großen Gedenktafel für die deportierten Juden stand, dachte ich noch: Mein Gott, verfolgt mich diese Geschichte überall in dieser Stadt? Heute nehme ich diese ganzen Symbole kaum noch wahr, die Stolpersteine oder das Holocaust-Mahnmal.“

Yael Ronen

Mittlerweile kann man an jedem Wochenende in Tel Aviv zu Techno aus Berlin tanzen, Deutsche DJs und Bands wie zum Beispiel Modeselektor ziehen in israelischen Clubs unzählige Fans an. Während der vergangenen Fußballweltmeisterschaft gab es ein deutsches Public Viewing am Strand von Tel Aviv – und Israelis, die aus voller Kehle die deutsche Nationalhymne sangen.

Israel: gehypt und gehasst von den Deutschen

Professor Micha Brumlik | Bild: picture-alliance/dpa

„Das Wort Israel-Kritik gibt es als feststehenden Begriff.“ Professor Micha Brumlik

Auch andersherum steht die Verbindung: Kein anderes Land wird von jungen Deutschen so gehypt, aber auch gehasst wie Israel. Deutsche Billigairlines fliegen heute täglich nach Tel Aviv. Zwei Drittel der jungen Freiwilligen in Israel, die sich um Holocaustüberlebende oder Friedensinitiativen bemühen, sind Deutsche. Die israelische Küche wird gefeiert. Und doch entzündet kein anderer Konflikt in Deutschland so viel Streit, sagt auch der deutsche Jude, Publizist und Professor Micha Brumlik.

„Ich bemerke mit einigem Erstaunen dass es in der deutschen Sprache den feststehenden Begriff der Israel-Kritik gibt, es gibt sonst noch die Islamkritik und die Kapitalismuskritik; eine Amerika- Frankreich oder Englandkritik gibt es nicht und das zeigt schon allein in der Sprache, in der Semantik, dass Israel in einer Weise herausgehoben wird, dass wie gesagt dem realen Problem global gesehen keineswegs entspricht.“

Professor Micha Brumlik

Keine Frage: Die deutsch-israelischen Beziehungen sind bis heute alles andere als normal. Der Zündfunk Generator geht ihnen jenseits der offiziellen Diplomatie nach und fragt: Wie sind sie denn? In Berlin, Tel Aviv und Jerusalem bekamen wir ganz unterschiedliche Antworten: Von „erotische Spannung“, über „unerwiderte Liebe“, „obsessiv“, „neurotisch“ bis hin zu „schizophren“.

Quelle: Bayerischer Rundfunk

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April 12th, 2015 at 10:46 am

Tück: Religionen können Wahrheitsanspruch nicht aufgeben

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Hochkarätige Wiener Fachtagung endete am Freitagabend mit Plädoyer zu einem Religionsdialog mit Lessing über Lessing hinaus – Friedensgebete in Assisi sind Fortschreibung des Konzils

11.04.2015

Mit einem Plädoyer, den interreligiösen Religionsdialog als Friedensdialog zu intensivieren, ohne den je eigenen Wahrheitsanspruch aufzugeben, endete am Freitagabend in Wien eine internationale Tagung über Lessings Ringparabel. Der Wiener Dogmatiker und Tagungsinitiator Jan-Heiner Tück zeigte in seinem Abschlussvortrag auf, dass ein solcher Dialog durchaus zentrale und heute aktuelle Motive aus Lessings Ringparabel aufgreifen könne, aber doch darüber hinaus gehen müsse: Eine Verflüssigung des Wahrheitsanspruchs in einen moralischen Wettstreit oder in eine „performative Theologie“, wie sie der Ägyptologe Jan Assmann am Vorabend empfohlen hatte, sei nur bedingt hilfreich und greife zu kurz, so Tück.

