Micha Brumlik, Publizist und Autor

Erziehungswissenschaft, Religionsphilosophie, Politik

Archive for the ‘Meinungsfreiheit’ tag

FR| JÜDISCHE GEMEINDE FRANKFURT: Wer Angst hat, wird anfällig

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Von 

Der Zentralrat der Juden macht religiösen Fundamentalismus zum Thema einer Tagung in Frankfurt. Der Publizist Micha Brumlik erntet für seinen Beitrag Beifall und Widerspruch zugleich.

Was bringt junge Menschen dazu, sich radikalen religiösen Gruppen anzuschließen? Bei Ahmad Mansour waren es vor allem Mobbing und Zukunftssorgen, die ihn anfällig machten. Als er als Schüler in die Gruppe eines radikalen Imams geriet, waren seine Ängste „von heute auf morgen weg“, sagt Mansour, arabischer Israeli und Islamismus-Experte. Er habe Jahre gebraucht, um sich aus dieser Ideologie herauszuarbeiten. „Aber meine Person zeigt: Es ist machbar, wenn man die richtigen Leute trifft und die richtigen Bücher liest.“

Es ist ein besonderer Abend bei der Jüdischen Gemeinde im Westend. Als ein Höhepunkt der Konferenz „Die Faszination fundamentalistischer Weltbilder“, organisiert vom Zentralrat der Juden in Deutschland, berichtet der heute in Berlin lebende Mansour aus seinem Leben und von seiner pädagogischen Arbeit mit jungen Muslimen. Es seien auch das Gottesverständnis vieler konservativer Imame, die ständige Angst vor der Hölle und die Tabuisierung der Sexualität, die junge Muslime in die Hände der Fundamentalisten trieben, sagt Mansour. Zur Flüchtlingsdebatte stellt er Forderungen an Politik und Gesellschaft: Die Geflüchteten benötigten „Zugänge in die Mehrheitsgesellschaft“, es brauche viel mehr Fördermittel und Projekte, um es „diesmal anders zu machen als bei den Gastarbeitern und ihren Kindern“.

Zugleich müsse man junge Muslime befähigen, sich kritisch mit ihrer eigenen Religion auseinanderzusetzen. Man müsse autoritäres Denken und Antisemitismus auch unter Migranten offen und mittels „gewinnender Arbeit“ ansprechen. „Ich weiß, wie schwer das ist“, sagt Mansour.

 

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Gegen Mythopolitik und Ethnokratie – Micha Brumliks Plädoyer für eine konstitutionelle Utopie

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Von Irmela von der Lühe

Als „Versuch über die Gegenwart des Judentums“ hat Micha Brumlik, soeben mit der Buber- Rosenzweig-Medaille der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit ausgezeichnet, seine Essaysammlung bezeichnet, die im Haupttitel die Frage aus den talmudischen „Sprüchen der Väter“ aufnimmt: „Wann, wenn nicht jetzt?“ Tatsächlich geht es in den sieben sachlich und systematisch klug miteinander verknüpften Aufsätzen gleichermaßen um aktuelle politische wie historisch-kulturgeschichtliche als auch philosophisch-theoretische Fragen. Sie alle kreisen im Sinne der talmudischen Aufforderung um radikale Selbstbefragung, um jüdische Selbstbesinnung als Reflexion vergangener Erfahrungen und gegenwärtiger Erlebnisse, historischer Erkenntnisse und aktueller Herausforderungen. Vergangenheit und Gegenwart der Diaspora, des Zionismus und des Messianismus spielen eine ebenso wichtige Rolle, wie das Verhältnis zwischen Israel und Deutschland, zwischen Israel und den Juden in der amerikanischen Diaspora. Analyse und Argumentation prägen die Darstellungen, und doch spürt man immer wieder, wovon auch in einem eigenen Abschnitt ausführlich die Rede ist: „Resignation und Einsicht“. Eine melancholische Präzision durchzieht den Text, dessen Ton erstaunt und berührt; dessen analytische Kraft unüberhörbar, dessen rational-realistischer Ursprung zweifelsfrei und dessen klarsichtige Hoffnung stets gegenwärtig ist.

Es ist keine Abrechnung mit dem zionistischen Projekt, so hart und entschieden die Kritik an der Besatzungspolitik Israels im Allgemeinen und an Benjamin Netanyahus Handeln im Besonderen auch ausfällt. Mit „Israel und die Diaspora: Die aktuelle Krise“ ist denn auch das erste Kapitel überschrieben, das von der Wiederwahl Netanyahus im Jahre 2015 – zugleich das vierte Jahr des syrischen Bürgerkriegs – ausgehend, den Gründen und Hintergründen für die wachsende „Entfremdung“ zwischen dem amerikanischen Judentum und dem Staat Israel nachgeht. Gewährsmann für die dabei referierten Sachverhalte ist der orthodoxe Politikwissenschaftler Peter Beinart, dessen im Jahr 2013 auch auf Deutsch erschienene Studie „Die amerikanischen Juden und Israel“ die völker- und menschenrechtswidrige Siedlungs-und Außenpolitik der Netanjahu-Regierungen detailreich belegt und zugleich die Gefolgschaftstreue der großen jüdisch-amerikanischen Organisationen kritisch in Frage stellt. Gestützt auf Beinarts Befunde rekonstruiert Brumlik eine paradoxe und zugleich höchst brisante Konstellation: Während Netanjahu in den Spuren seines Vaters und damit in direkter Nachfolge von Waldimir Jabotinsky (1880–1940) alle Anstrengungen unternimmt, einen palästinensischen Staat zu verhindern, orientiert sich Barack Obama an den Grundsätzen des jüdischen Philosophen und Bürgerrechtlers Abraham Joschua Heschel (1907–1972). Das Scheitern des Friedensprozesses erwächst in einer solchen Sicht auch aus einem inneren Antagonismus im zionistischen Konzept selbst und führt zu einen wachsenden Dissens zwischen der israelischen Regierung und dem modern-orthodoxen Judentum in der amerikanischen Diaspora. An Peter Beinarts, aber auch an Positionen wie denjenigen der jüdisch-französischen Historikerin Esther Benbassa stellt Micha Brumlik jene existenziell-politische Ambivalenz heraus, die sich in Sätzen wie „Ich will nicht Jüdin sein und Israel ablehnen. Ich will auch nicht Jüdin sein und Israels unmoralischen Krieg billigen. Nicht ohne Israel und nicht mit Israel, so wie es heute ist“ äußert.

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Brumlik/Funke| Der Programmparteitag der AfD hat es geklärt: Die AfD ist deutschnational – und damit rechtsradikal

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Der Programmparteitag der AfD hat es geklärt: Die AfD ist deutschnational – und damit rechtsradikal

Am späten Vormittag des 1. Mai hat der Parteitag mit großer Mehrheit seine Islamfeindlichkeit ins Programm geschrieben. Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Damit will die Partei das, was im Grundgesetz steht, die uneingeschränkte Glaubensfreiheit, einschränken: Sie will Minarette verbieten und Muezzinrufe.

Zur Begründung erklärt der Vertreter des radikalen Flügels, Hans-Thomas Tillschneider: Eine Aufklärung des Islam ist weder realistisch noch wünschenswert. Als gleichwohl jemand für den Dialog mit Muslimen eintrat, wurde er nicht nur ausgebuht, sondern ausgepfiffen. D.h., dass jede Differenzierung unerwünscht ist: Man will den Feind Islam pur, und die Abweisung des Dialogs mit Muslimen im Land zeigt unüberhörbar, dass es auch gegen die Muslime hier geht. D.h.: ausweislich des Parteitags der AfD ist nur der Islam, sondern sind die Muslime im Land der Feind. Diese Situation am späten Vormittag des 1. Mai in Stuttgart war Ausdruck einer totalitären Stimmung.