 

Wo Lessing mit seiner Ringparabel Partei gegen „eingefleischte Vorurteile und doktrinale Ignoranz“ ergreife ohne die religiösen Eigenheiten aufzugeben, wo er für Toleranz gegenüber Andersgläubigen werbe, eine kritische Infragestellung der eigenen Religion empfehle, könne man in Papst Franziskus durchaus einen würdigen Verfechter Lessings sehen. Schließlich trete auch Franziskus dafür ein, „Vorurteile und negative Stereotypen über andere Religionen abzubauen“, „Juden und Muslime in ihrem Selbstverständnis ernst zu nehmen“ und „die Schatten der christlichen Schuldgeschichte selbstkritisch aufzuarbeiten“, so Tück.

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April 12th, 2015 at 7:59 am

Diskussion| Theologieprofessor will das Alte Testament aus der Heiligen Schrift verbannen

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„Alle Welt diskutiert, völlig zu Recht über oft auch mörderischen Antisemitismus. Weitgehend unbemerkt davon macht sich – in Teilen  der Evangelischen Theologie Deutschlands – ein neuer  theologischer Antijudaismus breit, von dem man geglaubt hatte, dass er längst  überwunden sei. Die folgende Analyse von  programmatischen Texten eines an der Humboldt Universität Berlin lehrenden, persönlich  ebenso liebenswürdigen wie diskussionsbereiten Kollegen, Prof. Notger Slenczka , weist nach, daß  – unbeschadet des Weges kulturprotestantischer Theologie in den Judenhass  des NS Staats – diese antijüdische  Haltung offenbar nichts an ihrer  Faszination verloren hat und  derzeit  in noch nicht absehbarer Weise die Ausbildung von PfarrerInnen und Pfarrern beeinflussen könnte
Lange Zeit haben all jene, die am christlich-jüdischen Gespräch beteiligt sind, es gemieden, sich mit diesen  Haltungen auseinanderzusetzen, – um derlei Theologien keine  Publizität zu verschaffen ! Das ist jetzt – in einer Zeit zunehmenden Antisemitismus –  nicht mehr möglich; die in dieser Woche beginnende Woche der Brüderlichkeit fordert, daß  wir derlei Beiträge ernst, bitter ernst nehmen: diese Debatte muss geführt werden !
Der Autor der folgenden Analyse , Dr. Friedhelm Pieper ist Evangelischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrats der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit  in Bad Nauheim sowie Referent für Partnerschaften in Europa und USA des Zentrums Oekumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau sowie der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck Frankfurt am Main .

In der Hoffnung auf eine rege Diskussion, Micha Brumlik“

, .

Theologieprofessor will das Alte Testament aus der Heiligen Schrift verbannen
Professor Dr. Notger Slenczka empfiehlt Kehrtwende zurück in den deutschen
Kulturprotestantismus

von Friedhelm Pieper
2015

Es herrscht ein merkwürdiges Schweigen um einen handfesten theologischen Skandal im
gegenwärtigen deutschen Protestantismus. Bereits 2013 erschien die Abhandlung „Die Kirche und
das Alte Testament“ des Berliner Professors für Systematische Theologie Dr. Notger Slenczka im
„Marburger Jahrbuch Theologie XXV“ (1) und hat bisher erstaunlich wenig Aufsehen erregt. Dabei

_ verlässt Slenczka mit diesem irritierenden Beitrag einen Grundkonsens christlicher Theologie: Er
glaubt, die These des KulturprotestantenAdolfvon Harnack aus dem Jahr 1921 neu empfehlen zu
sollen, wonach das Alte Testament (AT) für die Kirche aus dem Kanon der christlichen Bibel zu
entfernen sei. Die Lektüre seines Artikels lässt den Leser höchst irritiert zurück: Slenczka schlägt
die theologische Sackgasse des deutschen Kulturprotestantismus des 19. und beginnenden 20.
Jahrhunderts für die Kirche der Gegenwart als eine ernstzunehmende Gesamtschau auf den
christlichen Glauben vor, samt der darin enthaltenen Abwertung des Alten Testaments.

Religionsgeschichte als Geschichtskonstruktion

Die Sicht Harnacks auf die Religionsgeschichte wertet Slenczka als wesentlichen Beitrag zum
Verständnis des gegenwärtigen „christlichen Selbstbewusstseins“. Danach wäre der erste Teil der
Bibel für die Kirche nur als eine religions geschichtliche Vorstufe des christlichen Glaubens
wahrzunehmen. Mit J esus wäre dann eine fundamentale Weiterentwicklung geschehen, deren
grundsätzlicher Neuansatz auf „die Bedingungslosigkeit und damit auf die Universalität der
Vaterliebe Gottes und seines Reiches“ ziele und in der Folge zu einer Ablösung von der Vorstufe der
in Harnackscher Sicht nur partikularen Glaubenswelt im alten Israel ge fuhrt habe. Die Geschichte
des Christentums wäre dann als fortwährende „Selbsterfassung“ (S. 92) zu verstehen, innerhalb
derer die Reformation als „wichtiger Schritt“ zu werten sei. Vollends aber wäre die „von Jesus von
Nazareth gestiftet religiöse Idee … erst im Zuge (der) Ausarbeitung der reformatorischen Einsichten
in der Aufklärung und im 19. Jh. zum adäquaten Verständnis ihrer selbst gelangt“ (S. 93).

I

Dass diese Perspektive zu einer verheerenden Verzerrung der Inhalte der hebräischen Bibel fuhrte,
ist bekannt. Wir fmden bei Slenczka dann auch klassische Beispiele einer reduzierten
Wahrnehmung alttestamentlicher Texte in der protestantischen Theologie seit Schleiermacher
aufgefuhrt: das Alte Testament sei „ein Zeugnis einer Stammesreligion mit partikularen Anspruch“
(S. 94), das „die Universalität des Religiösen“ noch nicht zum Ausdruck bringe, die eben „erst in
Jesus von Nazareth erfasst“ wird (S. 95). So hätte denn auch – nach Bultmann – das Alte Testament
„nicht gegenwärtige Gewissheit der Nähe und der Zuwendung Gottes“ artikulieren können, denn
die „Gegenwart Gottes erschließe allein das kirchliche Kerygma“ (S. 108).

Theologischer Antijudaismus

Dass solche verzerrenden Wahrnehmungen der Texte der hebräischen Bibel Hand in Hand gehen
mit groben Verzerrungen in der Darstellung des Judentums, liegt nahe. Nur Slenczka sieht darin
kein Problem und zitiert kritiklos antijüdische Stereotypen z.B, bei Schleiermacher: „Gott als
Exekutor des Gesetzes der Vergeltung“ (S. 96). Beim Lesen alttestamentlicher Texte „verkommt“
das „christlich fromme Selbstbewusstsein“ zu einer „gesetzlichen Denkweise oder einem unfreien
Buchstabendienst“ (S. 97). Nach Slenczka ist nun damit genau eine „Verirrung“ christlichen
Selbstbewusstseins benannt, die auch Harnack zu seiner Ablehnung des Alten Testaments geführt
habe (ebd.). Nachdem Slenczka gleich zu Beginn seiner Abhandlung die Vermutung formuliert,

 

dass „Positionen, die dem Alten Testament keine konstitutive Funktion in der Kirche zubilligen
wollen, zugleich unter dem Verdacht des ‚Antijudaismus‘ zu stehen kommen“, fragt sich, welche
andere Beurteilung denn hier noch möglich ist. Indem Notger Slenczka sich derart zustimmend in
die antijüdische Tradition des deutschen Protestantismus hineinstellt, kann seine Abhandlung nicht
anders gewertet als eben so, dass sie eine Neuauflage des protestantischen Antijudaismus darstellt.
Einer solchen Kehrtwende in die theologischen Sackgassen der letzten Jahrhunderte muss energisch
widersprochen werden!