Die Stimmung war gewollt: Niemand aus dem Vorstand hat sich gegen diese hermetische Feinderklärung in die Bresche geworfen: Weder Gauland noch Meuthen noch Petry. Und Frau von Storch hat diese Ausrichtung noch betont. Es gab einen einzigen aus der Führungsriege der Partei, den sogenannten Parteiphilosophen Marc Jongen, der von einem großen Fehler sprach, aber in der Abstimmungsmaschine unter der Leitung des ehemaligen Sprechers der Deutschen Burschenschaft, dem Tagungsleiter Christoph Basedow und der riesigen Mehrheit des Parteitags unterging.

Die „Zeit“ hat recht: Für die AfD enden die Freiheiten der Individuen dort, wo sie mit dem Willen einer angeblichen deutschen Volksmehrheit und ihrer Volkskultur kollidieren. Die Partei vertritt ein Politikverständnis, in dem die Mehrheit immer Recht hat und Minderheiten sich unterzuordnen haben. Im Weltbild der AfD ist nicht vorgesehen, dass das (ethnisch-deutsche) Wir und das fremde muslimische Ihr sich irgendwie vermischen, ohne dass es gefährlich wird. Wer einmal Deutsch ist, wird es immer bleiben. Wer jetzt noch Muslim ist, wird immer Gegner sein.

Schon am Tag zuvor hat der Europa-Abgeordnete der AfD, Marcus Pretzell unter großem Beifall des Parteitags erklärt, er werde sich der Fraktion der rechtsradikalen Front National und der rassistischen Lega Nord, der ENF im Europaparlament, anschließen.

Und am Abend des gleichen Tags erklärt die Parteivorsitzende, dass das Wort deutschnational zur AfD passe. Die Deutschnationalen aber waren – wie jeder wissen sollte – eine rechtsradikale völkisch-nationalistische Partei der Weimarer Republik, die in ihren späten Jahren sich in der Harzburgerfront mit den Nationalsozialisten verband und diese 1933 an die Macht brachte.

Berlin, 2. 5. 2016

Micha Brumlik, Hajo Funke,

Böll| Metapolitik: Micha Brumlik – Das alte Denken der neuen Rechten

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Written by lbucklitsch

April 5th, 2016 at 3:26 pm

Heinrich Böll Stiftung| Micha Brumlik: Das alte Denken der neuen Rechten

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Metapolitik

Das alte Denken der neuen Rechten
Vortragsreihe
DATUM:
Montag, 4. April 2016 – 19:3021:00
STADT: Berlin
ADRESSE:

HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG – BUNDESSTIFTUNG BERLIN

Schumannstr. 8
10117 Berlin
WEGBESCHREIBUNG
EINTRITT/GEBÜHR:
frei
VERANSTALTER/IN:
Heinrich-Böll-Stiftung – Bundesstiftung Berlin

„Die Gespenster der Vergangenheit haben wieder eine Zukunft“ – mit dieser Diagnose beschrieb DIE ZEIT bereits 2014, wie sich rechtsradikales Denken in Mittel- und Osteuropa mit ähnlichen ideologischen Strömungen in Russland verbindet und unter dem Begriff der Metapolitik verbreitet wird. Inzwischen hat diese Rückkehr zu nationalen bzw. nationalistischen Positionen wieder geopolitische Ordnungsvorstellungen zum Leben erweckt, die längst überholt erschienen.

Rechte Netzwerke wirken auf kulturelle und gesellschaftliche Kommunikationsmuster ein. Angestrebt wird eine kulturelle Hegemonie, die im Sinne einer Metapolitik die Prämissen westlicher Politik zu verändern sucht. Ideen von Homogenisierung, nationaler Renaissance und Raum als politische Kategorie sind die Säulen dieser Weltvorstellung.

Zugleich gewinnen Strömungen radikal anti-universalistischen Denkens auch bei der neuen deutschen Rechten an Einfluss. Der russische Propagandist Alexander Dugin will einen eurasischen Kulturraum schaffen und rekurriert dabei auf ein völkisches Denken, das bei Martin Heidegger Anleihen macht und Nationen nach ethnischer Zugehörigkeit definiert.

Der Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik analysiert die Gedankenwelt, die die rechtsnationalistischen Bewegungen in Europa mit dem Russland Putins verbindet.

Mit

  • Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler und Publizist

Moderation: Peter Siller, Jurist und Philosoph, Heinrich-Böll-Stiftung

Hinweis: Die Veranstaltung wird als Livestream übertragen.
Eine Veranstaltung der Grünen Akademie.
In Medienpartnerschaft mit taz und Freitag.

 

Hintergrund
In welcher Welt leben wir? So banal es klingt, es gehört zum Schwierigsten, Abstand zu gewinnen – auf die Höhe zu gehen – um das eigene Jetzt klarer zu sehen. Zeitgeistige Bestseller gibt es viele, erhellende Zeitdiagnosen sind selten. Schauen wir also, wo interessante Perspektiven auf unsere Gegenwart eröffnet werden. Versuchen wir einen ungewohnten, gerne auch schrägen  Blick, der uns die Gegenwart anders sehen lässt. 35 Jahre nach den „Stichworten zur ‚geistigen Situation der Zeit'“ nehmen wir mit der Vortragsreihe „Auf der Höhe“ das Experiment nochmals auf. Abermals fragen wir Intellektuelle zu zentralen gesellschafts- und kulturdiagnostischen Stichworten unserer Zeit. In den nächsten Monaten und Jahren buchstabieren wir das Alphabet durch, von A wie Authentizität über D wie Drastik, J wie Jugend, ewige bis R wie Retro und Z wie Zombie.

FNP| Buber-Rosenzweig-Medaille: Der suchende Publizist

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Seit über 30 Jahren setzt sich Micha Brumlik für die Verständigung zwischen Christen und Juden ein. Am Sonntag erhält der deutsch-jüdische Publizist dafür die Buber-Rosenzweig-Medaille.

Micha Brumlik ist mit der Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt worden.Foto: Stefan Heinze (epd)Micha Brumlik ist mit der Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt worden.

Seine Stimme hat die weiche Frankfurter Färbung. Das gibt ihr Leichtigkeit und macht sie sympathisch. Leger und unkonventionell wirkt auch der graukarierte Anzug, unter dem Micha Brumlik einen bordeauxroten Pullover und eine Krawatte trägt. Leicht gemacht hat es sich der prominente Publizist und Professor für Erziehungswissenschaften allerdings nie: Er ist ein Mann mit Rückgrat, ein Suchender. Sein Leben ist voller Wendepunkte, die er zumeist selbst herbeigeführt hat.

Gestern wurde der 68-Jährige in Hannover mit der Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt. Die Auszeichnung wird einmal jährlich für besondere Verdienste bei der Verständigung von Christen und Juden vom „Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ verliehen. Bundespräsident Joachim Gauck kam, die evangelische Theologin Margot Käßmann hielt die Laudatio.

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JA| Appell gegen Hassreden

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Bundespräsident Gauck eröffnet »Woche der Brüderlichkeit« – Micha Brumlik erhält Buber-Rosenzweig-Medaille

Aktualisiert am 06.03.2016, 13:23

Mit einem Appell gegen Hassreden und Rechtsextremismus hat Bundespräsident Joachim Gauck am Sonntag die »Woche der Brüderlichkeit« eröffnet. »Wer glaubt, das christliche Abendland mit der Herabsetzung anderer, mit Ausgrenzung Andersgläubiger, mit Hassparolen und Säuberungsfantasien verteidigen zu sollen, hat es schon verraten«, sagte der Politiker bei einer Feierstunde im Theater am Aegi in Hannover.