Der konstruierte Gegensatz von Universalität und Partikularität

Slenczka entscheidet, dass er sich für seine Ausführungen „nicht auf detaillierte exegetische
Debatten einlasse“ (S. 85) und also eine genauere Auseinandersetzung mit den biblischen Texten
und deren gegenwärtiger Diskussion nicht benötige. Das rächt sich. Anders hätte er nämlich
wahrnehmen können, dass die Texte der hebräischen Bibel mitnichten eine nur partikulare, allein
auf das Volk Israel reduzierte Perspektive einnehmen. Das besondere Gottesverhältnis Israels wird
von vornherein eingebettet in die Schöpfung und den Rahmen der allgemeinen
Menschheitsgeschichte. Die Geschichte Israels kommt in der hebräischen Bibel (hebräisch:

„Tanach“) als partikulare Besonderheit der universalen Geschichte Gottes mit seiner Welt zum
Ausdruck, deren universaler Horizont immer wieder thematisiert wird.

So wird es auch in der die hebräische Bibel, den „Tanach“, interpretierenden jüdischen Tradition
wahrgenommen, z.B. bei Rabbi Akiba :

„Geliebt ist der Mensch, denn er ist zum Ebenbild (Gottes) erschaffen worden; aus noch größerer
Liebe ist ihm kundgetan, dass er zum Ebenbild (Gottes) erschaffen worden ist, denn es heißt: zum
Ebenbild Gottes machte er den Menschen (Gen 9,6). Geliebt sind die Israeliten, denn sie heißen
Kinder Gottes; aus noch größerer Liebe ist ihnen kundgetan worden, dass sie Kinder Gottes heißen,
denn es heißt: Ihr seid Kinder des Herrn, eures Gottes (Dtn 14,1). “ (Pirqe Avot 3,14).

Auch im Neuen Testament kann die universale Sendung der christlichen Gemeinde zusammen mit
der bleibenden Erwählung Israels und also der fortdauernden besonderen Beziehung Gottes zu
seinem Volk wahrgenommen und ausgesagt werden.

In der exegetischen Diskussion ist seit langem der angenommene fundamentale Gegensatz
zwischen einer universalen und einer partikularen Perspektive biblischer Texte überwunden.
Slenczkas Verharren in diesem Gegensatz zeigt sich unbelehrt von den multiperspektivischen und
polyphonen Ansätzen gegenwärtiger Exegese. Ein Blick in die weiteren Beiträge im Marburger
Jahrbuch Theologie XXV allein zeigt, wie die Wahrnehmung unterschiedlicher Perspektiven in den
alttestamentlichen Texten für die gegenwärtige Debatte fruchtbar gemacht werden kann. Für Jens
Schröter gehört es z.B. zum „evidenten Befund … , dass die Schriften Israels und des Judentums im
Urchristentum gerade nicht als überholt oder als negative Kontrastfolie, sondern als Deutehorizont
für das Christusereignis betrachtet und entsprechend interpretiert werden“ (S. 57, s.a. S. 79).

Viele Texte der hebräischen Bibel, die sich auf die besondere partikulare Erfahrung des Volkes
Israel in seiner Beziehung zu Gott fokussieren, erwiesen sich zudem in der Geschichte des
Christentums als konstruktiver Bezugsrahmen zur Deutung eigener Situationen. Man denke etwa an
die universale Wirkung der alttestamentlichen Exodusgeschichten. So schreibt Peter Dabrock im
benannten Jahrbuch, dass „die alttestamentlichen Traditionen .. immer wieder Menschen inspiriert“
haben, „ihre eigenen Erfahrungen mit unrechtem ‚Recht‘ oder mit Machtmissbrauch von diesen
biblischen Geschichten her zu deuten und durch diese Deutung gestärkt gegen die eigenen
Unrechtswiderfahrnisse zu kämpfen. Oft sind unterdrückte, benachteiligte, marginalisierte
Menschen oder marginalisierte Gruppen oder Personen durch die Selbstidentifikation mit Israel,

dem Volk Gottes, überhaupt erst sprachfähig geworden, um so ihre eigenen Leidenserfahrungen
benennen zu können“. (S. 163). Im Unterschied zu Slenczka und der von ihm aufgefiihrten
religions geschichtlichen Tradition sieht Dabrock in den Texten der hebräischen Bibel Perspektiven,
denen „eine enorme Erschließungskraft für gegenwärtige Lebensverhältnisse“ zukommt (S. 164).