Gauck betonte, ein klares Profil und entschiedenes Bekenntnis zur eigenen Tradition, Kultur und Religion sei »vollkommen in Ordnung«. Aber die wachsende Unbarmherzigkeit von selbst ernannten Verteidigern des »christlichen Abendlandes«, die sich längst nicht mehr nur verbal äußere, sei nicht akzeptabel.

SEISMOGRAF Der Publizist Micha Brumlik wurde bei der Feier zur Eröffnung der »Woche der Brüderlichkeit« in Hannover für seinen jahrzehntelangen Einsatz zur Verständigung zwischen Juden und Christen mit der Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt. Der 68 Jahre alte Erziehungswissenschaftler sei »ein Seismograf für die Suche nach jüdischer Identität in Deutschland nach der Schoa«, sagte die evangelische Theologin Margot Käßmann in ihrer Laudatio.

»Wenn allzu viele allzu schnell vergessen, legt Brumlik den Finger in die Wunde«, betonte die Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum 2017.

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März 6th, 2016 at 1:29 pm

evangelisch.de| Neue Runde im Professorenstreit um Altes Testament

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Theologieprofessor Slenczka sagt Teilnahme an Akademietagung ab
Die Kontroverse über den Stellenwert des Alten Testamentes für die evangelische Theologie geht in eine neue Runde. Der evangelische Theologieprofessor Notger Slenczka, dessen Thesen vor einigen Monaten Kritik bei Professorenkollegen ausgelöst hatten, zog nun seine Zusage zur Teilnahme an einer Tagung der Evangelischen Akademie zu Berlin zurück. Slenczka begründete diesen Schritt mit nachträglichen Änderungen in der Ausrichtung und im Programm der Tagung, ergibt sich aus einem am Mittwoch veröffentlichten Schreiben des Theologen an die Akademie. Rüdiger Sachau, Direktor der Evangelischen Akademie, wies die Vorwürfe zurück.

Die Veranstaltung „Nicht ohne das Alte Testament“ sei im Lichte des Ankündigungsflyers als „Scherbengericht“ über eine ihm fälschlicherweise zugeschriebene Position angelegt, schreibt Slenczka. Der an der Humboldt Universität Systematische Theologie lehrende Professor wirft der Akademie vor, sie mache sich dabei zur „Gehilfin der Debattenfeigheit“.

Laut Programm will die Akademietagung der Frage nachgehen, ob es einem christlichen Ernstnehmen der Bedeutung der hebräischen Bibel für das Judentum entspreche, „wenn man das ‚Alte Testament‘ aus dem christlichen Kanon herausschneidet?“. Slenczka sollte dabei über „Das Alte im Neuen. Sechs Thesen zur hermeneutischen Frage im Hintergrund des Streits um das Alte Testament“ sprechen und anschließend mit dem jüdischen Pädagogen Micha Brumlik diskutieren.

Anmeldungen für Tagung überraschend hoch

Den Vorwurf einer „Debattenfeigheit“ weise die Evangelische Akademie entschieden zurück, sagte Direktor Sachau. Der Beitrag von Slenczka und das Podiumsgespräch mit Brumlik hätten am zweiten Veranstaltungstag einen zentralen Platz eingenommen. Das Tagungsprogramm sei ein Beleg dafür, dass wir uns der Debatte mit Slenczka gern gestellt hätten. Die Anmeldezahlen für die Tagung, die vom 8. bis 11. Dezember in der Französischen Friedrichstadtkirche stattfindet, überträfen die Erwartungen, ergänzte Sachau. Bisher haben sich 125 Teilnehmer angemeldet.

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BILD| NEUAUFLAGE VON HITLERS ,,MEIN KAMPF‘‘ | Es ist wieder da – aber wie gefährlich ist das?

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Wer verdient an der Neu-Ausgabe des widerlichen Buches?

Vor rund 70 Jahren wurde Hitlers „Mein Kampf“ in Deutschland verboten. Jetzt soll sein Judenhass-Buch wieder verkauft werden – als kommentierte Neu-Ausgabe.

BRAUCHEN WIR DIESES BUCH WIRKLICH NOCH EINMAL? ODER IST ES ZU GEFÄHRLICH?

Am 15. Januar 2016 erscheint „Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition“ (2 Bände, knapp 2000 Seiten, 59 Euro). Mit 3500 historisch-kritischen Anmerkungen wollen dieHerausgeber vom renommierten Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) alle Gefahren bannen, die von dem Buch heute noch ausgehen könnten.

In der Originalfassung verbreitete „Mein Kampf“ Hitlers menschenverachtende Rassenideologie, stellte Juden als „Völkerparasiten“ dar und die „jüdische Rasse“ als „Weltpest“.

Hitler-Biograf und BILD-Autor Ralf Georg Reuth: „,Mein Kampf‘ wurde zur ideologischen Grundlage für den Holocaust, in dessen Folge sechs Millionen Juden ermordet wurden.“

Hintergrund: Seit 1946 hatte der Freistaat Bayern die Rechte an Hitlers Buch, konnte jedwede Veröffentlichung unterbinden. Doch nach einer gesetzlichen Frist von 70 Jahren – ab 1. Januar 2016 – ist das deutlich schwieriger.

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Written by lbucklitsch

Dezember 3rd, 2015 at 8:23 am

main-echo| Benjamin Ortmeyer: Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler fordert stärkere Auseinandersetzung mit NS-Zeit

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Er ist ein Mann kla­rer Wor­te und scheut kei­ne Kon­fron­ta­ti­on – auch wenn ihm das nicht im­mer Zu­stim­mung ein­bringt. Ben­ja­min Ort­mey­er ist Er­zie­hungs­wis­sen­schaft­ler und lei­tet die NS-For­schungs­s­tel­le an der Frank­fur­ter Goe­the-Uni­ver­si­tät.

In einem Appell, den er gemeinsam mit Micha Brumlik an die Kultusministerkonferenz, die Wissenschaftsministerien der Länder, das Bundeswissenschaftsministerium sowie alle Universitäten und Hochschulen in Deutschland richtet, ruft er dazu auf, dass die die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ihren festen Platz im Studium der Erziehungswissenschaften bekommen muss. Im Gespräch mit unserem Medienhaus erläutert er, warum er das für so wichtig hält.

Warum dieser Appell?
Es sind gebildete und Pädagogen nötig und zur Allgemeinbildung und einer humanistischen und demokratischen Orientierung wird auf jeden Fall die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen, der NS-Ideologie und der NS-Pädagogik benötigt.

Glauben Sie, dass Pädagogen, die das verinnerlicht haben, eine Wissensänderung bei Schülern bewirken können?
In der Tat. Noch wichtiger als die Argumentation ist, dass die Jugendlichen spüren, dass jemand vor ihnen steht, der sich wirklich mit diesen Fragen auseinandergesetzt hat, der es ernst meint und der weiß, worum es geht. Das setzt Fachwissen plus wirkliche Auseinandersetzung voraus, aber auch eine humanistische Grundhaltung.