Slenczkas Konstrukt eines „christlichen Selbstbewusstseins“

Dreh- und Angelpunkt bei Slenczka ist der Verweis auf ein „christliches Selbstbewusstsein“ als
Kriterium der Bewertung von Texten und der Beurteilung ihrer Eignung für den Kanon einer
Heiligen Schrift. In der Tradition von Schleiermacher und Harnack konstruiert Slenczka ein solches
„christliches Selbstbewusstsein“ als Überzeugung von einer „Bedingungslosigkeit und Universalität
der Menschenliebe Gottes“, welche diese christliche Überzeugung nun in den Texten des Alten
Testaments nicht wiedererkennen würde und daher ihnen gegenüber „fremdelt“ (S. 100).

Oben wurde bereits ausgefiihrt, dass die Vereinnahmung einer universalen Perspektive allein für das
Neue Testament oder allenfalls auch für die späteren Schriften der Hebräischen Bibel exegetisch
nicht haltbar ist. Hier nun wird zusätzlich deutlich, dass die konstruierte Wahrnehmung der Texte
bei Slenczka auch zu einer eigenen Konstruktion eines „christlichen Selbstbewusstseins“ fiihrt.
Dieses „Selbstbewusstsein“ würde beim Lesen der atl. Texte „fremdeln“, was nach Slenczka dann
auch einer angeblich faktisch abwehrenden Haltung dem ersten Testament gegenüber entspräche.
Hier trifft die Kritik Friedhelm Hartensteins von „der neuzeitlich-protestantischem) Engfiihrung auf
die innere Gewissensthematik des christlichen Selbstbewusstseins“ (S. 38) zu.

Eine empirische Untersuchung für das von ihm konstruierte „christliche Selbstbewusstsein“ führt
Slenczka nicht an. Er hätte dann ja auch finden können, dass unendlich viele Christinnen und
Christen sich durch den Reichtum alttestamentlicher Texte beschenkt fiihlen. Er wäre vielleicht
auch auf die „Beliebtheit“ dieser Texte des Ersten Testaments „in der Verkündigungspraxis“ der
Kirchen gestoßen, auf die Reiner Preul zu Beginn seines Beitrags zum Marburger Jahrbuch XXV
verweist (S. 169).

Die Verdrängung des „Fremdeins“ als produktive Erfahrung

Überhaupt offenbart der Kurzschluss Slenczkas vom „Fremdeln“ zum „Abstoßen“ (S. 95) eine
merkwürdig reduzierte Lesepraxis. Es gibt kein Lesen jahrtausendealter Texte ohne die Erfahrung
eines „Fremdelns“, einer Irritation, einer nicht gleich reduzierbaren Spannung, einer nicht
umgehend beantwortbaren Herausforderung, einer unerwarteten Überraschung. Das gilt nicht nur
für die Texte des AT, sondern ebenso für die des Neuen Testaments. Aber eben gerade darin kann
weiterfiihrende Einsicht gewonnen werden! So interpretiert Friedhelm Hartenstein im selben
Jahrbuch als theologischen Zugang zum „Schriftprinzip“ die Leseerfahrung zunächst abständiger
Texte als ein „initium im Sinne der Auseinandersetzung mit dem historisch Fremden und
hermeneutisch Widerständigen, das sich eben gerade nicht von selbst versteht, sondern die Arbeit
des Verstehens fordert“ (S. 34). Den biblischen Texten sollte nicht die Funktion zugeschrieben
werden, unser bisher entwickeltes Selbstverständnis nur noch zu bestätigen, wie Peter Dabrock
deutlich macht: „Die Gefahr, dass die Fremdheit biblischer Texte dabei zugunsten resp. zuungunsten
tiefgreifender Projektionen aufgegeben würde und so gerade ihren störenden und kritischen
Charakter gegenüber unseren Selbstbildern verlöre, ist schließlich erheblich“ (S. 165). In der Tat!
Wer nach der Erfahrung eines Fremdelns die Lektüre biblischer Texte gleich abbricht, vergibt sich
die Chance, das Potential dieser Texte für die Deutung und Bewältigung auch gegenwärtiger
Lebenssituationen auszuloten, ein Potential, das jedenfalls offenbar für die anderen Autoren des
Marburger Jahrbuches XXV noch längst nicht abgegolten ist.