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Written by lbucklitsch

Oktober 19th, 2015 at 5:28 am

Appell| „Erziehung nach Auschwitz“ und der Lehrberuf

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An die Kultusministerkonferenz, die Wissenschaftsministerien der Länder, das Bundeswissenschaftsministerium sowie alle Universitäten und Hochschulen in Deutschland

Warum die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit – den NS-Verbrechen, der NS-Ideologie und der NS-Pädagogik – ihren festen Platz im Studium der Erziehungswissenschaften haben sollte:

  1. 1.Moralische Prinzipien und eine demokratische Orientierung sind wesentlich für das Studium der Erziehungswissenschaften. Ob Lehrerinnen und Lehrer, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen – wer auch immer Erziehungswissenschaften studiert und später pädagogisch tätig sein wird, hat es mit Menschen aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen zu tun. Für die pädagogische Tätigkeit ist nicht nur spezielles Fachwissen eine grundlegende Voraussetzung, sondern gerade im Studium gilt es auch Grundfragen und Probleme des pädagogischen Berufes selbst auf den Prüfstand zu stellen, kritisch zu erörtern und zu diskutieren. Die Problematik und die Grenzen dieses Berufes wurden nirgends so deutlich wie in Theorie und Praxis der NS-Pädagogik, die ihren festen Anteil an der Verbreitung der NS-Ideologie und der Vorbereitung der mörderischen NS-Verbrechen hatte. Die Verwendung pädagogischer Techniken mit dem Ziel der ideologischen Indoktrination und einer grundlegenden Enthumanisierung gegenüber ausgegrenzten und auszugrenzenden Menschengruppen sind wichtige, extrem negative Beispiele, die sehr genau verdeutlichen können, warum eine humanistische und demokratische Pädagogik nötig ist und wo Manipulation und Indoktrination auch mit dem Einsatz moderner Techniken und wissenschaftlicher Forschung beginnen. „Erziehung nach Auschwitz“ ist daher eine vielseitige Aufgabe: Die Fähigkeit Nein zu sagen, nicht alles mitzumachen, aber eben auch Kenntnisse über die Vernichtungslager, die KZs, das NS-Mordprogramm und die mörderische NS-Ideologie sind, um nur zwei Aspekte knapp zu benennen, Grundlagen, die unverzichtbar sind.
  2. Die heutige Realität in Deutschland hat eine Geschichte. Ein historisches Bewusstsein über die NS-Verbrechen und ihre Dimensionen ist auch nötig, um Beziehungen zur Gegenwart zu verstehen. Das Wissen über die weltweit einmalige staatlich organisierte und technisch auf höchstem Niveau durchgeführte Ermordung der jüdischen Bevölkerung Europas und der Sinti und Roma – ob Säuglinge, Kinder, Erwachsene oder Greise, alle, derer die NS-Mörder habhaft werden konnten – oder über die Ermordung von zehntausenden als „unwertes Leben“ bezeichneten Menschen, die von Pädagoginnen und Pädagogen und Ärzten gemeldet wurden. Auch die Frage nach dem Einfluss der NS-Ideologie und des NS-Terrors auf die große Mehrheit der Bevölkerung, wie auch die nach dem Widerstand gegen das NS-Regime und der Zerschlagung der Organisationen der Arbeiterbewegung gehören dazu und sind strukturell entscheidend; Grundlegendes über all diese Bereiche kann und soll gerade von den Studierenden der Erziehungswissenschaften als Teil der Vorbereitung auf den Lehrberuf und die pädagogische Arbeit behandelt und gründlich durchdacht werden.
  3. Die Gesellschaft in Deutschland überhaupt und in den Schulen insbesondere ist der ständigen Herausforderung ausgesetzt, auf aktuelle antidemokratische und menschenfeindliche Aktionen angemessen zu reagieren. Damit sind nicht allein die auch an der NS-Ideologie orientierte organisierte Neonazi-Szene oder die teilweise mörderischen Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte gemeint. Kernelemente einer Ideologie der Ausgrenzung mit Anleihen bei der NS-Ideologie haben ein breiteres gesellschaftliches Fundament, so dass in wissenschaftlichen Studien zu rechtsextremistischen Einstellungen zu Recht von der „Mitte der Gesellschaft“ gesprochen wird. Diese Herausforderung anzunehmen, ist auch die Aufgabe der pädagogischen Berufe:
    Das Verständnis des gesellschaftlichen und historischen Kontextes ist dabei nicht nur für die Thematisierung inhaltlicher Fragen von Bedeutung, sondern betrifft – aktuell von besonderer Bedeutung – auch die Aufnahme geflüchteter Kinder und Jugendlicher in pädagogischen Einrichtungen. Aber nicht zuletzt geht es ganz allgemein darum, im pädagogischen Alltag Ausgrenzungen und Diskriminierungen zu verhindern, die oft auch in Schimpfworten und Beleidigungen ihren Ausdruck finden, die sich gerade gegen jene Gruppen richten, auf die das NS-Mordprogramm zielte. Dort, wo Bezeichnungen wie „Du Jude, Du Zigeuner, Du Behinderter“ in der Realität als Beleidigung verwendet werden, (und jeder in der pädagogischen Praxis stehende weiß, dass dies keinesfalls nur Einzelfälle sind), ist die Pädagogik gewiss auch mit dem Blick auf die NS-Zeit gefordert. Aber nicht nur dort: Überall, wo Mechanismen der Diskriminierung, Beleidigung und Ausgrenzung zum Tragen kommen, z.B. auch auf Grundlage von religiösen Zugehörigkeiten, hat der oder die gut gebildete im pädagogischen Bereich Tätige angemessen zu reagieren, sich in erster Linie auf die Seite der Diskriminierten zu stellen, aber auch mit pädagogischem Geschick die Situation insgesamt zu analysieren, zu bewerten und angemessen zu handeln und auch die eigene Rolle zu reflektieren.
  4. Es zeigt sich in der Praxis, dass die Studierenden der Erziehungswissenschaft ein sehr großes Interesse daran haben, sich mit all diesen Fragen als Teil der Vorbereitung auf ihren schwierigen pädagogischen Beruf auseinanderzusetzen. Seit 2009 wurde an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main durch umfassende Befragungen von Studierenden der Erziehungswissenschaft nachgewiesen, dass die viel zitierte Behauptung: „Wir können es nicht mehr hören“ für die aktuelle Generation von Studierenden keineswegs gilt. In Vorlesungen und Seminaren zur NS-Pädagogik mit Blick auf die NS-Ideologie und die NS-Verbrechen, die regelmäßig von 2009 bis 2015 evaluiert wurden, konnte gezeigt werden, wie groß das Interesse ist, aber auch, welche Wissenslücken existieren. Kritik wurde keineswegs an einer zu intensiven Auseinandersetzung, sondern vor allem an einer zu oberflächlichen Beschäftigung formuliert, insbesondere wenn diese Redundanzen aufwies. Gerade auch die Wirkungsweisen und Mechanismen der NS-Ideologie stoßen auf großes Interesse. Die Studierenden sollten daher Genaueres über die Vorgeschichte der NS-Ideologie und ihre Wirkung noch heute erfahren und diskutieren und Fragen des praktisch-pädagogischen Handelns gegen Diskriminierung und Ausgrenzung erörtern. Nicht zuletzt aus den Rückmeldungen der Studierenden entstand so als Pilotprojekt der „Forschungsstelle NS-Pädagogik“ eine Konzeption für den gesamten erziehungswissenschaftlichen universitären Bereich mit Vorlesungen und Seminaren – angereichert auch durch eine Sammlung dreiminütiger Impuls-Videos zu einzelnen Themen und von Originaldokumenten der NS-Pädagogik und der NS-Indoktrination für die Analyse und Diskussion – die als Anregung für alle erziehungswissenschaftlichen Fakultäten an deutschen Universitäten und Hochschulen dienen kann.

„Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, dass man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat. … Jede Debatte über Erziehungsideale ist nichtig und gleichgültig diesem einen gegenüber, dass Auschwitz nicht sich wiederhole.“
THEODOR W. ADORNO

Die Anregung, ja die Forderung an alle, für die Bildung von Lehrerinnen und Lehrern und die Bildung der Studierenden in anderen pädagogischen Berufen Verantwortlichen besteht darin, das Diktum von Adorno nicht als Schmuckstück, sondern als Anleitung zum Handeln in der Gegenwart zu verstehen. „Erziehung nach Auschwitz“ ist kein Spezialthema, sondern das bedeutet aus unserer Sicht konkret, dass die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen, der NS-Ideologie und der NS-Pädagogik einen festen Platz in den erziehungswissenschaftlichen Fakultäten aller Universitäten und Hochschulen in Deutschland haben muss. Die schon existierenden Ansätze müssen ausgebaut und sollten keinesfalls mit Berufung auf eine ominöse Praxisorientierung beschnitten oder verunmöglicht werden.

Prof. Dr. Micha Brumlik (Berlin)
apl. Prof. Dr. Benjamin Ortmeyer (Frankfurt am Main)

 

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Written by lbucklitsch

September 29th, 2015 at 11:37 am

DARMSTÄDTER GESPRÄCHE – So. 04.OKTOBER 2015 | „Wo hört der Spaß auf? – Religion und Humor“

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So. 04.OKTOBER 2015

  • 11:00 UHR | KLEINES HAUS

    DARMSTÄDTER GESPRÄCHE

    Menschenbilder in unserer Zeit – Moderation Insa Wilke

    13 €

    Wo hört der Spaß auf? – Religion und Humor

ÜBER DAS STÜCK

„Das Menschenbild in unserer Zeit“ – Unter diesem Titel trafen1950/51 erstmals Persönlichkeiten wie Theodor W. Adorno, Martin Heidegger und José Ortega y Gasset zu den vielbeachteten „Darmstädter Gesprächen“ aufeinander. Welch ein Größenwahn, die Welt erklären zu wollen. Aber ist es heute nicht noch vermessener, das Anliegen von damals aufzugreifen und in Gesprächen zu versuchen, die drängenden Fragen unserer Zeit zu stellen? Ja, das ist es, und es ist nach wie vor notwendig! Ab Oktober 2015 öffnet das Staatstheater Darmstadt deswegen an fünf Sonntagen pro Spielzeit jeweils um 11.00 Uhr die Pforten des Kleinen Hauses und begrüßt Sie zu streitbaren und erkenntnisbringenden Darmstädter Gesprächen. Nun ist das Motto „Menschenbilder in unserer Zeit“. Denn drunter geht es nicht.

Insa Wilke ist Literaturkritikerin, Moderatorin und Publizistin. Sie leitete das Literaturhaus in Köln, 2014 erhielt sie den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik und zur Zeit moderiert sie „Gutenbergs Welt“ in WDR 3. In Darmstadt moderierte sie zuletzt den Literarischen März.

4. Oktober 2015, 11 Uhr
Wo hört der Spaß auf? – Religion und Humor

Wird in der Bibel gelacht? Gibt es Satire im Islam? Hat der jüdische Witz christliche und muslimische Geschwister? Über Traditionen und Grenzen des Humors der drei großen monotheistischen Religionen und über ihre explosive gesellschaftliche Bedeutung diskutieren: der Kulturwissenschaftler Özkan Ezli, Micha Brumlik, Senior Advisor am Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, und Nikolaus Schneider, 2010 bis 2014 höchster Repräsentant der Evangelischen Kirche in Deutschland.

MITWIRKENDE
    • Micha BrumlikMicha Brumlik
    • Özkan EzliÖzkan Ezli
  • Nikolaus SchneiderNikolaus Schneider

LEITUNGSTEAM

  • Insa WilkeInsa Wilke
    Moderation
  • Georg-Büchner-Platz 1

    64283 Darmstadt

Written by lbucklitsch

September 25th, 2015 at 10:46 am

TAZ| Forschung zu Antijudaismus: Der ewige Sündenbock

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Drei neue Bücher untersuchen Antijudaismus und Antisemitismus. Die Autoren setzen jeweils eigene Schwerpunkte.

Jemand hält eine Flagge, auf der ein Davidstern zu sehen ist.

Kippa-Flashmob: Demonstration für mehr Solidarität mit Juden in Hannover im März dieses Jahres. Foto: dpa

Seitdem im vergangenen Sommer aus Protest gegen das Vorgehen des israelischen Militärs in Gaza auf deutschen Straßen wieder hasserfüllte antisemitische Parolen skandiert wurden und als später die Bundesregierung Schwierigkeiten hatte, jüdische Mitglieder in eine Kommission zur Erforschung von Antisemitismus zu entsenden, ist Judenhass wieder ein viel diskutiertes Thema.

Zum besseren Verständnis leistet die Wissenschaft wertvolle Hilfe: Im letzten und in diesem Jahr sind drei neue Standardwerke auf Deutsch erschienen, die den Ursachen und Folgen dieses menschenverachtenden Phänomens nachgehen.

Während der US-amerikanische Mediävist David Nirenberg um den Nachweis bemüht ist, dass „Antijudaismus“, den er bewusst vom „Antisemitismus“ unterscheidet, eine, wenn nicht die Grundströmung westlichen Denkens ist, geht es der Historikerin Susanne Wein in einem magistralen Werk um „Antisemitismus im Reichstag“, um „Judenfeindliche Sprache in Politik und Gesellschaft der Weimarer Republik“.

Schließlich wird in dem von den Kulturwissenschaftlern Hans Joachim Hahn und Olaf Kistenmacher herausgegebenen Band „Beschreibungsversuche der Judenfeindschaft“ die Antisemitismusforschung selbstreflexiv, in dem sie ihre Geschichte erforscht.

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Written by lbucklitsch

Juli 30th, 2015 at 11:58 am

JA| GOETHE-UNI: Erziehung ohne Auschwitz

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NS-Pädagogik ist in Frankfurt kein Pflichtfach mehr

23.07.2015 – von Astrid LudwigAstrid Ludwig

Im Geiste Adornos? Goethe-Universität Frankfurt/Main

© dpa

Micha Brumlik spricht von einem Skandal, der Jüdische Jugend- und Studentenverband Hessen kritisiert die Entscheidung scharf, der Asta der Goethe-Universität und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind empört. Erheblicher Protest regt sich derzeit gegen die Entscheidung des Fachbereichs Erziehungswissenschaften an der Frankfurter Goethe-Universität, künftig die Vorlesungen zur Pädagogik in der NS-Zeit aus dem Curriculum für Lehramtsstudenten zu nehmen.

Sie sollen für den Besuch keine Credit Points, wichtige Leistungspunkte für das Studium, mehr erhalten. Das Studienangebot für angehende Lehrer zum Thema Indoktrination und Pädagogik im »Dritten Reich« soll nur noch als Spezialthema in Vertiefungsseminaren angeboten und bewertet werden. Zudem wurde das Studiengangs-Modul »Theorie und Geschichte« von zwei auf ein Semester gekürzt – auch Erziehungswissenschaftler erhalten dann nur noch die Hälfte an Credit Points.

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wsws| Uni Frankfurt: NS-Forschung für Lehramtsstudierende unerwünscht

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Von Marianne Arens
17. Juli 2015

Geht es nach der Goethe-Universität in Frankfurt, so sollen sich angehende Lehrerinnen und Lehrer künftig im Studium nicht mehr mit dem Nationalsozialismus befassen. Nicht anders können die jüngsten Angriffe des Fachbereichs 04 Erziehungswissenschaften auf die Forschungsstelle NS-Pädagogik verstanden werden.