Slenczkas Zwei-Götter-Lehre

Gänzlich fassungslos steht der Leser dann vor der Formulierung, mit der Slenczka meint, seine
einseitige Auswahl und Deutung protestantischer Positionen hermeneutisch zusammenfassen zu
sollen. Es ergäbe sich ein Grundproblem, „nämlich die Frage nach der Aneignung eines Textes,
dessen ursprünglicher, historisch feststellbarer Sinn für die ihn kanonisierende Trägergemeinschaft
in keiner Weise als Zeugnis für Christus bzw. den Glauben der Gemeinde an ihn verstanden werden
kann: er spricht zu anderen von einem andern Gott“ (S. 111). Slenczka müsste wissen, dass sich hier
sofort die Frage erhebt, wie denn christlicherseits die Formulierung „ein anderer Gott“ überhaupt
möglich ist. Da er sich aber dazu nicht weiter einlässt, muss nun die Forderung nach Klarstellung
direkt an den Autor erhoben werden. Nicht nur die Gemeinschaft der Studierenden an der
Universität Berlin, sondern – nachdem Slenczka mit seinem Beitrag in die Öffentlichkeit getreten ist
– eben gerade diese hat einen Anspruch darauf, von Prof. Slenczka zu erfahren, wie er denn als
evangelischer Theologe ein derart schwerwiegendes Austreten aus dem christlichen Grundkonsens
verantworten wolle. „Für Luther .. hatte mit der breiten Tradition der Theologiegeschichte gegolten,
dass der Gott des Alten und des Neuen Testaments ein und derselbe ist“, so Friedhelm Hartenstein
in seinem Beitrag zum Marburger Jahrbuch XXV (S. 37). Notger Schlenczka bleibt die Auskunft
schuldig, ob dies für ihn nun nicht mehr gilt.

Der falsch verstandene christlich-jüdische Dialog

Vollends in Leere greift der Versuch Slenczkas, ausgerechnet den christlich-jüdischen Dialog als
Zeugen dafür aufzurufen, dass eine christliche Lesart der Texte des Alten Testaments abzulehnen sei
(S. 119). Die auch im Dialog mit dem Judentum neu gelernte Wahrnehmung des in seiner eigenen
Geschichte begründeten jüdischen Lesens und Lebens mit der Hebräischen Bibel hat zu der These
vom doppelten Ausgang des AT geführt, also einer jeweils eigenen Wirkung dieser Texte im
Judentum und im Christentum. Slenczka führt zwar diese These vom doppelten Ausgang des AT an
(S. 105f.), schafft es aber nicht, diese für seine Abhandlung fruchtbar zu machen. Statt dessen
zwängt er auch diesen konstruktiven Ansatz in das Korsett seiner Religionsgeschichte und
behauptet – allerdings in reichlich unscharfer Formulierung -, dass die im Alten Testament
„versammelten Texte zu den Überzeugungen der Kirche in einem doch eher konfliktuösen
Verhältnis stehen“, sodass sie eben in der Kirche nur als „religions geschichtliche Voraussetzung des
christlichen Glaubens“ zu verorten wären (S. 106). So vergibt er sich die Chance, die mit dem
christlich-jüdischen Dialog der letzten Jahrzehnte eröffnet wurde, und die darauf basiert, dass die
jüdische und die christliche Lektüre der Hebräischen Bibel, einander nicht mehr ihre Legitimität
bestreitend, damit begonnen haben, voneinander und miteinander zu lernen.

Benannte und verdrängte Widersprüche im Marburger Jahrbuch Theologie XXV

Warum, so fragt man sich angesichts der von Slenczka neu vorgetragenen These Harnacks, das Alte
Testament aus dem Kanon der christlichen Bibel zu verbannen, haben die Herausgeber des
Marburger Jahrbuchs Theologie XXV den so abwegigen Beitrag Slenczkas überhaupt
aufgenommen?