Das Dekanat des Fachbereichs hat entschieden, dass die Teilnahme an der Vorlesung über NS-Pädagogik nicht oder kaum mehr als Studienleistung anerkannt wird. Lehramtsstudierende erhalten dafür keine Credit Points mehr, während Pädagogen, die den Master machen, noch halb so viele Punkte wie bisher bekommen. Die Credit Points entsprechen den früheren „Scheinen“, die Studierende für die Anerkennung ihrer Studienleistungen benötigen.

In einer kurzen Stellungnahme des Fachbereichs und der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung (ABL, der die Prüfungsordnung unterliegt) wird die Aberkennung der Credit Points für Lehramtsstudierende nicht bestritten. Auf bürokratische Art und Weise beruft man sich jedoch auf die „gemeinsam von allen Bundesländern gefasste Vereinbarung“ der Kultusministerkonferenz zur Lehrerbildung. Ihr zufolge müssten sich die Themen auf „Unterrichten, Erziehen, Diagnostizieren und Schulentwicklung“ konzentrieren. Die NS-Pädagogik, die den „Spezialthemen“ zugerechnet wird, sei „weder in Frankfurt noch an anderen deutschen oder internationalen Einrichtungen der Lehrerbildung im Pflichtbereich“ zu finden, heißt es in der Stellungnahme.

Die Forschungsstelle NS-Pädagogik wurde vor vier Jahren als Pilotprojekt an der Frankfurter Uni eingerichtet. Bis 2013 erarbeitete sie ein Konzept, das auf zwei Semester angelegt ist und allen Lehramts- und Pädagogik-Studierenden einen Zugang zur NS-Zeit, ihren Verbrechen und ihrer Ideologie verschaffen soll. Seither ist dieser Studiengang dreimal erfolgreich durchgeführt worden.

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Juli 19th, 2015 at 10:32 am

taz| Neuer Vorlesungskatalog der Goethe-Uni: NS-Pädagogik gestrichen

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An der Uni Frankfurt sollen Einführungsseminare zur NS-Pädagogik aus dem Veranstaltungskatalog verschwinden. Dagegen regt sich Kritik.

Eine Schulklasse zur NS-Zeit. Ein Schüler steht vor einer Tafel, auf der ein Davidstern zu sehen ist.

Eine deutsche Schule zur NS-Zeit: Unterricht in Rassismus und Antisemitismus. Foto: imago/United Archives International

Wie wurden Schüler während der Nazidiktatur pädagogisch indoktriniert? Und welche Lehren ziehen LehrerInnen heute daraus – wie halten sie dagegen, wenn Schüler sich untereinander als „Spasti“ oder „Jude“ beschimpfen? Themen, die der Frankfurter Professor Benjamin Ortmeyer in seinen Vorlesungen mit angehenden LehrerInnen und Erziehungswissenschaftlern diskutierte.

„Die Vorlesungen waren immer gut besucht. Er hätte die Veranstaltung auch zwei- oder dreimal anbieten können“, berichtet Daniel Katzenmaier, der Erziehungswissenschaften studiert und Mitglied im Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) ist.

Doch ab Herbst werden in Frankfurt vermutlich nicht mehr, sondern weniger Studierende über NS-Pädagogik debattieren. Der Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität hat im Einvernehmen mit der für Lehrerbildung zuständigen Akademie für Bildungsforschung die Einführungsvorlesung zum kommenden Semester aus dem Curriculum der Lehramtsstudierenden genommen. Und zwar aus pragmatischen Gründen.

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FR| JAN ASSMANN „EXODUS“ – Welthistorisch einmalig

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Von MICHA BRUMLIK

„Mose steigt vom Sinai“ (2. Mose 19, 25): Holzstich nach einer Zeichnung von Gustave Doré (1832–1883).  Foto: © epd-bild / akg-images

Mit seinem Buch „Exodus“ setzt Jan Assmann seine Analyse des revolutionären Monotheismus fort. Micha Brumlik über den „Monotheismus der Treue“ und die Frage, ob er tatsächlich nicht überprüfbar ist.

Der Sinn der Schöpfung ist Freiheit, politische Freiheit. Das jedenfalls beglaubigen fromme Juden jeden Freitag Abend in ihrem häuslichen Gottesdienst, mit dem der Sabbat, die Erinnerung an die Schöpfung, beginnt. Im Segensspruch über den Wein heißt es: „Du hast Gefallen an uns. Du lässt uns teilhaben an deinem heiligen Ruhetag, der daran erinnert, dass du alles geschaffen hast. Er ist der erste Tag der ,Tage heiliger Versammlung‘, eine Erinnerung an den Auszug aus Ägypten.“

Dieser Segen entwickelt ein Gebet weiter, das von Rabbinen der späten Antike verfasst wurde und in dem Schöpfung und Bundesschluss am Sinai in einem Atemzug genannt werden. Freilich, das ist schon Religionskritikern der Aufklärung aufgestoßen, handelt es sich beim Exodus um die Geschichte eines dramatischen Aufbruchs israelitischer Sklaven ebenso wie um die Gabe eines Gesetzes, das Wahrheit und Gehorsam postuliert. In der biblischen Exodusgeschichte kommt das zum Ausdruck, was der Ägyptologe Jan Assmann lange Jahre als „Monotheismus der Wahrheit“ als „mosaische Unterscheidung“ bezeichnet hat: die Übertragung der Unterscheidung von „wahr“ und „falsch“ in die Religion. Ein, wovon Assmann überzeugt ist, welthistorischer Einzelfall!

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Juli 3rd, 2015 at 9:12 am

SZ| Juden in Deutschland verunsichert – Netzwerk gegründet

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Nicht nur durch die Terrorattacken in Paris oder Brüssel fühlen sich Europas Juden verunsichert. Der Antisemitismus sei in der Mitte angekommen, sagen mehrere Organisationen.

Ein Mann mit Kippa sitzt in der Synagoge in Dresden (Symbolfoto).
Ein Mann mit Kippa sitzt in der Synagoge in Dresden (Symbolfoto).

© dpa

Berlin. Ob bei der Diskussion über die Beschneidung von Jungen oder den pro-palästinensischen Demonstrationen mit antisemitischen Ausfällen – Juden in Deutschland fühlen sich zunehmend verunsichert. Im Kampf gegen Antisemitismus würden die Sicht und Empfindungen der 120 000 in der Bundesrepublik lebenden Juden zu wenig wahrgenommen, erklärten mehrere Organisationen am Donnerstag in Berlin.

Das Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum, die Amadeu Antonio Stiftung und das American Jewish Committee wollen sich nun gemeinsam gegen „das Erstarken des Antisemitismus in verschiedenen Formen“ einsetzen und die Ursachen dafür untersuchen, hieß es bei der Gründungskonferenz des Netzwerks zur Erforschung und Bekämpfung des Antisemitismus (NEBA). Nach der jüngsten Kriminalstatistik ist die Zahl der antisemitischen Straftaten in Deutschland im vergangenen Jahr um 25 Prozent gestiegen.

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Juli 3rd, 2015 at 5:54 am

Welt| Forscher beklagen Zunahme „softer“ Holocaust-Leugnung

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Neues Netzwerk gegen Antisemitismus gegründet

Ob bei der Diskussion über die Beschneidung von Jungen oder den propalästinensischen Demonstrationen mit antisemitischen Ausfällen – Juden inDeutschland fühlen sich zunehmend verunsichert. Grund ist eine Zunahme von verstecktem Antisemitismus. Im Kampf dagegen würden die Sicht und Empfindungen der 120.000 in der Bundesrepublik lebenden Juden von Politik und Forschung zu wenig wahrgenommen, erklärten Vertreter aus Wissenschaft, Politik und jüdischen Organisationen in Berlin. Sie forderten, ähnlich dem Wehrbeauftragten des Bundestags, einen Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung, der Bindeglied zur Zivilgesellschaft sein könnte.