Befragt man dazu die Einleitung des Jahrbuchs von Konrad Stock, so bleibt man ein zweites Mal
irritiert zurück. Stock referiert die einzelnen Beiträge und glaubt, sie so zusammenfassen zu können,
dass sie „von der Relevanz des Alten Testaments für das Leben der Christus-Gemeinschaft in den
Kirchen und den Konfessionen“ sprechen (S. 17). Aber genau das geschieht im Beitrag von
Slenczka eben nicht. Stock referiert Slenczkas These vom „Fremdeln“ der Christen gegenüber den
Texten des Alten Testaments (S .11), um dann wenig später mit Blick auf den Beitrag Preuls dessen
beobachtete „Beliebtheit alttestamentlicher Texte in der Verkündigungspraxis der Kirche“ zu
benennen. Ich finde es höchst merkwürdig, dass der eklatante Widerspruch zwischen dem Beitrag

Slenczkas und der anderen Autoren des Jahrbuches nicht gesehen oder verdrängt wird – Autoren, die
im Unterschied zu Slenczka versuchen, einen konstruktiven und höchst lehrreichen Zugang aus
christlicher Perspektive gerade auch zu herausfordernden, sperrigen und störenden Texten der
Hebräischen Bibel aufzuzeigen.

Immerhin scheint unter den Herausgebern eine heftige Diskussion gefiihrt worden zu sein, anders
ist das vehement formulierte Vorwort zum Marburger Jahrbuch XXV von Elisabeth Gräb-Schmid
und Reiner Preul nicht zu verstehen: „Die Überzeugung eines an Aufklärung und Humanität
orientierten christlichen Glaubens, die dem bisweilen als ‚Rachegott‘ bezeichneten Gott des Alten
Testaments meint Lebewohl sagen zu müssen, ist immer noch präsent. Eine solche Theologie
enthält sich damit aber selbst jeder Aufklärung nicht nur geschichtlicher und exegetischer, sondern
auch systematisch-theologischer Art. Sie ist selbst in ihrem Kern blind für den Glauben Jesu, der
den Gott Israels als seinen Vater bekannte, ebenso wie gegenüber wesentlichen Aussagen der
paulinischen Theologie“. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen! Oder doch: es ist an der
Zeit, dass dies von Seiten Evangelischer Theologie und der Evangelischen Kirche in Deutschland
nicht mehr nur indirekt, sondern in direkter Auseinandersetzung mit der abwegigen These
Slenczkas zur Sprache kommt.

5. März 2015

Literaturangabe :

1. Slenczka, Notger, Die Kirche und das Alte Testament, in: E. Gräb-Schmidt, R. Preul (Hg.), Das
Alte Testament in der Theologie, Marburger theologische Studien 119, Leipzig 2013

Written by lbucklitsch

März 8th, 2015 at 8:58 am

ANTISEMITISMUS-EXPERTEN GEBEN GRÜNDUNG VON NETZWERK BEKANNT

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ANTISEMITISMUS-EXPERTEN GEBEN GRÜNDUNG VON NETZWERK BEKANNT

 

Berlin, den 26.2.2015: Führende jüdische Wissenschaftler und Antisemitismusexperten haben die Gründung des „Netzwerks zur Erforschung und Bekämpfung des Antisemitismus“ (NEBA) bekanntgegeben. Mit der Initiative wollen die Amadeu Antonio Stiftung, das American Jewish Committee und das Moses Mendelssohn Zentrum an der Universität Potsdam die politische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus weiter befördern.

„Nach den Terroranschlägen von Paris und Kopenhagen stellt die Frage nach der Sicherheit jüdischen Lebens in Europa derzeit einer der drängendsten politischen Herausforderungen dar. Wir brauchen daher eine breitere gesellschaftliche Auseinandersetzung über politische Handlungsmaßnahmen gegen Judenfeindschaft und wollen hierzu mit dem Netzwerk zur Erforschung und Bekämpfung des Antisemitismus (NEBA) einen substantiellen Beitrag leisten“, sagte Deidre Berger, Direktorin des AJC Berlin Ramer Institute.

In den vergangenen Wochen hat es eine breite Debatte über die Besetzung und Ausrichtung des Expertenkreises Antisemitismus durch das Bundesinnenministerium gegeben. Das Moses Mendelssohn Zentrum, das American Jewish Committee und die Amadeu Antonio Stiftung kritisierten in einer Stellungnahme vom 10.2., dass jüdische Perspektiven in der Kommission nicht vertreten seien.

„Wir begrüßen die intensive Auseinandersetzung um die Ausrichtung und Besetzung des Expertengremiums ausdrücklich. Die Debatte hat gezeigt, wie wichtig dieses Thema in der öffentlichen Wahrnehmung ist. Was wir jetzt brauchen, ist ein politischer Dialog über die Umsetzung konkreter Maßnahmen gegen Judenfeindschaft. Das Netzwerk will daher über Entwicklungen des Antisemitismus kontinuierlich berichten und neue Ansätze der Forschung und der Praxis gegen Judenfeindschaft beraten“, so Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung.

In den kommenden Wochen will die NEBA mit politischen Entscheidungsträgern die Auseinandersetzung um politische Gegenmaßnahmen verstärken. Dabei wollen die Experten Empfehlungen herausarbeiten, wie z.B. die Vorschläge der ersten Expertenkommission umgesetzt werden können. Das Netzwerk kritisierte in diesem Zusammenhang die mangelnde politische Implementierung.

„Wir wollen Fragen nachgehen, die bisher bei der Diskussion um den Antisemitismus nicht ausreichend ausgewertet oder beleuchtet wurden. Verschwörungstheorien, Judenfeindschaft in den Kirchen, das Erstarken des Islamismus, die Globalisierung des israelbezogenen Antisemitismus und die aktuelle Debatte, wie mit Fragen der Kunstrestitution in Deutschland umgegangen wird, sollen in diesem Zusammenhang diskutiert werden“, gab Prof. Dr. Julius H. Schoeps, Gründungsdirektor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien in Potsdam bekannt.

Unter Einbeziehung verschiedener internationaler Experten und jüdischer Perspektiven plant die NEBA Mitte des Jahres eine Fachkonferenz, auf der die aktuellen Herausforderungen im Bereich der Antisemitismusbekämpfung nachgegangen werden sollen.

 

Zu den Initiatoren des Netzwerks zur Erforschung und Bekämpfung des Antisemitismus gehören:

Deidre Berger (American Jewish Committee Berlin)

Prof Dr. Micha Brumlik (Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam)

Anetta Kahane (Amadeu Antonio Stiftung)

Stephan J. Kramer (American Jewish Committee, Berlin/Brüssel)

Prof. Dr. Julius H. Schoeps (Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam)

Written by lbucklitsch

Februar 27th, 2015 at 7:57 am

JA| Netzwerk gegen Judenhass

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Als Reaktion auf Debatte um »Expertenkreis« hat sich neue Initiative gegen Antisemitismus gegründet

Aktualisiert am 26.02.2015, 13:13 – von Martin KraussMartin Krauss

NEBA-Mitbegründerin Anetta Kahane

© dpa

Am Mittwochnachmittag hat sich in Berlin ein neues »Netzwerk zur Erforschung und Bekämpfung des Antisemitismus«, kurz NEBA, gegründet: Mit dabei sind die Amadeu Antonio Stiftung, das American Jewish Committee, das Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum sowie der Berliner Publizist und Wissenschaftler Micha Brumlik.

»Das ist eine zivilgesellschaftliche Antwort auf die Debatten, die es gerade gibt«, sagte Anetta Kahane von der Amadeu Antonio Stiftung der Jüdischen Allgemeinen. Gegründet hat sich NEBA nicht als Antwort, aber sehr wohl als Reaktion auf die Kritik am »Expertenkreis Antisemitismus«, den das Bundesinnenministerium und der Bundestag berufen hatten.

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Written by lbucklitsch

Februar 26th, 2015 at 11:19 pm