Das Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum, die Amadeu Antonio Stiftung und das American Jewish Committee wollen sich nun gemeinsam gegen „das Erstarken des Antisemitismus in verschiedenen Formen“ einsetzen und die Ursachen dafür untersuchen, hieß es bei der Gründungskonferenz des Netzwerks zur Erforschung und Bekämpfung des Antisemitismus (Neba).

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Juli 3rd, 2015 at 5:53 am

Frankfurt| Sexuelle Gewalt in deutschen Protestbewegungen – Diskussion

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Welche Verbindungen zeigen sich zwischen Reformimpulsen aus sozialen Bewegungen und Protagonisten pädosexueller Netzwerke? Wie anfällig sind Ideen der Befreiung für die Missachtung der Integrität von Kindern? Gibt es einen Zusammenhang zwischen politischen Kontexten und sexueller Gewalt sowie dem Verschweigen von Taten? Solche Fragen sollen in der Diskussion „Die Revolution missbraucht ihre Kinder“ kritisch diskutiert werden. In den Blick genommen werden unter anderem die Kritik an repressiven Moral- und Sexualitätsvorstellungen beispielsweise bei der Partei der Grünen, die institutionelle Rahmung in Kinderläden, die Tabuisierung kindlicher Sexualität sowie zeittypische Sexual- und Körperpolitiken.

Der Journalist Christian Füller hat sich in seinem vielbeachteten Buch „Die Revolution missbraucht ihre Kinder“ mit sexueller Gewalt in deutschen Protestbewegungen beschäftigt. Mit ihm diskutieren auf dem Podium Prof. Dr. Micha Brumlik, Goethe-Universität/Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg, der Psychologe Dr. Claus Koch und die Erziehungswissenschaftlerinnen Dr. Julia König und Dipl. Päd. Miriam Mauritz von der Goethe-Universität.

Moderieren wird die Diskussion Prof. Sabine Andresen vom Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung an der Goethe-Universität.

Diskussion: „Die Revolution missbraucht ihre Kinder.“ Dienstag, 30. Juni, 18:15 Uhr. Campus Westend, Casino, Raum 1.802.

 

Quelle:

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Juni 27th, 2015 at 5:12 am

NZZ| Streit um das Alte Testament: Christentum ohne Wurzel?

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An den anstössigen Thesen eines protestantischen Theologen hat sich eine Debatte entzündet: Soll das Alte Testament weiterhin zu den Texten gehören, die für den christlichen Glauben verbindlich sind?

von Jan-Heiner Tück

Jesus, der das Kreuz trägt, ist der alttestamentliche Isaak vorausgegangen, der das für ihn bestimmte Opferholz schultert. So deutet es ein Erbauungsbuch um 1360.
Jesus, der das Kreuz trägt, ist der alttestamentliche Isaak vorausgegangen, der das für ihn bestimmte Opferholz schultert. So deutet es ein Erbauungsbuch um 1360. (Bild: AKG)

In der Theologen-Zunft ist ein heftiger Streit entbrannt. Schauplatz ist die Evangelisch-Theologische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Der dort lehrende systematische Theologe Notger Slenczka hat im «Marburger Jahrbuch für Theologie» bereits 2013 einen Aufsatz mit dem Titel «Die Kirche und das Alte Testament» veröffentlicht, in dem er die provokante Empfehlung aussprach, das Alte Testament aus dem Kanon der Heiligen Schriften herauszunehmen und auf das Niveau sogenannter apokrypher Schriften herabzustufen. Dieses Votum, das angesichts der Wertschätzung des «Ersten Testaments» (Erich Zenger) in einer durch die Shoah sensibilisierten Theologie befremdet, ist zunächst weithin unbeachtet geblieben. Erst als der Präsident des Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Friedhelm Pieper, eine empörte Stellungnahme lancierte und Slenczka unverblümt Antijudaismus vorwarf, kam eine Debatte ins Rollen, an der sich namhafte Religionsdeuter wie Jan Assmann , Micha Brumlik und Friedrich Wilhelm Graf beteiligten. Aus der Berliner Fakultät meldeten sich fünf Kollegen mit einer distanzierenden Stellungnahme, darunter Christoph Markschies, ehemaliger Präsident der Humboldt-Universität und einer der bekanntesten Theologen im deutschen Sprachraum. Er hat die Thesen in die Nähe einer «Nazi-Theologie» gerückt und eine Podiumsdiskussion mit Slenczka mit dem Hinweis abgelehnt, über die Zugehörigkeit des Alten Testaments zum Kanon müsse man heute ebenso wenig mehr streiten wie über die Frage, ob die Erde eine Scheibe sei.

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Juni 21st, 2015 at 8:15 am

tagesspiegel| Antisemitismus im Klassenzimmer Versteckt euch nicht!

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Von Lisa Scheremet

Was tun gegen Antisemitismus? Auf den Brandbrief einer jüdischen Lehrerin reagiert eine Kollegin. Auch ihr verschlägt der Hass im Klassenzimmer oft die Sprache. Doch sie setzt auf Dialog – auch wenn er nicht leicht ist. Ihre Antwort

Klare Ansage. Auf einer Kundgebung demonstriert ein Teilnehmer für mehr Offenheit im Umgang mit dem Jüdischsein - an manchen Berliner Schulen aber ist das nicht so einfach.
Klare Ansage. Auf einer Kundgebung demonstriert ein Teilnehmer für mehr Offenheit im Umgang mit dem Jüdischsein – an manchen Berliner Schulen aber ist das nicht so einfach. – FOTO: FLORIAN SCHUH/DPA

Manchmal ist es schwer, den Hass zu ertragen. „Die Juden sind irgendwie komisch. Wenn ich einen Juden sehe, töte ich ihn!“ Ich kenne die Sprüche, über die vergangene Woche meine Kollegin Hannah Kushnir klagte. Genau wie sie bin ich Jüdin und Lehrerin. Und genau wie sie bin ich in meinen Klassen mit einer zunehmenden Gewaltbereitschaft gegenüber Juden konfrontiert, die mir die Sprache verschlägt und mich an der Menschheit zweifeln und verzweifeln lässt.

Im Unterschied zu Hannah Kushnir habe ich es jedoch nie als „fatalen Fehler“ betrachtet, mich in der Schule als Jüdin zu outen. Mein Judentum gehört zu mir wie mein Name oder mein Beruf. Der Davidsstern an meiner Halskette sticht nicht ins Auge, wahrscheinlich erkennt ihn auch nicht jeder als Zeichen meiner Religion. Versteckenwürde ich ihn nicht. Ich verstecke mich grundsätzlich nicht. Dialog und Austausch sind die einzige Chance, die wir haben – als Juden, als Demokraten, als Menschen.

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Juni 13th, 2015 at 8:23 am

StN| Messianisches Judentum: Ein Streitgespräch ohne Ergebnisse

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Markus Brauer, 05.06.2015 
Dass die messianischen Juden vom Kirchentagspräsidium nicht zum Markt der Möglichkeiten eingeladen worden sind, hat Pietisten verärgert. Beim Podiumsgespräch „Was heißt Messianisches Judentum?“ in der Liederhalle gibt es viele Antworten auf noch mehr Fragen – aber kein Ergebnis.
Stuttgart – „Was heißt Messianisches Judentum?“ Ein kontroverses Thema, das an diesem Freitag von 15- 18 Uhr für ein bis auf den letzten Platz gefüllten Mozartsaal in der Liederhalle sorgt. Für Richard Harvey, Theologe von der Messianischen Gemeinde Beit Nitzachon in London, ist der Glaube an Jesus, den Messias und der jüdische Glaube kein Widerspruch. Jesus sei Jude gewesen. Für Juden ist er nicht der Gesandte Gottes. Juden würden den Messias, der ihnen im Alten Testament von den Propheten verheißen wurde, noch erwarten. Für messianische Juden dagegen sei er schon in die Welt gekommen. Dies verbinde sie mit dem Glauben der Christen. Messianische Juden würden das Gemeinsame aus Judentum und Christentum verbinden, sagt der Theologe aus Großbritannien.

Das Thema ist umstritten auf dem Kirchentag. Vor allem aufgrund der Absage des Kirchentagspräsidiums an die Messianischen Juden, einen eigenen Stand auf dem Markt der Möglichkeiten zu haben.

„Es gibt kein anderes Judentum als das rabbinische Judentum“, sagt dagegen der jüdische Theologen Micha Brumlik vom Zentrum Jüdische Studien der Jüdischen Gemeinde in Berlin.

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NZ| Deutsch-Israelische Beziehungen: Es ist kompliziert

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Im Jahr 2008 hält Bundeskanzlerin Merkel eine Rede vor dem israelischen Parlament, wobei sie die historische Verantwortung Deutschlands als Staatsräson ihres Landes bezeichnet.
Im Jahr 2008 hält Bundeskanzlerin Merkel eine Rede vor dem israelischen Parlament, wobei sie die historische Verantwortung Deutschlands als Staatsräson ihres Landes bezeichnet. (Bild: Keystone / Peer Grimm)
Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sind seit dem Zweiten Weltkrieg durch die deutsche Schuld geprägt. Der Wandel der deutschen Gesellschaft könnte das Verhältnis nachhaltig verändern.

Es ist der 11. August 1965, als Rolf Friedemann Pauls als erster deutscher Botschafter seinen Fuss auf israelischen Boden setzt. Wenige Monate zuvor, am 12. Mai 1965, hatten sich Israel und Deutschland auf die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen geeinigt – 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Pauls will nach vorne blicken: «Wir beginnen unsere Arbeit in Israel mit großer Zuversicht», sagt er. In Israel sieht man das anders: Die Israeli empfangen den ehemaligen Wehrmachtsoffizier, der einen Arm an der Ostfront verlor, mit heftigen Demonstrationen, an denen Steine und Flaschen fliegen. Auf ihren Transparenten fordern sie «Pauls raus!» oder «Wir wollen ein Israel frei von Deutschen!». Pauls erinnert sich später in einem Brief: «Ohne das Eingreifen berittener Polizei hätte meine Abfahrt in einem Chaos geendet.» Wenige Tage später wird auch Asher Ben Nathan in Bonn begrüsst, «ohne Euphorie», wie er später sagen wird. Israels erster Botschafter in Deutschland spricht mit österreichischem Akzent: Er wurde in Wien geboren und floh 1938 vor den Nazis nach Palästina. Auch Ben Nathan tritt sein Amt positiv gestimmt an. Eine bessere Zukunft, Friede und Wohlstand zwischen den beiden Völkern sind ihm ein Anliegen. Und noch etwas ist ihm sehr wichtig: Er sagt, dass er die Worte «vergessen» und «verzeihen» nie in den Mund nehmen werde.

Die DDR als Stein im Weg

50 Jahre später sind die deutsch-israelischen Beziehungen an einem Punkt, an dem sie damals wohl niemand vermutet hätte. Am 12. Mai werden Politiker in Berlin und Jerusalem mit einem Festakt das Jubiläum feiern. Sie werden von Verantwortung und moralischer Verpflichtung sprechen und darüber, wie gut die Verbindungen zwischen den beiden Ländern heute sind. In vielerlei Hinsicht ist das tatsächlich so: Die Zahl der israelischen Touristen in Berlin hat sich in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht. Rund 100 000 Israeli besitzen heute einen deutschen Pass. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist eine der beliebtesten ausländischen Politikerinnen in Israel. Umgekehrt ist bei jungen Deutschen kaum ein Land als Reiseziel so beliebt wie Israel, deutsche Billigairlines fliegen mehrmals täglich nach Tel Aviv. Zwei Drittel der jungen Freiwilligen in Israel, die sich um Holocaustüberlebende oder Friedensinitiativen bemühen, sind Deutsche.

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Deutschlandradio Kultur| Vergeben als psychologische Geste – Micha Brumlik im Gespräch

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LÜNEBURGER AUSCHWITZ-PROZESS: Vergeben als psychologische Geste

Micha Brumlik im Gespräch mit Anke Schaefer und Christopher Ricke

Die Auschwitz-Überlebende Eva Kor sitzt am 21.04.2015 im Gerichtssaal in Lüneburg (Niedersachsen) (pa/dpa/Stratenschulte)
Die Auschwitz-Überlebende Eva Kor hat dem Angeklagten und früheren SS-Mann Otto Gröning vergeben (pa/dpa/Stratenschulte)

Darf es nach Auschwitz überhaupt ein Verzeihen geben? Darüber wird nach der öffentlichen Geste der Überlebenden Eva Kor im Prozess gegen den SS-Mann Otto Gröning diskutiert. Der Publizist Micha Brumlik warnt davor, von außen Urteile über die Handlungen der Opfer abzugeben.

Die öffentliche Vergebung der Auschwitz-Überlebenden Eva Kor im Prozess gegen den früheren SS-Mann Otto Gröning hat eine heftige Diskussion ausgelöst. Kor hatte ihm am zweiten Verhandlungstag dafür gedankt, dass er seine moralische Mitschuld eingestanden und den Holocaust nicht geleugnet habe.

Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler, Publizist und langjähriger Leiter des Fritz Bauer Instituts, bewertet die Geste Eva Kors vor allem als psychologische Handlung:

„Wenn es dieser alten Dame das Leben und Weiterleben erleichtert, zu vergeben, dann gibt es dagegen überhaupt nichts einzuwenden.“

Es bestünden allerdings Zweifel daran, ob der Täter tatsächlich aufrichtig bereut und sein Verbrechen eingesehen habe, so Brumlik:

„Wenn man sich die Begriffswahl ansieht, mit der er darüber gesprochen hat, wie die sterblichen Überreste der Ermordeten verbrannt wurden – wenn er davon geredet hat, dass diese ‚entsorgt‘ wurden – dann lässt das nicht auf besonderes Feingefühl schließen.“

Gröning hatte „gute Gründe“ für sein Schuldeingeständnis

Ein „etwas ausführlicheres Bekenntnis“ des Angeklagten wäre seiner Auffassung nach sinnvoll gewesen, meinte Brumlik. Man dürfe nicht vergessen, dass Gröning gute Gründe gehabt habe, im Prozess auf diese Weise aufzutreten:

„Immerhin drohen ihm ja in seinem hohen Alter noch drei Jahre Gefängnis. Und in diesem Fall ist jeder gut beraten, wenn er vor Gericht seine Schuld eingesteht. Über die Authentizität dessen können wir nicht urteilen.“

Das Leid der Nebenkläger

Für die Nebenkläger sei es wichtig, dass das ihnen widerfahrene Leid in diesem Prozess auch offiziell als „moralisch verurteilungswürdig und abscheulich“ festgehalten werden,  sagte Brumlik:

„Menschen reagieren auf erlittenes Unrecht unterschiedlich. Die einen wollen Gerechtigkeit, die anderen wollen sich von der Last des erlittenen Unrechts befreien. Ich glaube nicht, dass es gleichsam von außen möglich ist, hier Urteile abzugeben. Jedenfalls nicht über die Opfer.“

 

Quelle: Deutschlandradio Kultur

Written by lbucklitsch

April 28th, 2015 at 7:45 pm